Fakten, Fakten, Fakten und an Moynihan denken

Vor ca. drei Monaten las ich in dem Magazin Philosophy Now den Aufsatz „Facts & Opinions“ von Christoffer Lammer-Heindel [1]. Lammer-Heindel weist darin auf den weitverbreiteten Irrtum hin, dass Fakten und Meinungen Gegensätze sind, und erklärt warum, dass nicht der Fall ist.

Ich vergaß diesen Aufsatz wieder, bis der britische Wörterbuchverlag Oxford Dictionaries letzten Mittwoch auf seiner Website das englische internationale Wort des Jahres bekannt gab. Es handelt sich um den Begriff „post-truth“, auf Deutsch übersetzt mit „postfaktisch. Um etwas über die Hintergründe dieses Begriffs zu erfahren las ich einen Blogartikel von Sascha Lobo über die Post-Truth- Politics im US-Wahlkampf 2012.  In diesem Artikel stieß ich auf folgendes Zitat von Daniel Patrick Moynihan:

„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten“

Wenn ich die Erläuterungen von Lammer-Heindel in seinem Aufsatz richtig verstanden habe,  hat Moynihan damit meistens recht aber nicht immer. Es gibt Fälle da müssen wir genauer hinschauen.

Warum?

Fakten und Meinungen sind keine Gegensätze. Wer so denkt, macht nach Lammer-Heindel einen Kategorienfehler. Fakten stehen im Gegensatz zu Nicht-Fakten. Meinungen stehen im Gegensatz zu begründeten Urteilen.

Fakten

Ein Fakt ist ein Zustand, in dem etwas ist z. B. Das Auto ist blau. (Im Folgenden kursiv gedruckt, wenn ich mich auf den Fakt beziehe und nicht die Aussage darüber.)

1. Möglichkeit

Ich kann über diesen Zustand eine Aussage machen, die entweder wahr oder falsch ist (und sich in unserem Beispiel leicht überprüfen lässt).

Aussage: Das Auto ist rot.
Fakt: Das Auto ist blau.

2. Möglichkeit

Ich kann keine Aussage über diesen Zustand machen. Ich kann z. B. keine Aussage über die Farbe des Autos machen, weil ich blind bin.

Fakt: Das Auto ist blau.

Ein Fakt, über den ich nichts weiß, aber etwas wissen kann.

Eine Gravitationswelle ist ein Fakt, von dem wir vorher nicht wussten, aber jetzt etwas wissen.

Es gibt Fakten über, die wir nie etwas wissen werden. Es sind Zustände der Welt bzw. des Universums, jenseits unseres Erkenntnisvermögens.

Manchmal bin ich in der Lage ein Fakt zu schaffen also einen Zustand herbeizuführen. In unserem Beispiel könnte ich z. B. das Auto rot lackieren. Fakten können an Menschen gebunden sein müssen aber nicht. Das heißt Fakten können abhängig von Menschen sein müssen aber nicht.

Meinungen

Meinungen sind Konstrukte unseres Geistes, sie sind das, was Menschen über – Zustände von etwas – glauben, wobei sie größtenteils ihrem Bauchgefühl folgen. In diesem Sinne müssen Meinungen an Menschen gebunden sein. Nehmen wir an unser Auto, steht in einer dunklen Garage. Ich kann nichts sehen und ich habe das Auto vorher noch nie gesehen.

Ich meine: Das Auto ist blau. Diese Meinung kann wahr oder falsch sein und ich kann sie sprachlich äußern in Form einer Aussage.

Ich kann die Meinung haben „Das Auto ist blau“ und  „Das Auto ist blau“ kann gleichzeitig ein Fakt sein. Meinung und Fakt schließen sich also nicht zwangsläufig aus.

Zurück zum Zitat von Daniel Patrick Moynihan.

Da ich manchmal Fakten schaffen kann, könnte es sein das ich in dieser Situation auch das Recht dazu habe.

Ein Beispiel (es gibt bestimmt viel viel viel bessere):

Meine Wohnungstür ist offen. Mein besoffener aggressiver Nachbar brüllt im Treppenhaus herum und randaliert. Ich schließe meine Wohnungstür ab (schaffe einen Fakt), damit er nicht meine Wohnung betritt. Ich will mich schützen schließlich habe ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Weiterführende Literatur

1. Christoffer Lammer-Heindel (2016) Facts & Opinions, Philosophy Now, Issue 115, 23-25.

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

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  1. Ein Fakt ist ein Zustand, in dem etwas ist z. B. Das Auto ist blau.

    Eine Gravitationswelle ist ein Fakt, von dem wir vorher nicht wussten, aber jetzt etwas wissen.

    In diesem Sinne müssen Meinungen an Menschen gebunden sein.

    Zum Dritt-Zitierten, aus konstruktivistischer und skeptizistischer Sicht, gerne Zustimmung.
    Die Erkenntnis, es geht ja um das Erkennen zur Erkenntnis befugter Subjekte, meint als „Scientia“ letztlich Systeme, die Erkennende und (gebildete oder erkannte) Sachen und Verhältnisse zwischen diesen Sachen, sogenannte Sachverhalte, in einen Zusammenhang bringen, der stets zu persistieren, zu notieren ist, damit eben von Erkenntnissubjekten idF derart hantiert werden kann.

