Künstler, Propheten, Vegetarier – eine Ausstellung in der Schirn Frankfurt

Egon Schiele sehnte sich nach einer mönchischen Bruderschaft und malte sich selbst gern als gemarterten Propheten. Joseph Beuys‘ nahm die Rolle eines missionarischen Erlösers an. František Kupka malte in seinem Frühwerk esoterische Tempel – sie alle waren beeinflusst von einem Mann, der als Kohlrabi-Apostel verspottet und jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war. Inzwischen wird Karl Wilhelm Diefenbach in zwei öffentlichen Museen (auf Capri und in Hadamar) geehrt – und aktuell mit einer Ausstellung der Frankfurter Schirn.

 

Karl Wilhelm Diefenbach Per aspera ad astra, 1892

Credit: © Stadtmuseum Hadamar / Foto Norbert Miguletz  via Schirn Kunsthalle 
Karl Wilhelm Diefenbach Per aspera ad astra, 1892

Karl Wilhelm Diefenbach

Am Anfang der Ausstellung finden sich mehrere Tafeln von Diefenbachs großem Fries „Per aspera ad astra“ – die Silhouettenmalereien aus dem Jahr 1892 zeigen einen fröhlichen Zug von friedlich vereinten Menschen und Tieren, Naturkindern voller Jugendlust, die ohne Furcht neben der gezähmten Kraft wilder Kreaturen einherspringen – oder radeln (kurios futuristisch mutet das in diesem Zusammenhang an – schließlich waren Fahrräder damals noch ganz neue technische Produkte). Der 1851 geborene und offenbar ursprünglich aus gesundheitlichen Gründen zum Vegetarismus gekommene Maler und Sozialreformer war überzeugt: “Mensch und Tier sind im Wesen sich gleich“. Hinter der vorgetragenen Sehnsucht nach Harmonie und Frieden verbarg sich jedoch eine herrschsüchtige Persönlichkeit, die sich für unfehlbar erklärte und von den Mitgliedern seiner Kommunen (um 1886 in Höllriegelskreuth in der Nähe von München, später im Himmelhof bei Wien und zuletzt auf Capri) unbedingten Gehorsam forderte.

Karl Wilhelm Diefenbachs Himmelhof-Kommune, 1898

Credit: © Foto: Studio Lichtwert, Eschwege, via Schirn Kunsthalle Karl Wilhelm Diefenbachs Himmelhof-Kommune, 1898

Fidus

Diefenbach wird als Ausgangspunkt einer Entwicklung dargestellt, die wesentlich über seinen über zwei Jahre lang treuen Anhänger „Fidus“ Hugo Höppener lief, der jedoch von Diefenbach zwar Vegetarismus, Lichtkult und Freikörperkultur übernahm, diese aber später um esoterisch-theosophische und auch völkische Ideen erweiterte.

Fidus berühmtestes Bild und das Inbild der Jugendbewegung wurde das in mehreren Versionen existierende „Lichtgebet“: eine junge, androgyn wirkende Figur auf einem Berggipfel öffnet die Arme in Anbetung der Sonne. Um 1900 war Fidus einer der bekanntesten deutschen Maler.

Fidus, Der Tempel der Erde (1901):1919 bat Walter Gropius Fidus um einige Zeichnungen seiner Traumarchitektur für die „Ausstellung für unbekannte Architekten“ – so beeindruckt sich Gropius von Fidus zeigte, so fühlte sich dieser von Gropius jedoch unverstanden, wie der in der Ausstellung gezeigte Briefwechsel belegt.

Credit: © ehemals Eugen Lucius, Frankfurt a. M. / Courtesy Villa Grisebach, Berlin / VG Bild-Kunst Bonn, 2015 via Schirn Kunsthalle
Der Tempel der Erde (1901): 1919 bat Walter Gropius Fidus um einige Zeichnungen seiner Traumarchitektur für die „Ausstellung für unbekannte Architekten“ – so beeindruckt sich Gropius von Fidus zeigte, so fühlte sich dieser von Gropius jedoch unverstanden, wie der in der Ausstellung gezeigte Briefwechsel belegt.

Mit der Ausstellung „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872–1972“ will die Schirn Kunsthalle Frankfurt nach eigenem Bekunden „ein weitreichendes, aber in großen Teilen unbekanntes Kapitel der europäischen, insbesondere der deutschen Kunstgeschichte“ beleuchten.

Der Titel suggeriert eine Auseinandersetzung mit den im 20. Jahrhundert sehr en vogue gewesenen Geheimlehren – eine Erwartung, die die Ausstellung nicht einlöst, im Gegenteil, die Darstellung ist merkwürdig herausgelöst aus dem Kontext der „geheimen“ europäischen Geistesgeschichte.

