Mistelextrakte gegen Krebs

Was ist Medizin? Ist es Hokuspokus, der auf Magie und vorwissenschaftlichen Aberglauben beruht? Ist es lediglich die Exekutive der Pharmaindustrie, und damit alle Ärzte Erfüllungsgehilfen? Oder ist es ein Heilsystem, basierend auf dem besten Kenntnisstand über unsere Physiologie, basierend auf der Erforschung von Substanz- und Therapiewirkungen, und der kritischen Überprüfung von Wirksamkeit, Sicherheit und Nutzen? Sicherlich ist es derzeit ein Mischung aus alledem, zweifelsohne ist doch aber der letzte Entwurf der erstrebenswerte Zustand. Bezweifelt das jemand ernsthaft?

Ich rege mich so auf, weil viele Ärzte auch in der Krebstherapie offenbar keine Berührungsängste mit pseudomedizinischen Konzepten wie der Misteltherapie haben, die der Großesoteriker Rudolf Steiner durch übersinnliche Schau ersonnen haben will. Die Misteltherapie erfreut sich einiger Beliebtheit, obwohl die Wirksamkeit mehr als zweifelhaft ist. Schaut man sich ein wenig in der Primärliteratur um, dann fällt man aus allen Wolken und zweifelt am Verstand der Ärzte, die ihren Patienten allen Ernstes Mistelextrakte injizieren. 

Wie dem auch sei, die Übersichtsartikel der unabhängigen Cochrane Collaboration sind normalerweise ein guter Einstieg in die Bewertung von Therapien, da sie versucht, die Studienlage objektiv zusammenzufassen und trotzdem differenzierte Schlüsse zu ziehen. Auch über die Qualität der verfügbaren Studien ist man schnell im Bilde.

Eine entsprechende Metastudie mit dem Titel „Mistletoe therapy in oncology“ liegt vor. Sie ist aus dem Jahr 2008 und damit ziemlich aktuell (im Folgenden die freie Übersetzung der Zusammenfassung des Artikels):

Zubereitungen aus der europäischen Mistel (Viscum album L.) zählen zu den meistverschriebenen Medikamenten von Krebspatienten in mehreren europäischen Ländern. Die Befürworter behaupten, dass Mistelextrakte das Immunsystem stimulieren, die Überlebensrate steigern, die Lebensqualität verbessern, und Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie vermindern. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass die Beweislage nicht ausreicht, um eine klare Aussage zu irgendeiner dieser Wirkungen zu machen. Ist damit nicht klar, in welchem Ausmaß die Anwendung von Mistelextrakten einen Einfluss auf eine verbesserte Symptomkontrolle, Tumorrückgang oder Verlängerung des Lebens hat. Von Nebenwirkungen wurde berichtet, diese schienen aber dosisabhängig zu sein, und darüber hinaus um die Injektionsstelle herum und von geringer Intensität zu sein. Da keine unbhängigen Studien von hoher Qualität existieren, sollte die Entscheidung, ob eine Misteltherapie vorteilhaft gegenüber einem bestimmten Problem sein kann, von der Entscheidung von Experten und praktischen Erwägungen abhängig gemacht werden.

Die Studienlage gibt also nichts her. Das hätte mich auch überrascht, denn warum sollte etwas, was ein dahergelaufener gescheiterter Philosoph und Größenwahnsinniger Sektenführer in seiner übersinnlichen „Schau“ gesehen hat, irgendeine Wirkung haben? Das wäre doch bestenfalls Zufall.

In der Kurzversion des Reviews kann man auch lesen, dass von den 80 gefundenen Studien 58 nicht in die Bewertung einfließen konnten, da diese die Mindestanforderungen nicht genügten: üblicherweise lag nicht einmal ein prospektives Studiendesign mit Randomisierung vor. Generell war die Qualität der verbliebenen 21 Studien schlecht. Zwei Studien von höherer methodologischer Qualität befassten sich mit der Verbesserung der Lebensqualität und konnten dort „etwas“ Nutzen zeigen (some evidence of a benefit).