    Diese Feststellung darf auch Meinung genannt werden, es liegt kein letztliches Wissen vor und auch keine letztliche Vorstellung von dem, was ist.
    Vgl. mit:
    ‚Ein Fakt ist ein Zustand‘ + ‚Eine Gravitationswelle ist ein Fakt, von dem wir vorher nicht wussten, aber jetzt etwas wissen.‘


    Fakten werden, wie auch bereits etymologisch herleitbar gemacht, und auch d-sprachige Tatsachen meinen nichts anderes.

    Es liegt also, wie im dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel bereits angeregt, Meinung vor, es gibt wissenschaftliche Meinung.

    Diese Meinung wird am besten in „n:m“-Beziehungen zwischen erkennendem Subjekt und Sache / Sachverhalt verwaltet, es gibt genau für diese Zwecke auch Datenhaltungssysteme, in der Regel sog. RDBMSe.

    Es gibt nichts, das von erkennenden Subjekten (mit letztlicher Sicherheit) verstanden werden kann, vorab sozusagen als Faktum (nunja, dies geht ja bereits etymologisch nicht).

    Meinung ist Fakt (sofern angemessen, der scientifizischen Methode folgend gemessen werden konnte – dies ist schon ein wichtiger Punkt, vielleicht wollen Sie darauf hinaus, Joe).

    MFG
    Dr. W

  2. Oder um noch ein wenig auszuholen, das Erkenntnissubjekt sucht, u.a. auch seinen Bestandserhalt meinend, die Sicht auf Gemessenes, auf Fakten oder Tatsachen.
    Diese Sichtenbildung („Theoretisierung“) erlaubt es diesem, naturwissenschaftlich, nichts anderes ist und war weiter oben gemeint, zu erklären, zu beschreiben und sich in der Prädiktion / Ratelehre („Stochastik“) zu versuchen, wobei in der Physiklehre oft Prädiktion und Theorie zu verschmelzen scheinen, was aber ein ‚Kategorienfehler‘ wäre. [1] [2]
    In denjenigen Wissenschaften, in denen keine besonders hohe Signifikanz erzeugt werden kann, bspw. in den Sozialwissenschaften wird dies direkt klar, nicht unbedingt in der Biologie und Physiklehre. [3]

    [1]
    Theorien beschreiben, erklären und erlauben die Prädiktion, wobei bereits eine Merkmalsausprägung genügt, um von einer Theorie sprechen oder schreiben zu können.
    Ein Faktum wäre in diesem Sinne eine Theorie die nur beschreibt, bspw. „Es gibt den Mond!“, eine Erklärung wäre bspw. im Gravitationsgesetz zu finden und die Prädiktion bestände darin, dass sich der Mond weiterhin, wie gewohnt, um die Erde „drehen“ wird.
    Als Faktum genügt aber auch: „Es gibt den Mond!“
    Jeweils darf Meinung angenommen werden, derartige Sichtenbildung meinend.

    [2]
    Wichtich natürlich die Empirie, ohne empirischer (persistierte) Erfassung geht huer gar nichts.

    [3]
    Die Statistische Signifikanz ist mau, in der Naturlehre wird insofern oft mit großen Datenmengen, six oder seven Sigma gearbeitet.
    Auch in Wirtschaftsunternehmen bspw. wird diese sogenannte statistische Signifikanz eher weggehüstelt – sofern sich überhaupt ein Wirtschaftsmathematiker derart hevorwagen würde.

    • *
      ohne empirischer (persistierte[r]) Erfassung geht hier gar nichts

      (War jetzt ein wenig x-fach gemoppelt, bspw. erfolgt Erfassung immer empirisch, insbes. persistierend, was abär nicht weiter stören soll – nichts spräche generell gegen eine Korrekturfunktion auch für Kommentatoren.)

  3. Joe, Du schreibst:

    » Wenn ich die Erläuterungen von Lammer-Heindel in seinem Aufsatz richtig verstanden habe, hat Moynihan damit [„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten“] meistens recht aber nicht immer.«

    Mir sind die Ausnahmen, also wo Moynihan nicht Recht haben könnte, nicht recht klar geworden.

    Dass ein jeder laufend neue Fakten schafft, ist offensichtlich. Aber diese neuen Fakten sind nicht „eigene“ Fakten im Sinne Moynihans. Fakten sind Fakten, egal, wer sie zu welchem Zweck geschaffen haben mag.

    Wenn die Wohnungstür zu ist, dann ist sie für alle zu (das ist Fakt), niemand kommt raus oder rein, ohne sie vorher zu öffnen (oder einzutreten).

    (Ich hoffe, Dein Nachbar liest hier nicht mit…)

    • Balanus,

      Du hast recht mit dem was Du über „eigene“ Fakten schreibst. Worauf ich hinaus will ist folgendes: Es gibt einen Urheber des Fakts, der darin einen Zweck sieht – andere vielleicht nicht. Ich denke, das es für den Zweck eine Legitimation gibt. Der Urheber des Fakts hat eine Verantwortung für den Fakt. Dir ist es in der Situation vielleicht egal ob meine Wohnungstür zu ist (weil Du den schwarzen Gürtel in Karate hast) aber nicht mir, weil es unmittelbare Auswirkungen auf mich hat. In dem Sinne sind die Fakten nicht jedem egal.

      In einem anderen Beispiel könnte ein Richter z. B. fragen: War es ein Unfall? War es fahrlässige Tötung? War es Mord? Er wird nicht sagen Fakt ist: Der Mann ist tot und damit ist die Geschichte erledigt. (Vielleicht wäre so ein Handeln postfaktisch – ich weiß es aber nicht)

      • Joe, wenn ich Dich recht verstehe läuft es darauf hinaus, dass auch Meinungen (Motive, Gedanken, Absichten) letztlich Fakten sind, wenn auch solche, die dem externen Beobachter nicht unmittelbar zugänglich sind und insofern obskur bleiben müssen. In Deinem Beitrag hast Du es so formuliert:

        »Es gibt Fakten, über die wir nie etwas wissen werden. Es sind Zustände der Welt bzw. des Universums, jenseits unseres Erkenntnisvermögens.«

        Die eigenen mentalen Zustände wären somit so etwas wie „eigene Fakten“, die von anderen nicht gesehen werden können. Aber auf diese Art von Fakten hat man aber kein Recht, sie sind einfach vorhanden.

        Beispiel: Ein Mensch rettet einen anderen Menschen vor dem Ertrinken. Die Handlung der Lebensrettung ist ein Fakt, der für alle offensichtlich und gleich ist. Aber die wahren (faktischen) Motive dieser Handlung bleiben verborgen.

        So in etwa?

  4. @ Joe Dramiga

    „Meinungen stehen im Gegensatz zu begründeten Urteilen.“

    Meinungen stehen im Gegensatz zu gut (!) begründeten Urteilen, wenn überhaupt. (Zumindest würde ich „opinions really stand in opposition to considered judgments“ so übersetzen.) Sie sind vielleicht manchmal schlecht begründete Urteile, keinesfalls aber komplett unbegründet. Deswegen ist das Beispiel schlecht, „Ich kann nichts sehen und ich habe das Auto vorher noch nie gesehen.“, mit „Ich meine: Das Auto ist blau.“ Das ist keine Meinung, das ist noch weniger als Glaube, das ist reine Spekulation, bzw. einfach nur geraten.

    Meinungen können oft auch gut begründet sein, das ist zumindest meine Meinung.

    Vergleiche auch,

    „‘opinions’ and ‘considered judgments’ are types of beliefs, and those labels are most usefully used to distinguish sufficiently well-supported from insufficiently well-supported beliefs.“ (Lammer-Heindel) mit:

    „Modi des Fürwahrhaltens: Meinen, Glauben, Wissen

    Es gibt hiernach drei Arten oder Modi des Fürwahrhaltens: Meinen, Glauben und Wissen. — Das Meinen ist ein problematisches, das Glauben ein assertorisches und das Wissen ein apodiktisches Urteilen.“ (Kant)

    „In diesem Sinne müssen Meinungen an Menschen gebunden sein.“

    Klar, so wie das Glauben und das Wissen auch an Menschen gebunden ist.

    Ich glaube, dass das Fakt ist.
    Ich meine, dass das Fakt ist.
    Ich weiß, dass das Fakt ist.

    Der Modus des Meinens kann weiter ausdifferenziert werden,
    Ich halte das für einen Fakt.
    Ich bin überzeugt, dass das Fakt ist.
    Ich (be)urteile, dass das Fakt ist.

    … oder so ähnlich.

    „Da ich manchmal Fakten schaffen kann, könnte es sein[, dass] ich in dieser Situation auch das Recht dazu habe.“

    Du verwirrst mich, ich erkenne keinen Zusammenhang. Soll das eine Überleitung zum Thema moralischer Realismus sein?

    (Ich hoffe, Dein Nachbar liest hier mit … und lässt das Randalieren sein)

    • @Joker Meinungen sind nach Lammer-Heindel „insufficiently well-supported beliefs“
      Wie würdest Du „beliefs“ ins Deutsche übersetzen?

      Das „meinen“ ist der schwächste Modus des Fürwahrhaltens nach Kant. Für Dich ist im Gegensatz zu Kant das „glauben“ der schwächste Modus des Fürwahrhaltens. Über den moralischen Realismus weiß ich nichts. Moynihan spricht von Recht, das habe ich aufgegriffen.

      • @ Joe Dramiga

        „Das „meinen“ ist der schwächste Modus des Fürwahrhaltens nach Kant.“

        Ja, des Führwahrhaltens, in diesem Modus sind aber nicht die auf den wackligsten Füßen stehenden Überzeugungen zu finden, die am schwächsten Begründeten.

