Was Hitler wirklich war

Wieder einmal konnte sich das Feuilleton nicht zurückhalten. Wieder einmal fehlte das Vokabular, einfach verständliche, aber beleidigende Grobschlächtigkeit beizubringen, wo sie angebracht ist. Also nahm die Autorin sich der Beleidigung du jour an und malte Adolf Hitler nicht als Dämon – was zu Recht aus der Mode gekommen ist1 –, sondern schwafelte vom ‘sozialen Autisten’.

Mann, Österreicher, Politiker, Kriegsherr, Schriftsteller, Maler, Veteran, Massenmörder …

Das an sich wäre schon übel genug, aber so ein Unfug wird dann noch heftig verteidigt. Man müsse doch sagen dürfen. Das sei auch nicht auf Autisten gemünzt. MEINUNGSFREIHEIT! All die üblichen, lauen Argumente, die jedem intelligenten Menschen zeigen, dass jemand sich in seinen Vorurteilen ertappt fühlt .

Meinungsfreiheit bedeutet nicht Faktenfreiheit. Es bedeutet auch nicht, jeden Quatsch, der einem mehr als 30 Sekunden im Schädel rum schwirrt, unwidersprochen veröffentlichen zu müssen. Ganz im Gegenteil, Widerspruch gehört zur Meinungsfreiheit, ist die Grundlage sozialen Fortschritts.2 Dabei kann und darf Widerspruch auch auf gesetzlicher Ebene stattfinden: Es gibt Paragrafen, die Beleidigungen von Individuen und Gruppen ahnden.

Widerspruch muss ertragen werden

Auf Facebook verteidigte ein Mitglied den Begriff ‘Autist’ damit, dass man ja auch nicht alle Vegetarier beleidige, wenn man sage, Hitler sei Vegetarier gewesen. Er setzte somit die Sätze

‘A ist Vegetarier’ und ‘A ist Autist’

gleich.

Das sind sie allerdings bestenfalls auf syntaktischen Ebene – ja, ‚Vegetarier‘ und ‚Autist‘ sind Hauptwörter, die in Sätzen gleiche funktionale Stellen einnehmen können. Semantisch unterscheiden sich beide jedoch kräftig. ‚ Vegetarier‘ ist bsplw. eindimensional: Hitler ass kein Fleisch.3 Das reicht aus, um ihn zum Vegetarier zu machen. Es ist keine Aussage über seine Motivation, keine über die Faszination, die er auf ein ganzes Volk ausübte. Niemand käme auf die Idee, daraus zu folgern, Vegetarier seien prädestiniert, Massenmörder zu werden.

Hinter Autismus steht ein komplexes, [sozial-]medizinisches Symptomgeflecht, das selbst für Fachleute nicht im Vorübergehen diagnostizierbar ist. Noch weniger für Laien oder gar Feuilletonisten. Sich ein oder zwei mögliche Anzeichen zu nehmen und daraus eine hochkomplexe Diagnose abzuleiten, noch dazu rein historisch, ergibt zwar auch einen Faktensatz, der wahr oder falsch sein kann. Nur bleibt er unbeweisbar, da eine echte Diagnose nicht möglich ist.

Es mag sein, dass unter Amokläufern und Massenmördern ein hoher Prozentsatz an Menschen zu finden ist, bei denen einige autistische Symptome ausgeprägt sind – ich weiss es nicht. Nun gibt es so wenig Massenmörder und Amokläufer, noch weniger, die real diagnostiziert sind, dass eine Aussage darüber uninteressant ist. Das Sample ist schlicht zu klein, irgendeine sinnvolle Aussage darüber zu treffen.

Noch schlimmer ist die Tendenz die logische Folge

A –> B [aus A folgt B]

fehlerhaft in

Wenn ’A –>B’, dann ‘B –> A’

zu wandeln.

Sie kennen das im realen Leben: ‘Wenn es regnet, ist die Strasse nass’ lässt sich nicht gültig in ‘wenn die Strasse nass ist, regnet es’ wandeln. Setzen wir in obige Sätze ‘Autist’ und ‘Massenmörder’ ein, sollte jedem die Unsinnigkeit beider Sätze auffallen:

Aus ‘Massenmörder’ folgt ‘Autist’

und [fehlerhaft!] umgekehrt

Aus ‘Autist’ folgt ‘Massenmörder’

Die Umkehrung zeigt auch, weshalb die oft als metaphorisch herausgeredete Nutzung von ‘Autist’ problematisch ist. Autisten können ein Lied davon singen, denn sie werden schräg angeschaut. Sie werden für potenzielle Amokläufer gehalten. Genau das wird und soll durch die Verwendung suggeriertwerden: ‚Sie sind Autist? Friedrich, lass uns besser die Strassenseite wechseln, damit der uns nichts tun kann.‘

Es ist doch interessant, dass vor allem „böse“ Menschen, die schreckliche Taten vollbrachten, in den letzten Jahren verstärkt als ‚Autisten‘ beschimpft werden – was zu recht echte Autisten beleidigt. Das Wort wird benutzt wie ‚Spasti‘ in den 1970ern auf Schulhöfen.

Hitler war vieles: Mann, Österreicher, Politiker, Kriegsherr, Schriftsteller, Maler, Veteran, Massenmörder und und und. Genau wie Amokläufer und vergleichbare Massenmörder meist Männer sind, aber das wird nicht weiter als verbindendes Element genannt. Lieber nimmt man das für die meisten Leser, Hörer, Zuschauer sichere ‘Autist’, denn das sind nur wenige. Das ist die Zielgruppe wahrscheinlich nicht und kann sich bequem in ihrer Abneigung suhlen.

[Teile dieses Textes erschienen online bereits bei Facebook in einem Kommentar meinerseits.]

Notes:
1. Es hilft nicht, diesen und ähnliche Männer zu biblischem Bösem zu stilisieren, statt ihr Menschsein zu anzuerkennen und damit für Analysen und Massnahmen zur zuküftigen Verhinderung zu öffnen.
2. Ich verweise mal wieder auf Karl Poppers politischer Philosophie und  Epistemologie.
3. Das ist historisch möglichweise belegt.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wichtiger als die Frage «Was Hitler wirklich war» ist wohl die Frage «Wer war Hitler ». Die Antwort darauf ist: Hitler war zuerst Reichskanzler, später dann selbsternannter Führer des deutschen Volkes. Er wurde am 30.1.1933 vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg als Reichskanzler eingesetzt nachdem Hitlers Partei 1930 zur zweitstärksten und im Juli 1932 zur stärksten Partei geworden war und Hitler vorher eine Regierungsbeteiligung, die ihm von Kanzel Brüning angeboten wurde, abgelehnt hatte.
    Die Wähler und Ermächtiger Hitlers wussten mit wem sie es zu tun hatten, denn Hitler hatte vorher nicht nur sein Buch «Mein Kampf« geschrieben sondern unzählige Reden gehalten, zu denen er oft mit dem Flugzeug anreiste.
    Hitler war bezüglich seiner Ansichten und Absichten (bis auf die Kriegsabsicht) fast so offen wie heute Donald Trump (Trump ist „rassistisch“, isolationalistisch, protektionistisch und amerikanistisch (nationalistisch) und er sagt das auch und steht dazu).
    Hitler vertrat Ansichten, die im deutschen Volk weitverbreitet waren, auch wenn dieses Volk die Partei Hitlers wegen ihres Extremismus zuerst ablehnte. In einer Zeit der Währungs-und Wirtschaftskrise und einer zunehmend polarisierten, versagenden parlamentarischen Demokratie hatten aber am Schluss die meisten Deutschen den Eindruck es gebe nur noch die Alternative zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus.
    Ob Hitler nun Autist oder Narzisst (wie Trump) war spielt eine untergeordnete Rolle angesichts der Tatsache, dass er in vollem Bewusstsein seiner Ansichten und seiner Person von der Mehrzahl der Deutschen als Heilsbringer gesehen wurde, dass seine Partei zur stärksten gewählt und Hitler von Hindenburg als Reichskanzler eingesetzt wurde. Hitler war wie Trump ein offenes Buch und trotzdem oder gerade deswegen wurde er gewählt (Trump dürfte das nicht gelingen).

    Aber klar ist die Zuweisung einer Autismus-Diagnose an Hitler nicht nur wegen dem offensichtlichen Versuch, alles auf die Person Hitlers abzuschieben, besonders problematisch. Zudem ist die Autismus-Diagnose viel problematischer als der Verdacht auf Hitlerschen Narzissmus, denn der Narzissmus kann wohl rein entwicklungspsychologisch erklärt werden, während der Autismus ein viel tiefer reichendes Krankheitsbild ist. Autismus ist zudem ein schon recht altes und unter Politikern beliebtes Schimpfwort, das der Verunglimpfung dient.

    Doch letztlich finde ich jeden Versuch einer Psychopathographie Hitlers von vornherein problematisch. Problematisch mindestens, wenn es letztlich darum geht, das dritte Reich samt all dessem was damals unter Hitlers Regime geschah auf die Person Hitlers zurückzuführen.
    Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass ein anderer nationalsozialistischer Führer, ja jeder andere nationalsozialistische Führer humaner vorgegangen wäre als Hitler. Vielleicht wäre ein anderer Führer gar so human und vorsichtig vorgegangen, dass es heute immer noch ein drittes Reich gäbe.

  2. Herr Hitler war ein „cooler Typ“, der Schreiber dieser Zeilen ist zigfach international positiv auf den „Führer“ angesprochen worden, auch von Damen, die ihn erklärtermaßen (zumindest) als Mann schätzten.
    Andere sehen dies anders, zur Kenntnis zu nehmen bleibt in diesem Zusammenhang womöglich dieses Audio-Dokument:
    -> https://www.youtube.com/watch?v=t_Xf3l7RjBk

    Es bringt nichts den „Führer“ zu pathologisieren (genauso wie islamisch motivierte Attentäter nicht bundesdeutsch pathologisiert werden müssen, auch wenn dies vielleicht kommod erscheint), es wäre womöglich besser ihn als großes politisches Talent anzuerkennen (und zu bekämpfen, als Schwein, gerne auch nachträglich).

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer