Du bist allein und ein Herzinfarkt droht, was tust Du?

Es ist 19 Uhr und Du fährst nach einem sehr stressigen und frustrierenden Tag, auf einer einsamen Landstraße, von der Arbeit nach Hause. Wegen der unzähligen Telefonate in den letzten Tagen ist der Akku deines Handys bereits leer. Plötzlich spürst Du starke Schmerzen in der Brust, die in deinen Arm und in deinen Kiefer ausstrahlen. Das nächste Krankenhaus ist zehn Kilometer entfernt. Wenn Du jetzt nichts tust, wirst Du in zehn Sekunden das Bewusstsein verlieren. Was tust Du?

Du holst tief und länger Luft, als wenn Du dem widerlichsten Typen in der Welt anspucken willst, dann hustet Du kräftig. Nun musst Du das ganze Prozedere alle zwei Sekunden wiederholen – ohne Unterbrechung – bis Hilfe eintrifft oder dein Herz wieder normal zu schlagen beginnt.

Durch das Luft holen kommt Sauerstoff in deine Lungen und das Husten drückt deinen Herzmuskel zusammen, sodass das Blut weiterzirkuliert. Außerdem hilft das regelmäßige Husten deinem Herz wieder zu seinem normalem Rhythmus zu finden.

Für den Behandlungserfolg eines Herzinfarkts ist es sehr wichtig, dass möglichst wenig Zeit vom Beschwerdebeginn bis zum Eintreffen im Krankenhaus, die sogenannte Prähospitalzeit (PHZ), vergeht. Das beste Ergebnis lässt sich bei einer Behandlung innerhalb von einer Stunde („goldene Stunde“) erzielen.

Leider zeigen die Daten von Studien, dass es in den meisten Fällen deutlich über zwei Stunden dauert bis ein Mensch mit Herzinfarkt das Krankenhaus erreicht [1]. Dabei macht mit 75% den Hauptanteil an der PHZ die Entscheidungszeit des Patienten aus [1]. Die Gründe für diese lange Entscheidungszeit sind nach wie vor nicht ausreichend geklärt.

Folgende Vermutungen wurden bisher angestellt:

Patienten erleben Beschwerden, reagieren aber nicht,
weil sie . . .

  • Symptome als nicht schwerwiegend einschätzen

  • ein Missverhältnis zwischen erwarteten und erlebten Symptomen besteht

  • ein abwartendes Verhalten einnehmen, in der Hoffnung, dass sich die Symptome bessern

  • niemanden belästigen wollen

  • es als unangenehm oder peinlich erleben, medizinische Hilfe anzufordern

  • Symptome nicht wahrhaben wollen

  • Angst vor den Konsequenzen des Hilfeholens haben

Besonders alarmierend ist das Fehlverhalten von Herzinfarkt-Patienten am Wochenende und während der Nachtstunden. Trotz starker Brustschmerzen warten viele mit dem Notruf viel zu lange, um die Versorgung durch einen fremden Notarzt zu vermeiden. Auch hier kann man nur spekulieren:

Patienten alarmieren den Hausarzt, weil sie . . .

  • sich nicht krank genug fühlen, um den Notarzt zu rufen

  • glauben, ihr Hausarzt wäre „auf ihrer Seite“

  • die Erlaubnis des Hausarztes einholen wollen, den Rettungsdienst zu rufen

  • der Meinung sind, es wäre richtig, den Hausarzt anzurufen, der dann den Rettungsdienst verständigen

 

Deshalb möchte ich jedem die folgende Regel ans Herz legen:

„Brustschmerz mehr als fünf Minuten – Notarzt rufen!“

Weiterführende Literatur

[1] Cornelia Gärtner, Linda Walz, Eva Bauernschmitt, Karl-Heinz Ladwig (2008) Patientenbezogene Determinanten der prähospitalen Verzögerung beim akuten Myokardinfarkt, Deutsches Ärzteblatt, 105, (15), 286–291.

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Alarmsysteme

    Ich verwende seit 1997 ein Kapsch TeleCare LifeStar economy Alarmsystem, das direkt an die Festnetz-Telefonleitung angeschlossen ist.

    Der kleine, leichte, drahtlose Signalgeber kann als Armband oder als Halsband getragen werden.

    Nicht für Herzinfarkte, aber für Schlaganfälle, habe ich in diesem Gerät noch eine Totmannschaltung auf acht Stunden eingestellt.

    Die Zeitzählung dieser Totmannschaltung wird immer dann auf acht Stunden zurück gesetzt, wenn ich aufrecht an einem Infrarotsensor in der Toilette vorbei gehe.

    Bevor die Totmannschaltung telefonisch Alarm gibt, gibt sie noch fünf Minuten lang einen akustischen Vor-Alarm, so dass man Fehl-Alarme verhindern kann.

    Wenn ein telefonischer Alarm abgesendet wurde, baut sich dann noch eine Sprechverbindung auf, um festzustellen, was eigentlich genau passiert ist.

    Zusätzlich ist noch ein Funk-Rauchmelder in dieses System integriert.

    Für unterwegs gibt es spezielle Handys, die einen Notrufknopf und einen GPS-Sender besitzen.

    Bald werde ich mir auch so etwas kaufen.

    Eine finnische Firma hat ein Armband entwickelt, das Tag und Nacht den Gesundheitszustand alter und pflegebedürftiger Menschen überwacht.

    „Vivago WristCare“ misst die körperliche Aktivität seines Trägers.

    Wenn das Messergebnis auffällig ist, sendet das Armband automatisch einen Alarm an die Überwachungszentrale und Hilfe eilt herbei.

