Untersuchungsbericht zum Fall USAF-Major Harvey O. Thomas (Teil 2)

Hier nun, wie vor einigen Tagen an anderer Stelle angekündigt, die Auszüge aus dem Untersuchungsbericht der US-Luftwaffe zur Mission LIRPA-1, die am 3. November 1966 begann und erst über ein Jahr später mit der Rückholung des Astronauten Harevy O. Thomas endete.

USAF SPACECRAFT INVESTIGATION PANEL (SIP) MISHAP ASSESSMENT ON DODIG-1966-041 „Low earth orbit Intelligence Research Project A – Mission 1“ (LIRPA-1)

Vorbemerkung:

Eine Kette gravierender Fehler des Missionskontrollteams, verbunden mit nicht minder schwerwiegenden Fehlhandlungen der Flugbesatzung, führten bereits unmittelbar nach Beginn der ersten Mission des Low earth orbit Intelligence Research Project A (LIRPA-1) Programmes zur Strandung des Astronauten, Luftwaffenmajor Harvey O. Thomas (Funk-Rufname: Major Tom), in einem Erdorbit mit einem Perigäum von 350 Kilometern, einem Apogäum von 410 Kilometern und einer Bahnneigung zum Äquator von 62 Grad. Die Ermittlungen des Komitees ergaben, dass erprobte und seit Jahren etablierte Prozeduren bei dieser Mission nicht oder nur unzureichend befolgt wurden. Zusätzlich führte eine eher von emotionalen als von rationalen Kriterien beeinflusste  Entscheidungsfindung zu einer raschen Eskalation der Ereignisse, die am Ende das Scheitern der Mission bewirkte.

Bild 1

Harvey O. Thomas (Major Tom) ganz hinten links. Er war Mitglied der Auswahlgruppe 2A für das Programm des Manned Orbiting Laboratory (MOL). Credit: TSA

Nachfolgend das Transscript des CAPCOM  (Anmerkung des Verfassers: Capsule Communicators) mit den Anmerkungen der Komitee-Mitglieder.

Missionskontrolle: Ground Control to Major Tom. Ground Control to Major Tom:Take your protein pills and put your helmet on

Das Panel befand das Kommando an den Astronauten, nur wenige Sekunden vor dem Abheben der Rakete Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen, als unbesonnen und töricht.  Weiterhin stellte das Panel fest, dass es zu einem Zeitpunkt von T-minus 10 Sekunden für Major Harvey O. Thomas wesentlich zu spät im Ablauf der Startsequenz war, seinen Helm anzulegen. In der Folge verblieb keine Zeit mehr, den Kohlendioxid-Absorber zu überprüfen und sein Visier mit Anti-Fogging-Compound zu behandeln. Der dem Komitee vorliegende Flugplan bestätigt dieses Fehlverhalten. Für das Anlegen des Helmes sieht er einen nominalen Zeitpunkt von 2:20 Stunden vor dem Start vor, das Schließen des Visiers sollte 3 Minuten und 10 Sekunden vor dem Liftoff stattfinden.

Missionskontrolle: Commencing countdown, engines on

Ein bizarres Statement, wie so viele im weiteren Ablauf dieser Mission. Der Ausschuss befand die Ankündigung “commencing countdown” (also: Beginn des Countdowns) in einer Phase, in der sich der Countdown tatsächlich unmittelbar vor seinem Abschluss befindet, als grotesk. Dies ist dabei nicht – wie von den Mitgliedern des Review-Teams zunächst vermutet – auf einen Fehler im Transscript zurückzuführen, denn auf der begleitenden Tonspur ist im Hintergrund klar und deutlich die Stimme des Launch Sequence Operators zu hören, der eben “eight….seven…six…five…four…“ herunterzählt, als der Countdown angeblich gerade erst „beginnt“.

Darüberhinaus erfordert das Aktivieren der Triebwerke ein hochkomplexes, vielstufiges Protokoll. Es kann nicht einfach dadurch erreicht werden, dass jemand “Engines on” ruft. Ein Mitglied der Untersuchungskommission meinte dazu, das wäre, als wie wenn ein Kleinkind seinen Bobbycar mit den Worten „Auto, fahr“ anfeuert.

Missionskontrolle: Check ignition and may God’s love be with you

MOL-Gemini-B-Test

Die Probleme begannen bereits in der ersten Startphase. Credit: USAF

Eine Videoaufzeichnung aus der Besatzungskabine zeigt Major Harvey O. Thomas in der ersten Startphase, den Mund mit Protein-Tabletten vollgestopft und verwirrt um sich blickend. Er tappt dabei ungelenk an der Kontrollkonsole herum (versucht er gerade „Ignition“ zu checken?) und sieht dann seinen Helm auf dem Kabinenboden liegen, der noch in der Schutzhülle steckt (!). Der Major kriecht verzweifelt herum und versucht seinen Helm anzulegen, während mächtige Andruckkräfte und Vibrationen seinen Körper durchrütteln.

Missionskontrolle: This is Ground Control to Major Tom. You’ve really made the grade!

Gerade einmal 46 Sekunden nach dem Liftoff ist das eine hohle und unangemessene Phrase. Sie soll vermutlich dazu dienen, die Aufmerksamkeit vom Helm-Fiasko abzulenken.

Missionskontrolle: . . . and the papers want to know whose shirts you wear

Für eine gesicherte Bestätigung dieser eigenartigen Aussage konnte das Komitee keinerlei Belege gleich welcher Artfinden. Sicher ist jedoch mit einiger Beweiskraft, dass Astronauten grundsätzlich eher weniger durch das Tragen modischer Markenkleidung auffallen. Recherchen in der einschlägigen Literatur ergaben, dass das Kleidungsstück von Astronauten, welches das breite Publikum am Meisten interessiert, Pampers für Erwachsene sind.

Missionskontrolle: Now it’s time to leave the capsule if you dare.

Der überflüssige Zusatz “if you dare” ist ein weiterer Beleg der ungenügenden Bewertung der Situation. Diese Aussage könnte den seelisch offensichtlich ohnehin angeschlagenen Major weiter erschüttert haben. Im späteren Verlauf der Konversation hören wir sogar die noch wesentlich rätselhaftere Empfehlung “Take out your comfort pillow if you dare”.

Major Tom: . . . and I’m floating in a most peculiar way.

Die Gutachter konnten kaum glauben, dass sich ein erfahrener Astronaut mit den grundlegenden Anforderungen der Schwerelosigkeit überfordert zeigt. Das Komitee stellt hier unzureichendes Training im Vorfeld der Mission fest.

Major Tom: For here am I sitting in a tin can . . .

Dieser billiger „Schuss vor den Bug“, gerichtet an die Entwickler des Raumfahrzeugs, vom bis dahin meist höflichen Astronauten, ist Besorgnis erregend. Verliert er hier bereits völlig die Fassung? Im Kontrollbunker in Cape Canaveral ist das Stöhnen der Designer über diese öffentliche Demütigung deutlich wahrnehmbar.

Major Tom: Planet Earth is blue . . .

Dem Steuerzahler, den dieser Flug 4,8 Milliarden Dollar gekostet hat, dürfte eine solch banale Beobachtung nicht zu vermitteln sein.

Major Tom:. . . and there’s nothing I can do.

Das stimmt leider nur zu genau. Ein hochwichtiges Experiment über das Kopulationsverhalten von Seidenraupen in der Mikrogravitation konnte nicht stattfinden. Das Anlegemanöver an der MOL-Station konnte trotz der geringen Distanz zum Kopplungsring (Anmerkung des Verfassers: 38 Zentimeter) nicht durchgeführt werden.

Major Tom:. . . Though I’m past one hundred thousand miles I’m feeling very still…

Major Harvey O. Thomas‘  gravierende Fehl-Wahrnehmung der Situation kommt hier erneut zum Ausdruck. Zum Zeitpunkt der Meldung, sieben Minuten und 18 Sekunden nach dem Liftoff, befindet sich das Raumschiff keineswegs „past one hundred thousand miles“, sondern lediglich 638 Meilen downrange von Cape Canaveral und  in einer Höhe von 112 Meilen. Dass sich der Major „still“ fühlt, könnte auf die massive Intoxikation mit Proteinpräparaten zurückzuführen sein. Die übermittelte Telemetrie zeigt jedenfalls einen Geräuschpegel von 136 Dezibel in der Kabine. Eine weitere Möglichkeit für diese befremdliche Aussage könnte darin bestehen, dass das Gehör des Majors wegen Übersättigung quasi „abriegelte“, denn der Flughelm war zu diesem Zeitpunkt nach wie vor nicht ordnungsgemäß angelegt.

Major Tom:. . . and I think my spaceship knows which way to go.

Bemerkungen dieser Art sind nicht dazu angetan, Zuversicht zu verbreiten.

Major Tom: Tell my wife I love her very much . . . she knows

Major Harvey O. Thomas ist nicht verheiratet.

 

Empfehlungen der Kommission:

  1. In künftigen Missionen, sowohl denen der NASA als auch denen militärischer Organisationen, sollte auf die Verwendung von “All Stars Hypro 85 Hardcore” verzichtet werden. Das Präparat ist unnötig und ihre Quelle (Anmerkung des Verfassers: Melanie, die Tochter des Flugdirektors) führt zu einem Interessenkonflikt. In keinem Fall sollte der Verzehr von Proteinpräparaten den weit wichtigeren Vorgang des Anlegens des Flughelmes verzögern.
  1. Funksprüche der Bodenkontrolle müssen eine ruhige, selbstsichere Autorität ausstrahlen. Bemerkungen wie “Your circuit’s dead, there’s something wrong!” klingen panisch und unprofessionell. Weitaus passender wäre hier: “Major Tom? Wir registrieren eine geringfügige Sollabweichung in einem der Schaltkreise. Wir prüfen das und melden uns in Kürze wieder.”
  1. Für den Fall dass die Kommunikation unterbrochen wird, empfiehlt das Gremium den Standard-Ruf: “Do you copy? Over” Das ständige Herumjammern mit “Can you hear me, Major Tom?” passt besser zu einem neurotischen Liebhaber als zum führenden Raumfahrtprogramm dieses Planeten.
  1. Weiterhin empfiehlt das Komitee, das Projekt LIRPA, ursprünglich ausgelegt auf 12 Missionen pro Jahr, drastisch zu reduzieren. Das Gremium schlägt vor, nur noch einmal jährlich eine LIRPA-Mission durchzuführen. Aus Gründen der für optische Beobachtung vorteilhaften Beleuchtungsverhältnisse auf der nördlichen Hemisphäre bevorzugt etwa zehn bis elf Tage nach dem Primär-Äquinoktium.
  1. Und schließlich sollte sobald wie irgend möglich eine Rettungsmission initiiert werden, um Major Harvey O. Thomas zurückzuholen. Seine häufigen Versuche, sich über Bordfunk in die Morgenprogramme der nationalen Radiosender einzuschalten (die mit erheblichem Aufwand durch dieJamming Transmitter von NORAD unterbunden werden müssen), könnten zwar dem einen oder anderen Zuhörer unterhaltsam erscheinen, seine politisch inkorrekten Meinungen und seine drastische und bildhafte Sprache dürften den Steuerzahler im Allgemeinen und künftige Nachwuchsastronauten im Speziellen jedoch erheblich befremden.

 

Soweit die Auszüge aus den ersten Seiten des Untersuchungsberichtes. Dazu noch ein Nachtrag des Autors:

Die Rückholung von Major Harvey O. Thomas erfolgte am 9. November 1967 durch Oberstleutnant LachlanMacleay und Major Francis Neubeck, von denen alle heute verfügbaren offiziellen Quellen besagen, dass sie nie einen Raumflug unternommen haben. Ihre Mission wurde seinerzeit als die unbemannte NASA-Testmission Apollo 4 ausgegeben.

Bei Major Harvey O. Thomas wurde nach seiner Mission eine massive Intoxikation mit Proteinpräparaten nachgewiesen, die offenbar wesentlich zu der seinerzeit unerklärlich suboptimalen Performance bei der Mission LIRPA-1 beitrug. Dies ersparte ihm aber nicht die Degradierung zum Corporal und dem Entzug der Fluglizenz.

Corporal Thomas machte in der Folge zwischen dem 1. Februar 1968 und dem 31. Januar 1973 Dienst auf den U-Booten USS Ethan Allen und USS Sam Houston wo er für die Pegelmessung des Bilgewassers zuständig war. Die restlichen 15 Jahre seiner militärischen Dienstzeit leistete er an der McMurdo Südpolstation ab, wo man ihn zuletzt am 31. Dezember 1988 beim Schneeschaufeln sah.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was auch in den bisher veröffentlichten Protokollen verschwiegen wurde ist die Tatsache, das Harvey O. Thomas sich zwischenzeitlich (zwischen Start der Mission und seiner Heimholung) die Zeit bei den Raumspaziergängen durch wiederholtes Zielwerfen seines Taschenmessers in die offene Stationsluke vertrieb.

  2. Gab es Reste des verabreichten “All Stars Hypro 85 Hardcore”, die näher untersucht werden konnten? Die Quelle („Melanie, die Tochter des Flugdirektors“, 1966) wirft Fragen auf nach einer Tarnverpackung für, bzw. gezielten Verunreinigung mit, sachfremden Wirkstoffen.

    Mir scheint das Problem hier nicht in einem Interessenkonflikt im Einkauf zu liegen, sondern — dies würde viel der späteren Kommunikation erklären — in einer halluzinogenen oder sonstwie psychedelischen Wirkung der angeblichen „Proteine“.

  3. Weiter konnte man einer unveröffentlichten Aktennotizen des Electrical, Environmental and Consumables Manager (EECOM) der entnehmen, dass Major Harvey O. Thomas während der Suche nach dem Helm in der Kapsel kurz nach dem Liftoff einen starken elektrischen Schlag erlitt. Vermutlich infolge der statischen Aufladung beim Aufstieg der Gemini-Kapsel durch die vom koronalen Massenauswurf angeregte Atmosphäre. Rückwirkend war dies jedoch ein Glücksfall, da dieser elektrische Schlag den täglichen Bedarf an Kohlenhydraten von Major Harvey O. Thomas derart veränderte, dass dieser mit einer für drei Wochen ausgelegten Nahrungsration (Space Food) über ein Jahr überleben konnte. Aufgrund dieser Erkenntnis wurde anschliessend im Jahr 1967 an der University of South Florida (USF) Tampa in Zusammenarbeit mit der NASA ein eigener Lehrstuhl für Hirnfunktionen und Elektropathologie eröffnet. Dieser Lehrstuhl wurde später im Auftrag von George W. Bush gegen Ende seiner zweiten Amtszeit im Jahr 2009 geschlossen.

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