Früher war die Zukunft auch besser – Teil 2: Die Wissensgesellschaft

Die Herausforderungen für die Zukunft im Anthropozän sind gewaltig: Klimawandel, schwindende Ressourcen, demographischer Wandel, globale Gerechtigkeit – die Liste ist verlängerbar. Die große Transformation in eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft kann nur mit Hilfe einer Wissensgesellschaft funktionieren, da werden viele sicherlich zustimmen. Also brauchen wir Wissenschaft und Forschung mehr denn je? Sicherlich. Früher machte die Wissenschaft gigantische Fortschritte und wir trauten ihr vieles zu. Die Technologien der Welterkundungen und später der Industrialisierung waren zunehmend wissenschaftsbasiert, Telefon, Röntgen, die Entdeckung elektromagnetischer Strahlen, die grüne Revolution und der Flug auf den Mond, alles basierend auf Wissenschaft. Da müssten wir doch auch mit den heutigen Problemen rasch weiterkommen, die Wissensgesellschaft müsste es doch richten können!

 

Aber leider gibt es ja immer noch die „Unaufgeklärten“, die ewig gestrigen, die Angsthasen, welche weiten und – je nach persönlicher Ausrichtung – unterschiedlichen Teilen der Wissenschaften  mit Argwohn, Skepsis und Ablehnung begegnen: Klimawandelleugner, Evolutionsskeptiker, Gentechnikbekämpfer, Nanotechnik-Verunsicherte, Impfgegner usw. Klimawissenschaftskepsis hatten wir ja in Teil 1 dieser kleinen Serie behandelt, aber uns dann vor allem mit den Entschuldigungsmechanismen fürs Nichthandeln trotz Einsicht in den anthropogenen Charakter des Klima- und Umweltwandels beschäftigt. Aber ist es nicht vielleicht doch so, dass weite Teile der Gesellschaft den Wissenschaften eigentlich überhaupt nicht mehr über den Weg trauen? Wenden sich nicht viel zu viele unwissenschaftlichen und esoterischen Methoden zu, suchen ihr persönliches Heil in Homöopathie, Bachblütenbehandlung oder Steinheilkunde, und vertrauen bei Zukunftsfragen lieber der Astrologie oder auch der Religion?

 

Ist dies das Ende der Wissensgesellschaft? Müssen wir gar Homöopathie, Astrologie und Co. verbieten? Sollten Politiker vielleicht nur noch aus der Wissenschaft stammen? Oder sollten wir zumindest Journalismus und soziale Medien, welche pseudowissenschaftliches befördern, entsprechend zensieren? Natürlich nicht, aber was dann tun? Sind diese Wissenschaftsverweigerer denn nicht daran Schuld, dass es nach wie vor so viel „ Halbwissen“ gibt, dass wir bei drängenden Zukunftsfragen nicht vom Wissen zum Handeln kommen? Also alle, die der Wissenschaft misstrauen, in die Ecke stellen und mit dem Finger drauf zeigen, marginalisieren? Dieser Schuss würde sicherlich nach hinten los gehen.

 

Ein Blick auf die gesellschaftliche Landschaft

 

Zuallererst benötigen wir einen differenzierten und sehr wissenschaftlichen Blick auf die Ursachen und Motivationen von Wissenschaftsskeptizismus. Ein paar Beispiele: Industrielobbyisten wollen gerne aus wirtschaftlichen Gründen an etablierten Wirtschaftspfaden festhalten.  Selbstentschuldiger (siehe Teil 1, dort bin ich etwas ausführlicher darauf eingegangen) haben wie viele überhaupt latente Angst vor der Zukunft und wollen sich daher lieber nicht aus einer ihnen vertrauten Umgebung bewegen. Sie nehmen daher dankbar alles, was angeblich in der Wissenschaft noch umstritten, offen bzw. „nur“ wahrscheinlich ist, bewusst oder unbewusst als Begründung dafür, wissenschaftliche Befunde wie Klimawandel, Ressourcenlage oder Ursachen für Krankheitsverläufe zu ignorieren. Wertetreue Menschen sehen häufig ihr Menschenbild und ihre Werte gefährdet, wenn die Unterschiede zwischen Natur, Kultur und Technik plötzlich verschwinden, sie suchen gerne Zuflucht in spirituellen Ansätzen. Dann gibt  es natürlich auch die Enttäuschten, also diejenigen, die sich von der Wissenschaft viel mehr erwartet hatten, denn tatsächlich waren die Versprechungen in den 50er und 60er Jahren groß. Aber Krebs, Aids, Krankheiten, Hunger, Atommüll und Umweltkrise existieren eben immer noch, obwohl wir doch alle hofften, dass die Wissenschaft und Technik dies ganz rasch abstellen würde.

