Vom gefühlsmäßigen Erfassen einer Wahrheit

In meinem Beitrag „Gefühle eines Physikers beim Lesen eines philosophischen Artikels“ vom 3. Juni 2011 habe ich von meiner Verwunderung berichtet, die ich spüre, wenn Philosophen glauben, die Wahrheit „fühlen“ zu können. Ein Kommentator meinte damals dazu, er könne diese Aussage nicht verstehen – ihm sei noch kein Philosoph begegnet, der so etwas behauptet habe. Nun explizit redet wohl auch keiner von einem Gefühl, deshalb hatte ich das Wort „fühlen“ auch in Anführungsstriche gesetzt.  In der Praxis aber gibt es eine ganze philosophische Richtung, die letztlich auf solch ein Gefühl vertraut.  Im  „Rationalismus“  z.B. gilt das rationale Denken als alleinige Erkenntnisquelle.  Nun ist Logik und rationales Denken natürlich keine Sache des Gefühls. Aber mit irgendeiner Aussage muss man anfangen, und dabei vertrauen manche Philosophen auf ihre Intuition. Was ist das anderes als ein Gefühl.   

Für einen Naturwissenschaftler ist die Ausschließlichkeit, mit der hier dem rationalen Denken der Vorrang gegeben wird, absurd. Wie hätte man wohl durch reines Denken die Quantenmechanik entwickeln können?  In der Tat vertritt heute wohl auch kaum einer  mehr die reine Form des Rationalismus. Bei den meisten scheint sich die Meinung durchgesetzt zu haben, dass sowohl rational-deduktive Argumentationsstränge wie auch empirische Tatsachen vonnöten sind, um zu überzeugenden Erkenntnissen zu kommen.  Am Beispiel der  Entwicklung und Struktur unserer physikalischen Theorien kann man das besonders deutlich sehen.  Der Anfang, von dem aus Logik und rationales Denken seinen Weg nimmt,  d.h. die Grundgleichungen oder Grundannahmen werden stets als Hypothesen angesehen, deren „Wahrheit“  sich an den Fakten messen lassen muss.  Bei der Formulierung solcher Grundannahmen kann durchaus ein Wahrheitsgefühl eine Rolle spielen. Doch die Geschichte ist voll von Entwicklungen, in denen solch ein Gefühl  nachweislich in die Irre führte. Skepsis hat sich somit breit gemacht, und das Wahrheitsgefühl wird nur noch umgemünzt in Hypothesen, deren vorläufigen Charakter man einsieht.  Der kritische Rationalismus hat diese Methode, die zu verlässlichem Wissen über die Natur führen konnte, analysiert und zum Programm erhoben (s.a. mein Beitrag: Die Natur der Physik und der kritische Rationalismus).

Wahrheitsgefühl bei Philosophen in der Kritik von Philosophen

Aber dennoch gibt es offensichtlich auch heute viele Denker, die davon überzeugt sind, dass die Wahrheit sich selbst zeigen kann. Man müsse sich nur von den Fesseln der Vorurteile befreien  –  so wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis es tun müssten, um den Ursprung der Schatten an der Wand der Höhle zu erkennen.  Das viele so denken, entspricht nicht nur meiner Erfahrung, es wird auch immer wieder von Philosophen selbst artikuliert. Nelson [1] kritisiert, dass viele Philosophen sich eines „anderen, vermeintlich höheren  Organs“  bedienen, „um der philosophischen Wahrheit habhaft zu werden. Sie nennen es Anschauung oder Intuition.“  Mit dem „intuitiven Erfassen einer Wahrheit“ würden diese auch nur „ein gefühlsmäßiges Erfassen“ meinen.  Schnädelbach [2] macht  für den „Wahrheitsbegriff, der sich am Modell der unmittelbaren Einsicht oder Evidenz orientiert,“ die auf Platon zurück gehende Vorstellung verantwortlich, „das Erkennen sei eine bestimmte Art des Sehens“.  Martin Heidegger verstehe das phänomenologische Philosophieren gerade als „Die-Phänomene-von-ihnen-selbst-her- sehenlassen“  und bezeichne die Wahrheit aus Evidenz als eine besondere „Seinswahrheit“, die „der Urteilswahrheit vorausliege“.  Neben den Phänomenologen  gäbe es noch die Monologen, die sich in ihren Grundaussagen erst gar nicht groß auf Diskussionen einließen und die Quasi-Theologen, die meinten, das „den Philosophen erreichbare Wissen sei  in bestimmten prominenten Texten“   enthalten.  Schnädelbach konstatiert:  Alle drei Auffassungen „lassen in der Regel auch das Argumentieren zu, aber bestenfalls als Vorbereitung auf das, was der Philosoph schließlich begründungsfrei erkennen und wissen kann“.

Für einen Naturwissenschaftler ist es nicht nachzuvollziehen, wie man eine solche starke Meinung  von seiner Intuition bzw. Einbildung haben kann.  Wie oft hat man schon erlebt, dass seine Ideen einer Prüfung durch „die Sache“  nicht stand halten?  Ja, wenn es keine Prüfung geben kann, dann hat man einen Freibrief.  Dann zeigt sich allerdings die Fragwürdigkeit des Vertrauens in das Wahrheitsgefühl darin, dass die Philosophen, die auf ihre Intuition schwören, untereinander völlig uneins sind.

Wahrheitsgefühl  im täglichen Leben

Auf der anderen Seite, verhalten wir uns alle nicht jeden Tag so, dass wir ständig etwas für evident halten und auch nicht einen Funken Skepsis spüren?  Wir könnten ja gar nicht unbeschwert leben, wenn wir immer alles hinterfragen.  Und wenn es um grundsätzliche Dinge geht, wundert sich jeder von uns oft, welch merkwürdige Ansichten doch der Andere hat.  Man  schüttelt den Kopf – und fragt sich, wie denn so etwas möglich sein kann,  wie jemand so die Welt missverstehen kann.  Mit zunehmenden Alter erlebt man immer häufiger solche Diskrepanzen zwischen der eigenen und einer anderen Ansicht zu grundsätzlicheren  Fragen,  dass man immer gelassener wird (wenn man Glück hat).  Ich erkläre mir dieses Phänomen einfach dadurch, dass eben „jedes Gehirn etwas anders ist“,  von der genetischen Ausstattung bis hin zu den Lebenserfahrungen.  Jeder kann nur das für evident und richtig halten, was ihm diese Vergangenheit ermöglicht.

Der Interpreter

Als ich vor kurzem  das Buch des Neurowissenschaftlers  Michael Gazzinaga  (Die Ich Illusion, Hanser-Verlag)  gelesen hatte, glaubte ich, ein vertieftes Verständnis für dieses Phänomen gefunden zu haben.  In seinem  dritten Kapitel „Der Interpreter“ beschreibt er sehr plastisch unter dem Untertitel „Der lange Weg zum Bewusstsein“ wie unser Gehirn bei einer unwillkürlichen Flucht-Reaktion reagiert.  Als er in einer Gegend lebte, in der es viele Klapperschlangen gab, sei  er vor jedem Anzeichen einer solchen instinktiv zurück gewichen, auch wenn sich nur das Gras merkwürdig bewegte. Eine Verarbeitung der Sinnesreize bis ins Bewusstsein und die darauf folgende Entscheidung für einen Sprung, dauere aber viel zu lange, um einer Klapperschlange zu entkommen.  Es  gehe bei solchen Situationen alles viel schneller, die Reaktion sei „unwillkürlich“, es gebe dafür keine bewusste Entscheidung.

Mir sind, wie sicherlich allen, solche unwillkürlichen Handlungen nichts Neues.  Als ich neulich bei meinem morgendlichen Spaziergang einem Nachbarn einen freundlichen Satz zugerufen habe, fiel mir hinterher auf, dass dieses ganz spontan und ohne irgendein Nachdenken geschehen war.  Im Rahmen seiner Geschichte holt Gazzinaga  aber zum  entscheidenden  Satz aus: „Hätte mich jemand gefragt, warum ich zurück gesprungen bin, dann hätte ich erwidert, dass ich geglaubt hätte, eine Schlange zu sehen.“  Das heißt:  Man denkt sich eine Geschichte aus und glaubt selbst daran.  Der Grund für seinen Sprung war eigentlich der äußere Sinnesreiz und eine Verhaltensdisposition, die in allen Säugetieren vorhanden ist, weil sie offensichtlich für das Überleben förderlich ist.  Nachträglich erklären wir alle einen solchen  Vorfall anders, d.h. bringen eine andere kausale Verbindung hinein, und zwar eine, in der „wir selbst“  eine Rolle spielen. Diese Geschichte zeigt deutlich, dass unser Gehirn ein Geschichtenerfinder, eben ein Interpreter ist. 

Die Geschichten, die verschiedene Menschen über gleiche Erlebnisse erfinden, können mehr oder weniger gut übereinstimmen.  Besonders staunen wir immer, wenn wir hören, wie sich Bekannte über Vorfälle ihres Lebens, die wir auch verfolgen konnten, „ihre“ Geschichte zurecht legen, die dann ganz anders aussieht als wir sie sehen.  Insbesondere Richter können ein Lied davon singen, wie verschiedene Menschen mit bestem  Gewissen über den gleichen Vorfall höchst unterschiedliche Geschichten erzählen können.  Wenn das schon bei konkreten Ereignissen so ist, wie soll es denn bei abstrakten Zusammenhängen zwischen Begriffen, die ja immer etwas vage bleiben, anders sein.  Solche Geschichten können durchaus über lange Strecken logisch überzeugend sein, „schließlich existieren immer auch ganz kohärent begründete Wahnsysteme“ [2]. Im Grunde sind ja unsere Wissenschaften auch Geschichten, die wir erfunden haben. Ja, die Vorstellung vom Gehirn als Geschichtenerfinder ist ja selbst auch eine Geschichte. 

Bewertung der Geschichten

Wenn also rationale Argumentation kein absoluter Prüfstein sein kann, und wenn Wahrheitsgefühl und „Seinswahrheit“  in den Verdacht geraten, nur Geschichten für wahr zu halten, die unser Geist uns aufgrund unserer intellektuellen und mentalen Vergangenheit aufdrängt, stehen wir zunächst mit leeren Händen dar.  Sollen wir uns da ganz verunsichern lassen oder einfach alles gelten lassen?  

Um nicht in einen völligen Relativismus zu verfallen, muss man sich eine Methode für den Umgang mit den Geschichten erarbeiten.  Einen Umgang, mit dem man offensichtlich zu verlässlichen und für alle akzeptablen Lösungen  kommt, machen uns die Wissenschaften vor.  Jede noch so stringente Kette  von Argumenten sollte sich ja auf irgendetwas stützen können –  je mehr Pfeiler, die mit dem Boden der Tatsachen verbunden sind, dies sind, um so besser.  In den Naturwissenschaften ist die Anzahl solcher Stützen besonders groß, die Nachprüfbarkeit immer gegeben.  Aber auch anderswo gibt es Fakten, denen manche Geschichten bei genauerem Hinsehen zum Opfer fallen müssten.  Es kommt  also darauf an, wie man mit den Geschichten umgeht:  kritisch oder monologisch oder gar quasi-theologisch.  Nutzt man jede Chance zur Nachprüfung? Freut man sich über jeden Widerspruch, weil man vielleicht etwas dazulernt – oder hält man sich am liebsten unter Gleichgesinnten auf und sucht nur die Bestärkung der eigenen Meinung?

 Der kritische Rationalismus mit seiner Revisionsbereitschaft  der eigenen Ansätze  mag ja von der Physik inspiriert worden sein, formuliert aber letztlich einen Umgang mit den Geschichten, der nicht nur dem wissenschaftlichen Zugang zur Welt entspricht sondern allgemein als Weg zur Erkenntnis dienen kann. Manchmal wird Naturwissenschaftlern vorgeworfen, sie wollten die naturwissenschaftliche Methode auf alle anderen Wissensgebiete ausdehnen.  Ich habe dabei  immer den Eindruck, dass dahinter nur sehr verschwommene Vorstellungen von der „naturwissenschaftlichen Methode“ stehen.  Wenn es etwas auszudehnen gibt auf alle Gebiete, die sich dem Erwerb von Wissen verpflichtet fühlen, dann ist es die Haltung des kritischen Rationalismus.

Nelson [1] hat eine interessante Charakterisierung der Philosophen formuliert, die sich auf ein Wahrheitsgefühl verlassen. Diese seien im Grunde arbeitsscheu.  Man rühme sich dabei, dass die Erkenntnis nicht Sache der Arbeit sondern die einer Schöpfung sei, und der geborene Künstler sei nicht auf Arbeit angewiesen.  Dem hält er entgegen: „Das Auszeichnende des Dilettantismus ist auf beiden Gebieten“ [d.h. Kunst und Wissenschaft] „die Arbeitsscheu.“ 

Ich will mich dem Vorwurf an die „wahrheitsfühligen“ Philosophen nicht anschließen. Mir scheint nur, dass die Mühe und Arbeit, die man ständig in die Rechtfertigung einer einmal gewählten Entscheidung für eine Weltanschauung zu stecken hat, besser genutzt werden kann, in dem man offen für Revisionen ist.