        Der Glaube kommt ganz ohne empirische Erkenntnis zu subjektiven Gewissheiten:
        „Das übrige hierbei ist ein freies Fürwahrhalten, […] Sachen des Glaubens sind also […] keine Gegenstände des empirischen Erkenntnisses.“

        Und auch bei Kant ist das Meinen nicht vollkommen unbegründet:
        „Denn es ist an sich ungereimt, a priori zu meinen.“

      • „Meinungen sind nach Lammer-Heindel „insufficiently well-supported beliefs“
        Wie würdest Du „beliefs“ ins Deutsche übersetzen?“

        Als Überzeugungen, die nicht ausreichend belegt sind, um den Status des Wissens erreichen zu können.

    • @ Joker :

      Es gibt hiernach drei Arten oder Modi des Fürwahrhaltens: Meinen, Glauben und Wissen.

      Etymologisch müsste das Selbe gemeint sein, vgl. mit :
      -> http://www.etymonline.com/index.php?term=mean (hier steckt auch das ‚mein‘, das ‚Ich‘ drinnen)
      -> http://www.etymonline.com/index.php?term=belief („Ich beliebe zu …“)
      -> http://www.etymonline.com/index.php?term=know
      -> http://www.etymonline.com/index.php?term=opinion

      Manchmal germanisch grundiert, manchmal griechisch („Gnosis“), manchmal lateinisch.

      Wie nun im übertragenden Sinne genau zeitgenössisch unterschieden werden soll, bleibt eine spannende Frage.

      Im skeptizistisch-konstruktivistischen Sinne muss hier nicht sonderlich unterschieden werden, außer wenn direkt die szientifische Methode gemeint ist, diese ist etwas Besonderes, denn nur sie erlaubt vglw. zuverlässige sehr zuverlässige Anwendungen.

      Die der szientifischen Methode folgende Erkenntnis (finden einige begrifflich besser als ‚meinen‘, ‚belief‘, ‚know‘ & ‚opinion‘) ist das, um was es in WebLog-Einheiten wie hier, aber auch den gesamten (Natur-)Wissenschaftsbetrieb meinend, geht.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • Aber wie erkennt man die Fakten? Gerade diejenigen , die lautstark herausposaunen , sie zu kennen , machen mich mißtrauisch.
        Wenn ich schon diesen Ausdruck „postfaktisch“ höre , da steckt die Anmaßung schon wieder von vorneherein mit drin.
        Besser kleinere Brötchen backen und davon ausgehen , daß die Fakten , an die man glaubt , vielleicht doch nicht so faktisch sind.

  5. @Dr. Webbaer, Balanus

    Ihr schreibt beide, dass ich im Grunde sage: Meinungen sind Fakten. (So wie Säugetiere Wirbeltiere sind). Diesem Argument folgend führt Moynihans Zitat dann zu folgendem Widerspruch:

    „Jeder hat das Recht auf einen eigenen Fakt, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten“

    Diese Lesart war aber nicht meine Absicht, Dieses Argument sollte nicht der Ausgangspunkt meiner Kritik an Moynihans Zitat sein.

    Wenn ich Lammer-Heindel richtig verstanden habe korrespondieren Fakten immer mit wahren Meinungen, Meinungen sind aber nicht immer wahr. Deshalb wäre das dann kein valides Argument.

    Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, zitiere ich mal aus seinem Aufsatz was Lammer-Heindel zu Fakten und Meinungen schreibt.

    Facts

    „When someone says, „It is a fact that… or „It is true that…“ That is, facts are not the statements themselves they are, rather, the state of affairs or the reality to which a true statement corresponds.“

    Opinions

    „Clearly, the term „opinion“ denotes a kind of belief. In common usage, an opinion is a belief which has not been sufficiently well-supported or substantiated to count as a considered judgment. Indeed, beliefs can be usefully classified as either opinions (beliefs which do not enjoy sufficient support or justification) or considered judgments (beliefs which do enjoy sufficient support or justification).“

    • Sehr nett für Ihre Reaktion, Joe, kein Widerspruch und Zustimmung.

      Dies hier – ‚Jeder hat das Recht auf einen eigenen Fakt, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.‘ – ist aus konstruktivistischer Sicht zutreffend, sofern hier richtig verstanden.
      Erkenntnissubjekte können schon einige Theorien bilden – Theorien beschreiben, erklären und erlauben die Prädiktion, wobei es auch reicht einfach nur zu beschreiben (Opi hat sich hier auch um die Zusammenführung von Faktum und Theorie bemüht) -, sie haben sich aber den Menge der Erkenntnissubjekte zu stellen, können nicht eigenbrötlerisch werden oder nur Bestimmte adressieren, denn dann läge Esoterik vor.

      Die Naturwissenschaft ist eine explizit exoterische (hier verwendet als Antonym zu ‚esoterisch‘) Veranstaltung.

      Fakten können falsch (erfasst oder in der Messung ungünstig vorab theoretisiert worden) sein.

      MFG
      Dr. Webbaer (der insofern, auch die szientifische Methode meinend, mit „Post Truth“ und Postfaktizität gar nichts anfangen kann)

    • Den Aufsatz von Christoffer Lammer-Heindel kann man z. B. hier lesen:

      https://philosophynow.org/issues/115/Facts_and_Opinions

      Ich muss gestehen, dass ich den inneren Zusammenhang zwischen Moynihans Ausspruch und dem Aufsatz Lammer-Heindels nicht wirklich nachvollziehen kann.

      Lammer-Heindel führt aus, dass Fakten und Meinungen (über Fakten und/oder Moralvorstellungen) zwei grundverschiedene Dinge sind. Diese Erkenntnis liegt auch dem Satz von Moynihan zugrunde.

      Du, Joe, behauptest nun aber, dass es sehr wohl Situationen geben kann, in denen man das Recht auf eigene Fakten habe. Dabei zielst Du offenbar darauf ab, dass Fakten zweckbestimmt oder aus Gründen geschaffen werden können.

      Meines Erachtens begehst Du damit aber einen Kategorienfehler. Was Menschen über Fakten (Zustände und Ereignisse) denken (oder wie Lebewesen die faktische Welt wahrnehmen) fällt in eine andere Kategorie wie die Fakten selbst.

      • Hallo Balanus.

        nehme ich als dein begründetes Urteil an und kann erstmal nichts weitersagen als: Ja es ist möglich, dass ich einen Kategorienfehler mache. Ich glaube aber eher, dass ich eine andere Art von Fehler mache.

        Du schreibst:

        „Was Menschen über Fakten (Zustände und Ereignisse) denken (oder wie Lebewesen die faktische Welt wahrnehmen) fällt in eine andere Kategorie wie die Fakten selbst.“

        Wie ordnest Du denn in Bezug auf diese Aussage die sogenannten „self-fullfilling prophecies“ ein? Denkst Du die sollten – wegen ihren Konsequenzen – im philosophischen Diskurs eine gesonderte Stellung einnehmen? (Ist jetzt ernsthaft gemeint nicht polemisch!)

        • Joe, so wie ich das sehe, gibt es im „philosophischen Diskurs“ (mindestens) zwei Ebenen, nämlich die materielle (das körperliche Substrat) und die geistige Ebene (die Gedankeninhalte, Bedeutungen, Vorstellungen). Nun kann es, nach Ansicht der meisten, Letzteres nicht ohne das Erstere geben, mit den bekannten diskursiven Folgen. Das Verhältnis von Leib zu Geist und Seele (und umgekehrt) beschäftigt Philosophen ja schon recht lange.

          Naturwissenschaftler haben mit dem (philosophischen) Geist nichts zu schaffen, die beschäftigen sich nur mit den beobachtbaren Fakten. Mentale Zustände interessieren nur insofern, als sie mit bestimmten Hirnzuständen korrelieren müssen (nach naturwissenschaftlichem Verständnis).

          Die philosophische Unterscheidung von (mentaler) Meinung und (physischen) Fakten hat Lammer-Heindel ja dargelegt. Das Moynihan-Zitat zielt nach meinem Verständnis ebenfalls in diese Richtung, die Fakten werden jeweils außerhalb der individuellen geistigen Sphäre (Meinungen, Recht, usw.) verortet. Dass ein bestimmtes Faktum faktisch zu ganz unterschiedlichen Hirnzuständen führen kann, mit allen möglichen praktischen Folgen wie z. B. die sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, interessiert hierbei nicht.

          Also stellt sich die Frage, wollen wir naturwissenschaftlich fundiert argumentieren, oder ein bisschen (laienhaft) philosophieren?

  6. Es gibt kein Wissen ohne zu Schliessen (ohne Schlussfolgerungen) und deshalb ist es nicht immer klar, wann eine begründete Annahme zu einem Fakt wird. So liest man oben:

    Eine Gravitationswelle ist ein Fakt, von dem wir vorher nicht wussten, aber jetzt etwas wissen.

    . Damit bezieht sich Joe Dramiga wohl auf die Beobachtung von Gravitationswellen durch LIGO: Seit LIGO wissen wir um Gravitationswellen. Oder wissen wir schon länger darum? in Pulsars And Gravitational Wavesliest man nämlich:

    The existence of gravitational waves was confirmed about 30 years ago with radio pulsars.

    Die Beobachtung der Annäherung von Pulsaren war damit erklärbar, dass abgestrahlte Gravitationswellen dem System Energie entziehen. Doch genügt das um auf die Existenz von Gravitationswellen zu schliessen? Oder genügt erst die direkte(re) Beobachtung, die LIGO gemacht hat.? Jedenfalls benötigt jedes sogenannte Wissen um die Existenz eines Fakts auch ein gewisses Mass an Schlussfolgerung.
    Interessant scheint mir auch folgende Aussage:

    Es gibt Fakten über die wir nie etwas wissen werden. Es sind Zustände der Welt bzw. des Universums, jenseits unseres Erkenntnisvermögens.

    Dahinter stecken 2 Annahmen
    1) es gibt eine von Subjekten unabhängige externe Realität
    2) unser Erkenntnisvermögen ist beschränkt und es gibt sogar Fakten und Realitäten ausserhalb unseres Erkenntnisvermögens
    Zu 1) nur wenn es eine externe Realität gibt, gibt es überhaupt Fakten und sicherlich kann es nur bei Existenz einer externen Realität Fakten geben, die wir noch nicht wissen oder gar nie wissen werden. Konstruktivisten dagegen meinen, es gäbe nur subjektive Sichten die keine gemeinsame Realität verbinde. Für Konstruktivisten gibt es letzlich nicht einmal Fakten, für sie gibt es nur Wahrnehmungen, Wahrnehmungen, die von Subjekt zu Subjekt unterschiedlich sind und die keinen faktischen Kern haben. Für Konstruktivisten ist das, was wir zu wissen glauben nur das Resultat eines Konsensprozesses. Für Konstruktivisten existiert somit das Atom erst seit die Wissenschaftler sich konsensuell auf die Existenz des Atoms geeinigt haben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es Physiker geben kann, die dem zustimmen und die ohne die Annahme einer externen Realität auskommen.
    Zu 2) Die Annahme, es gebe nicht erkennbare Dinge ist dagegen eine Spekulation und eine (unnötige) Verschärfung der Annahme einer externen Realität. Wenn man das Universum als die Gesamtheit dessen definiert, was miteinander ineragieren kann, dann gehört das prinzipiell Unerkennbare nicht zu diesem Universum, denn was unerreichbar ist gehört nicht zu uns, gehört zu niemandem und nichts.

    • Sie schreiben:

      „Es gibt kein Wissen ohne zu Schliessen (ohne Schlussfolgerungen) und deshalb ist es nicht immer klar, wann eine begründete Annahme zu einem Fakt wird.“

      Ja, das ist vor allem in der gesellschaftspolitischen Praxis ein großes Problem. Wissen wir genug? Wann werden wir genug wissen? Wie soll mensch da folgender Forderung von Bertrand-Russel nachkommen:

      „When you are studying any matter or considering a philosophy, ask yourself only what are the facts and what is the truth that the facts bear out. Never let yourself be diverted either by what you wish to believe or by what you think would have beneficent social effects if it were believed, but look only and surely at what are the facts.“

      Bertrand Russel, 1959 in a BBC interview

  7. Nach meinem Verständnis sollte man Vermutungen über Fakten von Meinungen streng unterscheiden. „Die Bayern haben verloren“ ist selbstverständlich ein Faktum, „die Bayern haben schlecht gespielt“ ist meine Meinung und „die Bayern werden auch das nächste Spiel verlieren“, erscheint wie eine Meinung, ist jedoch eine Vermutung über ein künftiges Faktum. Die Vermutung wird sich durch ein Ereignis, worauf ich keinen Einfluss habe, als richtig oder falsch erweisen, wie jede Tatsachenaussage. Der subjektiv bewertende Ausdruck „schlecht“ dagegen ist weder richtig noch falsch. Insofern sind Fakten und Meinungen „nach meiner Meinung“ unvereinbar, nur die Alltagssprache macht oftmals keinen Unterschied!

    Es gibt jedoch auch Mischformen aus Meinung und Vermutung wie „morgen wird das Wetter schön“. Da ein allgemeiner Konsens besteht, was „schönes Wetter“ bedeutet, im wesentlichen jedenfalls, kann man den Ausdruck eher als Vermutung eines Faktums betrachten. Andernfalls hätte er keine Aussagekraft oder keinen Sinn.

    • Lohnt es sich „Meinungen“ von „Vermutungen über zukünftige Tatsachen“ zu unterscheiden? Ich bezweifle es, zumal vieles von dem was als Meining daherkommt nach einer Quantifizierung auch als Faktum, als Tatsache durchgehen kann. Beispiel: „die Bayern haben schlecht gespielt“ kann eine Tasache sein, wenn wir die Videoanalyse des Spiels quantifizieren und dann zum Schluss kommen, dass die Mannschaft taktisch und physisch schlechter gespielt hat als in 75% aller Spiele dieser Saison (evtl. kann die Spielbeurteilung sogar durch eine Software zustande kommen). „Schlecht spielen“, ein zuerst subjektives Urteil, kann also durch Quantifizierung zum objektiven Urteil werden womit es den Status einer Tatsache erhält.

    • @ Herr Reutlinger :

      Nach meinem Verständnis sollte man Vermutungen über Fakten von Meinungen streng unterscheiden.

      Was ist I.E. der Unterschied von Theorie und Meinung?

      MFG + schönen Tag des Herrn noch,
      Dr. Webbaer

      • Theorien würde ich als Vermutungen über verallgemeinerte, potenzielle Fakten deuten. „Fakten“ in der Zukunft sind noch keine Fakten; Aussagen darüber können nur Vermutungen sein, wenn sie begründet sind, oder Meinungen, wenn sie unbegründet sind. Ebenso sind viele Fakten der Gegenwart nicht bekannt, sei es allgemein oder auf bestimmte Personen bezogen. Auch darüber kann man nur Vermutungen anstellen, bis man eine Nachricht zu den Fakten bekommt und die Vermutung dadurch wahr oder falsch wird. Meinungen müssen nicht begründet sein, daher kann man zu Gott und aller Welt eine Meinung haben.

        Die Alltagssprache wird manchmal sehr schlampig verwendet. Man ersetzt oftmals eine quantitative Tatsachenangabe durch ein bewertendes Adjektiv wie „schön“ oder „schlecht“, das eigentlich für Meinungen charakteristisch ist und keinen logischen Wahrheitswert besitzt. Wenn durch allgemeinen Konsens klar ist, was mit „schön“ oder dergleichen gemeint ist, dann kann eine Meinung als Vermutung oder Tatsache gewertet werden: Rosberg hat heute ein schönes Rennen gefahren.

        • @anton reutlinger Zu Vermutungen und Fakten. Wie ist das mit der Mathematik?

          1. Beispiel: Fermatsche Vermutung bzw. der Große Fermatsche Satz bzw. Fermats letztes Theorem

          Ist das jetzt ein Fakt oder eine wahre Vermutung oder existieren hier Fakt und wahre Vermutung gleichzeitig nebeneinander?

          Fermats letztes Theorem ist jedenfalls eine Metaaussage. Es ist eine Aussage über eine Aussage (die Gleichung). Ob die Gleichung wahr oder falsch ist, hängt von den konkreten eingesetzten Zahlen ab. Diese Gleichung hat für positive ganze Zahlen a , b , c , n mit n > 2 keine Lösung.

          Die Gleichung hat keine Lösung würde ich ähnlich behandeln wie die Aussage: „Das Auto hat keinen Katalysator“.

          Nach meinem Verständnis gibt es hier eine wahre Vermutung und einen Fakt nebeneinander.

          2. Beispiel: Cantors Kontinuumshypothese:

          Es gibt keine Menge, die in ihrer Mächtigkeit zwischen den natürlichen Zahlen und den reellen Zahlen (dem Kontinuum) liegt.

          Die Kontinuumshypothese ist im System der Mengenlehre unentscheidbar – weder wahr noch falsch.

          Ist Cantors Kontinuumshypothese eine Vermutung, die weder wahr noch falsch ist – oder ist sie ganz was anderes?

          • Es gibt in der Tautologie („Mathematik“ etc.) keine Fakten, keine Tatsachen, nichts Gemachtes, sondern „nur“ Umformung, die die Rückführung auf die oder eine Axiomatik meint, als sogenannten Beweis.

        • @ Herr Reutlinger :

          Es gibt im Naturwissenschaftlichen Fakten oder Tatsachen, die die Datenerhebung meinen, in etwa so: Es gibt den Mond (der somit nicht als Erdtrabant beschrieben ist, sondern in diesem Sinne):
          -> https://de.wikipedia.org/wiki/Scheinbare_Helligkeit

          Nun wäre zu erörtern, was eine Sicht ist bzw. im hier gemeinten metaphorischen Sinne so gemeint sein könnte oder sollte.

          Liegt eine Sicht erst dann vor, wenn auf Grund von Datenlagen, Fakten oder Tatsachen meinend, theoretisiert wird, die Sichtenbildung betrieben wird, oder bereits bei der Erfassung von Faktum oder Tatsache?

          Und hier meinen einige, dass die Erfassung von Faktum oder Tatsache [1] bereits eine Sicht („Theorie“) ist und sie derart, auch skeptisch, es gibt ja auch so etwas, wie die Meßtheorie, zu bearbeiten sei.

          Dann stellt sich die Frage, was eine Sicht genau ist.
          Sie müsste die Erfassung („Fakt“, „Tatsache“) meinen, auch weil dafür eine Handlung des erkennenden Subjekts vorgesehen ist, zudem könnte sie das Explanatorische meinen, die Erklärung, und dann bliebe – die Sache soll ja auch dem erkennenden Subjekt Sinn ergeben – die Prädiktion.

          Dies wäre zumindest das übliche und auch in den Naturwissenschaften verwendete Verständnis von Theorie.
          Theorien beschreiben, erklären und erlauben die Prädiktion, wobei sie dbzgl. nicht umfänglich leisten müssen.

          „Es gibt den Mond“ wäre insofern eine Theorie, die auch Faktum oder Tatsache genannt werden darf.

          Eine Theorie ist eine Meinung, im szientifischen Sinne eine begründete. [2]

          MFG
          Dr. Webbaer (der es schon sehr wichtig findet Faktum und Theorie so zusammengeführt zu haben, jeder unnötige Begriff ist in den Naturwissenschaften sehr schädlich [3])

          [1]
          Fakten und Tatsachen werden insofern gemacht, hier sind auch Zeitstempel, klare Hinweise auf die Erfassenden („Namensnennung“) und Belege, Fotografien oder sonstwie Persistiertes („Data“) beizufügen.

          [2]
          Evidenz und so, hier splittet sich dann idT im üblichen Sinne verwendete unbegründete Meinung von begründeter naturwissenschaftlicher.
          NW-Theorie ist aber Meinung, nur speziell (s.o.) begründete.
          NW-Theorie darf auch angegriffen werden, i.p. Erfassung, i.p. Erklärung und insbes. i.p. Prädiktion, spielt „nur“ in einer anderen Liga als im übliche Sinne verwendete Meinung.

          [3]
          Es handelt sich bei Überlegungen in den Formalwissenschaften, in der Tautologie, insofern nicht um Theorien, dort ist etwas schlicht rückführbar auf die Axiomatik oder nicht; falls sich hier doch einmal etwas „Superschlaues“ ergeben könnte, das Axiomatiken aufbrechen könnte, läge sozusagen Meta-Axiomatik vor, >:-> , die dann vielleicht beihilft neu Axiomatiken aufzustellen – oder schlicht zerstörerisch wirkt, auch dies ginge)

  8. @Martin Holzherr;
    Über Quantifizierung könnte man sicher diskutieren. Ich glaube aber (bin der Meinung!), dass die Quantifizierung aus einer Meinung keine Tatsache machen kann, weil sie ihrerseits auf Annahmen beruht. Dass die Quantifizierung zur Objektivierung von Meinungen beitragen kann, da stimme ich zu (z.B. Meinungsumfragen). Vielmehr bin ich der Ansicht, dass nicht die Tatsache oder das Faktum der eigentliche Kontrahent zur Meinung ist, sondern das Wissen. Es ist evident, dass das Wissen wiederum mit Tatsachen (der Realität) in Beziehung steht, jedenfalls das deklarative Wissen.

    Lexikon der Psychologie, spektrum.de:

    deklaratives Wissen, auch: Sachwissen, Knowing what. Genaugenommen aber versteht man unter deklarativem Wissen symbolische Beschreibungen von Begriffen, Objekten, Fakten oder Situationen (also Datenstrukturen), die keine Angaben über Wissensprozesse enthalten.

    Im übrigen ist das Thema hochaktuell, wenn man sich die Veröffentlichung von Meinungen bei Demonstrationen und in den „sozialen“ Medien vergegenwärtigt. Das Grundrecht der Meinungsfreiheit gerät immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit angesichts der öffentlichen Pöbeleien, Beschimpfungen und Diffamierungen bis zu massiven Drohungen. Was genau ist noch Meinung und wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit und der Toleranz im kommunikativen Umgang miteinander?

  9. @Joe Dramiga;
    Zunächst möchte ich Ihre Fragen um ein weiteres Beispiel ergänzen, an dem die Problematik noch deutlicher wird, das ist der Vier-Farben-Satz aus dem 19.Jhdt., auch als Vier-Farben-Vermutung bezeichnet. Es gibt zwar zwei oder drei Beweise dafür, die aber noch umstritten sind, weil einer davon nur eine Computersimulation bzw. ein Computerbeweis ist. Ein formaler Beweis wurde 2005 erbracht (einen Versuch habe ich selber gemacht). An dieser Vermutung lässt sich meine Überlegung besser darstellen.

    In einem früheren Beitrag hatte ich schon kurz erwähnt, dass man das Problem in einen formal-logischen und einen materialen Aspekt unterteilen sollte. Die Mathematik hat es hauptsächlich mit formal-logischen Behauptungen oder Aussagen zu tun, denen man einen Wahrheitswert zuordnen kann. Daraus lassen sich wiederum durch Deduktion weitere Aussagen ableiten.

    Der materiale Anteil einer Behauptung stellt eine Beziehung zur wahrnehmbaren, empirischen Welt oder auch zur Welt konkreter Vorstellungen dar. Ein Dreieck ist sowohl eine formal-logische Figur als auch ein Objekt der realen Welt, wenn man an das Dreieck als Schablone zum Zeichnen denkt. Materiale Aussagen können den Wahrheitswert „unbekannt“ haben, wenn es Aussagen über die Zukunft sind, oder wenn darüber keine Information vorliegt. Dann können die Aussagen nur Vermutungen sein. Die Sprache kann beliebige Aussagen konstruieren, ohne Rücksicht auf Wahrheitswerte!

    Formal-logische Hypothesen oder Vermutungen können durch logische Beweise auf der Grundlage von (anerkannten) Axiomen oder Definitionen zu Fakten (mathematische Sätze) werden, materiale Vermutungen werden durch Wahrnehmung, Erfahrung oder auch durch Nachrichten zu Tatsachen – oder zu falschen Aussagen. So kann auch der Vier-Farben-Satz nur formal-logisch bewiesen werden, weil empirisch nur Einzeltatsachen beweisbar sind (Problem der Induktion).

    Der materiale Aspekt des Vier-Farben-Satzes war die Ausgangsfrage von Francis Guthrie 1852, wieviele Farben nötig sind, um die Grafschaften Englands so zu zeichnen, dass niemals gleiche Farben benachbart sind. Die Vermutung war eben, dass vier Farben notwendig und ausreichend sind. Mit Hilfe des Computers konnten alle Möglichkeiten durchgerechnet werden.

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