Denken frisch präsentiert

Wissen Sie was Richard Feynman nicht hatte? Angst, vor Menschen eine Theorie zu entwickeln. Er hatte auch kein Präsentationsprogramm wie Microsoft Powerpoint. Er hatte einen auf gut Akustik gebauten Saal, eine große Tafel in Dunkelgrün und ein Stück Kreide. Und selbstverständlich einen brillanten Kopf. Mit diesen wenigen Hilfsmitteln unterhielt er Studenten und Laien, wenn er die Grundlagen der Physik und seine weiterführenden Theorien erläuterte.

Nein, er erläuterte nicht,wie jeder gute Erklärer entwickelte er die Theorien während er vortrug. Er las keinen druckreifen Text vor, er hob keine überladenen Folien an die Wand, verwirrte nicht mit Design-Gimmicks. Er stellte sich vor die Zuhörer, nahm ein Stück Kreide in die Hand und entwickelte vor aller Augen Gleichungen und Theorien.

Denken ist ein Prozess. Auch wenn Menschen etwas lernen sollen, das schon lange als sichere Kenntnis feststeht, müssen sie, um es zu verstehen, mitdenken. Wir können aber nur mitdenken, wenn ein andere vordenkt. Nicht bevor wir es gedacht haben, sondern Denken vormachen. Vorne – oder mittendrin – stehen, den eigenen Denkvorgang sichtbar machen.

Die besten Lehrer, die wir erleben, sind jene, die ihren Spaß an der Entdeckung das ganze Leben durch erhalten. Sie können auch hundertmal Wiederholtes neu präsentieren, sie scheinen gemeinsam mit den Schülern neue Wahrheiten zu erschließen, auch wenn diese schon Jahrtausende bekannt sind. Sie geben den Lernenden das Gefühl, wichtige Dinge als erste zu sehen. Sie lassen sich selbst von Altbekanntem überraschen.

Neben den fast unvermeidlichen Gimmicks moderner Präsentationsmöglichkeiten, ist es gerade die Abgeschlossenheit, das Fertige an ihnen, was sie ungeeignet macht, die Faszination der Entdeckung zu erleben. Der Vortragende entwickelt nicht mehr live, er legt vor, was er in langer Arbeit feinst abgestimmt hat1. Das Publikum konsumiert, statt mitzudenken. Denn es gibt nichts mitzudenken, da nicht vorgedacht wird.

Notes:
1. Im Idealfall; die meisten Präsentationen sind eher lieblos zusammengeschustert, mit zu viel Text pro Folie, überflüssigen Bewegungseffekten und nichtssagenden Datensammlungen in Tabellen oder lustigen Grafiken.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dem kann ich voll und ganz zustimmen!
    Früher war ich der Meinung, dass gute Vortragende in jenem Sinne mit der Zeit gehen sollen, indem sie auf moderne Präsentationsmöglichkeiten zurückgreifen (damit meinte ich klassische PowerPoint-Präsentationen). Mittlerweile haben mich Erfahrung und viele Universitätsvorlesungen gelehrt, meine Meinung grundlegend zu ändern: PowerPoint-Vorträge werden fast immer bald langweilig, weil sowohl Vortragende als auch Zuhörende ins passive Lesen von den Folien verfallen und keiner im Raum mehr aktiv mitdenkt. So macht das dann natürlich keinen Sinn mehr.
    Die wirklich guten Vorträge – so meine Überzeugung – sind meistens die, die nur einen Vortragenden, eine Tafel und ein Stück Kreide enthalten. Das ist in keiner Weise rückschrittlich oder langweilig, wie vermutlich viele Vortragende/Zuhörende finden, sondern durchaus wünschenswert.

  2. Ja. Genau das denke ich auch. Sich etwas aneignen, heisst es mit seinen Gedanken erobern und in der Folge darüber nachdenken können. Das geht aber nicht allein über das Konsumieren von Informationen. Richard Feynmans Vorlesungsnotizen werden heute noch von den meisten Physikstudenten gekauft, weil Richard Feynman sein Thema eben entwickelt und nicht einfach die Ergebnisse vorstellt.
    Wenn man das Lehren aber so auffasst, als Sichbarmachen von Denkprozessen, dann bedeutet das auch, dass die Anforderungen an einen guten Lehrer recht hoch sind. Es genügt eben nicht, wenn der Lehrer mit genügend Material ausgestattet ist, er muss das Material selbst durchdrungen haben und von verschiedenen Seiten her angehen und vorstellen können.
    Aktuell ist dieses Thema gerade jetzt über die Studie Visual Learning des Pädagogikforschers John Hattie.Diese Metastudie hat tausende von Untersuchungen zum Lernerfolg ausgewertet und kommt zum Resultat, dass der Lehrer das wichtigste Stellglied im System Schule ist. Letztlich bedeutet das eben auch, dass all diese Schulreformen, die jetzt in Deutschland und anderswo im Jahrestakt durchgepeitscht werden, wenig bringen, solange sie nicht den Lehrer und die Beziehung Lehrer-Schüler stärken.

  3. Pingback: Markierungen 05/15/2016 - Snippets

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben