Flipped Conference: Erste Erfahrungen

Das Wichtige an Tagungen sind nicht die Vorträge, sondern die Kaffeepausen.

Diese Feststellung geistert durch die Wissenschaftswelt, und das auch nicht ohne Grund: Während oftmals lieblos gehaltene Vorträge „ertragen“ werden müssen, dabei ca. 50% der Anwesenden ihre E-Mails beantworten und anschließend zu wenig Zeit für Diskussionen bleibt (weil aus den für den Vortrag vorgesehenen 20 Minuten dann doch 28 Minuten geworden sind), dann sind die Kaffeepause und der Gesellschaftsabend die einzigen Möglichkeiten, das zu tun, wofür man eigentlich den oft recht langen Weg zu einer Tagung auf sich genommen hat: Gespräche mit den Fachkolleginnen und Fachkollegen. Nicht selten werden wissenschaftliche Konferenzen dadurch als ineffektiv erlebt. Barcamps machen daher bekanntermaßen die Kaffeepause zum Grundprinzip.

Eine ähnliche Situation findet man bei Hochschulvorlesungen. Man könnte meinen, diese seien eine besonders effiziente Art der Wissensvermittlung. Schließlich kann man 200 oder 300 Menschen zeitgleich „mit demselben Wissen versehen“. Das Gegenteil ist der Fall: Jede Woche bewegen sich hunderte von Personen per Bus, Bahn, Auto, Fahrrad oder Zug an denselben Ort, um sich dort kollektiv in den Rezeptionsmodus zu versetzen. Ist dieser Aufwand gerechtfertigt? Sollte die wertvolle, gemeinsame Zeit, also diejenigen Zeit, in der man sich absichtlich mit anderen gemeinsam an denselben Ort begeben hat, nicht besser für Gespräche, Diskussionen, Interaktion und Zusammenarbeit genutzt werden? Also für Aktivitäten, für die es sich lohnt sich zu treffen?

Diese Überlegung greift die Lehrmethode Flipped Classroom auf: Der Vortrag, der normalerweise in der Vorlesung gehalten wird, wird vorab als Vorlesungsvideo zur Verfügung gestellt. Die Studierenden bereiten sich mit Hilfe der Videos und geeigneten Aufgabenstellungen auf die Vorlesung vor, in der dann gemeinsam Fragen geklärt, bestimmte Aspekte diskutiert oder zusammen Aufgaben gelöst werden. Wesentlich an dem Konzept ist die Vorbereitung mit Videos, die in eigenem Tempo mit selbst gesetzten Pausen erfolgen kann. Mit dem Vorverständnis aus der Vorbereitungsphase kann dann in der Vorlesung (die keine mehr ist, besser „Plenumssitzung“) gemeinsam gearbeitet werden. Dies schafft Platz für Aktivitäten wie anwenden, üben, vertiefen, bewerten, … Vorteile: Bei der Anwendung des Wissens können sich Studierende gegenseitig helfen, und der Dozent ist anwesend, um zu unterstützen, um Diskussionen zu moderieren und um Fragen zu beantworten (oder neue aufzuwerfen).

Seit einiger Zeit macht sich die Idee breit, dass man dieses Konzept auch auf wissenschaftlichen Tagungen übertragen kann. Flipped Conference nennt man dies. Die Teilnehmer_innen bereiten sich vor der Tagung auf einzelne Sessions vor, indem sie die wissenschaftlichen Artikel lesen, die von den Kolleg_innen eingereicht wurden, oder indem sie sich eigens für die Vorbereitung produzierte Vortragsvideos ansehen. Auf der Tagung selbst können dann die Sessions vollumfänglich für Diskussionen oder andere Aktivitäten genutzt werden. Eingesetzt wird dieses Prinzip beispielsweise beim CorporateLearningCamp, aber auch wissenschaftliche Konferenzen entdecken das Format für sich. Kritisch dabei ist natürlich die Vorbereitung der Teilnehmer_innen. Dafür müssen die Materialien (Texte und/oder Videos) rechtzeitig vorab allen zur Verfügung stehen, und die Teilnehmer_innen müssen sich auch gewissenhaft vorbereiten. Dies erfordert also einen Kulturwechsel, was bekanntermaßen verdammt schwierig ist.

