„Digital Humanities Revisited“ in Hannover

In der vergangenen Woche bin ich einer großzügigen Einladung der Volkswagen-Stiftung zu einer dreitägigen internationalen Konferenz über Fragen der „Digital Humanities“  nach Hannover gefolgt. Was mich dabei interessiert hat, war die Frage, welche neuen Erkenntnismöglichkeiten es  in dem mit der deutschen Übersetzung „Digitale Geistes- und Kulturwissenschaften“ nur unscharf erfassten Bereich gibt. Wird die Möglichkeit der Erschließung großer Datenmengen ähnliche Effekte haben wie den Fortschritt in den Naturwissenschaften durch die Mikroskopie seit dem 19. Jahrhundert?

Alt und doch erst kürzlich fertig geworden: Schloss Herrenhausen in Hannover, wo die Reihe der "Herrenhäuser Konferenzen" der Volkswagen- Stiftung statfindet.

Alt und doch ganz neu: Einst war der Europäische Hochadel in Hannovers Schloss Herrenhausen zu Gast. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude wurde als Tagungszentrum rekonstruiert und 2013 eröffnet.

Eine einfache Antwort darauf habe ich nicht erwartet. Dass die Definition der „Digital Humanities“ insgesamt noch offen ist, zeigte sich zum Beispiel am unterschiedlichen Verständnis der Konferenzteilnehmer, die in mehreren Workshops versuchten, sich einer Ziel- und Begriffsbestimmung und einer Abgrenzung des Aufgabenfelds der Digital Humanities zu nähern. Ob es sich um eine eigene Disziplin handelt, ob Programmierer und Computerwissenschaftler sozusagen als Hilfskräfte der Geistes- und Kulturwissenschaftler agieren sollten (was von jenen als Zumutung empfunden wurde) oder ob diese lieber gleich selbst Programmieren können sollten, war eine Frage, die sich letztlich durch alle drei Konferenztage zog. Die Vorträge und Podiumsdiskussionen wurden durch mehr als 30 Lightning Talks ergänzt, in denen Wissenschaftler ihre Projekte kurz vorstellen konnten und damit einen ziemlich weitgreifenden Eindruck von der Wirklichkeit der Digital Humanities gaben.

 

Worin besteht das „Digitale“ in den Digital Humanities?

Letztlich lassen sich drei große Bereiche erkennen: Zugang/Kommunikation, Tools und User-generated content. Die Erfassung und der theoretisch unbegrenzte Zugang – zu  zum Beispiel historischen  Quellen wie alten Handschriften und Bildern  – und die (technische) Möglichkeit des Teilens und der Kommunikation von Forschungsergebnissen  betrifft nicht nur Wissenschaftler, sondern die Menschheit schlechthin. In diese Richtung ging auch der flammende Apell von Professor Gregory Crane, der an der Universität Leipzig als Alexander von Humboldt-Professor für Digital Humanities lehrt. Crane ist Klassischer Philologe und Informatiker in einer Person und verkörpert damit ein Modell der Digital Humanities. Crane nannte als Hörer der Digital Humanities im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals alle 2,3 Milliarden Internetnutzer. Er forderte den moralisch engagierten Wissenschaftler, der aus der Isolation heraustritt und sein Wissen ohne Angst vor Popularisierungen vermittelt.

 

Tools in den Digital Humanities

Natürlich stellt die Digitalisierung nützliche Tools bereit, zum Beispiel für digitale Editionen, die quantitative (Text-)Analyse  oder die Visualisierung komplexer Datenstrukturen. In der schon angesprochenen Zweigeteiltheit zwischen geisteswissenschaftlichem Inhalt und Programmierung scheint eines der Probleme des Aufgabenfelds zu liegen: Während Computerfachleute nicht immer ahnen können, was den Geisteswissenschaftler interessiert, hat dieser umgekehrt nicht unbedingt den Überblick über das, was informationstechnologisch möglich ist. So werden hier offenbar im Wesentlichen zwei Wege beschritten: Die einen nutzen letztlich vor allem die große Rechengeschwindigkeit, um mit großen Datenmengen umzugehen (so z. B. Berenike Herrmann, die Kafka-Texte auf Wörter untersucht, die dort häufiger vorkommen als in Texten anderer Autoren). Die anderen schauen zunächst unvoreingenommen auf – vielleicht auch in anderen Zusammenhängen – erhobene Daten und überlegen, was sich daraus schließen lässt. Solche Unvoreingenommenheit propagierte zum Beispiel der Medienwissenschaftler und Künstler Professor Lev Manovich in seinem Vortrag, mit dem er neben der wissenschaftlichen auch eine künstlerische Komponente einbrachte. Seine Visualisierungen, zum Beispiel  mit nach bestimmten Kriterien auf x- und y-Achse angeordneten Massen von Bildern, wurden allgemein auch als schön empfunden.

 

Digitale Inhalte

Nicht zuletzt muss das Digitale seit Mitte der 1990er-Jahre als Bestandteil des Alltags und damit selbst als Gegenstand des geistes- und kulturwissenschaftlichen Interesses angesehen werden. Digital-born Inhalte müssen aber unter zum Teil anderen Aspekten betrachtet werden als traditionelle Inhalte. Das spiegelt sich in Projekten wie der Doktorarbeit von Camila Guimaraes Dantas aus Brasilien, die kollektiv erstellte Archive wie zum Beispiel BBC People’s War untersucht.

Wie User-generated content direkt helfen kann, Wissen zu erschließen, zeigen die Projekte, die von Professor Luis von Ahn vorgestellt wurden, der nicht nur Captcha miterfunden hat (z. B. die verzerrte Schrift, die von Menschen für Internetzugänge entschlüsselt werden muss, um zu beweisen, dass sie kein Roboter sind) , sondern auch reCaptcha, mit dem alte Bücher nach diesem Prinzip mit Hilfe des Internetnutzers auch an den Stellen erschlossen werden können, an denen OCR versagt. Neuestes Projekt ist DuoLingo, ein kostenloses Sprachlernprogramm, bei dem der Lernende zu Übungszwecken Texte für das Internet übersetzt.

Es gab auch skeptische Stimmen. Professor Horst Bredekamp, Kunsthistoriker und Pionier des Digitalen in der Wissenschaft seit den 1970er-Jahren, warnte vor dem „Kult der Gegenwart“ und der Aufhebung des Materiellen.

Ich arbeite als Journalistin, Sachbuchautorin und Bildredakteurin. Als Kunsthistorikerin begeistern mich die spannenden langen oder kurzen Geschichten hinter den sichtbaren Gegenständen – seien sie hunderte von Jahren alt oder erst wenige Tage. Insofern ist für mich eigentlich alles Menschengemachte ein "Denkmal", nicht nur das, was bewusst zur Erinnerung an eine Person oder an ein Ereignis errichtet wurde – zum ehrenden Gedenken oder mahnend. Am schönsten finde ich die vielen heute als Kulturdenkmale verehrten Reste, denen früher niemand einen besonderen Erinnerungswert beigemessen hätte. Zum Beispiel die in Pompeji erhaltenen Zeugnisse antiker Vergnügungskultur. Welche Schlüsse wohl dereinst aus den Relikten unserer Welt gezogen werden?

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein wirklich sehr interessanter Artikel über Digital Humanities. Ich habe mich damit noch nie so intensiv beschäftigt und muss sagen es ist ein wirklich sehr nachdenklich stimmendes Thema. Ich wünsche Dir das Du damit sehr weit kommst und uns irgendwann die Lösung bringst. Viel Erfolg weiterhin. Toller Blog. Sehr interessant.

  2. Es gab schon früh Computational linguistics und Linguistik gehört ja wie Sprachen, Literatur, Philosohie, Religion und die Künste zu den Humanities. Interessant übrigens, dass hier der aus dem angloamerikanischen Kulturraum stammende Begriff Humanities verwendet wird und nicht etwa „Digitale Geistes- und Kulturwissenschaften“. Die Sozialwissenschaften Anthropologie, Ökonomie die politischen Wissenschaften, Psychologie und Soziologie werden im angloamerikanischen Kulturraum nicht unbedingt zu den Humanities gezählt. Einige von diesen Sozialwissenschaften sind schon heute stark von statistischen und mathematischen Verfahren „infiziert“, so etwa die Ökonomie, die Psychologie und Soziologie.

    Entscheidend ist natürlich die Frage, ob die Digitalisierung „nur“ ein Hilfsmittel ist, also ob etwa Datenbanken oder digitale Suchverfahren benutzt werden oder ob mit Digitalisierung auch eine stärker naturwissenschaftliche Herangehensweise gemeint ist.

    Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt geht sogar in Richtung „Steuerung der Gesellschaft“ mittels digitalen Mitteln. Dies wird beispielsweise im Projekt Future ICT angestrebt:

    The ultimate goal of the FuturICT project is to understand and manage complex, global, socially interactive systems, with a focus on sustainability and resilience.

  3. In Deutschland und Umgebung scheint Digital Humanities noch etwas ganz neues. So wurde
    der Verband DHd – „Digital Humanities im deutschsprachigen Raum“ – erst am 17.07.2012 ins Leben gerufen.
    An Tools gibt es allerdings schon eine ganze Menge: TextGrid und Catma für die Analyse von Texten, EXMERalda für die Analyse von gesprochener Sprache, eTraces für die Verfolgung von Zitaten, Stilen, die von einem Werk in andere „wandern“. Insgesamt scheint es schon mehr als 20 deratige Tools zu geben.
    An den Universitäten Würzburg, Passau und Göttingen (und wohl noch einigen mehr) kann man Digital Humanities bereits studieren.

    Meine Einschätzung: Informatische Mittel werden wohl schon jetzt in den Geistes- und Sozialwissenschaften eingesetzt. Doch ihre Bedeutung wird mit Sicherheit zunehmen. Nur schon um sich einen Überblick über ein Gebiet zu verschaffen sind informatische Mittel sehr nützlich. Jede Form von systematischer Analyse von grossen Textkorpora und überhaupt von Big-Data erfordert letztlich informatische Mittel oder macht die Arbeit überhaupt erst möglich.
    Es ist aber etwas ganz anderes, wenn man das Fachgebiet selbst mathematisiert. Zwar werden informatische Mittel ein Fach so oder so verändern, aber sie müssen nicht unbedingt einen zentralen Einfluss auf die Fragestellungen haben, die angegangen werden.

  4. Digital Humanities Revisited in Hannover
    Bedeutet dieser Titel, dass sie die Digital Humanities schon einmal in Hannover besucht haben und dies nun ein weiteres Treffen mit den Digital Humanities ist. Oder bedeutet es, dass sie sich des Themas Digital Humanities erneut angenommen haben und diesmal zufälligerweise in Hannover. Nun, Hannover ist sicher eine naheliegende Wahl für Konferenzen. Verkehrstechnisch gut gelegen, bekannt durch seine von jährlich 2 Millionen besuchten Messe auf dem grössten Messegelände der Welt.

  5. In der Anwendung von digitalen Werkzeugen (altdeutsch gesagt) liegt zweifellos ein großes Potential, vor allem zur Durchsuchung von großen Datenmengen nach inhaltlichen Strukturen und Zusammenhängen. Leider ist von Seiten deutscher Museen die Begeisterung begrenzt, ihr Material in großen Mengen, brauchbarer Auflösung und kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wie z.B. beim Rijksmuseum Amsterdam, beim British Museum (die jahrelang an der Konzeption der Datenbank gearbeitet haben), beim Prado oder Louvre (dort aber auch eher kleine Bildchen).
    Naturwissenschaftliche Herangehensweisen werden in den Geisteswissenschaften wohl weiterhin ein Hilfsmittel bleiben, denn die Fragen der Geisteswissenschaften sind andere als die der Naturwissenschaften, Geisteswissenschaftler untersuchen im allgemeinen die kulturelle Bedeutung eines Werkes (oder Komplexes), dass lässt sich nicht naturwissenschaftlich reduzieren.
    Mit kritischer Reflexion wird die Digitalisierung mit ihren tools aber sehr hilfreich beim „profiling“ sein (z.B. Kafkas Wortschatz). Welche Interpretationsprobleme da auftreten können, ist ja vielen bewusst, wenn vielleicht auch weniger den Geheimdiensten 😉

  6. Liebe Frau Bambach,

    das Video Herrenhausen mit Ihrem Interview ist nun online. Sie finden es bitte unter: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/videos_watch.php?nav_id=4694
    Außerdem haben wir den Beitrag noch über unsere Sozialen Netzwerke gestreut – nachzulesen unter:

    https://www.facebook.com/L.I.S.A.portal
    https://twitter.com/#!/PortalLISA
    https://plus.google.com/u/0/103331239211246597925/posts

    Heute haben wir ihn auch noch in unserem wöchentlichen L.I.S.A.Newsletter angekündigt.

    Herzliche Grüße
    Georgios Chatzoudis

  7. Pingback: (Digital) Humanities – revisited: Twitter und Blogs als Kommunikationswerkzeuge bei der Herrenhäuser Konferenz der VolkswagenStiftung 2013 | Wissen in Verbindung

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