Untersuchungsbericht zum Fall USAF-Major Harvey O. Thomas (Teil 1)

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Grafische Darstellung MOL mit Gemini B. Credit: US-Space Command

Es ist in den USA lange geübte Praxis militärisch als „geheim“ klassifizierte Ereignisse nach Ablauf einer Sperrfrist historisch aufzuarbeiten. Die Dauer dieser Sperrfrist beträgt in der Regel etwa 50 Jahre, danach werden die Informationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In wenigen Tagen ist es wieder einmal so weit. Dann wird der Untersuchungsbericht zu der im Jahre 1966 gescheiterten Mission LIRPA-1 (Low earth orbit Intelligence Research Project A – Mission 1) der US-Luftwaffe veröffentlicht.

Die Defizite, die seinerzeit auftraten, waren so gravierend, dass in der Folge alle bemannten militärischen US-Programme (Anmerkung des Verfasser: DynaSoar, Blue Gemini und Manned Orbiting Laboratory, besser bekannt als „MOL“) storniert wurden. Die US-Luftwaffe verkündete damals, dass speziell die Aufgaben des MOL besser von den unbemannten Satelliten der Serien KH-9 „Hexagon“ und KH-10 „Dorian“ wahrgenommen werden könnten. Eine Aussage, die – wie sich nun herausstellt – allzu berechtigt war.

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Noch sind einzelne Details des Untersuchungsberichtes nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Credit: Pentagon

Ich werde in wenigen Tagen an dieser Stelle einen Auszug aus dem Bericht des Pentagon veröffentlichen. Die noch bestehende Sperrfrist lässt das nicht eher zu. Bis dahin ist aber vielleicht eine kleine Hintergrundgeschichte von Interesse, die ebenfalls erst dieser Tage durch einen Nachlass in Mittelengland publik wurde. Sie steht im Zusammenhang mit dem Tod eines Musikers namens David Jones, der erst kürzlich gestorben ist. Die Wahrheit über die LIRPA-1 Mission wäre nämlich beinahe schon Ende der sechziger Jahre ans Licht der Öffentlichkeit gekommen. Genau genommen ist sie es sogar tatsächlich. Nur wurde das Offensichtliche damals von niemandem für wahr gehalten.

Auslöser dieser Beinahe-Panne war Jeffrey Beamish, ein Fernmeldetechniker des Radioobservatoriums Jodrell Banks. Er hatte am Nachmittag (Anmerkung des Verfassers: GMT) des 3. November 1966 verschlüsselte Radiosignale aufgezeichnet, der ihren Ursprung offensichtlich an der Eastern Test Range der US-Luftwaffe hatten. Es handelte sich dabei um einen Datenaustausch mit einem Objekt, das in südöstlicher Richtung auf dem Weg in eine niedrige Erdumlaufbahn war. Der Fall erregte die Aufmerksamkeit des Technikers, weil für eben diesen Zeitraum die US-Luftwaffe den suborbitalen Versuchsflug eines MOL angekündigt hatte, an dessen Spitze sich das unbemannte Raumfahrzeug Gemini B befinden sollte. Doch war der Flug nur scheinbar unbemannt, und er war auch nur scheinbar suborbital. Tatsächlich befand sich an Bord der Gemini US-Luftwaffenmajor Harvey O. Thomas (Funk-Rufname: Major Tom) und der Flug ging, wie Beamishs Messprotokoll zeigte, mit südlichem Azimuth in eine etwa 350 Kilometer hohe Erdumlaufbahn steiler Inklination, wie er für Spionagemissionen typisch ist.

Einen der Telemetrieströme erkannte der erfahrene Techniker trotz der Verschlüsselung als Tonspur. Misstrauisch geworden übermittelte Jeff Beamish diese Daten per Post an seinen Bruder Walt Beamish nach Fairford. Walt war zu dieser Zeit als Funker der britischen Austauschcrew eines strategischen Bombers vom Typ B-52 „Stratofortress“ zugeteilt. Im Rahmen der Durchführung von Wartungsarbeiten ließ Walt Beamish das Band durch das Entschlüsselungsgerät (Anmerkung des Verfassers: Ein Remington „Doomsday-scrambler Mk II“) des Bombers laufen, und erhielt daraufhin den Klartext auf Lochstreifen. Die Sache fiel nicht weiter auf, da der Funker seinen Kameraden gegenüber das Tape als „Übungsband“ ausgewiesen hatte und mit dem daraus resultierenden Text sowieso niemand etwas anfangen konnte. Im Übrigen auch Walt Beamish nicht. Er notierte sich den Text, steckte den Zettel in die Jackentasche und vernichtete das Lochband.

Scrambler

Remington „Doomsday-Scrambler Mk II“. Credit: The Remington Company

Am selben Abend traf er in Fairford einen Freund namens Terry Burns, ging mit ihm zunächst in den „Curry King“, und danach, um dem ziemlich scharfen Essen etwas Flüssigkeit hinterherzuspülen, in das „Plough Inn“. Dort fiel ihm der Zettel wieder ein, und erzählte seinem Freund – nachdem er sich zuvor der Wahrung äußerster Diskretion versichert hatte – die Geschichte. Terry Burns besah sich den Zettel, konnte mit dem Text allerdings ebenfalls nicht viel anfangen. Er fragte Beamish, ob er den Wisch seinem Halbbruder geben könnte, denn der, so wörtlich, „macht schräge Musik und ist immer auf der Suche nach grusligen Texten“.

Als er das nächste Mal nach London kam, wo sein Halbbruder David Jones lebte, hatte er den Zettel längst vergessen. Damit hätte die Geschichte hier wohl geendet, wenn er nicht seine ziemlich verrauchte Jacke (Anmerkung des Verfassers: Resultat vieler Kneipenbesuche) in die Reinigung gegeben hätte. Als er sie drei Tage später wieder abholte, händigte ihm die Angestellte ein zerknülltes Stück Papier aus, das sie in einer der Jackentaschen gefunden hatte. Am Abend erzählte er Dave die Geschichte und schob ihm den Zettel hinüber. Sein Halbbruder besah sich den Text, nickte anerkennend und murmelte etwas wie „könnte man was machen, mit“. Bei der Gelegenheit erzählte ihm Dave Jones auch, dass er sich jetzt einen Künstlernamen zugelegt habe, um das etwas flaue Geschäft mit der Singerei anzukurbeln. Und vor allen Dingen um nicht dauernd mit „diesem anderen Jones“ (Anmerkung des Autors: gemeint ist Tom Jones) verwechselt zu werden. Deshalb nenne er sich jetzt „David Bowie“.

Terry Burns meinte dazu achselzuckend: „Naja, warum auch nicht. Wenn’s was hilft“. Er schärfte Dave noch ein, ganz gleich, was immer er mit dem Text anfange, auf keinen Fall zu erwähnen, woher er ihn habe. Das könne ihn sonst seinen Job kosten.

Plough Inn Fairford

The Plough Inn, Fairford. Credit: The Plough Inn

Tatsächlich verwendete David Jones (alias David Bowie) den sonderbaren Text erst irgendwann im Jahre 1969 für ein Lied, ohne sich noch noch groß Gedanken über seine Herkunft zu machen. Erst viel später erinnerte er sich wohl wieder daran, dass er eigentlich Stillschweigen über die Herkunft bewahren sollte. Danach behauptete er stets, er wisse nicht mehr so genau, was das eigentlich bedeuten sollte. Er hätte das irgendwie ‚psychedelisch“ gemeint. Wäre ja damals DIE große Mode gewesen.

Hier nun der fragliche Text:

Ground Control to Major Tom, Ground Control to Major Tom,
Take your protein pills and put your helmet on

Ground Control to Major Tom, commencing countdown, engines on
Check ignition and may God’s love be with you
Ten, Nine, Eight, Seven, Six, Five, Four, Three, Two, One, Lift off
This is Ground Control to Major Tom, You’ve really made the grade
And the papers want to know whose shirts you wear
Now it’s time to leave the capsule if you dare
This is Major Tom to Ground Control I’m stepping through the door
And I’m floating in a most peculiar way. and the stars look very different today
For here Am I sitting in a tin can,  far above the world, planet earth is blue
And there’s nothing I can do
Though I’m past one hundred thousand miles I’m feeling very still
And I think my spaceship knows which way to go
Tell my wife I love her very much she knows
Ground Control to Major Tom your circuit’s dead, there’s something wrong
Can you hear me, Major Tom?

Obwohl – oder gerade weil – das Lied seinerzeit eine gewisse Bekanntheit erlangte, unternahm der US-Geheimdienst nichts, um den nunmehr offensichtlichen Geheimnisverrat zu verfolgen oder zu ahnden. Das ist allerdings nur allzu verständlich, denn man wollte keine Aufmerksamkeit auf eines der am wenigsten ruhmreichen Kapitel der militärischen US-Raumfahrtgeschichte lenken.

Soweit als Einführung diese eher anektdotische Hintergrundgeschichte. In wenigen Tagen lesen Sie hier die Auszüge aus dem fast fünfzig Jahre lang geheim gehaltenen Untersuchungsprotokoll der US-Luftwaffe zur gescheiterten Mission LIRPA-1.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diese schöne Aufarbeitung! Bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung in wenigen Tagen.
    Der Name der Mission erinnert übrigens an eine Systemerweiterung für das alte Macintosh System 7 (war auch irgendwas mit „Lirpa“). Ein ziviler Spin-Off?

  2. Das ist tatsächlich nicht völlig auszuschließen. Es ist ja kaum bekannt dass Andy Hertzfeld und Lisa McIntosh zuvor bei Remington die Codes für den „Doomsday Scrambler Mark IV“ schrieben, einem Nachfolgemodell der im Einführungsartikel erwähnten Einheit. Die von Ihnen erwähnte Version hieß übrigens LIRPA 7 (Version 7.6.1.) und bezog sich auf den Endstatus der nach Lisa MacIntosh benannten System Software.

    • Langsam kommt die Erinnerung wieder. Lirpa hatte irgendwas mit dem enablen von mirroring zu tun. LIRPA 7 hieß angeblich intern auch SLOOF LIRPA, nach dem sehr nachtragenden Projektleiter(?) der es bis ins urban dictionary geschafft hat.

  3. Mike: Sie werden verstehen, dass missionskritische Informationen zum Vorhaben LIRPA-1 leider nicht vor Ende der Sperrfrist veröffentlicht werden können. Das dürfte – lassen Sie mich mal auf meinen Kalender gucken – gegen Ende dieser Woche der Fall sein. Sicherheitshalber ziehe ich deshalb das manuelle Verfahren einem von mir nicht verifizierten automatischen Modus vor.

    Easter Egg: Wie wahr, wie war. Wenn man bedenkt, was einem sonst heutzutage manchmal für hanebüchener Blödsinn aufgetischt wird.

  4. Um mich Easter Egg anzuschließen, vielen Dank für diese grandiose, kurzweilige Hintergrund-Story! Sehr schön verfasst.

  5. Seinerzeit gab es kurzzeitig Berichte über die Notwasserung einer USAF-Mission in Sibirien, sozusagen auf halben Wege.
    Man einigte sich wohl auf Stillschweigen, damit die angelaufenen Filmaufnahmen zur Mondlandung nicht auffällig werden sollten. Im Gegenzug lieferte die UdSSR für $ high-tec-Kulissen vom Mond.

  6. Herr Senf und Major Tim: Sie werden verstehen, auch wenn ich mich wiederhole: Vor Ablauf der Sperrfrist kann ich keine weiteren Details preisgeben. Ein kleiner Hinweis an „Major Tim“ ist aber dennoch geboten, denn in Ihrer Annahme ist ein kleiner Irrtum enthalten. Der Relaese LIRPA 7 wurde Apple-Intern intern nicht etwa Sloof Lirpa genannt (offensichtlich bezogen auf den norwegischen Systemprogrammierer Olof S. Lirpa) sondern „Lirpa squared“ nach Olof S. Lirpas finnischem Kollegen Lirpa Lirpa, der nach einem kurzen Intermezzo bei Nokia später wieder zu Apple ging, dort heute für den Bereich „Customer Satisfaction“ zuständig ist und seinem Namen alle Ehre macht.

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