Muhammads Berufung

In meinem Artikel „Der Ramadan- Das Fasten im Islam“ habe ich darauf hingewiesen, dass der Monat Ramadan als heilig gilt, weil Muhammad in einer Nacht im letzten Drittel dieses Monats im Jahre 610 durch den Erzengel Gabriel die erste göttliche Offenbarung empfangen haben soll. Der Koran äußert sich an einigen Stellen dazu, wie z.B. in Sure 2, Vers 185:

"Der Monat Ramadan ist es, in dem herabgesandt wurde der Koran als Rechtleitung und für die Menschen und als Beweis der rechten Führung und Rettung."

Diesem Erlebnis liegt auch Muhammads Berufung zum Propheten zu Grunde.

Muhammad hatte zu jener Zeit das vierzigste Lebensjahr erreicht und hatte bis auf einige Handelsreisen nach Damaskus sein Leben in der polytheistisch geprägten Gesellschaft von Mekka verbracht. Es wird berichtet, dass er die Verehrung der über 300 Hundert Götter, die vorwiegend aus Holz und Stein geformt waren und den damit verbundenen Kult schon immer abgelehnt habe. Stattdessen pflegte er der Gewohnheit nachzugehen, sich in eine Höhle auf dem Berge Hira in der Nähe von Mekka zurückzuziehen, um zu meditieren und über den Sinn des Lebens nachzudenken.

In der Darstellung der ersten Begegnung mit dem Erzengel weisen die verschiedenen Quellen kleine Unterschiede auf, im Kern sind sich jedoch einig. Demnach soll es sich folgendermaßen abgespielt haben:

Während also Muhammad abermals in der Höhle weilte, soll ihm Gabriel eines Nachts erschienen sein und ihn aufgefordert haben, etwas zu lesen. Muhammad, der uns als Analphabet vorgestellt wird, entgegnete, dass er nicht lesen könne. Doch Gabriel forderte ihn ein zweites und drittes Mal auf und immer wenn Muhammad erklärte, dass er des Lesens nicht mächtig sei, würgte ihn Gabriel mit einem Tuch, so dass er glaubte sterben zu müssen.

Nach der vierten Aufforderung fragte Muhammad schließlich, was er denn lesen solle.

Und Gabriel sprach:

„Lies im Namen deines Herrn, des Schöpfers, der den Menschen erschuf aus geronnenem Blut!

Lies! Und der Edelmütigste ist dein Herr, Er der das Schreibrohr zu brauchen lehrte, der die Menschen lehrte, was sie nicht wussten.“ (Sure 96, 1-5)

Nachdem Muhammad diese Worte wiederholt hatte, fühlte er sich, als ob sie ihm ins Herz geschrieben worden seien. Daraufhin verließ er die Höhle, um auf den Berg zu steigen und vernahm dabei eine Stimme:

„O Muhammad, du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gabriel.“

Als Muhammad seinen Kopf gen Himmel hob, sah er Gabriel in der Gestalt eines Mannes und seine Füße berührten den Horizont des Himmels. Und wieder sprach er:

„O Muhammad, du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gabriel.“

Muhammad versuchte seinen Blick von ihm abzuwenden, aber in welche Richtung er auch schaute, erblickte er den Engel auf die gleiche Weise, bis schließlich diese Erscheinung von ihm wich.

Schleunigst verließ er den Berg und kehrte völlig verängstigt nach Hause zurück, wo er sich fest an seine Frau Chadidscha drückte und ihr von seinem Erlebnis berichtete. Diese nahm seinen Bericht sehr erfreut auf und sprach ihm Mut zu, denn sie glaubte daran, dass er der Prophet seines Volkes sein würde. Kurz darauf besuchte sie ihren Vetter Waraqa ibn Naufal, der in der heidnischen Zeit zum Christentum konvertiert war und sich mit den heiligen Schriften auskannte. Er bestätigte ihr, dass es sich bei der Gestalt, die ihrem Gatten erschienen war, nur um Gabriel handeln konnte.

Von diesem Zeitpunkt an suchte Gabriel Muhammad der islamischen Tradition zufolge in den verschiedensten Situationen auf und überbrachte ihm bis zu seinem Tod im Jahre 632 Stück für Stück die göttlichen Offenbarungen, die den Text des Korans darstellen.

Chadidscha war die erste, die an Muhammads Gesandtschaft glaubte und ihm bei seiner schwierigen Mission zur Seite stand. Nach ihr schlossen sich Muhammads Vetter, der damals zehnjährige Ali und Abu Bakr, ein enger Vertrauter Muhammads, dem Propheten an.

Lies! Diese Aufforderung soll der islamischen Überlieferung zufolge das erste göttliche Wort gewesen sein, das von Gabriel zu Muhammad gelangte.

Interessant ist, dass dieses Wort, das, wie wir gesehen haben, sich auf ein bestimmtes historisches Ereignis bezieht, unter vielen Muslimen heutzutage auch als eine Aufforderung zum Lesen, also einem Aufruf dazu, sich zu bilden, interpretiert wird.

Dieser Befehl, Lies! (iqra’), den Muhammad damals erhielt, kommt vom arabischen Verb „qara’a“ (lesen / rezitieren) von dem auch der Begriff „Koran“, also „Qur’an“ (Lesung / Rezitation) abgeleitet ist.

Da jene Nacht sozusagen die „Geburtstunde“ des Islam und des Koran war, wird sie von den Muslimen als die heiligste Nacht im Jahr angesehen. Ihre Bedeutung kommt besonders in der 97. Sure des Korans zum Vorschein, in der erwähnt wird, dass sie besser als tausend Monate sei.

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Hussein Hamdan M.A., geb. 1979 studierte Islam- und Religionswissenschaft sowie Irankunde in Tübingen und schloss sein Studium 2007 mit einem Magister ab. Anschließend folgte, ebenfalls an der Universität Tübingen, die Doktorarbeit über das Wirken der Azhar-Universität im christlichen-islamischen Dialog, die im März 2013 abgeschlossen wurde. Hussein Hamdan war die ersten beiden Jahre seiner Promotion Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, ehe er 2009 für zwei Jahre Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für interkulturelle Kommunikation in Heidelberg wurde. Dort verfasste er u.a. den Band „Muslime in Deutschland. Geschichte, Gegenwart und Chancen“. Aktuell ist er an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart angestellt und für das Projekt „Gesellschaft gemeinsam gestalten – Junge Muslime als Partner“ verantwortlich. Hussein Hamdan ist Autor und Sprecher der Kolumne „Islam in Deutschland“ (SWR) und Referent zu diversen Themen des Islam. Seine Schwerpunkte sind Muslime in Deutschland, Interreligiöser Dialog, Humor im Islam sowie Einführungen in die Grundlagen, Quellen und Geschichte des Islam. Zudem ist er Mitglied des Runden Tischs Islam von Integrationsministerin Bilkay Öney in Baden-Württemberg. Hamdan hat sich in den letzten Jahren in verschiedenen Bereichen des interreligiösen und interkulturellen Dialogs engagiert. Von 2004-2007 moderierte er in Tübingen den Arabisch-Amerikanischen Dialog. Aktuell ist er Vorstandsmitglied des Bendorfer Forums.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. martin

    Es ist hochinteressant, dies mal zu lesen! So gründen sich doch alle Religionen irgendwie auf einen Aufruf zur Bildung, was ich persönlich sehr gut finde. Schade, dass trotzdem viele Muslimas immer noch sehr ungebildet gehalten werden.

  2. @ Martin

    Lieber Martin, ich kann dir da nur zustimmen. Der Aufruf zur Bildung ist Gegenstand vieler Aussprüche Muhammads. So heißt es in einem Hadith: „Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim und jeder Muslima.“ Daher ist es besonders bedauerlich, dass in manchen Regionen muslimischen Frauen immer noch das Recht auf Bidlung vorenthalten wird.

  3. Was für eine Bildung?

    Diese Aufrufe zur Bildung sind doch in Wahrheit nichts anderes als ein Aufruf, den Koran zu lesen. „Lies!“, heißt „Lies den Koran“. Aus dem, also von Gott, kommt nach islamischem Glauben alles Wissen. Das kann man auf zahllosen islamischen Webseiten nachlesen. Wie erfolgreich die islamische Welt mit diesem Rezept ist, kann man an Ihrer wissenschaftlichen Performance sehen: quasi Null! Man kann nur hoffen, dass sich durch die Universitätsgründungen am Golf und in Saudi-Arabien vielleicht etwas tut.
    Ein untrügliches Zeichen für die Wissenschaftsfeindschaft des real existierenden Islam ist die ignorante Ablehnung der allermeisten Muslime gegen die Evolutionstheorie.

    Ich habe zu dem Thema einen Artikel verfasst:
    http://www.handelsblatt.com/…de-umarmung;1173049

  4. @ Ferdinand Knauß

    Hallo Herr Knauß,

    ich stimme Ihnen zum Teil zu. Die Aufforderung wird auch als Aufruf, den Koran zu lesen verstanden. Jedoch habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass „Lies!“ als Aufruf zur allgemeinen Weiterbildung interpretiert wird.

    Danke für den Hinweis auf Ihren Artikel.

  5. Lies!

    Soweit ich gelesen habe, ist dieses ominöse „lies“ eine spätere Enfügung. Denn sonst wäre an einigen Stellen die Überheblichkeit Mohammeds – oder des entsprechnden Schreibers – zu deutlich geworden.

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