Wer wenn nicht die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) sollte diesen Schritt wagen? Auf der diesjährigen GMW-Tagung in Zürich gab es explizit ausgeschriebene Flipped-Conference-Beiträge. Der komplette Tagungsband stand vor Beginn der Tagung online. Alle Beiträge konnten hier vorab gelesen und kommentiert werden. Eine wirklich sehr vorbildliche Vorbereitungsumgebung für eine Tagung (im Vergleich zu Tagungen, auf denen man den Tagungsband erst während der Tagung oder im Nachhinein als Buch in die Hand gedrückt bekommt). Während man alle Beiträge vorher einsehen konnte (aber nicht musste), war die Vorbereitung bei den Flipped-Conference-Beiträgen zwingend erforderlich. Die Kommentarfunktion in der Plattform bot dabei die Möglichkeit, sich bereits im Vorfeld der Tagung auszutauschen und eventuell sogar schon Fragen zu klären. Die Konzeption der Social-Reading-Plattform wird ausführlich in dem Beitrag von Beat Doebeli Honegger und Michael Hielscher im selben Tagungsband beschrieben.

Die beiden angenommenen Beiträge aus unserer Arbeitsgruppe Playgroup Heidelberg haben wir erstmals als Flipped-Conference-Beiträge durchgeführt:

  • Kristina Lucius, Janna Spannagel & Christian Spannagel: Hörsaalspiele im Flipped Classroom [Video] [Text]
  • Joshua Weidlich & Christian Spannagel: Die Vorbereitungsphase im Flipped Classroom. Vorlesungsvideos versus Aufgaben [Video] [Text]

Spannend ist dann natürlich die Frage, wie man die eigentliche dreißigminütige Session während der Tagung gestaltet. Vermeiden sollte man vortragsähnliche Wiederholungen, weil man sonst das Konzept tötet. Wir sind folgendermaßen vorgegangen:

  1. Zunächst haben wir Fragen gesammelt, die in der Vorbereitung entstanden sind. Die Fragen wurden stichpunktartig an der Tafel festgehalten, ohne sie gleich zu beantworten. Die Fragen sollten hingegen während den 30 Minuten an einer geeigneten Stelle aufgegriffen werden.
  2. Anschließend haben wir den Teilnehmer_innen einen Auftrag gegeben, den sie in Partner- bzw. Kleingruppenarbeit bearbeiten sollten (ca. 10 Minuten). Im ersten Fall war das die Skizzierung eines Hörsaalsspiels für eine eigene Veranstaltung unter Angabe des damit verfolgten Lernziels, im zweiten Fall die Sammlung von Lernzielen und entsprechenden Lernprozessen aus ihren eigenen Disziplinen, in denen die Vorbereitung mit einem Video besonders angemessen oder besonders unangemessen ist.
  3. In den letzten 10 Minuten wurden einige Ergebnisse durch die Teilnehmer_innen vorgestellt, stichpunktartig an der Tafel festgehalten und Fragen beantwortet.

Es war aus meiner Sicht ein recht experimentelle Sache. Während ich beim Flipped Classroom in meinen Vorlesungen sehr gute Erfahrungen mit der Vorbereitung der Studierenden gemacht habe (ja, sie bereiten sich vor), war die Vorbereitung durch die Teilnehmer_innen im Rahmen der Tagung unberechenbar. Außerdem war mir nicht klar, wie die Gestaltung der Sessions aufgenommen würde. Letztlich haben wir die Aktivitäten in den Sessions so gestaltet, dass man sich auch beteiligen konnte, ohne den Beitrag vorher gelesen zu haben, dann aber ohne den entsprechenden Background und ohne Wissen um den Kontext.

Also, wie sind nun unsere Erfahrungen?

