Spektakuläre Astronomie

Lese ich im Internet – und das nicht nur auf News-Websites – Meldungen zur Astronomie, so bestätigt sich mein Eindruck: Auch hier muss heute alles "spektakulär" daher kommen, mindestens einen rekordverdächtigen Touch haben, sonst ist es einer Nachricht nicht wert. Ein paar Online-Funde der vergangenen Wochen mögen dies illustrieren:

Meistens sind Texte dieser Art kräftig gewürzt mit Adjektiven wie "ungeheuer", "gewaltig", "gigantisch" etc. Ich hatte einen Erdkundelehrer, der bei Lektüre derartiger "Beschreibungsversuche" in unseren Klausuren stets pickelige Gesichtshaut bekam. Seine Wutausbrüche ob derartiger Schreibsünden sind mir noch heute präsent, und ich versuche sie in eigenen Texten zu vermeiden. 🙂

Keine Frage, natürlich müssen jene Entdeckungen und Forschungsergebnisse, die der Öffentlichkeit präsentiert werden – auch um weitere Mittel locker machen zu können – einen gewissen Unterhaltungswert bieten. Das läuft am besten über Superlative. Und freilich, das alles ist inhaltlich spannend und Beleg für die wunderbare Tatsache, dass wir uns inmitten des goldenen Zeitalters der Astronomie befinden. Aber – irgendwann flacht auch der sagenhafteste Superrekord ab und verliert seine Wirkung.

Etwas ganz anderes "wirkt" dagegen immer und ist auf seine eigene Weise "spektakulär": Astronomie mit eigenen Augen.

Ich persönlich schreibe in den KosmoLogs und beispielsweise für "Sterne und Weltraum" als "Amateurastronom". Mein Blog "Clear Skies" trägt deshalb den Untertitel "Astronomie mit eigenen Augen", weil es mich schon immer begeistert, auf eigene Reisen in die kosmische Nachbarschaft zu gehen, selbst hinzuschauen, selbst zu entdecken. Und wenn ich das Glück einer Beobachtungsnacht habe, in der "alles stimmt", dann ist für mich durchaus "spektakulär".

Ein paar Mal habe ich ja in meinem Blog über mehr oder weniger perfekte Beobachtungsnächte berichtet, zum Beispiel hier oder hier. Wenn ich mit eigenen Augen Galaxien "entdecke" oder – ganz in der Nachbarschaft – auf Mars Polkappen sehe, auf Jupiter Wolkenbänder, Pluto fotografisch nachweise, dann ist das für mich im selben Sinne spektakulär wie es das für Galileo Galilei vor nunmehr 400 Jahren war, der als einer der ersten Menschen überhaupt auf teleskopische Entdeckungsreise ging.

Wer das Firmament mit einem Teleskop oder einem Fernglas erkundet, der sieht – von ganz wenigen Ausnahmen wie den Planeten abgesehen – keine farbigen Bilder, und muss lernen, ganz genau, mit viel Geduld und einer Prise Kunstfertigkeit hinzuschauen. Das Spannende: Schon schnell stellen sich Erfolgserlebnisse ein.

Die Faszination des "Unspektakulären" entfaltet ihre Wirkung ganz von selbst. Wer einmal mit einem Teleskop den Erdtrabanten bereist, mit UHC-Filter im Okular die Filamente des Cirrus-Nebels erkundet oder mit hoher Vergrößerung in einen Kugelsternhaufen abtaucht, der wird das erstens nicht so schnell vergessen und zweitens das Suchtpotential spüren: Die Gefahr ist groß, sich mit dem Astrovirus zu infizieren, einem speziellen Virus mit durchweg gutmütigen Eigenschaften, das mit seinem gleichnamigen, bösartigen Kollegen freilich nichts gemeinsam hat…

Übrigens: Jeder Amateurastronom, der andere – ganz gleich ob in einer Sternwarte oder am eigenen Teleskop – an seinen Beobachtungen teilhaben lässt, betreibt eine Art nachhaltiger Öffentlichkeitsarbeit, von der hochdotierte PR-Profis zumeist nur träumen können: Sie wirkt nämlich von selbst. Eine prima Gelegenheit diese Form von Selbstläufer-Öffentlichkeitsarbeit "auszuprobieren", bietet das STATT (Sankt-Andreasberger-Teleskop-Treffen), welches an diesem Wochenende steigen wird. Ein dunkler Standort im Harz, was will man mehr. Klar, gutes Wetter und einen klaren Sternhimmel! Das wünsche ich allen Besuchern des STATT! Damit viel Zeit und Gelegenheit ist für "Spektakuläre Astronomie".

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Furchtbar bunt ist das Universum

    geworden, das stört mich besonders an den Nachrichten aus der Astronomie, die dann ja meist gar keine Nachrichten sind.

    Natürlich haben die Bilder der modernen Teleskope wie das Weltraumteleskop Hubble viel zur Popularisierung der Astronomie beigetragen, aber inzwischen ist es doch echt billigster Journalismus, wenn irgendwelche Nachrichtenmagazine die bloße Buntheit einer neuen Hubble-Aufnahme zur News erkläre, ohne dass der begleitende Nachrichtentext irgendeinen Informationswert hätte. Man stelle sich vor, man würde jede schöne eingefärbte Aufnahme aus der Mikrobiologie zur Nachricht erklären!

    Was es bedeutet „Astronomie mit eigenen Augen“ zu betreiben kann man nicht nur in diesem Blog wunderbar erfahren, sondern auch auf einer erstaunlichen DVD des Filmemacher und Amateurastronom Sebastian Voltmer: http://www.science-shop.de/artikel/1036806 Er bringt es fertig, einen ganzen Film mit dem Mars als Hauptdarsteller zu drehen, ohne auf Hubble&co. zurückzugreifen. Stattdessen wird die von Stefan oldenburg beschrieben Stimmung spürbar.

  2. überzogene Erwartungen

    Das Problem ist doch, dass die Vielzahl der überbunten Bilder zu völlig überzogenen Erwartungen führt. Nicht wenige, die sich heute ein Raumfahrt-Teleskop superstark(TM) für 49,55€ aus Beständen internationaler Raumfahrt-Depots (siehe: http://www.svenwienstein.de/HTML/werbung.html) bestellen, erwarten tatsächlich, diese spektakulären Bilder selbst zu sehen. Und stellen dann fest, wie furchtbar langweilig das Weltall ist…und auch noch schwarz-weiss!

    Übrigens danke für den Hinweis zu den Astroviren. Ich glaub, ich geh doch besser mal zum Arzt…

  3. @Michael, M8

    Würd’s nicht drunter stehen, ich hätte M8 nicht erkannt! Dabei ist er einer meiner Lieblingsnebel. Die Nacht, in der ich ihn für mich „entdeckt“ hatte(irgendwann in den 90ern), wäre eine eigene Geschichte wert…

  4. @Taube: Nicht die Zeitungen …

    … sind schuld sondern die Sternwarten bzw. Raumfahrtorganisationen, deren Pressestellen in letzter Zeit vornehmlich bunte Bilder ohne weiteren Nachrichtenwert publizieren: Wenn wieder mal eine PM von ESO, STScI und Co. hereinschneit, kann man zu bald 50% davon ausgehen, dass es wieder mal um ein schrecklich buntes Bild einer Sternentstehungsregion geht. Die wohl im Rahmen eines Forschungsprogramms aufgenommen wurde, dessen Feinheiten und ggf. Erkenntnisse zu erklären, dem BU-Schreiber dann nicht mehr eingefallen ist. Richtige – und mitunter tatsächlich spektakuläre – Astro-News bekommt man längst am besten von der Quelle, auch wenn’s mühsam ist …

  5. Freude am Sternegucken

    Den Beitrag sehe ich recht realistisch geschrieben – wenn man also selber in die Ferne nah gucken will. In einem anderen Blog waren Praktikanten erfolgreich bei der Suche im Asteroidengürtel. So etwas motiviert natürlich auch.
    Eine bedeutende spektakuläre Meldung ist noch nicht alt – aber bedeutend: Man hat über 100 etwa erdgroße Planeten gefunden – und das NASA-Weltraumteleskop „Kepler“ sucht seit etwa 1 Jahr und soll das noch mindestens 2 Jahre tun um ca. 100.000 Sterne zu untersuchen.
    Alle Medien „kämpfen“ darum, dass sie gelesen/gesehen werden – und so muss sich die Meldung immer aus der Masse herausheben. Hinzu kommt, dass manche Journalisten dann schon mal das eigentlich Fachliche hinten vor lassen. Fachbegriffe werden schon mal verwechselt, Größenangaben können so nicht stimmen.
    „Astronomie mit eigenen Augen.“ – Nun nehme ich höchstens ein Fernglas, was mich verblüffte: „Sterne“ verschwanden bei klarem Himmel wie ausgeknipst, Daten unter: http://www.kosmologs.de/…ern-wird-ausgeknipst…

  6. Öffentlichkeitsarbeit?

    „Eine prima Gelegenheit diese Form von Selbstläufer-Öffentlichkeitsarbeit „auszuprobieren“, bietet das STATT (Sankt-Andreasberger-Teleskop-Treffen), …“

    … ist so etwas nicht vielmehr ein Schmoren im eigenen Astro-Community-Saft?

  7. Re: Öffentlichkeitsarbeit?

    „… ist so etwas nicht vielmehr ein Schmoren im eigenen Astro-Community-Saft?“

    Sehe ich eigentlich auch so. Wobei Teleskoptreffen wie das STATT natürlich jedermann offen stehen (sollten).

    Eine weitere Gelegenheit, etwas über Astronomie jenseit bunter Hubblebilder zu erfahren bietet der Blick durch das Teleskop der nächsten Volkssternwarte, die ja auch nicht selten von Amateurastronomen betreut werden.

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