Komet über Heidelberg

Auslese 2008
Einer der 15 besten wissenschaftlichen Blogartikel des Jahres 2008

Kometen galten in früheren Zeiten als Boten bevorstehenden Unglücks. Das seltene Himmelsschauspiel findet sich in mittelalterlichen Darstellungen andererseits auch häufig als Stilmittel zur Illustration besonders schlimmer Ereignisse. Schon lange brennt es mir unter den Nägeln, über jenen Kupferstich von Matthaeus Merian (1593-1650) zu schreiben, der einen Kometen über dem unzerstörten Heidelberg Anfang des 17. Jahrhunderts zeigt.

Meine Frage in die Runde aller historisch und naturwissenschaftlich Interessierten lautet: Welcher Komet ist hier abgebildet? Handelt es sich um ein belegbares, historisches Ereignis oder um ein solches Stilmittel? Oder um beides? Ich verfolge eine vage Spur, es könnte aber ein Holzweg sein…

Abb. 1 Ausschnitt des Kupferstichs aus: Theatrum Europaeum, Band 1. Ausgabe 1635, S. 119. Maße: ca. 14,7 x 10,8 cm.

Der Kupferstich und seine Quellen

Der Kupferstich aus Abb. 1 und 2 stammt aus Band 1 des vom Verleger Matthaeus Merian begründeten monumentalen Geschichtswerkes Theatrum Europaeum, von dem zwischen 1633 und 1738 insgesamt 21 Bände erschienen. Band 1 ist von 1635 (nach dem Band 2, der bereits 1633 von Merian verlegt wurde) und aus dieser Erstausgabe stammt auch der abgebildete Stich. Die Abbildungen 1 und 2 zeigen ein sehr gut erhaltenes und außerordentlich feines Blatt, das zu den ersten Drucken überhaupt zählen muss. Nach 400 bis 500 Abzügen von Kupferplatten war zumeist Feierabend, weil spätestens dann die weiche Platte abgenutzt war und keine Details mehr zu Papier brachte. Wer auch immer dieses Blatt irgendwann aus seinem ursprünglichen Kontext, dem Theatrum Europaeum, geschnitten haben mag: Er tat vermutlich Gutes, weil es die Jahrhunderte ansonsten vielleicht nicht überlebt hätte. Komplette Exemplare der 21 Bände des von Matthaeus Merian und später seinem ältesten Sohn Matthaeus Merian d.J. (1621-1687) herausgegebenen Theatrum Europaeum sind kaum noch vorhanden. Die Vorstellung ist spannend: Als Johann Sebastian Bach das Licht der Welt erblickte, da war dieser Kometen-Kupferstich bereits über ein halbes Jahrhundert alt… Und den Dreißigjährigen Krieg mit all seinen Zerstörungen hatte er da schon lange überstanden…

Da insbesondere die ersten Bände des Theatrum Europaeum in mehreren Auflagen verlegt wurden, liegen verschiedene Versionen vor, die sich auch inhaltlich voneinander unterscheiden. Dadurch wird die Sache kompliziert. In der ersten Auflage des ersten Bandes des Theatrum Europaeum (aus welcher Abb. 1 und Abb. 2 stammen) ist neben dem Kupferstich das Jahr 1619 genannt. In der dritten Auflage dieses Bandes von 1662 (Abb. 3, die ein Repro einer gescannten Seite zeigt), taucht der Kometen-Stich auf den letzten Seiten des Kapitels "Beschreibung Denckwürdiger Geschichten. 1618" auf. Somit ist das gezeigte Ereignis eines "Kometen über Heidelberg" nicht genau datierbar, wenn wir allein die Quellen unter die Lupe nehmen.

Der Betrachter des Heidelberger Kometen-Stichs blickt nach Südosten und trotz der Dunkelheit sind die wichtigsten Bauwerke des mittelalterlichen Haidelberga gut zu erkennen. Wir sehen die siebte – inzwischen überdachte – Brücke, die später auch "Merian-Brücke" genannt wurde. Auf dem nächtlichen Neccar Fluvius ist ein spätes (bzw. wohl frühes, wie wir sehen werden) Fischerboot unterwegs. So präzise Merian generell arbeitete, die Sterne, die wir erkennen können, sind Produkte seiner Phantasie. Dieser Anhaltspunkt fällt also als Möglichkeit leider weg, den Stich zeitlich einzuordnen.

Wir können uns das Elend des Dreißigjährigen Krieges heute nicht vorstellen, wenngleich er oft als Metapher für die Schrecken des Krieges überhaupt gilt. Zwischen 1618 und 1648 entvölkerte der Dreißigjährige Krieg ganze Landstriche und Zerstörung, Tod, Hunger, Leid, Krankheit, Hoffnungslosigkeit prägten eine Phase, die nicht enden wollte. Es liegt also nahe, diesen Kometen als Stilmittel zu sehen. Oder ist es doch ein Komet, der sich tatsächlich zeigte? Oder beides?

Abb. 2 Vollansicht des obigen Kupferstichs, auf der die Jahreszahlen 1619 zu lesen sind, aus: Theatrum Europaeum, Band 1. Ausgabe 1635, S. 119.

Die drei Kometen des Jahres 1618

In den Jahren um 1618 und 1619 scheint es nur wenige "große" Kometen gegeben zu haben, die für jedermann sichtbar waren. Für das Jahr 1618 aber sind in verschiedenen Quellen (u.a. in Johannes Keplers "De Cometis libelli tres", 1619/20) drei Kometen genannt. Zwei relativ unspektakuläre, die ihr Perihel am 17.8.1618 (C/1618 I) bzw. am 8.11.1618 (C/1618 II) durchliefen und ein auffälliger Komet mit langem Schweif, der seinen sonnennächsten Punkt am 26.10.1618 (C/1618 III) erreichte. Die Bahndaten sind nur in Fragmenten bekannt. Aber soviel lässt sich wohl sagen: Der von Johannes Kepler entdeckte Komet C/1618 I war von Mitteleuropa Mitte bis Ende August im Nordwesten nur in der Abenddämmerung sichtbar. Der Komet C/1618 II war am für das bloße Auge zu schwach und nur mit einem Teleskop (das war gerade erfunden worden!) erkennbar. Der Komet C/1618 III aber könnte der gesuchte Kandidat sein, der auf dem Kupferstich abgebildet ist! Er war ab etwa Anfang September am Abendhimmel zu sehen. Seine Helligkeit nahm bis Mitte Oktober zu und im November 1618 stand er am Morgenhimmel – im Südosten.

In diesem Zusammenhang ist auch der sog. "Ulmer Kometenstreit" zu nennen, eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Gelehrten, die uneins darüber waren, welche Aussagekraft der geballten Kometen-Flut des Jahres 1618 zukam. Handelte es sich um ein Zeichen Gottes, das Strafe und Unheil ankündigt oder um eine natürliche Erscheinung ohne Einfluss auf die Ereignisse jener Zeit? Zur Klärung dieses Streites trafen sich die Streithähne und kein Geringerer als der noch sehr junge Mathematiker René Descartes am 18.10.1619 in Ulm zu einem Kolloquium. Descartes führte das Treffen zu einem versöhnlichen Ende, in dem sich alle versicherten, einander fortan "als christliche Brüder zu achten".

Der Halleysche Komet ist es nicht

Immer wieder ist über mittelalterliche Kometen-Abbildungen und auch diesen Kupferstich zu lesen, abgebildet sei der Halleysche Komet. Aber auch durch stete Wiederholung wird diese Behauptung für den Heidelberg-Stich nicht richtiger. Er ist es auf diesem Kupferstich definitiv nicht, weil er 1531, 1607 und 1682 im inneren Sonnensystem gastierte – und das passt nicht zusammen. Der Halleysche Komet mit seiner Umlaufzeit von rund 76 Jahren ist wohl der bekannteste periodische Komet, seit sein Erscheinen von Edmond Halley für das Jahr 1758 treffend vorhergesagt worden war (Halley starb schon 16 Jahre zuvor und seine Knochen bekamen vom Ruhm für seine Vorhersage nichts mehr mit…). Edmond Halley hatte auf Anregung Isaak Newtons hin die Bahnelemente zahlreicher Kometen berechnet und wies für einige von ihnen eine exakte Ellipsenbahn nach. Damit nahm er Schweifsternen natürlich auch einen Teil ihrer Mystik und Unberechenbarkeit.

Ist es der Komet C/1618 III?

Was lesen wir im Theatrum Europaeum zum "Heidelberger" Kometen? Der Text, der die Kometen-Abbildung umrahmt, bestätigt meine Annahme, das es sich um den Kometen C/1618 III handeln könnte. Ich zitiere hier aus der Ausgabe von 1662, S. 100:

Es ist aber dieser Comet allezeit bey klarem Himmel gegen Morgen wol zu sehen gewesen

Ein paar Zeilen davor finden wir eine Beschreibung des Kometen:

ist ein schröcklicher Comet-Stern mit einem sehr langen brennenden Schwanz am Himmel erschienen und in ganz Europa mit sonderlichem Schrecken gesehen worden. … An etlichen Orten ist er an die 27. Tag / an etlichen Orten länger gesehen worden. / So hat nu diese schröckliche Fackel der Allmächtige Gott für einen Bußprediger an die hohe Fäste des Himmels gestellet / damit die Menschen sehen möchten / wie er sie wege der Sünd zustraffen / und seine Zorn-Ruthen über sie ergehen zulassen beschlossen /

Abb. 3 Hier sehen wir die komplette Seite mit dem Kupferstich, aus der dritten Auflage von 1662, S. 101 mit der Angabe 1618. Quelle: Universitätsbibliothek Augsburg

Abb. 4 Dieser Scan zeigt ein Exemplar des Kupferstichs, der aus der ersten Ausgabe des Theatrum Europaeum von 1635 stammt. Jahresangabe: 1619. Aus: Frieder Hepp: Matthaeus Merian in Heidelberg, 1993.

Zur Ausgangsfrage: Um welchen Kometen handelt es sich?

Gab es den Kometen tatsächlich, so halte ich es für wahrscheinlich, dass es einer der drei Kometen war, die im Jahre 1618 am Firmament auftauchten. Genauer: Auf dem Heidelberger Kometenstich ist der Komet C/1618 III zu sehen, an einem Morgen im November 1618. Und – er ist gleichsam Realität und Sinnbild. Sinnbild für die Schrecken eines Krieges, der in den besonders betroffenen Gebieten (Südwestdeutschland zählte dazu) die Bevölkerung um etwa zwei Drittel dezimierte.

Die Jahreszahl 1619 taucht in der ersten Ausgabe des Theatrum Europaeum auf, ergibt aber keinen Sinn, weil wir wissen: Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) nahm seinen Anfang mit der ständisch-religiösen Auseinandersetzung in Böhmen bzw. dem Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 (sehr verkürzt dargestellt…). Erst in der dritten Ausgabe des Theatrum Europaeum von 1662 lesen wir die Jahreszahl 1618, was Sinn ergibt. Vielleicht ein kleines Missgeschick des Autoren Joh. Abelin und seines Verlegers Merian, das später korrigiert wurde? Leider konnte ich kein Exemplar der zweiten Auflage von Band 1 des Theatrum Europaeum in Augenschein nehmen, und weiß daher nicht, welche Jahreszahl sich in der Ausgabe von 1643 am Kometenstich findet.

Ich bin gespannt auf Hinweise und Hilfen, das Rätsel dieses Kupferstichs zu lösen!

Exkurs zum Abschluss: Matthaeus Merian und Heidelberg

Der Kometen-Kupferstich von Matthaeus Merian ist vielen Heidelberg-Freunden mindestens genau so bekannt wie sein Meisterstück von 1620, das Heidelberg in opulenter Breite und unglaublicher Detailliertheit vor der Zerstörung der Stadt im Orleansschen Erbfolgekrieg 1689-93 zeigt. Die selbe Detailliertheit zeigt sich übrigens auch auf dem Kometen-Stich, weshalb ich beide in einem Atemzug nenne und das große Heidelberg-Panorama hier zumindest kurz zeige:

Abb. 5 Großes Heidelberg-Panorama, 1620, Quelle: Wikipedia

Vom großen Heidelberg-Panorama sind weltweit nur noch neun Blätter erhalten. Dieser riesengroße Kupferstich, von dem das Kurpfälzische Museum in Heidelberg drei Exemplare hütet, ist 105 cm breit und 44 cm hoch. Er wurde auf zwei Kupferplatten gestochen und in Höhe der Peterskirche zusammen gesetzt. Merian imponierte mit dieser "Heidelberg-Fotografie" dem Kurfürsten, den er übrigens im 6-Spänner auf der nördlichen Neckarseite entlang flanieren lässt.

Abb. 6 Der Meister höchstselbst, Quelle: Wikipedia

Matthaeus Merian war nicht nur ein äußerst produktiver und genialer Künstler (Maler und Kupferstecher), sondern – als einer der wichtigsten Verleger seiner Zeit – auch ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich schon in jungen Jahren geschickt in Szene zu setzen wusste. Auch dafür zolle ich ihm größten Respekt. Dürfte ich die berühmte Frage nach jener historischen Figur beantworten, der ich gerne einmal begegnen wollte, so fiele meine Wahl zweifelsohne auf Matthaeus Merian. Aber nun bin ich ein wenig vom Thema abgekommen…

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Links

– Digitalisierte Ansichten des "Theatrum Europaeum" finden sich auf der Website der Universitätsbibliothek Augsburg. Teilweise handelt es sich um spätere Ausgaben des opulenten Geschichtswerks.

– Fundierter Artikel zum "Theatrum Europaeum" auf Wikipedia.

– Die Bibliothèque Nationale präsentiert eine digitalisierte Version des Werks Johannes Keplers. U.a. findet sich hier auch "De Cometis libelli tres". Über die Kometen des Jahres 1618 schreibt Kepler auf Seite 75 und – ausführlicher – auf Seite 77.

– Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Matthaeus Merian: Der Schweizer Kunsthistoriker Lucas Heinrich Wüthrich. U.a. erstellte er ein fünfbändiges Werkverzeichnis Merians. Hier einige Bücher Wüthrichs

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sieger

    Einer von den 15 besten Artikel von der Auslese 2008 und keiner hat hier jemals kommentiert. Dann möchte ich das schnell nachholen und vermute, der Beitrag ist so gut, streift interessant und mühelos viele Themen ohne sich in der Weite zu verirren, er ist so unverschämt gut, daß man wohl erstmal sprachlos ist. 😉

    Herzlichen Glückwunsch Stefan!

  2. Kometen von 1618

    Lieber Stefan Oldenburg,

    ich habe den schönen Beitrag gerade im neuen SuW (4/2009) gelesen und halte die These, dass es sich hier um einen der drei Kometen von 1618 handelt, für sehr wahrscheinlich. In den vergangenen beiden Jahren habe ich mich intensiv der Beziehung Galilei-Kepler gewidmet und dazu ein Buch („Das Weltgeheimnis“, Piper, März 2009)geschrieben. Darin geht es auch um die Kometen von 1618, die vor allem die Jesuiten mit ihrem seinerzeit ausgedehnten Beobachtungsnetz von verschiedenen Punkten in Europa aus beobachtet haben. Italienischen Quellen zufolge (etwa Orazio Grassi, De Tribus cometis anno MDCXVIII disputatio astronomica) war der hellste der drei Kometen nicht nur bis November 1618, sondern sogar bis Januar 1619 zu sehen. Vielleicht hilft das weiter. Zu dem langjährigen Kometenstreit zwischen dem Jesuiten Grassi und Galilei gibt es jede Menge Literatur. Schließlich entbrannte ein kurzer Streit mit Kepler, nachdem Galilei Keplers berühmten Vorgänger Tycho Brahe scharf attackiert hatte.

    Grüße, Thomas de Padova

  3. Endlich Klarheit…

    Herzlichen Dank für die informative und ausführliche Darlegung – genau das, was ich als Heidelberger Gästeführerin gesucht und nun gefunden habe!

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