  • Wir haben nicht evaluiert, wie viele Teilnehmer_innen sich vorbereiten hatten. In einzelnen Gesprächen kam heraus, dass sich tatsächlich einige Teilnehmer_innen vorbereitet hatten, andere nicht. Letztlich hatten wir es mit einer bunt gemischten Gruppe zu tun.
  • Im Vorfeld gab es nur vereinzelt Kommentare zu den Beiträgen, im ersten Beitrag einen, im zweiten Beitrag ein paar mehr. Mit denjenigen, die kommentiert hatten, bin ich relativ schnell auf der Tagung ins Gespräch über die Inhalte gekommen. Die Bereitstellung des Online-Tagungsbandes mit Kommentarfunktion hat dazu geführt, dass bestimmte Gespräche stattgefunden haben, die sonst in dieser Form nicht oder erst später statt gefunden hätten (auch wenn dies nur vereinzelt der Fall war).
  • Witzig bis peinlich war, dass es in unserem zweiten Beitrag inhaltlich um die Gegenüberstellung der Vorbereitung mit Videos und der Vorbereitung durch Aufgaben ging, dass wir selbst aber vergessen haben, zu den hier extra produzierten Videos vorbereitende Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Dies wird es beim nächsten Mal geben. 🙂
  • Die Videoproduktion war natürlich ein zusätzlicher Aufwand vor der Tagung, mit ein bisschen Übung hält der sich aber in Grenzen. Pro Videobeitrag waren es drei bis vier Stunden Produktion. Dieser Aufwand lohnt sich, denn: Ein Vorteil der zusätzlichen Videoaufzeichnung ist, dass der Vortrag, den man früher zeitlich und räumlich abgegrenzt vor einem kleinen Publikum gehalten hat, nun online und für alle Zeiten und der ganzen Welt zur Verfügung steht.
  • Interessant war die Frage einer Teilnehmerin, ob denn unsere durchgeführte Session wissenschaftlichen Ansprüchen genüge. In der Tat: Es wurden in der Sessionkeine Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten präsentiert oder wissenschaftliche Methoden diskutiert. Wir haben die Sessions eher für ein gemeinsames Brainstorming verwendet und für die Diskussion von Aspekten der jeweiligen Themen. Aus meiner Sicht ist dies gerechtfertigt: Zum einen haben wir sozusagen durch die Abgabe, Begutachtung und Annahme eines wissenschaftlichen Texts das Kriterium des wissenschaftlichen Kontextes erfüllt. Auf dieser Basis haben wir Prozesse angeleitet, die man vielleicht als gemeinschaftliche Elaboration oder kollaborativen Transfer bezeichnet könnte. Diese kreativen Ideenfindungsprozesse zählen auch zum wissenschaftlichen Arbeiten. Daraus entstehen neue Ideen, die in weiteren Projekten wissenschaftlich angegangen werden können. Schließlich geht man in der Wissenschaft nicht immer und ausschließlich formalisiert vor.

Wir richten am 15. September 2014 im Rahmen der DeLFI-Tagung einen Workshop mit dem Titel Spiele und Spielelemente in Lernkontexten aus, der komplett im Flipped-Conference-Format gehalten wird. Die ersten Videos stehen auf der Workshopseite bereits online. Wir sind gespannt, wie dies in diesem Kontext funktioniert. Da es sich um einen kleineren Rahmen handelt, haben wir die Möglichkeit, im Vorfeld noch mehr Verbindlichkeit zu erzeugen, indem wir die Teilnehmer_innen zwei oder drei Mal anschreiben und an die Vorbereitung erinnern. Dann haben wir im Workshop mehr Zeit für gemeinsame Experimente und Diskussionen.

Jetzt bin ich aber an euren Erfahrungen und Meinungen interessiert:

  • Was haltet ihr von dem Flipped-Conference-Format, insbesondere im Kontext anderer Fachdisziplinen? Ist ein Medizinkongress in diesem Format denkbar? Oder ein Jurakongress? Soziologie? Astronomie?
  • Vielleicht habt ihr selbst an einer der Sessions auf der GMW-Tagung teilgenommen? Wie habt ihr die Sessions empfunden? Hattet ihr euch vorbereitet?
  • Welche Gedanken habt ihr sonst noch dazu? Raus damit! 🙂

 

 

