Masern, Migration, Mumpitz

Ein Gastbeitrag von Anatol Stefanowitsch.

In der taz stand gestern eine inhaltlich korrekte, wenn auch nicht sonderlich informative Kolumne zu dem aktuellen Masernausbruch an drei Berliner Grundschulen, in dem beklagt wurde, dass die Impfdisziplin in Deutschland zu wünschen übrig lässt.

Interessanter als die Kolumne selbst sind aber die Kommentare dazu. Zu erst kommen natürlich die unvermeidlichen Impfgegner, mit ihrer üblichen gefährlichen Propaganda –, die „Impftheorie“ sei unbewiesen, die Nebenwirkungen der Imfpungen seien viel gefährlicher als die Krankheit selbst, und die Kinder seien sowieso nur Versuchsobjekte der Pharmaindustrie.

Kennt man alles. Ist nicht wegzubekommen, egal, wie oft man mit wissenschaftlichen Fakten dagegen angeht. Neu war mir aber die Theorie eines Kommentators, der sich weniger für die Impfungen, als vielmehr für die Ursachen der Epidemie interessierte. Seine (immerhin traditionsreiche) Analyse: Die Ausländer sind schuld:

[…] der Anteil an Kindern aus Migrantenfamilien in Berlin von 2008 […] betrug 42,7%. Mittlerweile sollte der Anteil noch etwas höher sein.

Und in Berlin sind jetzt die Masern ausgebrochen? Anderswo nicht? Liegt das vllt am hohen Anteil ungebildeter/ignoranter/indoktrinierter Migranteneltern?

Weil die taz ihre Kommentarbereiche nicht pflegt und deshalb wahrscheinlich nicht auf diese Unterstellung eingehen wird, tue ich das an dieser Stelle.

Nein, dass an Berliner Grundschulen die Masern ausgebrochen sind, liegt keinesfalls an den Migranten, ob sie nun „ungebildet/ignorant/indoktriniert“ sind, oder nicht, das ergibt sich aus der aktuellen Grundauswertung der Einschulungsdaten in Berlin von 2011.

Im Berliner Gesamtdurchschnitt waren 90,3 Prozent der 2011 eingeschulten Kinder ausreichend gegen Masern geimpft (hatten also zwei Dosen der Impfung erhalten). Die Kinder ohne Migrationshintergrund (die „deutschen“ Kinder) lagen aber leicht unter dem Durchschnitt (89,8), die mit Migrationshintergrund lagen leicht darüber (91,3). Wer „ungebildete/ignorante/indoktrinierte“ Migrant/innen verantwortlich machen will, hat also ein empirisches Problem.

Wahrscheinlich hatte der Kommentator aber auch gar nicht die Migrant/innen insgesamt im Sinn, sondern die häufig als besonders integrationsunwillig dargestellten Migrant/innen aus muslimischen Ländern. Da wird sein empirisches Problem noch größer, denn die liegen noch deutlicher über dem Durschnitt: die Kinder mit arabischem Familienhintergrund waren zu 94,6 Prozent ausreichend geimpft, die mit türkischem sogar zu 95,9 Prozent.

Leicht unter dem Durschnitt lagen bei den Migrant/innen die osteuropäischen, mit 88,3 Prozent.

Schockierend niedrig war die Impfquote aber nur bei einer Gruppe von Nicht-Deutschen: Die Kinder aus den westlichen Industriestaaten (also aus den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und allen westeuropäischen Staaten außer Deutschland) lagen mit 80,8 Prozent fast zehn Prozentpunkte unter dem Durchschnitt.

Allerdings ist diese Gruppe mit nur 3,4 Prozent aller eingeschulten Kinder zu klein, um als alleiniger Sündenbock herzuhalten.

Das Problem der mangelhaften Durchimpfung hängt nämlich vorrangig gar nicht mit dem Herkunftsland der Berliner Schüler/innen zusammen, sondern mit ihrer sozialen Lage, die in drei Statusgruppen (untere, mittlere und obere). Tja, und die unterste Statusgruppe ist schon mal nicht verantwortlich für die Masernepidemie: Sie liegt mit 92,6 Prozent geimpfter Kinder deutlich über dem Berliner Durchschnitt. Auch die mittlere Gruppe ist mit 91,9 Prozent überdurchschnittlich gut geimpft.

Es ist die obere Statusgruppe, die mit nur 87,0 Prozent geimpfter Kinder deutlich unter dem Durschnitt liegt.

Schuld an der Masernepidemie sind also nicht Migrant/innen, sondern reiche, gut gebildete Deutsche, Westeuropäer/innen und Nordamerikaner/innen. Die sind es, die sich trotz ihrer Bildung „ignorant“ und „indoktriniert“ verhalten und allen rationalen Gründen zum Trotz auf Impfungen verzichten. Und so dafür sorgen, dass eine gefährliche Seuche, die längst ausgerottet sein könnte, weiterhin in deutschen Schulen wüten kann.

 

© 2012, Anatol Stefanowitsch

Martin Ballaschk ist Biologe, enthält Glutamat und ist auch noch stolz drauf! Er bloggt hier über Dinge, die ihn erstaunen, aufregen oder die er einfach für sich und seine Mitmenschen aufarbeiten möchte. Beruflich als Kommunikator an einem Berliner Forschungszentrum, hier privat.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dilemma

    Nun bin ich irgendwie unschlüssig: Soll ich fordern, dass wir die obere Statusgruppe ausschaffen oder vielleicht doch lamentieren, dass Muslimische MigrantInnen schlecht integriert sind, da sie besser durchimpft sind als die Durchschnittsbevölkerung? Fakten sind sowas von nervig.

  2. Ich würde ja grundsätzlich die Migration aus BaWü und Bayern als Ursache vermuten, dort ist auch der Heilpraktikerunsinn viel weiter verbreitet als unter „Urberlinern“ und Brandenburgern. 🙂

  3. Man muss sich nur mal das Heilpraktikergesetz anschauen, da sieht man sofort, wo der Hase läuft.

    Dieser Kram ist urdeutsch, eine Bündelung esoterischer Spinnereien aus den 1920ern und 1930ern, der von den Nazis als willkommene Propaganda 1939 in Gesetzform gegossen wurde, um dem „jüdischen Intellektualismus“ (ein vielgenutzter Begriff der Anthros aus dieser Zeit) etwas entgegen zu setzen.

  4. Manche werden es so hinbiegen…

    @ ali: Ich gehe mal davon aus, der oben zitierte Kommentarschreiber würde argumentieren, die Migranteneltern seien ungebildeter/ignoranter/indoktrinierter, da sie nicht wüssten, dass die „Impftheorie“ unbewiesen sei, dass die Nebenwirkungen der Impfungen viel gefährlicher als die Krankheit selbst und die Kinder sowieso nur Versuchsobjekte der Pharmaindustrie seien. Diese Klugheit besäßen nur reiche, gut gebildete Deutsche, Westeuropäer/innen und Nordamerikaner/innen….

    Jetzt fehlt nur noch, dass dieser Kommentator den Migranten die Schuld daran gibt, dass Berlin seinen neuen Flughafen nicht rechtzeitig hingekriegt hat. Kommt bestimmt noch….

    Ich krieg gleich den modus antiperistalticus….

  5. Verlorener Posten

    Naja, was soll man machen, wenn selbst einige Kinderärzte vom Impfen abraten…

    Impfskepsis ist inzwischen so tief im allgemeinen Gedankengut verwurzelt, dass die nötige Durchimpfungsrate niemals erreicht wird um diese gefährlichen Infektionskrankheiten auszurotten.

  6. „die obere Statusgruppe“

    Die genannten Zahlen spiegeln genau meine Erfahrungswerte als Mutter zweier Söhne (11, 14) – in Berlin-Schöneberg lebend – wider.

    Die Mütter & Väter, die ich in meiner bisherigen ‚Karriere‘ als Mutter als ‚Impfgegner‘ kennengelernt habe (und es sind nicht Wenige), sind hochgebildet (nicht unbedingt reich).

    Korrelierend mit einer gewissen Phobie gegen das Impfen scheint ein Misstrauen gegenüber der Schulmedizin allgemein (da, wo es in den Kram passt), sowie ein Hang zu gesunder Ernährung und eine Fülle an Selbstbewußtsein.

    Besagte Eltern wähnen sich durchaus sozial engagiert und lassen sich auch durch sachliche, gar wissenschaftliche Argumentation nicht überzeugen, dass ihr Verhalten bezüglich des Impfthemas, sprich: ihrer Weigerung, die eigenen Kinder impfen zu lassen, nicht nur nicht sozial, sondern im Gegenteil schlicht und ergreifend a s o z i a l ist.

  7. Meine persönliche Erfahrung sagt mir auch, dass die „oberen Bildungsschichten“ eher anfälliger für Skeptizismus gegenüber der „Schulmedizin“ sind.

    Aber wie könnte das zusammenhängen? Müssen weniger gebildete Leute mehr auf die Kompetenz von Fachpersonal vertrauen, und hinterfragen weniger?

    Und neigen „Hochgebildete“ dazu, ihre Kenntnisse außerhalb ihres Fachbereiches zu überschätzen? Erklärt sich damit die berüchtigte Nobelpreiskrankheit?

  8. Die Arroganz der Eliten

    Zum gehobenen Lebensstil gehört eben auch der Eklektizismus, der sich von den schönen Lebenstheorien, die da kursieren, diejenigen heraussucht, die am besten zur eigenen Persönlichkeit oder der eigenen Klasse gehören. Zudem will das Ego eines Auserwählten (es Elite zu nennen wäre zu kommun) sich nicht mehr den schnöden Naturgesetzen unterordnen. Die gelten doch für den Plebs, hoffentlich aber nicht für die Masters of the Universe – wo kämen wir sonst hin.

