Aschewolkenindikator Mond

Der an der Südküste Islands gelegene Gletschervulkan Eyjafjallajökull ist weder der aktivste noch der größte der insgesamt 30 Vulkane dieser weltweit größten Vulkaninsel. Dennoch beschäftigt er uns seit Beginn seiner zweiten Eruptionsserie am 14. April 2010 intensiv, weil er Europa mit einer Vulkanaschewolke überzieht. Weshalb ich darüber in den KosmoLogs schreibe: Entgegen allen Beteuerungen kann man diese Aschewolke auch vom europäischen Kontinent aus sehr wohl mit eigenen Augen wahrnehmen – der Mond macht´s möglich.

Seit dem 20. März 2010 regt sich der von einem Gletscher bedeckte Vulkan Eyjafjallajökull, dessen älteste Gesteine zwischen 700.000 und 800.000 Jahre alt sind, und der zwischen 1821 und 1823 zuletzt aktiv war. Im Nachbarblog Mente et Maleo hat der Geologe Gunnar Ries mehrfach ausführlich über den aktuellen Eyjafjallajökull-Ausbruch berichtet, weshalb ich das hier nicht vertiefen möchte.

Seit der Eruption an der Gipfelcaldera des Eyjafjallajökull am 14. April 2010 verbreiten sich – durch vorherrschende nordwestliche Großwetterlagen bedingt – Aschewolken über den europäischen Kontinent und darüber hinaus.

Anhand von LIDAR-Messungen konnte die Aschewolke an verschiedenen Stellen in Europa nachgewiesen werden; hier zum Beispiel ein Vertikal-Profil aus Messungen über Kühlungsborn vom 18. April 2010. Ein vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik am 19. April durchgeführter Messflug mit einem mit LIDAR und Partikelanalysator umgerüsteten Atmosphärenforschungsflugzeug D-CMET (eine Falcon 20E) ergab beim Durchflug der Eyjafjallajökull-Aschewolke über Europa Aschekonzentrationen um 60 Mikrogramm pro Kubikmeter, allerdings in sehr schwankenden Konzentrationen, sowohl in der Horizontalen als auch der Vertikalen. Freilich handelt es sich lediglich um eine – eher punktuelle – Momentaufnahme, welche die Falcon 20E bei ihrem Flug am 19. April registrierte: Über dem Süden und der Mitte Deutschlands lagen die Vulkanaschewolken in einer Höhe zwischen vier und fünfeinhalb Kilometern und erstreckten sich zwischen einem halben und zwei Kilometer in der Vertikalen. Unter diesem Link bietet das DLR eine PDF-Datei einiger Ergebnisse dieses Fluges: http://bmvbs.de/Anlage/original_1134685/Bericht-zum-Falcon-Messflug-am-19.-April-2010.pdf . Auf Seite 3 dieser PDF-Datei präsentiert das DLR ein interessantes Foto der Aschewolke, welches während des Messfluges nahe Leipzig aufgenommen wurde: Beim Blick in die Horizontale ist hier eine braune Schicht deutlich zu erkennen.

Nun heißt es seit Tagen überall in den Medien, mit bloßem Auge sei die Vulkanaschewolke des Eyjafjallajökull in Europa vom Boden aus nicht zu sehen. Ein Grund mehr für mich, meine Augen besonders weit offen zu halten. Abgesehen vom fantastischen, vollkommen wolkenfreien Himmel über Süddeutschland am Wochenende (17./18. April), den dank europaweiten Flugverbots nicht ein einziger Kondensstreifen verunzierte, interessierte es mich natürlich sehr, ob ich nicht doch Spuren dieser Aschewolke wahrnehmen kann, vom Boden aus.

Ich habe auch in den vergangenen Nächten meine Augen offen gehalten: Der noch junge Mond, der heute Abend (21. April 2010) sein erstes Viertel erreichen wird, zeigte vorgestern (19. April 2010) und gestern (20. April 2010) von meinem süddeutschen Beobachtungsstandort aus eine kleine Korona mit einer Winkelausdehnung von etwa 2°. Und diese lunare Korona zeigte eine deutliche, durchgängig rotbraune Färbung, die gestern noch ausgeprägter war als vorgestern, da ich noch glaubte, mich zu täuschen. Ich beobachtete jeweils mit bloßen Augen, mit verschiedenen Ferngläsern (7×50 und 10×50) sowie einem 3"-Refraktor. Am deutlichsten erschien die rotbraune Färbung mit bloßem Auge bzw. bei niedrigen Vergrößerungen im Feldstecher. Bei höheren Vergrößerungen im Teleskop hingegen konnte ich diese Färbung nicht ausmachen. Ich habe eine ähnliche Färbung der lunaren Korona übrigens zuvor nie wahrgenommen, weshalb ich meinen Beobachtungen durchaus traue. Der Erdtrabant scheint somit ein geeigneter Indikator für die Vulkanaschewolken des Isländischen Eyjafjallajökull zu sein.

Ursache für die als "Korona" bzw. "Hof" (Vorsicht: Der 22°-Halo um den Mond wird ebenfalls als "Mondhof" genannt, ist aber ein anderes Phänomen als das hier beschriebene) bezeichnete atmosphärische Leuchterscheinung, die um Sonne und Mond zu beobachten ist, sind Wolken in der oberen Troposphäre, an deren Wassertropfen bzw. Eiskristallen das Licht gebeugt wird. Nun muss man allerdings genauer hinschauen, wie diese Leuchterscheinung zustande kommt, um eine Täuschung durch die rötliche Aureole auszuschließen, welche die Korona begrenzt: Die Aureole umschließt die weiße Korona, und erscheint im Normalfall leicht rötlich. Hat die Korona eine besonders große Winkelausdehnung (bis 15° sind möglich), so kann die Aureole auch weitere Farben des Regenbogenspektrums zeigen.

Diese Beobachtungen sind nun nicht weiter spektakulär, zeigen aber, dass auch mit Vehemenz vertretene Ansichten wie jener, die Aschewolke des Eyjafjallajökull sei in Europa vom Boden aus nicht sichtbar, leicht zu widerlegen sind. Es genügt, die eigenen Augen zu öffnen.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

Update 1, 27. April 2010, 10 Uhr:

Auch in den vergangenen Nächten hielt ich meine Augen offen, und wurde gestern Abend (26. April 2010), 48 h vor Vollmond, fündig: Ich sah den "Bishop´s Ring" um den Mond in Reinform, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt wie ihn Rev. S. Bishop nach dem Ausbruch des Krakatau 1883 auf Honolulu gesehen haben mag und erstmals beschrieb, aber immerhin sehr deutlich. Noch in der vergangenen Woche, als ich obigen Bericht schrieb, war ich mir nicht ganz sicher, ob es sich tatsächlich um den "Bishop´s Ring" handelt, auf den Michael Khan in seinem Blog-Beitrag vom 22. April als Erklärung meiner Beobachtungen verwies. Unsicher, ob sich die Beschreibung des "Bishop´s Ring" mit meinen Beobachtungen deckte, war ich insbesondere deshalb, weil es sich beim "Ring von Bishop" um eine zumeist bei hellem Sonnenlicht beobachtbare Erscheinung handelt. Zwar wird immer wieder mal erwähnt, auch um den Mond sei er beobachtbar, ich kannte aber keine derartigen Hinweise oder Bilder vom "Bishop´s Ring" um den Erdtrabanten. Ich nahm an, der Mond reflektiert schlicht zu wenig Sonnenlicht, um diesen Beugungseffekt zu generieren.

Meine Beobachtungen gestern nun waren anders als jene vom 19. und 20 April, die ich oben beschreibe. Der noch junge Mond zeigte in diesen beiden Nächten eine kleine Korona mit einer Winkelausdehnung von etwa 2°. Und diese lunare Korona war deutlich und v.a. durchgängig rotbraun gefärbt. Gestern (26. April) nun war die Korona um den Mond von innen nach außen zunehmend rotbraun gefärbt und schloss ab mit einer schmalen, dunkelroten Aureole. Gestern waren auch mittelhohe Wolken im Spiel, weshalb sich zwischen 21 und 23 Uhr MESZ, da ich beobachtete, unterschiedliche Ansichten des Mondes zeigten. Zwischendurch war gar nichts sichtbar, und der Erdtrabant prangte weiß am Firmament, dann wieder zeigte sich der "Bishop´s Ring", so wie im Lehrbuch.

Nie zuvor sah ich am Mond Ähnliches. Offenbar sind – auch nach durchgezogenem Tiefdruckgebiet mit reichlich Niederschlägen über Süddeutschland – noch immer ausreichend vulkanische Aerosole vom Eyjafjallajökull-Ausbruch in der oberen Troposphäre vorhanden, um dieses Schauspiel zu bieten. Mich würde interessieren, ob andere ähnliche Beobachtungen machten wie ich.

Update 2, 28. April 2010, 9.40 Uhr:

Schade, auch gestern Abend war ich wieder zu faul, das Phänomen des "Bishop´s Ring" am Mond zu fotografieren: Ebenso deutlich wie am Vorabend zeigte sich die Korona um den – nun fast vollen – Mond von innen nach außen zunehmend rotbraun gefärbt und schloss ab mit einer schmalen, mittel- bis dunkelroten Aureole.

Heute Abend werde ich in jedem Fall versuchen, das Ganze – dann am Vollmond – mit Kamera und einem 500er-Tele festzuhalten. Denn sooo oft dürfte sich dieses Himmelsschauspiel nicht bieten.

Update 3, 29. April 2010, 12.30 Uhr:

Auch gestern Abend (28. April 2010) bot sich ein interessanter Anblick: Die Korona um den – inzwischen vollen – Mond war von innen nach außen zunehmend rotbraun gefärbt, die abschließende mittel- bis dunkelrote Aureole der beiden Vorabende war aber nicht sichtbar, ich vermute auf Grund zu vieler mittelhoher Wolken.

Für dieses Bild (fotografiert mit einem 500 mm-f8-Spiegeltele, ISO 1600) des Vollmondes wurden zwei digitale Aufnahmen zusammengesetzt: Die Korona ist nur mit überbelichtetem Mond sichtbar (bei 1/100 s), weshalb ich eine wenige Sekunden später aufgenommene und kürzer belichtete Aufnahme des Mondes (bei 1/640 s) einkopiert habe. Die Farben dieses Bildes (ein kalibrierter Monitor vorausgesetzt) entsprechen nahezu dem tatsächlichen Eindruck.

Bishop´s Ring am Vollmond, 28. April 2010, 23.22 Uhr MESZ, Aufnahmeort: 49° 25´ N, 8° 43´ O, Foto: Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Link zum PDF-Dokument

    Danke Stefan für die guten Infos.
    Leider musst ich feststellen das der Link zu dem mehrseitigen PDF Dokument nicht erreichbar ist.
    Schade.

    LG Frank

  2. @ Frank D. @ Michael

    Danke für den Hinweis auf den nicht mehr funktionierenden Link und die Angabe zum Link auf die deutsche Version des DLR-Berichts zum Messflug am 19. April.

    Ich habe den Link auch im Text geändert, und es lohnt, die neue PDF-Datei anzuschauen: Der Bericht wurde überarbeitet, ins Deutsche übersetzt und erweitert. Insbesondere sind nun Abbildungen eingefügt, welche die LIDAR-Messungen des Testfluges vom 19. April recht schön visualisieren (Seite 7). Diese Querschnitte zeigen deutlich die vulkanische Aerosol-Schicht über Süddeutschland, von wo aus ich oben beschriebene Beobachtungen unternahm.

  3. Foto vom 16.4.2010

    Hallo Stefan,

    deine Beobachtungen eines bräunlichen Mondhalos kann ich bestätigen. Am Abend des 16. April so etwa gegen 20:30 MESZ war in Norddeutschland ein solcher Halo wunderbar um die schmale Mondsichel zu sehen, auch um die helle Venus. An diesem Abend herrschte trockenes und klares Wetter vor, hohe Bewölkung (Cirrren, Cirrostrati etc.) war nicht vorhanden.

    Link zum Bild:

    http://img40.imagefra.me/…8oudm3npum_af70454.jpg

    Viele Grüße, Ralf

  4. Bishop’s Ring

    Hallo,

    Ich bin auf dem Gebiet der Mondbeobachtung absoluter Laie. Gestern abend war ich mit einer Freundin spazieren und ein zufälliger Blick zum Himmel zeigte einen Mond, der „auseinander zu brechen“ schien. Genauer: Von „NNW“ zog sich ein breites Band schnell und gut sichtbar nach „SSO“. Das Band als Ganzes verschwand dann recht schnell nach oben rechts und war dann komplett verschwunden. Wir versuchten, dieses Phänomen zu erklären, fanden aber keine plausible Erklärung. Ich wohne im Rhein-Sieg-Kreis bei Siegburg. Gestern abend war es ein wenig diesig, aber der Mond war zu diesem Zeitpunkt klar zu sehen. Viele Grüsse

  5. @ Ralf

    Vielen Dank für den Beobachtungsbericht und den Link auf das gelungene Foto! In der Tat war offensichtlich auch die Venus am Abend des 16. April hell genug, die vulkanischen Aerosole in der Troposphäre über Norddeutschland zu zeigen. Das alles deckt sich auch mit diversen LIDAR-Messungen, die kurz nach der zweiten Eruptionsserie des isländischen Eyjafjallajökull in Norddeutschland unternommen wurden.

  6. @ A. Aust

    Hmm, ehrlich gesagt kann ich zu dieser Beobachtung wenig sagen. Was für ein „Band“ war denn das? Ein Wolkenband, vielleicht ein breiter Kondensstreifen? Der oben beschriebene „Bishop´s Ring“ wird es wohl nicht gewesen sein.

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