Alles hat damit angefangen, dass Christian Spannagel mal gerne Lehrer werden wollte. Für Mathe und Latein. Man hat ihm damals abgeraten, weil es keine Stellen gibt und so. Stattdessen hat er Informatik studiert (was ihm auch Spaß gemacht hat). Irgendwie ist er trotzdem in den Bildungsbereich geraten. Zur Computernutzung beim Lernen und Lehren promoviert, zunächst an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in der Mathematik- und Informatiklehrerausbildung tätig, nun Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Inhaltlich beschäftigt er sich zudem mit Informatikdidaktik, E-Learning und öffentlicher Wissenschaft. Gerne schaut er über seinen Tellerrand (vielleicht hat sich ja eine Pommes verflüchtigt). In diesem Blog wird er sich allgemein mit Bildungsfragen befassen - da gibts viel zu sagen, und zwar aus ganz verschiedenen Perspektiven: Pädagogik, Psychologie, Fachdidaktiken, Neurodidaktik, Bildungspolitik, Schulpraxis, Hochschuldidaktik, E-Learning, ... (bitte ergänzen Sie die Liste durch drei weitere Disziplinen und begründen Sie Ihre Wahl!) Ach ja: auf Twitter ist er als @dunkelmunkel zu finden. Follow me! :)

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Jede Woche bewegen sich hunderte von Personen per Bus, Bahn, Auto, Fahrrad oder Zug an denselben Ort, um sich dort kollektiv in den Rezeptionsmodus zu versetzen. Ist dieser Aufwand gerechtfertigt? Sollte die wertvolle, gemeinsame Zeit, also diejenigen Zeit, in der man sich absichtlich mit anderen gemeinsam an denselben Ort begeben hat, nicht besser für Gespräche, Diskussionen, Interaktion und Zusammenarbeit genutzt werden? Also für Aktivitäten, für die es sich lohnt sich zu treffen?

    Welche Gedanken habt ihr sonst noch dazu? Raus damit!

    Sofern erlaubt, erlaubt sich der Schreiber dieser Zeilen anzumerken, dass es sich nie lohnt sich pers. zu treffen, die Möglichkeiten des Internets („Webs“) müssten hier i.p. Effizienz überschreibend wirken, insofern könnte von einer Veranstaltung ausgegangen werden, die soz. auf besondere Art institutionellen Charakter hat, auch das Gemeinsame stärken soll, Riten betreffend.

    ‚Studierende‘ (btw: bedeutungsgleich mit ‚Studenten‘, jeweils substantivierter PPA) und ‚Teilnehmer_innen‘ betreffend.

    MFG
    Dr. W (der zudem ganz ähnlich, optisch, aufzutreten pflegte, ein Chapöchen an dieser Stelle, der hier wohl auch eine „Troll-Nachricht“ versandt hat, sr dafür, aber nur wegen des Auftretens des werten Inhaltegebers)

  2. Vielen Dank für den Bericht, Christian, auf den ich schon sehr gespannt war. Einen wichtigen Aspekt hast Du mit der Vorbereitung ja schon gut erläutert, ich möchte hier allerdings noch anmerken, dass mir bei einem reinen FC Format eine Art „Guided Tour“ durch den Vortrag fehlt. Auch wenn es die Beiträge als Text und Video vorab gibt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass TeilnehmerInnen Verständnisfragen haben, die sich auf die Argumentation also nicht auf einzelne Fakten beziehen. Könnte man dann nicht genau diese Argumentation als Short Version bzw. Quintessenz des Vortrags in 5-10 Minuten durchspielen, um mehr gemeinsames Wissen zu sichern?