    „Besser paranoid, als tot.“

    (Graf Hombug)

  2. Männer und Frauen

    Mir wurde im Ersthelfer-Kurs zudem erzählt, dass Frauen häufig deutlich länger als Männer damit warten, einen Arzt zu rufen.

    In der verlinkten Studie wird ebenfalls davon berichtet, wenn auch mit Einschränkungen:

    „Dennoch kommt die überwiegende Anzahl der Studien zu dem Ergebnis, dass die PHZ bei Frauen signifikant länger ist als bei Männern (1–10, 15, e15). Es gibt Hinweise darauf, dass im Laufe der Jahre der Geschlechtsunterschied kleiner geworden ist (7). Außerdem scheint die Verzögerung oft stärker durch den kontaktierten Arzt verursacht zu sein als durch die Patientinnen (1, 7, e8). Moser et al. (16) zeigten, dass das Alter die PHZ bei Männern nur gering beeinflusst, bei Frauen aber einen erheblichen Unterschied ausmacht: bei älteren Frauen (> 55 Jahre) war sie mehr als doppelt so hoch als bei jüngeren.“

    Fazit: Der Rat „Brustschmerz mehr als fünf Minuten – Notarzt rufen!“ richtet sich an Frauen ganz besonders!

    (Dies nur als Ergänzung…“

  3. Weibliche Symptome des Herzinfarkts

    @ Albert P.

    Ich glaube, dass es im wesentlichen daran liegt, dass Frauen andere Herzinfarktsymptome zeigen als Männer. Studien zeigen, dass zwei Drittel aller Frauen, die einem plötzlichen Infarkt erliegen, zuvor über keinerlei Herzbeschwerden klagten. Frauen verspüren nur selten Enge oder Schmerzen in der Brust. Bei Frauen sind die Symptome viel häufiger Müdigkeit, Schlafstörungen, Kurzatmigkeit, schwere Schwindelgefühle, Schmerzen im Oberbauch oder zwischen den Schulterblättern sowie Erbrechen und Übelkeit . Diese Symptome werden von den betroffenen Frauen oft als Magenverstimmung, Verspannung missgedeutet. In dieser Hinsicht müssen die Kardiologen die Frauen besser über die weiblichen Symptome des Herzinfarkts aufklären.

    In Deutschland erleiden über 130.000 Frauen pro Jahr einen Herzinfarkt. Rund die Hälfte überlebt ihn nicht!

  4. Hej!
    Hab das Ganze aufmerksam gelesen. Wie groß sind eigentlich die durchschnittlichen Überlebenschancen bei Herzinfarkt/Männer??
    Beim 2. und beim 3.?
    Ich nähere mich dem dritten.
    Bei beiden hatte ich am Vortag alarmiert, weil in mir die Warnsignale spürte.
    Beim ersten vor gut 20 Jahren, da gab es am Land noch keine Intensiv Beobachtungsbetten, da durfte ich da bleiben in einem normalen Zimmer. Als ich am Morgen erwachte, hatte ich den Infarkt gehabt und hing am Tropf.
    Überlebt habe ich nur, weil anscheinend jemand im Zimmer aufgewacht ist und bemerkt hatte, dass ich beim Abkratzen bin.

    Zum 2. Hezinfarkt brachte mich die Rettung vom Hausarzt (ich war zu ihm gefahren in die Ordination und hab ihm gesagt, ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt. Er hat mich ernst genommen, den Rettungswagen alarmiert und mich mit „Pulverln“ vollgestopft. Mein Puls war weit über 190 !
    Auf der Notfallsstation im Krankenhaus bekam ich ein Akutbett und ein Computer CD.
    Am nächsten Morgen wurde ich ohne Befund entlassen.
    da ich aber wusste, dass einiges nicht stimmte hat meine Frau eine Bekannte angerufen, ich wurde aufgenommen und auf Herz und Nieren untersucht, um auch dem kleinsten Hinweis nachzugehen. Sie fanden ein bisserl Cholesterin und ein bisserl Zucker, und an einem Abend, ich war allein im Zimmer, hatte ich den Infarkt, und wäre beinahe verreckt, weil ich allein war und niemand was merkte, und ich auch (weil im Krankenhaus) meine Notfallsmedikamente, wie Nitro usw. nicht zur Hand hatte. Am nächsten Tag nach der Blutabnahme (ich war zwischendurch bewusstlos und habe die Nacht aber doch überlebt) fanden die irgendeinen Markerwert um das Hundertfache erhöht, der Herzinfarkt!
    Ich durfte mich plötzlich nicht mehr bewegen und mir wurden auf der Herzstation nach einer Ultraschalluntersuchung sofort etliche Stents eingesetzt.
    Später kam der Oberarzt zu mir, entschuldigte sich, aber das CD hat nichts vom Hinterwandinfarkt gezeigt. Er versprach mir, dass künftig das CD nicht mehr als alleiniger Parameter, sondern nur in Verbindung mit Ultraschall gemacht würde.
    Ja, das wars.
    Und jetzt hab ich das Gefühl, es könnt wieder bald so weit sein. Ich werd es dann im Nachhinein vielleicht erfahren.(mit viel Glück)!
    Erschwerend kommt dazu, dass ich Borelliose im fortgeschrittenem Stadium habe und dass sich da gewisse Symptome überkreuzen.
    Ja, das Leben währt eben nicht ewig.
    Liebe Grüße aus der Steiermark!
    Borrelio Myocard Infarctix

  5. Nach Auswertung von 11 internationalen Studien, die zwischen 1993 und 2006 durchgeführt wurden liegt die durchschnittliche Überlebenschance von Männern bei 94.7%. Leider wird hier aber nicht nach der Anzahl der Infarkte unterschieden. (Sex Differences in Mortality Following Acute Coronary Syndromes, JAMA. 2009;302(8):874-882.)

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