 

[1]  Leonard Nelson, Typische Denkfehler in der Philosophie,  Vorlesungen vom 20.April und 4.Mai, Philosophische Bibliothek, Bd. 623, Meiner-Verlag, 2011

[2] Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen – und was man von ihnen lernen kann, C.H. Beck, 2012

 

 

Veröffentlicht von

Josef Honerkamp war mehr als 30 Jahre als Professor für Theoretische Physik tätig, zunächst an der Universität Bonn, dann viele Jahre an der Universität Freiburg. Er hat er auf den Gebieten Quantenfeldtheorie, Statistische Mechanik und Stochastische Dynamische Systeme gearbeitet und ist Autor mehrerer Lehrbücher sowie des Sachbuchs: "Die Entdeckung des Unvorstellbaren". Nach seiner Emeritierung im Jahre 2006 möchte er sich noch mehr dem interdisziplinären Gespräch widmen. Er interessiert sich insbesondere für das jeweilige Selbstverständnis einer Wissenschaft, für ihre Methoden sowie für ihre grundsätzlichen Ausgangspunkte und Fragestellungen und kann berichten, zu welchen Ansichten ein Physiker angesichts der Entwicklung seines Faches gelangt. In seiner "Freizeit" versucht er, im klassischen Stil zu komponieren und seine Kompositionen auch mit Hilfe moderner Software zu produzieren. Insgesamt versteht er sich heute als Physiker und "wirklich freier Schriftsteller und Tonsetzer".

65 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht widerlegbar => Spekulation

    Dieser Beitrag von Herrn Honerkamp fordert von wissenschaftlichen Theorien Revisionsbereitschaft, also etwas was jeder Naturwissenschaftler sowieso mitbringen muss. Denn Beobachtungen und Experimente, aber auch logische Widersprüche können die schönste naturwissenschaftliche Theorie in Frage stellen und sie revisionsbedürftig machen – wenn sie nicht gar die ganze Theorie vaporisieren.
    Herr Honerkamp fordert diese Revisionsbereitschaft auch für die anderen Wissenschaften.

    Herr Honerkamp postuliert in diesem Beitrag also einen gemeinsamen Kern natur- und geisteswissenschaftlichen und damit jeden wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, nämlich die skeptische Grundhaltung gegenüber den Resultaten (selbst wenn es die eigenen sind), was bedeutet, dass man nicht bei plausiblen Geschichten, der Intution oder dem Erkennen als einer bestimmten Art des Sehens (Plato) stehen bleiben kann.

    Herr Honerkamp lässt zwar fast jede Art der Erkenntnisgewinnung zu, insbesondere auch die Intution und das Gefühl, man liege richtig, doch sollte man sich nie damit begnügen, unabhängig davon ob man Natur- oder Geisteswissenschaftler ist.

    Für Herrn Honerkamp sind die Resultate von Geisteswissenschaftlern/Philosophen (also ihre „Wahrheiten“) zuerst einmal „Geschichten“ (toll, da werden sich die Philosophen aber freuen). Diese „Geschichten“ müssten überprüft werden wie Zeugenaussagen vor Gericht.

    Was aber wenn man eine „Geschichte“ aus grundsätzlichen Gründen nicht überprüfen kann, wenn diese Geschichten gar nicht revidierbar ist?
    Nun in der Naturwissenschaft wäre das ein klarer Fall: Mag die „Geschichte“ nach welchen Kriterien auch immer (z.B. mathematisch gesehen) noch so schön sein, was nicht überprüfbar ist und deswegen auch gar nicht revidierbar ist, ist reine Spekulation. In der Physik gehört möglicherweise die String-Theorie dazu – und das obwohl schon viele Menschenleben über String-Theorien nachgedacht wurde.

    Die nächste Frage wäre dann, wieviele philosophische und geisteswissenschaftliche Theorien aus prinzipiellen Gründen nicht überprüfbar und revidierbar sind. Und als letzte Frage bleibt, wie man sich zu diesen Theorien stellen sollte.

    Es gibt nämlich mehrere Seiten, die sich gut an der String-Theorie veranschaulichen lassen:
    1) Da man sich (momentan) keine Experimente vorstellen kann, die eine ihrer Modellvorstellungen bestätigen und erst recht keine, die sie wiederlegen, ist sie unangreifbar und damit möglicherweise richtig.
    2) Die String-Theorie könnte sich später aber auch als falsch herausstellen (Experiment, an das niemand gedacht hat)
    3) Die String-Theorie und speziell sie könnte sich schliesslich auch noch als irrelevant herausstellen: Sie ist nämlich sehr flexibel und kann immer wieder „zurechtgebogen“ werden.

    Nun könnte man natürlich den Fall 3) – die String-Theorie ist „flexibel“ – als Qualitätszeichen im Sinne dieses Beitrags betrachten: Diese Theorie ist revidierbar. Wenn die Flexibilität aber einfach bedeutet, dass man eine Art Übertheorie hat, die für alles gut ist, aber im Kern kaum etwas wesentliches aussagt, dann handelt es sich eben um eine Fall von Irrelevanz.

    Wieviele philosophische und geisteswissenschaftliche Wahrheiten und Modelle sind wohl revidierbar und wieviele der Revidierbaren sind relevant?

  2. @Honerkamp

    Ich bin nach wie vor der Meinung, daß hier ein Zerrbild der Aktivitäten von Philosophen gezeichnet wird. Sicher gibt es Philosophen, die Wahrheit irgendwie mit dem Gefühl zusammenbringen wie z.B. Jan Slaby. Doch vorsichtig formuliert hält der überwältigende Teil der Philosophieprofies seine Ansichten für … wie so ich sagen … eher fernliegend.

    Und interssanterweise gehören die von ihnen genannten Philosophen Platon, Heidegger und Schnädelbach völlig anderen Strömungen an, die weder mit der Idee der gefühlten Wahrheit sympathisieren, noch untereinander kompatibel sind.

    Ich möchte das in den nachfolgenden Kommentaren gerne skizzieren.

  3. Platon

    Wenn dem ersten Anschein nach überhaupt etwas ein Gefühl ist, dann handelt es sich dabei sinnlich durchlebte, mentale Zustände, über die wir nicht ohne weiteres verfügen zu können scheinen. Zudem sind sie privat, i.e. andere Personen scheinen nichts von ihnen wissen zu können. Gelegentlich kommen wir uns vor wie Dompteure, die mit ihren mentalen Zuständen um die eigene Handlungskontrolle ringen.

    Das Schauen der Ideen als transzendente Objekte durch die platonische Seele ist aber überhaupt kein sinnlicher Vorgang. In seinem Dialog „Symposion“ wird das im Detail erklärt.

    Und von Platon bis zum heutigen Gefühl dauert es ideengeschichtlich auch noch Jahrhunderte:

    Platon war der Meinung, daß mentale Phänomene wie Wahrnehmen, Erinnern oder Wollen von physischen Phänomenen wie etwa körperlichen Bedürfnissen strikt zu unterscheiden sind und der Körper
    ein Gefängnis der Seele, verstanden als Kern der Person, abgibt, der deren Entfaltung behindert. Aristoteles hat
    daraus die Auffassung gemacht, daß das Physische eine notwendige Bedingung
    der Existenz und Funktionsweise des Mentalen ist. Das Mentale wird von ihm
    als Disposition ausgegeben, Phänomene wie Wahrnehmen oder Wollen hervorzubringen und auszuüben. Die Konsequenz ist, daß mentale Zustände immer der Psyche und dem Körper
    gemeinsam zukommen. Augustin hat diese Dichotomie in systematischer Weise mit Hilfe der aus der Geometrie stammenden Metapher von Innen und Außen nacherzählt und uns mit der Idee auf die Reise geschickt, daß erst die Wendung nach Innen und die Entdeckung unseres inneren Wesens als Selbsterkenntnis den Aufstieg zur höchsten Daseinsform erlaubt – allerdings waren seine Ansichten rein theologisch motiviert. Dasjenige nun, was wir im Inneren unserer Psyche so bewegen, sind Vorstellungen oder modern formuliert: Repräsentationen. Descartes hat der Idee einer Art internen, geistigen, aber nicht selbst vermittelten Wiedergabe eines äußeren, unsere Wahrnehmungen verursachenden Objektes zu einem nicht nur in der Philosophie populären Modell unseres Bewußtseins verholfen. Die Beziehung zwischen der Person und ihren, von Dingen ihrer Substanzsorte nach
    verschiedenen Repräsentationen, ist unproblematisch, da letztere der Person kontinuierlich präsent und epistemisch vollständig transparent sind, während unser Vermögen, Objekte der externen Welt korrekt wahrzunehmen, notorisch unzuverlässig ist. Malebranche jedoch hat nicht nur gegen die These der epistemischen Transparenz unserer mentalen Zustände für uns selbst opponiert, sondern auch die Idee aufgebracht, daß es möglich sei, zu wissen, daß wir mentale Zustände haben, ohne vollständig oder korrekt angeben können zu müssen, welche es sind. Hume hat das so ausbuchstabiert, daß es komplexe mentale Zustände gibt, die sich als Verknüpfung einfacher Vorstellungen
    analysieren lassen. Seiner Ansicht nach bilden mentale Repräsentationen
    auch die sprachlichen Bedeutungen der
    (grammatisch strukturierten) Ausdrücke unserer Sprache.

    Erst mit diesem letzten Schritt – wir sind bereits im 18. Jhr, macht es Sinn Gefühle sind vorsprachliche, aber kognitive Repräsentationen von etwas aufzufassen, daß man alternativ auch aussprechen kann.

  4. Heidegger

    Heideggers philosophisches Projekt war hochkritisch: Er war der Meinung, daß den Ansichten anderer Philosophen Vorurteile zugrundeliegen, die ihnen eine bestimmte Metaphysik aufzwingt. Metaphysische Auffassungen seien zwar unvermeidlich, aber es komme eben auf die richtige Metaphysik an. Um sie freizulegen, hat Heidegger dezidiert eine Menge neuer Vokabeln angelegt, die man z.B. auf den ersten 50 Seiten seines Buches „Sein und Zeit“ nachschlagen kann.
    Es dient dazu, das Sein, verstanden als Geflecht von sinnhaften Bezügen des Inventars der Welt zu beschreiben. Beschreiben ist das Ziel seiner Phänomenologie, nicht aber eine Art von Erklärung.

    Man mag von Heidegger halten, was man will, aber mit der Auffassung, daß Wahrsein irgendwie relaiv und subjektiv sei, insofern Wahrheit gefühlte Wahrheit sei, die keiner auf eine Sprache angewiesene Rechtfertigung bedarf, hat das wenig zu tun. Heideggers Projekt ist kompliziert und hochanspruchsvoll und in keiner Weise von Faulheit geprägt.

  5. Summary

    Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Ansichten über die Arbeit von Philosophen haben, aber sie haben wenig mit der Realität zu tun.

    Das ist umso erstaunlicher, als es relativ einfach ist, die Arbeit und die Ansichten von Philosophen besser kennenzulernen. Kostenlos verfügbar und von ausgezeichneter Qualität sind in der Regel die Artikel auf
    http://plato.stanford.edu.

    Eine mit arxiv.org vergleichbare Datenbank für Philosophie finden Sie unter http://philpapers.org/.

  6. Als Kind dachte ich OFT: Mit dieser Welt stimmt irgendetwas nicht, es erscheint mir alles nicht richtig.

    Das hat dazu geführt, daß ich mein Leben lang in Ideologie und Spiritualität EXESSIV nach Wahrheit gesucht und gefunden habe.

    Vor Kurzem habe ich auch mit einem „Geistlichen“ über diese Wahrheit gesprochen und Zustimmung bekommen, doch auch er war, wie alle Menschen von links nach rechts gutbürgerlich in Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche für den nun „freiheitlichen“ Wettbewerb um … gebildet, konsequent-kapitulativ der spalterischen Systemrationalität geneigt und sagte: „Die Wahrheit will doch keiner hören, ausserdem wäre ich sehr schnell meinen Job los.“

  7. Horst52

    Welche Wahrheit haben Sie denn gefunden?

    Was soll das für eine Wahrheit sein, die keiner wissen will?

    Wahrheit ist möglicherweise nur die subjektive Interpretation eines Erdenbürgers. Findet dieser Erdenbürger genügend Gleichgesinnte, dann wird auf wundersame Weise diese Wahrheit existent.

    Berücksichtigt man, dass Wahrheit in der Natur nicht existiert, so hat man doch nur einen engen Gültigkeitsbereich dieser Wahrheit.

  8. Was ist die „Wahrheit“?

    Das Kernproblem steckt eigentlich schon im Wahrheitsbegriff selbst. Für formale Sprachen lässt sich nach Alfred Tarski dieser Begriff nur mit spezifischem Bezug zu einer solchen Sprache konsistent anwenden. Ein Ansatz, Tarskis semantische Theorie für natürliche Sprachen zu erweitern, wurde zwar von Donald Davidson unternommen, ist aber durchaus umstritten.

