Von der Reiselust im Sabbatical

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Himmel, war ich aufgeregt. Seit meiner Rückkehr habe ich zwar schon einiges an Artikeln geschrieben und Moderationen gemacht, aber diese Reflexion anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Reiselust“ im Kurpfälzischen Museum, die war etwas ganz, ganz besonderes. „Zwischen Aufbruch und Ankommen“ haben wir diese Gedankensammlung genannt, die eine Art erstes Resümee meines Sabbatjahres darstellen und das Ganze einbettet in die Erfahrung der „Reise des Lebens“. Anbei im Wortlaut das Manuskript.

Warum gerade ich? Das habe ich mich zuletzt heute Morgen gefragt. Warum soll gerade ich Ihnen hier und heute etwas über „Reiselust“ erzählen, was Sie nicht schon wissen? Die Deutschen sind Reiseweltmeister, man trifft sie in allen möglichen und unmöglichen Ecken des Globus. Schon Grundschüler haben manchmal mehr gesehen, als ich in über 50 Lebensjahren.

Zwar lebe ich seit vielen Jahren in Heidelberg, habe indes als Südbadnerin den Blick der Fremden nie so ganz verloren. Aber Expertin in Sachen Reiselust? Eher eine Erforscherin der inneren Welten. Dennoch, so beruhigte mich am Frühstückstisch eine innere Stimme, „Zwischen Aufbruch und Ankommen“ als Titel für den Redebeitrag einer Journalistin nach einem Sabbatjahr in Peru, das passt schon.

Nun gut, ich bin eine Frau des Wortes. Und die können ja gemeinhin zu fast allem etwas sagen. Und wenn sie etwas nicht wissen, dann machen sie sich schlau. In 0,45 Sekunden produziert das weltweite Netz 463.000 Treffer zum Thema „Reiselust“. Da gibt es dann eine Radioreihe mit Beiträgen wie „Schulbank statt Strandmatte“ oder über „Urban Explorers“, das sind Menschen, die sich in der eigenen Stadt auf die Suche nach verwunschenen Orten machen. Dort warnt aber auch die renommierte FAZ, dass nichts so sehr die Lust am Reisen verderbe wie eben jenes Internet, weil ja bekanntermaßen zu viel Auswahl das Unglück mit sich bringt. Also, weg damit.

Der Duden bietet als Synonym für Reiselust das „Fernweh“ an und das bringt etwas in mir zum Klingen. Ja, das kenne ich. Die Sehnsucht nach der fremden Ferne. Auf der schwimme ich, wenn ich als Reisejournalistin unterwegs bin und die sehe ich in den Augen derjenigen glimmen, wenn sie mir erzählen, dass sie mein digitales Reisetagebuch, einen sogenannten Blog mit dem Titel „Das Sabbatical“, von der ersten bis zur letzten Seite mitverfolgt haben.

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Diese neue Form der Kommunikation sowie die sozialen Netzwerke ermöglichte eine Teilhabe über riesige Entfernungen hinweg. Da habe ich zum ersten Mal erspürt, wie die Welt tatsächlich zu einem globalen Dorf geworden ist. „Kirsten“, schallte es vor einiger Zeit, ich war gerade aus Lateinamerika zurück und noch ein wenig orientierungslos, lautstark über die Straße im ansonsten idyllischen Handschuhsheim. Das nähere Hinsehen ergab eine frühere Kollegin, die rief: „Kirsten, ich war mit Dir auf dem Andengipfel, ich war mit Dir im Dschungel, ich habe mit Dir gehofft, ich habe mit Dir gelitten, ich war bei Dir, obwohl ich mich nicht persönlich gemeldet habe, hast Du es gemerkt?“, sprudelt es aus ihr heraus.

Und tatsächlich, ich hatte es gemerkt, dass ich nicht alleine war, sondern neben realen Gefährten auch virtuelle hatte. Das half, mir mein Reisen bewusster zu machen, meine Erlebnisse zu reflektieren und mir am Ende selbst zu begegnen. Denn das Reisen ist etwas, was man bewusst tun sollte, nicht als Konsum ferner Länder und fremder Menschen. Sonst passiert einem nämlich das, was eine Freundin von mir einmal so unübertrefflich beschrieben hat: „Selbst am Strand von Sydney, so weit von zuhause entfernt, war ich immer noch dieselbe Ulrike aus der Hildastraße in Heidelberg“.

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So ist es. Wir nehmen uns mit, ob uns das passt oder nicht. Wir entkommen uns nicht, egal, wie tief wir tauchen oder wie hoch wir klettern, unser Ego ist dabei. Und umso extremer die Reise wird, umso größer kann auch der Schmerz dessen werden, was wir sonst mit der Ablenkung durch Computer und Smartphone zu kaschieren versuchen. Armin Wirth, ein Unternehmer und Abenteurer, den ich einmal über seine Südpolexpedition interviewte, beschrieb diesen inneren Teil als ein Gefühl des Gejagtwerdens, dem er im unendlichen unberührten Weiß nicht entkommen konnte, und den er später als Triebfeder unseres modernen Seins erkannte. Ein Gefühl des „Es reicht nicht“, das uns die Schöpfung verschlingen, Kriege anzetteln und uns ausbrennen lässt.

Wer aufbricht, tut gut daran, von Anfang an, diese Begegnung, sowohl mit dem Fremden wie mit sich selbst zu suchen. Praktischerweise ist es gleichgültig, wie viel Kilometer wir zwischen uns und die alte Rolle bringen. Mit etwas Talent gelingt das sogar am gleichen Ort in Form einer Zeitreise – wie mit dieser Ausstellung, die uns das vertraute Heidelberg, aus einer unvertrauten Perspektive nahe zu bringen versteht.
Das Reisen geschieht im Kopf, die Lust dazu entsteht irgendwo um den Bauchnabel herum, einlassen muss sich der ganze Mensch. Doch Vorsicht! Reisen bildet nicht nur, es erschüttert und verändert auch. Von keiner Reise – und sei sie noch so kurz – kommen wir als die Gleichen zurück.

Und wer lange weg war und dort ein paar neue Wurzeln geschlagen und Freundschaften geknüpft hat, der wird die heimatliche Enge nie wieder so heimelig erleben wie zuvor. Doch sich hierfür zu öffnen, sich bereit zu machen für die Metamorphose, das macht die Lust auf ferne Gefilde zur Kunst des Unterwegsseins. Es gilt den Bogen zu schlagen zwischen Aufbruch und Ankommen, sonst droht eine Verlorenheit im Dazwischen.

Wenn es gelingt, gelingt indes eine Besinnung auf den Kern, der unsere Persönlichkeit ausmacht, und gleichzeitig eine Erweiterung derselben um die Erfahrung. Dann kann die Reise für uns zu dem werden, was für eine Raupe die Verwandlung zum Schmetterling darstellt.
Nie hätte ich zuvor gedacht, dass ich mit zwei Rucksäcken monatelang reisen, Andengipfel besteigen, Salzwüsten durchqueren und in Uruguay am Strand die Seele baumeln lassen könnte, und nichts, aber auch gar nichts an materiellen Dingen vermisse würde. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit halten an. Das einfache Leben ist ein Bedürfnis geworden.

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Ebenso leicht war mein Gepäck in puncto Erwartungen. Vielleicht die klügste Entscheidung vor dem Abenteuer Auszeit. Spanischlernen und mich auf das einlassen zu wollen, was auf mich zukommt, das war es dann auch schon. Ein wichtiger Proviant an Losgelassenheit, der mich frusttolerant gemacht hat und mich beobachten ließ, ohne zu bewerten. Wieso wollen wir eigentlich, dass überall alles so funktioniert, wie wir das von zu Hause kennen? Wir haben das Staunen so verlernt, dieses einfach nur da Sitzen und Gucken.

Glücklicherweise bin ich neben der mir eigenen Ungeduld auch mit einem Beruf gesegnet, der mich so vieles mit großen Kinderaugen betrachten lässt. Aha, die Peruaner spülen alles immer unter fließendem Wasser ab, weil sie es eklig finden, ins Spülwasser zu fassen. Kann man so sehen. Aha, die Bolivianer fürchten vor allem eines für ihre Kinder, nämlich dass sie erfrieren könnten. Deshalb mummeln sie die Steppkes ein wie die Eskimos. Das ist in den Anden eine kluge Strategie, im Amazonasgebiet weniger.

Ja, so vieles können wir Mitteleuropäer nur schwer begreifen, aber manches können wir, nachdem wir es vermisst haben, umso mehr genießen. Ich liebe noch immer meine warme Heidelberger Dusche, von der ich keinen Stromschlag bekomme, den Luxus eines Vollkornbrötchens oder eines naturbelassenen Joghurts.

Aber so überlegen und fortschrittlich, wie wir uns oft in der vermeintlich ersten Welt dünken, sind wir gar nicht. Die Wärme der peruanischen Frauen, die Gemeinschaft, die Zugehörigkeit zur Familie, die Zuversicht, die aus einem ganz eigenen Konglomerat von christlichem Glauben und erdverbundener Inkatradition herrührt, das hat mich im Innersten berührt und demütig gemacht.

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Gleichzeitig hat sich der Blick auf das Vertraute verändert. Nein, ich konnte niemandem in Peru und Bolivien wirklich erklären, wie das mit dem Arbeitslosengeld funktioniert und warum in Deutschland Bildung ganz oft kostenfrei ist, aber ich habe gelernt, solche Errungenschaften neben einer funktionierenden Kranken- und Rentenversicherung als einen Segen zu begreifen. Solche Bewusstseinserweiterung, die ganz ohne halluzinogene Substanzen erreicht wird, imprägniert mich übrigens immer noch gegen die Miesepetrigkeit und gegen Zukunftsängste.

Der Blick von außen tut gut und lässt uns wachsen, er verschiebt die Relationen. „Zeit ist Geld“ war viele Jahre für mich ein schier ehernes Gesetz. Aber, wenn auf einmal derselbe Mensch viel Zeit, aber wenig Geld hat, dann wird er zu einem Anderen. Einem Zeitgenossen, der lange Strecken zu Fuß geht, statt im Bus oder Taxi zu fahren, dabei sich selbst spürt und ganz viel Unbekanntes entdeckt.

Im Gehen ist dann auch Platz für Erkenntnis. Kostprobe gefällig? „Was ist das Wertvollste, das ich bei mir habe?“, fragte ich mich eines Tages beim Gang entlang des Rio Chili. „Mein Laptop oder meine Kreditkarte? Nein, mein Pass“, schoss es mir durch den Kopf. Dass der ein deutscher ist und mir das Leben in einem der wohlhabendsten Länder dieser Erde ermöglicht, ist ein Geschenk des Schicksals, kein Verdienst meinerseits. Schätze ich das? Ich versuche es jetzt mehr als früher. Reisen kann nachdenklich machen und hinter gedachte Gedanken gibt es bekanntlich kein Zurück mehr.

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Ich bin über mich hinausgewachsen und alleine, nur mit mir als Reisegefährtin unterwegs. Dabei habe ich so viel gelernt über das, was ich wirklich brauche, wie noch nie zuvor. Gelangweilt haben ich und mein alter ego uns keine Sekunde, aber die Kunst der Muße als letzte und ursprünglichste Quelle der Kreativität, die durfte ich dabei in mir wieder entdecken.

Muße – so ein altertümlicher Begriff wie Habseligkeiten oder Kleinod. Muße bedeutet, der Herrschaft der Zeit enthoben zu sein, ein Gefühl der inneren Freiheit und Losgelassenheit. Das scheint uns auf Reisen viel besser erlernbar als im Hamsterrad des Alltags. Muße bedeutet keineswegs Untätigkeit, habe ich gelernt, sondern kann zum Produktivsten und zum Erfülltesten gehören, was wir je getan haben. Sie bedeutet innehalten, sich weiten, einfach zu sein.

Letztlich ist es aber Begegnung, die uns verändert und das Unterwegssein lange fruchtbar macht. Für mich waren dies die Kinder. Die Mädchen und Jungen von Casa Verde in Arequipa und Cusco. Sie haben mir am Allermeisten beigebracht. Diese Kinder, die, vergewaltigt und verwahrlost, endlich einen Schutzraum gefunden haben. In diesen Kinderheimen, Albergues, wie sie heißen, bekommen sie ein Dach über dem Kopf, regelmäßige Mahlzeiten, Bildung, Gesundheitsversorgung und die Abwesenheit von Gewalt. So selbstverständlich für viele von uns und so neu für sie.

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Wenn es gelingt, diese grauenhaften Wunden, die sie mitbringen, durch Lebensfreude und die Gemeinschaft vernarben zu lassen, trägt das durchs Leben. Wie sie mit so wenig so fröhlich sein können, aus dem Nichts Zuversicht schöpfen und dabei die Anderen nicht aus dem Blick verlieren – darin sind sie mir leuchtende Vorbilder.

Da passiert es dann auch, das kleine, große Glück. Wenn beispielsweise ein zehnjähriges Mädchen, das wegen Diebstahl aus einem Kinderheim flog, Dir eines Morgens einen 20 Soles-Schein überreicht, den Du vor Deiner Tür verloren hast. 20 Soles, etwa sieben Euro, für sie ein Vermögen und gleichzeitig der erste Schritt in ein neues, selbstbestimmtes Leben.

Reisen bildet, nicht nur den Intellekt, das Auge, die Erfahrung, sondern auch das Herz, es schult unseren Blick für die Schönheit, der uns in der Hast so schnell verloren gehen kann. So gesehen sind Reisen, egal wohin sie uns führen, immer vortreffliche Gelegenheiten, über uns selbst hinauszuwachsen.

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Nie im Leben hatte ich vor, einen mehr als 6000 Meter hohen Vulkan zu besteigen. Ich bin nicht ganz schwindelfrei und auch nicht sonderlich ehrgeizig. Aber dann entstand die Idee, mit meinem Mitbewohner, dem 18-jährigen Marathonläufer Jasper aus Frankfurt, und dem Sohn meiner Gastmutter namens Aldo, einem ehemaligen Bergführer, den Schritt zu wagen.

„Was tu ich hier?“ Diese Frage hämmerte eine ganze Nacht im Basislager in meinen Schläfen. 5000 Meter Höhe, minus 10 Grad, Kopfweh, Bauchweh und bleierne Watte in den Gliedern. Aber der Aufstieg in der Dunkelheit, die langsam aufgehende Sonne über den Gipfeln, mein Herz, das raste wie das eines Meerschweinchens, und am Ende das Gefühl, es geschafft zu haben: das pure Glück des Augenblicks.
Das sind die Edelsteine der Erinnerung, die unser Dasein ausmachen. Das gibt Hoffnung und das stärkt für die Reise des Lebens.
Der Weg ist das Ziel, das gilt für die Reise des Lebens mehr als für jede andere. Und deswegen möchte ich den unvergessenen Wilhelm Busch anführen, der in „Plisch und Plum“ den Mister Pief, eine Art Karikatur eines englischen Reisenden im karierten Anzug mit Teleskop sagen lässt: „Schön ist es auch anderswo/Und hier bin ich sowieso“.

Mit diesem Paradox, dem Plädoyer fürs Reisen und fürs Daheimbleiben zugleich, dieser melancholischen Lebenserfahrung des Weges als Ziel, möchte ich Sie gerne inspirieren, die Ausstellung „Reiselust“ als einen Impuls für die Reise zu sich selbst zu nutzen. Ganz im Sinne des vor kurzem verstorbenen Roger Willemsen, der als Weltreisender nahezu alle Enden der Erde besuchte und gerne den Satz zitierte: „Eigentlich hatte ich ein wunderschönes Leben, leider habe ich es zu spät gemerkt“.

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Heidelberg ist ein idealer Ort zwischen Aufbruch und Ankommen. Hier herrscht das rechte Maß zwischen Heimeligkeit und Weltoffenheit; deswegen ist eine Ausstellung zum Thema Reiselust nirgendwo so gut aufgehoben wie hier. Genießen Sie diese Auszeit vom Alltag.

http://www.museum-heidelberg.de/pb/,Lde/Startseite/Sonderausstellungen/Reiselust.html

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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