Sonnenbrand am Titicacasee

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Jaaaah, es war unvernünftig, sich auf der Halbinsel Capachica im Titicacasee über Mittag für ein Viertelstündchen auf einen Stein zu legen und das Gesicht in die Sonne zu strecken. Doch der Wind blies so frisch, die Jacke blieb ohnehin zugeknöpft und die wärmenden Strahlen taten wohl auf der Haut. Zumindest kurzfristig.

Einige Zeit später begann die Gesichtshaut zu kribbeln und zu brennen. Mein mitgebrachtes Halstuch wurde kurzfristig zum Mund- und Nasenschutz unter der Sonnenbrille umfunktioniert, die Sonnencreme Lichtschutzfaktor 50 war da schon nutzlos. Voll vermummt brachte ich die mehrstündige Wanderung zu Ende. An der Hütte angekommen, begann ich Quasimodos Schwester verblüffend zu ähneln. Meine Lippen verformten sich zur Kraterlandschaft, das Gesicht schwoll an. Der Herpesvirus nützte die Gelegenheit für den großen Autritt.

Zugegeben, ich bin eine fast fanatische Mützenverächterin in jeder Form. Im Winter wärmt meine Haarpracht in den meisten Fällen zuverlässig meine Ohren und im Sommer schützt sie vor Sonnenstich. Ich hasse eigentlich jede Art von Kopfbedeckung –  bislang ohne Konsequenzen. Das könnte sich ändern.

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Ein bisschen hatte ich mich schon in Arequipa gewundert (Dank für beiden oben stehenden Bilder an Dennis Beckmann, bei meiner eigenen Kamera war der Akku leer). Fast jede Familie verfügt über ein ganzes Arsenal von Hüten (Sombreros oder Schildkappen zumeist), auf den Straßen sind die Verkäufer von Kopfbedeckungen so häufig zu finden wie die von Eis, Süßigkeiten und Zeitungen.

Selbst Einheimische mit dunkler Hautfarbe kennen die Bedeutung von Sonnenmilch. Das hängt mit der Sonnenintensität zusammen. In Peru sind die Stufen 11 bis 12  auf dem UV-Index die Regel. Für deutsche Verhältnisse ist das nicht nur „sehr hoch“, sondern sogar „extrem“. Bei uns würde ab Stufe 9 vom Aufenthalt im Freien abgeraten.

Doch warum ist das so? Zwei befreundete Physiker, einer im Nebenzimmer in Arequipa, der andere Astronom in Heidelberg, helfen weiter. Danke dafür, euch beiden!

Also, Arequipa liegt in der Nähe des Äquators, genauer gesagt auf 16 Grad südlicher Breite, innerhalb der Wendekreise, das heißt, die Sonne steht jeden Tag zur Mittagszeit „sehr hoch“. Schon deshalb kommt immer viel Sonne, Licht sowie Wärme hierher. Das ist der „Australien-Effekt“.

Den Hauptgrund für das intensive Sonnenlicht bildet aber die Höhe von 2300 Meter (am Titicacasee fast 4000). Selbst in Europa kennen wir ja den Effekt, dass die Sonne auf den Bergen intensiver scheint. Die Erdatmosphäre, die Lufthülle, wirkt nämlich „mildernd“, das heißt sie schwächt das Sonnenlicht. Insbesondere absorbiert sie das blaue Licht und noch mehr das Ultraviolett (UV).

Der Effekt lässt sich an einem Sonnentag überall auf der Welt beobachten. Sonnenauf- und -untergänge sind rötlich: In Wahrheit wird dabei nicht die Sonne „gerötet“, sondern sie wird „ent-bläut“. Denn bei Auf- und Untergang der Sonne absorbiert die Luft entlang des längeren Wegs durch die Atmosphäre Licht bei allen Wellenlängen, deshalb kann man dann auch direkt in die Sonne schauen – aber bei kurzen Wellenlängen (blau und UV) absorbiert die Luft noch viel mehr als bei längeren Wellenlängen (rot, Infrarot).

In Peru ist der Effekt genau umgekehrt. Durch die viel „dünnere“ Luftschicht in großer Höhe wird viel weniger blau und UV absorbiert, deshalb ist das Sonnenlicht intensiver, gefährlicher und eher „bläulich“. Ende der Physikstunde!

Allerdings fiel mir gerade eine Artikel des Spektrum-Kollegen Daniel Lingenhöhl zu den im letzten Jahr gemessenen Extremwerten in Bolivien ein, den ich an dieser Stelle gerne verlinken möchte. http://www.spektrum.de/news/strahlungsrekord-in-bolivien-gemessen/1300023

Auf alle Fälle weiß ich nun Bescheid, bin vorerst kuriert (wenn auch noch nicht vollständig im Gesicht) und habe mittlerweile eine dunkelblaue Schildkappe mit schicker Peru-Aufschrift erworben, die zu meiner ständigen Begleiterin werden dürfte.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kirsten Baumbusch schrieb (28. Januar 2015):
    > Die Erdatmosphäre, die Lufthülle, wirkt nämlich „mildernd“, das heißt sie schwächt das Sonnenlicht. Insbesondere absorbiert sie das blaue Licht und noch mehr das Ultraviolett (UV).

    Das blaue, violette und (nah-)ultraviolette Licht (UVA) wird von der Erdatmosphäre offenbar kaum absorbiert, sondern vor allem gestreut;

    vgl.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenstrahlung#D.C3.A4mpfung_durch_die_Atmosph.C3.A4re

    (Siehe auch die besonders auffällige Blaufärbung, die „beide[!] oben stehenden Bilder“ auszeichnet.)

  2. Ach ja, das sind so Erfahrungen, die man manchesmal erst machen muss, bevor einem die dahinter stehenden Phänomene so richtig klar werden.
    Und nebenbei: Ich glaube, ein Sombrero würde Ihnen auch stehen. 😀 Ich frage mich aber gerade, ob die nicht den Herren vorbehalten sind, bzw. ob es dabei auch Unterschiede bezüglich Damen- und Herrenbekleidung gibt? Wikipedia ist da gerade nicht sehr aufschlussreich.

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