Anthropozän – die Diskussion: Begriffsherkunft, Weltbild, Herausforderungen

Einige anlässlich des Starts des Anthropozän-Projekts am Haus der Kulturen der Welt erschienene Medienartikel – u.a. mein Interview in der ZEIT – führten zu einer umfassenden Diskussion des Anthropozän-Gedankens, die übrigens auch hier in den SciLogs an verschiedenen Stellen stattfindet. Dies ist schon selbst einmal ein Erfolg des Projekts, denn genau dies gehört auch zum Anthropozän-Konzept: eine kritische, diskursive Auseinandersetzung darüber.

Die angestoßene Diskussion sollte für sich selbst stehen, aber einige eigene Kommentare bzw. Ergänzungen möchte ich gerne sukzessive hier posten – das wird leider aus Zeitgründen, die an den verschiedenen Anthropozän-Projekten selbst liegen (so findet diese Woche z.B. ein großer Workshop zur von uns parallel zu unserem Projekt am Haus der Kulturen der Welt geplanten Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum statt), nur nach und nach möglich sein. Heute also einiges zur Begriffsherkunft des Anthropozäns, zur Frage, ob das Anthropozän ein neues Weltbild erschaffen will, sowie ein paar unvollständige Überlegungen zu den Herausforderungen für das Anthropozän-Konzept.  Ich hoffe, dass damit neben der Klärung der Herkunft des Begriffs Anthropozän insbesondere die Frage nach der Meinung des „Weltgärtnerns“ sowie nach den systemischen Ansätzen einer Anthropozän-Forschung und Bildung (für die natürlich auch die Landschaftsökologie sehr essenziell ist, aber die auch weit darüber hinausgeht) ein bisschen klarer wird.

 

Wer hat den Begriff Anthropozän geprägt?

Es scheint eine gewisse Verwirrung dazu zu geben, wer den Anthropozän-Begriff überhaupt geprägt hat. Ein Kommentierender des ZEIT-Interviews warf mir vor, dass der Nobelpreisträger Paul Crutzen fälschlicherweise als Namensgeber genannt war, dabei müsse ich doch gewusst haben, dass es der italienische Geologe Antonio Stoppani schon im Jahr 1873 gewesen sei, der den Begriff geprägt habe. Der ZEIT warf dieser Kommentator mangelnde Recherche vor. Tatsächlich war Stoppani zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser ZEIT-Ausgabe (am 10. Januar) auch als Namensgeber im entsprechenden deutschsprachigen Wikipedia-Artikel angegeben, als dortige Quelle wurde ein Artikel von Paul Crutzen selbst genannt (Crutzen 2011). Etliche Medien übernahmen diese falsche Darstellung in Wikipedia. Hier einige Erläuterungen, die hoffentlich zur Klärung beitragen können (eine Reaktion auf die o.a. Unterstellungen hat die ZEIT in einer Kommentarerläuterung selbst gepostet, der Wikipedia-Artikel ist zwischenzeitlich ebenfalls geändert).

Die inhaltliche Aussage, dass der Mensch zu einer gewaltigen Kraft in der Natur geworden ist, ist tatsächlich sehr alt. Wir müssten hier mindestens bis zum großen Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon zurückgehen, der in seiner Historie Naturelle (1749 – 1789) umfassend von der ursprünglichen Natur und der zivilisierten Natur, welcher der Mensch nach seinen  Wünschen umgestaltet habe, sprach.  Das war damaliger anthropozentrischer Zeitgeist, denn in der Mitte des 18. Jahrhunderts war natürliche Natur „scheusslich“, gebaute Natur „schön“. (nach Valsangiacomo, 1998).

1873 erkannte  der italienische Geologe Antonio Stoppani in menschlichen Aktivitäten eine „neue tellurische Kraft, die „in ihrer Macht und ihrer Universalität mit den großen Kräften der Erde verglichen werden kann“. Er sprach von der „anthropozoischen Ära„. Der russische Geologe V.I. Vernadsky nahm 1926 eine ähnliche Position ein und griff später die 1922 vom Jesuiten Teilhard de Chardin eingeführte „Noosphäre„, die Welt des Denkens, auf, um die wachsende Rolle der menschlichen Gehirnleistung für die Gestaltung der eigenen Zukunft und der eigenen Umwelt hervorzuheben. Paul Crutzen selbst verweist in seinen Arbeiten auf diese frühen Einschätzungen, betont jedoch, dass die menschlichen Aktivitäten in der Natur, insbesondere seit Beginn der Industrialisierung steil angestiegen sind (cf. Leinfelder 2012). Zuvor noch gab es von russischen Geologen die Vorschläge „Anthropogene“ (cf. Gerasimov 1979), welches das Quartär ersetzen sollte und auf der geochronologischen hierarchischen Höhe einer Periode, also von Paläogen, Neogen, und dann eben Anthropogen gelegen wäre. Tschechoslowakische Geologen wollten hingegen den geologischen Vorschlag der anthropologischen Ära wieder aufleben lassen und auf das Känozoikum ein „Anthropozoikum“ folgen lassen (siehe Nilsson 1983).

Erst Crutzen betonte die große Zweiteilung des (bisherigen) Holozäns in einen zwar regional vom Menschen beeinflussten Zeitraum (Holozän p.p.) und einen jüngsten Teil (ab ca. 1800), der global stark vom Menschen mitgeprägt wurde und wird, dem „Anthropozän„. Damit hat er m.E. die richtige geochronologische Hierarchieebene gewählt und den tatsächlichen Unterschied zwischen beiden Einheiten herausgearbeitet. „Anthropogene“ wäre nur eine Umbenennung des bisherigen Quartärs. „Anthropozoikum“ würde dem Menschen  eine unvorhersagbar hohe Bedeutung als erdsystem-dominante soziale Spezies geben, die über viele Zehner, wenn nicht gar Hunderte von Millionen Jahren anhalten würde, das wäre unrealistisch, außerdem würde die Untergrenze wiederum mit der Untergrenze des Quartärs zusammenfallen, der Begriff hätte also wiederum nur „deklaratorischen“ Charakter. „Anthropozän“ jedoch betont die wesentlichen Unterschiede zwischen der natürlichen globalen Umweltstabilität  der nacheiszeitlichen Warmzeit, deren Zuverlässigkeit Grundlage für den Aufbau aller bisherigen gesellschaftlichen Nutzungsstrukturen (Ackerbau, Viehzucht, Städtebau, Handel mit Infrastrukturen) war, und des Anthropozäns, in der das Erdsystem global maßgeblich vom Menschen mitgestaltet wird.

Nach der Bestätigung durch Zeitzeugen, welche auf den entsprechenden Sitzungen dabei waren, scheint richtig zu sein, dass Eugene Stoermer den Begriff „Anthropocene“ als eher ironischen Ausdruck zuallererst gebrauchte, genauso wie es auch heute immer wieder neue ironisch-metaphorische Begriffe gibt (z.B. „Pyrozän„, „Homogenozän„, „Soziozän„, getwittert wird auch „Bovozän„, „Felidaezän„).

So schrieb Eugene Stoermer selbst:

‘I began using the term “anthropocene” in the 1980s, but never formalized it until Paul [Crutzen] contacted me’. About this time other authors were exploring the concept of the Anthropocene, although not using the term. More curiously, a popular book about Global Warming, published in 1992 by Andrew C. Revkin, contained the following prophetic words: ‘Perhaps earth scientists of the future will name this new post-Holocene period for its causative element—for us. We are entering an age that might someday be referred to as, say, the Anthrocene [sic]. After all, it is a geological age of our own making’. Perhaps many readers ignored the minor linguistic difference and have read the new term as Anthro(po)cene! (aus Steffen et al. 2011).

Hier wird auch Bezug genommen zu A. Revkin, ein Journalist und Blogger der New York Times, der schon vor 20 Jahren den Begriff „Anthrocene“ verwendete, der allerdings nicht wirklich beachtet wurde. Revkin anglizierte übrigens später auch den Begriff „Noosphere“ zum metaphorischen „Knowosphere„.

Aber zurück zur ernsthaften Betrachtung der Herkunft des Begriffs. Es war Paul Crutzen, der das Potenzial des Begriffes Anthropozän / Anthropocene als neue känozoische Epoche tatsächlich erfasste. Eugene Stoermer ließ sich von ihm überzeugen und publizierte mit Paul Crutzen im Jahr 2000 den ersten formalisierten Vorschlag. Allerdings wurde erst in der Nature-Arbeit Paul Crutzens aus dem Jahr 2002 das Konzept zum ersten Mal geschärft.

Zwischenzeitlich gibt es eine formale Arbeitsgruppe der Subkommission für Quartäre Stratigraphie zur Diskussion einer formalen Etablierung des Anthropozäns als neue erdgeschichtliche Epoche.

Das Anthropozän als neues Weltbild?

(Auszug aus Leinfelder 2013):  „… Unser Weltbild ist stark abhängig von der Weise, wie wir die Natur wahrnehmen bzw. welchen Stellenwert wir ihr beimessen. Animistische Weltanschauungen, die noch bis heute bei ca. 40 % der Weltbevölkerung verbreitet sind, sahen und sehen alle Naturobjekte als beseelte Subjekte an. Deterministisch-religiöse, physikotheologische Weltbilder waren zumindest vor den Werken von Charles Darwin weit verbreitet und betrachteten jede einzelne Tier- und Pflanzenart als unveränderbar von Gott geschaffen. Der Naturkunde als Untersuchungsfeld des von Gott Geschaffenen war damit auch zu Zeiten der Aufklärung noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein höherer Stellenwert zugeordnet als den Geistes-, Kultur- und Kunstwissenschaften, die sich „nur“ mit menschlichen Werken beschäftigen. Andererseits kam seit den Anfängen der Aufklärung und der Industrialisierung, spätestens jedoch ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Technik eine immense Bedeutung zu. Dieses „Ingenieursweltbild“ rückte die Natur rasch in den Hintergrund, entfremdete menschliches Wirken und Wirtschaften zunehmend von der Natur und generierte damit einen starken Dualismus zwischen Natur und Kultur (mit Technik als dominantem Teil der Kultur). Als Gegenbewegung, beginnend mit den frühen Umweltbewegungen, etwa um Rachel Carson, später dem Club of Rome und den vielen Umweltorganisationen – in Deutschland auch stark gefördert durch die Antiatombewegung der 1970er Jahre – etablierte sich die Sicht der Erde als begrenzt und damit die Natur als ein möglichst im Ursprungszustand zu bewahrender Wert, wodurch der Dualismus Natur und Kultur zu einem Dualismus „gute“ Natur versus „böser“ Mensch (inklusive seiner Technik) zugespitzt wurde. Beide „Welten“ erschienen nunmehr noch weiter voneinander getrennt (naturkonservatives Weltbild). Dem traditionellen Anthropozentrismus stellte sich zunehmend vehement ein Biozentrismus entgegen, der zumindest metaphorisch sogar das kontrollierte Aussterben der Menschheit zugunsten der Natur sowie „Menschenrechte“ auch für Tiere und z.T. sogar Pflanzen forderte.

Mit der Sichtweise des Anthropozäns wird auf neue Weise klar, dass Natur, Kultur und Technik immens miteinander verwoben sind, ja eine systemische Einheit bilden. Zum einen belegen die aktuellen Zahlen, dass es eine unberührte Natur überwiegend nicht mehr gibt: 77 % der eisfreien festen Erde sind vom Menschen entweder derzeit genutzt oder durch ihn durch frühere Nutzungen verändert worden. Süßwasser wird fast zur Hälfte vom Menschen kontrolliert, Stickoxid und Schwefeldioxidemissionen übersteigen natürliche Quellen, die atmosphärische Konzentration an Kohlendioxid und Methan war seit 600.000 Jahren nicht so hoch, die mittlere Erosionsrate hat sich durch den Menschen um das dreißigfache gesteigert, der Energieverbrauch hat seit dem Jahr 1900 um das sechzehnfache zugenommen, die Aussterberate von Organismen ist mindestens hundertmal höher als der natürlichen Aussterberate entsprechend, die Biomasse des Menschen sowie der von ihm genutzten Tiere beträgt 80 % der gesamten Biomasse aller derzeit lebenden Säugetiere. Die Meere sind fast hoffnungslos überfischt, auch viele weitere Ressourcen werden meist umweltschädlich gewonnen. Gleichzeitig dienen unsere Meere als große Abfallgrube, in die die von uns verwendeten Dünger, Pestizide, Pharmazeutika, Plastik, aber auch große Teile des von uns ausgestoßenen Kohlendioxids in gigantischem Ausmaß gelangen und dort zunehmend große Schäden anrichten. Der Mensch ist zu einem geologischen Faktor geworden, der das Erdsystem umfassend mitgestaltet. Weitreichende Systemshifts und im Detail unvorhersagbare Kipppunkte erscheinen bei „business as usual“ zunehmend wahrscheinlicher. Zum anderen wird immer offensichtlicher, dass Wirtschaften gegen die Natur sich nicht nur gegen diese, sondern insbesondere gegen den Menschen selbst richtet. Sämtliche menschengenerierten Produkte (Nahrungsmittel, Rohstoffe, Kunststoffe, Baustoffe, pharmazeutische Wirkstoffe, Gebäude), aber auch Infrastrukturen, Energiesysteme und Freizeitaktivitäten basieren letztendlich auf natürlichen Ressourcen … . Dem Menschen fällt damit eine gewaltige Verantwortungsaufgabe zu. Dieser Verantwortung kann er sich nur wissensbasiert stellen, die Komplexität der Natur erfordert dabei systemisches Denken, denn monokausale Prozesse, und damit auch einfache Lösungen, sind in der Natur nicht vorhanden.

Ein Beispiel sei genannt. Landnutzungsänderungen haben durch Habitatveränderung meist einen schädlichen Einfluss auf die Biodiversität, führen zusätzlich häufig zu Bodendegradation und darüber hinaus zu negativen Effekten im lokalen Wasserhaushalt, was weiteren Biodiversitätsverlust verursachen kann. Weiterhin können Bodenverbesserungsmaßnahmen zu Abwaschung von Düngern in die Gewässer und letztendlich in die Ozeane führen. Veränderungen der Albedo durch Landnutzungsänderungen sind klimawirksam. Vor allem aber sind Landnutzungsänderungen für derzeit etwa 10 Prozent der anthropogenen Kohlendioxidemissionen sowie weiterer Treibhausgase verantwortlich, insbesondere indem sie im Boden und in Wäldern gebundenes Kohlendioxid, aber auch Methan und Lachgas aus landwirtschaftlicher Produktion freisetzen. Das aus Landnutzungsänderungen freiwerdende Kohlendioxid führt jedoch nicht nur zu atmosphärischer Erwärmung, sondern auch zur Erwärmung und Versauerung der Ozeane sowie zum Meeresspiegelanstieg, alles mit negativen Folgen auch für die marine Biodiversität. Vom Land ablaufende düngerbelastete Wässer führen in Verbindung mit der Ozeanerwärmung zusätzlich zu Sauerstoffzehrung und weiterem Biodiversitätsverlust in sogenannten Todeszonen.

Entsprechend komplex müssen auch Lösungen durchdacht sein. Auch hierzu sei ein Negativbeispiel genannt: Flüssigtreibstoffe aus Pflanzen erscheinen auf den ersten Blick klimaneutral, da anscheinend nur das durch die Pflanzen gebundene Kohlendioxid bei Verbrennung der Treibstoffe wieder frei wird. Tatsächlich ist die Situation jedoch viel komplizierter. Zum einen entsteht eine Landnutzungskonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion („Teller“ oder „Tank“), was die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben kann. Daher werden meist neue Nutzungsflächen, etwa durch Waldabholzung generiert, was wiederum Treibhausgase freisetzt. Außerdem werden die Bioflüssigtreibstoffe meist weit von der Produktion zum Verbraucher transportiert, was ebenfalls Kohlendioxid-relevant ist. Und nicht zuletzt sind die Reichweiten von flüssigtreibstoffgetriebenen Fahrzeugen bei Verwendung von „Biofuels“ viel geringer als bei Verwendung fossiler Treibstoffe. Die Biosprit-Lösung ist also zu kurz gedacht und stellt keine gute Lösung für regenerative Energien dar. Andererseits ist Bioenergie durchaus von Interesse, wenn etwa Abfälle aus landwirtschaftlicher Produktion verwendet und diese direkt verfeuert oder verstromt werden, was den Wirkungsgrad deutlich erhöht. Auch algenbasierte Treibstoffe könnten zukünftig eine Rolle spielen, stecken entwicklungstechnisch jedoch noch in den Kinderschuhen.

