Link: Das Kreuz mit dem Kulturkreis

„Sie kommen aus einem völlig anderen Kulturkreis – und wir dachten, wir könnten sie einfach so integrieren. Man hört sie derzeit oft, die Rede vom ‚Kulturkreis‘. Was ist daran so falsch? Eigentlich alles. Eine kleine Wortgeschichte aus aktuellem Anlass.

via Das Kreuz mit dem Kulturkreis – Geschichte der Gegenwart.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

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  1. Die Tabuisierung von Kulturunterschieden und die Front gegen die andere Kultur sind nur die 2 Seiten der gleichen Münze – der Münze einer Währung, die nur innerhalb des eigene Währungsraum frei zirkulieren kann. Der Währungsraum steht hier für eine zusätzliche Ebene im Diskurs: Ideen und Argumente werden nicht nur aufgrund ihres rationalen Gehalts beurteilt, sondern sie müssen eine Vorprüfung bestehen, die Prüfung ob sie überhaupt gültig und legal und nicht etwa Falschgeld oder Fremdwährung sind. Tatsächlich leuchtet es unmittelbar ein, dass eine Diskussion über die Homoehe in Russland keine Sinn macht, wenn der dortige Präsident abschätzige Bemerkungen über Homosexuelle macht und damit die rationale Ebene verlässt.
    Hier in Europa ist es üblich, Samuel Huntington’s Clash of civilizations negativ zu sehen, nämlich als Mittel der Polarisation obwohl man es auch als Versuch bewerten kann, vorhandene Lagerbildungen besser zu verstehen – und nicht etwa zu verstärken. Nur weil man über etwas redet, heisst das ja nicht, dass man es gutheisst. Warum die Russen immer wieder die Serben (in den Jugoslawienkriegen) unterstützt haben, erklärt Huntingtons Begriff kinship (Verwandrschaft) womöglich besser als jeder andere Begriff. In den USA jedenfalls ist The Clash of Civilizations das 4. häufigste Buch, welches zur Pflichtlektüre an den 10 wichtigsten US- Colleges gehört. In Princeton und Columbia ist es die Nr. 1 unter den Pflichtlektüren, in Harvard die Nummer 4. Es kann natürlich sein, dass in den USA das Lagerdenken in Bezug auf Kulturunterschiede ausgeprägter ist als in Europa. In Europa ist jedenfalls die Tabuisierung von Kulturunterschieden, das, was in Intellektuellenkreisen überwiegt.

    • @ Herr Holzherr :

      Die Tabuisierung von Kulturunterschieden und die Front gegen die andere Kultur sind nur die 2 Seiten der gleichen Münze […]

      Negativ.
      Was Sie womöglich meinen, ist der X-Ismus und sein Gegenstück, der Anti-X-Ismus, wenn es um biologisch unterscheidbare Gruppen geht. Hier hat weder der X-Ist recht, noch der nivellierende Anti-X-Ist, denn biologisch unterscheidbare Gruppen müssen nicht in jeder Hinsicht gleich performieren.

      Im Kulturellen, das ja nicht biologisch betrachtbar, gar vorbestimmt ist, ist hier aber nichts zu machen, also derart die einen gegenüber den anderen als jeweils minderleistend gegenüberzustellen.

      Kultur ist nicht fix, es darf bis soll auch beworben werden, und zwar diejenigen, die (noch) nicht anhängig sind, der Islam bspw. ist hier sehr deutlich und die Aufklärer könnten hier ebenfalls deutlich sein.

      Es spricht nichts gegen Kulturzusammenhänge und deren Verteidigung durch die jeweiligen Träger von Kultur.
      Das Motiv ‚Kulturkreis‘ mag blöde sein, Herr Dr. Wicht bspw. steifte hier ein wenig auf, aber gegen Kulturzusammenhänge und deren Verteidigung ist nichts zu sagen.
      Philipp Sarasin drischt hier mit dem sogenannten Kulturkreis also auf ein Sujet ein, das heute „nicht wirklich“ existiert, jedenfalls nicht in ursprünglich gemeinter Form.
      Und, klar, Sam Huntington liegt richtig.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • Über Kultur kann und darf man reden. Das meine ich mit „die Tabuisierung von Kulturunterschieden und die Front gegen die andere Kultur sind nur die zwei Seiten der gleichen Münze“. Wer etwas tabuisiert verunmöglicht eine Diskussion und wer etwas dämonisiert, verunmöhlicht die Diskussion ebenso.

        • Ludwig Trepl

          @M. Holzherr

          „Über Kultur kann und darf man reden. Das meine ich mit „die Tabuisierung von Kulturunterschieden und die Front gegen die andere Kultur sind nur die zwei Seiten der gleichen Münze“. “

          Wie ist das zu verstehen? Meinen Sie, daß derzeit bei uns kulturelle Unterschiede tabuisiert werden, daß man nicht darüber reden darf? Wenn es das ist: ich beobachte, daß über kaum etwas häufiger geredet wird. Wenn es etwas gibt, wogegen sich Widerspruch regt, dann ist es die Erklärung von etwas, das sich ganz anders viel plausibler erklären läßt – wie etwa die Kölner Ereignisse oder die Häufung bestimmter Kriminalitätsformen bei Angehörigen einer bestimmten Religion – mit „Kultur“ zu erklären (wenn es auch in dem Sinne richtig ist, daß alles, was nicht Natur ist, Kultur ist). Aber Widerspruch ist etwas anderes als Tabuisierung.

          Kulturkreise gibt es durchaus, aber es gibt sie erst, wenn die durch Fremd- oder Eigendefinition dazu gemacht werden. Ein krasses Beispiel für die Entstehung durch Fremddefinition ist „Indianer“ („Schwarze“ nicht, der Begriff ist rassistisch, nicht kulturalistisch – was „Indianer“ erst spät wurde, als man die „rote Rasse“ erfand). Durch Selbstdefinition entstand bspw. das, was die Haltung Rußlands zu Serbien erklärt: „Die Slawen“ als Kulturkreis.

          • Einen Kulturkreis erlebt man, wenn man spürt, dass man nicht dazugehört, wenn man nicht weiss, welche Witze erlaubt sind, ob man dem anderen in die Augen schauen darf oder ob man über etwas lachen darf oder es lieber bleiben lässt. Wenn heute innerhalb von Europa weniger Kulturunterschiede erlebt werden, heisst das, dass viele solche Unsicherheiten weggefallen sind und es eventuell eine gemeinsame Basis gibt die trotz Kulturunterschieden trägt.

            Eine Tabuisierung von Kulturunterschieden liegt für mich vor, wenn man überhaupt nicht darüber sprechen darf, dass gewisse Verhalten von Menschen anderer Kultur einen verunsichern können. Es heisst dann, alles ist OK ausser es verstösst gegen das Gesetz. Damit sind dann auch die Vorfälle von Köln abgehandelt. Es waren Kriminelle, mehr darf und soll darüber nicht gesagt werden.

          • @ M. Holzherr

            „Einen Kulturkreis erlebt man, wenn man spürt, dass man nicht dazugehört, wenn man nicht weiss, welche Witze erlaubt sind, ob man dem anderen in die Augen schauen darf oder ob man über etwas lachen darf oder es lieber bleiben lässt.“

            Das erlebe ich immerzu, obwohl diejenigen, die mir dieses Erlebnis bescheren, „Herkunftsdeutsche“ sind, und obwohl ich der Gruppe, zu der ich nicht gehöre, viele Jahre lang, meist meine ganze Kindheit und Jugend hindurch, angehört habe. Was bauen Sie da wieder für einen Popanz auf! – Kulturkreis kann schon ein sinnvoller Begriff sein, aber so, wie Sie den Begriff verstehen wollen, ist es einfach Unfug.

  2. Ja, ja – die fremden Kulturkreise sind wirklich ein Problem:
    Das Christentum kommt aus dem Nahen Osten, die Schrift stammt von den Phöniziern, Mathe kommt von den Arabern bzw. aus Indien – und der Nikolaus kommt aus der Türkei.
    Die Demokratie kommt aus Griechenland – aber wenn man sich die Zustände dort ansieht, zweifelt man daran.
    Da wird doch der Osterhase, der bunte Eier legt, ein wichtiges Symbol unserer Kultur. Viel mehr eigenständige Kultur hat unser ´Kulturkreis´ nicht zu bieten.

  3. Pflichtsprache DeutschIntegration auf die harte Tour

    Im schweizerischen Egerkingen müssen Schüler auch in der Pause Deutsch reden. Wenn Kinder und Eltern nicht mitmachen, setzt es was. Egal, woher die Egerkinger Kinder stammen: Auf dem Schulhof soll deutsch gesprochen werden.

    An Egerkingen fährt jeder irgendeinmal vorbei. Das Dorf am Fuße des Jura ist der emblematische Ort der motorisierten Schweiz im Stau- und Dichtestress. Es liegt im Schnittpunkt ihrer Autobahnen. Wer aus Deutschland in den Süden will, kennt die Ausfahrt Egerkingen. Die europäische Nord-Süd-Achse kreuzt sich hier mit der Verbindung zwischen Genf und St. Gallen. Als das Schweizer Fernsehen seine erste eigene Serie produzierte, gab es ihr den Namen „Motel“ und drehte in Egerkingen.

    Seine Hotels – jede zweite Übernachtung des gesamten Kantons Solothurn wird hier gebucht – sind für den nationalen Zusammenhang so wichtig geworden wie das „Bahnhofbüffet Olten“ in der Nachbargemeinde, dem Eisenbahn-Knotenpunkt des Landes, in dem die Sitzungen der Parteien, Verbände und Gewerkschaften stattfinden, wenn die Teilnehmer mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Hier wurde der dissidente Schweizer Schriftstellerverband gegründet, der sich während der Zeit seines Bestehens „Gruppe Olten“ nannte.
    Ein Maßnahmenbündel inklusive Dresscode

    In diesen Tagen ist Egerkingen zum neuen Seldwyla geworden. Rund 3500 Einwohner haben hier ihren permanenten Wohnsitz. Der Anteil der Ausländer liegt bei knapp unter dreißig Prozent. Die Zustimmung für die „Initiative gegen die Masseneinwanderung“ war beträchtlich, gleichzeitig wurde einst ein Parlamentsbeschluss „Für die Finanzierung und den Ausbau der Eisenbahnstruktur“ abgelehnt.

    In Egerkingen regiert das Auto. Doch in Zukunft sollen die Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule fahren. Dass sie es tun, rechtfertigen sie mit der Sicherheit ihrer Kinder, nicht nur auf der Straße. Der fromme Wunsch der Gemeindebehörden ist Teil eines Pakets von Maßnahmen, zu dem auch ein Dresscode mit Vorgaben zu Bauchnabel und Dekolleté gehört. Wer sich nicht an ihn hält, bekommt einen Pullover oder eine Hose. Handys und andere elektronische Geräte müssen auf dem ganzen Areal ausgeschaltet bleiben, sonst werden sie eingezogen.

    Und überall, auch außerhalb des Klassenzimmers, soll nur noch Deutsch gesprochen werden. Wer gegen diese Regel verstößt, wird bestraft. Zunächst gibt es eine mündliche Verwarnung. Beim zweiten Mal bekommen die Eltern einen schriftlichen Verweis. Und dann wird es teuer: Die Kinder werden zu einem Deutschkurs verdonnert, den die Familien bezahlen müssen – zehn Lektionen kosten 550 Franken (rund 500 Euro).
    Gegen die Diskriminierung der kleinen Schweizer

    23 verschiedene Muttersprachen werden in der Schule gesprochen. Es gibt Klassen, in denen die Ausländerkinder siebzig Prozent der Schüler ausmachen. Als wichtigsten Grund für die Pflichtsprache Deutsch auf dem ganzen Areal nennen die Behörden die Diskriminierung und Ausgrenzung der kleinen Schweizer. Deutsch als einziges Idiom soll davor schützen. Es fördere gleichzeitig die Integration der anderen Minderheiten. Mit diesem hehren Ziel wird auch die Anordnung begründet, die Schüler sollen bitte zu Fuß in die Schule kommen, und zwar zusammen. Der gemeinsame Weg führe zu einem besseren Zusammenhalt. Konsequenterweise müsste man dann allerdings auch den Schweizer Dialekt auf dem Pausenhof verbieten und alle zusammen „Hochdeutsch“ sprechen lassen.

    Ausgeheckt hat dieses Programm die Bürgermeisterin von Egerkingen. Johanna Bartholdi gehört nicht der Schweizerischen Volkspartei SVP an, sondern den Liberalen von der Freisinnig-Demokratischen FDP. Nur über den Geldbeutel, sagt sie, könne man die Eltern umerziehen. Wenn zu Gesprächen mit Lehrern oder Schulpflege ein Dolmetscher hinzugezogen werden muss, will Bartholdi die Kosten dafür nicht mehr der Gemeinde anlasten: „Es kann nicht sein, dass man das Gefühl hat, das Gemeinwesen kommt für alles auf.“ Auch die „Muki-Deutschkurse“ (für Mutter und Kind) kosten keinen Rappen. Wer Elternabenden oder offiziellen Schulanlässen unentschuldigt fernbleibt, muss in Zukunft mit einer Buße von tausend Franken rechnen.

    Quelle:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/pflichtsprache-deutsch-an-schule-in-der-schweiz-14059047.html

  4. Bah – das ist eine unreflektierte Kritik.
    Als ob „Kreise“ einander ausschlössen.
    Man denke an Venn-Diagramme und die Mengenlehre.

  5. Das anthropologische Konzept des ‚Kulturkreises‘ mag, gerade in seiner ursprünglichen Form, ablehnenswert sein, nichtsdestotrotz macht es Sinn „in Kulturen“ zu denken, wenn bestimmte, auch politische Entwicklung zu beschreiben ist.
    Cooler wäre es also schlicht in Kulturen zu denken, gerne auch im Politischen, es gibt so etwas wie einen aufklärerischen Kultur-, upps, Kulturzusammenhang, der aber auch nicht ‚westlich‘ genannt werden muss, denn der dbzgl. Westen bildet schon geographisch nicht das Gemeinte ab.

    Hierzu vielleicht noch kurz:

    Um nur kurz bei der Kölner Silves­ter­nacht zu bleiben: Durch welche ‚Kultur‘ war das Verhalten der jungen nordafri­ka­ni­sche Männer, die sich dem Vernehmen nach dort sexuelle Übergriffe zu Schulden kommen liessen, mutmass­lich mehr beein­flusst – durch das ‚islami­sche Patri­ar­chat‘ oder durch die Produkte der westli­chen Porno­in­dus­trie, die auf jedem Smart­phone zugäng­lich sind? Schwer zu sagen […] (Quelle)

    Es geht dem Zitierten womöglich gar nicht nur um die berechtigte Kritik am Konzept der Kulturkreise, sondern um die Relativierung von Kultur.
    Könnte dies sein?

    MFG
    Dr. Webbaer

    • zur Kölner Silvesternacht: Die Art und Weise, wie in Gruppen agiert wurde, zeigt ganz klar, dass die handelnden Personen sehr genau wußten, dass ihr Verhalten nicht richtig war.
      Wenn jemand genau weiß, dass er sich falsch verhält – dann sollte man diesen Leuten nicht den Begriff ´Kultur´ als Entschuldigung unterschieben.

  6. Ich verstehe die Aufregung um den Begriff „Kulturkreis“ nicht ganz. Dieser ist doch an deutschsprachigen Universitäten Standard. Beispielsweise kann man im Modulhandbuch der Universität Köln zum „Bachelorstudium Sprachen und Kulturen der islamischen Welt“ folgendes lesen: „Der Kulturkreis der islamischen Welt ist durch die islamische Religion und die arabische Sprache stark geprägt.“
    http://phil-fak.uni-koeln.de/fileadmin/phil-fak/lehre_studium/bachelor/modulhandbuecher/sprachen_und_kulturen_der_islamischen_welt.pdf

  7. Boko Haram („Westliche Bildung ist verboten“) und Jürgen Todenhöfer sehen beide den Islam im Kampf gegen den Westen (oder umgekehrt) ganz im Sinne von Samuel Huntington’s These The West versus the Rest.
    Doch Boko Haram, der IS mit seinem Kalifat oder der Iran mit seiner Theokratie sind bei näherem Hinsehen gar nicht gegen die USA oder Europa gerichtet, sondern sie richten sich gegen westliche Einflüsse in den Ländern des Islams selbst. Den vielbeschworenen Kampf des Islams gegen den Westen oder die (Neu-)Kolonisierung des islamischen Raums durch den Westen, den gibt es in Wirklichkeit nicht und Todenhöfers These Nr. 1 „Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.“ führt von vornherein in die Irre, denn den Krieg zwischen West und Islam, den er hier heraufbeschwört, ist in Wirklichkeit ein Krieg innerhalb der islamischen Welt.Die meisten Terroranschlage finden gemäss Global Terrorism Database im islamischen Raum selbst statt und zwar stark zunehmend in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Hier im Westen haben nur ganz wenige begriffen mit was für einem Phänomen wir es zu tun haben. Hier überwiegt eine Mischung von Selbstkritik, Kulturrelativismus und -exotismus auf der einen Seite (bei den Gutmenschen) und Dämonisierung der arabischen und islamischen Welt auf der anderen Seite.
    Das hat mit der Selbstbezüglichkeit des Diskurses in Europa zu tun. Diese Selbstbezüglichkeit und das fehlende historische Wissen macht es vielen unmöglich zu erkennen, um was es bei den sozialen Verwerfunge und Beben im islamischen/arabischen Raum geht. Um die Identität geht es nämlich und diese Identiät soll in vielen islamischen Ländern über eine Reislamisierung wiederhergestellt werden. Noch in den 1970er/80er Jahren gehörten modisch gekleidete Frauen zum Strassenbild Kairos, heute überwiegen tief Verschleierte. Die iranische Revolution wurde auch von Frauen mitgetragen – womit sie kurze Zeit später entdecken konnten, dass sie hinter Schleiern verschwanden. Die Reislamisierung bedeutet nichts anderes als den Verusch, den westlichen Einfluss zurückzubinden.

    Wenn hier im Titel also vom Kreuz mit dem Kulturkreis gesprochen wird, so wird wiederum eine selbstbezügliche Sicht eingenommen und der Begriff „Kulturkreis“ als falscher westlicher, kulturkämpferischer Begriff dargestellt. Doch gerade die Reislamisierung zeigt ja, dass es eine Abschottung gegenüber Fremdkultur (einen Rückzug in den Kulturkreis) nicht nur bei uns gibt, sondern eben auch und gerade im islamischen Raum. Dabei ist dieser Rückzug in den eigenen Kutlurkreis tatsächlich sehr problematisch, denn die menschlichen Probleme sind bei säkularen Westlern und bei Muslimen oft sehr ähnlich. Der Artikel The Sexual Misery of the Arab World beispielsweise zeigt die sexuelle Misere (den Notstand) in dem sich sowohl islamische/arabische Männer als auch Frauen angesichts einer rigiden Sexualmoral befinden sehr deutlich und zwar sowohl für Muslime als auch für Westler sehr gut nachvollziehbar. Das liegt einfach daran, dass Menschen in allen Kulturen in vielerei Hinsicht und in vielen Bereichen, sehr ähnlich empfinden.Kulturelle Unterschiede gibt es zwar (und zwar gewaltige), aber nicht im Empfinden, nur in der Regelung des Alltags.
    Einen Clash of Civilisations gibt es heute tatsächlich und nicht selten in der Form The West versus the Rest, weil nämlich die Globalisierung die westliche Kultur in die ganze Welt hinausträgt. Erleiden müssen diesen Clash vor allem Menschen aus nicht-westlichen Kulturen, die mit dem Wandel nicht zurechtkommen. So stellt sich für mich die objektive Sicht, – die Sicht von aussen auf die Welt insgesamt -, dar. Doch hier im Westen gibt es diese Sicht von aussen kaum. Statt dessen dominiert eine selbstbezügliche Sicht. In dieser selbstbezüglichen Sicht bedeutet Clash of Civilizations für die einen, dass wir uns hier im Westen falsch verhalten, dass wir diesen Clash konstruieren, während der Clash für den Rest der Westler ein Synonym für eine Bedrohung von aussen ist.

    • „“Kulturelle Unterschiede gibt es zwar (und zwar gewaltige), aber nicht im Empfinden, nur in der Regelung des Alltags.“

      Doch, es gibt auch Unterschiede im Empfinden, gerade bei der Schamgrenze. „Nacktheit“ (vor allem von Frauen) wird unterschiedlich empfunden und definiert.

      • Die Kultur kann Schamgefühle verstärken oder abschwächen. Doch es gibt Invarianten. Behauptung: Fast alle jungen Erwachsenen haben das Bedürfnis nach Beziehungen in der Sexualität eine wichtige Rolle spielt. Nur sind solche Beziehungen in bestimmten Kulturen nur in der (möglicherweise arrangierten) Ehe erlaubt. Das war früher auch hier so und es hat früher zu genau den gleichen Spannungen geführt wie heute in Kulturen wo das immer noch so ist. Freuds Buch Das Unbehagen in der Kutlur beschäftigt sich genau damit, nämlich mit dem Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. Die Kultur bestimmt weitgehend wer mit wem verkehren kann und wie man miteinander umgeht. Der Mensch ist aber keine tabula rasa, sondern hat Bedürfnisse, die in jeder Kultur nach Erfüllung verlangen oder wie in der Wikipedia formuliert:

        Die Kultur ist bestrebt, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Hierzu schränkt sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein; einen Teil der Aggression verwandelt sie in Schuldgefühl. Auf diese Weise ist die Kultur eine Quelle des Leidens; ihre Entwicklung führt zu einem wachsenden Unbehagen.

        Für die Gesellschaft, in der Freud lebte, war das unzweifelbar so. Ich behaupte aber, dass Kultur und Zivilisation nicht zwingenderweise zu Leiden, Spannungen und Zerrissenheit führen muss. Im schlimmsten Fall führen kulturelle Zwänge zu einem misslingenden Leben, zu einem Leben, das erst nach dem Tod – im Paradies nämlich – seine Erfüllung finden kann. Doch das muss nicht so sein. Ich bezweifle sogar, dass folgendes gilt: “ Die Kultur ist auf der Versagung von Triebbefriedigung aufgebaut.“ oder dass die Sexualität des Kulturmenschen schwer geschädigt ist.
        Doch: Freud und seine damaligen Zeitgenosseen haben das so erlebt, weil die Verbote und Einschräkungen der damaligen Zivilisation/Kultur bestehende Triebe und Verlangen ins Unermessliche gesteigert haben. Ähnlich wie man umso hungriger wird je länger man nichts gegessen hat, werden sexuelle Wünsche und Verlangen umso stärker, je mehr Hindernisse sich einen in den Weg legen.

        Kultur und Zivilisation wurden von Freud als unvereinbar betrachtet, weil sie gegen das Lustprinzip verstossen.Zitat: Der Zweck des menschlichen Lebens besteht faktisch darin, nach Lust und in diesem Sinne nach Glück zu streben; der Lebenszweck wird also durch das Lustprinzip gesetzt. Dieses Programm ist jedoch undurchführbar; „man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“

        Doch Freud hat damit nicht eine allgemein gültige Wahrheit ausgedrückt, sondern nur das Empfinden wiedergegeben, das viele seiner Zeitgenossen in der damligen Gesellschaft haben mussten. Freud’s Wahrnehmung der damaligen Lebensbedingungen wurde durch eine restriktive Gesellschaft stark verzerrt. Freud’s Diagnose, dass jede Gesellschaft neurotisiere und ganze Gesellschaften als neurotisch betrachtet werden können galt für die Gesellschaft in der Freud selbst lebte, war aber in seinem universalen Anspruch falsch.

  8. Generell werden beim Feuil­leton und in der politi­schen Sprache gerne unscharfe Begriffe verwendet, oder Begriffe werden missbraucht, um eine subjektive Meinung zu untermauern. Ich war noch nie ein großer Freund des Feuilletons außer des ironisch humorigen. Falls ich meine Meinung oder mein Weltbild zu sehr darin wieder finde, ist mir das nicht geheuer und wird es ZEIT es mal wieder grünlich zu hinterfragen. Ja, in der Ära des Smartphones und der „sozialen“ Netzwerke, wird die Verwendung des Begriffs „kulturelles Umfeldes“ noch problematischer als sie es zweifellos schon immer war.

    Die Formulierung:
    ‚… glaubt eine Mehrheit der Befragten, dass der „Kultur­kreis der Täter eine Rolle bei sexuellen Übergriffen spielt. ‚
    ist wirklich nicht korrekt und könnte zu Missverständnissen, falschen Verallgemeinerungen und Vorurteilen führen.

    Etwas besser wäre stattdessen folgende Formulierung:
    ‚… glaubt eine Mehrheit der Befragten, „dass der Unterschied des Umfelds der Sozialisierung der Täter zum Umfeld welches sie in unserer Gesellschaft vorfinden, eine Rolle bei sexuellen Übergriffen spielt“. ‚
    Ich gehe davon aus, dass eine solche Formulierung zu ähnlichen Ergebnissen geführt hätte.

    Oder
    „Sie kommen aus einem völlig anderen Kultur­kreis – und wir dachten, wir könnten sie einfach so integrieren“

    Auch das ist nicht korrekt und könnte ebenfalls zu Missverständnissen, falschen Verallgemeinerungen und Vorurteilen führen.
    Besser – wenn auch mit nichten völlig korrekt – wäre folgende Formulierung:
    „Sie sind in einem völlig anderen Umfeld sozialisiert worden – und wir dachten, wir könnten sie einfach so integrieren“

    Wären Sie damit einverstanden, Herr Haasis?

    • @ ralph :

      Lösen Sie sich gerne von Feinheiten der Art, wie etwas genau zu formulieren ist – es mag zwar Sinn machen, auch um Zustimmung und Veröffentlichung hier durchzusetzen oder zumindest: möglich zu machen:
      Es geht um Kulturzusammenhänge und diese können nicht unter Verweis auf einstmals womöglich unzulängliche Konzepte, wie bspw. bestimmte ‚Kulturkreise‘, nivelliert werden.

      MFG
      Dr. Webbaer (der sich hier hauptsächlich deshalb noch ein wenig kommentarisch bemüht, weil er sich sicher ist, dass Herr Haasis im Kern ganz OK ist)

      PS und zeitnah web-verwiesen:
      -> http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/02/14/dlf_20160214_0835_83116bd8.mp3

  9. Der Kulturkreis / der FASCHISTISCHE Kreislauf mit dem Kreuz – Es ist sehr einfach: Wir leben, konfusionieren und SPALTEN im geistigen Stillstand und „Tanz um das goldene Kalb“, seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ (erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung OHNE …) und nageln gerne irgendwelche SÜNDENBÖCKE ans Kreuz, wenn sie sich in unserem „Recht des Stärkeren“ schuldig / verdächtig machen, also die „freiheitlichen“ Wettbewerbsbedingungen im „gesunden“ Konkurrenzdenken nicht annähernd anerkennen, ausfüllen, oder kapitulativ-bewußtseinsbetäubt, wie die Verlierer dieser konsum- und profitautistischen „Ordnung“, über sich ergehen lassen.

  10. Wenn es um Interkulturelle Verständigung und Dialog geht, um Rücksichtnahme auf kulturelle Unterschiede, um Vermeidung von Konflikten zwecks besseren Geschäften, dann ist die Beachtung der kulturellen Unterschiede ganz hipp und toll und wichtig.
    Wenn es aber darum geht dass da Probleme verursacht werden die man aber nicht zur Kenntnis nehmen will, wenn es das Bild der wunderschönen supertollen Integration stört, wenn wer Anpassung der Hilfesuchenden fordert statt umgekehrt, nein, dann ist das ganz böse, asozial, höchst verwerflich.
    Selbstverständlich handelt es sich ein weiteres mal um die typische, geradezu als Normal ansehbare Doppelmoral wie sie in allen hippen und tollen und sich selber für ach so gut haltenden Medien und Aufsätzen gepflegt wird. Und weswegen der Begriff Lügenpresse Gültigkeit hat.

    • Der Islam wird das bereiten, was er seit jeher bereitet hat.
      Einer besonders aufgestauchten Sprache benötigt es nicht,
      MFG
      Dr, Webbaer

  11. Alice Schwarzer, Pegida, Samuel Huntington und die (rechten) Medien operieren nach Philipp Sarasin mit einem ausgrenzenden Kulturbegriff. Das ist die Hauptaussage von Das Kreuz mit dem Kultur­kreis
    Der andere Kulturkreis der Täter als Generalerklärung für beispielsweise die Vorkommnisse in Köln ist tatsächlich mehr als nur eine Erklärung der Geschehnisse, es ist zugleich die Bestimmung einer Gefahr, die von einer anderen Kultur ausgeht, was durch den Wortteil „Kreis“ noch verstärkt wird, denn ein Kreis ist etwas geschlossenes, das sich nach aussen abgrenzt.
    Wer mit der Rede vom Kulturkreis unüberwindbare Begegnungshindernisse verbindet, und damit suggerieren will, eine andere Kutlur bilde eine gschlossene, Dialogen nicht zugängliche Welt, der liegt tatsächlich falsch. Auch bei uns durchdrigen sich verschiedene Kulturen und diese Kulturen haben einge gewisse Durchlässigkeit.Allerdings ist es gerade das Wesen von Kultur, dass sie in Dazugehörige und nicht Dazugehörige unterscheidet. Man spricht beispielsweise davon, jemand verkehre in besseren Kreisen und meint damit, dass er zu einer anderen Welt gehört oder gehören will. Sogar Schichtunterschiede äussern sich in kulturellen Unterschiede. Eton- und Oxford-Abgänger erkennen sich gegenseitig sehr schnell – nur schon am leicht unterschiedlichen Dialekt, den sie im Vergleich zur ungebildeten Schicht sprechen. Dazu kommen dann noch ähnliche Vorlieben und eine ähnliche Gedankenwelt. Und diese Unterschiede sind in meinen Augen Kulturunterschiede, denn unter Kultur verstehe ich gerade das, was festlegt wie wir mit anderen Menschen verkehren, was der richtige Umgang ist, was die richtigen Scherze und die richtigen Gesprächsthemen sind.
    Wenn die arabische oder islamische Kultur von ihren weiblichen Mitgliedern erwartet, dass sie sich verschleiern und ihr Leben ausserhalb der Öffentlichkeit verbringen, dann wird dadurch bestimmt, mit wem diese Frauen verkehren können und letztlich wird sogar beeinflusst was diese Frauen denken. Und genau diese Steuerung dessen, wer mit wem wie kommuniziert, das ist Kultur.
    Philip Sarasin bemerkt zurecht, dass der Fortschritt in der Menschheitsgeschichte gerade durch Überwinden von kulturellen Barrieren zustande kam, Zitat:

    Eine solche Annahme [Kultur als einheitliche Art des Regierens, Glaubens, Denkens und Handelsn] war noch nie richtig – was Menschen glauben, denken und tun, wurde buchstäb­lich seit den frühesten Wande­rungs­be­we­gungen out of Africa durch Migra­tion, Handel, Hybri­di­sie­rungen und die Weiter­gabe von Wissen geprägt –, aber sie ist unter heutigen globa­li­sierten Medien- und Trans­port­be­din­gungen noch nie so falsch gewesen.

    Hier gebe ich Philipp Sarasin vollkommen recht. Was aber ist die letzte Konsequenz dieses Gedankens? Wohl der, dass sich mit zunehmender Globalisierung eine Art Weltkultur ausbilden wird und ausbliden muss. Ohne eine solche Weltkultur wissen die Menschen nicht wie sie miteinander umgehen sollen, worüber sie gemeinsam lachen und worüber sie gemeinsam trauern sollen. Leider ist die westliche Kultur der Hauptkandidat für eine solche Weltkultur, denn von der westlichen Welt wurde die Globalisierung angestossen. Dass das so ist, spüren die Menschen nicht-westlicher Kultur sehr deutlich. Der zunehmende Einfluss der westlichen Kultur führt eben gerade zu Gegenreaktionen. wie der Reislamisierung. Huntingtons These “ The West versus the Rest“ stimmt sehr wohl. Er ist nur falsch, wenn man ihn als Maxime für das Handelns des Westens auffasst, als Aufforderung zur Wachsamkeit und Aggression. Denn in Wirklichkeit bedroht nicht der Islam den Westen, sondern der Westen bedroht die islamische Kultur. Diese Bedrohung geht nicht (primär) von westlichen Waffen aus, sondern beispielsweise von westlichen Hollywood-Filmen oder von der Business-Kultur die sich weltweit angleicht.

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