Ludwig Christian Haeusser und Friedrich Muck-Lamberty

Die dargestellten selbsternannten Propheten sind ausgehend von Diefenbach eben nicht geheim, sondern zeitweise Massenphänomene, wie etwa der Inflationsapostel Ludwig Christian Haeusser in den 1920er-Jahren, dessen zunächst religiöse, später auch politische Haltung in sendungsbewussten Vorträgen („Ich bin die Tat“) und Publikumsbeschimpfungen sowie Publikationen wie seiner Zeitung „Häusser“ die Massen beeindruckte (mit deutlichen Analogien zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus) – auch das Auditorium am Bauhaus in Weimar, wohin Walter Gropius ihn eingeladen hatte. Ein anderer Massenverführer war Friedrich Muck-Lamberty, der 1920 mit seiner „Neuen Schar“, einer Gruppe junger Menschen, singend, tanzend und predigend für die „Herrschaft der Seele über die Materie“ kämpfte und Tausende faszinierte, nicht zuletzt Hermann Hesse, der den Zug in seiner Erzählung „Morgenlandfahrt“ literarisch verarbeitete.

Der Einfluss diverser sozialrevolutionärer Gruppen, Geheimlehren, Sekten auf die Kultur des 20. Jahrhunderts ist jedoch viel weitreichender als in der Ausstellung dargelegt. Der ganze Themenkreis um Lebensreform, Wandervogel-Bewegung, Theosophie, Anthroposophie bleibt dort ausgeblendet.

 

Gustav Nagel in Weimar, 1901, Foto von Louis Held. Auch der Verkauf von Postkarten war für den Jesusapostel Giústav Nagel eine lukrative Einnahmequelle.

Credit: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz via Schirn Kunsthalle
Gustav Nagel in Weimar, 1901, Foto von Louis Held. Auch der Verkauf von Postkarten war für den Jesusapostel Gustav Nagel eine lukrative Einnahmequelle.

 

Wie groß dieser Einfluss war, scheint in der Ausstellung nur am Rande auf, etwa wenn man das Angebot annimmt, die reichlich ausgebreiteten Quellen eingehender zu studieren. Denn natürlich war auch der Erlöser-Kult des Karl Wilhelm Diefenbach nicht aus dem Nichts entstanden, dazu gab es viele parallele Entwicklungen deren Einfluss auf Kunst, Musik und Literatur weit über die in der Ausstellung genannten Namen hinausging (man denke an Beckmann, Kandinsky, Marc, Mondrian, Gauguin, Klee …).

Gustav Nagel

Versteht man die Ausstellung als exemplarische Untersuchung eines Ausschnitts deutscher Kunstgeschichte, als Detailbetrachtung einzelner Entwicklungslinien, dann ist sie aber ausgesprochen sehenswert. Anhand einzelner Figuren wird das geistige Klima der Zeit konkret fassbar: charismatische Persönlichkeiten, die vor allem auch die Kunst beherrschten, sich selbst zu inszenieren, wie etwa der gut aussehende Gustav Nagel, der sich wie ein neuer Christus gern in idyllischen Gärten zur Schau stellte – gegen Eintritt. Denn auch Geld ließ sich mit dem Prophetentum verdienen, das hatten von Nagel bis Haeusser viele verstanden, abgesehen von dem in dieser Hinsicht eher glücklosen, chronisch bankrotten Karl Wilhelm Diefenbach.

KÜNSTLER UND PROPHETEN. EINE GEHEIME GESCHICHTE DER MODERNE läuft noch bis zum 14. Juni in der Schirn Frankfurt.

Egon Schiele: Jüngling in violetter Kutte mit verschränkten Händen, 1914 - nicht nur der Erlösungsdrang,sondern auch stilistische Wurzeln lassen sich von Schiele über Fidus bis zu Diefenbach verfolgen.

Credit: © Leopold Privatsammlung Foto: Manfred Thumbergervia Schirn Kunsthalle
Egon Schiele: Jüngling in violetter Kutte mit verschränkten Händen, 1914 – nicht nur der Erlösungsdrang,sondern auch stilistische Einflüsse lassen sich von Schiele über Fidus bis zu Diefenbach verfolgen.

 

Ich arbeite als Journalistin, Sachbuchautorin und Bildredakteurin. Als Kunsthistorikerin begeistern mich die spannenden langen oder kurzen Geschichten hinter den sichtbaren Gegenständen – seien sie hunderte von Jahren alt oder erst wenige Tage. Insofern ist für mich eigentlich alles Menschengemachte ein "Denkmal", nicht nur das, was bewusst zur Erinnerung an eine Person oder an ein Ereignis errichtet wurde – zum ehrenden Gedenken oder mahnend. Am schönsten finde ich die vielen heute als Kulturdenkmale verehrten Reste, denen früher niemand einen besonderen Erinnerungswert beigemessen hätte. Zum Beispiel die in Pompeji erhaltenen Zeugnisse antiker Vergnügungskultur. Welche Schlüsse wohl dereinst aus den Relikten unserer Welt gezogen werden?

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die hier beschriebenen Figuren erinnern an Christian Krachts Imperium, ein Buch, welches die Geschichte eines Aussteigers erzählt, eines Vegetarieres, Esoterikers, Nudisten, Sonnenjüngers,Gründer einer überseeischen Kolonie von Kokosnusspflanzern und -essern.
    Es ist unklar wie man diese Figur politisch einordnen solll, es liegt jedoch nahe diese wie auch ähnliche Figuren – unter anderem Rudolf Steiner – als Präfaschisten zu sehen. Darüber haben wir hier schon einmal,im Zusammenhang mit Joseph Beuys diskutiert. Für den Spiegel- Kritiker Georg Diess war der Fall jedenfalss klar, er ging sogar soweit Christian Kracht in die rechte Ecke zu stellen, obwohl Christian Kracht nirgends Symathie für seinen Protagonisten erkennen lässt. Dass Figuren wie Steiner und Beuys aber Beziehungen zum faschistischen Weltbild haben, daran kann wohl kaum gezweifelt werden.

  2. Martin Holzherr:
    „Dass Figuren wie Steiner und Beuys aber Beziehungen zum faschistischen Weltbild haben, daran kann wohl kaum gezweifelt werden.“

    Naja, bei Beuys habe ich da schon schwere Zweifel. Man sollte auf solche Personen keine solche Etiketten kleben, dazu sind ihre Weltbilder zu komplex und divergent. Beuys war sicherlich gegen Vermassung, totalitärer Diktatur, Führerkult und rassische Diskriminierung.

    • Wir könnten uns immerhin auf folgendes einigen: „Beuys ist ein Wiedergänger der 30er Jahre“. Diese Wndung findet sich im – für mich – erhellenden Artikel Der ewige Hitlerjunge.
      Hier ein paar gelungene Sätze aus diesem Artikel:

      Beuys gelingt die habituelle Verschmelzung von völkischem Wandervogel und Achtundsechziger-Rebell.

      So kam es schon wenige Tage nach Berliner Vorbild am 19. Mai 1933 zu einer Bücherverbrennung, der „Vernichtung undeutscher Schriften“, im Hof des Gymnasiums, wo der zwölfjährige Beuys zur Schule ging. Dort impften ihn die auf Partei getrimmten Lehrer gegen den bildungsbürgerlichen Kanon des Humanismus und begeisterten ihn stattdessen für nordische Heldensagen, die später in Kunstaktionen wie „Celtic“ zum Blühen kommen sollten.
      Der Künstler schwärmte von seiner Jugend, in der Biografie „Joseph Beuys, Leben und Werk“ (1973) wird er wie folgt zitiert: „Man muss ja zugeben, dass – etwa im Gegensatz zu heute – damals die Situation für die Jugendlichen in gewisser Weise ideal war, um sich auszuleben. Es kann keine Rede davon sein, dass wir manipuliert worden sind; gut, man stand in Reih und Glied und trug die Uniform, aber ansonsten fühlten wir uns unabhängig.“

      Wäre Joseph Beuys so alt geworden wie seine Generationsgenossen Günter Grass und Martin Walser, die Fragen zu seiner Künstlerlegende wären schär fer ausgefallen. Ihnen müssten sich heute die Biografen stellen, die unkritisch als Sprachrohr einer individualkollektiven Vergangenheitsbeschönigung bereitstanden.

  3. Beuys ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt und hat sein Leben auf dem Totenschiff verbracht.
    Mit diesem Satz wäre Joseph Beuys wohl einverstanden gewesen. Mit seiner Seebestattung hat er diesbezüglich ein letztes Zeichen gesetzt.

    Der amerikanische Kunstkritiker Donald Kuspit vertrat hingegen den Standpunkt, dass Beuys vielmehr seine Erfahrungen in seinem Werk nicht nur verarbeitet, sondern auch ins Positive gewendet habe; er deutete deshalb die von Beuys selbst initiierte Mythisierung seines Lebenslaufs nicht als Verfälschung, sondern als eine bewusste Umdeutung mit dem Ziel, sich der eigenen Erinnerung zu vergewissern.

  4. Ein interessantes Zitat, was Sie da bringen:

    „Es kann keine Rede davon sein, dass wir manipuliert worden sind; gut, man stand in Reih und Glied und trug die Uniform, aber ansonsten fühlten wir uns unabhängig.“

    Gerade darin zeigt sich ja die Manipulation, dass man sie nicht bemerkt und offenbar klappt das auch im Rückblick nicht.

    Kunst als Religionsersatz oder als Religion und Religion als Kunst, das war weit verbreitet. Richard Wagner mit seiner revolutionären Zukunftsmusik und dem Bühnenweihfestspiel gehört zu den Begründern dieser Entwicklung.

    Vor Jahren schon hat sich die Schirn mit einer Ausstellung zu Esoterik und Avantgarde-Kunst dieses Themenkreise angenommen.

    • Beuys gehörte zur Generation, die antisemitsch erzogen wurde – und zwar in allen Fächern, sogar in der Mathematik, wo Rechnungen zeigen sollten wie Juden das Volksvermögen vernichteten oder stahlen. Beuys hat diese Zeit in positiver Erinnerung und hat in seiner Künstlerkarriere mit seinem Positionsbezug als Kämpfer gegen Materialismus, Egolismus und die moderne Zivilisation und für eine Gegenwelt, die die Mythen der Kelten und Germanen wiederbelebt, das Weltbild, das ihm im Gynmnasium vermittelt wurde, nicht explizit in Frage gestellt, sondern möglicherweise sogar fortgeführt. . Bei der Bücherverbrennung, die in seinem Gymnasium stattfand (Zitat: Es brannten am 19. Mai 1933 auf dem Schulhof die „Machwerke aller jüdisch-marxistischen Literaten“ aus der Schülerbücherei, wie das „Clever Kreisblatt“ am 19. Mai berichtete) war auch Beuys dabei. Er hat einige Bücher, die ihn interessierten vorher weggebracht, die Bücherverbrennung aber in seiner Biographie nicht in Frage gestellt.

      Hier stellt sich die Frage: Wie haben Beuys und seine Mitschüler diese Jugendzeit unter nationalsozialistischer Erziehung, die eine bewusst antisemitische Erziehung war, verarbeitet, wie hat das ihr Weltbild später geprägt. Eine Hinweis darauf gibt der SPON-Artikel Schüler im „Dritten Reich“: Hass auf Juden, ein Leben lang wo man liest:

      Antisemitische Propaganda wirkt ein Leben lang: Deutsche Kinder, die zwischen 1933 und 1945 die Schule besuchten, sind judenfeindlicher eingestellt als diejenigen, die ihre schulische Prägung zuvor oder danach erlebten. Ihre antisemitische Haltung zeige sich auch viele Jahre nach Ende der Nazizeit, schreiben Wissenschaftler aus den USA und der Schweiz im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ .


      „Der Level an Fremdenfeindlichkeit war bei den Menschen, die in der Nazizeit die Schule besuchten, im Durchschnitt zwei- bis dreimal höher als bei den übrigen Befragten“, berichtet Hans-Joachim Voth.

      Es hat ihn selbst erstaunt, dass die antisemitische Haltung auch 50 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft anhielt. „Es ist also nicht nur so, dass die Nazi-Propaganda damals in der Schulzeit funktionierte, sie hat das Denken und die innere Haltung der Menschen nachhaltig beeinflusst“, sagt Voth.

      Die Forscher konnten auch Unterschiede in der Stärke der judenfeindlichen Haltung ausmachen: Stammten die Deutschen aus Orten, in denen bereits traditionell eine sehr nationalsozialistische Kultur herrschte, war auch die negative Haltung der Bewohner gegenüber Juden stärker ausgeprägt. Dies zeigte der Vergleich von Geburtsort und Wahlerfolgen der Nationalsozialisten im „Dritten Reich“.

      Auf die Frage „Sollen Juden die gleichen Rechte haben wie die Deutschen?“ reagierten nur zehn Prozent der befragten Menschen in Hamburg ablehnend, in Niederbayern waren es 48 Prozent.

      Das heisst wohl, dass man auch die Werke und Das Denken von Künstlern wie Beuys oder Grass, die beide zur Nazizeit in die Schule gingen und indoktriniert wurden, im Lichte dieser Einflüsse sehen muss. Damit erschent nicht nur Beuys in einem andern Licht, auch Grass Zeitungsartikel 2012, in dem er die Angst vor Israel schürt, das eine nuklearen Erstschlag gegen den Iran führen könne, erklärt sich dann als Ergebnis der Dämonisierung der Juden wie er sie in seiner Jugendzeit mitbekommen hat.

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