Eine Verknüpfung von Natur, Technik und Kultur oder auch von Ökosphären und Biosphären zu einem komplexen Gesamtsystem hat einerseits durchaus Züge eines neuen Weltbildes bzw. einer neuen Ethik, die nach Vogt „ökologische Humanität“ genannt werden könnte, integriert andererseits aber auch geeignete Teile früherer Weltbilder. Die Wissensinfrastrukturen der heutigen Welt, allen voran die Speicher-, Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten des Internets befördern einen Wissensaustausch auf globaler Ebene. Dies stellt neben den Ökosphären der Erde und der Soziosphäre der Gesellschaften quasi noch eine zusätzliche Sphäre des globalen Wissens und des Geistesaustausches dar und könnte daher in Anlehnung an den Animismus von Naturvölkern oder der Noosphäre eines Wernadskis bzw. eines Teilhard de Chardins als neoanimistische Wissenssphäre bezeichnet werden. Monotheistische Weltbilder können ebenfalls teilweise ihre Heimat in einem Anthropozän-Weltbild finden, geht es doch um nichts weniger als das Bewahren einer Schöpfung, die uns nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft dient, dies aber nur leisten kann, wenn sie gärtnerisch gepflegt wird.

Das technikbasierte Weltbild wird insofern ebenfalls weiter benötigt, als viele Lösungen für das nachhaltige Wirtschaften im Anthropozän technischer Art sein werden, aber auch hier muss die Verträglichkeit mit den Naturprozessen im Vordergrund stehen. So könnten im Anthropozän eine biomimetische Technik sowie modulare Lösungen, die vielfältig wiederverwendet werden können, große Ausbreitung erfahren. Der Menschheit muss aber auch noch besser bewusst werden, dass die Komplexität der Welt bisher längst nicht vollständig wissenschaftlich verstanden ist und dies vermutlich auch nie komplett geschehen wird. Das Vorsorgeprinzip, wie es gerade auch im bisherigen Naturschutz verwendet wird, wird daher auch weiterhin wichtig sein. Auch aus anderen Gründen sind auch in Zukunft umfassende Schutzgebiete bzw. „no-go“-Areas von Nöten, etwa zur Regenerationsfähigkeit von Korallenriffen, Fischereigebieten und Wäldern, mit den bekannten positiven Ausstrahlungseffekten auf ungeschützte Gebiete, die dann in nachhaltiger Weise weiter genutzt werden können. Auch als Wissens- und Biorohstoffressource sind Schutzgebiete unabdingbar. Die These sei hier aufgestellt, dass das Anthropozän-Konzept zwar weit mehr als ein deskriptives bzw. prädiktives Wissenschaftskonzept ist, indem es eben auch umfassende ethische Verpflichtungen, im Sinne einer Zukunftsverantwortung jedes Einzelnen, beinhaltet, aber eben auch kein komplett neues Weltbild, sondern eher eine Teilintegration vorhandener Weltbilder zu einer integrierten, ganzheitlichen Sicht ermöglicht.“

 

Herausforderungen für das Anthropozän-Konzept

(aus Leinfelder & Schwägerl 2012:) „Falsch angewandt könnte das Anthropozän-Konzept missverstanden und damit kontraproduktiv werden. Zwar geht es maßgeblich auch um eine Bestandsaufnahme und ein Monitoring des menschlichen Einflusses auf das Erdsystem, dennoch meint das Konzept nicht die Auflistung aller Übel, die der Mensch mit der Natur angestellt hat. Kultur-, Sozial-, Geisteswissenschaften bis hin zur Kunst rezipieren das Konzept in aller Regel positiv, wobei konstruktivistische Stromungen gerne generell die wissenschaftliche Vorhersagbarkeit von Zukunftsszenarien in Frage stellen und damit dem gestalterischen Gedanken des Anthropozäns kritisch gegenüber stehen. Gefährlich könnte es werden, wenn aus der Notwendigkeit des verantwortlichen Gestaltens des Anthropozäns ein Freibrief fur Technologiegläubigkeit und zu kurz gedachte globale Ingenieurlösungen abgeleitet werden könnte. …

Religiöse Gruppen sind bisher vom Anthropozän angetan, da Intergenerationengerechtigkeit, sowie verantwortliche Pflege der Schöpfung mit dem Anthropozän-Konzept vereinbar sind, dennoch könnte eine Anmaßung konstruiert werden, dass der Mensch nun Gott als Schöpfer ablösen möchte. Weitere Einwände stammen von manchen Akteuren der Geowissenschaften selbst. Zu hören ist, dass es ja bereits Quartärgeologie gebe (was jedoch verkennt, dass Anthropozän- Forschung keinesfalls nur die heutige Situation beschreiben möchte) oder dass es sich eher um ein Verwässerungskonzept handle, manchmal von Geologen und Paläontologen mit dem unschönen Ausdruck „Geographisierung der geologischen Wissenschaften“ belegt. Tatsächlich greifen Teile der Geographie das Konzept sehr aktiv und gewinnbringend auf, so schrieb E. Ehlers im Jahr 2008 das bemerkenswerte Buch „Das Anthropozän – Die Erde im Zeitalter des Menschen“, was unter anderem eine Disziplingeschichte der Geographie mit beinhaltet. Dennoch scheinen längst nicht alle Geographen vom Mehrwert des Anthropozän-Gedankens überzeugt zu sein, erfordert er doch einen Weg von der ebenfalls starken Sektoralisierung der Geographie hin zu einem eher systemischen Ansatz, welches von Ehlers mit „Geographie als tragflächiges Kontinuum“ charakterisiert wird. Wieder andere scheinen zu unterstellen, dass das Anthropozän nichts weiter als ein Versuch der Geologie sei, eine angeblich versäumte Gesellschaftsrelevanz der geologischen Wissenschaften nun unter dem Deckmantel des Anthropozäns einfuhren zu wollen.

Tatsächlich erfordert der Anthropozän-Gedanke insbesondere inter- und transdisziplinäre Forschung. Es geht dabei auch um das Durchdringen aller möglichen Auswirkungen unseres derzeitigen und zukünftigen Handelns. Die Forschungslandschaft erscheint hierfur allerdings bislang oft ungeeignet. Gerade in Deutschland ist die Versäulung innerhalb der fachlich häufig eng definierten Fakultäten immer noch sehr hoch. Geeignete inter- und transdisziplinäre, regional und international verknüpfende Strukturen wie Center, Colleges, Schools nehmen zwar zu, sind aber immer noch zu wenig entwickelt. Viele Universitätsleitungen, Fakultäten, Wissenschaftler und Studierende sind häufig eher gegen die Einrichtung neuartiger inter- oder transdisziplinärer Schools und Colleges. Sie neigen einer erweiterten interdisziplinären Kombination von Bachelor- und Masterstudiengängen oft nur sehr eingeschränkt zu und führen gerne fehlende Berufsfelder für interdisziplinär ausgebildete Absolventen an, obwohl gerade dies neue Berufschancen ermöglichen könnte. In der Regel müssen interdisziplinär arbeitende Forscher heute schon eine geglückte disziplinäre Karriere sozusagen als Absicherung hinter sich haben. Entsprechend schlagen nur wenige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von vorneherein den interdisziplinären Weg ein. Notwendig wären Kriterien für leistungsbezogene Zuweisungen, die auch Inter- und Transdisziplinarität honorieren. Auch könnten verbesserte Laufbahnchancen für interdisziplinär arbeitende Nachwuchswissenschaftler angeboten werden (siehe WBGU 2011)

Ein Missverständnis wäre auch die Unterstellung, dass das Anthropozän eine Methode zur Generierung von nachträglicher Akzeptanz all dessen sei, was die Wissenschaft und Technik leisten könne. Statt dessen geht es um eine echte Legitimierung der Wissensbasiertheit unseres Vorgehens und um echte Partizipation der Bevölkerung an der Gestaltung des Anthropozäns. Technik basiert zwar auf wissenschaftlicher Erkenntnis, ist jedoch menschengemacht und erfordert deshalb eine gesellschaftliche Diskussion über Entwicklung, Anwendung und Nutzen in unserer gegenwärtigen und zukünftigen Welt. Um im Anthropozan die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist es wichtig, dass die Menschen Gelegenheit bekommen, über ihr Verhältnis zur Technik, Natur und Kultur nachzudenken. Dazu benötigen wir sowohl ein Verständnis von Naturwissenschaft und Technik, Geschichte und Gesellschaft als auch die Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen wissenschaftlicher Daten und Positionen. Um auf die Frage, was wir wollen, eine Antwort zu finden, müssen Szenarien und alternative Visionen entwickelt werden, die reflektiert und ausprobiert werden müssen. Hier mündet Forschung für das Anthropozän in Bildung für das Anthropozän, eine Herausforderung, die ebenfalls fachübergreifend angegangen werden muss.

Zitierte Literatur.

Crutzen, P. (2011):  Die Geologie der Menschheit. – In: Crutzen, P., Davis, M. et al., Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, Edition Unseld, SV.

Gerasimov, I.P. 1979 Anthropogene and its major problem. Boreas 8, 23-30

Leinfelder, R. (2012): Paul Joseph Crutzen, The „Anthropocene.- In: Leggewie, C., Zifonun, D., Lang, A., Siepmann, M. & Hoppen, J. (Hg.), Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften, Edition Kulturwissenschaft, Band 7, S. 257-260. Transscript-Verlag, Bielefeld.

Leinfelder, R. (2013, im Druck ): Verantwortung für das Anthropozän übernehmen. Ein Auftrag für neuartige Bildungskonzepte. In: Vogt, M., Ostheimer, J. & Uekötter, F. (Hg), Wo steht die Umweltethik? Argumentationsmuster im Wandel.- Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung, Bd. 5., erscheint im Frühjahr 2013.

Leinfelder, R. & Schwägerl, C. (2012): Geofokus: Sind die Geowissenschaften im Anthropozän angekommen? GMIT – Geowissenschaftliche Mitteilungen, Nr. 50, S. 6-15, auch online als pdf.

Nilsson, T. 1983 The Pleistocene. Reidel, Dordrecht, p. 23-4.

Steffen, W.,  Grinevald, J.,  Crutzen, P. & McNeill, J. (2011): The Anthropocene: conceptual and historical perspectives. Phil. Trans. R. Soc. A 2011 369, 842-867 doi: 10.1098/rsta.2010.0327

Valsangiacomo, A. (1998):  Die Natur der Ökologie: Anspruch und Grenzen ökologischer Wissenschaften. Vdf-Hochschulverlag an der ETH Zürich.

WBGU (Schellnhuber, H.J., Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R., Nakicenovic, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R.)(2011): Ein Gesellschaftsvertrag für die Transformation. Factsheet 1/11, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 4 S.,  (WBGU, Berlin), auch online.

 


 

Nachtrag vom 22.1.2013.

  • Im SciLogBlog „Landschaft und Ökologie“ gibt es einen weiteren kritischen Beitrag zum Anthropozän, der oben nicht berücksichtigt wurde. Ich habe ihn jedoch direkt kommentiert.
  • Der Keynote-Vortrag von Will Steffen zum Anthropozän (incl. der Einleitung durch Helmuth Trischler ) ist nun komplett online. Hier wird auch die Herkunft des Begriffs Anthropozän dargestellt. Will Steffen ist einer der „Zeitzeugen“ für die „Geburt“ des Begriffes. Gehalten wurde der Vortrag zur Eröffnung des Anthropozän-Projektes am Haus der Kulturen der Welt.

 

 

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Seit Sept. 2014 ist er Gründungsdirektor des Futurium (vormals Haus der Zukunft) in Berlin. Außerdem ist er Professor an der Freien Universität zu Berlin, Sprecher des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin sowie affiliate Carson Professor am Rachel Carson-Center for Environment and Society an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen bei der integrativen Biodiversitätsforschung (mit Schwerpunkt Korallenriffe), neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers, Museologie sowie dem Anthropozän.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Drei Anmerkungen, die ersten zwei zu eher marginalen Punkten:

    „Der Menschheit muss aber auch noch besser bewusst werden, dass die Komplexität der Welt bisher längst nicht vollständig wissenschaftlich verstanden ist und dies vermutlich auch nie komplett geschehen wird.“

