Unsere Mütter, unsere Väter–eine Rezension

Hier folgt die Kurzfassung eines längeren Eintrags zu Krieg, 3. Reich und deren Aufarbeitung in Film und TV aus meinem anderen Blog. Während ich dort auch etwas mehr über andere Produktionen sowie die Geschichte meiner Familie sage, konzentriert sich dieser Beitrag auf die aktuell laufende deutsche Produktion Unsere Mütter, unsere Väter des ZDF.

Nico Hofmanns Unsere Mütter, unsere Väter zeigt den Zweiten Weltkrieg aus deutscher Sicht, wie US-Produktionen den Krieg auf amerikanischer Seite zeigen: realistisch, ungeschönt, ehrlich – offenbar inspiriert von Band of Brothers. Im bisher ausgestrahlten ersten Teil zeigt sich das in der Schnitttechnik, Kampfszenen sind durch Entfernen einzelner Bilder gerafft, Zeitlupe wird zwischengeschaltet.

Anders als in den US-Serie haben wir es nicht mit nur leicht dramaturgisch überarbeiteter echter Geschichte zu tun, sondern sehen komplett fiktive Menschen. Da zeigen sich dann Schwächen. Die Gruppe, deren Mitglieder wir folgen, ist ein wenig zu didaktisch gewählt:

  • der Karriereoffizier mit Gewissen
  • der pazifistische Bruder, der gezwungenermaßen in den Krieg zieht [ausgerechnet in der Kompanie seines Bruders]
  • die angehende Schauspielerin, die ihre sexuelle Ausstrahlung nutzt, um den jüdischen Freund zu retten
  • der jüdische Freund
  • das naive Mädchen, das jeden Propagandamist glaubt, bis sie an der Front die Folgen des Krieges sieht.

Kein überzeugter Nazi, alles Mitläufer unterster Kategorie mit vagem Anflug von Widerstand. Man hört Jazz, obwohl Goebbels und ‘der Führer’ diese Musik als ‘entartete Negermusik’ verurteilen. Immerhin ergibt sich da einer der raren humoristisch gelungenen Aspekte: die gehörte Platte ist von Teddy Stauffer. Man hat seinen Juden im Keller – gut, er ist [bisher] nicht im Keller versteckt, aber man verschafft ihm einen gefälschten Pass. Die junge Naive unterstützt eine Zeitlang eine jüdische Russin im Frontlazarett. Der Pazifist macht russische Flieger auf den Kompaniestandort aufmerksam. Der Offizier legt sich mit dem SS-Sicherheitsdienst an, um jüdische Kinder zu retten.

Das ist alles zu sehr Entnazifizierungsentschuldigung wie sie die Alliierten nach dem Krieg hörten. Unser Väter, unsere Mütter waren doch gar nicht wirklich üble Kandidaten, sie waren sogar Widerständler.

Leider wirkt sich das auch auf die Dialoge aus, die ohnehin an der deutschen Unsitte leiden, alles zu erklären, statt es zu zeigen. Der Zuschauer wird da für erheblich dümmer gehalten, als er ist.

Am deutlichsten wird dies im Feuergefecht zwischen Winters Kompanie und russischen Scharfschützen. Offiziere, Unteroffiziere und Schützen schreien lauthals Aufgaben und Taktik heraus, mit der sie die Russen ausschalten wollen. Im ästhetischen Vorbild Band of Brothers wird dem Zuschauer überlassen, was genau die Soldaten vorhaben. Diese unterhalten sich per taktischer Zeichensprache, um weder ihre Position noch ihr geplantes Vorgehen zu verraten.

Auch sonst wird viel geredet, wo Bilder sprechen könnten. Viel geredet, wo man voraussetzen könnte. Viel erläutert, wo Schauspiel gefragt ist. Die schablonenhaften Kameraden der Winter-Brüder – hier finden wir endlich den überzeugten Nazi, blond, blauäugig, hochgewachsen, arrogant, gewalttätig – sind Lautsprecher für Pseudo-Propaganda-Sätze, die sie sich an den Kopf werfen. Das wirkt teilweise albern und immer unecht.

Besonders bedauerlich, da es immer wieder Szenen und Dialogfetzen gibt, die zeigen, dass man es besser kann. Wenn z.B. die verängstigte Schauspielerin zum SS-Sturmbannführer einbestellt wird. Auch im Lazarett und an der Front sind es vor allem die stummen Momente, die überzeugen – der Versuch, einem steifgefrorenen Soldaten Wollstiefelüberzieher und Tarnponcho wegzunehmen. Das Fällen einer Fichte, um die Spitze als Tannenbaum zu nutzen. Oder als Winter sieht, wie einer Ziege das Fell abgezogen wird; Metapher statt platte Berichterstattung.

Die typischen Schwächen der Event-Programme Nico Hofmanns schaden dem Anliegen erheblich. Ist die Liebesgeschichte zwischen junger Naiver und dem älteren Winter-Bruder wirklich nötig, damit der Zuschauer sich emotional involviert fühlt? Mussten die Figuren solche Schablonen sein? Konnten Autoren, Produzenten, Regisseur und Schauspieler nicht aus papiernen Expositionsdialogen glaubwürdige Gespräche formen?

Bei allen Mängeln bleibt Unsere Mütter, unsere Väter eine empfehlenswerte Produktion, die ich jedem ans Herz lege.

  • Veröffentlicht in: Film

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nee

    „Das ist alles zu sehr Entnazifizierungsentschuldigung wie sie die Alliierten nach dem Krieg hörten.“

    * Der Wehrmachtsoffizier erschießt einen russischen Soldaten. Vor einigen Jahren: So eine Darstellung in Deutschland undenkbar.
    * Die Mannschaftsdienstgrade jagen Zivilisten durch ein Minenfeld: dito
    * Mannschaftsdienstgrade erschießen „Partisanen“: dito
    * Bedenken gegen Umsetzung des Kommissarbefehls aus dem Militär: Historisch belegt.

    etc.

    „schablonenhaften Kameraden der Winter-Brüder – hier finden wir endlich den überzeugten Nazi, blond, blauäugig, hochgewachsen, arrogant, gewalttätig“

    So nicht in den Filmen, die ich gesehen habe.

    „. Im ästhetischen Vorbild Band of Brothers wird dem Zuschauer überlassen, was genau die Soldaten vorhaben. Diese unterhalten sich per taktischer Zeichensprache, um weder ihre Position noch ihr geplantes Vorgehen zu verraten.“

    [ ] Band of Brothers gesehen? Die sind ruhig, wenn es darauf ankommt. Wie auch teilweise bei den Gefechten in Kursk.

    Irgendwie stand bei dieser Rezension erst die Botschaft und dann die Argumentation mit Filmmaterial

  2. Sehenswertes deutsches Kriegsepos!

    Während ich das Fazit teile, dass der Film (bislang 2 von 3 Teilen) als absolut sehenswert eingestuft werden kann, so sollte vielleicht auch einmal berücksichtigt werden, mit welchen Mitteln (Budget von gerade einmal 14 Mio. EUR) hier eine mitreissende, kritische und vor allem Spannende Geschichte gelungen erzählt wird. Handwerkliche Schwächen und klischeehafte Figur fielen mir jedenfalls nicht auf. Bislang einer der besten deutschen Filme der jüngeren Vergangenheit. Sollte etwas derartiges für dieses Budget möglich sein, so verzichte ich künftige gerne auf die Herren Jauch (10 Mio. p.a.) und viele andere. Bravo ZDF – das war mal wieder eine echte positive Überraschung.

  3. Hab‘ gerade eine Rezension bei Spiegel gelesen, die ich nicht teile. Es ist noch gar nicht so lange her, daß deutsche Soldaten entweder als Trottel oder als Monster dargestellt wurden. Bisher hatte ich nur im Buch „Im Westen nichts Neues“ das Gefühl dabei zu sein. Im Film war es vor allem Tom Schilling, der mich in seinen Bann zog! Auch Szenen wie: „komm Schnitzel“ erinnerten mich an das Pferdefleisch aus dem Buch von Remarque. Man kann nicht umhin dabei zu sein -selbst im Graben zu liegen oder im Unterstand. Frühere Filme erzeugten in mir: „tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert.“ Aber dieser Film ist absolut sehenswert, denn er macht, ähnlich wie das Buch von Remarque, aus dem Krieg eine Tragödie und nicht – wie in früheren Filmen – aus dem Deutschen ein Monster. Sowohl Remarque als auch dieser Film zeigt, daß aus jedem Menschen ein Monster werden kann, egal, ob er Russe, Deutscher, Engländer, Franzose oder Amerikaner ist.

  4. kommentar

    Ich gebe Ihnen recht ,endlich ein Kriegsfilm wo wir nicht Trottel oder Monster gewesen sind.Es ist Tatsache das es keine zwei Völker auf dieser Welt gegeben hat die sich dermassen bekämpft haben und vernichten wollten wie das Deutsche und das Russische.Gott stehe uns bei das wir nie wieder in diese Lage kommen.Meine Mutter Geboren 32 hat Köln überlebt.Mein Vater geb.25 Marinesoldat war ein Jahr in polnischer und britischer Gefangenschaft.Er hat nie schlecht über die Wehrmacht oder die Waffen SS gesprochen.Er sagte das 90% der Waffen SS da eingesetzt wurde wo die Hölle los was.Die Waffen SS sei vergleichbar mit den Fallschirmjägern.Da wo der grösste Mist war kamen diese Truppenteile zum Einsatz und sind gestorben.Diese Männer haben sich an keine Regeln mehr gehalten ,nur um zu überleben.