 

Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Wissenschaft nicht überheblich sein darf, dass sie sich ihrer Möglichkeiten und damit auch ihrer Grenzen bewusst sein muss und dass es immer noch viel mehr darauf ankommt, den Forschungsprozess selbst darzustellen, als nur die wissenschaftlichen Ergebnisse in einer „Vogel-friss-oder-stirb“-Mentalität zu präsentieren. Auch innerwissenschaftlich muss sich die Wissenschaft stärker mit sich selbst aueinandersetzen und sich weiterentwickeln. Konstruktivisten untersuchen den wichtigen und überaus notwendigen Ansatz, dass unsere Selbstwahrnehmung, aber auch Aspekte unserer Weltwahrnehmung eben auch soziale Konstrukte darstellen. „Ultrakonstruktivisten“ überziehen jedoch, indem sie die tatsächliche Existenz von allem und jedem bezweifeln, den Sozialgefügezusammenhang von Wissenschaft überbetonen – alles ist konstruiert, nichts ist als gesichert anzunehmen, die Zukunft lässt sich nicht in Szenarien vorherdenken – und damit selbst frische Nahrung für Wissenschaftsskeptiker produzieren. Tatsache ist auch, dass in der Übersetzung von disziplinärer Forschungserkenntnis in Technologien nach wie vor viele Fehler gemacht werden, da systemische Zusammenhänge oft nicht genügend untersucht werden. Ein aktuelles Beispiel sind Bioflüssigtreibstoffe, bei denen die Teller-Tank-Problematik, aber auch die Effizienz- und damit ökologische Fußabdruckproblematik nicht genügend durchdacht wurden. Auch bei anderen neuen Technologien bestehen noch sehr viele Fragen nach Externalitäten, dies gilt für Fracking, Kohlenstoffspeicherung, aber auch für Gentechnik und medizinische Fragen. Der Dialog und der Diskurs dazu darf weder anderen allein überlassen werden, noch darf er autoritativ nur von der Wissenschaft geführt werden. Wissenschaften müssen sich heute noch weit mehr als Teil der gesellschaftliche Akteure, gemeinsam und auf Augenhöhe mit den anderen Akteuren aus Wirtschaft, Behörden, Bildungsstätten, Gruppen und Verbänden und der Politik sehen.

 

 

Wir leben in einer Wissensgesellschaft, nicht in einer Wissenschaftsgesellschaft

 

Insbesondere aber gilt es zu begreifen, dass eine Wissensgesellschaft nicht allein durch Wissenschaft definiert wird. Wissen ersteht aus einem Erkenntnisprozess und setzt sich damit aus wissenschaftlich basiertem Informationswissen, aber auch aus durch Einsicht oder Erfahrungen gewonnenem Wissen (wobei eben Erfahrungen anderer, uns bekannter und vertrauter Personen oder Gruppen gerne ohne weitere Begründung und Test übernommen werden)  sowie auch aus Glaubenssystemen geschöpfter persönlicher Einsicht oder Erkenntnis zusammen, egal ob diese geglaubte Erkennntnis nun aus etablierten Religionen, aus Patchwork-Spiritualismus oder schlichtweg aus persönlichen Glaubensüberzeugungen und wertebasierten Annahmen stammt.