Auch der Krebsinformationsdienst des deutschen Krebsforschungszentrums stellt der Misteltherapie ein vernichtendes Urteil aus:

Mistelpräparate spielen in keiner der wissenschaftlichen Leitlinien zur Krebsbehandlung eine Rolle, die zum Beispiel von der Deutschen Krebsgesellschaft und anderen Fachgesellschaften herausgegeben werden. In anderen Ländern ist die Misteltherapie, wenn überhaupt, dann allenfalls als komplementäre, ergänzende Maßnahme bekannt. In den USA rät das nationale Krebsinstitut (NCI) sogar von einer Mistelgabe ab, sofern sie nicht im Rahmen einer sehr guten klinischen Studie erfolgt. Der Grund für diese kritische Einschätzung ist der fehlende objektive Wirksamkeitsnachweis als Krebsmittel nach heutigen wissenschaftlichen Standards. […] In vielen anderen Ländern haben Mistelzubereitungen bei der Krebsbehandlung dagegen gar keine Bedeutung und sind auch nicht als Medikament zugelassen. […] Nach wie vor ist umstritten, ob und wie die Mistelpräparate Krebserkrankungen überhaupt beeinflussen – mit guten wie mit schlechten Folgen für den Patienten. Die wissenschaftliche Literatur über Untersuchungen und Prüfungen ist widersprüchlich: Die Urteile über die Wirkung der Mistel reichen von "hochwirksam" über "völlig wirkungslos" bis hin zur Annahme einer möglichen Anregung des Tumorwachstums, was allerdings nur in Zellkulturen und Tierversuchen beobachtet wurde. Andere Studien konnten auch dies nicht bestätigen.

Eine Misteltherapie ist also durch praktisch nichts zu rechtfertigen. Man weiß nicht, ob’s schadet oder nützt. Die denkbar schlechteste Idee ist doch in so einem Fall, es einfach auszuprobieren, oder? Wenn ich nicht sicher bin, ob es gut oder schlecht ist, vom Haus zu springen, was sollte ich tun: Es ausprobieren oder es vorher mit einer Melone testen?

Für die Freunde des Autoritätsarguments kommen in der 3sat-Sendung „nano“ vom 21. Dezember 2006 ein paar Experten zu Wort (auch wenn wir schon lange wissen, dass Expertenurteile eher wenig wert sind):

"Wir wissen, dass eine Misteltherapie zur Aktivierung der Makrophagen führt, aber diese Makrophagen können von den Tumorzellen ‚umgekrempelt‘ werden – und dann das Wachstum des Tumors fördern." Prof. Ulrich Kleeberg von der Deutschen Krebsgesellschaft sieht die Therapie als "hochproblematisch" an […]. Selbst diejenigen, die die Methode einsetzen, räumen ein: "Die Studienlage ist nicht eindeutig", sagt Dr. Hartmut Rieß von der anthroposophischen Klinik Niefern-Öschelbronn. "Es gibt Studien, die einen positiven Effekt zeigen, es gibt Studien, die einen Null-Effekt zeigen, aber es gibt eigentlich keine wirklichen Studien, die einen Negativ-Effekt zeigen."

Die Anthroposophen sind immer wieder für einen Lacher gut! Aber was soll man von Leuten erwarten, die glauben, dass Masern und Keuchhusten wichtig für die kindliche Entwicklung sind und dem Kranken die Schuld für seine Krankheit geben?

Die Befürworter reiten selbstverständlich auf den uns altbekannten Pseudo-Argumenten herum: Erfahrungsberichte, die Beliebtheit der Methode, die Verwendung durch Autoritäten (angesehene Ärzte) und vor allem von das Märchen des „alten Wissens“ und der angeblich so sanften Naturheilkunde wird einem aufgetischt. Dabei beweist keiner dieser Punkte die Wirksamkeit oder Sicherheit: Anekdoten sind keine Daten, Popularität rechtfertigt keine Wahrheit und Autoritäten sagen mehr las häufig die Unwahrheit. Altes Wissen ist nicht per se besser als neues Wissen und die Natur kann mitunter recht grausam sein. Der einzige Weg, diese Art von Fragen halbwegs zuverlässig zu beantworten, sind vernünftig durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen. Nur so kann man herausfinden, ob etwas wirkt oder sicher ist. Es gibt bisher keine bessere Methode als die Wissenschaft, um diese Art von Fragen zu beantworten. Auch wenn eine weniger aufwändige und weniger störanfällige Methode zum Erkenntnisgewinn Einiges vereinfachen würde – es gibt sie leider nicht.

