Wissenschaftsverlage – die Blutsauger des Wissenschaftsbetriebs

Vor ein paar Jahren noch hatte ich keine Ahnung, wie es in der Wissenschaft mit dem Publizieren läuft: Dass man eine Arbeit bei einem Verlag einreicht, um ihn von „peers“ – also andere Wissenschaftler – anonym prüfen zu lassen, also ein „review“ durchführen zu lassen.

Die Lieferung der Inhalte und die Prüfung geschieht unentgeltlich durch Wissenschaftler. Die Verlage haben damit nur noch die Aufgabe, Kandidaten aus den eingereichten Arbeiten auszuwählen, das peer review zu organisieren und das fertige Endprodukt zu verteilen. Selbst die Formatierung darf man als Bewerber größtenteils selbst übernehmen.

Das wäre vielleicht alles nicht so schlimm, wenn die Verlage nicht so exorbitant hohe Summen für ihre Artikel und Zeitschriften verlangen würden. Wenn man als Privatperson einzelne Artikel herunterladen will, bezahlt man in der Regel zwischen 30 und 40 Euro. Kein Pappenstiel, jede E-Tageszeitung ist da weit billiger.

Universitätsbibliotheken verbraten einen Großteil ihres Budgets für die unfassbar hohen Kosten der Abonnements. So bezahlt man für ein Chemie-Journal durchschnittlich um die 3.000 Dollar pro Jahr, das renommierte Biochimica et Biophysica Acta verlangt sogar mehr als 20.000 Dollar. Diese Abo-Preise steigen seit Jahren an, obwohl man meinen müsste, dass die schöne neue Welt der elektronischen Distributionswege die Kosten stark senken müsste.

Die ganze Misere des ökonomischen Parasitismus der Wissenschaftsverlage hat eine ganze Latte von unangenehmen Konsequenzen: Es sind natürlich vor allem öffentliche Gelder, die sich die Verlagen unter den Nagel reißen. Der Zugang zu dem Wissen, was bereits teuer erworben wurde, muss ein zweites Mal bei den Verlagen gekauft werden. Dabei sind öffentliche Gelder immer knapp. In der Regel sind die Journale mit dem höheren Renommee auch die teureren; der Ruf des Wissenschaftlers hängt damit von den Schlimmsten aus dieser Riege ab. Diese Umstände haben auch zur Folge, dass sich an weniger gut betuchten Universitäten die Mitarbeiter theoretisch noch nicht einmal ihre eigenen Publikationen einsehen können. An der Uni Potsdam hatten wir nur Zugang zu einer Handvoll Zeitschriften und wir mussten immer unsere Bekannten an MPIs und in der Industrie nach PDFs von Artikeln fragen. Dazu kommt: Arme Länder können sich die Abos nicht leisten, ganz normale Menschenvon der Straße, ohne Zugang zu Universitätsbibliotheken können sich nicht ohne Weiteres informieren, und so weiter und so fort.

Wenn man es wie Peter Murray-Rust von der Uni Cambridge zuspitzen möchte, dann kostet diese Publikationspraxis auch Leben. Denn seiner Meinung nach ist die freie Verfügbarkeit von Information eine Grundvorraussetzung für ein gut funktionierendes Gesundheitswesen, die wissenschaftlichen Verlage haben wiederum zum Geschäftsmodell, diesen Zugang zu beschränken, also bedeutet das im Endeffekt, dass eine schlechtere Gesundheitsversorgung Menschen das Leben kostet.

Der Gegenentwurf zum klassischen Publikationsmodell nennt sich „Open Access“, also „Freier Zugang“. Hier bezahlt der Einreichende eine gewisse Gebühr, um seinen Artikel zu veröffentlichen. In den letzten Jahren hat es viele neue Open-Access-Journale gegeben, von denen es vor allem diese von PLoS zu Ruhm und Ehre gebracht haben und sich recht gut neben den Traditionalisten wie Elsevier, Springer und Nature behaupten konnten. Die erhoffte Revolution, nämliche der Sturz der genannten Überkapitalisten, blieb jedoch leider aus.

Richtig aus den Socken hat es mich gehauen, als Mike Taylor vor kurzem in seinem Blog vorrechnete, dass man allein mit den Profiten der Elsevier-Gruppe sämtliche erscheinende Artikel der Publikationswelt frei verfügbar machen könnte. Wenn man die 2 Milliarden Dollar Profit, die Elsevier jedes Jahr macht, durch die Zahl der jährlich erscheinenden Arbeiten – 1,5 Millionen – teilt, landet man bei etwa 1300 Dollar. Das entspricht in etwa der Gebühr, die man sonst an das renommierte Open-Access-Journal für eine Publikation in PLoS ONE abdrücken würde.* Dabei arbeitet PLoS One profitabel und ist nicht mehr, wie in seiner Anfangszeit, auf Spenden angewiesen.

Die Revolution kostet so viel, wie ein oder zwei große Verlage an Gewinn machen. Gewinn. Ein oder zwei Verlage.

Das ist in der Tat schockierend und skandalös und schreit nach einer wie auch immer gearteten Aufarbeitung. Ich konnte es in meiner Anfangszeit vor ein paar Jahren gar nicht fassen – die Wissenschaftler machen die ganze Arbeit, die Verlage kümmern sich nicht einmal um benutzerfreundliche Zugänge zu den Publikationen, und dafür muss man auch noch bezahlen?

Die Verlage haben es in der Abhängigkeit des gesamten Wissenschaftsbetriebs sehr gemütlich und ein äußerst lukratives Geschäft daraus gemacht. Die Frage ist natürlich, wie man solche Strukturen aufbrechen kann. Boykottversuche etwa an Elsevier scheiterten.

Am wichtigsten erscheint mir,  dass sich Wissenschaftler von dem Zwang befreien müssen, möglichst nur in den renommiertesten Journals – wie Cell, Nature, Science – zu publizieren. Allerdings gilt z.B. eine Nature-Publikation als der heilige Gral und wer einmal eine hatte, wird hoch angesehen und gleichzeitig wieder danach streben, wieder „hoch“ zu publizieren. Kopf-Noten, die aus Noten/Scores der Journals errechnet werden, und nach denen die Leistung eines Wissenschaftlers oftmals berechnet wird, lassen die Forderung, weniger auf das Renommee der einzelnen Journale zu schielen, schnell zur Utopie werden.

Die öffentliche Hand sollte im eigenen Interesse Open-Access-Publikationen fördern, wo es nur geht, auch wenn dadurch erst einmal Kosten für die Publikationsgebühr entstehen. Möglicherweise ist das ein entscheidender Anreiz, auch die Qualität der Open-Access-Journals weiter zu steigern.


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Zum Weiterlesen:

George Monbiot im Guardian berichtet unter dem treffenden Titel „Academic publishers make Murdoch look like a socialist“ (Verglichen mit Wissenschaftsverlagen ist Murdoch wie ein Sozialist). The Guardian, 29. August 2011

Mike Taylor rechnet vor, dass man mit den reinen Erlösen der Verlage Springer und Elsevier die gesamte Publikationswelt finanzieren könnte: „Economics of open-access publishing“, Sauropod Vertebra Picture of the Week vom 22. Oktober 2011

Anmerkungen

*Dass sich Taylor etwas verrechnet hatte, tut seinem Argument keinen Abbruch.

Martin Ballaschk ist Biologe, enthält Glutamat und ist auch noch stolz drauf! Er bloggt hier über Dinge, die ihn erstaunen, aufregen oder die er einfach für sich und seine Mitmenschen aufarbeiten möchte. Beruflich als Kommunikator an einem Berliner Forschungszentrum, hier privat.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ArXiv statt Open Access

    Du schreibst, die Verlage hätten nur noch die Aufgabe, „Kandidaten aus den eingereichten Arbeiten auszuwählen, das peer review zu organisieren und das fertige Endprodukt zu verteilen“. In Wirklichkeit tun sie nicht einmal das, bis auf den letzten Punkt. Die Organisation des Peer-Reviews erfolgt durch die Herausgeber der jeweiligen Zeitschrift, und diese sind keine Angestellten des Verlags, sondern in der Regel Professoren aus der Forschung, die diese Aufgabe neben ihrem staatlich bezahlten Job übernehmen.

    Andererseits: Open Acess im Sinne von „Autor zahlt“ mag in den Experimentalwissenschaften vielleicht funktionieren, weil dort Arbeiten ohnehin von großen Arbeitsgruppen mit entsprechendem Budget eingereicht werden. Für die Mathematik oder die Geisteswissenschaften ist „Autor zahlt“ sicherlich keine brauchbare Alternative.

    Ein besserer Weg, den eine Reihe von Mathematik-Zeitschriften in den letzten Jahren gegangen sind, ist der Wechsel von kommerziellen Wissenschaftsverlagen zu kleineren Verlagen von Fachgesellschaften oder auch Universitäten. Die Zeitschriften wurden damit zwar nicht Open Access, aber die Preise sanken auf ca. 10% des früheren Preises.

    Außerdem werden in der Mathematik Preprints schon vor Veröffentlichung auf das ArXiv gelegt und können dort auch nach Veröffentlichung frei zugänglich bleiben – die Copyrightregelungen der Zeitschriften erlauben das ausdrücklich, man darf meist nur nicht die letzte im Verlags-Layout formatierte Fassung verwenden.

  2. Ich habe noch ein kleines bischen Hoffnung, dass sich irgendwann einmal Open Access durchsetzen wird. Schließlich hat die Nature Publishing Group ebenfalls ein Open Access Journal names „Scientific Reports“ ins Leben gerufen. Das geschah hauptsächlich dadurch, dass PLoS in kurzer Zeit mit seiner Veröffentlichungspolitik ziemlich beliebt wurde und man wohl bei der Nature ein wenig Existenzängste bekam. Schauen wir mal, wie sich das weiterentwickelt.

    Vor kurzem hat mir Stephan Schleim vom Nachbarblog Menschen-Bilder zudem die Frontiers Journals ans Herz gelegt von denen ich auf Anhieb begeistert war. Nicht nur, weil sie ebenfalls Open Access sind, sondern weil hinter ihnen ein neues Konzept des Publizierens steckt. Einfach mal selber erkunden.

  3. Perverse Abzocke

    In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer – für einen Artikel in der unter Physikern sehr angesehenen Zeitschrift PRL, muss der Autor (bzw. das Forschungsinstitut) in der Regel 650$ zahlen:
    http://forms.aps.org/general/mastpubchg-prl.html
    Das ist einfach nur noch pervers.

    Open Access ist keine Alternative (sondern höchstens eine Zusatzoption, vgl. arXiv) solange sich der Erfolg von Wissenschaftlern wie bisher bemisst. Nachdem eigentlich niemand an einer Änderung der bisherigen Praxis interessiert ist, sehe ich komplett Schwarz:
    – Die Politiker wollen keine Arbeitsplätze (bei den Verlägen) gefährden.
    – Die Wissenschaftler festigen die bisherigen Strukturen, indem sie eine Publikation in einem angesehenen Journal mit religiösem Eifer zelebrieren.
    – Wissenschaftsjournalisten können ihren Lesern das Blaue vom Himmel lügen, solange die Allgemeinheit keinen einfachen Zugang zur Primärinformation hat.
    – Die Verläge sind sowieso mit dem Geldregen zufrieden.
    Der Steuerzahler wäre der einzige, der ein wirkliches Interesse an einer Veränderung hätte, dummerweise weiss er aber nichts von den verschwenderischen Ausgaben (und er will wahrscheinlich auch nichts davon wissen).

  4. @Thilo @Sebastian

    Danke für eure Anregungen, ich schaue mir die Links heute abend auch noch an. Dass die Mathematiker so grundlegend verschiedene Bedingungen habenn – dess war ich mir gar nicht bewusst.

    @Physiker

    Ich fürchte fast, dass du mit deiner Schwarzmalerei ganz richtig liegst. Anderseits kenne ich auch Leute, die diesen „religiösen Eifer“, wie du es nennst, ablehnen.

  5. @Thilo

    Warum schreibst du ArXiv _statt_ Open Access? ArXiv _ist_ eine Form von Open Access. So ähnlich wie ArXiv gibt es auch noch weitere Artikelrepositorien, in denen man seinen Preprint einstellen kann. Und so wie das author pays-Modell wohl nichts für Mathematiker ist, gibt es aus gutem Grund nur wenige Artikel aus den Life Sciences auf ArXiv: Zwischen dem ersten Einreichen eines Artikels bei Journal A und der endgültigen Veröffentlichung bei Journal Z vergehen viele viele Monate. Das ist in vielen Gebieten der Life Sciences genug Zeit, um den Preprint zu lesen, die Experimente nachzukochen und einen ähnlichen Artikel einzureichen. Noch zählt leider, wer als erstes einen Artikel zuerst korrekt (mit peer review) veröffentlicht kriegt. Dank großer Konkurrenz werden sich nur wenige mit einem Preprint bei ArXiv aus dem Fenster lehnen wollen.

    Aber das ist ja das tolle an Open Access: Es gibt jede Menge verschiedener Optionen, wie man das handeln will. Beispielsweise, wenn man es nicht in einem richtigen OA-Journal unterkriegt, zusätzliche freie Veröffentlichung des Preprints, entweder in einem Repositorium wie ArXiv, oder einfach auf der Institutshomepage.

  6. Open Access am KIT

    Ich fluche oft über meine Arbeitsstelle, aber heute muss ich das KIT auch mal loben, und dafür hat es einen separaten Kommentar verdient. Denn das KIT setzt sich wirklich stark für die Förderung von Open Access ein.
    Es hat die Berliner Erklärung unterzeichnet. Es bietet seinen Mitarbeitern ein offenes Repositorium für Preprints. Es gründet eigene Open Access-Zeitschriften.
    Diese Woche findet die alljährliche open access week statt mit jeder Menge Infoveranstaltungen. Gerade heute habe ich gelernt, dass wir als KIT-Mitarbeiter dank besonderer Vereinbarungen sowohl bei allen BioMedCentral-Zeitschriften als auch bei SpringerOpen keine Publikationsgebühren mehr zahlen müssen. Zusätzlich hat das KIT zusammen mit der DFG einen Publikationsfonds eingerichtet, der die Publikationskosten in allen Open Access Zeitschriften übernimmt.
    Schade daran: Den Wissenschaftlern selbst scheint das nicht wirklich wichtig zu sein. Zur Infoveranstaltung heute waren weniger als 10 Leute da, bei mehreren 1000 Forschern am KIT.
    Hier gibts noch ein paar Infos.

  7. @all

    der Ring bricht doch dann wenn ein wichtiges Mitglied dieses narzistischen Spiels aussteigt. Bspw. Wenn eine gesamte angesehene Uni oder Fakultät zwangsweise nur noch OpenAccess veröffentlicht. Oder wenn die Regierung beschließt nur noch Steuergelder in OpenAccess zu veröffentlich.
    Ich glaube das Problem liegt darin, dass man bestimmte DEALS oder Wege die zu einer optimaleren Position führen nicht machen kann.

  8. Misserfolg der Onlinepetition

    Offensichtlich muss man wirklich stark zwischen unterschiedlichen Fachbereichen unterscheiden. Wenn ich aber in Physik nur noch in Open Access Journalen publiziere, dann ist meine akademische Laufbahn innerhalb 1-2 Jahre praktisch beendet. In der Physik sind Nature/Science und einige andere Journale so übermächtig, dass man keine Wahl hat. Alle 990 Wissenschaftler, die nicht zu dieser Informationsveranstaltung am KIT gegangen sind, werden das wissen.
    … und das mit dem „zelebrieren“ meinte ich übrigens durchaus wörtlich: Bei einer Nature/Science-Publikation lässt man auf jeden Fall die Sektkorken knallen. Und jede derartige Publikation beschert einem auch eine bereits fertige Vortragsfolie, nämlich mit Titel und Abstract des entsprechenden Papers mit fettem Nature/Science-Layout/Rahmen.
    Ich kenne niemanden im Bereich Physik, der sich dagegen wehrt – zumindest niemanden der nicht Festangestellt ist (und wer ist schon in einer solchen privilegierten Position?).

    Nein, da helfen keine Informationsveranstaltungen, da hilft auch keine Förderung von Open Access und es helfen erst recht keine Alleingänge. Das einzige was helfen könnte, sind Vorstösse wie die Online Petition von Lars Fischer zum kostenlosen Erwerb wissenschaftlicher Publikationen. Aber wie gesagt: niemand ist daran interessiert etwas zu ändern – was sich nicht zuletzt am grandiosen Misserfolg der Online-Petition zeigte (nicht einmal die Hälfte der erforderlichen Stimmen wurde erreicht).

  9. Bitte richtige Argumente verwenden

    Erst einmal ein Disclaimer: Ich mag und unterstuetze die Idee von Open Access. Habe das auch selber schon verwendet etc.

    Aber wenn man schon dafuer argumentiert, sollte man bitteschoen richtige Argumente verwenden. Mal sehen, was ich an dem Post so auszusetzen habe…

    1. Die Mondpreise von 30-40 Euro pro Artikel sind in der Tat so hoch, dass ich mich ernsthaft frage, ob es dafuer ueberhaupt Abnehmer gibt. Allerdings gibt es normalerweise die Moeglichkeit, sich Paper an der oertlichen Bibliothek kopieren zu lassen. Das ist im digitalen Zeitalter enorm unbequem (selbst bei Email-verschicken und gescanntes pdf zurueckbekommen so unbequem, dass ich es nur einmal benutzt habe), aber prinzipiell stehen die Forschungsergebnisse auch Nichtwissenschaftlern offen. Auch wenn die Huerden unnoetig hoch sind.

    2. Lizenzkosten: Da steckt schon drin, dass eine Lizenz fuer ein ganzes Institut/Uni gilt. Die Lizenzen fuer Privatpersonen bewegen sich im Bereich von 200-300 Euro pro Journal. Das ist etwa ein Faktor 3 verglichen mit Spektrum, und damit nicht so wahnsinnig viel mehr. Also bitte nicht Aepfel mit Birnen vergleichen.

    3. Anstieg der Abopreise: Zumindest die Physical Review X geben als einen Grund fuer die gestiegenen Preise einfach mehr publizierte Artikel an. Ein Grossteil der Publikationskosten skaliert mit der Anzahl der Artikel. Das Argument finde ich soweit nachvollziehbar.

    4. Elektronische Distribution: Bei den Preisen des American Institute of Physics kann man ablesen, dass Online + gedruckt etwa 4/3 der Lizenzkosten von Online ausmacht. Die Druckkosten mach(t)en also etwa 25% der Gesamtkosten aus. Das ist ganz nett, aber nicht so riesig.

    5. Journale mit hoeherem Renomee: Diese bekommen auch mehr Paper zugeschickt. Selbst wenn diese nicht veroeffentlicht werden, generiert das erstmal Kosten. Um die Menge an Blutsaugerei abzuschaetzen, waere es vielleicht ganz sinnvoll, ein Journal eines Privatverlages mit einem Journal eines gemeinnuetzigen Verlages (der nur eine schwarze Null anstrebt) zu vergleichen (aehnliche Seitenzahl etc.) Ich habe das mal kurz mit Nature vs. Science versucht, aber letzteres liefert leider scheinbar keine einfachen Preislisten aus, von daher kann ich leider auch nicht mit Zahlen aufwarten.

    6. Mike Taylor: Die angegebenen 2 Milliarden sind nicht der Profit (operative profit), sondern der Umsatz (revenue). Der Profit liegt bei 600 Millionen. Immer noch nett, aber ein Faktor von >3 ist dann doch ein etwas derber Fehler.

  10. @ Ulf Lorenz

    Hallo Ulf,

    dein erstes Argument verstehe ich nicht – inwiefern sind die finanziellen Hürden für den Zugang zu bereits öffentlich finanziertem Wissen ein Argument für das klassische Publikationsmodell? De facto bedeuten die hohen und stetig steigenden Kosten für die Bibliotheken, dass sie sich nicht alle Zeitschriftenabonnements mehr leisten können (siehe Zeitschriftenkrise).

    Es ist richtig, dass ich die Abos für Privatpersonen unterschlagen habe. Aber welchen Sinn hat es denn, sich privat ein einziges Journal zu abonnieren? Ohne einen breiten Zugang zu allen referenzierten Artikeln ist das doch komplett sinnfrei und taugt höchstens als Hobby für Leute mit zu viel Zeit und Geld. Ich jedenfalls will nicht Nature einmal komplett von vorn bis hinten durchlesen.

    Mir ging es hier auch gar nicht um die Kosten für den Einzelnen, sondern die Kosten für die Öffentlichkeit, die z.B. bereits die Forschung bezahlt hat und damit einen gewissen Anspruch auf einen freien Zugang hat.

    Taylor hat den Fehler gemacht, den Profit von ganz Elsevier-Reed 2009 zur Grundlage seiner Berechnung zu machen. Und der „adjusted operating profit“ lag bei 1,8 Milliarden Euro, der Umsatz/ „revenue“ bei 6,8 Milliarden. Elseviers Umsatz allein lag bei 2,2 Milliarden Euro, der reine Profit bei 776 Milliarden Euro. (Das steht übrigens auch im verlinkten Artikel von Taylor.)

    Das tut, wie gesagt, dem grundsätzlichen Argument keinen Abbruch, wie Jeff Hecht im Diskussionsthread unter Taylors beitrag ganz richtig bemerkt hat: Das Geschäft mit wissenschaftlichen Publikationen ist so profitabel, dass man mit dem reinen Profit von ein oder zwei Verlagshäusern die gesamte Publikationswelt finanzieren könnte. Wenn die Rechnung vielleicht nicht ganz allein mit Elsevier aufgeht, dann nimmt man eben noch Springer dazu, und dann stimmt’s wieder. Es liegt doch auf der Hand, dass die Verlage sich auf unsere Kosten bereichern, ohne dass man dagegen etwas tun kann.

    Im Übrigen wird IMO damit jede Rechtfertigung der aggressiven Preispolitik über gestiegene Distributionskosten etc. hinfällig, denn wenn das Verlagsgeschäft wirklich so aufwändig und teuer, wären sicher keine Umsatzrenditen von 30 bis 40 Prozent möglich. Das ist Geld, das von den Bibliotheken und Universitäten direkt an die Anteilseigner geht, dem System entzogen wird.

    Das war Gegenstand von Mike Taylors, Heather Morrisons und auch George Monbiots Kritik.

    Vielleicht magst du dich auch mit den Arbeiten von Ted Bergstrom zu Zeitschriftenpreisen auseinandersetzen. Zitat von seiner Website:

    Why are we doing free referee work for rogue journals that skim huge profits from our research budgets and restrict access to libraries at the richest universities?

    Da sind einige interessante Sachen dabei.

  11. Kernargumente

    Vielleicht waere es von Anfang an besser gewesen, ich haette mich auf die wesentlichen Punkte konzentriert, statt alles zu bekritteln. Da ich mein Bauchgefuehl jetzt auch besser und umfangreicher formulieren kann, versuche ich es mit diesem Post mal (detaillierte Antworten im naechsten Post).

