Hawking räumt den Lucasischen Stuhl, Theoretiker-Thron geht an Green

Der Lucasische Lehrstuhl für Mathematik ist wohl der berühmteste Lehrstuhl der Welt. Dieses Amt an der Universität Cambridge in Groß-Britannien hatte schon Sir Isaac Newton (1643 – 1727) inne, der die Gravitation auf ein solides, mathematisches Fundament stellte: die Newton’sche Gravitationstheorie.

Hawking1932 nahm der britische Quantenphysiker und Nobelpreisträger Paul Dirac (1902- 1984) auf dem Lehrstuhl Platz. Und 1979 folgte der wohl berühmteste, lebende Physiker dem Ruf auf den Lucasischen Lehrstuhl: Stephen William Hawking. Hawking ist eine lebende Legende und ein medizinisches Wunder. 1942 in Oxford geboren, promovierte er 1966 über Astrophysik und Kosmologie an der Universität Cambridge. Hawking leistete bedeutende Forschungsbeiträge auf dem Gebiet der Schwarzen Löcher (Singularitätentheoreme zusammen mit Roger Penrose, Hawking-Strahlung, Thermodynamik Schwarzer Löcher) und der Kosmologie (Quantenkosmologie, no boundary proposal).

Während seiner Promotion im Jahr 1963 wurde bei Hawking die Muskelschwächekrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) festgestellt. Sie führte dazu, dass er seit 1968 auf einen Rollstuhl angewiesen ist. 1985 gab es eine weitere dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustands, weil ein Luftröhrenschnitt ihm die Fähigkeit zu sprechen nahm. Seither übernimmt ein Sprachcomputer, den Hawking mit seiner Wange ansteuert, die recht mühsame und langwierige Kommunikation. Hawking hat nun mit 67 Jahren die Altersgrenze für den Lehrstuhl erreicht und dankte deshalb ab.

Hawking ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch seinen Bestseller "A Brief History of Time", der 1988 erschien und Auflagen in Millionenhöhe erreichte. Auch die deutsche Fassung "Eine kurze Geschichte der Zeit" (Rowohlt Verlag 1991) war ein Knüller. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen.

Michael GreenJetzt bestieg also Michael Boris Green als 18. Lehrstuhlinhaber den Theoretiker-Thron. Doch wer ist dieser Michael Green? Zunächst sollte man ihn nicht mit dem Stringtheoretiker und erfolgreichen Wissenschaftskommunikator Brian Greene verwechseln. Michael Green ist ebenfalls Stringtheoretiker, und zwar ein äußerst erfolgreicher. In den 1980er Jahren begründete er zusammen mit John Schwarz (CalTech) die Stringtheorien und führte 1984 mit dem Green-Schwarz anomaly cancellation mechanism die "Erste Superstring Revolution" herbei.

Zwei Sachen erstaunten mich an der Neuberufung: Erstens ist Green mit 63 Jahren alles andere als grün hinter den Ohren und nur vier Jahre jünger als Hawking, d.h. in vier Jahren wird auch Green den Stuhl räumen müssen  – Warum haben die Uni-Väter keinen "jungen Wilden" mit herausragendem Portfolio berufen? Weil kein junger, britischer ausgewiesener  Theoretiker in Sicht ist?
Zweitens war Green eine "Hausberufung", denn er war zuvor schon an der gleichen Fakultät. Normalerweise verwehren sich Unis gegen solche Hausberufungen und bringen lieber "frisches Blut" von außen. Das klingt also alles fast ein bisschen nach einer Notlösung oder einem Kompromiss.

Und wie geht’s weiter mit Hawking? Er wird weiter forschen, sowohl an der Universität Cambridge als Director of Research am Department of Applied Mathematics and Theoretical Physics (DAMTP), als auch am renommierten Perimeter Institute in Kanada. Im Frühjahr 2009 machte Hawking noch Schlagzeilen, weil sich sein Gesundheitszustand gravierend verschlechterte. Aber offenbar müssen wir uns noch keine Sorgen machen.

(Bildquellen: NASA und University of Cambridge, UK)

Andreas Müller

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Die Astronomie ist faszinierend und schön – und wichtig. Diese interdisziplinäre Naturwissenschaft finde ich so spannend, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht habe. Ich bin promovierter Astrophysiker und befasse mich in meiner Forschungsarbeit vor allem mit Schwarzen Löchern und Allgemeiner Relativitätstheorie. Aktuell bin ich der Scientific Manager im Exzellenzcluster Universe der Technischen Universität München. In dieser Tätigkeit im Forschungsmanagement koordiniere ich die interdisziplinäre, physikalische Forschung in einem Institut mit dem Ziel, Ursprung und Entwicklung des Universums als Ganzes zu verstehen. Besonders wichtig war mir schon immer eine Vermittlung der astronomischen Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Es macht einfach Spaß, die Faszination am Sternenhimmel und an den vielen erstaunlichen Dinge, die da oben geschehen, zu teilen. Daher schreibe ich Artikel (print, online) und Bücher, halte öffentliche Vorträge, besuche Schulen und veranstalte Lehrerfortbildungen zur Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie. Ich schätze es sehr, in meinem Blog "Einsteins Kosmos" in den KosmoLogs auf aktuelle Ereignisse reagieren oder auch einfach meine Meinung abgeben zu können. Andreas Müller

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hawking

    Mich hat immer wieder fasziniert, wie viele Menschen sich durch die Persönlichkeit Hawkings von Physik haben begeistern lassen. Nach zwei Büchern von Rüdiger Vaas über die Person und vor allem die Forschungen von Hawkings und Kollegen konnte ich dann die Faszination des Faches nachvollziehen und habe mich geärgert, es in der Schule unterschätzt zu haben. Damit uns etwas wirklich erfasst, brauchen wir den Faktor Mensch – so sind wir nun einmal evolviert…

  2. @Michael

    Lieber Michael,

    besten Dank für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir völlig recht: Der Begeisterungsfunken für ein Thema muss über den Menschen kommen.

    Du berichtest von der Unterschätzung der Physik in der Schule. Wir wollen es besser machen – und zwar mit Begeisterung. Nächste Woche ist im Rahmen des Astronomiejahrs die Woche der Schulastronomie. Weltweit kommt das Thema Astronomie in die Schulen – nicht bei allen, aber bei denen die mitmachen wollen. Lehrer bringen das Thema in ihren Unterricht ein. Wir entsenden dazu in München und Umgebung kommunikative Wissenschaftler/-innen an Schulen, damit der Begeisterungsfunken für die Astronomie und Naturwissenschaften überspringt. Es werden Vorträge in Schulen stattfinden, komplette Unterrichtsstunden übernommen, es werden Himmelsbeobachtungen durchgeführt, Experimente demonstriert, Spektrometer und Mini-Sonnensysteme gebastelt uvm.

    Das wird bestimmt eine feine Sache!

    Beste Grüße,
    Andreas

  3. Es ist unendlich schade, dass – nicht nach, sondern mit Albert Einstein – das wohl größte Genie weltweit und aller Zeiten dieses Genres den Lucasischen Lehrstuhl verlässt !

    Der Hawing-Fan
    Rolf Sürich

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