    Damit bleibt die „Wahrheit“ letztlich das, was in einer Gemeinschaft von Sprechern als die Wahrheit erachtet wird. Und darüber lässt sich dann beliebig lange streiten.

  9. Der Philosophen-Filter: Die Guten ins ..

    Elmar Diederich empfindet Herr Honerkamp Beitrag als (ungerechtfertigtes) negatives Urteil über die Arbeitsmethoden des Hauptharsts der Philosophen.

    Der Beitrag qualifiziert tatsächlich die (Zitat) „wahrheitsfühligen“ Philosophen als Dilettanten und als arbeitsscheu ab (Urteil übernommen von Nelson).
    Und für Herrn Honerkamp scheinen recht viele Philosophieschulen unter diese Kategorie zu fallen (mit Platon und Heidegger als Beispielen) oder sie fallen sogar noch in die eine Kategorie tiefer liegende Klasse der Simplifizierungen wozu er den Rationalismus zählt, welcher nur rational-deduktive Argumentationsstränge zulässt.
    Ein grosser Teil dieses Beitrags will dann uns allen und natürlich auch den fehlbaren Philosophen erklären, wie man mit „Geschichten“ – unter anderem dem geistigen Produkt der Philosophen – umzugehen hat, damit man sich nicht auf ein (Zitat) „anderes, vermeintlich höheres Organ“ als Wahrheitsquelle berufen muss oder gar „monologisch“ oder „quasi-theologisch“ mit den Früchten der eigenen Erkenntnis hausiert.

    Und was ist Herrn Honerkampfs Fazit? Welche Philosophieschulen überleben seinen Dilettanten/Arbeitsscheu- und Wahrheitsfühligkeits-Filter?
    Es ist (Zitat) „Der kritische Rationalismus mit seiner Revisionsbereitschaft der eigenen Ansätze … nicht nur dem wissenschaftlichen Zugang zur Welt entspricht sondern allgemein als Weg zur Erkenntnis dienen kann. “ ….
    Wenn es etwas auszudehnen gibt auf alle Gebiete, die sich dem Erwerb von Wissen verpflichtet fühlen, dann ist es die Haltung des kritischen Rationalismus.

    Zugegeben kenne ich die verschiedenen Philosopieströmungen zuwenig um einen „Sieger“ zu eruieren wie das Herr Honerkamp tendenziell macht. Es fällt aber auf, dass der von Herrn Honerkamp favorisierte kritische Rationalismus die Gesellschaft mit mehr (natur-)wissenschaftlichem und pragmatischem Denken verbessern will und dass er sich bewusst nicht in grosse geistige Höhen aufschwingt.
    Wer Popper und seinen pragmatischen Zugang zur Wahrheit mag, investiert mehr in pratktisches Problemlösen als in das Durchdringen der letzten Seins-Wahrheiten. Dieses bleibt wohl den Physikern vorbehalten. Wenn schon finden diese „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ und nicht die vielen Philosophen, die mit Denken allein die letzten Rätsel ergründen wollen.

  10. @Chrys: Die Wahrheit über der Wahrheit

    Mit der Aussage, dass (Zitat)„Wahrheit“ letztlich das [ist], was in einer Gemeinschaft von Sprechern als die Wahrheit erachtet wird, wird sich ein Naturwissenschaftler nicht zufriedengeben. Damit wäre Wahrheit kultur-relativ und ein anderer Begriff für Konsens.

    Der Wahrheitsbegriff der Naturwissenschaflter beinhaltet ein Bekenntnis zur Existenz einer denkunabhängigen Realität. Über diese Realität kann man wahre oder falsche Aussagen machen, wobei die Sprache in der man das tut nicht entscheidend ist.

  11. Chrys:Wahrheitssuche als Forschungsgrund

    /I>
    Der Titel des Beitrags: „Vom gefühlsmäßigen Erfassen einer Wahrheit“ enthält ja die Wahrheitssuche als Motivation vieler Forscher, seien es nun Natur- oder andere Wissenschaftler: Sie wollen der Wahrheit näherkommen. Wenn es keine Wahrheit gäbe, wäre damit auch die Motivation weg und es gäbe nichts was sich zu erforschen lohnt.

    Die Existenz von Wahrheit grundsätzlich in Frage zu stellen heisst eigentlich alles in Frage zu stellen was ausserhalb einem selbst und ausserhalb der Gesellschaft, in der man lebt, existiert.

  12. Peter

    Wir leben / vegetieren im geistigen Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ (UNSER erster und bisher einzige GEISTIGE Evolutionssprung), in konfusionierender Überproduktion von systemrational heuchlerisch-verlogenem KOMMUNIKATIONSMÜLL im „Recht des Stärkeren“ (der Tanz um den heißen Brei) – die Kraft und somit die organisatorischen Möglichkeiten unseres Geistes werden in teils LOGISCH brutal-egoisierendem „Individualbewußtsein“ vergeudet (nur Stumpf-, Blöd- und Wahnsinnige halten dies für ein Phänomen, „wundern“ sich und suchen genetische Ursachen), wo geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein den FREIEN WILLEN und ein einzig menschenwürdiges System des Zusammenlebens bewirken könnte.

    Die Feind- und gebildeten Zerrbilder zwischen Sozialismus und „Christentum“ sind SYSTEMRATIONAL idiotisch / entmenschlichend, denn beide Seiten gehören vom Sinn her fusioniert, für eine gemeinsam verändernde Sprache der beschriebenen Wahrheit, OHNE die geringste Kompromissbereitschaft zum System der Hierarchie in materialistischer „Absicherung“ – er hat sich offenbar weder als Reformator oder Sozialist bezeichnet, aber Jesus war aus Kenntnis der ihn umgebenen Bewußtseinsschwäche mit Machtgelüsten ziemlich sicher auch kein Religionsgründer 😉

    Wird es nicht Zeit für die Entwicklung eines fusionierenden Zentralbewußtseins im Sinne / Ebenbild der Schöpfung – „… wie im Himmel, also auch auf Erden.“?

  13. Wahrheit

    Ein großes Problem scheint doch zu sein, dass Sprache auch nur als Modell funktioniert. Sprache kann also nie alles in Vollständigkeit erklären, weil der Zugang zur „Ganzheit“ fehlt. Dieser funktionale Teil der Sprache findet sich ja grundsätzlich in Systemen wieder, deren Grundlagen axiomatisch begründet sind und zwangsläufig auf Trennung beruhen.
    Mal abgesehen von den einfachen Lauten, die eine Hinweis- und Warnfunktion haben, ist eine in Systeme gepresste wissenschaftliche Sprache, dazu zähle ich dann auch die Mathematik, lediglich künstlich begründet. Wahrheit hat dort m. E. nichts verloren. Es scheint also immer die Frage zu sein, ob die Messergebnisse oder Entwicklungen noch zur Theorie passen. Physik und Mathematik basieren z.B. auf Funktion. Eine Wahrheit innerhalb der Funktion zu suchen erscheint mir müßig.

    Wahrheit ist auch immer eine Frage des Glaubens. Glaube ich den axiomatischen Grundlagen, kann ich die Ergebnisse auch als Wahrheit interpretieren.

  14. @ Horst 52

    Was Sie schildern, hat ja nichts mit Wahrheit zu tun, sondern eher mit Ergebnissen gesellschaftlicher Handlungsweisen.

    Dieses „Zentralbewusstsein“ wird dann funktionieren, wenn sich jeder an ein vorgegebenes System hält.

    Wie soll das glücken? Ausgehend davon, dass es mittlerweile 7 Mrd. Menschen gibt, bedeutet dies, dass es auch 7 Mrd. unterschiedliche Interessen existieren. Das zu koordinieren ist eher eine politische Angelegenheit, als eine Suche nach der Wahrheit.

  15. @Martin Holzherr

    Die Naturwissenschaften machen bei genauer Betrachtung überhaupt keine wahren oder falschen Aussagen über die Natur, sie machen bestenfalls nur mehr oder weniger brauchbare Aussagen über das, was in einer bestimmten Situation beobachet oder gemessen werden sollte. Und was Brauchbarkeit dabei bedeutet, hängt u.a. vom jeweiligen Problem ab. Newtons Gravitationsgesetz ist z.B. hinreichend brauchbar, um eine Raumsonde mit beeindruckender Genauigkeit zum Saturn zu expedieren und dort Aktionen ausführen zu lassen. Dabei erscheint dann die Frage, ob dieses Gravitationsgesetz nun wahr oder falsch ist, der Sache nicht sehr angemessen.

    Wahrheit ist ein semantisches Konzept, wobei, grob gesagt, sprachlichen Aussagen eine Interpretation zugeschrieben wird. In den Naturwissenschaften läuft es wohl stets irgendwie darauf hinaus, wie gut vorhergesagte Werte und emprisch ermittelte Werte zueinander passen. So gelangt man zu einer etwas diffusen Vorstellung von naturwiss. Wahrheit, die auf andere Lebenbereiche nicht generell übertragbar ist. Ob der Wahrheitsbegriff in den Naturwiss. generell widerspruchsfrei gebraucht wird, bleibt offen (und das darf auch bezweifelt werden, da keine strikten Regeln für seinen Gebrauch vorgegeben sind).

  16. @Chrys: Wahrheit kann Tautologie sein

    Sie scheinen mir auf einen Wahrheitsbegriff zuzusteuern, der mit der erfahrbaren Welt wenig zu tun hat.
    Wahheit gibt es ja auch in der Mathematik: So können mathematische Sätze wahr oder falsch sein. Wahr sind sie, wenn sie auf die Axiome zurückgeführt werden können. Doch durch diese (automatisierbare) Rückführung sind mathematische Sätze letzlich Tautologien. Sie decken also nichts wirklich neues auf.
    Für mich ist der Wahrheitsbegriff auch zu eng gefasst, wenn man ihn auf Sätze aus der menschlichen Sprache beschränkt wie das der von ihnen zitierte Alfred Tarski macht.

    Der Titel dieses Beitrags „Vom gefühlsmäßigen Erfassen einer Wahrheit“ lässt ja schon eine bestimmte Erwartung aufkommen: Der Forscher erfasst oder erkennt die Wahrheit als eine Art Offenbarung, die ihn weiterbringt. Es geht also um weit mehr als eine wahre oder falsche Aussage. Es geht um eine weiterführende Aussage, die zugleich auch noch wahr ist. Man muss bei diesem Wahrheitsbegriff eher an das Bibelwort „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ denken und nicht an Sprachartistik oder mathematische Tautologien.

  17. @Martin Holzherr

    »Wahheit gibt es ja auch in der Mathematik: So können mathematische Sätze wahr oder falsch sein. Wahr sind sie, wenn sie auf die Axiome zurückgeführt werden können.«

    Aussagen, die sich auf Axiome zurückführen lassen, heissen beweisbar, und das betrifft die Syntax eines formalen Kalküls, nicht deren Semantik. Wahrheitswerte werden einer Aussage erst im Rahmen der Semantik zugeordnet, durch eine Interpretation. Dabei interessieren speziell diejenigen Interpretationen, wo die Axiome und daraus erhaltenen Formeln wahr sind. Wenn dann alle wahren Aussagen eines Kalküls auch beweisbar sind, dann heisst der Kalkül vollständig. Aber nach Gödel gilt das bekanntlich nicht immer.

    Die Wahrheit schlechthin, als ein „Ding an sich“, ist logisch unsinnig. Der Begriff erfährt immer erst innerhalb eines gegebenen sprachlichen Kontextes eine Bedeutung, und dann stellt sich die Frage danach, ob er dort klar definiert oder zumindest konsistent verwendet wird. Meistens wird es unlogisch, wenn die Leute anfangen, von Wahrheit zu reden. Und was manche Philosphen glauben, vielleicht gefühlsmässig als Wahrheit erkennen zu können, ist mit dem Wahrheitsbegriff der formalen Logik wohl schwerlich vereinbar, und es bleibt unklar, was die überhaupt damit sagen wollen. Offenbar werden die sich darüber ja nicht einmal untereinander einig.

  18. In der praktischen Diskussion gewinnt aber oft derjenige, der ein Thema als erstes mit einer plausiblen Erklärung besetzt. Dies kriegt man aber am schnellsten mit Intuition zustande, mit der Erfahrung, welche Wahrheiten das Publikum bewegen.

  19. Dieses gefühl, wie sie meinen zu haben… oder was da sei, ist für mich eng verwandt oder gar gleich mit der Strategie der „ästhetischen Lösung“. Wer in seiner Erkenntnis eine Ästhetik einen Einfluß einräumt, kann diese wiederum nur über ein Gefühl erkennen.

    Das ist aber gefährlich, meine ich. Dieser „ästhetischen Lösung“ darf man keinen hohen Stellenwert einräumen. Es mag reizend sein, einer solchen dabei aufkeimenden Lösung zu suchen und zu forschen, aber ein alleiniges Kriterium darf sie auf keinen Fall sein. Es fragt sich aber immer nur, welche Motivation einer hat, um weiter zu forschen, wenn er schon diese „ästhetische Lösung“ gefunden hat (zu haben scheint)…?

    Man kann es auch eine funktionale Grundlage von Fundamentalismus nennen, was sich da ereignet. „Ästhetik“ vernebelt einem das Bewusstsein und ergibt im Zweifel nicht das richtige Ergebnis.
    Wahrehit ist auch nicht von ihrer „Schönheit“ abhängig. Jedoch kan man sich an „Wahrheiten“ gewöhnen, dass man dadurch ein Gefühl genereriert…! sie ist dann „schön“ dadurch, dass man sie aufgrund von guter Kenntnis auch gut integrieren kann.

    Ansonsten stellt eine solche ästhetische Wahrheit natürlich einen ganz besonderen Motivationsfaktor dar, der in einem besonderes Potential und Muße verschaffen kann. Man ist dabei aber eben nicht zwingend auf dem richtigen Weg.

    Zitat:
    „Im Grunde sind ja unsere Wissenschaften auch Geschichten, die wir erfunden haben.“

    -> Das hören aber viele nicht gerne. Das man bei den Wissenschaften faktisch die Natur beobachtet und darin wichtige Grundfunktionen erkennen wird, ist dabei ebenso ein Hinweis darauf, wie sich anderer Art Geschichten entwickeln konnten. Etwa Homers troja-Epos. Aus dem „Nichts“ – also völlig ohne Vorbild kann eine solche zusammenhängende Erzählung nicht entstanden sein – es gab ein/viele Vorbilder im jeweiligen Umfeld des Autors, die verwendet wurden. So ist es also eigendlich keine „Erfindung“, sondern eine „Entdeckung“ höchstens; oder „Übersetzung“. Denn es war vorher schon da – nur nicht in Worte verfasst.

    Es braucht also immer eine gute Beobachtung und dann die Interpretation des beobachteten. Und in beiden Schritten ist das „Gefühl“ dabei insofern ein Faktor, dass es uns motiviert – nicht dafür, dass es uns zwangsläufig auf den richtigen Weg leitet.

    Zitat:
    „Man rühme sich dabei, dass die Erkenntnis nicht Sache der Arbeit sondern die einer Schöpfung sei,…“

    -> Jaja, … Gefühle seien wohl tatsächlich mit Gottes Hand zu erklären. Dahingehend hat Nelson wohl recht. Und… vielleicht muß man sich einmal mehr mit Gefühlen befassen, damit man sich der Ursache derer gewiss wird…!?

  20. Wahrheit…?

    @ Horst 52 16.09.2012
    @ Peter 16.09.2012, 13:48

    „Was soll das für eine Wahrheit sein, die keiner wissen will?“

    -> Die Wahrheit über sich selbst. Niemand wird sich in voller Breite seiner eigenen Wahrheit stellen, wenn er noch Möglichkeit hat, sich dieser zu entziehen. Und die heutige Wirklichkeit und dessen Alltag gibt uns (aus einem gewissen Grund) genug Ausweichmöglichekiten dazu.

    Jetzt mag man einwenden, dass nicht gewiss sei, dass hinter der uns bekannten Wahrheit eine weitere stehen würde. Es ist halt zu einfach, sich seine eigenen Wahrheit einzubilden. Und irgendwie ist es auch in jedem Fall eine Wahrheit, auch, wenn sie nicht die ganze Wahrheit sei. Wir können mit einer fehlerhaften Wahrheit nicht leben – aber mit einer unvollständigen geht es gut. Und man lässt uns aus gutem Grund in dieser Unvollständigkeit leben. Des einen Mangel ist eben des anderen Vorteil (im Zweifel), weswegen sich hier alles gut ergänzt.

    Und … natürlich wollten alle die Wahrheit wissen. Sie würden sie aber nicht erkennen, wenn sie vor ihr stehen würden. Es besteht mindestens ein Interpretationsproblem – ich schaue die Wahrheit an, erkenne sie aber nicht, weil ich keinen Bezug zu ihr habe. Wir Konfabulieren quasi täglich und sind deswegen auch sehr gut darin. Das hat auch viel mit „ästhetischer Lösung“ zu tun.
    Ausserdem benötigt es zur Demonstration einer Wahrheit eine gewisse kritische Masse an Vertreteren oder/und Lobby, dass man sie überhaupt artikulieren kann. Fehlende Begrffe und Bedeutungen sind auch noch zu beklagen, womit das Aussprechen/Vermitteln von Wahrheit zudem erschwehrt wird.

  21. @Martin Holzherr et al.

    Vielleicht noch ein preiswerter Lesetip:

    Peter Janich. Was ist Wahrheit? C.H. Beck, 3. Aufl. 2005 [Link]

    Kann leider auch nicht viel zu dem Büchlein sagen, da nicht selber gelesen. Janich scheint aber einiges zum Wahrheitsbegriff bei Tarski, in der Wissenschaft, im Alltag, etc. zu haben (Davidson erscheint nur in der Bibliographie, der ist wohl eher was für fortgeschrittene Semester).

  22. Leben OHNE Steuern, „Sozial“-Vers., usw.

    @Peter

    Unsere „gesellschaftlichen Handlungsweisen“ sind ENTMENSCHLICHEND ausgerichtet auf die multischizophrene „Vernunft“ der MATERIALISTISCHEN WAHRHEITEN, von links nach rechts – Wettbewerb um „Werte“, wo es immer nur Verlierer / Dumme in gleichermaßen Bewußtseinsschwäche von Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“ auf Sündenbocksuche gibt.

    Wenn die Grundbedürfnisse GLOBAL ohne den machtvollen Druck der materialistischen Wahrheiten geregelt und somit in eindeutiger Wahrheit / zweifelsfreier Wertigkeit funktionieren, auf der Basis eines bedingungslosen / unkorrumpierbaren MENSCHENRECHTS auf Nahrung, Wohnen und Gesundheit, mit allen daraus einzig menschenwürdig resultierenden Konsequenzen und Möglichkeiten, ist auch das politische Marionettentheater der leichtfertig delegierten Verantwortungslosigkeit beendet – das System ist schon seit über 2000 Jahren deutlich vorgegeben, trotz der Konfusionierung in Institutionen des intriganten Systems.

    Sprache ist immernoch nur der Anfang zu einer Kommunikation des Geistes die wir als Telepathie auch nur oberflächlich erahnen und systematisch unterdrücken (sicher wohl hauptsächlich aus Angst vor der dann sichtbaren Wahrheit unserer Gedanken!?) – für alles haben wir bisher nur material. Krücken auf Umwegen entwickelt.

  23. Intuition / Wahrheit / Phänomenologie

    Lieber Herr Honerkamp,

    vielleicht wäre es sinnvoll, sich bei den Vertretern der Phänomenologie selbst einen Eindruck davon zu verschaffen, was sie unter „Intuition“ verstehen. Mit „gefühlsmäßigem Erfassen“ hat das nämlich nichts zu tun. Vielmehr ist es eine Methode, an einem Gegenstand der Betrachtung das zu finden, was notwendig so sein muss, damit der Gegenstand als das angesehen werden kann, als das er bezeichnet wird. Intuition ist, kurz gesagt, das Schließen von einem Gegenstand auf das, was ihn wesentlich ausmacht. Husserl hat seine phänomenologische Methode entwickelt, um z.B. ein Verständnis von „Bewusstsein“ zu entwickeln. Sie können Ihre eigene Erfahrung von Bewusstsein nehmen um sich darüber klar zu werden, was notwendig zum Bewusstsein gehört, was es sozusagen ausmacht, damit der Begriff des Bewusstseins überhaupt verständlich verwendet wird. Die Methode ist Intuition, das hat mit „gefühlsmäßig“ nichts zu tun.

    Ähnlich ist es mit dem Begriff der „Wahrheit“ bei Heidegger, da genügen keine Satzfragmente, um das zu verstehen. Zur Wahrheit kommt man nach Heidegger durch Freilegung, Wegräumen von Verstellungen, Verschüttungen, dann scheint das Phänomen von sich aus, was Heidegger dann als „Lichtung“ bezeichnet, ein Wort, das gleichermaßen einen Prozess wie einen Zustand ausdrückt. Dazu hat Heidegger die Methode der phänomenologischen Analyse (Destruktion und Konstruktion) entwickelt und immer wieder vorgeführt.

    Man muss die phänomenologische Methode nicht akzeptieren, schon gar nicht nutzen, aber wenn man darüber schreibt und urteilt, finde ich, muss man sie sich im Original angesehen und auch in gewissem Umfang verstanden haben.

  24. @Gnadl

    Sehr geehrter Herr Gnadl,
    Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich von der Geschichte nichts halte: Zuviel Annahmen, die weit hergeholt sind.

  25. @Elmar Diederichs

    „Beschreiben ist das Ziel seiner Phänomenologie, nicht aber eine Art von Erklärung.“
    Da habe ich aber schon etwas anderes gehört. Was ist nun wahr?
    „Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Ansichten über die Arbeit von Philosophen haben, aber sie haben wenig mit der Realität zu tun.“
    Na, z.B. von den Artikeln aus dem ersten Link, den Sie angeben und aus anderer Lektüre. Bei Nelson fand ich dann explizit die Rede vom Gefühl und war schließlich auch erfreut, dass ich das alles noch ausführlicher bei Schnädelbach fand. Den Abschnitt habe ich zur Vorsicht aber noch: „Wahrheitsgefühl bei Philosophen in der Kritik von Philosophen“ genannt.
    Sie sind also dezidiert anderer Meinung als Nelson und Schnädelbach. Das überrascht mich nicht, Wahrnehmung und Rezeption können verschieden sein.

  26. Josef Honerkamp @Gnadl
    18.09.2012, 22:09

    „Sehr geehrter Herr Gnadl,
    Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich von der Geschichte nichts halte: Zuviel Annahmen, die weit hergeholt sind.“

    -> Mir ist aber auf Anhieb einiges dazu eingefallen. Bin ich nun genial oder nicht mehr zu retten?
    Dass sie weit hergeholt sind, will ich nicht bestreiten – auch die vielen Annahmen… die allerdings nötig sind, weil anderweitig sich nichts befindet, was dergleichen brauchbar sei.

  27. @Jörg Friedrich

    Ich scheine bei Ihnen ja einen Nerv getroffen zu haben. Es ist wahr, dass ich „Gefühl“, „Intuition“ und „als evident erscheinend“ synonym verwende. Sie scheinen ein anderes Gefühl für das Wort „Gefühl“ zu haben. Ich finde aber, es klingt nicht profan oder abwertend, so dass es auch für Ihre „Intuition“ oder das „klar werden“ stehen kann. Selbst „richtige“ Philosophen sehen das so (siehe Zitate).
    Im übrigen sind Sie etwas fix mit Ihren Schlüssen aus dem Gebrauch eines Zitats.

  28. Widerspruch

    (In der Hoffnung, dass meine Kritik als konstruktiv aufgenommen wird.)

    „Bei den meisten scheint sich die Meinung durchgesetzt zu haben, dass sowohl rational-deduktive Argumentationsstränge wie auch empirische Tatsachen vonnöten sind, um zu überzeugenden Erkenntnissen zu kommen.“

    Aber hier stellt sich die Frage, wie die „empirischen Tatsachen“ zu interpretieren sind. Erst da tritt der moderne Rationalismus auf den Plan (wenn der alte Rationalismus denn wirklich so eine Sekte des reinen Denkens war, wie er immer dargestellt wird!).
    Und zwar (in seinen weitläufigsten Formen) mit der Behauptung, dass sich eine bestimmte Interpretation der Messergebnisse „von allein“ ergeben würde.

    „Der kritische Rationalismus hat diese Methode, die zu verlässlichem Wissen über die Natur führen konnte, analysiert und zum Programm erhoben“

    Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass der „Kritische Rationalismus“ (Großschreibung, weil es sich um einen Eigennamen handelt) in diesen Zusammenhang (meines Wissens, in dem Fall aus 2. Hand) von einer „irrationalen Entscheidung für die Vernunft“ spricht. Könnte sich dahinter vielleicht wieder die sogenannte „Intuition“ verbergen?

    Tatsache ist, dass der Kritische Rationalismus ebenfalls eine philosophische Position ist, die als solche nicht von allen praktisch arbeitenden Wissenschaftlern geteilt wird. Geschweige denn von allen Philosophen.

    „Jede noch so stringente Kette von Argumenten sollte sich ja auf irgendetwas stützen können – je mehr Pfeiler, die mit dem Boden der Tatsachen verbunden sind, dies sind, um so besser. In den Naturwissenschaften ist die Anzahl solcher Stützen besonders groß, die Nachprüfbarkeit immer gegeben.“

    Aber um die Sützpfeiler zu finden, muss man zunächst nach ihnen suchen. Eine Theorie, die von niemanden geglaubt wird, z. B. weil sie scheinbar oder tatsächlich anderen Stützpfeilern widerspricht, hat bei der Suche nach Stützpfeilern schlechtere Karten als eine bereits etablierte und wohlbekannte Theorie.
    Auch dazu gibt es in der Geschichte der Wissenschaften Beispiele. Beispiele, denen die Wissenschaften teilweise ihr gegenwärtiges Aussehen verdanken.

  29. @Honerkamp: Momentchen …..

    Leider muß man sagen, daß die meisten Veröffentlichungen in der Philosophie mehr als fragwürdige Inhalte vermitteln. Man kann daher AUF KEINEN FALL einfach irgendein Buch lesen, und glauben, daß man etwas Richtiges finden und vielleicht auch noch in einem zweiten Buch dasselbe finden würde. Das ist zwar auch bei den Physikern nicht immer so, aber die Abweichungen bleiben halbwegs im Rahmen. NICHT so in der Philosophie. Abgesehen davon, daß man Originalarbeiten und selbst lesen und selbst denken muß, braucht man daher in der Tat jemanden, der behilflich ist, Unsinn von halbwegs sinnvollen und zuverlässigen Texten zu unterscheiden.

    An diesem Sachverhalt gibt es auch nichts zu deuteln: Eine intelligente und sorgfältige Arbeit über Heidegger finden sie auch hier:
    http://www.amazon.de/…-Philosophie/dp/3110202948

    Obwohl ich eher Analytiker und keinesfalls Experte für Heidegger bin, sehe ich sehe mir die Artikel gleich mal selbst an und melde mich noch mal zurück, wenn ich etwas Brauchbares gefunden habe.

    In Bezug auf den Wahrheitsbegriff bietet immer noch das schon ältere Buch von Gunnar Skirrbeck „Wahrheitstheorien“ einen guten Überblick – für den Einstieg. Was sich da in den letzten Jahren getan hat, muß ich mir rasch mal ansehen.

  30. @Honerkamp: Heidegger

    „Leonard Nelson, Typische Denkfehler in der Philosophie“

    ist übrigens eine Nachschrift von 1921. Da darf man sich nicht wundern: Zu dieser überrollte eine Revolution die Philosophie, die ähnlich wichtig war, wie die Einführung der Matrizenmechanik – in beiden Fällen war das nur der Anfang. Zu diesem Thema kann man das Buch von Michael Dummett lesen: „Ursprünge der Analytischen Phhilosphie“ – leicht Geschriebenes von einem Vollprofi.

    Zu Heidegger würde ich nach kurzer Prüfung mit „Tugendhat, E., 1967, Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger“ anfangen. Tugendhat ist längst emeritiert, ist in den 70igern/80iger als Analytiker groß rausgekommen und hat mit den „Vorlesungen zur Einführung in die Sprachphhilosophie“ einen der wichtigsten deutschen Beiträge auf diesem Gebiet abgeliefert: ein kluger Kopf.

    Ob in dem plato.stanford.edu-Artikel von Wheeler (eigentlich ein bekannter Name) wirklich das von Ihnen Behauptete steht, habe ich natürlich nicht nachgeprüft.

    Ich hoffe, das hat Ihnen erst mal weitergeholfen.

  31. Philosophie

    „Nicht Mangel an Geist, sondern ein Geist*, der sich ununterbrochen selbst gegenwärtig ist, eine Ausgeglichenheit gegen die nichts und niemand ankommt. Die Menschen reden, die Karawane zieht vorüber: Die Dummheit erkennt man an jenem ruhigen Fortschreiten eines Wesens, das Worte von aussen weder ablenken noch berühren können. Sie ist nicht das Gegenteil der Intelligenz, sondern jene Form der Intellektualität, die alles auf ihr eigenes Maß zurechtstutzt und jeden Anfang in einem vertrauten Vorgang auflöst. Der Dummheit ist nichts menschliches jemals fremd; die macht – über die Lächerlichkeit hinaus – ihre unerschütterliche Kraft und ihre mögliche Grausamkeit aus.“ (Alain Finkielkraut)

    *Zeitgeist / Bewußtsein ??

    Ich finde dieses Zitat beschreibt hervorragend und absolut treffend den kreislaufenden Zustand der menschlichen Existenz.

  32. Selber Denken

    „Abgesehen davon, daß man Originalarbeiten und selbst lesen und selbst denken muß, braucht man daher in der Tat jemanden, der behilflich ist, Unsinn von halbwegs sinnvollen und zuverlässigen Texten zu unterscheiden.“

    Ich denke, in diesem Falle würde ich aber auch auf eine dritte Person bestehen, die diesen jemand, der mir den Unsinn vom Sinn trennt, wiederum überprüft!

    Dass in der Philosophie das Meinungsspektrum insgesamt wesentlich heterogener sein dürfte als im Bereich der Physik ist natürlich klar. Das ergibt sich wahrscheinlich schon aus dem Gegenstand: Philosophen behandeln so unterschiedliche Themen wie „Wir erlangen wir Erkenntnis?“/“Wie sollen wir Wissenschaft betreiben?“, „Wie muss ein idealer Staat organisiert sein?“/“Was sollen wir zur Verbesserung unserer Gesellschaft tun?“ über Glaubensfragen bis zum evergreen „Liebe“.
    In der Physik dagegen ist das Widerspruchspotential eingeschränkter. Dort geht es nur um Bewegung, woher kommt die Welt usw., alles Fragen, die zwar wichtig sind, die aber viele Menschen überhaupt nicht interessieren und bei deren Erörterung emotionale Aspekte eine weniger große Rolle spielen.

    Aber wenn man die „Exzentriker“ unter den Physikern (insbesondere in der Spitzenforschung!) miteinbezieht, dann bekommt man auch dort ein sehr beachtliches, uneinheitliches Spektrum geboten. Auch wenn die wohl nicht so zahlreich sind wie die Philosophen

  33. @Wegdenker

    – Können Sie ausgraben, wo und wie die „irrationale Entscheidung für die Vernunft“ vorkommt?
    – „Tatsache ist, dass der Kritische Rationalismus ebenfalls eine philosophische Position ist, die als solche nicht von allen praktisch arbeitenden Wissenschaftlern geteilt wird. Geschweige denn von allen Philosophen.“
    Ja, in der Tat: Man ist oft zu verliebt in seine Denkgewohnheiten. Die Praxis des Kritischen Rationalismus mit ihrem Fallibilismus ist eher ein Ideal für die, die diese Position vertreten.
    – „Ich denke, in diesem Falle würde ich aber auch auf eine dritte Person bestehen, die diesen jemand, der mir den Unsinn vom Sinn trennt, wiederum überprüft!“
    Ja, und auf eine vierte vielleicht auch, usw., wenn man sich überhaupt auf „Autoritäten“ verlassen will.

  34. irrationale Entscheidung für Vernunft

    Popper, Offene Gesellschaft, 24. Kapitel

    „…es steht uns…frei, eine kritische Form des Rationalismus zu wählen, eine Form, die offen ihre Grenzen zugibt, die zugibt, daß sie auf einer irrationalen Entscheidung beruht (und die in diesem Ausmaß auch eine gewisse Priorität des Irrationalismus anerkennt).“

    „Das heißt, daß man zuerst eine rationale Einstellung annehmen muß und daß erst dann Argumente oder Erfahrungen Beachtung finden werden; woraus folgt, daß jene Einstellung nicht selbst auf Argumente und Erfahrungen gegründet werden kann…Es zeigt sich also, daß die rationalistische Einstellung keinesfalls auf Argumente und Erfahrungen gegründet werden kann und daß ein umfassender Rationalismus unhaltbar ist.“

  35. @Jürgen Bolt

    Vielen Dank, wunderbar! Genau so verstehe ich es: Jeder Ansatz ist Gefühl, Intuition,als evident erscheindend oder gar auch als irrational zu bezeichnen und bildet einen Plot für eine „Geschichte“. Es kommt nun darauf an, wie man damit umgeht: Fallibilismus oder nicht.

  36. Relativ sicher

    „Sollen wir uns da ganz verunsichern lassen oder einfach alles gelten lassen?“

    Verunsichern lassen: Ja; alles Gelten lassen: Nein.

    „Um nicht in einen völligen Relativismus zu verfallen […]“

    Warum sollte man denn dem Relativismus nicht verfallen? Relativismus heißt nicht Beliebigkeit. Mittels der Rationalität lässt sich immerhin eine innere Kohärenz jedes Glaubenssystems überprüfen. Falls diese nicht gegeben ist, dann hat man theoretisch immer noch zwei Alternativen. Wenn man unbedingt am betrachteten System festhalten möchte, kann man einfach die Logik suspendieren (eine häufig gewählte Variante). Falls Kohärenz aber gegeben ist, was zeichnet dann ein System vor allen anderen aus, z.B. das der Wissenschaften, vor einigen, zumindest in sich stimmigen Religionen oder esoterischen Systemen?

    „[…] je mehr Pfeiler, die mit dem Boden der Tatsachen verbunden sind […]“

    Welche vermeintliche Sicherheit wollen Sie uns mit dieser Metapher vorgaukeln. Tatsachen, ich nehme mal an, das sind Dinger in der postulierten Wirklichkeit, sollen einen Boden ergeben, ein sicheres Fundament für Pfeiler unserer wissenschaftlichen Theorien? Wie könnte denn da eine stabile Verbindung zustande kommen? Über Empirie, über Protokoll- oder Basissätze, mit Hilfe der Induktion zu Allaussagen aufgebläht? Das sind doch gescheiterte wissenschaftsphilosophische Projekte.

    Die erwähnten Pfeiler können statt dessen immer nur auf Sand, Treibsand oder Instabilerem errichtet werden. Oder anders gesagt, selbst wenn es so einen Boden gäbe, scheint es in der Welt, in der wir leben, sichergestellt zu sein, dass Pfeiler, auf deren einen Seite wir unsere (wissenschaftlichen Theorie-) Gebäude errichten, diesen sicheren Boden auf der anderen Seite nie erreichen könnten.

    Wenn man die Realität metaphorisch als Weltmeer betrachtet, in das wir Menschen geboren werden, dann mag der eine sich intuitiv an das nächstbeste Treibgut klammern, seine persönliche esoterische Weltanschauung, der andere in ein heimeliges Boot einer Religion klettern, oder wieder andere in das nur wenig schwankende Schiff der Wissenschaft begeben. Gemeinsam ist uns:

    Wir sind alle am Schwimmen.

    „Für einen Naturwissenschaftler ist es nicht nachzuvollziehen, wie man eine solche starke Meinung von seiner Intuition bzw. Einbildung haben kann.“

    Das könnte daran liegen, dass die Naturwissenschaftler sich ihrer eigenen Intuitionen nicht bewusst sind, sie oftmals ihr eigenes Tun nur unzureichend reflektieren. Sie nehmen ihre eigene Intuitionen gar nicht mehr als solche wahr. So äußern sie häufig die Meinung, mit ihren Theorien würde die Realität (oder zumindest relevante Aspekte davon) erfasst, und verwenden dann den Begriff „offensichtlich“ in ihren Aussagen, dass dem so ist. Ein Beispiel von Ihnen:

    „Einen Umgang, mit dem man offensichtlich zu verlässlichen und für alle akzeptablen Lösungen kommt, machen uns die Wissenschaften vor.“

    Tatsächlich kann hier mit „verlässlich“ nur das im Sinne der Wissenschaft Verlässliche gemeint sein, der mit ihren Methoden vermessene und beurteilte Sachverhalt. Man muss die Naturwissenschaft schon akzeptiert haben, um auch ihre Ergebnisse zu akzeptieren. Das ist doch offensichtlich, oder?

  37. Welt- und „Werteordnung“

    Avi Primor (Publizist und ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland) hat sich zu den gewalttätigen Demonstrationen aufgrund der Schmähvideos ungefähr so geäußert: „Die religiösen Gefühle der Moslems zeigen sich nun so, weil es den Menschen in den arabischen Ländern zunehmend schlechter geht“ – das ist doch wohl schon mehr als nur das gefühlsmäßige Erfassen einer Wahrheit, über die man genau so deutlich reden muß!?

  38. @Joker

    – „Über Empirie, über Protokoll- oder Basissätze, mit Hilfe der Induktion zu Allaussagen aufgebläht?“ An welche zu Allaussagen aufgeblähte Protokoll-oder Basissätze denken Sie da?
    – „Man muss die Naturwissenschaft schon akzeptiert haben, um auch ihre Ergebnisse zu akzeptieren.“
    Sie müssen die Naturwissenschaften ja nicht lieben, aber ohne ihre Ergebnisse zu akzeptieren, können Sie heute kaum mehr leben. Sie würden keinen elektrischen Strom benutzen, nur mit der Pferdekutsche fahren und nicht meinen Blogbeitrag lesen können (was sicher am einfachsten zu verschmerzen wäre). Unsere technischen Geräte machen offensichtlich, dass unsere Theorien die Realität erfassen. Die Relationen zwischen den Dingen werden dabei verlässlich in Form mathematischer Beziehungen erfasst, da „schwimmen“ wir nicht. Der ontische Charakter der Dinge selbst kann sich allerdings im Laufe der Entwicklung wandeln (siehe „Über das Entstehen physikalischer Theorien“ 15.11.2010, oder „Strukturenrealismus und Evolution“, 2.8.2011)

  39. An Bord

    „Sie müssen die Naturwissenschaften ja nicht lieben“

    Ich liebe die Naturwissenschaften, ich bin mit an Bord des Schiffes. Aber deswegen muss ich meine Liebe doch nicht gleich zu einer allmächtigen, allwissenden Gottheit verklären. Dann könnte ich mich ja auch ebensogut wieder in ein Religionsboot abseilen. Die Naturwissenschaft hat Grenzen und Schwächen. Es tut meiner Liebe zu ihr keinen Abbruch, wenn ich diese kenne, und diese Grenzen und Schwächen auch öffentlich be-kenne.

    Mit Metaphern muss ich noch üben. Das Meer, von dem ich das letzte mal sprach, in das wir geboren werden, und auf dem die Boote und Schiffe schwimmen, ist auf jeden Fall nicht das Analogon zur Realität. Es ist eher die phänomenologische oder epistemische Welt, in der wir verzweifelt auf Suche nach Halt und Gewissheit sind.

    „Die Relationen zwischen den Dingen werden dabei verlässlich in Form mathematischer Beziehungen erfasst, da „schwimmen“ wir nicht.“

    An Bord des Schiffes schwimmen sie nicht, richtig. Aber das Schiff schwimmt.

    Eine Schwäche der Naturwissenschaften, die sich nicht wegdiskutieren lässt, ist, die Verankerung ihrer Theorien in der Realität. Man kann darüber spekulieren und philosophieren, ob sich die Pfeiler (die wissenschaftliche Theorien) dem Boden der Tatsachen (der Realität, bzw. der Wahrheit) annähern, ob einige ihn gar schon erreicht haben, oder ob dieser nicht doch etwas Unerreichbares, etwas Tieferes ist. Es ist aber weder empirisch noch theoretisch möglich, zu überprüfen wo genau die Pfeiler enden. Das gesteht ja auch der Kritische Rationalismus zu. Und diese, durch nichts zum Verschwinden bringende Unsicherheit meinte ich, als ich sagte, wir alle schwimmen.

    Es könnte sehr wohl sein, dass unsere Theorien zwar einerseits hilfreich für unser Überleben sind, besser wie nichts, aber andererseits von der Realität noch nicht mal Ansatzweise etwas erfasst haben. Wenn es weder empirisch noch theoretisch möglich ist, absolute Gewissheit zu erlangen, woher stammt diese dann bei Ihnen, wenn Sie jetzt nochmal betonen, „Unsere technischen Geräte machen offensichtlich, dass unsere Theorien die Realität erfassen.“?

    Ich behaupte, die Quelle ist Ihre Intuition. Was da passiert, ist das gefühlsmäßige Erfassen einer Wahrheit.

  40. Ich vergaß:

    „An welche zu Allaussagen aufgeblähte Protokoll- oder Basissätze denken Sie da?“

    Ich denke dabei an die Protokollsätze des Wiener Kreises und an die Basissätze, von denen Popper spricht.

  41. @Josef Honerkamp

    „Unsere technischen Geräte machen offensichtlich, dass unsere Theorien die Realität erfassen.“

    Die Aussage ist, so wie sie da steht, definitiv falsch. Es gibt sehr wohl Techniken, die auf der Basis einer heute widerlegten Theorie entwickelt wurden und sie funktionieren heute größtenteils noch genauso wie sie vor Entwicklung der Theorie funktioniert haben.

    Falls Sie jetzt darauf hinauswollen, dass „die Naturwissenschaften“ dennoch richtig liegen, dann muss man ihnen vielleicht zustimmen, aber die Aussage ist extrem wage und erklärungsbedürftig.
    Was sollen denn jetzt „die Naturwissenschaften“ sein?
    Wie ich schon weiter oben schrieb, gibt es weder unter Wissenschafsphilosophen/Wissenschaftsforschern noch unter den Naturwissenschaftlern selbst einen definitiven Konsens darüber, dass der Fallibilismus – auf den Sie ja in Ihren Artikel hinauswollten – das naturwissenschaftliche Arbeiten korrekt beschreibt.
    Manche Leute haben auch sehr intelligente andere Vorstellungen zu diesem Thema.

  42. Angelina

    „Jesus:“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Amen.“

    Nur ist es den „individualbewußten“ Profitlern und Heuchlern stets ein Leichtes gewesen, den Weg, die Wahrheit und das Leben des Jesus konfusionierend zu vermarkten – übrig bleibt da nur der Weg, die Wahrheit und das Leben in einer Sündenbockfunktion, wo kompromisslos-konsequent geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein entstehen sollte!!!

  43. @Joker

    – „Ich denke dabei an die Protokollsätze des Wiener Kreises und an die Basissätze, von denen Popper spricht.“
    Und wo sind die Allsätze in den Naturwissenschaften? In der Physik jedenfalls werden nur Aussagen im Rahmen einer Theorie gemacht. Und von der weiß man, dass sie einen Gültigkeitsbereich hat, den man allerdings nicht immer genau kennt.
    – „Es (d.h. das Meer) ist eher die phänomenologische oder epistemische Welt, in der wir verzweifelt auf Suche nach Halt und Gewissheit sind. “ So verzweifelt müssen wir doch nicht sein. Unsere Relationen zwischen den Eigenschaften der Dinge bleiben gültig, wenn sie einmal als gültig erkannt worden sind, z.B. Newtons oder Maxwells Gleichungen. Bei den Dingen und den dafür erfundenen Begriffen sieht es anders aus, da hat es in der Geschichte einen Wandel geben und wird es wohl auch weiter geben.
    – „Es könnte sehr wohl sein, dass unsere Theorien zwar einerseits hilfreich für unser Überleben sind, besser wie nichts, aber andererseits von der Realität noch nicht mal Ansatzweise etwas erfasst haben. „
    Ich verstehe nicht, was sich für Sie hinter dem Wort „Realität“ verbirgt. Und was soll denn absolute Gewissheit sein? Unser Gehirn ist im Rahmen der Evolution entstanden und man kann deshalb nicht erwarten kann, dass wir die Welt verstehen können, als wenn wir diese von einem Punkt außerhalb der Welt betrachten. Dennoch können wir Regelmäßigkeiten in der Welt mit unseren Theorien erfassen und erfolgreich Vorhersagen machen. Damit erfassen wir einen Aspekt der Realität und das ist eine große Errungenschaft der Menschheit. Diese gering zu achten, dafür nach „absoluter Gewissheit“ oder nach ähnlich zu hoch hängenden Trauben zu streben, ist unrealistisch.
    Wenn man von Realität redet, sollte man nicht irgendeine Realität „hinter unserer Wirklichkeit“ meinen, sondern schlicht die Realität, die der Mensch erfahren kann.

  44. @Wegdenker

    – „Es gibt sehr wohl Techniken, die auf der Basis einer heute widerlegten Theorie entwickelt wurden und sie funktionieren heute größtenteils noch genauso wie sie vor Entwicklung der Theorie funktioniert haben.“
    Dem stimme ich zu, das kann schon mal passieren. Oft werden sogar Geräte entwickelt, ohne überhaupt eine Vorstellung darüber zu haben, warum sie funktionieren. Beides geht aber nicht lange gut, denn wenn man die Geräte weiter entwickeln will, stößt man irgendwann auf Ungereimtheiten. Das ist das gleiche wie bei der Interpretation von Experimenten. Die Geschichte der Physik ist voll von solchen Geschichten. So entstehen neue Einsichten.
    – die Aussage ist extrem vage und erklärungsbedürftig (gemeint ist: “ Unsere technischen Geräte machen offensichtlich, dass unsere Theorien die Realität erfassen.“) Dem stimme ich auch zu, sie kann falsch sein (z.B. wenn man gedanklich „immer“ nach „machen“ einfügt). Besser sollte man sagen: „Offensichtlich haben unsere Theorien zu einer verlässlichen Vorhersagefähigkeit über das Wirken in der Natur geführt, die technische Innovationen möglich machte (Maxwellsche Theorie -> elektromagnetische Wellen -> Funk, Quantenmechanik -> Laser, usw. ) „
    – Bzgl. Fallibilismus: Können Sie mir Autoren nennen, die behaupten, dass die Ergebnisoffenheit nicht zu einem Prinzip in den Naturwissenschaften gehört (auch wenn in der Praxis Forscher manchmal Mühe haben, von ihren Ansichten abzurücken).
    – „Manche Leute haben auch sehr intelligente andere Vorstellungen zu diesem Thema.“ Auch hier wäre ich interessiert, diese Vorstellungen kennen zu lernen.

  45. Naiver Realismus?

    „Wenn man von Realität redet, sollte man nicht irgendeine Realität „hinter unserer Wirklichkeit“ meinen, sondern schlicht die Realität, die der Mensch erfahren kann.“

    Wenn Se das als Realität definieren, was der Mensch erfahren kann, so ist es ganz unzweifelhaft, dass wir die Realität erfahren. Das ist ja eine zirkuläre Definition. Schon Platon hat in seinem Höhlengleichnis allerdings bezweifelt, dass wir mit unseren Sinnen (heute müsste man wohl auch deren naturwissenschaftlich-technische Erweiterungen mit einbeziehen) die Realität wahrnehmen. Es könnte sein, dass wir immer nur deren Schatten wahrnehmen.

    Zu einem kritischen Rationalismus passt nach meinem Verständnis nur ein hypothetischer Realismus. Für den Alltag und die Praxis der Naturwissenschaften mag ein naiver Realismus adäquat sein. Wenn Sie, wie hier in diesem Beitrag, aber eine philosophische Reflexion über den Wahrheitsbegriff anstreben, dann muss hier parallel auch über den Realismusbegriff reflektiert werden. Daher bleibe ich dabei, die Metapher mit den Pfeilern, die einen festen Boden erreichen können, ist hier unangebracht. Sie suggeriert eine Sicherheit, die eigentlich nur Religiöse durch eine Offenbarung erlangen können, die einem Anhänger des Kritischen Rationalismus aber für immer verwehrt bleibt.

    Wenn man bei anderen, den Philosophen (*), erkennt – meiner Meinung nach zu recht – dass ihre Positionen zum Teil auf Intuitionen beruhen, dann könnte das Anlass geben, seine eigenen Grundlagen kritisch (sic) zu reflektieren. Ich empfinde es als bedauerlich, wenn Naturwissenschaftler sich dabei über die grundlegende Bedeutung von Intuitionen, auch und gerade für ihre eigene Weltanschauung, nicht im Klaren werden – die gibt es! (meine ich, intuitiv zu verspüren)

    Die Attraktivität der Naturwissenschaften und ihre Überlegenheit gegenüber dogmatischen Weltanschauungen entspringt nicht dem vollständigem Verzicht auf Intuitionen und Gefühle. Es gibt keinen Grund sie zu verheimlichen oder zu leugnen. Es ist in meinen Augen daher auch keine Schande für einen Wissenschaftler, zu seinen Intuitionen und Gefühlen zu stehen und diese zu benennen – im Dienste der Wahrheit.

    (*) Heidegger mag hier ein unglücklich gewähltes Beispiel sein. Man muss seinen Exegeten vertrauen, um sich den Bedeutungen seiner Texte zu nähern, und kann daher auch das Intuitive in seinem Denken nur indirekt, über Umwege erkennen; also über eventuelle Holzwege. Dafür liefert Heidegger, aus meiner Sicht, eine schöne Widerlegung von Wittgensteins These, es könne keine Privatsprachen geben.

  46. Gehirn im Tank

    So, nachdem ich mir den Text durchgelesen und mich durch die Kommentare durchgekämpft habe muss ich gestehen, dass ich oft etwas schmunzeln musste nebenbei.
    Da einem doch alles sehr Klischeehaft vorkommt. (Der Physiker, der moniert zu oft würden Intentionen als Wahrheiten erachtet, ohne einer Faktenüberprüfung zu durchwandern. Auf der anderen Seite die Philosophen, welche nun erst mal über die Begriffe Wahrheit und Gefühle philosophieren)

    Nun ja, deshalb würde ich hier aber noch keinen Kommentar hinterlassen.
    Mir geht es eher um diese Stelle

    „Schon Platon hat in seinem Höhlengleichnis allerdings bezweifelt, dass wir mit unseren Sinnen (heute müsste man wohl auch deren naturwissenschaftlich-technische Erweiterungen mit einbeziehen) die Realität wahrnehmen“
    (Hier gerade ein Zitat von Joker heute um 11:48, aber in der Form mehrfach genannt)

    Sicher ist dies immer zutreffend, aber mich erinnert das an etwas das ich irgendwie als Hirn-im-Tank-Problem (oder so ähnlich) im Hinterkopf habe.
    Sicher kann man auch darüber philosophieren. Aber wenn man dies macht ist man auf einer „völlig egal Schiene“. Nichts ist mehr von Relevanz, denn ähnlich kreationischen Lehren kann ja immer alles so sein, weil (bitte beliebiges einsetzen).
    Über den Wert solcher Überlegungen kann man nun streiten.

    Aber es gibt doch auch philosophische Fragen, welche man an der (erfahrbaren) „Realität“ messen kann. Bei diesen täten viele Philosophien gut daran offener für Revisionen zu sein.

  47. @Joker

    – „Wenn Sie das als Realität definieren, was der Mensch erfahren kann, so ist es ganz unzweifelhaft, dass wir die Realität erfahren. Das ist ja eine zirkuläre Definition.“
    Ich definiere ja nicht Realität. Ich nenne das Vorgefundene, das, was ich als Mensch erfahren kann, Realität. Ich definiere ja auch nicht, was ein Elektron ist. Ich finde etwas in Experimenten, was ich Elektron nenne, und das ich weiter unter diesen Namen untersuchen kann. Oder: Ich finde z.B. Sie als Kommentator vor und lerne (ein wenig) ihre Einstellungen kennen. Ich nenne Sie „Joker“. Eine Definition von“ Joker“ würde hingegen darin bestehen, dass ich z.B. sagen würde, das ist ein Kommentator, der so argumentiert wie mein Kommentator Joker. Ich sehe da nichts Zirkuläres.
    – Platons Höhlengleichnis begleitet mich schon seit der Schulzeit. Heute finde ich, dass es müßig ist, über prinzipiell Unerkennbares zu spekulieren oder so etwas als Argument ins Feld zu führen. Dann kann man sich auch gleich „ins Religionsboot abseilen“ (Erlauben Sie, dass ich Ihre Metapher gebrauche).
    – Wenn Sie, wie hier in diesem Beitrag, aber eine philosophische Reflexion über den Wahrheitsbegriff anstreben,“. Ich werde mich hüten, so etwas zu tun; der Begriff ist mir zu sehr belastet. Es geht mir nur um verlässliches Wissen. Was verlässlich ist, können wir viel besser beurteilen.
    – „Daher bleibe ich dabei, die Metapher mit den Pfeilern, die einen festen Boden erreichen können, ist hier unangebracht. Sie suggeriert eine Sicherheit, die eigentlich nur Religiöse durch eine Offenbarung erlangen können,“
    Jetzt merke ich erst, wie sehr Sie mich missverstanden haben (Hier zeigt sich wohl unser unterschiedliches Vorverständnis ). Ich mache immer den Unterschied zwischen Relationen und Begriffen in der Physik. Auch heute benutzt man die Newtonschen Gleichungen, wenn es gilt, Bewegungen materieller Körper zu berechnen; die Maxwellschen Gleichungen sind ein Grundpfeiler aller Überlegungen über elektromagnetische Effekte und die Schrödinger-Gleichung benutzt man immer irgendwie, wenn es um Quanteneffekte geht. Das alles ist höchst erfolgreich. Aber bei der Frage danach, was denn Licht ist, was Materie, was Zeit, was ein Quant usw., „schwimmen“ wir. Dennoch können wir genau berechnen, wie sie sich verhalten, denn die Relationen werden morgen nicht falsch sein, die Dinge der Welt verhalten sich morgen nicht einfach anders. Diese Theorien stellen das Verlässlichste dar, was wir kennen. Auch künftige Theorien müssen die Relationen respektieren, da sie ja nun mal stimmen. Diese meine ich mit den Pfeilern . Diese haben nichts mit einem irgendwie gearteten philosophischen oder religiösen Weltbild zu tun.
    – “ Ich empfinde es als bedauerlich, wenn Naturwissenschaftler sich dabei über die grundlegende Bedeutung von Intuitionen, auch und gerade für ihre eigene Weltanschauung, nicht im Klaren werden – die gibt es! (meine ich, intuitiv zu verspüren). … Die Attraktivität der Naturwissenschaften und ihre Überlegenheit gegenüber dogmatischen Weltanschauungen entspringt nicht dem vollständigem Verzicht auf Intuitionen und Gefühle. Es gibt keinen Grund sie zu verheimlichen oder zu leugnen. Es ist in meinen Augen daher auch keine Schande für einen Wissenschaftler, zu seinen Intuitionen und Gefühlen zu stehen und diese zu benennen – im Dienste der Wahrheit.“
    Das kann ich nur unterstreichen, aber warum sagen Sie das? Habe ich das nicht gerade geschrieben? Siehe das Kapitel „Wahrheitsgefühl im täglichen Leben“ und: „und das Wahrheitsgefühl wird nur noch umgemünzt in Hypothesen, deren vorläufigen Charakter man einsieht. “ und „Im Grunde sind ja unsere Wissenschaften auch Geschichten, die wir erfunden haben.“ und „Es kommt also darauf an, wie man mit den Geschichten umgeht“.

  48. @Josef Honerkamp

    „Die Geschichte der Physik ist voll von solchen Geschichten. So entstehen neue Einsichten.“

    Hier sind wir wohl einer Meinung.

    „Können Sie mir Autoren nennen, die behaupten, dass die Ergebnisoffenheit nicht zu einem Prinzip in den Naturwissenschaften gehört (auch wenn in der Praxis Forscher manchmal Mühe haben, von ihren Ansichten abzurücken).“

    1. Handelt es sich dabei um einen Strohmann. Die Aufgabe des Falbilismus muss ja nicht gleich die Aufgabe der Ergebnisoffenheit der Wissenschaft bedeuten. Um ein häufiges Beispiel so einer Aussage zu nennen nehme ich mal die oft gehörte Behauptung, eine neue Theorie müsse erst mal alle bekannten Fakten enthalten und/oder ableiten können. Diese (methodische) Idee ist durchaus nicht neu und wird AFAIR dabei unter anderem von Newton in seiner Principia Mathematica genannt.
    Das bedeutet allerdings schon, die Wissenschaft ist nicht völlig offen, sondern konservativ gegenüber alten Theorien/Entdeckungen. Zugegebenermaßen gibt es auch dazu Beispiele in der Wissenschaftsgeschichte, die ihn widersprechen. Sie werden da sicherlich viel mehr wissen als ich.
    (Für Beispiele siehe unten.)
    2. Dass Wissenschaftler erst mal an ihren Ansichten festhalten, wenn sie sie für richtig halten, auch wenn die Fachwelt anderer Meinung ist, das ist richtig. Das ist auch eine psychologisch verständliche Tatsache. Immerhin ist (das Gefühl von) Gewissheit eine individuelle Empfindung und setzt nicht die Akzeptanz dieser Gewissheit durch andere voraus.
    Es gibt auch Beispiele dafür, dass die Wissenschaftler mit diesen Vorgehen erfolg hatten. Oft war der Lohn sogar der Nobelpreis oder die Entdeckung Trojas Ruinen. (Zugegebenermaßen werden wohl nicht viele diesen Erfolg haben.) 😀

    „Auch hier wäre ich interessiert, diese Vorstellungen kennen zu lernen.“

    Hier kann ich als Beispiel – auch wenn es vielleicht schon klischeehaft wirkt – Thomas Kuhn nennen, der eine andere Vorstellung hatte als Popper mit seinen Fallibilismus.
    Demnach erfolgt die Wissenschaft in ihrer historischen Entwicklung in anderen Mustern als Popper annahm. Normalerweise versuchen Wissenschaftler neue Entdeckungen anhand von bekannten Theorien zu erklären versuchen, erst wenn das grundlegende „Paradigma“ in eine Krise gerät, wird es selbst in Frage gestellt.

    Es gibt anscheinend auch einige Experimentalphysiker, die nicht der Ansicht sind, etwas zu widerlegen. Vielmehr weisen sie mit ihren Experimenten empirisch Effekte nach, die man dann eingehender studieren kann. Wenn die Effekte die Theorie stützen, schön, falls sie aber der Theorie widersprechen, schlecht für die Theorie.

  49. @Wegdenker

    – Was Sie mit ihrer oft gehörten Behauptung meinen, ist mir nicht klar geworden. Sicher ist ja wohl, dass Ergebnisoffenheit den Fallibilismus einschließt. Anderseits kann ein Fallibilismus ohne Ergebnisoffenheit ja auch nur Skeptizismus bzw. Resignation bedeuten. Diese Haltungen werden aber gleichzeitig bei allen Wissenschaftlern nicht auftreten. Newtons Auslassungen zur Wissenschaftstheorie kannte ich noch nicht, aber bei allem Respekt vor seinen Leistungen, er hatte gar nicht die Möglichkeit, dazu etwas Sinnvolles zu sagen. Die Physik stand ja mit ihm am Anfang – und damit diese Art von Wissenschaft. Er konnte diese ja noch gar nicht gut kennen, sein Anschauungsmaterial war nur seine Theorie. Dass sich einige Wissenschaftler mit den Jahren nicht ergebnisoffen zeigen, steht auf einem anderen Blatt.
    – „Normalerweise versuchen Wissenschaftler neue Entdeckungen anhand von bekannten Theorien zu erklären versuchen. Erst wenn das grundlegende „Paradigma“ in eine Krise gerät, wird es selbst in Frage gestellt. “ Ja, das ist so. Mir ist aber neu, dass Popper nicht davon ausgegangen ist; er wird vielleicht manchmal so verstanden, aber er kannte ja die Geschichte der Physik.
    – zu Kuhn: Viele, die die Geschichte der Physik und insbesondere die dabei entstandenen Theorien nicht kennen, berufen sich auf Kuhns Arbeiten und halten sie für bare Münze, vermutlich, weil ihnen das gefällt. Seine Überlegungen zum Paradigmawechsel und zur „Normalwissenschaft“ haben mich nicht überrascht, als ich sie zum ersten Mal las – ich kann sie mehr oder weniger nachvollziehen. Seine Thesen zur Inkommensurabilität von Paradigmen sind einfach falsch, ebenso seine Ideen zum Fortschritt in einer Wissenschaft. Eine gute Rezension siehe z.B. Stephen Weinberg: The revolution that didn’t happen, http://www.stephenjaygould.org/…revolutions.html

  50. @Josef Honerkamp

    „Sicher ist ja wohl, dass Ergebnisoffenheit den Fallibilismus einschließt.“

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Es kann ja sein, dass vergangene Theorie nicht widerlegt, sondern nur „ergänzt“ werden oder ähnliches.

    „Die Physik stand ja mit ihm am Anfang – und damit diese Art von Wissenschaft. Er konnte diese ja noch gar nicht gut kennen, sein Anschauungsmaterial war nur seine Theorie.“

    Das sehe ich anders. Vor Newton hat es bereits Galilei und die übrigen Kopernikaner gegeben. Außerdem einige Versuchen und im Bereich der Scholastik (vgl. Impetustheorie).
    Ob Newton sein Prinzip aus historischer Anschauung gewann sei mal dahingestellt.

    Zu Kuhn:
    1.
    „Viele, die die Geschichte der Physik und insbesondere die dabei entstandenen Theorien nicht kennen, berufen sich auf Kuhns Arbeiten und halten sie für bare Münze, vermutlich, weil ihnen das gefällt.“

    Mir ist schon klar, dass es inzwischen schon genug andere Ansichten unter Wissenschaftshistorikern gibt. So wird u. a. die Kontinuität des Denkens und Forschens zwischen mittelalterlicher Scholastik und den frühen Naturwissenschaften betont.

    „Seine Thesen zur Inkommensurabilität von Paradigmen sind einfach falsch, ebenso seine Ideen zum Fortschritt in einer Wissenschaft.“

    Welche „Ideen“ meinen Sie denn? Kuhn wird leider oft fehlinterpretiert.
    Und Weinbergs Ansicht wiederum wird übrigens auch dafür kritisiert, Kuhn teilweise missverstanden zu haben…
    2. Ich habe Kuhn nur als ein Beispiel für eine alternative Betrachtungsweise genannt. Das bedeutet aber nicht, dass ich mir seine Ideen unbedingt zu eigen mache.
    Es gibt auch noch andere Popperkritiker, sowohl unter Philosophen, Wissenschaftshistorikern als auch praktizierenden Wissenschaftlern.
    Und wenn Popper bereits auf diesen Gebiet nicht unumstritten ist, das war mein Argument, dann kann seine Methode auch nicht in einem so den Grundlagenstreit zugeneigten Gebiet wie der Philosophie vorausgesetzt werden.

  51. @Wegdenker

    – “ Das sehe ich anders. Vor Newton hat es bereits Galilei und die übrigen Kopernikaner gegeben. Außerdem einige Versuchen und im Bereich der Scholastik (vgl. Impetustheorie).“
    Na, ja – ich mache beim „Anfang“ keinen Unterschied zwischen Galilei und Newton. Galilei war der Begründer der modernen Physik (Experiment und(!) Mathematik), Newton führte bald danch diese Methode zum ersten Höhepunkt. Scholastiker betrieben noch Naturphilosophie, eine ganz andere Art der Naturforschung.
    – „Welche „Ideen“ [zum Fortschritt] meinen Sie denn? Kuhn wird leider oft fehlinterpretiert.“ Zunächst: Kuhn kann gar nicht fehl- oder richtig interpretiert werden, dafür ist alles zu vage und ambivalent; deshalb gibt es auch so viele Interpretationen seines Werkes und viele konnten ihre Vorurteile darin wieder finden. Jemand, der die Physik nicht aus eigener Anschauung gründlich kennt, kann in alle Richtungen fehl geleitet werden. Ich ärgere mich immer, wenn das dann als Wahrheit verkündet wird.
    Aber ich bin Ihnen dankbar für das Nachhaken. Ich habe das Kapitel über den Fortschritt in „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ noch einmal gelesen. Die Aussage über die Vagheit sah ich wieder bestätigt, aber gerade diese führt wohl nun dazu, dass ich heute dieses Kapitel so lesen kann, dass ich meine Vorstellungen da fast genau wiederfinde. Er redet hier nur noch von Evolution und sieht das Wesentliche darin, dass es dort einen Fortschritt gibt ohne eine Teleologie, ohne ein dezidiertes Ziel. Er wendet sich also gegen die Vorstellung eines Ziels „Wahrheit“, die zu schnell auch die Hoffnung impliziert, dass das Ziel erreichbar ist. Insofern redet er von einer Evolution „weg“ vom primitiven, und nicht von einer Evolution „hin“. Auch ich würde es offen lassen, wohin die Reise geht, aber ein Fortschreiten zu mehr und zu mehr verlässlichem Wissen ist es auf jeden Fall.
    Wenn man allerdings liest, wie oft Passagen bei Kuhn dazu herhalten mussten, der Physik einen Fortschritt abzusprechen (wie es auch sonst häufig in dem Buch – ob gewollt oder nicht – anklingt: Aristotelische Physik nicht der Newtonschen unterlegen, usw. ), muss man sich schon ärgern. Ein Philosoph hat mir allerdings mal gestanden, dass es vielen gefalle, wenn es tatsächlich in der Physik eigentlich keinen Fortschritt gäbe, denn dann leide man nicht so unter dem Mangel an Fortschritt im eigenen Fach.

  52. 42

    Die eigentliche Frage ist doch die nach der Erwartungshaltung bzgl. diverser Antworten. Technisch gesehen ist man heute mit entsprechenden Computern und DoE Methoden durchaus in der Lage „richtige“ Modelle zu erzwingen. Dazu müsste man nur Daten messen, eingeben und Computer rechnen lassen. Als Ergebnis spuckt der Computer Modelle aus, die für viele „ingenieursmäßige“ Aufgabenstellungen völlig ausreichend wären. – Die Frage stellt sich, was „jenseits“ solcher Modelle noch erwartet wird.

    Der Sci-Fi Autor Douglas Adams hat in seinem Werk „The Hitch Hikers’s Guide to the Galaxy“ – Per Anhalter durch die Galaxis – diese Frage weitergedacht. Eine superintelligente Lebensform baut einen Supercomputer, der die Frage nach dem Leben, dem Universum und den letzten Dingen beantworten soll. Seine Antwort ist „42“. Das Problem ist offensichtlich, dass diese Antwort nicht der Erwartungshaltung gerecht wird.

  53. @Josef Honerkamp

    „Scholastiker betrieben noch Naturphilosophie, eine ganz andere Art der Naturforschung.“

    Newton hat auch Naturphilosophie betrieben. Immerhin heißt sein Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ (deut. etwa „Mathematisches Prinzip der Naturphilosophie“).
    Ob man ihn deshalb wirklich als „Philosoph“ einschätzen kann?
    Nun, das hängt sicher davon ab, was man unter einem Philosophen versteht.
    Aber im Mittelalter und der frühen Neuzeit verstand man unter einem Philosophen nicht nur eine Person, die sich mit philosophischen Fragen beschäftigt (der Sinn des Lebens etwa spielt bei den meisten Philosophen vor dem 19. Jahrhundert überhaupt keine Rolle), sondern allgemein einen „Weltweisen“ (im Abgrenzung vor allen Dingen zum Theologen aber auch zum Arzt, Historiker, Juristen oder „Fachastronom“), der sich mit allem Möglichen beschäftigen konnte, vom physikalischen Aufbau der Materie über Zoologie bis zu dem Themen, die für uns heute als „philosophisch“ gelten. Also Fragen der Erkenntnis usw. (Die heute übrigens teilweise auch von Psychologen, Physikern und anderen Wissenschaftlern behandelt werden.)
    Dies lag wohl auch daran, dass ein handgreiflicher Begriff wie „Wissenschaftler“ damals wohl noch gar nicht existiert hat.

    Was die Scholastiker angeht, so sollte man nicht unterschätzen, dass sie die aristotelische Lehre durchaus weiterentwickelt haben, wo dies notwendig war.

    „Auch ich würde es offen lassen, wohin die Reise geht, aber ein Fortschreiten zu mehr und zu mehr verlässlichem Wissen ist es auf jeden Fall.“

    Was bedeutet denn mehr wissen?
    Meines Erachtens kann man genau das als eine evolutionäre Entwicklung deuten. Immerhin müssen sich Theorien immer mehr verschiedenen Erfahrungen anpassen, es werden immer neue Messinstrumente entwickelt usw. Das lässt viele Theorien, die vorher extrem plausibel und scheinbar richtig waren, dann alt aussehen.

    „Ein Philosoph hat mir allerdings mal gestanden, dass es vielen gefalle, wenn es tatsächlich in der Physik eigentlich keinen Fortschritt gäbe, denn dann leide man nicht so unter dem Mangel an Fortschritt im eigenen Fach.“

    Dass es in der Philosophie keinen Fortschritt gab, ist auch eine bestimmte Position, die man nicht teilen muss.
    Es gibt auch hier durchaus Denker, die einen Fortschritt nicht nur annehmen, sondern ihn sogar beschreiben.
    Umgekehrt gibt es natürlich auch im Bezug auf die Physik Denker, die einen Fortschritt (aus welchen Gründen auch immer) für unplausibel halten. Nur dürften das eben sehr viel weniger sein.

    @Wolfgang Thimm:
    Auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin, ob sie Adams da nicht ein bisschen falsch interpretieren, sprechen sie da offensichtlich eine relativ gute Frage an.
    Welche Erwartungen haben wir an eine gute Theorie überhaupt?

  54. @Wegdenker

    – „Newton hat auch Naturphilosophie betrieben.“: Ja sicherlich, und der Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft (das, was wir heute darunter verstehen) war ihm und den Zeitgenossen nicht immer so klar. Ein gutes Buch zu diesem Thema: Cohen, Floris: Die zweite Erschaffung der Welt, Wie die moderne Naturwissenschaft entstand, campus 2010. (Vielleicht darf ich da auch mein Buch „Die Entdeckung des Unvorstellbaren“ nennen, in dem ich insbesondere auch noch beschreibe, was sich nach dem Entstehen tat.)
    – „Was bedeutet denn mehr wissen?“: Das ist jedem tätigen Physiker unmittelbar klar und lässt sich am Übergang von der Newtonschen Mechanik zur relativistischen Mechanik bzw. zur Quantenmechanik schön zeigen: Man kann alte bisher nicht verstandene Phänomene erklären, Begriffe klären bzw. vertiefen, neue Phänomene vorhersagen und darauf aufbauend neue technische Geräte entwickeln (Zeitdilatation -> GPS-System, Quantenmechanik -> Laser, etc., die heutige Zeit ist voll von solchem „Mehrwissen“. ) Und die „alten“ Theorien sehen dann auch nicht alt aus (das ist ein weitverbreiterter Irrtum, für den Kuhn vermutlich wieder verantwortlich ist, Stichwort: Inkommensubarilität). Man benutzt heute noch die Newtonsche Theorie für Berechnungen von Bewegungen, wenn relativistische und quantenmechanische Effekte nicht zu erwarten sind, und das ist sehr häufig. Eine nachhaltige technologische Entwicklung auf nur „scheinbar richtigen Theorien“ ist nicht vorstellbar.

    Damit ist auch klar, was wir von einer guten Theorie erwarten: einen möglichst großen Gültigkeitsbereich.

    – Dass es in der Philosophie keinen Fortschritt gab, ist auch eine bestimmte Position, die man nicht teilen muss.“ Ja, das tue ich auch nicht. Ich glaube auch, dass der Vergleich hinkt. Philosophie ist ja keine Fachwissenschaft sondern die Kunst des klaren Denkens, das Bemühen, Denkfehler auszumerzen. Deshalb muss man in allen Fachwissenschaften auch Philosoph (in Bezug auf sein Fach) sein. Dabei zeigen sich Fortschritte eben ganz anders, nicht im „Mehrwissen“ z.B. über die Natur sondern im klareren Verständnis und in der besseren Übersicht bei einer Frage.

  55. Wahrheit

    „Damit ist auch klar, was wir von einer guten Theorie erwarten: einen möglichst großen Gültigkeitsbereich.“

    Man kann zweifellos und grundsätzlich sagen: ALLES, was Mensch in diesem menschenunwürdigen System erarbeitet hat, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – jegliche Kompromissbereitschaft ist nur KOMMUNIKATIONSMÜLL.

  56. @Josef Honerkamp

    „Ja sicherlich, und der Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft (das, was wir heute darunter verstehen) war ihm und den Zeitgenossen nicht immer so klar.“

    Das ist das, worauf ich hinauswollte. Damals wurde Physik einfach unter den Begriff „Naturphilosophie“ behandelt. Eigenständige physikalische Fakultäten unabhängig von Philosophie und/oder Mathematik mussten erst entstehen.
    Die Frage ist nur, wieso wir unser Begriffsverständnis für überlegen halten sollten. Auch Physik oder andere Naturwissenschaften gliedern sich ja in weitere Subdisziplinen.

    „Und die „alten“ Theorien sehen dann auch nicht alt aus (das ist ein weitverbreiterter Irrtum, für den Kuhn vermutlich wieder verantwortlich ist, Stichwort: Inkommensubarilität).“

    Nur um es noch mal explizit zu sagen: Ich habe mir die Inkommensubarilitätsthese nie zu eigen gemacht. Sicherlich *kann* es Physiker geben, die sich auf einen Standpunkt stellen, von dem aus sie 2 Theorien nicht mehr vergleichen können, aber die meisten Physiker werden wohl pragmatischer sein. Zumindest war es in der Geschichte bisher so.
    „Man benutzt heute noch die Newtonsche Theorie für Berechnungen von Bewegungen“

    Richtig. In der Navigation nimmt man heute auch teilweise noch geozentrische Modelle. Denn für diese Angelegenheiten reichen sie.
    „Eine nachhaltige technologische Entwicklung auf nur „scheinbar richtigen Theorien“ ist nicht vorstellbar.“

    Was bedeutet denn nur „scheinbar richtig“?
    Ich dachte wir wären uns einig, dass eine Reihe von Geräten auf Basis unzureichender Theorien entwickelt wurden und daher die Anwendbarkeit die Richtigkeit einer Theorie nicht für immer bestätigt: http://scilogs.spektrum.de/…er-wahrheit#comment-18700

    „Damit ist auch klar, was wir von einer guten Theorie erwarten: einen möglichst großen Gültigkeitsbereich.“

    Das kann man so sehen. Ich habe es auch so erlebt, dass man in der Praxis immer irgendwann die Frage danach stellt, wie es denn wirklich ist, bevor man weitermacht.
    Aber gibt es nicht auch lokale und sehr spezialisierte Theorien, denen man trotzdem einen hohen Wert beimessen würde? Beispielsweise weil sie den Bedürfnisse von Ingenieuren nach hoher Treffsicherheit und leichter Handhabung sehr entgegen kommen?

  57. @Wegdenker

    “ Die Frage ist nur, wieso wir unser Begriffsverständnis für überlegen halten sollten. Auch Physik oder andere Naturwissenschaften gliedern sich ja in weitere Subdisziplinen. “ Den ersten Satz verstehe ich nicht, und auch nicht wie der zweite damit zusammenhängt.
    – Der Satz „Eine nachhaltige technologische Entwicklung auf nur „scheinbar richtigen Theorien“ ist nicht vorstellbar.“ ist etwas sloppy formuliert. Ich meine folgendes: Eine physikalische Theorie besteht aus einem hierarchischen Netz von mathematisch formulierten Relationen und einer Deutung der in den Relationen benutzten Begriffen. In Anwendungen kommen immer nur spezielle Relationen zum Tragen. So kann es vorkommen, dass diese speziellen Relationen richtig sind, die Deutung keine Rolle spielt und das Netz, in dem diese Relationen erscheinen, sich letztlich als falsch erweist, weil es eine falsche Grundannahme enthält. Hat man das aber noch nicht erkannt und arbeitet weiter mit der falschen Theorie (dem Netz), werden irgendwann bei dem Versuch der Weiterentwicklung der Anwendung falsche Folgerungen aus der falschen Grundannahme offenbar werden.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben