Open-Access-Publizieren – Was kümmert’s uns Doktoranden?

Die Open-Access-Bewegung scheint an Fahrt zu gewinnen. Geldgeber aus dem Vereinigten Königreich und auf EU-Ebene unterstützen einen Umschwung zu einem Publikationswesen, das einen freien Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen ermöglichen soll.

Aber warum sollte einen Doktoranden wie mich das Thema überhaupt interessieren? Sollte es nicht viel wichtiger sein, gute Artikel in guten Zeitschriften zu veröffentlichen, unabhängig vom zugrundeliegenden Geschäftsmodell?

Oa

Das traditionelle vs. das offene Publikationsmodell

Der Austausch wissenschaftlicher Ergebnisse geschieht vor allem über Artikel in Fachzeitschriften. Traditionell wird das meiste Geld mit dem ersten “Leser-zahlt”-Modell verdient, bei dem Verlage die Artikel über Uni-Bibliotheken an die Wissenschaftler  und andere Leser zurück verkaufen. Im Zeitalter der handschriftlichen Manuskripte und Papierzeitschriften war das durchaus gerechtfertigt, mit der digitalen Revolution sind die Kosten für die Zeitschriften extrem angestiegen. Bei Renditen von regelmäßig 35-40% verdient die Branche sehr gutes Geld, das letztlich aus den Taschen der Steuerzahler stammt, die wiederum selbst gar nicht ohne weiteres auf die Publikationen zugreifen können. Damit sind wir über die Jahre in eine Krise gerutscht: Die Kosten für Abonnements sind signifikant schneller gestiegen, als die Inflation und die Bibliotheksbudgets. Dieses Finanzierungsmodell ist alles andere als nachhaltig. In der Folge mussten selbst Bibliotheken renommierter Universitäten wie Harvard aus Budgetgründen Abos kündigen, wodurch sich teilweise enorme Zugriffsprobleme ergeben. 

Alternativ verspricht „Open Access“ freien Zugriff auf Artikel, sowohl für Wissenschaftler, als auch die breite Öffentlichkeit. Die Kosten des Veröffentlichens, der Organization der Begutachtung, des Archivierens etc. wird durch Gebühren oder durch Subventionen durch Stiftungen getragen. Open Access eliminiert damit die hohen Kosten, die Zugriffsprobleme und sogar rechtliche Probleme zur Weiterverbreitung der Inhalte. Anders als in anderen Branchen, sind Wissenschaftler sehr stark daran interessiert, dass ihr geistiges Eigentum möglichst weit verbreitet wird.

Die Bewegung gewinnt an Fahrt: ist Open Access wirklich die Zukunft?

In diesem Jahr scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen und die Open-Access-Bewegung gewinnt immer mehr einflussreiche Unterstützer. Mehr als 12.000 Wissenschaftler sprechen sich öffentlich gegen das parasitäre Geschäftsmodell der Verlage und speziell gegen Geschäfts- und Lobby-Tätigkeiten von Elsevier Reed aus, dem größten wissenschaftlichen Verlagshaus. Das Zentrum für Mathematik an der TU München kündigt Elsevier-Abos. In einer offiziellen Petition an das Weiße Haus fordern Tausende freien Zugriff auf staatlich finanzierte Forschung. Und vor ein paar Wochen äußert sich zuerst die britische Regierung und dann die EU-Kommission zu dem Thema zum Thema: Beide möchten in den nächsten Jahren alle bzw. den Großteil der Forschung OA-publiziert und damit die gesamte Publikationswelt auf den Kopf gestellt sehen:

Die Steuerzahler sollten nicht zwei Mal für wissenschaftliche Forschung bezahlen müssen, und sie benötigen einen problemlosen Zugriff auf Rohdaten.  – Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission für die digitale Agenda

Einwände gegen Open Access

Es stellt sich natürlich die Frage, ob es nicht doch irgendwo Haken und Ösen gibt, die Wissenschaftler und – für mich besonders interessant – vor allem auch junge Wissenschaftler und Doktoranden benachteiligen.

