Der Zeithorizont des Menschen

Seien Sie ehrlich!

Wissenschaftsblog Auslese 2011
Einer der 12 besten und informativsten wissenschaftlichen Blogartikel des Jahres 2011

– Heben Sie gerne Dinge auf?
– Wie alt ist der älteste Gegenstand, den Sie besitzen?
– Was ist Ihnen wert zu bewahren?
– Was nicht?
– Wo haben Ihre Eltern Sie gezeugt?
– Wann lernten sich Ihre Großeltern kennen?
– Haben Sie ein Foto Ihrer Urgroßeltern?
– Womit verdienten Ihre Ururgroßeltern Ihren Lebensunterhalt?
– Kennen Sie das Leibgericht Ihrer Urururgroßmutter?
– Gibt es das Grab Ihres Ururururgroßvaters noch?
– Wie lebten Ihre Urururururgroßeltern?
– Glauben Sie, Ihre Urururururgroßeltern machten sich Gedanken darüber, wie Sie heute leben?

– Wie, glauben Sie, werden Ihre Kinder leben?
– Wie, glauben Sie, werden Ihre Enkel leben?
– Wie, glauben Sie, werden Ihre Urenkel leben?
– Wie, glauben Sie, werden Ihre Ururenkel leben?
– Wie, glauben Sie, werden Ihre Urururenkel leben?
– Interessiert es Sie zu wissen, wie Ihre Ururururenkel leben werden?
– Wann, schätzen Sie, wird Ihr erster Urururururenkel das Licht der Welt erblicken?
– Meinen Sie, Ihr Urururururenkel wird sich für das Leben seiner Urururururgroßeltern interessieren?
– Was wird er über Sie denken?

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Sie mögen fragen „Was soll dieser Fragenkatalog?“

Mal angenommen, die Römer hätten unter Kaiser Augustus Regierungszeit (27 v.–14 n. Chr.) ein (einziges) Atomkraftwerk gebaut und so lange betrieben wie die Japaner den Reaktorblock Fukushima I-1, nämlich 40 Jahre lang. Die Römer hätten uns folglich nicht nur ihre wunderhübsche Sprache mit dem A.c.I., sondern einen Riesenberg radioaktiven Abfall hinterlassen, unter anderem rund 10 Tonnen Plutonium 239. Plutonium 239 hat eine Halbwertzeit von 24.110 Jahren (oder rund 800 Generationen), was – grob geschätzt und grob gedacht – bedeutet: Heute, im Jahre 2011 wären von diesen ursprünglich 10.000 kg Pu noch 9.166 kg Pu „übrig“. Nach zehn Halbwertzeiten (241.100 Jahren) verbleiben von den 10 t Pu immer noch etwa 10 kg (0,1 % der ursprünglichen Menge). Dieses römische Erbe müsste permanent sicher „endgelagert“ werden, viele 1000 Jahre lang, bis es sich irgendwann in ferner Zukunft ausgestrahlt hat.

Es ist klar: Wir wären ziemlich sauer auf eine solche Hinterlassenschaft der Römer und freuen uns, dass diese Hochkultur keine Atomkraftwerke zustande brachte, sondern eine Sprache, die auch heute noch mit ganz anderen Finessen als dem A.c.I. die Schülerherzen erfreut. Wir würden sagen: Es ist doch eine Unverschämtheit, dass uns die Römer so eine Sauerei hinterlassen, nur damit sie für ein paar Jahre nicht im Dunkeln saßen.

Die Römer interessieren uns heute nicht mehr besonders, es sei denn, man lernt ihre Sprache bzw. muss sie lernen. Seit Kaiser Augustus sind gerade mal 2000 Jahre (und etwa 70 Generationen) vergangen, eine erdgeschichtlich vernachlässigbar kleine Zeitspanne. Seit Beginn der Moderne sind 250 Jahre verstrichen. Seither verbrennt, verbraucht, verschwendet der Mensch Rohstoffe, verteilt radioaktive Isotope in den Weltmeeren, über sämtliche Kontinente, überall hin. Es ist wie es ist: Der Mensch handelt nicht besonders klug. Von Weitsicht keine Spur. Weitsicht reicht in Demokratien bis zur nächsten Wahl, für Diktatoren bleibt „Weitsicht“ ein Fremdwort.

Über die imaginären Mengen radioaktiver Abfälle der Römer könnten wir uns freuen. Die Realität sieht aber anders aus: Pro Jahr fallen durch den Betrieb kerntechnischer Anlagen weltweit etwa 12.000 Tonnen hochradioaktive Abfälle an. Die Gesamtmenge betrug Ende 2010 etwa 300.000 Tonnen. Es sind nicht nur radioaktive Abfälle, sondern die Hinterlassenschaften atomarer Unfälle in kerntechnischen Anlagen, die ganze Landstriche für viele Generationen unbewohnbar machten, um nur zu nennen „Majak“ bzw. „Kyschtym“ 1957, „Windscale“ bzw. „Sellafield“ 1957, „Tschernobyl“ 1986, „Fukushima“ 2011. Dann wären da noch in den Weltmeeren versenkte Atom-U-Boote (von sieben gesunkenen Booten weiß man), in den 70er Jahren implantierte Herzschrittmacher mit Pu-Batterien, die dann vielleicht in Krematorien landen, u.s.w. u.s.f. Wahrlich, ein gruseliges Faß ohne Boden.

Ein Student der Geologie lernt im ersten Semester, dass es auf unserem Heimatplaneten Erde keine Endlager für radioaktive Abfälle geben kann, welche über Zeiträume vieler 1000 Jahre die Sicherheit bieten, die sie bieten müssen, damit nicht das passiert, was bei Asse II bereits nach wenigen Jahrzehnten der Fall ist. Ein häufig erörtertes – und bis dato völlig ungelöstes Problem – ist allein das der Tradierung der Gefahren, die von radioaktivem Abfall bis in die ferne Zukunft ausgehen werden. Blechschilder genügen wohl kaum, die eine Lebensdauer weniger Jahrzehnte haben. Steintafeln? Hm, versteht der Mensch der Zukunft überhaupt noch, was der Mensch des Jahres 2011 ihm da mitteilen möchte?

Der Mensch vergisst schnell. Nach maximal drei oder vier Generationen haben selbst schrecklichste Erlebnisse der Groß- bzw- Urgroßeltern keine Alltagsrelevanz für die Nachfahren. Ein trauriges Beispiel hierfür ist die entsetzliche japanische Tsunami-Katastrophe vom März. Ein Artikel hat mich besonders nachdenklich gestimmt – und mir die Idee dieses Blog-Beitrags geliefert: spiegel-online schrieb im April („Mahnung der Vorfahren – Wegsteine in Nordjapan warnten vor Tsunamis“), dass in Nord-Japan hunderte von Wegsteinen – manche älter als 600 Jahre – aufgestellt wurden, die Inschriften enthalten wie „Erinnert das Unheil der Tsunamis. Baut nicht unterhalb dieses Punktes“, oder „Sei immer auf überraschende Tsunamis vorbereitet. Entscheide Dich fürs Leben, anstatt für Besitz und Wertsachen“. Erfahrungen der Ahnen werden heute üblicherweise nur wenige Generationen weit tradiert, vielleicht ist auch das ein Unterschied des „modernen Menschen“ zu seinen Urahnen. Ich bin mir sicher, dass homo sapiens und homo neanderthalensis (der immerhin rund 130.000 Jahre auf der Erde präsent war; unsere Spezies kann erst auf etwa 100.000 Jahre Erdpräsenz blicken) mit der dem „modernen Menschen“ immanenten Ignoranz die harte Zeit während der letzten vier Eiszeiten niemals hätten überleben können.

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Eine abschließende Frage:

– Sind Sie der Ansicht, es wird den Menschen im Jahre 1.000.000 nach heute Freude bereiten, die radioaktiven Hinterlassenschaften ihrer Urururururur…ahnen (bitte setzen Sie 33.000 mal „ur“ ein) sorgfältig beachten zu müssen, die ihre Urururururur…ahnen (bitte setzen Sie auch hier 33.000 mal „ur“ ein) zum Zwecke ihrer Bequemlichkeit produzierten?

Clear Mind. Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist für mich die wichtigste Frage zur Kernenergie. Und ich habe mich immer schon gefragt, wie der Mensch mit solch einem Müll umgehen will, der über so einen langen Zeitraum gefährlich bleibt. Kein Mensch kann für derart lange Zeiträume eine Garantie abgeben. Da muten wir uns etwas zu, was unser Können bei weitem übersteigt. Je früher wir damit aufhören, desto besser. Es sei denn, wir finden eine gute Lösung den Müll anders zu verwerten.

  2. Endlagerung auf Zeit

    Ein Denkzettel für 1 Mio Jahre

    300’000 Tonnen hochradioaktiven Abfalls gibt es schon. Eine Endlagerung mit dem Zeithorizont von mehr als 100’000 Jahren ist sicher nicht zu verantworten, wenn so etwas wie Warnschilder für unsere Nachkommen (die Affen?) nötig sind.

    Eigentlich gibt es nur 2 befriedigende Lösungen:
    1) Versenkung des hochradioaktiven Abfalls im Erdmantel, mindestens aber sehr tief in der Erdkruste (10 km tief), so dass eine Trennung von der Biosphäre auf geologische Zeiträume hin sicher ist
    2) Transmutation der Abfälle mit dem Ziel, neue Nuklide mit Halbwertzeit von hunderten anstatt tausenden von Jahren zu erzeugen

    Diese Überlegungen haben auch Konsequenzen, denn heute gibt es keine der beiden oben genannten Lösungen: Die von Deutschland geplanten definitiven Endlager für hochradioaktive Abfälle ohne Rückholbarkeit sind deshalb abzulehnen. Die Nichtrückholbarkeit würde bessere Lösungen, die vielleicht erst in einigen Jahrzehnten entwickelt werden, verunmöglichen.
    Statt dessen sollte man die hochradioaktiven Abfälle rückholbar lagern, allerdings nicht wie heute in Zwischenlagern, sondern in Tiefenlagern, wo sie gegen äussere Einwirkungen (Erdbeben, Kriegswirren,…) geschützt sind.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die USA ihre Endlagerungsabsichten in Yucca Mountain zurückgestellt haben.

    Ein Denkzettel für tausende von Jahren

    Während bei hochradioaktiven Abfälle wenigstens noch der Versuch gemacht wird, sie von der Biosphäre zu isolieren, passiert das beim Treibhausgas CO2 nicht. Erhöhte atmosphärische CO2-Konzentrationen bleiben uns für Jahrtausende erhalten. Ist die Erde erst einmal ein überhitztes Treibhaus, so bleibt sie es für viele hunderte von Jahren. Ein Warnschild ist da nicht nötig, die Hitze umgibt in so einer Zukunft jeden, wenn er sich nicht gerade eine Residenz auf der dann palmenbesetzten Antarktisküste gesichert hat.

  3. @Michael Khan: viel oder wenig Abfall?

    Danke für die Referenz zu MacKey’s Buch.
    Besonders beeindruckt hat mich seine Aussage, dass die Aktivität in hochradioaktiven Abfällen nach 1000 Jahren gleich gross sei wie der von Uran aus einer Mine.
    Soviel ich weiss, ist die Wiederaufbereitung von radioaktiven Abfällen vor allem für das Konditionieren der Abfälle wichtig, also die Trennung nach Klasse (hochradioaktiv, mittelradioaktive..) und das Überführen in eine chemisch stabile Form.
    Das Konditionieren – beispielsweise Verglasen – macht radioaktive Stoffe auch weniger wasserlöslich, so dass selbst ein Wasserfluss durch das Endlager nur wenig radioaktive Stoffe abtransportiert – allerdings wird man wohl keine Garantien für die Integrität des verglasten radioaktiven Materials nach tausenden von Jahren mehr geben können.

    Eine Alternative zur Lagerung von radioaktiven Abfällen wäre ihre perfekte Verdünnung.
    Die insgesamt 300’000 Tonnen hochradioaktiven Abfall perfekt verdünnt in den Weltmeeren würden wohl kaum nachweisbar sein. Doch hier besteht das Problem, dass in der Nahrungskette Stoffe oft konzentriert werden.

    Am besten aber wäre wohl die Lagerung in einer Subduktionszone oder die Entsorgung in sehr tiefen Bohrlöchern.

    All die Überlegungen zu den möglichen Alternativen zu den jetzt vorgesehenen Lagern in Salzstöcken, Ton- oder Granitschichten sprechen eben dafür, dass man vorerst nur rückholbare Lager betreibt.

  4. @Martin Holzherr

    Danke für die Referenz zu MacKey’s Buch.
    Besonders beeindruckt hat mich seine Aussage, dass die Aktivität in hochradioaktiven Abfällen nach 1000 Jahren gleich gross sei wie der von Uran aus einer Mine.

    Siehe dazu aber die Anmerkung auf seiner eigenen Errata-Seite: das gilt unter Annahme der vorherigen Wiederaufarbeitung. Spaltprodukte sind allerdings so oder so innerhalb von 1000 Jahren komplett zerfallen, Ausnahme J129. Es ging da dann noch um einige der langlebigen Aktiniden.

  5. Warum haben wir Atomkraftwerke?

    Diese Frage habe ich mir gestellt und in einem Beitrag aufbereitet [1]. Deutsche Wissenschaftler haben die Grundlagen für die Atomspaltung erarbeitet – und auch auf beiden Seiten A-Bomben mit entwickelt.
    In einem streng geheimen Objekt wurde in Obninsk bei Moskau an einem Atomkraftwerk gearbeitet, das ab 1954 für 48 Jahre Strom produzierte.
    Das hatte die westliche Welt nicht erwartet. Wusste sie doch, wie dieser auch propagandistische Erfolg – Atomkraft für den Frieden – zwei Erfolgsseiten hat. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als auch Atomkraftwerke zu bauen.
    Erst 2 Jahre später ging im englischen Calder Hall das erste Atomkraftwerk der westlichen Welt ans Netz. Weitere zwei Jahre später folgten die USA mit ihrem ersten 60-Megawatt-Reaktor.
    An den atomaren Abfall hat wohl damals niemand so recht gedacht. Es war Kalter Krieg und Energie notwendig.
    Wir wissen auch, dass man aus dem Uran 30-100 mal mehr Energie holen könnte – die Frage ist das Problem der Aufbereitung/Umsetzung. Das würde auch den Abfall verringern.

    Das Uran der Uran-Lagerstätte in Oklo (Nigeria) hat einen deutlich niedrigeren Gehalt an Uran-235, als es dem weltweiten natürlichen Gehalt von 0,7 % entspricht [2]. Durch weitere Forschung könnten in Zukunft Wissenschaftler das „Problem“ der Uranlagerstätte von Oklo klären, und damit vielleicht einen Teil unseres großen Uran-Abfallproblem lösen.

    Wenn wir die Wälder nicht bloß großflächig abholzen sondern auch früheren Kahlschlag stärker aufforsten würden, könnte das CO2-Problem etwas kleiner sein und die Waldtiere mehr den notwendigen Lebensraum haben.
    Interessant ist hier auch das Wissen, das auf den Wegsteinen in Nordjapan übermittelt wurde.

    Hinweis: Eigentlich ist sich die Wissenschaft seit 6 Jahren einig, dass der Homo sapiens um 200.000 Jahre alt ist [3] und aus dem Süden Afrikas stammt. Vor 100.000 Jahren begann die Periode „Out of Africa“ [4]. Diese Zahlen decken sich mit Jahrtausende alten Überlieferungen.

    [1] Deistung, K.: Warum haben wir Atomkraftwerke? Magazin 2000plus, 2011/06, Nr. 299, S. 42 – 46
    [2] Naturreaktor Oklo. http://de.wikipedia.org/wiki/Naturreaktor_Oklo
    [3] Cornelia Dick-Pfaff: Anthropologie:
    Knapp 200.000 Jahre alte Fossilien belegen: Homo sapiens ist älter als vermutet
    ddp/wissenschaft.de – 17.02.2005
    http://www.wissenschaft.de/…zuwissen/249935.html
    [4] Bräuer, G.: Der Ursprung lag in Afrika. Spektrum der Wissenschaft 3/2003, S. 38 – 46

  6. Zeithorizont: Zweck dieses Artikels?

    Beim Lesen des Artikels selbst, aber auch beim Lesen der Kommentare von Martin Huhn, Andreas und Klaus Deistung hat man den Eindruck es gehe hier um ein Argument gegen die Atomkraft.

    Atommüll aus unseren AKW’s, der noch in Jahrtausenden strahlt, ist sicher ein Argument gegen AKW’s.

    Wenn man das Problem des Atommülls, das wir unseren Nachfahren hinterlassen, aber ernst nimmt und nicht nur auf die Pauke hauen will, dann kann man dieses Problem nicht einfach wieder vergessen, wenn man es als Argument gegen die Atomkraft nicht mehr braucht.

    Wer dem zustimmt, was Stefan Oldenburg schreibt, müsste sich vehement gegen die geplanten Endlager, seien sie nun in Gorleben oder anderswo loziert, wehren. Denn hält man folgendes Argument von Stefan Oldenburg für richtig:
    Ein Student der Geologie lernt im ersten Semester, dass es auf unserem Heimatplaneten Erde keine Endlager für radioaktive Abfälle geben kann, welche über Zeiträume vieler 1000 Jahre die Sicherheit bieten, die sie bieten müssen, damit nicht das passiert, was bei Asse II bereits nach wenigen Jahrzehnten der Fall ist.
    so kann Gorleben oder ein anderes geologisches Tiefenlager niemals erlaubt werden. Und was nicht erlaubt werden kann, sollte man auch nicht hinnehmen.

    Die einzig richtige Art mit dem bereits erzeugten radioaktiven Abfall umzugehen, wäre dann eben das Warten auf eine bessere Lösung. Jede Lösung jetzt dürfte nur provisorischen Charakter haben, denn sonst passiert genau das was Stefan Oldenburg als Menetekel an die Wand proijziert: Wir hinterlassen unseren Nachkommen ein Problem potentiell apokalyptischen Ausmasses.

  7. Luxusproblem

    Der Gedanke, ob radioaktive Rückstände den Menschen in 1 Mio. Jahre Freude bereiten wird oder nicht – ist ein Luxusproblem.
    Es gibt wichtigere Fragen.
    Z.B. reichen die verwendbaren Phosphatvorkommen nur noch einige Jahrzehnte. Da Phosphor ein lebenswichtiges Element ist – sollte man sich Gedanken machen, ob man dann Verteilungskriege haben will oder wer sterben muss – oder ob/wie man die Bevölkerungszahl auf der Erde innerhalb kurzer Zeit drastisch reduzieren kann.

  8. @ Martin Holzherr
    Abfall – Argument gegen Atomkraft – zum Teil. Es gibt auch Aussagen, wenn wir heute alle erkannten Probleme in neuen AKW´s berücksichtigen wollten – wäre es viel zu teuer das zu realisieren.
    Eine bessere Aufbereitung – zur besseren Ausnutzung – ist zwar angedacht – aber noch nicht praktikabel.
    Im Fernsehen wurde mal ein kernphysikalisches Verfahren „vorgestellt“, das den radioaktiven Abfall „entstrahlen“ soll.
    In Schweden haben sie einen großen Fels für das Endlager gefunden – aber ganz wasserfrei war er im Endergebnis auch nicht.
    Mit der Fusion dauert es auch erheblich länger, als man am Anfang mal gedacht hat. Ich denke schon, dass ein brauchbares Verfahren zur Verringerung des atomaren Abfalls entwickelt werden kann – aber das wird wohl noch viele Jahre in Anspruch nehmen.
    Dagegen war es einfach, die Kernspaltung in Theorie und Praxis zu entwickeln! An die Abfallprobleme hat man damals wohl noch nicht gedacht.

    @ KRichard
    Phosphor ist nur eins von mehreren Problemen – noch wichtiger ist sauberes Wasser, dass auch von den Aktivitäten der reichen Nationen besonders in der 3. Welt „vergiftet“ wurde. Gift-Seen wurden angelegt, anstatt es aufzubereiten – und dann brachen auch Dämme…
    Dabei wurde auch die Nahrungsgrundlage Fisch vernichtet.

  9. Lieber kein Endlager als ein Unsicheres

    Die heute für Deutschland vorgesehen Endlager a la Gorleben scheinen tatsächlich keine Garantie für geologische Integrität über einige zehntausend Jahre verdient zu haben. Nach Wikipedia gab es bezüglich Gorleben von Anfang an geologische Bedenken, so kann Grundwasserkontakt nicht ausgeschlossen werden und das Deckgebirge ist instabil. Zudem verlieren Salzstöcke viele ihrer Vorteile, wenn man sie einmal von Gängen und Höhlen durchzogen sind – wie es die Endlagerung erfordert -, denn diese Aushöhlungen verformen sich mit der Zeit und können das Eindringen von Wasser begünstigen.

    Jetzt ein nichtrückholbares Endlager in Gorleben oder anderswo einzurichten, wäre verantwortungslos. Zudem ist das Projekt eines definitiven nicht-rückholbaren Endlagers zum gegenwärtigen Zeitpunkt selbst für Deutschland eine Nummer zu gross.
    Statt dessen sollten wohl Lager für hochradioaktiven Müll auf Zeit angestrebt werden. Lager, die sicherer sind als die heutigen Zwischenlager, die aber wieder ausgeräumt werden können, wenn in den nächsten Jahrzehnten eine überzeugende Lösung für das Problem des langlebigen hochaktiven Mülls gefunden wurde.

    Übrigens scheinen einige deutsche Parteien inzwischen zum gleichen Schluss gekommen zu sein. Im Artikel FDP will alternative Endlager erkunden liest man: Wenn sich nach SPD und Grünen nun auch die FDP für eine neue Endlagersuche einsetzt, stehen CDU und CSU mit ihrer Fixierung auf den Salzstock in Gorleben allein da. Experten sehen in einer offenen Suche die einzige Chance, ein gesellschaftlich breit akzeptiertes Endlager zu bestimmen. … „Vielleicht sind zukünftige Generationen klüger als wir“ , sagte Meierhofer. „Wenn es in 30 oder 300 Jahren Technologien gibt, die die Halbwertszeit verkürzen oder Energie aus dem Atommüll gewinnen, dann sollten Menschen sie auch nutzen können.“

    Ganze Generationen muss man wohl nicht warten, bis es bessere Lösungen als geologisch nicht überzeugende Endlager gibt. So sind schon mindestens 2 vielversprechende Techniken den Müll loszuwerden, bekannt:
    a) die Verwendung des radioaktiven Abfalls in Fusions-/Fissionshybridreaktoren wie sie das Projekt LIFE der National Ignition Facility vorsieht
    b) Die Versenkung im Erdmantel oder in tiefen Bohrlöchern

  10. In die Sonne damit!

    Ach, ich glaube nicht, dass der Atommüll Millionen Jahre sicher gelagert werden muss. Es reicht, ihn so lange zu lagern bis wir das mit der Raumfahrt auf die Reihe bekommen haben. Dann können wir ihn locker in der Sonne entsorgen.
    Ich vermute mal, auf das wirds hinauslaufen…

  11. Brüder, zur Sonne…

    Ach, ich glaube nicht, dass der Atommüll Millionen Jahre sicher gelagert werden muss. Es reicht, ihn so lange zu lagern bis wir das mit der Raumfahrt auf die Reihe bekommen haben. Dann können wir ihn locker in der Sonne entsorgen.
    Ich vermute mal, auf das wirds hinauslaufen…

    Sorry, Florian, aber zu solcherlei Gedankenspielen fällt mir der Aphorismus John B. Priestleys ein: „Ein Optimist ist in der Regel ein ungenügend informierter Zeitgenosse.“ 😉 Raumfahrt war teuer und wird es auch in Zukunft ganz sicher bleiben. Auch nur Pi mal Daumen gerechnet würden sich für Deine Form der „Sonnen-Entsorgung“ Kosten ergeben, welche zukünftige Staatsetats vollständig in die Knie zwingen dürften.

    Ich lege mal Annahmen über die Kosten des Space Shuttles zugrunde, nach denen jeder der 134 Space-Shuttle-Flüge (im Durchschnitt und inflationsbereinigt etc.) etwa 2,25 Milliarden US-Dollar kostet(e) – wohlgemerkt nur in den Low Earth Orbit! Nutzlastkosten für Raketenstarts werden pro Kilogramm zwischen 5.000 und 20.000 EUR/kg angegeben. Für die heute bereits vorhandenen rund 300.000 Tonnen hochradioaktiven Abfalls lägen die Sonnen-Entsorgungs-Kosten folglich zwischen 1,5 Billionen und 6 Billionen EUR. Zur Einordnung dieser Summe: Der Staatsetat der BRD umfasste für das Jahr 2008 283,2 Milliarden Euro, für das Jahr 2010 319,5 Milliarden Euro.

    Zwei weitere Aspekte, die gegen eine „Sonnen-Entsorgung“ sprechen: Neben den hochaktiven Abfällen haben wir es beispielsweise zu tun mit strahlenden Abfallbergen demontierter Atomkraftwerke. Das sind Größenordnungen, die locker um den Faktor 1000 über jenen Mengen hochradioaktiver Abfälle liegen. Und weil das Risiko von Raketenfehlstarts auch in fernster Zukunft nie bei Null liegen wird: Nur ein einziger misslungener Raketenstart, der große Mengen Plutonium 239 in der Erdatmosphäre verteilt, dürfte bedeuten: „Planet Erde für einige Millionen Jahre unbewohnbar“.

  12. Ich spreche ja auch nicht davon, wie die Situation JETZT ist. Du hast mit den Römern angefangen. Jetzt ist es 2000 Jahre später und wer weiß, wie die Welt nochmal 2000 Jahre in der Zukunft aussieht. Ich denke nicht, dass Raumfahrt zwangsläufig immer und bis in alle Ewigkeit gefährlich und teuer sein muss. Vielleicht baut mal jemand in 1000 Jahren einen Weltraumlift und die Atommüllentsorgung ist dann nur noch ein Kinderspiel?

    Ich wollte ja auch nur sagen, dass man nicht zwingend davon ausgehen muss, den Müll jetzt die nächsten paar Milliarden Jahre auf der Erde lagern zu müssen.

    (und wahrscheinlich muss ich auch wieder dazu sagen, dass ich KEIN Atomkraftfan bin – ohne das gehts ja heute nicht mehr)

  13. @ Florian

    Völlig klar, dass in 2000 Jahren die Welt völlig anders aussehen wird als wir es uns heute ansatzweise vorstellen können. Ich mag nur nicht, wenn für aktuelle Probleme (Artensterben, Rohstoffverbrauch, Umweltverseuchung, Bevölkerungsexplosion etc. pp.) stets und ausschließlich technische Lösungen angeführt werden, welche Probleme verharmlosen und durch ihren oftmals krassen Unrealismus nichts als unterhaltsame Science Fiktion sind.

    Auch in 2000 Jahren wird die Spezies homo sapiens gewisse Grundeigenschaften nicht abgelegt haben, die sich als höchst kontraproduktiv für den langfristigen Artenerhalt erweisen (Egoismus, Kriege etc. pp.).

    (und wahrscheinlich muss ich auch wieder dazu sagen, dass ich KEIN Atomkraftfan bin – ohne das gehts ja heute nicht mehr)

    Nö, das erwarte ich nicht; darauf allein ist weder mein Blog-Post noch mein Kommentar ja reduziert. 🙂 Im übrigen bin ich eh Freund von Zwischentönen und halte reine Schwarz-Weiß-Sicht stets für wenig produktiv.

  14. Geologiestudenten

    Da war ich im Mai auf einer längeren Dienstreise und irgendwie muss mir dieser Artikel im RSS-Wust entgangen sein. Denn sonst hätte ich doch zur Aussage, bereits ein Geologiestudent lernt im ersten Semester, dass eine sichere Endlagerung nicht möglich wäre, meinen Senf dazugegeben.

    Als Physiker in der Endlagerforschung arbeite berufsbedingt viel mit Geologen zusammen und dort ist der allgemeine Konsens, dass ein Zeitraum von einer Mio Jahren (der gemäß AkEnd geforderte Isolationszeitraum für radioaktive Abfälle) sehr wohl geologisch beschreibbar ist. Genauer hab ich das hier mal ausgeführt:
    http://www.kerngedanken.de/?p=703

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