    Ich habe mit der Argumentationslinie im Blogpost zwei Probleme:

    1. Das Hauptargument ist, dass Elsevier’s Profite ausreichen, um alle Publikationen zu finanzieren, und dieses Argument ist inkonsistent. Wenn Elsevier’s Journal-Sparte 2.2 Milliarden Umsatz und 800 Millionen Profit macht, bedeutet das Kosten von 1.4 Milliarden. Elsevier’s Profite reichen also nicht einmal aus, um die Elsevier-Journals herauszugeben. Das aendert sich auch durch Hinzufuegen anderer Verlage nicht (die Margen liegen unter 50%).

    2. Open Access und Geldverdienen schliesst sich nicht aus. Stell dir vor, Nature macht auf OA und verlangt einfach 2500$ pro Artikel.

    Schlussfolgerung: Es ist richtig, dass kommerzielle Verlage Blutsauger sind, und es ist richtig, dass Open Access besser ist. Aber die zwei Themen haengen nicht zusammen.

  12. Reply #2

    Jetzt mal noch die lange Liste:

    1. Das erste Argument war, dass es kein prinzipielles Hindernis gibt, einen Artikel zu bekommen, es ist „nur“ unbequem. Ich wuerde dieses Argument allerdings wegen Irrelevanz gerne begraben.

    2. Abo fuer Privatpersonen: Das bezog sich darauf, dass du im Blogpost
    die Preise fuer (private) Zeitungsabos mit den Preisen fuer (Bibliotheks-) Journal-Abos vergleichst. Beim nochmaligen Durchlesen stelle ich allerdings fest, dass das gar nicht der Fall ist. Auch gegessen.

    3. „Im Übrigen wird IMO damit jede Rechtfertigung der aggressiven Preispolitik über gestiegene Distributionskosten etc. hinfällig, denn [dann] wären sicher keine Umsatzrenditen von 30 bis 40 Prozent möglich“

    Doch, man faengt mit X Kosten und 30% Rendite an; wenn jetzt die Kosten auf 2X steigen, muss man nur den Umsatz verdoppeln um alles beim Alten zu haben. 🙂

    Ich habe das Argument von der APS-Seite (AFAIK ein Publisher, der nur eine schwarze Null anstrebt), aber das sollte andeuten, dass Preise auch aus legitimen Gruenden steigen koennen.

  13. Hallo Ulf,

    danke für deine Antwort. Ich verstehe jetzt deine Bedenken, glaube aber, dass du meinen Artikel etwas überinterpretierst.

    Es ist richtig, dass kommerzielle Verlage Blutsauger sind, und es ist richtig, dass Open Access besser ist. Aber die zwei Themen haengen nicht zusammen.

    Die beiden Themen hängen nur insofern zusammen, als dass man sich ja zwischen zwei verschiedenen Modellen entscheiden kann, und ggf. auch eine moralisch motivierte Entscheidung pro oder contra OA fällen kann. Den Profit von Elsevier auf die Kosten von OA umzurechnen macht natürlich nur Sinn, wenn man sich verdeutlichen will, wo das Geld bei verschiedenen Geschäftsmodellen bleibt.

    Natürlich möchten die Verlage profitabel arbeiten, die Frage ist aber, ob das für den Rest der Welt so gut ist, und ob wir mit anderen Modellen nicht besser fahren würden.

    Zu Kosten, Umsatz und Profit. Wir wissen nicht, wie sich die 1.4 Milliarden Kosten, die Elsevier hat, zusammensetzen. PLoS ONE demonstriert doch aber, dass 1300 $ Gebühr pro Artikel ausreichen, um kostendeckend zu arbeiten. Da geht in meinem Kopf nicht zusammen, wie bei 1.5 Mio Artikeln wissenschaftlichen Output theoretisch „nur“ 1.9 Mrd $ Gebühren nötig wären, um kostendeckend zu arbeiten.

  14. Kosten sind nicht gleich Kosten

    Es mag ja sein, dass die Verlage interne Kosten haben. Klar kostet es Geld, die ganzen Manager, Bürokräfte und Büros zu bezahlen, aber das ist kein Argument für irgendetwas.
    Krieg kostet auch Geld. Die Entwicklung und Herstellung von Massenvernichtungswaffen kostet Geld. Ich weiß, das sind extreme Beispiele — kein Vergleich zu den Verlagen, soll nur der Verdeutlichung meiner Idee dienen. Alles was ich sagen will ist:
    Man muss auch darauf achten, ob die Kosten nötig und sinnvoll sind.

    Da die Verlage offenbar nichts tun außer Arbeit auf unbezahlte Dritte abzuwälzen, sind die Kosten schlicht nicht gerechtfertigt und die Verlage gehören deshalb demontiert.

  15. „Zu Kosten, Umsatz und Profit. Wir wissen nicht, wie sich die 1.4 Milliarden Kosten, die Elsevier hat, zusammensetzen. PLoS ONE demonstriert doch aber, dass 1300 $ Gebühr pro Artikel ausreichen, um kostendeckend zu arbeiten. Da geht in meinem Kopf nicht zusammen, wie bei 1.5 Mio Artikeln wissenschaftlichen Output theoretisch „nur“ 1.9 Mrd $ Gebühren nötig wären, um kostendeckend zu arbeiten.“

    Ich kenne PLoS nicht im Detail, aber ich kann mir durchaus verschiedene Gruende vorstellen, warum es billiger ist:

    * Es hat keine Printausgabe. Wie schon erwaehnt, treiben Journale in Form von totem Baum den Lizenz-Preis, d.h. die Kosten, um etwa 1/3 (Non-Profit publisher).
    * Strukturen: Es kann durchaus sein, dass PLoS effizienter arbeitet, weil es keine strukturellen Altlasten mit sich herumschleppt (alte Softwareversionen etc., alles, was Reibung verursacht).
    * Eventuell kommen auch noch andere Effekte hinzu. PLoS wurde 2000 gegruendet, d.h., sie haben vermutlich wenig Probleme z.B. mit dem Digitalisieren alter Ausgaben gehabt etc.
    * Added Value: Einige Hochglanzjournale z.B. haben zusaetzlich auch noch Nachrichtenteile etc., so etwas kostet.

    Ich habe ausserdem keine gute Referenz gefunden fuer die Zahl von 1.5 Millionen Artikeln pro Jahr; in der Blurb-Sektion bei arxiv taucht die Zahl von 1.5-2 Millionen auf, allerdings war das 2002. Es kann also auch sein, dass diese Zahl schlicht falsch ist (im Blogpost ist sie nirgendwo belegt).

    Einen Vorteil haette Open Access bei genauerer Betrachtung bei normalen working horse Journals: Wenn der Wissenschaftler bezahlen muss, kann er motiviert sein, in billigen (i.e., effizienten) Journalen zu publizieren. Das koennte Journals staerker zu Kostenreduktion verleiten und damit einen besser funktionierenden Markt produzieren. Fuer dieses Argument kann ich mich sogar begeistern.

  16. Nur noch open access

    In unserer Arbeitsgruppe am MPI fuer chemische Oekologie in Jena arbeiten wir daran nur noch in open access Journalen zu veroeffentlichen, da vor allem unsere Direktoren einen kostenfreien Zugang zu Publikationen promoten.
    Intern existieren schon Listen, mit No-go listen (weil teuer) und Journalen, die zumindest online frei verfuegbar sind. Innerhalb der naechsten Jahre soll dann nur noch in solchen Journalen veroeffentlicht werden. Meiner Meinung nach ein Anfang, vor allem, da viele Journale davon profitieren hochrangige Wissenschaftler zu veroeffentlichen (um den eigenen Impact Factor zu erhoehen). Einige davon werden unsere Publikationen dann schon vermissen und hoffentlich umdenken. Ansonsten sind sie bald auch nicht mehr so hoch dotiert.

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