    „Vermutlich“ ist falsch. Das ist ja keine empirische Frage. Auch die Komplexität eines Sandkorns wird man nie vollkommen wissenschaftlich verstehen. Wenn man hingegen die Komplexität irgend eines Objekts relativ zur Funktion dieses Objekts definiert, dann kann sie sehr niedrig sein und je nach Anspruch, den man an diese Funktion hat, sehr leicht verständlich. Ein Ökosystem kann, dem metaphysischen Komplexitätsbegriff nach (Komplexität als Summe aller Teile und ihrer Beziehungen oder ähnlich, was natürlich ins Unendliche geht), den man gewöhnlich im Hinterkopf hat, wenn man von der „ungeheuren Komplexität von Ökosystemen“ spricht, sehr hoch sein, aber sie kann sehr niedrig sein, wenn man vom Interesse an bestimmten Funktionen ausgeht und dann definiert: das Ökosystem bestehe nur aus drei Teilen: Produzenten, Konsumenten, Destruenten.

    „Landnutzungsänderungen haben durch Habitatveränderung meist einen schädlichen Einfluss auf die Biodiversität ….“

    Das ist mir zu undifferenziert. Man muß unterscheiden zwischen der Wirkung auf die gesamte Biodiversität der Erde und der lokalen-regionalen Biodiversität (und nur die letztere ist von Bedeutung, wenn man nach ihren ökologischen Funktionen fragt). Die gesamte Biodiversität (d. h. vernünftigerweise Artenzahl oder Artendiversität) der Erde wird so gut wie immer durch Landnutzungsänderungen verringert. Denn (a) führen bestimmte Landnutzungen zum Aussterben von Arten, und (b) ist die Zeit seit Beginn der Landnutzung viel zu kurz, um Speziationsprozesse in nennenswertem Umfang zu fördern, selbst dann, wenn durch die Landnutzung Raumstrukturen geschaffen werden (z. B. Verinselung), die der Speziation günstig sind. Regional und lokal aber führt die Landnutzung meist, wen auch nicht immer (und abhängig von der den Untersuchungen zugrundegelegten Flächengröße), zu einer oft beträchtlichen Erhöhung der Artenzahlen.

    „Anthropozän-Forschung und Bildung (für die natürlich auch die Landschaftsökologie sehr essenziell ist, aber die auch weit darüber hinausgeht)“.

    Es ist richtig, daß die Anthropozän-Forschung weit über die Landschaftsökologie hinausgehen muß. Fragen, die die gesamte Erde betreffen oder Vorgänge in der Stratosphäre, sind keine Fragen der Landschaftsökologie, auch wenn diese natürlich die Ergebnisse solcher Forschung berücksichtigen muß. Doch geht auch die Landschaftsökologie in gewissem Sinne weit (nämlich kategorial) über das hinaus, was man sich in der einschlägigen Diskussion unter Anthropozän-Forschung vorstellt. Das liegt daran, daß sie sich für ihre ökologischen Untersuchungen Gegenstände vorgeben läßt, die nicht naturwissenschaftlich faßbar sind, vielmehr kultureller Art sind: Landschaften eben. Damit hat sie Kontakt zu einer Sphäre, die in der Diskussionen um „Anthropozän“ weitgehend ausgeblendet wird, denn diese Diskussionen sind naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet.

    Das liegt (oder zeigt sich) auch an (in) der Benennung: Nicht die biologische Spezies „Mensch“ ist Ursache der Veränderungen, um die es hier geht, das sieht nur aus der Perspektive von Naturwissenschaftlern so aus, die als solche keinen Begriff von der Ebene haben können, auf der diese Ursachen zu suchen sind. In meinem Blog habe ich das etwas näher ausgeführt.

  2. Es lohnt sich sicherlich

    einen Blick in dieses Gut- oder Schlechtachten zu werfen – http://www.wbgu.de/…hten/hg-2011-transformation/ -, in dem der an sich sinnvolle Begriff ‚Anthropozän‘ zehnmal genutzt wird und dadurch, also durch dieses Achten mit seinen weltplanerischen, ökologistischen, expertokratischen & bürokratistischen Ansätzen [1], zumindest in den Ruch gerät als Kampfbegriff bestens zu taugen.

    MFG
    Dr. W

    [1] das Gutachten wäre ein Thema für sich, es wurde in D von der Politik nicht weiter als mit Dank angenommen, zumindest gab es keine besondere öffentliche Debatte

  3. Pingback: Anthropozän: Die Wissenschaft im Dialog mit Politik und Gesellschaft? » Der Anthropozäniker » SciLogs - Wissenschaftsblogs

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