Über den großen Teich

Mein erstes Mal in Boston und überhaupt in den USA: Ich besuche das Annual Meeting der AAAS – der American Association for the Advancement of Science. In dem Public-Outreach Projekt zu Neurotechnologie, in dem ich arbeite, versuche ich mit meinen Kollegen neue Formate und Möglichkeiten zu entwickeln, um Forscher und die Öffentlichkeit in einen Dialog zu bringen. Ich will einen Blick über den Teich werfen und mich mit Kollegen aus dem Bereich „public outreach“ austauschen. Darüber und über was für spannende Forschung ich gestolpert bin, berichte ich hier.

Tag eins der Konferenz war ganz der Kommunikation, besonders der „public engagement in science“, gewidmet. Die ganze Veranstaltung wirkt sehr groß, aber weniger pompös als erwartet – und der Kaffee-Flow ließ sehr zu wünschen übrig. Ein großer Saal mit viel zu kalter Klimaanlage/fehlender Heizung über einer Edel-Mall. Immerhin gab es Wasserspender.

Drei Panel-Diskussionen handelten ab, wie Wissenschaftler sich mit der Öffentlichkeit austauschen können und somit auch in der Entwicklung von „policies“ (politische Richtlinien) in einen echten Dialog treten können. Im Großen und Ganzen sind die Beobachtungen der Naturwissenschaftler, „behavioural scientists“ (damit sind glaube ich Psychologen und Soziologen gemeint) und Kommunikatoren sehr auf die Situation in Deutschland übertragbar. In der aktuellen Situation in den USA ist das Thema natürlich höchst relevant und die Stichwörter „alternative facts“ und „Fake-News“ waren ständige Begleiter an diesem Tag.

Es gäbe ein echtes Bedürfnis nach mehr Dialog insbesondere in gesellschaftlich relevanten Feldern wie Klima und Gesundheit – und das auf verschiedensten Ebenen. Dabei ist es aber meiner Meinung nach sicherlich ein Unterschied, ob man von „Science Fairs“ spricht oder von Ideenaustausch, um politische Entscheidungen zu diskutieren. Das wurde aber alles unter dem Dachbegriff „public engagement“ diskutiert.

Es ist wichtig, die Öffentlichkeit, mit der man in einen Dialog treten möchte, zu definieren und hierbei „Communities“ und Individuen zu unterscheiden. Khishore Hari, einer der Begründer der Science-March-Bewegung, argumentiert es handele sich immer um Gemeinschaften, die man an einen Tisch bringen möchte. Dabei seien Mittel wie Kunst, Popkultur und Entertainment gute Mediatoren. Später wurde dieses Argument von Raychelle Burks, einer auf Social Media sehr aktiven Chemikerin, unterstützt. Sie versucht, Menschen außerhalb der schon überzeugten Sphären zu erreichen, indem sie viel mit Fangemeinschaften arbeitet.

Khishore Hari betonte auch, dass es viele Expertisen – nicht nur die wissenschaftliche – gibt und dass Respekt davor, den Dialog zwischen Gemeinschaften verbessert. Matt Leighninger von der NGO „Public Agenda“ argumentiert in eine ähnliche Richtung: Er verlangt, dass Begegnungen von Wissenschaftlern und Öffentlichkeit auf Augenhöhe geschehen. Der Bürger habe meist einen guten Zugang zu Information, respektiere aber Expertise, wenn sie nicht belehrend da herkommt. Diese Art von Austausch ist, denke ich, eine große Herausforderung für viele Wissenschaftler, die den frontalen Vortrag gewöhnt sind. Aber aus meiner Erfahrung in unserem Projekt ist genau das wichtig: dem Gegenüber und seine Expertise und Erfahrungen ernst nehmen. Ein Mensch der zum Bespiel an Parkinson erkrankt ist, trägt meist im Alltag so viel Wissen und Erfahrung zur Erkrankung zusammen – im Austausch mit anderen Patienten, Recherchen oder an eigenen Erfahrungen. Wissenschaftler können davon viel lernen und hören, welche Therapiemöglichkeiten Patienten schätzen würden.

Was Wissenschaftler von „public engagement“ haben, wurde auch diskutiert: Es war aber etwas einseitig, da alle im Raum anscheinend daran interessiert waren, zu kommunizieren – sonst wären sie nicht da gewesen. Hilfreich scheint die Institutionalisierung von Outreach-Aktivitäten zu sein, um Forscher zu entlasten, sagt Matt Leighninger.

In einer Ansprache der Präsidentin Barbara Schaal wurde es nochmal politisch: Wissenschaft ist wichtig für eine stabile Wirtschaft und den Lebensstandard, den wir heute haben. Stimmt, aber das wusste ich vorher schon. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Iran oder Sudan konnten wegen der neuen Einreise-Bestimmungen nicht zu diesem Meeting kommen, was auch ein Thema bei der Eröffnungsansprache war.

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Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

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