Warum sollte man sich von einem (sicher sehr ehrbaren) Freiheitsgedanken leiten und damit diktieren lassen, in welcher Zeitschrift man zu publizieren hat? Ist diese Entscheidung nicht völlig unabhängig vom Geschäftsmodell des entsprechenden Verlags? Immerhin müssen Wissenschaftler, um konkurrenzfähig zu bleiben und Geldgeber zu finden, in besonders renommierten Zeitschriften publizieren. Diese sind doch meistens noch traditonell über Abonnements finanziert und nicht Open-Access. Was ist mit denjenigen, die nicht für die Publikationsgebühr einer Open-Access-Zeitschrift aufkommen sind, etwa weil sie freie Forscher sind, ohne finanzielle Beihilfe? Wie soll die Zeitschriftenindustrie überleben, wenn ihr die Einnahmen wegbrechen? Das Veröffentlichen verursacht immerhin Kosten, die für das Organisieren der Gutachter, das Lektorieren, Archivieren, Drucken usw. anfallen.

Wie ich nach und nach festgestellt habe, sind das allesamt keine gültigen Einwände. Solche und andere Vorbehalte gegen Open Access sind aber vor allem unter jungen Wissenschaftlern weit verbreitet, wie eine Studie der British Library und JISC zeigte.

Mythen

Die traditonelle Zeitschrift / der traditionelle Verlag wertet die Publikationen signifikant auf

Dass es bisher keine Open-Access-Gegenspieler zu Größen wie Cell, Nature und Science gibt, scheint klar zu sein. Diese drei Zeitschriften sind allerdings Ausnahmen, die meisten sind dagegen sehr klein. Allerdings scheint sich das langsam zu ändern: Nicht nur haben die Zeitschriften etwa von PLoS ein großes Renomée erlangt, sondern mit der eLife-Initiative ist etwas im kommen, das den Großen Konkurrenz machen soll (mehr dazu hier auf der eLife-Seite).

Die Industrie ist auf die Profite angewiesen

Wie oben beschrieben, verursacht das Veröffentlichen und Verlegen Kosten. Allerdings kann man nicht behaupten, dass die Verlage hier den Großteil der Arbeit übernehmen. Das Editing, das Peer-Review, und die eigentlichen Inhalte (die Artikel) werden kostenfrei von Wissenschaftlern geliefert.

Mike Taylor rechnet hier vor, dass der Traditionsverlag Elsevier an einem Artikel durchschnittlich achtmal mehr verdient, als das Open-Access-Journal PLoS ONE überhaupt für einen Artikel verlangt. PLoS ONE schreibt aber schwarze Zahlen, und macht nicht etwa ein Verlustgeschäft. Die Profite der Traditionalisten sind also ganz klar außerhalb jeder Verhältnismäßigkeit.

Eine Reihe von Open-Access-Zeitschriften zeigt, dass man sich auch über die Publikationsgebühr finanzieren kann. BioMedCentral ist etwa ein kommerzieller Online-Verlag, der inzwischen von Springer gekauft wurde. Auf die Frage, ob BMC Profit abwirft, antwortete der Springer-Geschäftsführer Derk Haank:

Ja, BioMedCentral hat eine sehr gesunde Rendite, im zweistelligen [Prozent?] Bereich. Es ist nicht gerade-so profitabel, sondern ein sehr vernünftiges Geschäft. (Yes, BioMed Central has a very healthy margin, more than double digits. It is not marginally profitable but a very sound business.)

Kosten für den Autor

Die Publikationskosten, die ganz unterschiedlich hoch sind, und bei einer recht renommierten Open-Access-Zeitschrift wie PLoS Biology bei $2900, und bei dem Megajournal PLoS ONE bei $1350 liegen. Das ist nicht gerade wenig, aber die Geldgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, oder die Max-Planck-Gesellschaft kommen für diese Kosten im Rahmen von Projektanträgen auf. Bei praktisch allen Open-Access-Zeitschriften, die eine solche Gebühr verlangen, gibt es eine Erlass-Option (fee waiver) für „ökonomische Härtefälle“. Grundsätzlich können damit auch freie Forscher aus ihren Kellern in die weite Welt hinaus publizieren.

Davon abgesehen sind 70% der Open-Access-Zeitschriften völlig kostenlos für den Autor, während ganze 75% der traditionellen Zeitschriften hohe Gebühren für Farbabbildungen oder zusätzliche Seiten verlangen.

Das Geschäftsmodell des Verlags darf mir nicht die Karriere diktieren

Wie in den vorgehenden Punkten bereits klar geworden ist, hat man einige Möglichkeiten, in verschiedenen, auch angesehenen Zeitschriften zu publizieren, und auch bei fehlender finanzieller Beihilfe kann man Open-Access-Zeitschriften trotzdem in Anspruch nehmen.

Wir sollten uns darüber hinaus langsam von der Vorstellung trennen, dass die „Marke“ oder Thomsons Impact Factor irgendwas über die Qualität unserer Arbeit aussagen. Der unsägliche Impact-Factor wird oft als Maß für das Renommée einer Zeitschrift oder sogar von Wissenschaftlers missbraucht, und entscheidet damit über das Überleben des Betroffenen. Dabei werden, wie Björn Brembs zeigen konnte, in den hoch angesehenen Zeitschriften vielleicht besonders spektakuläre, aber auch besonders viel unverlässliche Ergebnisse publiziert.

Der Geldgeber Wellcome Trust verabschiedet sich bereits von dieser „Marken-Denke“:

Der Wellcome Trust bekräftigt das Prinzip, dass der eigentliche Wert einer Arbeit, und nicht etwa der Name der Zeitschrift, in der der Autor publiziert hat, über Entscheidungen zu finanziellen Beihilfen entscheiden sollte. ([T]he Wellcome Trust […] affirms the principle that it is the intrinsic merit of the work, and not the title of the journal in which an author’s work is published, that should be considered in making funding decisions.)

Außerdem kann man in der Regel immer noch „grünes Open Access“ wählen: Hier deponiert man seine unfreie Publikation in Repositorien, die in der Regel von Bibliotheken und den Geldgebergesellschaften unterhalten werden. Nach einer Frist, die der Verlag festsetzt, wird die Arbeit für jedermann über das Repositorium freigegeben.

Schluss

Beim Aufbau einer Open-Access-Zukunft werden die Doktoranden von heute maßgeblich mitbeteiligt sein, allerdings haben sie derzeit noch wenig Einflussmöglichkeiten. In der Regel entscheidet der Betreuer, wo was publiziert wird, denn Doktoranden als Neulinge verfügen weder über die nötige Erfahrung, noch über den breiten Überblick über das Thema. Daher lohnt es sich auf jeden Fall, das Thema mit Betreuern und Kollegen zu anzusprechen.

Auch wenn die Welt noch auf meine erste Publikation warten muss, werde ich vorraussichtlich in zwei Wochen an einer Podiumsdiskussion zum Thema teilnehmen. Das ganze findet im Rahmen einer von und für Doktoranden organisierten Veranstaltung von FMP und MDC statt. Es werden sich sowohl eine Vertreterin von Elsevier, ein Vertreter der Open-Access-Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft, als auch Editoren von Fachzeitschriften beteiligt sein. Ich werde die Stimme der Doktoranden übernehmen.

Gibt es Aspekte, die es sich anzusprechen lohnt? Wo seht ihr Chancen und Risiken von Open Access für eine wissenschaftliche Karriere?

Martin Ballaschk ist Biologe, enthält Glutamat und ist auch noch stolz drauf! Er bloggt hier über Dinge, die ihn erstaunen, aufregen oder die er einfach für sich und seine Mitmenschen aufarbeiten möchte. Beruflich als Kommunikator an einem Berliner Forschungszentrum, hier privat.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Einwände

    Der lustigste Einwand war: „Wie soll die Zeitschriftenindustrie überleben, wenn ihr die Einnahmen wegbrechen?“
    Was sollen da nur die armen Telegrafen und Pony-Express-Reiter sagen?
    http://www.npr.org/…/story.php?storyId=124251060

    Wenn unsere Bibliotheken den Bereich wieder übernehmen, den sie vor einigen Jahrhunderten an die Verlage aufgegeben haben, werden sicherlich die meisten der Verlagsangestellten (evtl. ausser den Managern) in den Bibliotheken eine Anstellung finden – schliesslich müssen ca. 2 Mio Artikel pro Jahr ja irgendwie veröffentlicht werden.

  2. An die Hand nehmen

    Bei uns am MPI haben sich die Direktoren mehr oder weniger verpflichtet nur noch in open access journalen zu veröffentlichen, es gibt aber so eine Art Übergangszeit, also noch veröffentlichen wir auch in Plant Cell und ähnlichen Journalen, mit Spannung wird ja die erste Ausgabe von elife erwartet. Ich kenne aber auch einige Uniprofessoren, die eher selten in open access journalen veröffentlichen wollen.
    Sicher liegt das auch am Kampf um Förderungen, denn Unis publizieren oft seltener und haben es meiner Meinung nach schwerer, Förderungen zu beantragen.
    Die größte Aufgabe sehe ich aber darin, herrschende Uniprofs in wenig in ihrer Macht zu beschränken, im Sinne von einem größeren Mitspracherecht der Doktoranden.
    Einige meiner Bekannten werden an den Unis die ganze Promotionszeit dermaßen angeleitet, dass sie selten selbst Initiativen ergreifen, das verschenkt unheimlich viel Potenzial. Hier finde ich eine Machtverschiebung im Sinne der Veröffentlichungsfreiheit sinnvoll und wichtig.

  3. Urheberrecht

    Im Prinzip klingt das gut: In Online-Zeitschriften schnell und kostenlos publizieren, und die Aufsätze sind weltweit frei zugänglich. Noch besser klingt es, wenn man auf der „Konsumenten“seite sitzt: Keine umständlichen Fernleihen mehr, um Zeitschriftenaufsätze zu bekommen, keine Warterei, keine unzugänglichen Jahrgänge. Den Autoren würde es kaum schaden, denn sie müßten nur auf die VG-Wort-Honorare verzichten, die man für Papierpublikationen auch im Aufsatzformat bekommt (für Onlinetexte gibt es nur einen Bruchteil des Geldes, wenn überhaupt). Mehr als das bekommt man als Urheber eines wissenschaftlichen Aufsatzes ja ohnehin nicht. Kein ernsthafter materieller Schaden also für die Wissenschaftler, dafür großer Nutzen für sie ebenso wie für die interessierte Allgemeinheit.

    Bei der ganzen Diskussion ist nur ein Problem nicht wirklich gelöst: Wie steht es mit dem Urheberrecht? Was bei wissenschaftlichen Zeitschriftenaufsätzen recht theoretisch bleibt, weil die Urheber mit ihnen in der Regel sowieso kein (bzw. kaum) Geld verdienen, sieht bei leserfreundlich geschriebenen Monographien – insbesondere aus Fächern, an denen weite Teile der Öffentlichkeit Interesse haben – schon ganz anders aus. Und in den Geisteswissenschaften werden nun einmal nach wie vor Ergebnisse abgeschlossener Projekte überwiegend in Form von Monographien vorgelegt.

    Einerseits sind die meisten Forscher nicht auf Lebenszeit verbeamtete Professoren, sondern befristet angestellte „Nachwuchs“wissenschaftler mit mehr als zweifelhafter beruflicher Zukunft, können es sich also im Grunde nicht leisten, Verdienstmöglichkeiten aufzugeben.

    Andererseits ist es aber auch eine prinzipielle Frage: Ist ein Wissenschaftler, der einen Text verfaßt, kein Urheber mit berechtigtem Interesse am Verkauf seines Werkes und einer Beteiligung an den Einnahmen? Wie wird die Rolle des wissenschaftlichen Autors eigentlich gesehen, wenn man davon ausgeht, die Förderung eines Projektes (also die Bezahlung der Arbeit an Materialien) und die (Mit-)Finanzierung des Publikationsvorgangs führten dazu, daß der Autor keine Rechte mehr am fertigen Text hat? Ist der Text so etwas wie ein Tisch, den ein Schreiner als Auftragsarbeit herstellt? Oder nur ein bißchen Geschenkpapier, das man um die „Daten“ wickelt, die sich die Öffentlichkeit durch die Finanzierung der Forschung gekauft hat? Wie stellt man sich das eigentlich genau vor? Und wie zutreffend ist die Vorstellung? Die Perspektive mag sich hier nach Fächern unterscheiden. Der Text einer wissenschaftlichen Publikation hat sicher in den Naturwissenschaften eine andere Bedeutung als in den Geisteswissenschaften, ebenso wie sich Häufigkeit und Stellenwert von Monographien unterscheiden.

    Jedenfalls muß die Frage der Haltung zum Wissenschaftler als Urheber grundsätzlich diskutiert und geklärt werden, ehe man Wissenschaftler legitimerweise zum Open-Access-Publizieren zwingen kann. Trotz allem meine ich aber, daß man sie nicht dazu zwingen sollte. Wissenschaftler kann man überzeugen, wenn man vernünftige Argumente hat. Wenn man sie zwingen will, wird die Sache nicht funktionieren wie beabsichtigt. Wo es sinnvoll und für die Autoren nicht schädlich ist, im Open-Access-Verfahren zu publizieren, da wird es sich ohnehin durchsetzen, schon wegen der oben erwähnten Vorteile. Dazu reicht es aus, dazu zu ermutigen, es als wünschenswert zu markieren und im Wissenschaftsbetrieb nicht mehr nach der Reputation der Zeitschrift zu schielen. Wo es aber nach geistiger und materieller Enteignung aussieht, könnten sich der Open-Access-Bewegung durchaus Widerstände entgegenstellen.

    Doch ganz abgesehen von der Grundsatzdiskussion um das Urheberrecht von Wissenschaftlern, sollte man sich womöglich erst einmal darum kümmern, die Existenz junger Forscher zu sichern, bevor man von ihnen erwartet, daß sie klaglos zusätzliche Einkommensquellen aufgeben, die bislang zwar auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein waren, aber immerhin das.

  4. @Susanne Kurz

    Als Wissenschaftler hat man das Glück, die Freiheit zu haben, nicht von seinen Publikationen leben zu müssen, und damit einen weitestgehend freien Austausch von Wissen zu ermöglichen. Davon hängt ja gerade der Ruf, Einfluss und damit die gesamte berufliche Zukunft ab. Meine Arbeit sollen möglichst viele Menschen lesen, dabei aber daran denken, wer sie verfasst hat. Darauf bezieht sich auch die „access crisis“, die derzeit herrscht: wenn man hunderte Arbeiten für ein Projekt lesen muss, sind Zugriffsbarrieren äußerst lästig, wenn nicht oft sogar schädlich.

    Damit ist das Publizieren in den Naturwissenschaften, Mathematik, Sozialwissenschaften etc. in Journalen sicher eine Besonderheit. Ich sehe das als Freiheit, denn mein Auskommen ist bereits über mein Gehalt geregelt. Die Gesellschaft investiert in mich und ich revanchiere mich mit Publikationen.

    Das Schlimme am bestehenden System ist, dass die Autoren (zumindest in den USA mit ihrem Copyright) jegliche Rechte an den Verlag abtreten, der dann mit deren geistigen Eigentum Milliarden verdient. Sei selbst dürfen die Texte nicht weiterverwenden („permission crisis“).

    Umgekehrt kommt bei „libre“ Open Access eine freie Lizenz wie Creative-Commons zum tragen, die dem Autor noch Rechte garantiert („some rights reserved“).

    Wissenschaftler kann man überzeugen, wenn man vernünftige Argumente hat. Wenn man sie zwingen will, wird die Sache nicht funktionieren wie beabsichtigt.

    Sehe ich nicht so. Wenn man mir schon allein 90.000 EUR für Sachmittel für ein Projekt bewilligt, darf man mir auch in gewissem Maße vorschreiben, wo ich zu publizieren habe.

    sollte man sich womöglich erst einmal darum kümmern, die Existenz junger Forscher zu sichern, bevor man von ihnen erwartet, daß sie klaglos zusätzliche Einkommensquellen aufgeben, die bislang zwar auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein waren, aber immerhin das.

    Vorraussetzung dafür wäre außerdem, dass diese Arbeiten keine Gemeinschaftsarbeiten sind (was sie meistens sind) und dass die Forscher ein moralisches Anrecht haben, diese Arbeiten in irgendeiner Weise zu „besitzen“. Immerhin wird man vom Volk finanziert, um diese Sachen auszuhecken und den wissenschaftlichen Fortschritt voranzutreiben, was der Gesellschaft nutzen soll. Moralisch hat man kein Anrecht auf die Texte, die gehören dem Steuerzahler. Wie eine sehr teure Auftragsarbeit, bei der nicht einmal klar ist, dass sie etwas nützliches abwirft.

  5. Hier noch ein passendes Zitat aus Peter Subers Buch „Open Access“, das ich jedem empfehlen möchte:

    […] scholarly journals generally don’t pay authors for their research articles, which frees this special tribe of authors to consent to OA without losing revenue. This fact distinguishes scholars decisively from musicians and moviemakers, and even from most other kinds of authors. This is why controversies about OA to music and movies don’t carry over to OA for research articles. […] The academic custom to write research articles for impact rather than money may be a lucky accident that could have been otherwise. Or it may be a wise adaptation that would eventually evolve in any culture with a serious research subculture. (The optimist in me wants to believe the latter, but the evolution of copyright law taunts that optimism.) This peculiar custom does more than insulate cutting-edge research from the market and free scholars to consent to OA without losing revenue. It also supports academic freedom and the kinds of serious inquiry that advance knowledge. It frees researchers to challenge conventional wisdom and defend unpopular ideas, which are essential to academic freedom. At the same time it frees them to microspecialize and defend ideas of immediate interest to just a handful people in the world, which are essential to pushing the frontiers of knowledge.

  6. Es gibt bisher keine Argumente gegen Open Access in der Wissenschaft, die mich wirklich überzeugen. Das ist auch der Grund wieso ich OA unterstütze. Schließlich hat sich das PLoS-Model bewährt und zahlreiche Journals, die bisher dem traditionellen Publikationsmodell gefolgt sind, bieten nun auch freien Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln an. Das beste Beipsiel dürfte „Scientific Reports“ von der Nature sein. Es ist nur ein Beispiel unter vielen, zeigt aber eindeutig, dass sich das Publikationsmodell langsam in Richtung OA bewegt. Was soll schließlich daran schlecht sein, wenn man Wissen frei zugänglich macht?! Klar muss man als Autor einer Studie dann bezahlen, um veröffentlichen zu können, aber wie man z.B. bei PLoS lesen kann, kann die Summer erlassen werden:

    „We offer a complete or partial fee waiver for authors who do not have funds to cover publication fees. Editors and reviewers have no access to author payment information, and hence inability to pay will not influence the decision to publish a paper.“

    (Quelle: Publication Fees)

    Dementsprechend ist der entscheidende Punkt an der ganzen Sache der Ruf eines Journals, wie eben der Nature, Cell und Science. Solange Wissenschaftler danach beurteilt werden wo sie publizieren, hat die Wissenschaftsgemeinde ein Problem. Du sprichst den Impact Factor an und triffst damit völlig ins Schwarze: Wer in seiner Publikationsliste die Nature und Cell stehen hat, kann leicht beeindrucken und bekommt eher eine Stelle als ein Wissenschaftler als jemand der das nicht vorweisen kann (Stichwort: Nachwuchsgruppe).

    Ich bin mir aber sicher, dass es viele Wissenschaftler gibt, die den OA-Weg gehen möchten dann aber doch die traditionelle Variante wählen, da es eben besser für die Laufbahn ist. Kann ich völlig nachvollziehen, weswegen man genau hier ansetzen muss. Es muss also ein neues Verfahren her, wie man Wissenschaftler objektiv beurteilen kann und sie weniger anhand ihrer Publikationsliste misst. Gute Arbeit muss sich zwangsläufig nicht so äußern, dass man in der Nature publiziert oder 30 Publikationen pro Jahr rausbringt. Wenn man also den Weg in Richtung OA vorrantreibt muss man gleichzeitig daran arbeiten den Impact Factor zu reformieren.

    Ein paar kleinere Ansätze Wissenschaftler zu beurteilen gibt es ja bereits. Researchgate spuckt dir, wenn man dort angemeldet ist, einen „RG Score“ aus. Dieser misst letztendlich nichts anderes als wieviele Publikationen und Follower du hast und wie sehr du an Diskussionen in den diversen Subforen teilnimmst. Sciencecard (dazu auch ein guter Blogpost von Beatrice Lugger „ScienceCard – der Blick auf einzelne Forscher“) hingegen sammelt noch mehr Informationen über einen Wissenschaftler. Alles schöne Sachen, aber alles noch nicht so ganz ausgereift! Trotzdem denke ich, dass sich das nach und nach weiterentwickeln wird und wir irgendwann an den Punkt ankommen, wo große Journalnamen keine so große Rolle mehr spielen. Der Status Quo sieht allerdings noch anders aus, weswegen man zuerst daran arbeiten muss, dieses traditionelle Journalnamen-Denken aus den Köpfen rauszubekommen. Wird allerdings schwer sein, nicht zuletzt ertappe ich mich immer wieder wie ich hauptsächlich auf der Nature- oder Cell-Homepage rumsurfe und ich sage „ah wow du hast also schon in der Nature veröffentlich“. Da wartet also ein hartes Stück Arbeit.

    Wenn man sich zudem Gedanken darüber macht, was der Impact Factor eigentlich ist, landet man bei der Feststellung, dass er dir sagt, welche Journals zu lesen sind. Ist an sich keine schlechte Sache, da man schließlich etwas braucht, was dem Wissenschaftler hilft den Überblick zu bewahren. Bei den zig Millionen Publikationen und Tausenden Journals die es gibt, muss man einfach irgendwie gesagt bekommen, was „qualitätsvoll“ ist. Nichts anderes macht ja z.B. F1000. Dort bewerten zig Wissenschaftler Studien und sagen dir welche einen high Impact haben. Man bekommt also nicht anderes als Lesetipps. Wenn wir uns in diese Richtung weiterbewegen ist das schon mal ein Anfang. Irgendwie muss ja Struktur in dieses große Meer an Publikationen gebracht werden.

    Ach ja: Schöner Übersichtsartikel! Du hast so gut wie alles gesagt!

  7. Ein Punkt der mir letztens auch aufgefallen ist: Beim traditionellen Publikationsmodell ist die Anzahl an References, die man am Schluss angibt, begrenzt. Liegt denke ich daran, dass das Journal ja gedruckt wird und die ganzen zitierten Paper eben ordentlich Platz fressen. Bei den OA-Journals die sich eben nur online abspielen, ist diese Begrenzung meines Wissens nach nicht vorhanden. Es kann also sein, dass die Arbeit von einem mal nicht als Referenz genannt wird, weil nicht genügend Platz vorhanden war. Ist natürlich armselig, weswegen ein weiterer Punkt an OA geht.

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