    Die von Dir angesprochene „interessante Frage einer TeilnehmerIn“ wollte ich auch noch vertiefen. So wie Du es schilderst, könnte man es salopp und polemisch formuliert auch als eine Art Beschäftigunstherapie für den klassischen Konferenzen überdrüssiger Menschen verstehen. Für mich endet der wissenschaftliche Wert bzw. Beitrag nicht mit der Annahme durch ein Programmkommitee (von dem wir auch nicht immer die wissenschaftliche Qualität einschätzen können), sondern geht in die Tagung mit hinein und erstreckt sich auf die fachliche Diskussion des Vortrags. Ich habe hier positive wie negative Erfahrungen gemacht. Dass dieses jedoch für ein reines Brainstorming aufgegeben werden sollte, geht für mich zu weit. Du schreibst ja selbst im Konjunktiv („Daraus entstehen neue Ideen, die in weiteren Projekten wissenschaftlich angegangen werden können“). Dahinter steckt dann die Frage, was man mit der Teilnahme und dem Vortrag genau bezweckt. Will man Bestätigung bzw. Kritik für seine Thesen oder eine erwachsenenpädagogische Veranstaltung mit Wohlfühlcharakter (das war jetzt wieder polemisch und provokant formuliert:)).

    Bin auf Deine Antworten gespannt!

    Schöne Grüße,
    Markus

  3. „Will man Bestätigung bzw. Kritik für seine Thesen oder eine erwachsenenpädagogische Veranstaltung mit Wohlfühlcharakter (das war jetzt wieder polemisch und provokant formuliert:)).“

    Vielleicht will man einfach nur, dass der Zuhörer kapiert, was man sagt.

    Und da halte ich folgendes Szenario für durchaus sinnvoll. Der Professor hält seinen Vortrag zuhause vor der Videokamera. Zu Beginn der “Vorlesung” im Hörsaal kann er sich erst mal ganz entspannt zurück lehnen, bis die erste Frage auftaucht.

    Vielleicht wäre es auch sinnvoll, wenn jeder Student mit einer Fernbedienung ausgerüstet ist, um den Film anzuhalten, wenn eine Unklarheit auftaucht.

    Die Hemmschwelle den Professor “unpersönlich” zu unterbrechen, wäre auf jeden Fall wesentlich geringer, als ihn “persönlich” zu unterbrechen.

  4. @Dr. W. Das Treffen in einem nicht-virtuellen Raum hat ganz eigene Qualitäten. Ich freue mich immer sehr, auf eine Tagung zu fahren, weil ich dort die Menschen sehe, zu denen ich eben sonst nur virtuellen Kontakt habe. Dabei spüre ich einen ganz deutlichen Qualitätsunterschied zwischen nicht-virtuellem Treffen und virtuellem (was mir deutlich macht, dass das nicht-virtuelle Treffen eben doch nicht so einfach ersetzbar ist). Und wenn man dann diejenigen Tätigkeiten, die virtuell besser passen, durch virtuelle ersetzt (Vortrag angucken), dann kann noch mehr dieser wertvollen Zeit für persönliche Begegnung gewonnen werden. Und die persönliche Begegnung ist im nicht-virtuellen Raum unmittelbarer.

    @Markus Zwei sehr gute Gedanken von dir! Eine Teilnehmerin meinte auch, dass sie sich eine Kurzzusammenfassung am Anfang gewünscht hätte. Problem dabei: Wenn man das macht und es klar ist, dass man das macht, schaut sich niemand mehr vorher den Vortrag an. Daher haben wir weitgehend darauf verzichtet. Weitgehend insofern, dass wir bei einem der beiden Sessions doch 5 Minuten nochmal zwei Folien gezeigt haben, um daran die Aufgabe zu erläutern.

    Zu deinem zweiten Punkt: Ich möchte natürlich keine erwachsenenpädagogische Veranstaltung mit Wohlfühlcharakter haben, es lief aber tatsächlich ein Stück weit darauf hinaus. Wir haben in den Diskussionen trotzdem immer wieder versucht, Kritik einzufordern, die kam aber nur in geringem Maße. Vielleicht auch, weil die Vorbereitung nicht gemacht war oder zu weit zurück lag.

    Beim nächsten Mal würde ich es folgendermaßen machen: Zum Video wird ein Worksheet bereit gestellt mit zwei, drei Fragen zur Vorbereitung. Das Worksheet soll ausgefüllt und mitgebracht werden. Auf diesem Worksheet könnte man eine eigene Frage der Form vorsehen: „Welche kritischen Punkte findest du bzgl. Theorie, Forschungsmethode, Auswertung der Daten, Folgerungen? Schreib alles auf, was dir einfällt, und bringe deine Notizen mit zur Session.“ Oder noch besser: Die Notizen sollen zusätzlich auch vorher per Mail zugeschickt werden oder in das Social-Reading-Tool eingestellt werden, falls dieses existiert (wobei die Verknüpfung von Vortragsteilen zu Teilen des Texts eher schwer fallen wird). Dann könnte man vielleicht auch die gesamten 30 Minuten mit der Diskussion der Kritikpunkte verbringen. Falls noch Zeit da ist, könnte man sich eine zusätzliche Aufgabe der oben beschriebenen Form überlegen.
    Hinterher ist man immer schlauer. 🙂 In diesem Sinne war das erste Experiment hier sehr lehrreich.

    @W.G. Du willst nicht ernsthaft, dass das Video im Hörsaal vorgespielt wird, oder? 🙂 Die Idee ist ja, den Vortrag vorzulagern, damit man mehr Zeit im Hörsaal für die Diskussion hat.

  5. Zunächst folgender Link, super Ergänzung: http://www.edudemic.com/flipped-conferences/
    interresant dieses Beispiel https://it.osu.edu/innovate/session/flipping-conference-presentation und http://cogdogblog.com/2012/03/08/flip-more-than-classrooms/
    In diesen drei Fundstücken finden sich auch einige meiner Gedanken wieder die ich hier zusammenfassen mag:
    # So wie bei der flipped / inverted Lehre ist Video ein super Tool und eben eines von vielen UND es braucht dazu einen klaren Auftrag was dann zu tun oder zu lassen ist
    # und weiter: dieser Auftrag kann / darf vielleicht sogar soll mehr sein als „denkt mal nach dem Videoschauen über Fragen nach“
    # Ganz wichtig Sowohl beim Schauen als auch drumherum braucht es die Möglichkeit mit InputgeberInnen möglichst einfach & niederschwellig in Kontakt treten zu können um Fragen zu stellen
    # Fragen sammeln vor Ort. fein. Noch besser schon am Weg Fragen sammeln und Beitragende einladen auf gesammelte Fragen anderer schon zu reagieren
    # Ich bin auch der Meinung, dass bei Konferenzen mehr Parts für Austausch wichtig sind und auch hier es einen guten Mix aus „frontal“präsentation und echten Dialog braucht (siehe die Beispiele oben!!)
    # „wissenschaftlich“: JA; JA; JA: Weil ja die vorbereitenden Materalien alle Links zu Quellen haben bzw. Fachartikel dahinter“stecken“. Und weil Austausch auch ein wissenschaftlicher Akt ist, bei dem wieder zitables Material entsteht (die neue Ideen & Erkenntnisse enthalten!)
    # flipped conference braucht also: Mehr Methodenvielfalt, klare Aufgaben & Begleitung dabei; intearaktive Methoden vor Ort (vielleicht auch Pinwände, die vor einer Session als Ideen“blog“ dienen oder sowas); neue Formate mit spannenden Verbindungen zwischen Vortrag / Hands on / Austausch

  6. @Markus @Christian Schließen sich fachliche Diskussion, Kritik und Wohlfühlcharakter in solchen Veranstaltungen Eurer Meinung nach aus und ist es nicht denkbar, dass sich das Format klassischer Konferenzen im Laufe der Zeit mit all‘ ihren Entwicklungen langsam überholt und damit unter Beibehaltung des wissenschaftlichen Anspruchs veränderlich ist?

  7. „@W.G. Du willst nicht ernsthaft, dass das Video im Hörsaal vorgespielt wird, oder?“

    Na ja, gerade bei naturwissenschaftlichen Vorträgen ist es ja oft so, dass ich schon in den ersten 5 Minuten ein Verständnisproblem habe, und mir die restlichen 25 Minuten nichts mehr bringen, weil diese ja auf den ersten 5 Minuten aufbauen, so dass ich dann trotzdem unvorbereitet in den Hörsaal komme.

    Und dann war mein Hintergedanke Folgender.

    „Während oftmals lieblos gehaltene Vorträge ertragen werden“

    Warum werden denn oft „lieblose“ Vorträge gehalten? Mitunter vielleicht auch deswegen, weil der Dozent gar nicht kapiert, warum ein Student was nicht kapiert?

    Wenn nun ein Dozent sich in die Perspektive seiner Studenten versetzt, einfach nur mal ganz entspannt seinen eigenen Vortrag sich rein zieht und dann nur auf die Fragen seiner Studenten reagiert, vielleicht kann er sich dann besser in sie rein versetzen, weil er sich jetzt nicht mehr auf seinen Vortrag konzentrieren muss, sondern nur auf die Verständnisprobleme seiner Zuhörer.

  8. Danke Christian für Deinen ernsthaften Versuch die Flipped Conference umzusetzen und die kritische Reflektion dazu! Du weißt, ich verfolge die Idee schon länger, habe sie aber auch noch nicht so richtig umgesetzt bekommen, z.B. beim CorporateLearningCamp, wie Du das ja oben schon anmerktest.
    Die Kommentare hier zeigen mir, dass wir offenbar sehr stark von der bisherigen Praxis des Live-Zuhörens geprägt sind, und damit irgendwie auch verbinden, uns wenig persönlich kommunikativ einbringen zu müssen. Erst wenn diese Gewohnheit überwunden ist, entfaltet die aus meiner Sicht viel sinnvollere Flipped Conference ihre hilfreiche Wirkung.
    Es macht wirklich wenig Sinn Menschen an einem Ort zusammenkommen zu lassen, nur um sie zum stillen Zuhören zu verpflichten. Das geht per Video wirklich genauso gut – und hat wie oben gefordert – ja auch den Charme der Fernbedienung mit dem Pausen- und dem Rückspul-Knopf. Wenn Menschen schon den Aufwand auf sich nehmen, zusammen zu kommen, dann sollte dort ausschließlich die kommunikative Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema – und dem (vorab) Vortragenden – im Vordergrund stehen. Das bringt die vielen Perspektiven zum Thema auf den Tisch. Das macht das Bild für alle Beteiligten runder und entwickelt es schon in dem Moment weiter – übrigens auch für den Themen-Einbringer.
    Nur muss man das akzeptieren, dass viele Sichtweisen hilfreich sind, und das eigene Bild nur mosaiksteinartig entsteht – und vermutlich nie ganz fertig sein wird. Natürlich ist es einfacher, sich mit nur einem Vortragenden und dem eigenen Bild auseinanderzusetzen, wie wir das bisher gewohnt waren. Aber effektiver scheint mir der von Dir eingeschlagene Weg zur echten Flipped Conference zu sein. Bleib beharrlich dran. Lass Dich nicht beirren. Auch hier ist Gewöhnung nötig.
    Viele Grüße Karlheinz

  9. Pingback: Rückblick auf die GMW 2014 an der PH Zürich | Jürg Fraefel

  10. Lieber Christian
    Ich habe eure beiden Beiträge im Flipped Conference-Format sehr genossen, den intensiven Austausch in den Gruppen, die engagierte Diskussion im Plenum. Das Format hat Potenzial. Ich schlage vor, dem Einstieg mehr Beachtung zu schenken. So funktioniert in einem Regelstudiengang wohl die Einstiegsfrage «Haben Sie Fragen», doch an einer Tagung wird vielleicht mehr benötigt, nicht, um diejenigen abzuholen, welche den Beitrag nicht gelesen haben, sondern um etwas warm zu werden. Wie Markus Deimann in seinem Kommentar oben, wären wenige ausgewählte Inhalte sehr hilfreich gewesen (das haben Josua und du im zweiten Beitrag getan und man spürte im Raum den Unterschied…). Zum Einstieg könnte auch ein konkretes Beispiel präsentiert werden, welches die Inhalte von einer anderen Seite beleuchtet. Und wir alle haben natürlich erwartet, dass wir ein Kopfrechnen-Spiel durchspielen müssen (deshalb haben sich alle nicht in die vorderste Reihe gesetzt…). Meine Gedanken dazu etwas detaillierter hier: http://juerg.fraefel.ch/rueckblick-auf-die-gmw-2014-an-der-ph-zuerich/

  11. Pingback: Powerpoint-Karaoke @KOOK15 | Secret Cow Level

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