Angst unterm Sternhimmel

Wissenschaftsblog Auslese 2011
Einer der 12 besten und informativsten wissenschaftlichen Blogartikel des Jahres 2011

Die Angst greift um sich – Amateurastronomen geraten zunehmend in Panik. Nachdem mehrere Sterngucker beim Ausüben ihres Hobbys in den letzten Wochen von wilden Bären verzehrt, von herumirrenden Axt-Mördern zerteilt, von brunftigen Wildschweinen gerissen oder von nachtblinden Jägern abgeknallt wurden, ist es an der Zeit, einmal in Ruhe diese unschönen Begebenheiten zu beleuchten.

Was ist Sternguckern Übles widerfahren? – Nichts, rein gar nichts.

Dennoch tauchen Erzählungen über gruselige Begebenheiten, die Sterngucker an entlegenen Beobachtungsplätzen angeblich erlebten, gebetsmühenartig auf, sobald mehrere Amateurastronomen online miteinander diskutieren. Erst kürzlich fragt im Forum astronomie.de ein Sterngucker in die Runde „Wie mutig seid ihr?“ Er fragt, „Wenn ihr nachts zum Beobachten raus fahrt, so zum Beispiel auf ein freies abgelegenes Feld oder an den Waldrand, seid ihr da meistens alleine oder nehmt ihr euch Verstärkung mit.“ Und weiter „Ich stelle mir das schon ziemlich unheimlich vor, wenn man im stockdunkeln mitten in der Nacht irgendwo in der Pampa steht und ringsum raschelt und knistert es. Wie sind da eure Erfahrungen?“

Ja, wie sind da „unsere“ Erfahrungen. Ich als alter, grauhaariger Hobbyastronom, der es liebt, mit seinem Teleskop die Nächte in freier Natur zu verbringen, gebe dazu gerne mal meinen Senf ab.

Zwei Dinge fallen mir an Diskussionen wie diesen seit Jahren auf. Zum einen hat jeder, der über gruselige Erfahrungen nächtens zerstückelter Sterngucker schreibt, höchstens indirekt von irgendwelchen „Fällen“ gehört, bei denen es dann natürlich stets heftig zur Sache ging. Da ist dann schnell von Bösartigkeiten wie „ballernden Jägern“, „gefährlichen Wildschweinen“ oder „bösen Gangs“ die Rede. Zu Diskussionen wie diesen sage ich: All dieser hollywoodstreifengenerierte Kekskram gehört ins Reich der „Modernen Sagen“. Urban legends, wie sie im Englischen ursprünglich heißen, sollen Angst machen – und wie in diesem Fall gelingt das leider allzu oft, weil ihnen der unwiderstehliche Reiz innewohnt, sie immer weiter verbreiten zu müssen, mögen sie auch noch so bekloppt sein. Mag sein, dass ich zu selten Horror-Filme anschaue oder schon zu alt bin, aber mir ist diese nächtliche Angst, die immer wieder thematisiert wird, vollkommen fremd.

Zum anderen sehe ich da bei einigen Sternguckern ein eigenartiges Naturverständnis. So schreiben manche in der oben verlinkten Diskussion, dass sie beim nächtlichen Teleskopieren ihr Autoradio dudeln lassen, um ihre Angst zu übertönen. An dieser Stelle denke ich an einen Artikel der SZ, den ich vor ein paar Wochen auf der Wissen-Seite las: Kinder – Verkrampftes Verhältnis zur Natur.

Ich will jetzt nicht sagen, dass es ausschließlich Kinder seien, die an der Verbreitung dieser urban legends verantwortlich sind, deren amateurastronomische Protagonisten beim nächtlichen Spechteln stets von Dinosauriern oder noch weitaus schlimmeren Monstern in Einzelteile gerissen werden. Aber ich werde den Eindruck nicht los, auch in diesem Kontext könnten Aussagen dieses lesenswerten Artikels der SZ durchaus zutreffende Erklärungen liefern.

Diesem Artikel zufolge läuft im Verhältnis zwischen Kind und Natur zunehmend etwas in die falsche Richtung. Natur wird „besucht“, so wie ein Zoo oder ein Kindertheater. Ein Käfer wird so schnell zur gefährlichen Kreatur, eine Hornisse zum Todbringer. Ich will das hier nicht vertiefen; der Artikel bringt viele Argumente, die mich überzeugen. Sein Fazit ist: Das Verhältnis vieler Zeitgenossen zur Natur ist verkrampft. Schließlich werden aus Kindern irgendwann Erwachsene, die sich aber bekanntermaßen nicht so wirklich frei strampeln können von ihren früheren Erfahrungen. Da ist es klar, dass in einem Wald hungrige und bösartige Monster leben, die zunächst „rascheln und knistern“, ehe sie dann gnadenlos zuschlagen.

In all meinen Jahren des „aktiven Sternguckens“ ist mir ein einziger Fall zu Ohren gekommen, bei dem ein nächtlich beobachtender Amateurastronom von offenbar Besoffenen angegriffen und samt Teleskop Blessuren davonzog. Natürlich ist eine solche Straftat schlimm, kein Thema. Aber aus einem einzigen Fall zu folgern, die Gefahr lauere überall dort, wo es dunkel ist, ist grundfalsch. Um es mit Helge Schneider zu sagen: „Datt iss doch albern!“

Meine Mutter fragte mich vor ein paar Jahren mal, ob ich das nicht gruselig fände, so gaaaanz allein unter dem Nachthimmel. Nachts ganz alleine mit dem Teleskop draußen in der Natur. Uuuhhhhhhhhhhh, wie gruselig! Ehrlich gesagt: Ich hatte noch nie Befürchtungen, es könne etwas passieren – oder gar Angst, die mir den Spaß an meinen Ausflügen in den Kosmos hätte verderben können. Vielleicht habe ich auch nur das Glück, Beobachtungsplätze ansteuern zu können, die zu abgelegen für gelangweilte Spacken sind, vor denen ich mich aus gutem Grund fürchten müsste. Im Gegenteil: Ich liebe es, meine Ruhe zu haben vom Alltag, und beim Sternegucken höchstens Waldkäuzen zuhören zu können, deren Rufe durch die Nacht schallen. Zunehmend suche ich zur Entspannung gar die Solo-Sternausflüge, auch wenn es freilich eine Menge hat, mit Kollegen gemeinsam zu beobachten.

Für all die Sterngucker, die wie ich vom Odenwald aus in den Kosmos reisen, habe ich nun leider doch eine schlechte Nachricht: Denn hier ist in der Tat ein „gefährliches“ Tier heimisch, obwohl von seiner Existenz nur wenige wissen: Der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium) Im Juli/August schützen die Spinnenweibchen ihre Eigelege, und dann heißt es: Finger weg vom auffälligen Bau, zumal der Ammen-Dornfinger als einzige Spinnenart Mitteleuropas gilt, die – rein theoretisch – Amateurastronomen und anderen Vertretern des homo sapiens relevante Vergiftungen zufügen kann. Wenn ich ganz selten mal das Glück habe, auf Tagestouren durch den Odenwald den Bau einer Dornfingerspinne zu sehen, freue ich mich: Speziell der Ammen-Dornfinger wird auf der Roten Liste in Kategorie 3 („gefährdet“) geführt. Beruhigend mag die Tatsache wirken, dass Fälle durch diese Spinne vergifteter Menschen ähnlich selten sind wie bestätigte UFO-Sichtungen über diesem süddeutschen Mittelgebirge.

Was ich mit diesem Blog-Post sagen möchte: Leute, die Ihr von nächtlichen Ängsten an Euren Teleskopen geplagt seid, lasst die Kirche im Dorf und erfreut Euch an jenem wunderbaren Naturerlebnis „Sternhimmel“, wenn Ihr eine dieser traumhaften Nächte unter dunklem Himmel erleben dürft, die Euch entführt in die Weiten des Universums, und für die es sich lohnt, all den Aufwand zu betreiben, den diese verrückten Sterngucker eben so betreiben.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht der Mann mit der axt, aber…

    Ich bin zwar kein richtiger Hobbyastronom, verziehe mich aber gerne mal mit den fernglas nachts auf´s offene Gelände…

    … da kam einmal plötzlich von der Straße Blaulicht. Irgendjemand hat die Reflektoren des fahrrades bemerkt und die netten Helfer angerufen, die mich dann fragten, was ich denn hier (in der Nähe von Strommästen, die mir zuvor nie aufgefallen sind) nachts so treiben würde 😉

  2. Nacht im Odenwald

    Zu der Geschichte passt, wie auch zu der vorherigen, ein Gedicht von Eichendorf:
    Wär’s dunkel, ich läg‘ im Walde,
    Im Walde rauscht’s so sacht,
    Mit ihrem Sternenmantel
    Bedeckt mich da die Nacht;
    Da kommen die Bächlein gegangen,
    Ob ich schon schlafen tu?
    Ich schlaf nicht, ich hör noch lang
    Den Nachtigallen zu.

    Wenn die Wipfel über mir schwanken,
    Da klingt die ganze Nacht.
    Das sind im Herzen die Gedanken,
    Die singen, wenn niemand wacht.

    Joseph von Eichendorff

  3. Angst vor wilden Tieren;-))

    Hallo Stefan,

    ich beobachte nun schon seit vielen Jahren in der Eifel, und auch des öfteren alleine – das auch gerne – und noch nie ist mir etwas passiert!
    Auch habe ich in meinem Bekanntenkreis keinerlei Vorfälle zu hören bekommen.

    Lediglich den ein oder anderen nächtlichen Kontakt mit ortsansäßigen Förstern oder Jägern gab es in der Nacht.
    Und wenn man Ihnen von unserem Vorhaben erzählt waren sie in den allermeisten Fällen auch milde gestimmt und haben auch gerne mitbeobachtet!

    Vielmehr habe ich einige tolle Naturerlebnisse erfahren dürfen:
    Ob es nun in der Brunftzeit die kämpfenden Hirsche in ca. 100m Entfernung, neugierige Fuchjunge in unmittelbarer Nähe meines Teleskops,
    vorbeilaufende Wildschweinfamilien oder Dachse waren, bisher hatte ich keinerlei Kolateralschäden zu verzeichnen;-)
    Und gerade die Vogelwelt hat viel zu bieten. Wann, außer nachts alleine auf dem Feld hat man schon die Gelegenheit Waldkäutzen und Uhus zu lauschen!? Und die blaue Stunde vor Sonnenaufgang, wenn die „ganze“ Natur wieder zu Leben erwacht ist eh die schönste des Tages!!!

    Von daher möchte ich gar nicht auf alleinige Beobachtungen verzichten und kann nur jeden empfehlen dies auch selber mal zu machen!

    Gruß Georg

  4. echte Angst

    Ich komme nur selten mit meinem Teleskop raus in die freie Natur. Wirklich Angst habe ich jedesmal auf der Hinfahrt. Nämlich davor, dass wieder irgendwelche neuen Lichter, Lampen, Laternen oder Strahler in der Nähe meines Lieblingsbeobachtungsplatzes aufgebaut sind.

  5. Panikattacke

    Ich war mal in einer Vollmondnacht am frühen Abend draußen auf einer Wiese, um den Aufgang des Vollmonds hinter den Hügeln zu sehen. Ich hatte eine Bekannte dabei, die keine astronomische Erfahrung hatte und auch, da Großstädterin, den Mondaufgang noch nie bewusst miterlebt hatte.

    Der Anblick des großen, orangegelben Vollmonds löste bei ihr allerdings nicht, wie erwartet, Begeisterung aus, sondern eine Panikattacke. Keine Ahnung was mit ihr los war, aber es war nichts zu machen: wir mussten da weg von dieser offenbar sehr fremdartig und bedrohlich wirkenden Wiese, die von nichts erleuchtet wurde als dem Mond – von dem allerdings so hell, dass wir kräftige Schatten warfen und die Zeitung hätten lesen können.

    Solche Reaktionen lassen sich nicht rational nachvollziehen, nicht einmal von dem „Opfer“ und schon gar nicht von Außenstehenden. Das ist vielleicht so wie mit Höhenangst oder Klaustrophobie: Wer davon nicht betroffen ist, der bleibt verständnislos, wer aber darunter leidet, für den nimmt seine Angst eine solche Dimension an, dass sie vollkommen lähmen kann.

    Die habe ich nie wieder zum Spechteln mitgenommen. Wenn ich da schon meinen ganzen Kram aufgebaut hätte und die kriegt dann ihre Attacke und ich darf alles wieder abbauen – das wäre schön nervig.

  6. Horror

    Noch so eine Geschichte, die von Schlimmerem handelt als von Räubern und wilden Tieren, nämlich von Biedermännern: vor einigen Jahren ging durch ein Forum die Meldung, daß einem Hobbyastronomen auf freiem Feld die Polizei geschickt wurde, weil „da jemand auf Flugzeuge schießt“. Die Polizisten haben dann auch glatt das Teleskop nicht als solches erkannt.

  7. Störung des Flugverkehrs

    Ich habe mal irgendwo gelesen, dass leistungsstarke Laser-Pointer bei Hobby-Astronomen sehr beliebt seien, weil man damit gut Sterne am Abendhimmel markieren kann. Allerdings könnten damit auch Piloten in ihren Flugzeugen geblendet werden. Ist da was dran?

  8. @ Mona – Laserpointer

    Das Thema „Laserpointer“ wird auch unter Amateurastronomen seit langen Jahren diskutiert. „Sehr beliebt“ ist daher relativ. In der Tat eignen sich diese Geräte für Sternführungen, weshalb die ein oder andere Volkssternwarte sie auch am Sternhimmel einsetzt – bei größeren Gruppen ist das eine gute Hilfe.

    Nun sind Laserpointer ab Leistungsklasse 2 Geräte, die ausschließlich in die Hände von verantwortungsbewussten Leuten gehören, die damit umzugehen wissen. Daher ist ihr Gebrauch (auch) unter Sternguckern sehr umstritten. Denn leider gibt es zunehmend Hirnbefreite, die Laserpointer zweckentfremden und beispielsweise Piloten von Flugzeugen oder Hubschraubern, Autofahrer oder Lokführer blenden. Das ist eine Straftat, die empfindliche Strafen zur Folge hat, völlig zu Recht.

    Laserpointer höherer Leistungsklassen, welche die Netzhaut des menschlichen Auges schädigen können, sind bereits in vielen Ländern verboten. Doch kann jeder, der so ein Teil haben will, auch so ein Teil kaufen – online ist alles möglich.

    Wie umgehen mit Laserpointern, die von wenigen Spinnern missbraucht werden? Letztlich lässt sich jedes Gerät „missbrauchen“, beispielsweise ein Auto, mit dem wild geheizt wird, oder ein PC, mit dem Onlinekriminalität begangen wird. Daher öffnet die Frage nach einem „Verbot“ ein großes Fass, dessen Grund man nicht sehen kann. Ich persönlich verzichte auf den Gebrauch eines Laserpointers, wenn ich Kindern und Erwachsenen den Sternhimmel erläutere. Man kann das auch mit Worten und bildhaften Beschreibungen sehr gut hinkriegen.

  9. blöde Hosenscheißerei von Stubenhockern

    Also mal ehrlich, mehr ist das doch nicht.

    Wenn ich rausgeh hab ich ne Taschenlampe dabei, aber auch nur weil man die ja vielleicht doch mal brauchen könnte.
    Angemacht wird die nie, allein schon wegen der dann wieder verschlechterten Nachtsicht (gilt auch für iPads,…).

    Leute die Angst vor Füchsen,… haben sollten sich vielleicht mal die Größe der jeweiligen Beutetiere klar machen. Dann wäre schon mal klar dass die Viecher nix von Menschen wollen.
    Tollwütige Tiere mal davon ausgenommen, aber selbst da kann man beim lokalen Forst-/Landwirtschaftsamt erfahren ob überhaupt Tollwutgefahr besteht.

    Es gibt doch nix interessanteres als Natur bei Nacht. Tagsüber ist ja weitgehend tote Hose (abgesehen vom Menschen), aber nachts ist da richtig Action!
    Wobei es ja schon erstaunlich ist, dass ausgerechnet Exemplare der dominantesten Spezies dieses Planeten sich bei Nacht in die Hosen machen.
    In der Dämmerung hab ich schon viele Rehe beim Äsen beobachtet, die sind wachsam, horchen auf jedes Geräusch und verziehen sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr. Aber dass denen die Knie schlottern, das hab ich noch nie erlebt…

    Sagt einer der auf dem Land aufgewachsen ist und heute wegen der Sch…-Beleuchtung mitten in der Nacht noch nicht mal mehr in seiner Heimat den Nachthimmel so geniessen kann wie als Kind.

  10. Angst unterm Sternenhimmel

    Hallo Stefan,
    Dein durchaus gelungener Beitrag stellt endlich einmal die „Angst vorm Schwarzen Mann“ in dunkler Umgebung ins rechte Licht. Früher war es ja kein Problem, die Geräte mal im Garten aufzustellen und in einen wunderbar dunklen Himmel zu richten. Heuzutage treibt ja die Gier des Durchschnittsbürgers, verängstigt durch zahllose B- und C-Gruselschocker auf allen möglichen privaten TV-Sendern nach immer mehr Licht im Dunkel der Nacht zahllose Gemeinden dazu, jedes noch so kleine Gäßchen zu beleuchten (es könnte da ja mal einer entlangtgehen). Erst dadurch wird ja der Sternengucker ins Dunkel der Natur getrieben mit seinen Geistern und Massenmördern, die ihm ans Fell wollen.

    Gruß
    Erwin

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