Ein Denkmal für den Venustransit?

Der Venustransit 2012 wird auch von denen mit Spannung erwartet, die normalerweise keine Sterngucker sind.  Dabei ist das, was – bei gutem Wetter – zu sehen ist, zwar zweifellos sehr interessant, wie unter anderem Michael Khan, Jan Hattenbach und  Susanne M. Hoffmann dargelegt haben. Die Fragen, die damit geklärt werden können, sind aber für die meisten Betrachter solche, die sie sich normalerweise nie gestellt hätten. Gucken wollen wir trotzdem – vor allem wegen der Sensation, solch ein seltenes Ereignis miterleben zu dürfen. Und wenn man liest, welche Strapazen und Gefahren  die Forscher früher dafür auf sich genommen haben, dann kommt man sich schon recht undankbar und ignorant vor, wenn man das warme Bett zur frühen Morgenstunde  vorzieht (per  Webcast lässt sich vielleicht doch auch das Bequeme mit dem Spektakulären vereinbaren …)

Transit of Venus 1874
Hat nichts mit Jules Verne zu tun: Gedenksteine für die deutsche Expedition zur Beobachtung des Venustransits 1874 in Isfahan, Iran (Foto: Hans Bernhard via Wikimedia Commons)

Venustransit – im 21. Jahrhundert ein Massenevent

Wahre Massen werden sich deshalb morgen noch im Dunkeln aufmachen und auf Wolkenlücken hoffen. Schon der Venustransit im Juni 2004 war ein mediales Großereignis – Tausende nahmen an öffentlichen Beobachtungen teil. Die Erinnerung daran ist in unzähligen Profi- und Hobbyfotos und -videos festgehalten. Aber soweit ich weiß, wurde dem  Ereignis kein eigentliches Denkmal gesetzt. Warum auch, könnte man fragen – aber offenbar hat man das früher mitunter anders gesehen.

Beobachtung des Venustransits 1639: ein exklusives Erlebnis

Die Zahl der bewusst wahrgenommenen Venustransite in der Menschheitsgeschichte ist überschaubar: 1639, 1761, 1769, 1874, 1882, 2004 und 2012. Dokumentiert ist die erste Beobachtung eines Venustransits für das Jahr 1639 durch Jeremiah Horrocks und William Crabtree dank eines posthum veröffentlichten Berichts. Vielleicht waren die beiden die einzigen, die dieses Ereignis überhaupt gesehen haben, denn Horrocks war nur durch eigene Berechnungen auf den Zeitpunkt gekommen.

Venustransit  im Zeitalter der Aufklärung: teure Expeditionen

Im 18. Jahrhundert und ganz im Zeichen der Aufklärung wurde die wissenschaftliche Beobachtung der beiden Venustransite dann  zum Anlass internationaler Expeditionen und war von großem öffentlichen Interesse. Anders als heute hat aber auch damals noch nur ein sehr geringer Teil der Erdbevölkerung selbst an der Beobachtung teilnehmen können – weil das Equipment rar und teuer und die Beobachtung nur an entlegenen Orten möglich war. James Cooks erste Südseereise hatte zum Beispiel das Ziel, eine Reihe von Astronomen nach Tahiti zu bringen, die dort 1769 von „Fort Venus“ aus das Ereignis dokumentieren sollten.

An die Beobachtungen der Venustransite von 1761 und 1769 erinnern heute einige Denkmale und Gedenktafeln, die jedoch erst im Nachhinein errichtet wurden. Auch für die Beobachtung von 1639 durch Horrocks und Crabtree gibt es ein Denkmal – es stammt aber erst aus dem Jahr des Venustransits 2004.

19. Jahrhundert: Der Venustransit wird denkmalwürdig  

Auch für den Venustransit von 1874 wurden mehrere Expeditionen unternommen, unter anderem nach Mauritius, in die Subantarktis, nach Australien und Japan. Anders als im 18. Jahrhundert wurden viele dieser Beobachtungen von den Expeditionsteilnehmern dann selbst mit Gedenksteinen und Denkmalen  gewürdigt – auch vor dem Hintergrund einer imperialistischen Weltauffassung.

Acht Jahre später waren wieder in paar Expeditionen zu Messzwecken unterwegs. Aber diesmal war der Venustransit auch in Nordamerika und in Europa gut zu sehen und wurde von mehr Menschen als je zuvor beobachtet.  Vermutlich wegen der sich daraus ergebenden mangelnden Exklusitvität der Beobachtung wurden nun trotz der generellen Denkmalfreudigkeit des 19. Jahrhunderts wieder so gut wie keine entsprechenden Denkmale gesetzt.

Ich arbeite als Journalistin, Sachbuchautorin und Bildredakteurin. Als Kunsthistorikerin begeistern mich die spannenden langen oder kurzen Geschichten hinter den sichtbaren Gegenständen – seien sie hunderte von Jahren alt oder erst wenige Tage. Insofern ist für mich eigentlich alles Menschengemachte ein "Denkmal", nicht nur das, was bewusst zur Erinnerung an eine Person oder an ein Ereignis errichtet wurde – zum ehrenden Gedenken oder mahnend. Am schönsten finde ich die vielen heute als Kulturdenkmale verehrten Reste, denen früher niemand einen besonderen Erinnerungswert beigemessen hätte. Zum Beispiel die in Pompeji erhaltenen Zeugnisse antiker Vergnügungskultur. Welche Schlüsse wohl dereinst aus den Relikten unserer Welt gezogen werden?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Venustransit wichtig vor Raumfahrt

    Einen Planetentransit – also die Passage eines Planeten vor der Sonne – kann heute eine richtig positionierte Weltraumsonde ohne weiteres und jederzeit beobachten.

    Nur früher waren diese Transits nur von der Erde aus möglich und dementsprechend mit einem möglichen Erkenntnisgewinn verbunden.

    Deshalb ist ein Venustransit heute wohl nicht mehr denkmalwürdig.

    Denkmale scheinen mir sowieso aus einer anderen Zeit. Heute müsste es eine digitale Entsprechnung geben. Das könnte ein Portal für ein Ereignis sein, welches alle nur denkbaren Informationen und alle nur denkbaren Sichtweisen auf das Ereignis vereint.

  2. @Martin Holzherr
    Ja, jede Zeit hat ihre Denkmale, sie müssen nicht immer in Stein gehauen sein. Anders als bei Dokumentationen in Form von Berichten, Büchern oder elektronischen Daten rückt bei Denkmalen der Informationsgehalt in den Hintergrund. Es sind in erster Linie emotionale Motive, die zum Setzen eines Denkmals veranlassen, zum Beispiel Stolz oder Bewunderung, aber auch Trauer oder Betroffenheit.

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