    Es ist auch einfach nachzuvollziehen, wie es dazu kommt. Wer von den Unterschichtlern hat nur schon die Zeit, das Interesse und die Abgehobenheit um sich mit der Lebensphilosophie eines Rudolf Steiners oder eines Samuel Hahnemanns auseinanderzusetzen und wer von denen (da unten) kommt schon in die geistigen Höhen um deren Weltschmerz mit- und nachzuempfinden.
    Es ist kein Zufall, dass Personen wie Prinz Charles, Renate Künast und Peter Sloterdijk zu den Jüngern und Verfechtern der Homöopathie gehören. Und wer einmal so weit ist und an Verdünnungsreihen und das dabei sich erhaltende Fluidum glaubt der ist zu allen nur denkbaren Höhenflügen bereit (und gehört zu den Lesern oder Gemeinten von Christian Krachts Imperium).

  9. Noch genauer

    Ich habe von einer statistischen Erhebung gehört (kann sie aber leider nicht verlinken), die noch genauer den Bildungsstatus der Eltern ermittelte und ihn mit dem Impfstatus korrelierte. Danach war die Durchimpfungsrate am niedrigsten, wenn die Eltern zwar Abitur, aber keinen Hochschulabschluss hatten, also den zweithöchsten von ca. sechs bis sieben Bildungsstatus besaßen: selbstbewusst genug, um Misstrauen gegenüber Fachleuten zu haben; nicht klug genug, um dieses Gefühl einer rationalen Überprüfung zu unterziehen.

  10. @Martin B.:

    Du darfst nicht Wissenschaftsskeptizismus mit Technikfeindlichkeit verwechseln. Impfgegnerschaft ist doch eher Technikfeindlichkeit. Und die hat in Deutschland schon eine nicht vernachlässigbare Partei im Bundestag.

  11. Schöner Artikel, die Vorurteile gegen den Strich gebürstet.

    Könntet Ihr trotzdem mal den „Durschnitt“ in „Durchschnitt“ verwandeln 😉

  12. die „oberkritischen Gebildeten“

    @ Martin

    Du schreibst: „Meine persönliche Erfahrung sagt mir auch, dass die „oberen Bildungsschichten“ eher anfälliger für Skeptizismus gegenüber der „Schulmedizin“ sind.“

    Da bin ich, bzw. Dr. Georg Vogt, deiner Meinung:

    „Drei Gründe für die Waldorfschule

    (…) In Waldorfschulen treffen sich 2 Gruppen von Impfverweigerern, Zitat Dr. Georg Vogt, Gesundheitsamt Duisburg: die „ideologisch verhärteten Anthroposophen“ und die „oberkritischen Gebildeten“. (…)“

    http://www.ruhrbarone.de/…fur-die-waldorfschule/

  13. Impfbereitschaft

    Wenn ich in der Geschichte um gut 22 Jahre zurück gehe haben wir ein Beispiel der Durchimpfung der DDR-Bevölkerung. Ich kann mich auch erinnern, dass Mediziner nach der Wende das System gelobt haben und bedauerten, dass es in der BRD nicht mehr so ist.
    Es gab auch eine andere Besonderheit: Bitterfeld und Umgebung hatten eine schlechte Luft. Die Kinder waren aber weniger krank – als später in der BRD. Eine Erklärung dafür habe ich nicht gelesen.
    Impfverweigerer – gibt es da nachvollziehbare Erhebungen und „Beweise“ für Ihre „Richtigkeit“? Mein bisheriger Eindruck – man stützt sich auf allgemeine Begründungen und nicht auf die Vorteile einer Durchimpfung. Vielleicht habe ich auch zu wenig gelesen?

  14. Waldorfschule

    Als ehemaliger Waldorfschüler kann ich nur erstaunt bekunden, dass es zu meiner Schulzeit auch dort noch keine Impfgegnerschaft gab. Diese scheint in den Nullern plötzlich zum Massenphänomen geworden zu sein.

  15. Masernausbrüche an Waldorfschulen

    @ ontheroad

    „Als ehemaliger Waldorfschüler kann ich nur erstaunt bekunden, dass es zu meiner Schulzeit auch dort noch keine Impfgegnerschaft gab. Diese scheint in den Nullern plötzlich zum Massenphänomen geworden zu sein.“

    Wurden die Waldorfschulen damals noch nicht von Anthroposophen betrieben?

    Anthroposophen sind Impfgegner, deshalb ist deine Aussage extrem unwahrscheinlich …:

    „Masernausbrüche an Waldorfschulen

    Durch die impfkritische Einstellung vieler Anthroposophen, insbesondere zur MMR-Impfung, treten regelmäßig Masernausbrüche an Waldorfschulen auf. Die Krankheit wird dabei besonders unter Waldorfschulen und deren Umfeld übertragen.[2] Masern sind gemäß der anthroposophischen Medizin eine „Kinderkrankheit“, aus der das Kind angeblich gestärkt hervorgehen sollund die bei „guter Pflege“ homöopathisch „gut behandelbar“ sei. Nachfolgend sind einige der Masernausbrüche aufgeführt, die nachweislich an Waldorfschulen ihren Ursprung nahmen. Mit einer gewissen Dunkelziffer ist zu rechnen (…)“

    weiter: http://esowatch.com/…ausbrüche_an_Waldorfschulen

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