Ein Gastbeitrag über Sprache: Skriptopposition

Heute haben wir einen Gastbeitrag von Jonathan Oberländer. Jonathan befindet sich momentan im Rahmen des European Voluntary Service in Griechenland und interessiert sich für Sprache. Ab dem Wintersemester wird er Computerlinguistik studieren. In seinem Beitrag erklärt er was es mit der Skriptopposition auf sich hat. Und was das mit Witzen zu tun hat.



Der Arzt am Sterbebett: „Ihre Frau gefällt mir gar nicht.“ „Mir auch nicht, aber es wird ja nicht mehr lange dauern, oder?“

Haha, lustig. Aber warum? (Oder, falls dem Leser nicht mal ein Lächeln über die Lippen huschte: Warum nicht?)

Die Wissenschaft, die sich mit dem Lachen und seinen Auswirkungen beschäftigt, heißt Gelotologie. Ich möchte meine Ausführungen eher auf ein anderes Feld beziehen, beziehungsweise auf ein geletologisches Randgebiet: Auf die Ursache des Lachens im Falle eines Witzes. Meine Frage lautet: Was macht einen Witz lustig?

Einer der Menschen, die erfolgreich versucht haben, das zu erklären, war 1985 Victor Raskin mit seinem Buch Semantic Mechanisms of Humor (Semantic Mechanisms of Humor (302 pp.), Dordrecht – Boston – Lancaster: D. Reidel, 1985) und dem Prinzip der Skriptopposition. Vereinfacht zusammengefasst sagt diese in etwa folgendes aus: Ein Witz enthält mindestens zwei Skripte, die sich überlappen und möglichst konträr gegenüber stehen. Ein Trigger löst den Skriptwechsel vom ersten zum zweiten Skript aus und verursacht die Lustigkeit des Witzes.

Ein Skript in diesem Sinne ist eine komplexes Schema, dass mit Begriffen, Gefühlen, Situationen und so weiter verknüpft ist. Im obigen Witzbeispiel könnte man das erste Skript als das „Doktorskript“ bezeichnen. Verknüpft kann es zum Beispiel werden mit Begriffen wie Spritze, Kittel, Schwester, Krankheit, steril, Heilung oder Verband. Die Benennung des zweiten Skriptes fällt mir schon schwerer, man könnte es vielleicht mit „Ehe-“oder „Alltagsskript“ bezeichnen. Dazu passen Begriffe wie Wohnung oder Arbeit.

Der Trick besteht jetzt darin, eine möglichst lange, möglichst intensive Verflechtung der Skripte durchzuführen. Der erste Halbsatz des Witzes „Der Arzt am Sterbebett:“ passt gut und nur ins Doktorskript. Der Zuhörer (oder Leser) wird auf diese Weise in die Denkweise des Skriptes eingeführt, er soll sich an das Skript gewöhnen. Spannend wird es beim zweiten Satz: „Ihre Frau gefällt mir gar nicht.“ Wenn die Gewöhnung an das Doktorskript funktioniert hat, denkt der Zuhörer möglichst nur an selbiges. Der Satz passt aber auch schon – und eigentlich sogar besser – in das zweite Skript. Mit dem letzten Satz, der vollständig zum Ehe-/Alltagsskript gehört, findet der Bruch statt, dieser Satz ist gleichzeitig der Trigger, also der Auslöser des Skriptwechsels. Der Zuhörer realisiert den Umbruch also erst, nachdem er offensichtlich wurde. (Dass Trigger und Witzende zusammenfallen, ist nicht unüblich)

Überprüft man alltägliche Witze auf Skriptopposition, so stellt man fest, dass man das Prinzip tatsächlich (nahezu) immer anwenden kann. Zwei Sonderformen möchte ich noch kurz beleuchten:

Wenn es nicht nur zwei, sondern mehr als zwei Skripte gibt, spreche ich von multipler Skriptopposition. Ein Beispiel:

Eine Blondine wird von der Polizei angehalten, der Polizist verlangt ihren Führerschein. „Führerschein?“ – „Na das Ding mit ihrem Gesicht drauf“, antwortet der Polizist. „Ach so!“, meint die Blondine, kramt in ihrer Handtasche und zieht schließlich ihren Taschenspiegel hervor. Sie wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel und überreicht ihn dem Beamten. Der schaut auf den Spiegel und lacht: „Na, dass hätten sie ja gleich sagen können, dass Sie von der Polizei sind!!“

Der Witz spielt mit dem Blondinenklischee und führt den Zuhörer auf eine falsche Fährte, führt am Ende aber doch den Polizisten vor. Das funktioniert so gut, weil die meisten Zuhörer mit dem Prinzip Blondinenwitz bereits vertraut sind und deshalb ihre Erwartungen und Aufmerksamkeit herunterschrauben. Bei Antiwitzen und Vergleichbarem kann man von Meta-Skriptopposition sprechen. Obwohl scheinbar keine Skriptwechsel vorzuliegen, kann der Witz lustig sein, weil die eigentlichen Skripte „Witz“ vs. „kein Witz“ sind: Aufgrund der Einleitung erwartet der Zuhörer einen Witz, dann kommt aber keiner und dadurch findet eben doch ein Skriptwechsel statt.

Es gab auch schon vorher Versuche, die Funktionsweise von Witzen auf andere Art zu erklären, beispielsweise mit dem Prinzip „Verblüffung und Erleuchtung“ (Vgl. Foerst, Reiner: Die Zündung des Witzes. Eine umfassende Untersuchung der humorbedingten Auslösung des Lachreizes. Gummersbach 2001. S.43) nach Theodor Lipps. Die Erklärungen widersprechen der Skriptopposition allerdings meinem Kenntnisstand nach nicht, sondern sind vielmehr einfachere, nicht ganz so allgemeingültige Erklärungen.

Abschließend noch ein kurzer Ausblick auf Gründe, warum unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Witze witzig finden. Die Lösung sind etwas, das ich Kontextfaktoren nenne (Faktoren in der imaginären Gleichung, die die Witzigkeit eines Witzes für eine Person bestimmt). Hinter dem Begriff steckt einfach nur die Relativität, bezogen auf Zuhörer (passive Kontextfaktoren: Sozialisation, Werte, Erinnerungen, Hintergrund, Milieu, Geschlecht, Haarfarbe, Wetter, Stimmung, etc.) und Erzähler (Stimme, Spannungsbogen/genaue Wortwahl, Körpersprache, Mimik und Gestik, Aussehen, etc.). All diese Eigenschaften beeinflussen das Ausmaß der Lustigkeit für den Zuhörer.

Warum all das? Zum einen ist es auch so schon unheimlich interessant, zum anderen hoffe ich auf Fortschritte in der künstlichen Intelligenz. Ein Computer, der Humor versteht oder gar selbst welchen schaffen kann (nicht nur unfreiwillig), wäre großartig und ist nicht möglich, ohne die Arbeitsweise des Humors in Formeln zu gießen.

Weiterlesen? Neben den bereits genannten Büchern von Reiner Foerst und Victor Raskin kann ich noch Mathematics and Humor (Univ of Chicago Pr; Auflage: Reissue (1. November 1982)) von John Allen Paulos empfehlen. Wer noch mehr dazu lesen will, dem lege ich das Literaturverzeichnis meiner mit Mitschülern verfassten Seminarfacharbeit „Humor als Archetypus – Eine Erörterung am Beispiel des Witzes“ ans Herz.

Veröffentlicht von

Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. super!

    Der Artikel ist nicht nur inhaltlich sehr interessant, sondern auch noch wirklich außerordentlich gut geschrieben!

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