 

Auch die persönliche Erfahrung des Autors zeigt, dass Personen mit starken Glaubenssystemen oder auch mit starkem Vertrauen in das Erfahrungswissen anderer nicht automatisch wissenschaftsfeindlich sind, sondern deren parallele Berechtigung sehen und dabei erfahrungs- und glaubensbasierte persönliche Erkenntnis auch als Hoffnungs- und Ermutigungssysteme begreifen. Wissenschaftsbasierte Einsichten, Erfahrungwissen und  -werte bzw. glaubensbasierte Erkennnis bilden das Mischungsdreieck des persönlichen Wissens, wobei die jeweiligen Mischungsverhältnisse individuell sehr unterschiedlich sind. Dies gilt es zu akzeptieren, jedoch mit einer großen Einschränkung. Bei aller nötigen Entspanntheit gegenüber anderen, nichtwissenschaftlichen Erkenntnissystemen muss nämlich gelten: dort wo persönliche Gefährdungen auftreten, etwa weil wichtige Therapien abgelehnt werden, muss die Toleranz aufhören. Placeboeffekte sind ein interessanter wissenschaftlicher Aspekt, aber ein Entzug adäquater notwendiger medizinischer Behandlung etwa bei Kindern steht auf einer Stufe mit körperlicher Gewalt und muss deutlich angeprangert und auch unterbunden werden.

 

 

Wissenschaftskommunikation für die Zukunft

 

Wissenschaften und Wissenschaftskommunikatoren haben zwar die Aufgabe, den wissenschaftsbasierten Anteil im Erkenntnisprozess weiter zu vergrößern, sie sollten dabei auch verdeutlichen, dass es nicht „verboten“ ist, etwas zu glauben, sondern dass man ggf. alles glauben darf, was man will. Nur: reine Glaubenserkenntnis darf sich nicht als Wissenschaft ausgeben, da sie eben nicht wissenschaftsbasiert ist. Aufgabe der Wissenschaftskommunikation ist daher auch, diesen Unterschied aufzuzeigen. Verschwörungstheorien, Strohmannargumentationen und Totschlagargumente gehören bei vielen Wissenschaftsskeptikern zum gängigen Repertoire. Gerade weil sie Wissenschaft betreiben, sollten sich Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aber nicht im Gegenzug auch dieser Methoden bedienen, sondern im Gegenteil deren Verwendung bei anderen aufzeigen; gerade dies schafft auch eine gute Möglichkeit darzustellen, wie Wissenschaft funktioniert und wie nicht. Und ja, selbstverständlich sollten Wissenschaftskommunikatoren auch immer wieder darauf hinweisen, dass man persönliche Erkenntnissysteme auch immer wieder in Bezug auf neuen Wissenszuwachs in den Wissenschaften reflektieren sollte.

 

Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation dürfen jedoch nicht überheblich sein, sondern müssen auch klar machen, dass wissenschaftliche Aussagen nur innerhalb ihrer wissenschaftlichen Methoden möglich sind. Über neue partizipative und offene Diskursformate gilt es auch Beschäftigung mit Wissenschaftstheorien, mit dem Forschungsprozess insgesamt, mit wissenschaftsbasierten Handlungsoptiionen und mit dem Leben mit wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeiten zu erreichen. Tatsächlich benötigen wir dazu eine neue Form eines Wertschöpfungskreislaufes Wissenschaft-Gesellschaft, welcher von Forschungsergebnissen zu Szenarien und Handlungsoptionen bis hin zu weiterer erneuter Forschung iterativ weiterläuft und welcher sicherlich völlig neue Formen von Wissenschaftskommunikation und gesellschaftlichem Diskurs benötigt.

 

Wichtig ist dabei auch, eine gesellschaftliche Kultur zu etablieren, in der sich jeder einzelne immer wieder bewusst wird, seine eigenen Befindlichkeiten und seine Beweggründe auch für Wissenschaftsskeptizismus zu hinterfragen. Hierzu benötigen wir sicherlich neue, wissenschaftsbasierte Kommunikations- und Bildungsansätze, denn das psychologisch-soziologische Verständnis von individuellem und gruppenbasierten Verhalten ist weder wissenschaftlich genügend entwickelt, noch in der Kommunikation und Bildung gut angekommen.

 

Fazit: Bei aller begründeten Überzeugung, dass Wissenschaften für die Gestaltung einer gerechten und zukunftsfähigen Gesellschaft eine Schlüsselrolle einnehmen müssen, gilt es aber auch zu akzeptieren und zu kommunizieren, dass sich Wissenschaft, Erfahrungswissen und glaubensbasierte Erkenntnis nicht grundsätzlich ausschließen müssen, dass aber Glaubensysteme eben auch nicht wissenschaftlich begründbar und hinterfragbar sind. Schließlich gibt es auch Wissenschaftler, die einen Talisman tragen, in ihr Horoskop schauen oder einfach auch nur daran glauben, dass die bislang doch meist noch sehr sektoralen Wissenschaften noch längst nicht alles herausgefunden haben, was es in und über diese Welt und uns selbst herauszufinden gibt.

So, und in Teil 3 dieser kleinen Reihe beschäftigen wir uns dann ein bisschen mit möglichen Zukunftsszenarien.

 

Hinweis (überarbeitet): Dieser Beitrag basiert ganz überwiegend auf der  Langfassung eines  im aktuellen Heft der Helmholtz-Perspektiven erschienen Statements (das auch trotz starker, aus Platzgründen notwendiger Kürzung so von mir freigegeben wurde). Der dort verwendete Übertitel  für zwei parallele Statements lautete „Wie soll die Wissenschaft mit Esoterikern umgehen?“. Da es mir um weit mehr als nur den Umgang mit Esoterikern geht, ist die Langfassung nun – mit kleinen Anpassungen zur Integration in diese kleine Zukunftsreihe – hier im Anthropozäniker-Blog publiziert.

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: “Früher war die Zukunft auch besser” – Teil 1: Ausrede-Mechanismen › Der Anthropozäniker › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  2. Fortschrittsfeindlichkeit kann sich die Menschheit tatsächlich nicht leisten wenn sie auf diesem Planeten weiterexistieren will. Wären alle Menschen so wie heute viele Deutsche, wäre der Planet also erfüllt von German Angst, wäre es sehr schlecht bestellt für die Zukunft der Menschheit.
    Wenn auch das fehlende globale Denken selbst wieder ein Problem ist, so ist es doch gut, dass es verschiedenartige Menschen und Kulturen gibt. Einige davon werden einen Weg finden und andere werden ihnen folgen.

  3. Ich glaube an Wissenschaft und der Methoden. Ich zweifle aber an die Gesellschaft, die diese ausführt; dass sie dies im besten Gewissen betreibt und aus den Ergebnissen dann wiederum im bestem Wissen und Gewissen alltagsumsetzt – in die Anwendung in der Gesellschaft anwendet. Hier Spezial in der Medizin – wo es meiner Erfahrung nach erheblich hapert. Angesichts kommen mir Gedanken von allen möglichen Ismen und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

    Vertrauen ist hin. Da nutzt auch der 1000ste Beitrag solcherart nichts, wenn sich das anfühlt, als ob immerzu geredet wird, aber nichts passiert. Der Wissenschaftler, der im erwarteten bestem Wissen und Gewissen seine Forschung betreibt, tut mir dann leid – aber es liegt auch an ihm, wie an jedem anderen dieser Gesellschaft. Allerdings am wenigsten am prekärsten unter jenen, die zuweilen gar Zielobjekte „toller“ Forschung sind, aber trotzdem wenig bis nichts daraus partizipieren und profitieren. Was allermeist daran liegt, dass dieses „beste Wissen und Gewissen“ wohl leider nicht das Beste sei – schon in der Forschung also mangelhaft, weil der Mensch nicht aus seiner Haut kann.

    Und gegenüber sogenannten Pseudowissenschaften (und Esotherik und andere Metaphysik) kann es kein starkes Argument geben, weils hierbei gerade um das Menschliche geht, was sich wahrhaft schwerlich als auserforscht bezeichnen lässt. Daher sei darauf hingewiesen, dass sogenannte „Skeptiker“ aus der Wissenschaftsszene leider überspringen und mit gleichem Verhaltensweisen Reagieren, wie jene esoterisch focussierten auf die Wissenschaft losgeht. Beiderlei Ergebnisse sind keine starken Erkenntnisse, sondern „Annahmen“, die ein Glaubenssystem darstellen. Man hantiert mit Argumentern, die letztlich keine sind. In etwa sprachen sie es an (viel unbekannt in den Wissenschaften am und um den Menschen).