Immerhin wird die Misteltherapie meist nur als ergänzende Therapie angewendet und hat, soweit das bei der miserablen Studienlage abzusehen ist, recht wenig Nebenwirkungen. Aber selbst wenn sie keine direkten negativen Wirkungen hat, muss man sich fragen, was diese Pseudomedizin in den Leuten auslöst, die damit positive Erfahrungen machen. Werden sie dadurch zu einem weniger kritischen und stärker esoterischen Weltbild verführt? Ist das nicht der Weg in eine gefährliche Beliebigkeit von Therapien, wo nicht Beweise, sondern nur Aberglauben, Meinungen und nette Erfahrungsgeschichten eine Rolle spielen? 

Es liegt auf der Hand, und es ist hinreichend belegt, dass wir versuchen, zeitliche Zusammenhänge in einen kausalen Zusammenhang zu stellen, auch wenn dieser gar nicht existiert. Verschreibt man Patienten mit Halsschmerzen Antibiotika (die selbstverständlich nicht gegen Viren helfen), und sie gesunden dann, allein weil das der Verlauf eines Atemwegsinfekts ist – man wird von allein wieder gesund – dann werden diese Patienten an die Wirkung des Antibiotikums glauben und dieses auch bei dem nächsten Infekt wieder einfordern. Mit allen Nebenwirkungen, die das Medikament hat.

Bei wirkungslosen Krebstherapien ist die Gefahr ungleich größer als bei ein wenig Halsschmerzen. Hier wird den Patienten nicht nur falsche Hoffnung gemacht und treibt sie damit in die Arme von Scharlatanen, sondern setzt sie im Fall der Misteltherapie noch unzureichend erforschten Nebenwirkungen aus. 

Martin Ballaschk ist Biologe, enthält Glutamat und ist auch noch stolz drauf! Er bloggt hier über Dinge, die ihn erstaunen, aufregen oder die er einfach für sich und seine Mitmenschen aufarbeiten möchte. Beruflich als Kommunikator an einem Berliner Forschungszentrum, hier privat.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Misteltherapie ist, denke ich, sehr wohl eine Alternative, nämlich für alle die, die sich keiner Strahlentherapie und Chemotherapie aussetzen möchten. Allerdings sollte man dabei, wie du schon richtig schreibst, die Patienten ausreichend darüber informieren, dass eine Misteltherapie nicht unbedingt zum gewünschten Heilungsprozess führen muss bzw. es kaum Studien über den Heilungsverlauf gibt. Ein Arzt darf meiner Meinung nach dabei auch nie eine subjektive Haltung gegenüber der Behandlungsmethode einnehmen, sondern sollte sachlich und argumentativ die verschiedenen Möglichkeiten erläutern. Am Ende entscheidet immer noch der Patient!

  2. !

    Hallo onliner,
    für Leute die sich keiner Strahlen- oder Chemo- Therapie aussetzen wollen wäre nach dieser Argumentation auch ein Aderlass oder das Einreiben mit Kuhfladen eine Alternative.

  3. Standard Misteltherapie?

    Im Rahmen eines anthroposophischen Gesundheitskongresses vor wenigen Monaten wurde doch tatsächlich die Behauptung aufgestellt, daß die Misteltherapie längst Standard an deutschen Krankenhäusern sei.

    Standard? Diese Formulierung soll bewusst den Eindruck erwecken, als handele es sich bei der Misteltherapie um eine in wissenschaftlich-medizinischer Hinsicht unverzichtbare Komponente moderner Krebstherapie, auf die zurückzugreifen jedem behandelnden Facharzt ggf. zwingend notwendig erscheinen muss.

    Die anthroposophische Wunschliste hört aber auch nimmer auf: Mehrere Nachfragen bei Krankenhäusern bzw. Verbänden zeichneten ein bestenfalls ambivalentes Bild des tatsächlichen Sachverhalts, in dem der Begriff „Standard“ zu keinem Zeitpunkt jener Definition standhält, wie man sie von anthroposophischer Seite verstanden wissen will. Und nicht selten wurde in aller Entschiedenheit darauf hingewiesen, daß es sich bei der Misteltherapie keineswegs um „Standard“ handeln kann, ist sie doch ob ihrer angenommenen bzw. erhofften Wirkung viel zu umstritten, als daß man ihr den (von interessierter Seite) gewünschten Platz zuweisen könne.

  4. Ärzte, die eine Misteltherapie einer Chemo- oder Strahlentherapie bzw. einer Operation vorziehen, denen gehört eindeutig die Zulassung entzogen! Ich habe aber von solchen Fällen noch nie gehört. Gibt es dafür Beispiele?

    Die Beweislage in der Medizin ist ja bisher eindeutig, dass bei Krebserkrankungen nur Operationen, Chemo- und/oder Strahlentherapien helfen (solang der Krebs noch nicht zu weit fortgeschritten bzw. metastasiert ist). Alles andere ist schlichtweg nicht effektiv genug. Ich kann verstehen, dass es immer wieder Leute und Ärzte gibt, denen eine Chemo- und Strahlentherapie zu heftige Nebenwirkungen hat, aber wir besitzen bislang keine Alternativen und wer weiß, vielleicht wird es nie welche geben. Wir sind jedoch auf einem guten Weg diese Nebenwirkungen einzugrenzen, z.B. durch neue Bestrahlungsmöglichkeiten, wie sie etwa im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum angewendet werden, wo der Tumor nur noch lokal bestrahlt wird. Ich denke es wird zukünftig auch derartige Chemotherapien geben, wo (wenn es möglich ist und der Krebs nur lokal vorkommt) die Medikamente einer Chemotherapie lokal injiziert werden. Ich bin allerdings nicht up-to-date informiert, vielleicht gibt es so etwas schon?

    Es gibt also durchaus Fortschritte, die stetig eine Krebsbehandlung verbessern.

    Sehr kritisch und ablehnend stehe ich deswegen diesesn altenativen Therapien gegenüber, die je letztendlich die Patienten überzeugen sollen, indem man ihnen „erklärt“, wie wenig Nebenwirkungen auftreten. Das ist doch immer das selbe Argument. Die Behandelnden handeln hier eindeutig grob fahrlässig, indem sie den Patienten eine falsche Therapie empfehlen.

    Es bleibt daher nur übrig, die Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapien weiter zu reduzieren, um so endgültig solche wirkungslosen Alternativ-Therapien, wie die Misteltherapie, keinen Grund mehr zu geben zu existieren!

  5. Auf einem Auge blind

    Nein, ich bin kein Homöopathiefreak. Ich mag Chemie. Dennoch muß ich leider mal in einem Punkt rumstochern, der mir in letzter Zeit extrem in den Blogs der aufgeklärten Wissenschaftswelt aufstößt. Die Blindheit auf einem Auge.

    Wissenschaft == Toll, immer und ewig, weil Wissenschaft, unbestechlich, ausgewogen, zehntausendmal überprüft.

    Homöopathie, Naturheilkunde == doof, weil wirkt nicht, über merkwürdige Wege erdacht und man muß ja irgendwie dran glauben.

    Ich weiss ja nicht wie ihr arbeitet, aber hattet ihr noch nie eine Inspiration, deren Quelle ihr nicht genau benennen konntet? Klar hört sich die ‚übersinnliche Schau‘ bescheuert an… aber für meine Person kann ich davon berichten, dass ich bei komplizierten Matheaufgaben hin und wieder die Lösung einfach wusste und sie dann durch Nachrechnen bestätigt habe. Erfinder und Wissenschaftler berichteten, dass sie ihre besten Einfälle oder Ansätze zur Lösung eines in der Phase des Aufwachens (oder Einschlafens) bekamen. Also genau, wenn sie nicht aktiv über das Problem nachgegrübelt haben und Körper und Geist entspannt waren. Ich hoffe diese Methoden sind nun nicht auch per se pfui bäh.. aber würde ich das Label ‚übersinnliche Schau‘ dran kleben, wären sie sofort doof.

    Ich hab keine Ahnung ob Mistel gegen Krebs (oder sonstwas) wirkt, aber ich hoffe nicht, dass wir uns hier auf das Niveau herabbegeben und behaupten Pflanzen wären generell als Heilmittel ungeeignet. (Ich kann allerdings auch gerne die DigitalisWeideSonstwas-Keule schwingen wenn ich muß.)

    Doch wenn ich hier darüber lese, dass das Zeug aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wirkt und die Ärzte es dennoch verschreiben, dann muß ich direkt an Edronax denken.

    Da kam ja scheinbar schlußendlich raus, dass das beliebte SNRI wohl irgendwie gar nicht so wirklich wirkt und eigentlich mehr Nebenwirkungen hat, als das es anschlägt. Und das ist Wissenschaft und den Ärzten wurde erzählt das es wirkt. Ebenso wie die SSRI, die ja so unproblematisch sind, was Ärzte dann direkt an ihre Patienten weitergeben.. die dann erst einmal ein bisschen überrascht über die ‚unproblematischen‘ Nebenwirkungen sind. Und hier bewegen wir uns im Bereich der Wissenschaft.

    Wenn die Mediziner also aus allen Richtungen und aus allen Rohren mit – entschuldigt – Bullshitwissen über angebliche Wirkung, tolle Erfolge und Superduper-Studien zugebombt werden, wie sollen sie jede dieser Behauptungen noch auf den Wahrheitsgehalt überprüfen ohne eigene Studien anzustellen?

    Ach, genau. Sie müssen wissen, dass der eine Kram sowieso blöd ist, weil Naturheilkunde zwischen Schlafen und Wachen erdacht.. verzeiht, durch eine übersinnliche Schau … und wenn der Rest auch nicht wirkt wie beworben, dann war es halt ein Versehen?

  6. @Mela

    Keine Frage, Wissenschaft ist fehlbar und die Pharmaindustrie ist eben das — eine Industrie.

    Nicht jedes Medikament wirkt, wie es soll, und nicht bei jedem stehen die Nebenwirkungen in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen.

    Aber Zulassungsverfahren und nach wissenschaftlichen Methoden durchgeführte klinische Versuchsreihen sorgen für ein sich selbst korrigierendes System.

    „Übersinnliche Schau“ und „Inspiration” sind dagegen ein Freibrief für tödlichen Unfug.

  7. *seufz* Grundsatzdiskussion Wissenschaft

    @Mela:

    Ich fürchte, dass du mich komplett falsch verstehst. Hier ist niemand gegen pflanzliche Wirkstoffe, sondern gegen unzureichend getestete Arzneimittel, egal ob natürlich, oder synthetisch, egal ob verabreicht von Heilpraktikern oder „Schulmedizinern“!

    Dein Bild von „unserem“ Bild von Wissenschaft, Medizin und Naturheilkunde ist schlicht falsch, aber so einen Strohmann kann man viel leichter abbrennen, nicht wahr? Deine Behauptungen wirst du hier im Blog nicht bestätigt sehen, und was du anderswo im Netz angetroffen hast, interessiert mich nicht.

    Wissenschaft bedeutet in diesem Zusammenhang nicht anderes als Kritik und Prüfung. Inspiration und „übersinnliche Schau“ sind ja schön und gut, aber sie können nicht Rechtfertigung für die Wirksamkeit eines Medikaments gegen eine tödliche Krankheit sein. Ideen müssen geprüft werden, alles andere bedeutet Stillstand. Und weil die Wissenschaft und das derzeitige Gesundheitssystem nicht perfekt sind (alles andere als das!), muss man doch nicht auf erwiesenen Schwachsinn zurückgreifen!

    In dem Sinne: Es mag sein, dass Mistel gegen Krebs wirkt. Bisher hat das aber niemand gezeigt. Wie bei jedem anderen Medikament auch, muss man doch, bis Wirksamkeit/Nutzen und Sicherheit belegt sind, von der Anwendung absehen!

  8. @Mela

    Ob man nun Bio, Chemie, Physik oder sonst was studiert, in einem naturwissenschaftlichen Studium wird dir beigebracht und eingeimpft, deine Thesen und Überlegungen mit Ergebnissen zu belegen. Das ist der Kern der Wissenschaft und gleichzeitig ihre Stärke: Der Empirismus – Durch Beobachtungen und Experimente stärkst du gewisse Hypothesen und Theorien oder widerlegst sie…und so muss es auch sein, denn es hilft nicht mit einer rosaroten Brille durch die Gegend zu rennen und einfach an etwas zu glauben. Zu allerletzt kommst du so auch nicht an deine Forschungsgelder ran. Ich erinnere mich da an die Geschichte von Harald zur Hausen, dessen Buch ich erst letztens gelesen habe und wo er erzählt, wie er zu seinem Medizin-Nobelpreis kam. Er z.B. erzählt, wie damals die Virologie noch kein eigenständiges Forschungsfeld war und Viren nich als Auslöser für Krebs galten. Er selber ging aber der Idee nach, dass gewisse Infektionen mit Papillomviren (Warzenviren) durchaus das Potential haben, Krebs auslösen zu können. Er stand einem ganzen Wissenschftlerfeld entgegen, das ihn als „Idioten“ hinstellte und die Meinung vertrat, Viren hätten nichts mit Krebs am Hut. Zur Hausen hatte aber wie du erwähnst eine „Eingebung“, die kam davon, dass er vorhandene Literatur studierte, fächerübergreifend nachdachte und gewisse Tatsachen in Zusammenhang brachte, was viele Wissenschaftler leider heute noch nicht tun. Solche Eingebungen sind also die Folgen von harter Arbeit, die bei zur Hausen dazu führte, dass er nachweisen konnte, dass Papillomviren Gebährmutterhalskrebs auslösen können. Er hielt stark an seiner These fest und ließ sich nicht vom seinem Glauben abbringen. Sein Glaube basierte aber auf seiner Literaturrecherche und auf den Zusammenhängen, die er machte. Wenn also einem ein „Licht“ aufgeht, dann kommt es von den vorhergehenden Überlegungen und Recherchen.

    Es geht hier nicht um pflanzliche Heilmittel, gegen die die Blogger hier auch nichts haben, schließlich basiert die ganze Pharmezeutische Biologie auf pflanzlichen Inhaltsstoffen und deren Wirkungsnachstellung durch pharmazeutisch hergestellte Substanzen. Es gibt zich Tausend Pflanzen deren heilende Wirkung auf bestimmte Symptome und Krankheiten zu genüge nachgewiesen wurden. Es geht hier um Alternativ-Mediziner, Esoteriker und Möchtegern-Wissenschaftler, die die Pharmazie und Schulmedizin (wie ich dieses Wort hasse!) dazu mißbrauchen, um Leuten klarmachen zu wollen, es gäbe schonendere Medizin. Genau diese „schonendere“ Medizin ist dann das Problem (es ist jetzt egal ob es eine Misteltherapie oder sonstiges ist), da sie eben wirkungslos ist. Kranken Leuten, die dann wirklich an etwas Schlimmeren erkrankt sind, wie z.B. Krebs oder AIDS, wird bewusst vermittelt, man solle eine Misteltherapie machen oder von mir auch die hier angesprochenen Globuli zu sich nehmen. So etwas kann man nicht vertreten! Um genau das geht es hier! Eine bewusste Täuschung, die das Leben des Menschen gefährden kann, da es keinen Wirksamkeitsnachweis gibt! Und gut glauben, bringt es nicht!

    Man stelle sich nur folgende Unterhaltung zwischen einem Mediziner und seinem Patienten vor: „Also Frau Mustermann, sie haben Morbus Hodgkin, einen bösartigen Krebs des Lymphsystems. Wir hätten nun folgende zwei Möglichkeiten. Sie können sich einer Chemotherapie nach dem BEACOPP-Schema unteziehen, wo sie alle zwei Wochen drei Infusionen bekommen. Diesen Zyklus müssen sie acht mal wiederholen. Dabei wird ihnen schlecht werden, sie verlieren ihre Haare und sie sind dauermüde. Je nach Person kommen noch andere Nebenwirkungen hinzu. Diese Behandlung schlägt aber nachgewiesenermaßen mit 80% Wahrscheinlichkeit an und sie wären danach geheilt. Zahlreiche Studien belegen das Anschlagen dieser Therapie, weswegen es die Standard-Therapie dieser Krebsform ist und weltweit durchgeführt wird. Es gibt allerdings einen anderen Weg: Die Misteltherapie. Ich muss ihnen sagen, diese Therapie ist wesentlich schonender. Sie erleiden keine signifikanten Nebenwirkungen. Ihnen wird nicht schlecht, sie sind nicht müde und verlieren auch nicht ihre wunderschönen Haare. Na? Das ist doch was! Allerdings liegen keine Studien zu der Wirksamkeit vor, man glaubt nur an sie. Ich kann ihnen aber auf jeden Fall sagen, dass sie nicht schadet, deswegen rate ich ihnen zu dieser zweiten Möglichkeit.“

    So etwas kann ja nur realitätsfremd und falsch sein und das ist der springende Punkt hier!

    Dein Bullshit-Wissen ist übrigens das Wissen, was die Wissenschaft in ihren „Entdeckungen“ verstärkt. Schliesslich wird bis ins kleinste Detail geforscht, was auch nötig ist, um sich nach allen Seiten abzusichern, dass eine Hypothese auch stimmt!

  9. Mistelextrakte

    Wenn ein Mensch aus medizinischer Sicht von der Schulmedizin „aufgegeben“ wird,ist es für mich verständlich, dass er nach einem Strohhalm greift, selbst wenn es der Griff nach Mistelextrakten ist. Aber man sollte den Scharlaten das Handwerk legen, die aus der schlimmen Situation dieser Menschen heraus noch versuchen Geld zu verdienen.

  10. @agenturvier:

    Wenn die Krankheit hoffnungslos weit fortgeschritten ist, dann kann man auch mit experimentellen Methoden hantieren, denn dann besteht ja die Möglichkeit, dass man zufälligerweise etwas wirksames, aber ungetestetes erwischt.

  11. Wissenschaft

    Je nach Kontext schwankt die Bedeutung von Wissenschaft. Da wäre die Grundlagenforschung die Wissenschaft betreibt. Hier wird geforscht um im eigentlichen Wortsinn Wissen zu schaffen. Werden von der Pharmaindustrie jedoch wissenschaftliche Studien erstellt, sieht das schon ganz anders aus. Hier ist ein bestimmtes Ergebnis erwünscht, und es erfordert schon einige Anstrengungen um es nicht zu verfälschen. Anstrengungen die nicht immer unternommen werden. Ich bin mir sicher das auch viele von der Schulmedizin abgesegneten Medikamente nicht über einen Placeboeffekt hinaus kommen. Und vermitteln diese Medikamente nicht ebenso ein falsches Bild von einer unfehlbaren Medizin? Und spätestens bei den wissenschaftlichen Studien zu den verschiedenen Anti-Falten-Kosmetika, bewegt man sich eher in esoterischen Sphären.

  12. Florian, hier redet doch niemand von der „unfehlbaren Medizin“ und die Realität kennt in der Tat so etwas wie Publikationsbias.

    Aber damit legitimiert sich nicht jeder Müll, den sich ein Geisterkranker ausdenkt.

  13. Geistermedizin

    Problematisch an der Misteltherapie ist nicht nur der fehlende Wirksamkeitsnachweis, sondern auch die damit verbundene Geistermedizin. Bei Krebs hat Ahriman die Hand im Spiel, eine der anthroposophischen Widersachermächte.
    Rudolf Steiner in einem Vortrag zum Thema Ahriman und Karzinombildung:
    “Denn nehmen Sie einmal an, es gelingt den ahrimanischen Mächten, im menschlichen physischen Körper einen Sieg zu erringen über die luziferischen Mächte, über diejenigen Mächte, die den Menschen ganz durchsetzen wollen mit dem, was nur an der Oberfläche in den Sinnen sein soll, dann verfällt der Mensch durch diesen Sieg der ahrimanischen Mächte in solche Erkrankungen, wie Geschwulstbildungen, Karzinombildungen oder Stoffwechselkrankheiten, wie Diabetes, Zuckerkrankheit.
    Wenn irgendwo in einer physischen Menschennatur diese Krankheiten auftreten, dann hat Ahriman gegen Luzifer einen Sieg errungen, der aber damit verknüpft ist, dass die physische Natur des Menschen zeitweilig ruiniert ist. Dann taugt diese physische Natur dem Ahriman nicht dazu, die Instinkte, Triebe herauszureissen und sein eigenes Geschlecht daraus zu bilden. Daraus bekommen Sie eine vielleicht paradoxe, aber richtige Ansicht von der Krankheit. Sie ist in vielen Fällen das einzige Mittel der guten Mächte, den Menschen vor den Fängen von Ahriman zu retten.”

    (GA 218, Vortrag 16. 11. 1922)

    Sehr fragwürdig ist zudem, dass die Anthroposophische Medizin “Präkanzerosen” als Ergebnis eines “Blutkristallisationstests” diagnostiziert, von dem völlig ungeklärt ist, ob er überhaupt etwas relevantes aussagt. Konkret besteht hier ein Risiko, dass nicht existierende Krebskrankheiten „entdeckt“ werden. Als Folge dieser angsterzeugenden Diagnose wird den Patienten in der Regel und rein vorsorglich zu Mistelinjektionen geraten. Es besteht hier die Gefahr, dass Menschen durch die Anthroposophische Medizin medikalisiert werden: Es wird ihnen ein (real nicht vorliegender) Krankheitsbefund unterschoben, der anschliessend therapiert wird.

    Kritik siehe: http://heilpflanzen-info.ch/…-krebs-wirksam.html

  14. Welche Ärzte wenden Misteltherapie an???

    Hi Martin!

    Bedingt durch familiäre Umstände habe ich letztes Jahr auch so meine Erfahrungen mit der Krebsdiagnose, Therapie und Umgang damit gemacht.

    Ich muss aber ausdrücklich feststellen, dass kein Arzt alternative Heilmethoden empfiehlt. Das waren aber auch alle ausgebildete Onkologen, also Spezialisten auf dem Gebiet.
    Selbst als dazu geraten wurde jegliche (konventionelle) Therapie einzustellen, kam als Anschlusstherapie nur Palliativmedizin in Frage.
    Allerdings kursierten alternative Therapieformen unter den Patienten… da wurde viel über Misteltherapie usw. gesprochen.
    Wenn man die Ärzte auf so etwas angesprochen hat, haben diese eindeutig darauf hingewiesen, dass das keine Heilungs- oder Linderungschance darstellt.
    Sie haben aber auch niemandem abgeraten das zu „probieren“. Ich denke aber, eher aus dem Grunde, damit die Patienten wenigstens noch etwas haben, das ihnen Hoffnung gibt.
    Ich denke der psychische Effekt, den diese Hoffnung auf das Überleben und die noch verbliebene Lebensqualität hat, ist nicht zu unterschätzen.

    Ich persönlich glaube nicht an alternative Heilmethoden, besonders nicht bei Krebs, deswegen fällt bei mir auch der Aspekt der Hoffung weg. Mir würde nur die Chemiekeule Hoffnung geben.

  15. „übersinnliche Schau“ @mela

    Gegen eine „übersinnliche Schau“ (Wenn man z. B. Kekules Traum vom Benzolring dazuzählen möchte) als Inspirationsquelle hat ja auch niemand etwas einzuwenden. Punkt ist, dass die sich hieraus ergebenden Ideen einer Überprüfung standhalten müssen, d. h. zunächst mal auch überprüft werden müssen. Genau so gehst Du bei Deinen Mahteaufgaben vor: Dir scheint das Ergebnis instinktiv zuzufliegen, aber Du rechnest nach, ob die Eingebung stimmt. Hätte Steiner das gemacht, wäre alles gut (und die Mistelgeschichte nie wieder erwähnt worden).
    Nebenbei wäre es mal interessant, die Häufigkeit deiner erahnten Ergebnisse sowie deren Korrektheit zu protokollieren. Man neigt dazu, sich an Treffer zu erinnern und Fehler zu vergessen.

    Viele Grüße,

    Klaus

  16. Pingback: Aktionsbündnis Stendal

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben