Wo die Uhren langsam ticken…

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Valentin und Lucila Quispe aus dem Örtchen Llachón, das am Titicacasee auf der Halbinsel Capachica zu finden ist, sind meine persönlichen Helden des Monats und geben mir ein bisschen den Glauben zurück, dass Materielles nicht für alle alles ist im Leben.

Nach fünf Jahren Grundschule war für die beiden, die heute Anfang und Mitte 50 sind, Schluss mit formeller Bildung. Gearbeitet haben sie dann in der großen Stadt, eine Familie gegründet, Kinder bekommen und hätten es dort als fleißige Leute weit bringen können. Doch jetzt sehen sie ihre Zukunft wieder da, woher sie stammen, auf dieser wunderschönen Halbinsel.

Hier (Dank für die Bilder an Dennis Beckmann, bei meiner Kamera war leider der Akku leer. Die Bilder wurden auf der benachbarten Insel Taquile aufgenommen und zeigen oben Capachicha von Taquile aus sowie die charakteristische Landschaft, die auf Insel und Halbinsel sehr ähnlich sind), wo im Moment Autos nur schlitternd über schlammige Pisten hinfinden. Hier, wo sich Kühe, Schafe und Esel angepflockt auf den Weiden tummeln und Frauen in bunter Tracht mit schwarzhaarigen Schweinchen an der Leine spazieren gehen. Hier, wo sich die Dorfbevölkerung samt Gästen einmal in der Woche zum Volleyballspielen auf dem Rathausplatz trifft. Hier, wo de See, der Wind und die Sonne das Leben prägen und Elektrizität vor noch nicht einmal zwei Jahrzehnten Einzug gehalten hat.

Ebenda sind die beiden wieder daheim und versuchen sich mit rund zehn anderen Dorffamilien an einem moderaten Tourismuskonzept. In Gemeinschaftsarbeit haben sie Wege, Aussichtspunkte und Hütten mit Seeblick gebaut und Prospekte gedruckt. Erwarten können die Menschen, die sich mit dem Combi (eine Art Minibus) in knapp zwei Stunden von Puno herschaukeln lassen, einfachen Komfort. Für etwa 70 Soles (Einheitspreis für alle gleich, etwa 20 Euro) gibt es Unterkunft und Vollverpflegung mit dem, was Feld, See und Landschaft so hergeben auf knapp 4000 Meter Höhe.

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Zu tun ist….. eigentlich nichts, außer essen, schlafen, wandern und gucken. Für verträumte Mitteleuropäer hat das durchaus etwas von Astrid Lindgrens Bullerbü oder Goethes Arkadien, ist aber auf alle Fälle Balsam für die Seele. Schauen und staunen, mehr ist hier nicht nötig.

Und das ist auch gut so, nachden uns das 75 Kilometer entfernte Puno verschreckt hat. Die bröckelnden Ziegelbauen schieben sich dort die Hänge am „Lago“ hinauf, der Verkehr schleppt sich stinkend und lärmend durch die engen Straßen. Mag sein, dass die Menschen in Puno gerne ausgelassene Feste feiern und ihre Lage am Ufer des Sees genießen, doch wir wollen so schnell wie möglich weg und finden auf Capachica unsere Oases des Friedens.

Hier verstehen wir auch, warum es in den Anden heißt, im Titicacasee sei die Sonne geboren. Das Blau des höchstgelegenen, schiffbaren Gewässers der Welt strahlt so ungeheuer intensiv, dass es fast schon unwirklich scheint. Wind und Wellen erzeugen Meergefühle. Der heftige Regen, vor allem in Januar und Februar, lässt Kartoffel, Mais, Quinoa, Gemüse, Früchte und vor allem aber auch Kräuter sprießen – wie beispielsweise Munia, das so ziemlich gegen alles und jedes Wehwehchen helfen soll. Die Blumen sprießen und die Kolibris stecken ihre Schnäbel in die Blütenkelche.

Unsere Hütte hat keine Heizung, aber nach drei Seiten Seeblick und kiloschwere Decken, die uns warm halten. Beim Strandspaziergang treffen wir auf die Frauen des Dorfes, die am Ufer stricken, spinnen und schwätzen. Ein Esel verkündet mit einer Stimme wie eine alte Gießkanne unser Kommen. Und als wir scherzhaft fragen, ob das Langohr sie wohl bewache, antworten die Frauen kichernd im Chor: „Nein, der begrüßt euch“. Wie langsam die Uhren hier ticken, meint Frank und fühlt sich an die Zeiten bei seiner oberbayrischen Oma erinnert. Wobei auch schon damals die Idylle ihre Risse hatte.

Den Hotelspekulaten mit den großen Dollar gefüllten Geldkoffern (kein Witz) haben Valentin und Lucila widerstanden. Schon deshalb, erklärt Valentin nicht ohne Stolz, weil er ohnehin kein Recht dazu habe, das Land seiner Ahnen zu veräußern. Vielleicht fiel ihm das auch deshalb leicht, weil die Inkas, die Vorfahren der Quechuas, so einen ausgesprochenen Hang zur Vergangenheit haben. Noch jahrelang wurden da beispielsweise mumifizierte Herrscher zu Festivitäten auf Plätze getragen, als seien sie noch quicklebendig. Orte, wo Stammesgründer erstmals auftraten, gelten noch immer als heilig. Vielleicht verschiebt solch eine Denkweise etwas die Relationen.

Doch wird die Idylle halten, wenn die Teerstraße, auf die alle sehnsüchtig warten, fertig ist und das Dorf problemlos zu erreichen? Oder hilft die bessere Infrastruktur sogar mit, dass die Jungen bleiben, weil sie eine Perspektive haben? Sie wissen auf Capachica, dass ihre Ursprünglichkeit für viele, die der westlichen Zivilisation müde sind, einen großen Wert darstellt. Mal sehen, ob die Hoffnung berechtigt ist. Ojala (hoffentlich).

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Kirsten Baumbusch

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Oder hilft die bessere Infrastruktur sogar mit, dass die Jungen bleiben, weil sie eine Perspektive haben? Sie wissen auf Capachica, dass ihre Ursprünglichkeit für viele, die der westlichen Zivilisation müde sind, einen großen Wert darstellt.

    Andere Sicht, vgl. auch: ‚Erwarten können die Menschen, die sich mit dem Combi (eine Art Minibus) in knapp zwei Stunden von Puno herschaukeln lassen, einfachen Komfort.‘ :
    So richtig umfassend supi muss eine derartige Perspektive nicht sein für die Nachwachsenden, für die Jungen.

    Der Schreiber dieser Zeilen hat den Tourismusbetrieb, um einmal das Fachwort zu nennen, von der Abnehmerseite her betrachtet, nie sehr gut gefunden, auch wenn er bspw. schon in Tipis gesessen hat und mit Rentierfleisch, scheinbar: authentisch, verköstigt worden ist.
    Im Rahmen „spezieller Events“ oder im Rahmen dessen, was wohl ein wenig in Richtung „Survival“ gehen sollte und die Arbeitsleistung betreffend fitten.

    MFG
    Dr. W (der aber auch nicht so viele kennt, ‚die der westlichen Zivilisation müde sind‘, der auch schon die beginnenden Tourismus in der BRD, in den späten Sechzigern, insbesondere in Bayern beobachtet hat, den bereits nicht so-o gut fand)

  2. Hallo Kirsten, hallo Frank,

    mein Partner und ich übernachteten vor etwa 25 Jahren auf der Insel Taquile bei einer nett lächelnden Familie in einer Kiwiüberwachsenen Hütte mit nächtlichem lustigen Mausgeraschel und -getrappel. Mangels fundierter Sprachkenntnisse konnten wir unseren Gastgebern leider mehr oder weniger nur gestikulierend zurücklächeln.

    Gleich nach Ankunft mit einem kleinen Boot (von Puno aus mit kurzem Halt an den Schwimmenden Inseln) wurden wir Reisenden zuvor der jeweiligen Gastfamilie zugeteilt.
    Die Bewohner hatten sich dort offenbar in einer Art cooperativa zusammengetan. Diese betrieb unweit der Anlegestelle eine Art Kiosk mit einem kleinen Laden für die Besucher, in dem insbesondere ihre Strickarbeiten zum Kauf angeboten wurden, die teils direkt davor gefertigt wurden.

    Das Bemerkenswerte und Außergewöhnliche aber war, dass wir nur die Männer stricken sahen! Sie plauderten, während sie doch recht komplizierte Muster strickten und die Kinder derweil vergnügt um ihre Beine sprangen. Aber auch im Gehen waren sie unentwegt am Stricken. Sie strickten vorzugsweise bunte Mützchen (also unsere Trendsetter ein Vierteljahrhundert später in Europa, ohne Ohrenklappen, dafür umso bunter …). Leider habe ich damals keine dieser Mützchen erworben, die peruanische Sonne … und dann der deutsche Winter …
    Ob sie heute wohl immer noch stricken, die Männer auf Taquile?

    Liebe Kirsten, es macht mir Freude, deine Eindrücke und Erlebnisse mitverfolgen zu können, die du so treffend beschreibst. Danke dafür.

    Gabi

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