Ein einfacher Vorschlag

Zum Nikolaus habe ich einen Gastautoren dazu überreden können, einen Beitrag zur angewandten Gesellschaftsphilosophie zu schreiben. Mein Dank dafür geht an den Soziologen Jonathan Gschwindtner, der sich in seinen Untersuchungen mit der Gerechtigkeitslücke in illiberalen Systemen beschäftigt.

 

Wie verhindern wir, dass Kinder ihren ALG-2-Eltern und damit der Gemeinschaft zur Last werden.

Es sollte jeden traurig machen, heutzutage durch die Straßen großer Städte zu gehen und immer wieder Mütter mit drei, vier oder sechs Kinder im Schlepptau zu sehen. Mütter, meist aus armen Verhältnissen, von ALG 2 abhängig. Sie sind kaum in der Lage, für ihren eigenen Lebensunterhalt ehrlich zu arbeiten; gezwungenermaßen opfern sie ihre Zeit hilflosen Kindern.

Wir sind uns wohl einig, dass diese ungeheure Zahl armer Kinder beklagenswert für unsere Demokratie und unseren Sozialstaat ist. Wir müssen eine Möglichkeit finden, diesen bedauernswerten Kindern fair, günstig und einfach zum Nutzen ihrer selbst, ihrer Eltern und des Staates zu helfen.

Mir geht es nicht nur um die Kinder von ALG-2-Empfängern, denen ein sinnvolles Leben geboten werden muss; es geht um alle Kinder, die Eltern geboren werden, denen das Geld schon so knapp ist.

In all den Jahren des Grübelns über dieses Problem, fiel mir auf, wie sehr viele Experten diese wichtige Aufgabe verkennen. Sicherlich mag ein Kind, frisch geworfen, von der mütterlichen Milch ein Jahr lang leben können. Der Aufwand, diese zu ersetzen, dürfte gering sein, wohl durch den ALG-2-Satz gerade abgedeckt. Doch was danach? Genau hier setzt mein Vorschlag an, wie Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen können.

Ein großer Vorteil meiner Idee ist, dass es freiwillige Schwangerschaftsabbrüche verhindert, sowie die fürchterliche Praxis manch armer Seele ihr Kind gleich nach der Geburt einfach umzubringen.

Eine kleine Umfrage brachte zu Tage, dass ein Junge oder ein Mädchen in Alter von zwölf Jahren kaum verkäuflich ist – selbst wenn jemand Interesse hätte, brächten sie nicht mehr als vielleicht € 100 oder € 150. Das deckt niemals die Kosten der Eltern für Ernährung und Kleidung dieser 12 Jahre!

Lassen Sie mich also meine Idee vortragen.

US-amerikanische Wissenschaftler bestätigen mir, dass ein gesundes, ordentlich gepflegtes Kind von ca. 1 Jahr ein sehr leckeres, nährendes und gesundes Lebensmittel ist; ob gedünstet, gebraten, gebacken oder gekocht, oder, da bin ich sicher, als Teil eines Ragouts oder Gulaschs. Genug Kinder dafür gibt es, auch wenn wir sinnvollerweise ein Sechstel jener Kinder armer Leute zur Zucht zurückhalten – ein Viertel davon männlich, der Rest weiblich, damit dürfte gut für Nachwuchs zu sorgen sein. Das sind, meines Wissens, mehr, als wir Schafen, Rindern oder Schweinen zugestehen.

Die fünf Sechstel, die wir nicht zur Zucht nutzen, werden von ihren Eltern an wohlhabende Menschen guten Standes verkauft. Selbstverständlich werden die zuständigen Behörden Mütter dazu anhalten, ihre Kinder im letzten Monat vor dem Verkauf als Einjähriges gut zu stillen, damit sie fett und rund werden. Aus einem Kind werden locker zwei Mahlzeiten bereitet werden, sofern Freunde zum Essen geladen sind. Speist die Familie allein, ergeben die vorderen oder hinteren Extremitäten bereits eine angemessene Mahlzeit. Gewürzt mit ein wenig Pfeffer und Salz sollte man auch noch nach vier Tagen ein leckeres Mittagessen haben.

Ich gehe hierbei von einem mittleren Geburtsgewicht von 3,5 kg aus und einer Gewichtszunahme im ersten Jahr von ca. 5-6 kg. Zugestanden, das ist natürlich ein teures Festtagsessen, somit eher geeignet für Investmentbanker und Vorstände großer Unternehmen, die ja den Eltern bereits das meiste genommen haben.

Kleinstkinderfleisch hätte das ganze Jahr Saison, wäre aber vor allem im März und April reichlich vorhanden. Wie ein bedeutender französischer Arzt bemerkte, ist Fisch eine Diät, mit der die Fruchtbarkeit erhöht wird. In katholischen Gegenden werden also neun Monate nach der Fastenzeit mehr Kinder geboren. Wo diese in der Überzahl sind, hilft mein Vorschlag gleichzeitig, ein Gleichgewicht zwischen Protestanten und Katholiken herzustellen.

Bei oberflächlicher Kalkulation komme ich auf Kosten im ersten Jahr ordentlich Fleisch an ein Kind zu bringen, von etwa € 1800.1 Kein anständiger Reicher wird zu knauserig sein, mindestens € 4000 für ein schönes, dickes Kind auszugeben. Wir reden hier von vier Festmahlzeiten mit der Familie oder guten Freunden, z.B. für Weihnachten oder zu Silvester! Nebenbei würden Banker und Vorstände ihr Ansehen bei den Armen verbessern, helfen sie ihnen doch mit diesem neuen Marktsegment, gut von Kind zu Kind über die Runden zu kommen.

Wer mehr auf sein Geld achten muss – die Zeiten sind nun einmal so – wird auch den Rest des Kadavers nutzen. So ergibt die Haut, fachmännisch verarbeitet und geschmackvoll geschmückt, schöne Damenhandschuhe oder feine Sommerstiefel für den Herren. Wir schaffen auch neue Arbeitsplätze, da mehr Metzger benötigt werden, auch wenn eine Hausschlachtung einiges für sich hat. Wie bei Karpfen am Jahresende.

Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem angesehenen Herren, ein wahrer Freund unseres Landes, ein tugendhafter Mann, der kaum hoch genug zu schätzen ist, über dieses Thema. Er wies mich darauf hin, dass die Jagd auf Wild bei uns nur noch ein Nischenhobby sei, da es doch zu wenig Hirsche und Wildschweine für alle gäbe. Er meinte, das Fleisch junger Burschen und Mädchen, zwischen zwölf und vierzehn Jahren alt, sollte eine gute Alternative zu Wild sein. Statt diese jungen Armen in sinnlose Ausbildungen auf Jobs, die es nicht gibt zu stecken, könnten wir sie als Jagdwild aussetzen.

Ganz sicher bin ich mir da allerdings nicht, erhielt ich von den genannten US-amerikanischen Wissenschaftlern doch die Information, älteres Fleisch sei zäh und nicht sehr schmackhaft, wohl durch das viele Rumgerenne. Es wäre auch zu beachten, dass die Weibchen dieses Alters schon selbst zur Zucht schreiten würden. Das könnte den Markt erheblich erschüttern und die Preise unter Druck bringen.

Wahrscheinlich werden einige zarter besaitete Empörkömmlinge diese Idee ohnedies für besonders grausam halten. Sie würden ihn daher in seiner Gänze ablehnen, wie sie gern alles Neue und Mutige ablehnen.

Doch, so werden die zaghafteren Geister besorgt fragen, was ist mit den älteren Armen und ALG-2’lern? Was ist mit den Kranken und Verletzten? Ich habe versucht, mich auch damit zu beschäftigen, halte es aber für verschwendete Zeit. Ich sehe da einfach kein Problem, sterben die Alten doch bald. Krankheit, Kälte, schlechte Ernährung, Ungeziefer zehren an ihnen. Auch um die jungen Arbeiter müssen wir uns nicht weiter sorgen. Sie erhalten keinen Job, ernähren sich deswegen schlecht und welken dahin. Bekommen Sie einmal Arbeit, können sie die in ihrem schwachen Zustand nicht ausführen, ohne sich zu übernehmen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die vielen Vorteile meines Vorschlags sind offensichtlich:

  1. Da wäre zuerst, wie ich bereits ausführte, die Verminderung der Papisten, deren Fruchtbarkeit Gebot ist und die uns damit unsere schöne Kultur zerstören.
  2. Wir geben unseren Armen und Ärmsten wieder etwas Wertvolles an die Hand, mit dem sie in Würde an der freien Marktwirtschaft teilhaben können. Sie zahlen ihre Miete wieder selbst, können ihren Lebensunterhalt besser bestreiten, müssen nicht in unseren Fußgängerzonen betteln.
  3. Dann senken wir die volkswirtschaftlichen Kosten, die sich aus dem Großziehen von Kindern älter als einem Jahr ergibt. Geld, das dem Markt fehlt.
  4. Diejenigen, die pausenlos neue Kinder in die Welt setzen, erreichen neben dem Gewinn pro Kind bei Verkauf auch die Ersparnis der Kosten nach dem ersten Lebensjahr.
  5. Das neue Essen sollte Restaurants mehr Kundschaft und Einnahmen bringen. Die Köche würden sich mit perfekter Zubereitung und originellen Rezepten überschlagen und so die feinen Herren und Damen zu sich bringen.
  6. Es gäbe auch ein wichtige Anreize zur Ehe, die in allen klugen Nationen entweder durch Belohnungen gefördert oder durch Gesetze und Strafen durchgesetzt wird. Fürsorge und Zärtlichkeit der Mütter würden sich verbessern, da sie sicher sein können, mit einem fürsorglich fett gezogenen Baby einen höheren Verkaufserlös zu erlangen. Schnell würde ein marktwirtschaftlicher Wettbewerb entstehen, welche Mutter wohl das fetteste Kind auf den Markt bringt. Männer würden sich während der Schwangerschaft besser um ihre Frauen kümmern, sind sie doch nun ihre Stuten und Kühe, die wertvolle Ware zur Welt bringen. Auf keinen Fall würden sie sie misshandeln, müssten sie doch Fehlgeburten fürchten!

Es gäbe noch so viele andere Vorteile, z.B. hätten wir viel mehr Rind und Schwein übrig, das wir an ausländische Märkte verkaufen können. Fleisch, das lange nicht so gut ist, wie das eines schönen fetten Babys, verkaufen wir dem ausländischen Allesfresser!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein klar denkender Mensch Einwände gegen diesen elementaren Vorschlag hat. Alle Alternativen, unser Land wirtschaftlich führend zu halten und das Problem Armut zu lösen, sind zu komplex, als dass sie einfach umgesetzt werden könnten. Viele wären illiberal und antimarktwirtschaftlich! Mein Vorschlag dagegen hilft den Armen zuerst, dann der Volkswirtschaft, wie es sich der liberale Geist wünscht. Es gibt damit ein wenig Hoffnung, dass er praktisch umgesetzt wird.

Immerhin bestehe ich nicht auf meiner Idee. Sollten weisere Männer Vorschläge haben, die ebenso günstig, bequem und wirksam sind, lasst uns drüber reden. Doch bevor Sie mein Konzept undifferenziert ablehnen, berücksichtigen Sie:

  1. Wo sollen Nahrung und Kleidung für hunderttausende unnütze Esser herkommen?
  2. Wer zahlt all die zig und hunderte Millionen für den Erhalt all der zusätzlichen Armen in unserer Gesellschaft?

Sollen unsere Politiker doch einmal die Menschen befragen, ob sie es nicht besser fänden, halbwegs anständig vom Verkauf ihrer Kinder leben zu können, oder unfrei von Jobagenturen herum geschoben zu werden.

Sie können auch beruhigt sein, dass es mir nicht um persönliche Vorteile geht. Mein Motiv für diese Empfehlung ist ausschließlich das Wohl des Landes und seine freiheitliche Marktwirtschaft. Ich selbst habe keine Kinder, mit denen ich Geld verdienen könnte; noch plane ich, welche zu zeugen.

Notes:
1. Gerechnet nur der Teil, der für die Muttermilch und einfachste Pflege des Kindes benötigt wird

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  3. Herr Dings…

    Sehr sonderbar, was hier vorgetragen (lassen).

    Wo ist der Buttom „Beitrag melden“ auf dieser Seite?

    Ausserdem:

    Entweder ist dieser Beitrag nur mir zugänglich oder die sonst so angagiert geschwätzigen Kommentatoren dieses Portals haben ausgerechnet zu solchem Inhalte keine Meinung. Was aber bedeutete, das eine gewisse Zustimmungshaltung bestehe, jene aber „um alles in der Welt“ hier nicht öffentlich bekunden würden.

    Ich erspare mir meine „Meinung“ zu solcher Botschaft – vor allem im Einzelnen.

    Einzig die „Gerechtigkeitslücke in illiberalen Systemen“ wäre die Erwähnung wert. Das hilft dem „Werk“ aber nicht so recht deutlich auf die Ebene einer Satire. (Oh, pardon, war das überhaupt intendiert?)

  4. „Wo ist der Buttom „Beitrag melden“ auf dieser Seite?“

    ….hat wohl kaum einer gelesen und wenn, dann hat man keine Worte. Eben es fehlt der Button!
    Wo ist der Button? ……oder eher noch: warum ist der Artikel nicht auch ohne Button längst gelöscht? Er wäre selbst als Sartire zu löschen.

    Grundsätzlich fehlt solch ein Button „Beitrag melden“ aber tatsächlich.

  5. Ein Tabubruch. Na gut, aber warum? In welchem Context?

    Dann auch noch schöngerechnet. 4000 – 1800, da bleiben 2200 Euro Gewinn, max. alle 9 Monate. Welche Miete soll davon bitte bezahlt werden? Die Eltern werden Aufstocker und Bettler bleiben.

    Da ist diese DINKs-Idee doch naheliegender. Auch wenn es dann bald keinen Nikolaus mehr gäbe. Das würde der Welt immerhin den ein oder anderen „Beitrag zur angewandten Gesellschaftsphilosophie“ ersparen.

    Ich übrigens bin noch Kind, und habe auch vor, das zu bleiben.

  6. Das ganze ist ein ins Moderne übertragener Satiretext aus dem viktorianischen England. Leider weiß ich nicht mehr von wem. Ich hab das Original vor etlichen Jahren im Enlischunterricht gelesen.

    • Danke, guter Hinweis. Ein bescheidener Vorschlag: Jonathan Swift.

      Ich bring jetzt mal keinen Link zum Volltext an, möchte es mir mit keinem verscherzen. Der ist zum Teil noch etwas drastischer, als die hiesige Neufassung.

      Hiermit ziehe ich meine oben gestellten Fragen zurück und freue mich weiterhin auf Nikolaus.

      Wie die Diskussion über erlaubte Satire damals wohl so verlaufen ist?

  7. Dieser Beitrag könnte glatt eine Story aus einer Science-Fiction-Anthologie der siebziger Jahre sein. Da gab’s öfter solche satirisch gemeinten Schocker (natürlich basierend auf Harry Harrisons Roman „Make Room, Make Room!“ von 1966, in dem Soylent Green ein Hauptnahrungsmittel ist, wenn auch aus Leichen hergestellt).

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  9. Soylent Green kam mir zwischendurch auch in den (vorrübergehend pragmatischen) Sinn.

    Ichhabe denBEitrag übrigens noch immer nicht bis zuende gelesen. Er enttarnte sich schon etwa beim drittenAbsatz als absolut nicht Realitätskompatibel für mich.

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