Ändert sich nicht viel

Nach vielen Jahren habe ich mir mal wieder Manfred Schmidts Nach-1945-Werke vorgenommen. Seine komödiantischen Reisereportagen bleiben Preziosen der Beobachtung; sie nehmen die erste Welle der Globalisierung durch Tourismus elegant und ironisch auf die Schippe. Eine Nähe zu Mark Twains berühmten Reisetexten – Innocents Abroad und A Tramp Abroad – ist zu spüren.

Viel bekannter ist Schmidt für seine Comicstrips um den Superdetektiv Nick Knatterton. Als Parodie auf Superheldencomics und Groschenheftchen[1] konzeptioniert, entwickelten sie sich schnell zum satirischen Kommentar auf die Tagespolitik. Neben Seitenhieben auf Politiker der Zeit, traf es ganz besonders oft das Finanzamt pars pro Steuersystem sowie die Wiederbewaffnung.

Auch interessant sind die allgemeineren, oft dem reinen [Wort]Witz geschuldeten, Sticheleien zum politischen System, die sich so gut wie gar nicht von denen unterscheidet, die wir heute auf Twitter, in Blogs und im Feuilleton finden[2]:

'Auch Olga weiß: Mord ist das einzige verbotene Mittel im Konkurrenzkampf der Freien Marktwirtschaft!'

‚Auch Olga weiß: Mord ist das einzige verbotene Mittel im Konkurrenzkampf der Freien Marktwirtschaft!‘

'In meinem Land herrscht Demodiktatur! Das Volk wählt, und ich mache, was ich will!' - 'Wie bei uns zu Haus!'

Maharadscha: ‚In meinem Land herrscht Demodiktatur! Das Volk wählt, und ich mache, was ich will!‘
Tilly Clipper: ‘Wie bei uns zu Haus!’

'Was ich jetzt tue, verstößt gegen die Grundgesetze! Aber es geschieht im Namen des Gesetzes ...'

Nick Knatterton: ‚Was ich jetzt tue, verstößt gegen die Grundgesetze! Aber es geschieht im Namen des Gesetzes …‘


Wir finden somit bereits in den 1950er – die Geschichten erschienen zwischen 1950 und 1959 – Kritik am Wirtschaftssystem, das Profit über Moral stellt, eine Demokratie, in der Wähler sich nicht immer wiederfinden, sowie der Bruch von Grund- und Menschenrechten. Letztere werden wie heute damit begründet, dass es schließlich höhere Rechte gebe und überhaupt alles auf der Basis existierender Gesetze geschehe.[3] Nick selbst hätte die Ausrede selbstverständlich nicht nötig, da er Privatdetektiv ist, kein Polizist oder Geheimdienstler.

Sechzig Jahre später mögen sich die Namen der Politiker geändert haben, unser Blank heißt de Maiziere, unsere Adenauer kümmert sich immer noch ebenso wenig um ihr dummes Geschwätz von gestern, die Details der Tagespolitik mögen andere sein als damals. Geblieben sind die Kritikpunkte, von denen wir noch viele der heutigen schon bei Schmidts Knatterton finden.

Schon deswegen lohnt es sich, Literatur zu lesen, die vor der eigenen Geburt geschrieben wurde.

 

[1] Genau gesagt Pulps, amerikanische Publikationen auf billigstem Papier, voller reißerischer Krimis, deren Vorläufer die britischen penny dreadfuls waren.

[2] Alle drei Beispiele aus der Geschichte Der indische Diamantenkoffer, der ursprünglichen fünften Geschichte um Nick Knatterton. Aus dem Sammelband Nick Knatterton – Alle aufregenden Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs. Lappan, Oldenburg, 1983. Die Geschichten sind nicht in korrekter Reihenfolge enthalten, außerdem fehlen zwei; eine genaue Chronologie der Strip-Veröffentlichung ist leider auch nicht vorhanden.

[3] Das Problem war also auch damals nicht der Missbrauch von Gesetzen, sondern Gesetze, die den Missbrauch legalisieren.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Knatterton…

    Ist großartig, und erstaunlich modern. Schade nur, dass du beim dritten Beispiel das Bild weggelassen hast, in dem er auf die Fresse kriegt…

  2. Mein Lieblingszitat ….

    … aus der „Nick Knatterton“-Serie: Als der Protagonist grundlos eingesperrt wird und am nächsten Tag freigelassen werden muss, weil offenkundig nichts gegen ihn vorliegt, gibt ihm der Justizbeamte zum Abschied mit:

    „Sie sind ein Justizirrtum. Lassen Sie sich nicht noch einmal dabei erwischen!“