Debattenkultur – Erkenntnis oder Befriedigung

Die ach so schnelllebige Zeit mit ihrem 24/7 Nachrichtenzyklus benötigt nicht unbedingt die klassische Einordnung durch gelernte Kommentatoren [vulgo Journalisten]. Blogs und Twitter beweisen immer wieder, dass es genug kluge Menschen außerhalb klassischer Medienhäuser gibt, schnell und treffend analysieren. Sie helfen damit allen, die sie lesen, Ereignisse und Meinungen in soziologischen, historischen, diplomatischen, juristischen und viele weitere Zusammenhänge zu stellen.

Einer der großen Vorteile ist dabei die im Vergleich zu Redaktionsstuben riesige Menge Beteiligter. Nicht etwa, weil es eine Schwarmintelligenz gäbe, sondern aus ganz simpler Statistik heraus: Je größer das Sample desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen Kompetenten zu finden.

Wer von außen drauf schaut, womöglich noch mit einer eher negativen Einstellung gegenüber diesem neumodischen Kram, sieht oft und gerne nur die Meinungsexzesse – also ausgerechnet jene Diskussionen, in denen nicht Fakten zu klären, sondern Egos darzustellen sind. In den letzten Wochen ist der Shitstorm beliebtes Anschauungsobjekt der Internetgegner.

Dabei verhalten sich die Internetalphabeten nicht anders – und ich spreche jetzt nicht von dem sinnfreien, künstlichen Graben zwischen Off- und Online. Anstatt alle kommunikativen Möglichkeiten, die das Internet uns bietet, zu nutzen, sich auszutauschen und dazuzulernen, erfreut man sich am Shitstormen. Man macht sich gegenseitig runter, ist meinungsstark, blockt, anstatt andere Perspektiven auszuprobieren, Fakten auszutauschen, Erklärungsmodelle außerhalb des eigenen Erfahrungshorizontes kennenzulernen.

Tatsächlich sollte der Austausch in Blogs, über Twitter, bei Facebook etc. als Prozess verstanden werden, der ähnlich dem wissenschaftlichen Prozess langsam Erkenntnisgewinn bringt. Das ist nicht für die schnelle Befriedigung geeignet. Wer vor allem zeigen will, dass er den größeren hat, wird damit nicht klar kommen. Doch am Ende einer so beschriebenen Debatte mag sogar – für die Kuhnisten – eine Meinungsrevolution herausspringen.

Aber dort muss erst einmal hingelangt werden:

  • der erste Beitrag am Morgen macht auf ein Phänomen aufmerksam
  • im Tagesverlauf werden Fakten bekannt und gesammelt
  • daraus werden Thesen, Erklärungsmodelle und Meinungen formuliert
  • die dann am Bekannten gemessen werden
  • passen die Modelle nicht, müssen sie überarbeitet werden, ebenso, wenn neue Fakten ans Licht gelangen

Der Austausch findet idealerweise auf allen Kanälen statt, von Blogbeiträgen über Kommentare zu diesen bis zu Mailinglisten und Usenet.

Funktionieren kann das nur, wenn Autoren Anregungen auch aufnehmen, d.h. wenn Korrekturen und Ergänzungen in Beitragsupdates oder neuen Beiträgen einfließen. Kein Leser hat Lust, sich durch 384 Pöbel- oder Claqueurkommentare zu wühlen, um die eine wichtige Ergänzungen auf Seite 16 zu finden. Das gilt für Blogs ebenso wie für Kommentare zu Onlinepublikationen nach Printvorbild.

Nur selten ist ein Artikel, egal wie veröffentlicht, letztgültige Wahrheit. Oft gehen Rezipienten davon aus, ein in Schrift vorgelegter Beitrag sei bereits das Ende – der Autor müsse alles gesagt haben, was er dazu sagen hat. Viele Autoren sehen ihre Texte aber gerade als offenbarte Diskussion mit sich selbst. Sie zeigen, wie sie zu einem Schluss gekommen sind; die ganz mutigen zeigen sogar, wie sie unentschieden bleiben. Sie hoffen, eine Debatte anzustoßen, die ihnen aus ihren eigenen Denkschienen heraus hilft.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Claqueurkommentar

    „Nur selten ist ein Artikel, egal wie veröffentlicht, letztgültige Wahrheit.“
    Das dürfte nun tatsächlich sehr selten vorkommen, allein, weil bisher erst so wenige letztgültige Wahrheiten ermittelt wurden. Die Bloggerei empfinde ich – genau wie beschrieben – als Diskussion mit mir selbst, in seltenen Fällen auch als Diskussion mit Kommentatoren (Ich hatte noch nicht oft das Vergnügen). Unentschiedenheit dabei aber als Mut zu interpretieren, ist mir dann doch etwas weit geworfen – man sollte schon eine Meinung vertreten, die man dann ja gerne im Diskurs (mutigerweise nachvollziehbar) modifizieren kann. Denn irgendwie muss man doch seine Denkschienen erstmal verlegen, bevor man sie verlassen kann, oder? Vielleicht interpretiere ich aber auch einfach „unentschieden“ falsch.

  2. Geschwätzigkeit

    Betrachten Sie den offenen Diskurs in einer Offenen Gesellschaft gerne als Schwätzrunde, die Einzelne nicht hervorheben soll und nur in ihrer Schwätzrunden- oder kollektiven Intelligenz Sinn ergibt.

    Viele Autoren sehen ihre Texte aber gerade als offenbarte Diskussion mit sich selbst. Sie zeigen, wie sie zu einem Schluss gekommen sind; die ganz mutigen zeigen sogar, wie sie unentschieden bleiben. Sie hoffen, eine Debatte anzustoßen, die ihnen aus ihren eigenen Denkschienen heraus hilft.

    Scheint ein wenig mit diesem April-Text zu kollidieren, was meinen Sie?

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Denkanstöße

    Blogs und Kommentare können interessante Denkanstöße geben. Zum Verkünden edler, entgültiger Wahrheiten sind sie eher ungeeignet – da jeder Leser einen Text immer mit Hilfe seiner eigenen Erfahrungen neu interpretiert.
    Aber ein Denkanstoß ist immer noch besser als kein Denkanstoß.

  4. Denken ist schön

    Weit(er)denken, Frei…denken, Andenken, Umdenken, MITdenken.

    Ich weiß nicht, wo ich heute wäre, hätte ich nicht eben…den Diskurs, den Dialog, den Austausch von Gedanken und Gefühlen per virtuellem Schreiben/Lesen gesucht (und gefunden).

    „Viele Autoren sehen ihre Texte aber gerade als offenbarte Diskussion mit sich selbst. Sie zeigen, wie sie zu einem Schluss gekommen sind; die ganz mutigen zeigen sogar, wie sie unentschieden bleiben. Sie hoffen, eine Debatte anzustoßen, die ihnen aus ihren eigenen Denkschienen heraus hilft.“

    Für mich kann ich das nur bestätigen. Es war, ist und bleibt: die Neugier, der Blick aus der eigenen Gedankenprärie heraus auf andere Gefilde, die mich bereichern, mich voranbringen, mir helfen, mich nicht zentrifugal im eigenen Gedankensud permanent um die eigene Achse zu drehen und so womöglich schnöde: stehenzubleiben.

    Freilich, ich ’siebe‘, reduziere, und Alleinunterhalter, „Verkäufer“, Profilneurotiker, Egomanen und Menschen, die sich selbst genug sind (in ihrer Meinung), meide ich gewöhnlich, finde aber immer noch und immer wieder Menschen, Schreiber, die ich eher als Suchende einstufe.

    Ich mag sie, die Suchenden, die Dialogsuchenden und die, die im Austausch Bereicherung finden und Weiterkommen, auch in der eigenen Denke.

  5. @jhermes

    Es sollte in jedes Menschen Leben genug Beispiele für Unentschiedenheit geben. Das beginnt am Joghurtregal und hört beider Frage nach der Sinnhaftigkeit von Parteiverboten nicht auf. Ich schwanke z.B. fast täglich, ob die guten Gründe für ein Verbot der NPD die guten Gründe dagegen übertrumpfen oder umgekehrt.*

    @Webbär

    Schießen Sie mit Schrot ins Blaue? Konkretisieren Sie bitte den Vorwurf, weder ich noch andere Kommentatoren sollten ihre Intentionen erraten müssen.

    *Wir fangen hier keine Diskussion über ein mögliches Verbot der NPD an. Sollten dazu Kommentare reinrollen, werden diese gelöscht und auch ich werde auf moderierte Kommentarfunktion umschalten.

  6. Denkschienen

    Nun, die offene Debatte kann ja nur stattfinden, wenn Denkschienen wegfallen und Moderation begründet und in seltenen Fällen stattfindet.

    Sie plädieren einerseits dafür, dass eine offene Debatte stattfindet und andererseits setzen Sie dieser nach Gutdünken Grenzen. Das beißt sich halt.

    [D.H.: Bemerkung, die nicht zum Thema gehört, gelöscht.]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [D.H.: Sie haben offensichtlich ein Problem mit dem Leseverständnis. Bezogen auf meine Artikel kann ich das in Grenzen durchgehen lassen, aber nicht, wenn ich eine sehr deutliche Bitte ausspreche, was hier diskutiert wird. Da ich keinerlei Lust auf ihre üblichen Eskalationsspielchen habe, würde ich Sie bitten, ab jetzt Ihr eigenes Blog zu benutzen.]

  7. @Dierk Haasis: Frage zum Debatten-Prozes

    Ihr Beitrag und insbesondere der Kommentar von @Sophia trifft sich mit meiner Vorstellung von Debatten- und Netzkultur. Und ich hatte ihn anders als ein anderer Kommentator ggü. dem April-Beitrag nicht als Widerspruch, sondern vielmehr weiteren Schritt in einer Debatte gelesen.

    Daher die Frage: Welchen Weg betrachten Sie als ideal zur Verknüpfung der öffentlichen Diskussion? Wie wünschen Sie sich den Bezug zwischen verschiedenen Formen und Meinungen?

    Gerade über Formen oder Foren hinweg ist der aus meiner Sicht zwar recht leicht für den Schreiber herzustellen – aber für den Leser? Gibt es doch (noch) keine ungefilterte Möglichkeit, sich alle externen Webseiten anzuschauen, die auf einen Artikel verweisen. Und wird die Transparenz der Bezüge nicht immer wichtiger? Ist diese Transparenz nicht ein wichtiges Kriterium für die Vernetzung und Einordnung jedes Lesers? Gerade in einem Blogportal?
    In der gedruckten Zeitung liest man bewusst nur eine Meinung. Aber in einem Blog mit Kommentarfunktion – liest man dort nicht ein Meinungsspektrum? Und schließt man dort aus dem Fehlen kritischer Antworten nicht (wenigstens unbewusst) auf einen bestimmten Akzeptationsgrad in der vom Blog angesprochenen Zielgruppe?

  8. Ich komme allmählich an den Punkt, den ‚Shitstorm‘ für eine Erfindung Holzhausens zu halten. In den meisten Fällen handelt es sich doch um einen Text, der wirklich eine harte Kommentierung verlangt, so wie das ‚Leistungsschutzgesetz‘ meinethalben. Dann lenkt das Wörtchen ‚Shitstorm‘ auf publizistisch bewährte Weise nur von der Sache ab – Tenor: die Opfer können sich nicht benehmen. Oder das Wort bezieht sich auf jene Regionen, wo der ‚Shitstorm‘ in Permanenz tagt: Ich rede dann von den kleinbürgerlichen Zeteridyllen der digitalen Leserbriefschreiber bei ‚Welt Online‘ oder ‚SpOn‘. In jedem Fall hat das Wort immer einen Beigeschmack von Zellulose …

  9. @Noit Atiga

    Ein Ideal kann ich Ihnen nicht bieten. Wir hätten sicher keine Metadiskussion um Verhalten in Kommentarbereichen u.ä., wenn alle wirklich respektvoll und vernünftig wären. Aber das ist nicht so, das wird vermutlich auch nie so sein können.

    Die technische Seite habe ich im Beitrag beschrieben, niemand kann sich beklagen, zensiert zu werden, da er seine Meinung jederzeit verbreiten kann. Nur halt nicht immer dort, wo er gerne möchte. Sie kennen das vielleicht von Gaststättenbetrieben und Läden, die Zettel an der Tür haben, dass sie keine öffentliche Toilette seien, sondern nur zahlende Kunden dort ihre Geschäfte verrichten dürfen.

    Sicherlich ist es für mich als Schreiber einfacher, meine verschiedenen Kanäle zu bestücken, aber ich habe es als Leser und Disputant ebenso schwer wie jeder andere, möglicherweise wichtige Beiträge zu finden.

    Das ist der Preis, den wir für die Möglichkeit, jederzeit eine vollständige öffentliche Debatte haben zu können, zahlen. Wir müssen uns mehr anstrengen. Wir müssen alle lernen, unsere Filter zu justieren. Wer weiterhin nur eine Weltsicht, eine Meinung haben möchte, den können wir nicht zwingen, mehr wahrzunehmen [z.B. Leser regionaler und des einen überregionalen Boulevardblättchens], die anderen haben auch früher schon mehrere Tages- und Wochenzeitungen gelesen.

    Nach vielen aktiven Jahren im Usenet, in Mailinglisten, im Web bin ich mir sehr sicher, dass es keine ideale Lösung gibt. Es ist ein schmaler Grad zwischen akzeptabler Diskussionsteilnahme und Trollerei.

  10. Die Kanäle

    Du, Dierk, schreibts: „Der Austausch findet idealerweise auf allen Kanälen statt, von Blogbeiträgen über Kommentare zu diesen bis zu Mailinglisten und Usenet.“

    Das mag sein, aber meines Erachtens ist der springende Punkt, dass diese Kanäle unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten gehorchen. Ein Blogbeitrag wird von LeserInnen anders aufgenommen als ein Tweet, ein Eintrag auf Facebook, ein Forenbeitrag oder ein Kommentar. Diese Kanäle haben unterschiedliche Funktionen.

    Als Leser (das mag anderen LeserInnen anders gehen) erwarte ich in einem Blog einen ausgearbeiteten Beitrag zu einem Thema mit rotem Faden und idealerweise einem Fazit oder eine Fragestellung. Von einem Blogkommentar erwarte ich, dass er sich auf den Blogbeitrag bezieht und ihn ergänzt, hinterfragt oder widerlegt.

    Ich beobachte immer mehr, dass Leute Kommentarfunktionen so nutzen, wie es in Foren üblich war: Sie zitieren einen vorherigen Kommentar oder den Blog im Volltext und geben zu jedem Satz ein paar Statements ab. Das ist eine Diskussionsform, die zum Bloggen eigentlich nicht passt und selten Fruchtbar ist. Einfach weil der Inhalt eines Blogs nicht in die Einzelaussagen seiner Sätze zerfällt.

    Ich stimme dir also zu, dass alle Kanäle genutzt werden sollten. Aber sie stehen eben nicht unstrukturiert nebeneinander. Sie unterscheiden sich in ihren Funktionen aus denen sich Stärken und Schwächen ableiten.