Das Anthropozän: unbequeme Fakten für ein menschengesteuertes Erdsystem

Unsere am 7.1.2016 um 20:00 MEZ erschienene Arbeit im Science Magazin zum Thema „The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene erfreut sich regen medialen Interesses. Schon innerhalb der ersten zwei Stunden nach dem online-Erscheinen (- Print wurde am 8.1.2016 ausgeliefert -) erschienen Online-Beiträge u.a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem Züricher Tagesanzeiger, dem Schweizer Blick sowie dem Tagblatt, dem österreichischen Standard, dem Guardian, der Dailymail, der Washington Post, dem New Scientist, in Scientific American, der Calgary Sun, dem Motherboard von Vice oder in MyScience.de (1). In den nächsten Tagen folgten unter anderem die Neue Zürcher Zeitung, der Focus, nochmals der Focus, die Hannoversche Allgemeine, Spektrum der Wissenschaften.de, der Stern, ein zweiter FAZ-Artikel (print, später online), DIE WELT, die Welt am Sonntag, die Berliner Morgenpost, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, das Handelsblatt, die Sächsische Zeitung, die Thüringische Landeszeitung (print), der Berliner Kurier (nur print, v. 16.1.), die Neue Osnabrücker Zeitung, die Mittel– und die Oberbayerische Volkszeitung (mit ihren verschiedenen Heimatblättern), der Münchner Merkur (nur print, v.16.1.), das Hamburger Abendblatt, der Weser-Kurier, die Badische Zeitung, die Augsburger Allgemeine (nur print), das Greenpeace-Magazin, das Natur-Magazin, wetter.de, das rbb-kulturradio, SWR2Campus-Radio, Galileo.tv, der ORF, der österreichische Kurier, nochmals der österreichische Standard, die spanische El Mundo, National Geographic Serbia About Croatia, Hirado Hungary, die Pravda.sk, Gazeta Wyborcza, Newsweek Polen, Polskie Radio, das SverigesRadio, das Aftonbladet, forskning.no, die New York Times, die deutsch-chilenische Wochenzeitung Cóndor oder die brasilianische Nova Edição. Und es scheint munter weiterzugehen (2).

Die 24 Autoren (zu denen ich selbst gehöre) vertreten im wesentlichen die Geowissenschaften sowie einige weitere Disziplinen innerhalb der inzwischen 37 Mitglieder umfassenden internationalen Anthropocene Working Group. Diese AWG ist von der Subcommission on Quaternary Stratigraphy (SQS) eingesetzt, die wiederum zur International Stratigraphic Commission (ICS) gehört, welche den größten und ältesten „scientific body“ der International Union of Geological Sciences (IUGS) darstellt. Die IUGS besteht derzeit aus 121 nationalen Mitglieder. Das primäre Ziel der ICS besteht darin  „to precisely define global units (systems, series, and stages) of the International Chronostratigraphic Chart that, in turn, are the basis for the units (periods, epochs, and age) of the International Geologic Time Scale; thus setting global standards for the fundamental scale for expressing the history of the Earth.“ Ganz schön bürokratisch, das alles, aber tatsächlich auch notwendig, damit sich Geowissenschaftler auch untereinander weltweit und zweifelsfrei verständigen können, worüber sie gerade zeitlich und sedimentabfolgenmäßig (also geochronologisch und chronostratigraphisch) diskutieren und forschen.

Zurück zum Anthropozän und der Science Arbeit. Wir haben versucht, alle Charakteristika dafür zusammenzutragen, die ggf. für die formale Einrichtung des Anthropozäns sprechen könnten. Diese „Signaturen“ wurzeln im wesentlichen

  • in der Verwendung neuer Technologien,
  • in der globalen Bevölkerungszunahme (vor 12.000 Jahren waren wir vielleicht 2 Millionen Menschen, vor 8000 Jahren etwa 18 Millionen Menschen, um 1800 n.Chr. etwa 1 Milliarde, heute 7 Milliarden),  sowie
  • in der enormen Zunahme des Ressourcenverbrauches, insb. seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts („die Große Beschleunigung).

 

The production of selected new anthropogenic materials. (A) Cumulative growth of manufactured aluminum in the surface environment [adapted from data in (23), assuming a recycling rate of 50%]; cumulative growth of production of concrete, assuming that most cement goes into concrete and that ~15% of average concrete mass is cement [from (22), derived from U.S. Geological Survey global cement production statistics]; annual growth of plastics production [from (24)]; and synthetic fibers production [from (26)]. (B) Global mid–20th century rise and late–20th century spike in SPCs, normalized to the peak value in each lake core [modified from (32)], and global black carbon from available annual fossil fuel consumption data for 1875–1999 CE (30). Numbers of lake cores for each region are indicated.  (For footnote references see original paper)

Fig. 1: The production of selected new anthropogenic materials. (A) Cumulative growth of manufactured aluminum in the surface environment [adapted from data in (23), assuming a recycling rate of 50%]; cumulative growth of production of concrete, assuming that most cement goes into concrete and that ~15% of average concrete mass is cement [from (22), derived from U.S. Geological Survey global cement production statistics]; annual growth of plastics production [from (24)]; and synthetic fibers production [from (26)]. (B) Global mid–20th century rise and late–20th century spike in SPCs, normalized to the peak value in each lake core [modified from (32)], and global black carbon from available annual fossil fuel consumption data for 1875–1999 CE (30). Numbers of lake cores for each region are indicated. (For footnote references see original paper).  ©Science Mag. 2016

 

Wir haben dabei verschiedenen Typen von stratigrafischen Signaturen unterschieden:

  1. Neue Materialen („Technofossilien“), wie elementares Aluminium, Beton, Plastik (verschiedenste Typen), Back Carbon oder spärische Kohlenstoffpartikel;
  2. Änderung sedimentärer Prozesse, etwa durch Euthrophierungen, Sedimentabfang hinter Staudämmen, Bergbau, Abholzung;
  3. geänderte geochemische Signale in Sedimenten und Eisschilden, wie etwa polyaromatische Kohlenwasserstoffe, polyaromatische Biphenyle; Pestizidrückstände; Stickstoff- und Phosphorüberschüsse (durch Dünger, in Böden Gewässern, dadurch u.a. Sauerstoffzehrung);  dispers verteilte Industriemetalle (auch „Gewürzmetalle“ genannt), etwa Cd, Cr, Cu, Hg, Ni, Pb, Zn; seit Mitte des 20. Jahrhundersts auch Zunahme von Seltenen Erden (so gelangen etwa Platin, Rhodium und Palladium täglich durch Katalysatoren in die Umwelt);
  4. Radiogene Signale und Radionuklide in Sedimenten und Eis;
  5. Änderungen im Kohlenstoffzyklus (mit Daten aus Eisbohrkernen)
  6. Globaler Temperatur- und Meeresspiegelanstieg (mit entsprechenden Auswirkungen etwa auf Sedimentgeometrien etc.)
  7. Biotische Änderungen (auf dem Weg zu einer 6. Aussterbephase? Homogenisierung und Verdrängung durch invasive Arten etc.)

 

Radiogenic fallout signals as a marker of the Anthropocene. A) Age-corrected atmospheric 14C concentration (F14C) based on the IntCal13 curve, before nuclear testing (62). (B) The atmospheric concentration of 14C (F14C) (63) and 239+240Pu (64) radiogenic fallout from nuclear weapons testing (PBq, petabecquerel), plotted against annual aggregate atmospheric weapons test yields (60).  (for footnote references see original paper)

Fig. 2: Radiogenic fallout signals as a marker of the Anthropocene. A) Age-corrected atmospheric 14C concentration (F14C) based on the IntCal13 curve, before nuclear testing (62). (B) The atmospheric concentration of 14C (F14C) (63) and 239+240Pu (64) radiogenic fallout from nuclear weapons testing (PBq, petabecquerel), plotted against annual aggregate atmospheric weapons test yields (60). (for footnote references see original paper). ©Science Mag 2016

 

Unser Bewertung daraus lautet:

Die stratigraphischen Signaturen sind im Vergleich zum Holozän

  • entweder neu (elementares Aluminium, Plastik)
  • oder zumindest außerhab der Variabilität des Holozän liegend, sowie
  • alle akzelerierend.

Nach den Regeln des ICS könnte also unserer Bewertung nach ganz formal eine neue geologische Epoche, das Anthropozän, definiert werden (mit einer zugehörigen anthropozänen Sedimentserie). Die Untergrenze sollte dabei gemäß der zusammengetragenen Daten am besten in der Mitte des 20. Jahrhundert gezogen werden. Eine formale Entscheidung der SQS/ICS bzw. ggf. die Vollversammlung der IUGS ist hierzu jedoch notwendig. Eine stratigraphische Einheit Anthropozän könnte allerdings auch, etwa wie das Tertiär oder das Präkambrium,  informell verwendet werden, sollte sie formalisiert werden, könnte die Basis des Anthropozän sowohl durch einen sog. GSSP (Global Boundary Stratotype and Section Point) oder ein GSSA (Global Standard Stratigraphic Age) oder durch beides definiert werden, was dann der nächste Arbeitsschritt wäre.

 

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Fußnoten:

(1) Hinweis: Das Science Magazin erlaubt eine gewisse Vorabinformation von Journalisten über die Pressestellen der Institutionen der beteiligten Autoren, die sich jedoch an das Embargo bis zum Erscheinen halten müssen, dies erklärt die raschen Medienberichte direkt nach Erscheinen der Studie.

(2) Der Text dieses Beitrags stammt vom 10. Jan. 2015, darauffolgende Ergänzungen wurden nur hinsichtlich der Medienaufzählung im ersten Absatz, 3. Satz, gemacht und zwar vom 11.-30.1.2015

 

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Nachfolgend die Pressemeldung der Freien Universität Berlin zur Studie

Das Anthropozän: unbequeme Fakten für ein menschengesteuertes Erdsystem – Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht / Geowissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin einer der Autoren

Nr. 003/2016 vom 07.01.2016 (20:00 Uhr)

Die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf der Erde markieren nach Auffassung einer internationalen Gruppe von Geowissenschaftlern und Vertretern anderer Disziplinen eine neue geologische Epoche: das Anthropozän. Die Forscher, darunter Prof. Dr. Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin, stufen als Beginn dieser Epoche die Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Das Anthropozän sei charakterisiert durch die Verbreitung von Materialien wie elementarem Aluminium, Beton, Plastik, Flugasche und dem sogenannten Fallout von Kernwaffentests über den gesamten Planeten. Dies werde begleitet von erhöhten Treibhausgas-Emissionen und in der Erdgeschichte beispiellosen transglobalen Arteninvasionen. Die Studie wurde im renommierten Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht.

In der Arbeit zeigen 24 Mitglieder der internationalen Anthropozän-Arbeitsgruppe, dass die Menschen das Erdsystem in einem dermaßen starken Ausmaß verändert haben, dass inzwischen eine Reihe von Signalen in Sedimenten und Eis zu beobachten sind. Diese Signale seien hinreichend unterschiedlich zur deutlich stabileren Holozän-Epoche der letzten 11.700 Jahre, welche die Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst erlaubte, um die Etablierung einer Anthropozän-Epoche in der erdgeschichtlichen Zeitskala zu rechtfertigen, heißt es in der Studie. Im Jahr 2016 wird die Anthropozän-Arbeitsgruppe weitere Erkenntnisse über das Anthropozän zusammentragen, die Empfehlungen darüber unterstützen sollen, ob diese neue Zeiteinheit formalisiert werden sollte, und – falls ja – wie sie auch formal definiert und charakterisiert werden könnte.

Hauptautor der Studie ist Colin Waters (Sekretär der Arbeitsgruppe, British Geological Survey). An der Studie beteiligt sind Jan Zalasiewicz (Leiter der Arbeitsgruppe, Leicester University) sowie eine Vielzahl weiterer Autoren, darunter Prof. Dr. Reinhold Leinfelder. Leinfelder ist Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung am Institut für Geologische Wissenschaften der Freien Universität. Ferner steht er dem Forschungsprojekt „Die Anthropozän-Küche“ am Exzellenzcluster Bild-Wissen-Gestaltung der Berliner Universitäten vor und ist Gründungsdirektor des im Bau befindlichen Berliner Hauses der Zukunft.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, ob menschliche Aktivitäten die Erde in eine neue geologische Epoche – das Anthropozän – getrieben haben. Ihre Forschungsfragen lauten: In welchem Umfang werden menschliche Aktivitäten als messbare Signale in geologischen Schichten aufgezeichnet, und wie deutlich unterscheidet sich das Anthropozän weltweit von der deutlich stabileren Holozän-Epoche der letzten 11.700 Jahre, welche die Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst erlaubte.

Das Holozän war eine Zeit, während der sich menschliche Gesellschaften durch die schrittweise Domestizierung von Landschaften zur Nahrungsmittelproduktion, durch den Bau von Städten und durch die Entwicklung von Fertigkeiten zur Gewinnung von Wasser-, Mineral- und Energieressourcen des Planeten weiterentwickelten. Die von den Forschern nun vorgeschlagene Anthropozän-Epoche ist dahingegen als eine Zeit besonders rascher Umweltveränderungen charakterisiert; diese seien verursacht insbesondere durch den extrem raschen Anstieg der menschlichen Bevölkerung und den stark erhöhten Ressourcenverbrauch während der „Großen Beschleunigung“ von Mitte des 20. Jahrhunderts an.

Hauptautor Colin Waters vom Britischen Geologischen Dienst sagte: „Menschen beeinflussen die Umwelt schon lange, aber erst seit Kurzem gibt es diese schnelle, globale Verbreitung von neuen Materialien, darunter Aluminium, Beton und Kunststoffe, welche ihre Spuren in Sedimenten hinterlassen. Die Nutzung fossiler Brennstoffe hat Flugascheteilchen weltweit verbreitet, was mit der zeitlichen Verteilung des Maximums der durch atmosphärische Atomwaffentests erzeugten Radionuklide zusammenfällt.“ All dies zeige, dass das Anthropozän-Konzept auf realen Fakten basiert, unterstrich Jan Zalasiewicz von der University of Leicester, Ko-Autor und Vorsitzender der Arbeitsgruppe. Reinhold Leinfelder, ebenfalls Ko-Autor betonte: „Wir produzieren jährlich fast so viel Plastik, wie es der Biomasse aller auf der Erde lebenden Menschen entspricht. Plastik findet sich bereits in allen Ablagerungsräumen der Erde, vom Gebirgstümpel bis zur Tiefsee und wird so als Technofossil zu einem der wichtigsten Leitfossilen des Anthropozäns werden.“ Neben rein vom Menschen geschaffenen, anthropogenen Sedimentschichten – also etwa Ablagerungen in Stauseen, Müll-Deponien oder Schuttbergen wie dem Berliner Teufelsberg – sei die Signatur des Menschen damit in allen Sedimentschichten nachweisbar, führte Reinhold Leinfelder aus. Deshalb sei eine formale Etablierung des Anthropozäns als Zeiteinhalt der Erdgeschichte geradezu erforderlich. „Das Anthropozän wäre also eine neue geologische Epoche, die als Konsequenz aller Aktivitäten einer technologisierten menschlichen Gesellschaft zu sehen ist und damit in ihrer Bedeutung weit über das Fach Geologie hinausgeht“, konstatierte der Geowissenschaftler Leinfelder

> zur Pressemeldung auf der FU-Webseite (mit Kontaktinfos)

 Autoren / Gesamtzitat der Studie:

Colin N. Waters, Jan Zalasiewicz, Colin Summerhayes, Anthony D. Barnosky, Clément Poirier, Agnieszka Galuszka, Alejandro Cearreta, Matt Edgeworth, Erle C. Ellis, Michael Ellis, Catherine Jeandel, Reinhold Leinfelder, J. R. McNeill, Daniel de B. Richter, Will Steffen, James Syvitski, Davor Vidas, Michael Wagreich, Mark Williams, An Zhisheng, Jacques Grinevald, Eric Odada, Naomi Oreskes, Alexander P. Wolfe (2016): The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene.- Science 8 January 2016: Vol. 351 no. 6269 DOI: 10.1126/science.aad2622

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist ja durchaus eine weitere geologische Epoche in der Zukunft denkbar. Was aber passiert, wenn der Mensch bis dahin und darüberhinaus fröhlich weiterexistiert? Ist es nicht irgendwie unsinnig, das Anthropozän dann für beendet zu erklären, obwohl der Mensch weiterhin großen geologischen Einfluss hat, der sich nun aber mit anderen großen geologischen Einflüssen überlagert? Ist mit dem Menschen überhaupt eine weitere geologische Epoche (nach dem Anthropozän) denkbar? Schließlich wird der Mensch auch weiterhin großen geologischen Einflüss haben!?

    • Es wäre doch wunderbar, wenn das Anthropozän nicht nur ein sehr kurzfristiges Ereignis (geologisch etwa als Marker-Horizont ausgedrückt), sondern eine langandauernde Epoche werden würde. Nach der Phase der großen geologischen Eingriffe mit ihren negativen Folgen käme also dann eine Phase, in der der Mensch sich wissensbasiert als Teil des Erdsystems sieht und seine Fähigkeiten dazu nutzt, sich entsprechend konsistent einzufügen. Aber selbst dann werden wir nicht wieder ins Holozän zurückrutschen, denn dazu ist der Planet von uns schon zu sehr umgebaut (und auch 2 Grad globale Klimaerwärmung sind deutlich außerhalb der Holozän-Bandbreite) und selbstverständlich will auch keiner auf die Bevölkerungszahlen im frühen und mittleren Holozän zurück. Auf die derzeitige Phase des Anthropozäns mit seinen starken Erdsystem-Eingriffen, käme eine Phase der Erdsystemverträglichkeit, was ebenfalls gewaltige (wissenschaftliche, technologische und soziale) Innovationsanstrengungen bedeuten würde. Das Anthropozän könnte also doch so lange andauern, wie menschliche Gesellschaften dann innerhalb der planetaren Grenzen agieren. Ob diese geologische Epoche dann sogar eine sehr lange andauernde Periode umgewandelt (und ggf. weiter untergliedert wird) oder ob das Anthropozän dann von weiteren Epochen (in denen der Mensch ebenfalls noch vorkommt) abgelöst wird, müssten dann andere in der Zukunft entscheiden. Die Stratigraphen verwenden ja vor allem Erstauftreten von Fossilien als Kriterien (bzw. falls zu unscharf von Fossilvergesellschaftungen), um Untergrenzen zu definieren (manchmal, wie bei der Kreide-Tertiär-Grenze auch dem letzten Auftreten von Fossilien), das funktioniert auch mit Technofossilien oder geochemischen Signalen.

  2. Das Anthropozän wird zu einer echten geologischen Erscheinung, wenn die heutige Zivilisation sich noch einmal mehrere hundert Jahre hält. Andernfalls – wenn der Mensch verschwindet oder wieder – stark dezimiert – so weiterlebt wie die Steinzeitmenschen, werden die meisten der Signale, die man nun zum Anthropozän zählt wieder verschwinden, mindestens aber stark abnehmen. Denn auch Plastik hält sich nicht ewig, Radionuklide zerfallen irgendwann und sogar reines Aluminium kann verschwinden, wenn es in immer kleinere Bruckstücke zerfällt. Am deutlichsten wäre der Übergang in ein neues Erdzeitalter, wenn die Eismassen Grönlands weitgehend abschmelzen und der Nordpol nicht mehr Dauervereisung zeigt. Dies kann durchaus passieren und das schon bei einer nur um 2 bis 3°° Celsius wärmeren Erde. Die Artkis bildete erst vor 13 bis 14 Millionen Jahren mehrjähriges Eis. Vor dieser Zeit war nur der Südpol dauert vergletschert. Damals, im Langhian Stadium des Miozäns, von dem man auch als Middle Miocene disruption spricht, war die globale Durcschnittstemperatur nach der Disruption etwa 2.8°C über der heutigen und der CO2-Gehalt der Luft betrug 480 ppm.

    • Siehe z.T. meine Antwort auf Slash von gestern. WEnn der Mensch verschwinden sollte, was keiner aus der Anthropozän-Gruppe will, brauchen wir eh keine Geologie mehr 😉 Der Plutonium 239-fallout von 1951-ca 1964 wird wegen der langen Halbwertszeit für die nächsten 100.000 Jahre nachweisbar sein, diese Grenzschicht wird zunehmend zu Uran 235 zerfallen und dann zu stabilem Blei 207 (vgl. Science Paper), was als Anreicherung auch nachweisbar bleibt. PLastik kann bei Zersatz wohl zu geochemischen Signalen,unter Sauerstoffmangel auch zu bituminösen Sedimenten führen, ggf. erhalten sich auch Abdrücke, wie wir sie ja sogar aus dem Junkpräkambrium kennen. Kleinheit von Partikeln (elementares Aluminium) ist kein Ausschlusskriterium für die Erkennung. Ja, und abschmelzendes Festlandseis würde selbstverständlich recht charakteristische sedimentäre transgressive Flächen ausbilden. Aber wir brauchen keine 480 ppm, um das Anthropozän definieren zu können (siehe oben und Paper).

      • Ich fürchte, auch in einer Million Jahren wird man noch unsere Spuren gut messen können. Selbst wenn die Menschen vorher ausgestorben sein sollten.
        Denn in den Atomreaktoren wird bei der Zerstrahlung unter anderem Plutonium gebildet. Etwa ein Prozent des verbrauchten Spaltelements besteht aus Plutonium. Und dieses wiederum aus verschiedenen Isotopen. Wiederum etwa ein Prozent des entstehenden Plutoniums macht das PU242 aus. Und das hat eine Halbwertszeit von 376.300 Jahren.
        Wir haben allein in Deutschland nach meiner Abschätzung bisher etwa 1600 Kilogramm PU242 erzeugt. In einer Million Jahre werden somit hiervon noch über 500 Kilogramm hier existieren.
        Raimund Kamm

        • @ Raimund Kamm

          Warum „fürchte“? Sehr langfristig gesehen hat das Leben in dieser Ecke des Universums nur dann eine Chance, wenn wir Menschen – oder von uns (mit-)gestaltete Folgewesen – die Erde verlassen. Dies wird aber nur möglich sein, wenn wir die Erde vorher noch stärker humanisieren, d.h. an unsere Bedürfnisse anpassen. Dies wird vor allem unseren Energie- und Nahrungsmittelbedarf betreffen.

          So gesehen ist das Anthropozän eine notwendige Bedingung für die Weiterverbreitung des Lebens.

          • Dies genau ist die Sicht, die überhaupt nichts bringt, und sich im Fatalismus und der Apokalypse weidet (und natürlich auch jedes Nichtstun rechtfertigt, es sind ja eh immer nur „die anderen“ Schuld). Das Anthropozän-Konzept wäre hier völlig falsch verstanden. Es soll helfen, aus der Bestandsaufnahme und der geologischen Relevanz der derzeitigen Situation, die Dinge wissensbasiert anders zu regeln. Aber das war nun hier nicht das Thema des Beitrags. Dazu vielleicht mein allererster Beitrag in diesem Blog oder auch dieser hier

          • @ Reinhold Leinfelder

            Äh, Nichtstun? Fatalismus?

            Mir geht es um die wirklich langfristige Perspektive. Die zunehmende (nachhaltige) Bearbeitung der Ressource Erde wird diese noch viel stärker verändern. Es ist einigermaßen unsinnig, dies unter der Perspektive einer Schuldfrage zu betrachten.

          • Gut, dann habe ich dies falsch verstanden, pardon. Es gibt allerdings verschiedene Optionen, diese Veränderungen entweder zu minimieren (Suffizienz, Supereffizienz) oder auch im Sinne einer kompletten Kreislaufwirtschaft („Erdsystemkonsistenz“) völlig anders zu gestalten. Der Weg dahin ist allerdings die Hauptherausforderung, weniger die grundsätzlichen Machbarkeiten.

        • @Raimund Kamm

          Wäre die Halbwertszeit des Plutoniums-Isotops 333.333 Jahre, so würde sich die Menge in einer Million Jahre drei mal halbieren, und von den 1600 kg wären noch 200 kg übrig, so werden es wohl ca. 250 kg sein.

  3. Den Versuch der Autoren des Science-Artikels, das Anthropozän aufs Jahrzehnt genau festzuzurren (Zitat: „these novel stratigraphic signatures support the formalization of the Anthropocene at the epoch level, with a lower boundary (still to be formally identified) suitably placed in the mid-20th century.“ ) halte ich übrigens für ungeologisch, denn selbst geologische Disruptionen spielen sich meist über mehrer hundert Jahre ab.

    • Diesen Einwand verstehe ich nun überhaupt nicht, soll ich den Autoren (fast allesamt, auch ich, Geowissenschafler) sagen, dass sie ihr Handwerk nicht verstehen? 😉 Die hohe Genauigkeit einer Methode kann ja wohl kein Ausschlusskriterium dafür sein, sie nicht anzuwenden. Die radiometrischen Datierungen haben für jüngere geologische Alter auch immer kleinere absolute Fehler (bei ggf. gleichem relativen Fehler), wir definieren ja paläogene und neogene Sedimente auch nicht einfach mit derselben Ungenauigkeit, die für Paläozoikum oder gar Präkambrium (aus methodischen Gründen) gelten muss. Und selbstverständlich können auch Geologen die Zeit z.T. auf Jahre (manchmal sogar auf Gezeitenphasen genau, sog. tidal bundles) auflösen, diese hohe Auflösung (z.B. Jahresringe von Algenknollen oder Bäumen im Jura), kann dann halt etwa im Mesozoikum nicht mit einem absoluten Alter genauso exakt datiert werden, dennoch ist relativ betrachtet die Auflösung sehr hoch und kann z.B. für Isotopenuntersuchungen in dieser Auflösungsschärfe verwendet werden. Für die Basis des Holozäns gilt z.B. (Zitat aus der Science Arbeit): „The GSSP lies within a multidecade warming and moistening trend, which is inferred from oxygen isotopes showing rising d18O, associated with a reduction in dust content. About midway through this trend, the sharpest change is a decrease in excess deuterium, which is interpreted as representing a re-organization of North Atlantic ocean-atmosphere circulation at 11,700 years before the year 2000 CE, ± 99 years at 2s (13).“ Und nach den Formalien der Stratigraphie kann sehr wohl ein absolut exaktes Datum festgelegt werden (mit einem GSSA). Eine Besonderheit am Anthropozän-Konzept ist natürlich auch, dass hier nun eine geologische Zeitskala mit einer kultur- und gesellschaftshistorischen Skala (die man in Jahreszahlen fassen kann) korrelieren kann. Und nachdem halt die heutige Große Beschleunigung (etwa beim GHG-Aussstoß) sogar schneller als an an der Grenze von Paläozän zum Eozän abläuft, haben wir eben eine besonders gute Auflösung, ist doch sehr gut.

  4. Sicherlich darf der vglw. neue Fachbegriff Holozän im Sinne von – ‚Deshalb sei eine formale Etablierung des Anthropozäns als Zeiteinhalt der Erdgeschichte geradezu erforderlich […]‘ -, der ein Erdzeitalter meint, mittlerweile politisiert [1] werden, auch im Sinne des Dominium Terrae zu einem Anthropozän, good luck!

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Die Städtebildung („Polis“), die zu bestimmtem städtischen Handeln („Politik“) anleitete, auch die Bürgerwerdung („Zivilisation“) meinend, wird hier positiv verstanden.
    (Wie das jetzt mit den Geologen aussieht, denen hier womöglich etwas, eben wegen der Politisierung, weggenommen wird, ist eine andere Frage.)

  5. Pingback: Anthropozän: Die Wissenschaft im Dialog mit Politik und Gesellschaft? - Ein Zwischenbericht » Der Anthropozäniker » SciLogs - Wissenschaftsblogs

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