    Neulich irgendwo lass ich die Frage, woher das „schaft“ aus Wissenschaft abgeleitet ist. Kommt es von Schaffen oder in etwa „Körperschaft“? Ich frage das hier nochmal, weils eine interessante Frage ist, aus der sich gewisse Prämissen in der Anschauung von „Wissenschaft“ ergeben, die die Einordnung dieser beeinflussen.

    Also, dann auf die Zukunft. Ich schreibe allerdings schon mal „leben sie wohl(er als ich)“, da es nicht so gut für mich aussieht, wie man meinen könnte, traute man der Öffentlichkeit über ihr Gerede vom Wissen und können – wie grandios doch das moderne Abendland sei und so.

  4. Hierzu benötigen wir sicherlich neue, wissenschaftsbasierte Kommunikations- und Bildungsansätze, denn das psychologisch-soziologische Verständnis von individuellem und gruppenbasierten Verhalten ist weder wissenschaftlich genügend entwickelt, noch in der Kommunikation und Bildung gut angekommen.

    Hier muss ich widersprechen Das Wissen um die Ursachen von Aberglauben als Gruppenphänomen oder als individuelle Vorstellung ist recht gut entwickelt. Es gibt in der Psychologie und der Sozailpsychologie gut belegte Theorien zu diesem Thema, die viele Erscheinungen gut erklären. Ich verweise da zum Beispiel auf die hervorragende Arbeit von Richard Wiseman. Es wäre schon hilfreich, wenn mehr Wissenschaftler darüber bescheid wüssten und ihre Kommunikation entsprechend ausrichten würden.

    • Hm, ja, d’accord bis zu einem bestimmten Grad. Man weiß schon viel darüber, erfreulicherweise, aber es hört dann meist beim analytischen Verständnis auf, überspitzt gesagt, man ist zufrieden zu wissen, warum etwas so ist wie es ist. Aber basierend auf solchem Wissen zu handeln, etwa in neuen Ansätzen schulischer Bildung, da hapert es noch. Schüler könnten z.B. im Projektunterricht viel besser, etwa in Rollenspielen, reflektieren, wie man so tickt und vielleicht warum, und dann Aktivitäten entwickeln (nicht nur Kopfreflexion) um direkt dagegen anzugehen. Beispiel Design Thinking-Theorie oder ähnliches. Bis dahin ist leider oft noch ein weiter Weg, so meinte ich dies. Gibt halt zu wenige Wisemans im Unterricht.

      • Die schulische Bildung soll die Wahrheit enthalten, keine Verhaltensmuster oder strategien des „besseren Wissens“ (hinichtlich psychologischer Szenarien). Das ist ja das Problem: sind sie einmal erfüllend (im Sinne einer Verhaltens- und Erwartungsstrategie konditioniert, ist das für sie die „Wahrheit“ und das geht auch, solange das psychologische Erklärungsmodell in der Realität funktioniert, wenn es gar nicht die Wahrheit ist. Reale Bedingungen sind per Modell in kompatible Szenarien umgedeutet und solange das im Alltag funktioniert, ist kein Bedarf an Zweifel.Das funktioniert deswegen, weil wir einfach nur falsche, aber kompatible kontexte eingeredet bekamen und daran glauben müssen, weil andere nicht verfügbar oder erlaubt sind.

    • Es reicht leider nicht aus, etwas Theorien „recht gut entwickelt“ zu haben und dann empiisch zu untermauern. Tut mir leid, dass die Herren der Zunft hier versagen. Psychologie und Sozialpsychologie allein reichen hierbei auch nicht aus.

      Auch bedenklich sei, dass mit entsprechenden Eingangsprämissen (aus den anerkannten Wissenschaften) man nie die richtige Perspektive auf das Phänomen bekommen wird, sodass die Erforschung des Problems vollständigst geschehen kann, sondern nur einenTeilaspekt der Wirklichkeit erfasst wird.
      Da können sie hier widersprechen, so oft sie nur können. Es reicht nicht. Also ist ihr Widerspruch Argumentfrei.

  5. Besser als Expertokratie ist wissensbasiertes, ideologiefreies Unternehmertum, das auch Fehler zulässt und bereit ist, diese zu korrigieren. Alle Übertreibungen sind vom Übel und in nichts sollte man zu viel Vertrauen investieren. Es gibt eben heute nicht nur die Wissenschaftsskeptiker und die Esoteriker, es gibt auch das andere Extrem: Leute, die meinen, man könne durch genügend tiefe und breit angelegte Studien und durch Expertenpanels jedes Problem einer rationalen Lösung zuführen. Doch die Welt ist nicht so beschaffen wie diese Wissensweisen uns glauben lassen wollen. Wissen bleibt notwendigerweise beschränkt. Das bedeutet, dass man zwangsläufig immer wieder von einer nicht vorhergesehenen Entwicklung überrascht wird. Es gilt dann daraus die Konsequenzen zu ziehen und darauf zu reagieren. Ideologisch geleitete Leute sind jedoch oft nicht bereit sich an veränderte Realiäten anzupassen. Sie glauben auch noch kurz vor der vernichtenden Niederlage an den Endsieg. Biotreibstoff-Gläubige beispielsweise lassen sich nicht einmal durch dichte Schwaden von Rauch abbrennender Tropenwälder, die neuen Palmölplantagen weichen müssen, beirren. Wenn auch Biotreibstoffe von Anfang an eine Verirrung gewesen sind, wäre ein Umdenken und Umschwenken nach offensichtlichen Fehlentwicklungen immer noch besser als ein Beharren auf einer fehlgeleiteten Idee.
    Was es eben braucht sind wieder mehr besonnene und zugleich mutige Leute. Leute, die Wissen nutzen um Probleme zu lösen. Leute, die Wissen zur Machtausübung benutzen, sowie Ideologen, Esoteriker oder Hohepriester eines neuen Wissenschaftskults führen uns dagegen in eine gefährliche Zukunft.

  6. Fazit: Bei aller begründeten Überzeugung, dass Wissenschaften für die Gestaltung einer gerechten und zukunftsfähigen Gesellschaft eine Schlüsselrolle einnehmen müssen, gilt es aber auch zu akzeptieren und zu kommunizieren, dass sich Wissenschaft, Erfahrungswissen und glaubensbasierte Erkenntnis nicht grundsätzlich ausschließen müssen, dass aber Glaubensysteme eben auch nicht wissenschaftlich begründbar und hinterfragbar sind.

    Naturwissenschaften haben eine gewisse Härte und bilden das Instrumentarium für die Gesellschaftspflege. Sie sind für das Schaffen von Gerechtigkeit (gemeint Richtigkeit das Soziale betreffend) nicht geeignet.
    Insofern gibt es auch weiche Wissenschaftlichkeit, die sich um ‚glaubensbasierte „Erkenntnis“‚ [1] bemüht und sogar selbst ‚glaubensbasiert‘ ist.

    MFG
    Dr. W (der von diesen Gegensätzen offensichtlich nicht so viel hält, der nichts gegen das große soziale Gerühre in aufklärerischen Gesellschaften hat)

    [1] jeder glaubt, auch ‚wissenschaftlich hinterfragbar‘, klassische Beispiele sind hier sozusagen der Sozialismus (meint auch SPD und so 🙂 ) und der Liberalismus – btw: manche glauben auch heute noch an große Transformationen

  7. Pingback: Glaube und persönliche Erfahrung in der Wissensgesellschaft @ gwup | die skeptiker

  8. Pingback: Früher war die Zukunft auch besser – Teil 3: Zukunft? Zukünfte! Zur Notwendigkeit von Zukunftsvisionen › Der Anthropozäniker › SciLogs - Wissenschaftsblogs

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben