Proton: Pfusch & Pannen

Proton überschlägt sich

Der Absturz einer Proton unmittelbar nach dem Start. Ein gefundenes Fressen für die Presse Bild: Novosti Kosmonavtiki

2. Juli 2013, 4.38 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Von der Startanlage 81/24 in Baikonur hebt eine Rakete des Typs Proton M ab. Ihre Aufgabe: Drei Satelliten der Glonass-Konstellation in einen mittelhohen Erdorbit transportieren. Doch der Flug der von Chrunitschew gebauten Rakete dauert nur wenige Sekunden. Der Träger steigt wie betrunken schlingernd vom Starttisch, schlägt zwei scharfe Haken und dreht sich dann um 180 Grad. Mit bis zuletzt nach oben feuernden Triebwerken detoniert er 37 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe einen Kilometer entfernt beim Aufschlag auf dem Boden.

Nachdem die Rakete über alle Stufen mit einer Treibstoffkombination arbeitet, die ziemlich toxisch ist (Oxidator: Stickstofftretoxid, Treibstoff: unsymmetrisches Dimethlyhydrazin) wurden die Insassen der umliegenden Gebäude zunächst angewiesen, Türen und Fenster geschlossen zu halten und die Häuser nicht zu verlassen. Die Anordnung konnte aber bald wieder aufgehoben werden, der Wind stand glücklicherweise günstig. Die Startanlage blieb unbeschädigt. Am Aufschlagort entstand allerdings im Gelände ein Krater von 200 Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe.

Mehr noch als der materielle Verlust schadete der Unfall Russlands Reputation als Raumfahrt-Großmacht. In der Rangliste von Dingen, die jemanden diesem Gewerbe schlecht aussehen lassen, übertrifft nur wenig den Anblick einer Großträgerrakete, die vor den Augen der Welt in geringer Höhe auf erratischen Kurs geht und dann in einer gewaltigen Explosion detoniert. Die Europäer, denen im Juni 1996 ähnliches passierte – seinerzeit beim ersten Testflug ihrer damals brandneuen Ariane 5 – können ein Lied davon singen. Ich weiß nicht, wie viele hundert Male ich seitdem diese Ariane explodieren sah. Sie bekam in jeder beliebigen Fernseh-Dokumentation über Raumfahrt ihre Paraderolle, gleich hinter der explodierenden Raumfähre Challenger, ob es nun zum Thema passte oder nicht. Somit herzlichen Dank an die Proton, die nun in den kommenden Jahrzehnten diesen Rang einnehmen wird.

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Diesen Startposter hatte Mexsat in der Erwartung eines erfolgreichen Starts vorbereiten lassen Bild: Mexsat

Man sollte annehmen, dass nach einer solchen Show höchste Vorsicht angesagt ist, doch nur neun Proton-Starts später kam es bereits zum nächsten Fehlschlag, als am 15. Mai letzten Jahres der russische Kommunikationssatellit Ekspress AM4R (der seinerseits schon der Ersatzsatellit für den früher von einer Proton versenkten Kommunikationssatelliten Ekspress AM4 war) wegen eines Fehlers in der dritten Stufe über Sibirien verglüht. Und letzte Woche, erneut nur sieben Starts später, versagt schon wieder eine Proton M und ließ die Überreste von MexSat-1 über Zentralasien vom Himmel regnen. Und es ist nicht nur die Proton die betroffen ist: Seit Mai 2009 ereigneten sich nicht weniger als 16 Fehlstarts mit Trägern der Typen Sojus, Rokot, Zenit und Proton.

Es ist schlecht bestellt um Russlands Raumfahrt. Die hohen Startfrequenzen täuschen ein falsches Bild vor. Seit zwei Jahrzehnten gibt es keine nennenswerten Neuentwicklungen mehr. Wissenschaftliche Raumfahrzeuge sind zur seltenen Ausnahme geworden. Raumsonden entsendet Russland nur noch alle Jubeljahre, und lässt sie dann, wie zuletzt im November 2011 mit Phobos Grunt, in einer öffentlichen Zurschaustellung des Unvermögens enden. Mit Ausnahme der Angara stammt alles, was heute in Russland die Startrampen verlässt, noch aus der Sowjetära. Die Zeiten, zu denen in Russland wegweisende Neuheiten auf dem Gebiet der Raumfahrt entstanden, sind längst Geschichte. Selbst dringend notwendige Ersatzentwicklungen, Neuinvestitionen und Produktverbesserungen werden immer weiter in die Zukunft hinausgeschoben, verirren sich in der ausufernden Bürokratie oder fallen der allgegenwärtigen Korruption zum Opfer.

Ehrwürdige Großmutter

Die Proton ist die ehrwürdige Großmutter unter den russischen Trägerraketen. Nur eine einzige Trägerrakete weltweit – die R-7 in ihren Varianten – hat eine noch längere Lebensgeschichte als sie. Beide befinden sich schon seit Chrustschows Zeiten im russischen Arsenal. Seit ihrem Erstflug im Jahre 1965 flog die Proton 404 Missionen, von denen 48 teilweise oder ganz scheiterten. Die überwiegende Zahl dieser Fehlschläge ist in den sechziger und siebziger Jahren verortet. In den Jahrzehnten danach galt sie als ausgereifte, technisch solide Konstruktion mit zumindest durchschnittlicher Zuverlässigkeit. Selbst die turbulenten Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion änderten daran kaum etwas. Erfahrenes, hoch qualifiziertes, und trotz der wirtschaftlichen und politischen Wirren motiviertes Personal sorgte dafür, dass dieser Trägertyp hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit bei gut akzeptablen Werten blieb.

Im Jahr 2000 gab es 14 Starts der Proton, die allesamt erfolgreich verliefen, genauso wie die sechs Missionen des Jahres 2001. Bei den neun Flügen des Jahres 2002 kam es zu einem Fehlstart, bei dem der Kommunikationssatellit Astra 1K in einem unbrauchbaren Orbit strandete. Die fünf Proton-Starts des Jahres 2003 verliefen dagegen wieder allesamt erfolgreich, ebenso wie die acht Starts des Jahres 2004 und die sieben Missionen des Jahres 2005. Im Verlauf von sechs Jahren gab es somit bei insgesamt 49 Starts einen einzelnen Fehlschlag. Das ist, selbst nach den Maßstäben der heutigen Raumfahrt, ganz ordentlich. 98 Prozent Zuverlässigkeit, da meckert keine Versicherungsgesellschaft.

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Rollout der Mexsat-Proton M zur Startrampe Bild ILS

Etwa um das Jahr 2005 begannen allerdings die erfahrenen Kräfte der russischen Raumfahrt vermehrt in den Ruhestand abzuwandern. Neue Mitarbeiter wurden wegen des insgesamt zu hohen Personalstandes nicht mehr eingestellt, das Interesse der jungen Ingenieure und Techniker, sich in der Raumfahrt zu verdingen, war ohnehin gering. Die Bezahlung war schlecht und das Prestige längst nicht mehr dasselbe wie in der Sowjet-Zeit.

Im Jahre 2006 wurden sechs Proton Starts durchgeführt. Es gab einen Fehlschlag, als die Briz-M Oberstufe einer Proton M am 28. Februar das zweite Brennmanöver vorzeitig beendete und die drei weiteren daraufhin gar nicht erst begannen. Das Jahr 2007 sah sieben Proton-Starts. Erneut schlug einer davon fehl, weil die Trennung zwischen erster und zweiter Stufe nicht gelang. Auch von den 10 Starts des Jahres 2008 scheiterte einer. Zumindest teilweise, denn der Kommunikationssatellit AMC-14, die Nutzlast bei diesem Flug, konnte die Minderleistung der Briz-M Oberstufe mit seinen Bordtriebwerken ausgleichen. Die wirtschaftliche Lebensdauer des Raumfahrzeugs wurde durch diese Maßnahme jedoch von 15 auf nur noch vier Jahre verkürzt. Das Jahr 2009 sah zehn erfolgreiche Starts. Von den 12 Starts des Jahres 2010 scheiterte erneut einer, wobei drei russische Navigationssatelliten im Pazifik versenkt wurden. Grund war eine fehlerhafte Betankung der Oberstufe. Die 45 Starts der fünfjährigen Periode zwischen 2006 und 2010 produzierten somit vier Fehlstarts. Die Zuverlässigkeitsquote war auf 91 Prozent gesunken.

Die Abwanderung der Wissensträger hatte sich in dieser Fünfjahresperiode verstärkt. Fatal in einem System, das traditionell weniger Wert auf umfangreiche Dokumentation denn auf verbale Knowhow-Übermittlung legt. Inzwischen fehlte bei Firmen wie Chrunitschew fast die komplette Transfergeneration zwischen 30 und 55 Jahren. Auf der einen Seite gibt es somit die immer mehr ausdünnenden Belegschaft der Wissensträger und auf der anderen Seite unerfahrenes, unterbezahltes, gering motiviertes und – wie sich immer häufiger zeigt – ungenügend ausgebildetes neues Personal.

Die neun Starts des Jahres 2011 produzierten einen Fehlschlag und kosteten Russland seinen Ekspress-AM4 Kommunikationssatelliten. Von den elf Starts des Jahres 2012 scheiterten gleich zwei, wobei einer der betroffenen Satelliten, Yamal-402 am Ende doch noch die angestrebte Nutzlast erreichte, wenngleich zu Lasten seiner wirtschaftlichen Lebensdauer. Und im Jahre 2013 gelangen die ersten vier Starts, doch Nummer fünf (mit dem wir in die Story eingestiegen sind) scheiterte erneut. Fünf weitere Starts zwischen September und Dezember 2013 gelangen. Zwischen 2011 und 2013 waren dies somit bei 30 Starts vier Fehlschläge. Die Zuverlässigkeitsquote lag jetzt bei 87 Prozent.

2014 und 2015 gab es bei bislang zusammen 11 Starts erneut zwei Fehlschläge. Die Zuverlässigkeit liegt damit bei gerade noch 82 Prozent.

Zum Vergleich einige Daten westlicher Träger: Bei den bisher insgesamt 53 Starts der Atlas 5 kam es nur ein einziges Mal zu einer geringfügigen Minderleistung der Oberstufe, die aber den Missionserfolg nicht gefährdete. Bei den 29 Starts der Delta 4 seit dem Jahre 2002 gab es ebenfalls nur ein einziges Mal, und das war beim Erstflug der Delta 4 „Heavy“, eine Minderleistung, die einer Sekundärnutzlast den Missionserfolg kostete. Die Ariane 5 hatte zwar auch in ihren ersten Jahren ihr gerütteltes Maß an Fehlern, so kam es in der Frühphase des Programms zu insgesamt zwei Fehlstarts und zwei Teilerfolgen, aber seitdem fliegt diese Rakete seit zwölfeinhalb Jahren in einer makellosen Serie und absolvierte dabei 64 erfolgreiche Missionen in ununterbrochener Folge. Der letzte Fehlstart datiert auf den Dezember 2002 zurück. Selbst ein vergleichsweise brandneuer Träger wie die Falcon 9 von SpaceX hat inzwischen bei 17 Starts 17 fehlerfreie Missionen hingelegt.

Verkehrt herum eingebaut

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Die Proton M für Mexsat wird über dem Flammenschacht aufgerichtet Bild ILS

Zurück zur Proton und dem fatalen Absturz vom 2. Juli 2013. Er ist exemplarisch für die Schlamperei, die in Russlands Raketenfabriken herrscht. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos setzte gleich nach dem Unfall eine Kommission für die Fehlerermittlung ein. Der Vermarkter von Proton-Starts für Kunden aus aller Welt, International Lauch Services (ILS), installierte vorsichtshalber eine eigene Arbeitsgruppe, um die Ergebnisse der Roskosmos-Kommission zu überprüfen, denn Vertuschung ist in Russland an der Tagesordnung.

Nach vier Wochen Arbeit gab die Untersuchungskommission bekannt, dass der Absturz der Rakete durch fehlerhaft installierte Lagesensoren verursacht worden sei. Und zwar seien diese Sensoren verkehrt herum eingebaut worden. Sie standen danach gewissermaßen auf dem Kopf und hatten daher nie die Chance, richtige Werte an die Flugsteuerung der Rakete zu liefern.

Der Bau der Unglücksrakete war bei Chrunitschew im Dezember 2011 beendet worden. Die fehlerhafte Installation der drei Lagewinkel-Sensoren, die Daten für die Kurskorrekturen der Rakete liefern, war – wie man rekonstruierte – am Mittwoch, dem 16. November 2011 geschehen. Sie wurde bis zum Mai 2012 im Herstellerwerk eingelagert und dann nach Baikonur geliefert.

Die Montage der Lagekontrollanzeiger ist nicht einfach. Der Arbeitsplatz dafür ist nur über ein kleines Mannloch zu erreichen und schlecht einzusehen. Um den Einbau zu erleichtern gibt es an der Platine, auf der die Sensoren montiert werden müssen, zwei jeweils fünf Millimeter hohe Führungsstifte. In die müssen die Geräte einrasten, um dem Montagetechniker die korrekte Ausrichtung zu signalisieren. Allerdings ist es unter Ausübung brachialer Gewalt (und wahrscheinlich der Verwendung eines schweren Fäustels) auch möglich, die Geräte verkehrt herum in die Halterungen zu hämmern. Dann rastet zwar nichts ein, aber durch die Gewaltanwendung sind die Geräte derart verkeilt, dass sie sich ebenfalls nicht mehr lösen können.

Man kann es kaum glauben, aber nicht nur überprüfte niemand den Einbau der Einheit direkt bei der Montage oder zumindest nach dem Abschluss der Arbeiten. Es fanden auch keine Funktionschecks statt. Es gab lediglich eine Prüfung, ob die Stromleitungen funktionierten. Bei Airbus beispielsweise (aber auch überall sonst in der Raumfahrtindustrie weltweit) beobachten nicht selten zwei Mitarbeiter der Quality Assurance jeden Arbeitsschritt, während ein dritter den Einbau vornimmt.

Praktisch jeder Fehlstart der letzten zehn Jahre geht auf das Konto der völlig unzureichenden Qualitätskontrolle und des unzureichend ausgebildeten und unterbezahlten Personals in Russland zurück. Die übliche russische Methode der „Ursachenbehebung“, nämlich einfach Spitzenmanager zu feuern, kam auch seinerzeit zur Anwendung. Bereits wenige Tage nach dem Unfall rollten in guter alter russischer Sitte bei Chrunitschew die ersten Köpfe.

Falsche Betankung, fehlerhafte Flugsoftware, groteske Montagefehler, Betrieb außerhalb der spezifizierten Werte, undiszipliniertes Verhalten auf allen Ebenen, kriminelle Vernachlässigung der Aufsichtspflicht seitens der Vorgesetzten und vieles mehr. All das ist – das sei deutlich herausgestellt – nicht der Konstruktion der Trägerrakete anzulasten, sondern einer Qualitätssicherung, die offensichtlich nur in den Organigrammen, aber nicht in der Realität existiert.

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Beim Verlassen der Startrampe war mit der Mexsat-Proton M noch alles in Ordnung Bild ILS

Der Sturzflug in der Qualität russischer Raumfahrtprodukte hat lange Zeit um die Firma RKK Energija, den Hersteller der Sojus Rakete und der Progress- und Sojus-Raumschiffe einen Bogen gemacht. Zwar gab es auch hier immer wieder Anzeichen für Qualitätsmängel. Doch die schienen meist im Vorfeld von Starts aufgefangen und korrigiert worden zu sein. Die Sojus ist – das nur zur Erinnerung – momentan das einzige Trägerfahrzeug weltweit, das Menschen zur ISS bringen kann. Zusätzlich startet sie nach wie vor auch den Löwenanteil der unbemannten Nachschubfahrzeuge zur Internationalen Raumstation. Doch auch das scheint nicht mehr länger garantiert zu sein. Zwischen Januar 1978 und April 2015 gab es insgesamt 140 Progress-Missionen. Deren Starts verliefen während der Ära der Raumstationen Salut 6, Salut 7, Mir und im ersten Jahrzehnt des ISS-Programms praktisch fehlerfrei. Die beiden einzigen Fehlschläge ereigneten sich 2011 und 2015, nachdem es davor über 30 Jahre lang tadellos funktioniert hatte.

Was wird aus ExoMars?

An der Stelle erhebt sich nun die Frage, warum Europa eines der teuersten Raumfahrtprogramme seiner Geschichte, die aus insgesamt drei Nutzlasten bestehende ExoMars Expedition, ausgerechnet dem mit weitem Abstand schlechtesten Trägersystem der Welt anvertraut. Die vordergründige Antwort ist natürlich klar. Russland stellt die Proton kostenlos als eigenen Beitrag zu diesem Projekt bei. Damit spart sich die ESA insgesamt 320 Millionen Euro, welche die Beschaffung von zwei Ariane 5 ECA kosten würde. Die Frage ist hier nur, ob man bei einem Programm, das auch ohne die Träger schon 1,2 Milliarden Euro kostet, ausgerechnet bei der Trägerrakete sparen sollte?

Die Lage wird allein schon dadurch kritisch, weil der erste der beiden Proton-Starts zum Mars, die ExoMars 2016-Mission, nur noch ganze acht Monate entfernt ist. Es ist jedoch nach diesem erneuten Versager völlig offen, wann die Rakete überhaupt wieder für Flüge freigegeben wird. Anders als für kommerzielle Satellitentransporte gibt es für Flüge zum Planeten Mars ein enges, nur wenige Wochen langes Startfenster. Trifft man das nicht, dann muss man 26 Monate warten, bis es sich wieder öffnet. Aber selbst wenn die Rakete bereitsteht: Die kombinierte Wahrscheinlichkeit des Verluste einer der beiden Missionen liegt bei 36 Prozent. Das hätte man noch nicht einmal in den frühen 60iger Jahren akzeptiert.

Und es gibt noch einen anderen Aspekt. Und mich wundert, dass es bislang noch nie diskutiert wurde. Ein zweites Danaer-Geschenk Russlands für dieses Unterfangen. Das ist die Landesonde, mit der Europas ultrateurer Rover den Abstieg auf die Marsoberfläche unternehmen soll. Die Geschichte Russlands erfolgloser Versuche den Mars, seine Umlaufbahn oder seine Oberfläche zu erreichen ist lang und bitter. Ausnahmslos alle Landeversuche scheiterten. Keine einzige der insgesamt 20 russischen Marsmissionen (hier sind auch Orbit- und Vorbeiflugmissionen eingerechnet) kann man als uneingeschränkten Erfolg bezeichnen. Dabei fanden 18 davon noch in den „guten alten“ Zeiten der sowjetischen Raumfahrt-Ära statt. Seit dem Ende der Sowjet-Ära machte Russland nur noch zwei Versuche den Mars zu erreichen, das war im Jahre 1996 die Mission „Mars 96“ und im Jahre 2011 die Mission „Phobos Grunt“. Beide endeten als peinliche Fehlschläge. Die Wahrscheinlichkeit, dass Russland im Sommer 2018, dem vereinbarten Startdatum, erstens einen Lander zur Verfügung hat, und dass der zweitens auch perfekt funktioniert wird, sind denkbar gering.

Raumfahrzeuge auf dem Mars zu landen gehört zu den schwierigsten Herausforderungen, der heutigen Astronautik. Wenn es bei den Amerikanern so leicht und spielerisch aussieht, dann nur, weil sie einsam in einer Spitzenklasse agieren, an die weltweit niemand herankommt. Europa ist im Jahre 2003 mit einem viel simpleren Konzept als der des US-Rovers Curiosity gescheitert. Und jetzt soll es Russland können? Ausgerechnet Russland, das die meisten seiner Fähigkeiten aus der Sowjet-Ära verlernt hat? Russland, in dem geschlampt wird ohne Ende. Russland, das seit Jahrzehnten keine neue Raumfahrt-Hardware entwickelt und das die interplanetare Raumfahrt offensichtlich völlig verlernt hat. Russland, dessen Raumfahrt in stetigem Niedergang begriffen ist. Wem vertrauen wir uns hier eigentlich an?

P.S. Lesen Sie dazu auch diesen Beitrag aus dem Jahr 2011 von Go for Launch.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hab’s ja neulich schon auf Twitter gesagt, eben als Reaktion auf den „Offenen Brief“ von Herrn Khan: Das läuft nicht nur in der Raumfahrt so. Das kann ich 1:1 auch auf meinen eigenen Job übertragen. Egal ob ich mich mit Leuten aus der Automobilbranche unterhalte oder mich in meinem sehr direkten Umfeld umgucke: Die erfahrensten und somit teuersten Leute werden allerorten rausgeschmissen, in den Ruhestand geschickt und durch junge, unerfahrene Schnösel ersetzt. Falls sie denn überhaupt ersetzt werden. Wir haben die kritische Masse längst unterschritten. Alleine das Team, in dem ich arbeite, funktioniert nur so lange, wie maximal einer krank wird. Kommt ein Kranker dann zurück, sind prompt zwei andere reif für die Anstalt. Logisch, dass das auch bei der Arbeit selbst die Fehlerquote erhöht. Hinzu kommen noch die Einsparungen beim Material und der riesige Management-Wasserkopf, der grundsätzlich mit mieser Kommunikation und massivem Zeitverlust bei der Durchführung der Projekte einher geht. Ach, ich könnte mich noch stundenlang darüber auslassen, was sonst noch alles schief läuft…

    Es ist beileibe nicht nur Russland, und es ist beileibe nicht nur die Raumfahrt. Es ist ein Trend, der sich seit ca. 20 Jahren quer durch alle Sparten zieht, und zwar anscheinend von Nowaja Semlja bis Gibraltar.

    • „Management-Wasserkopf“ – hört sich gut an. Wenn man das mal langfristig betrachtet, also in historischen Epochen, dann scheinen wir uns gerade in einer zu befinden, in der man versucht, „auf Teufel komm raus“ da zu sparen, wo es am wenigsten Sinn macht, und jene Leute kalt zu stellen, die dauernd davor warnen. Frei nach dem Häuptling Seattle würde ich sagen: „erst wenn die letzten erfahrenen Ingenieure in die Wüste geschickt worden sind und die letzten qualifizierten Techniker demotiviert den Job hingeschmissen haben, werden sie begreifen, dass mit Management allein keine Rakete zu starten ist.“ – Bzw. Auf „die Wirtschaft allgemein“ bezogen, „dass mit Management allein keine Technik zu machen ist“. Der allgegenwärtige Sparwahn überall tut ein übriges dazu, Techniksparten auf Niveaus zurück zu schleudern, von denen man dachte, dass man sie längst überwunden hätte.

      • Korrekt. Und obendrein schmeißen sowohl Firmen als auch der Staat zunehmend die Grundlagenforschung über Bord, weil der RoI nicht schnell genug hoch genug ist. Ich habe einige Jahre lang beruflich die diesbezüglichen Statistiken eines deutschen Großkonzerns für dessen Geschäftsberichte zusammengetragen. In den Stellungnahmen der jeweiligen Unternehmen zu ihrer F&E-Politik fanden sich Klöpse, über die ich heute noch den Kopf schüttle. Eine unglaubliche Kurzsichtigkeit. Klar sind die Aktionäre erstmal glücklich, aber auf längere Sicht sägt man sich so als High-Tech-Unternehmen den Ast ab, auf dem man sitzt. Und ich glaube, an dem Punkt sind wir so langsam.

        • @Ute Gerhard:
          Ich stimme Ihnen und @Hans zu! Vor allem wenn man im Artikel über die verkehrt herum eingebauten Lagekontrollanzeiger liest: „Allerdings ist es unter Ausübung brachialer Gewalt (und wahrscheinlich der Verwendung eines schweren Fäustels) auch möglich, die Geräte verkehrt herum in die Halterungen zu hämmern. Dann rastet zwar nichts ein, aber durch die Gewaltanwendung sind die Geräte derart verkeilt, dass sie sich ebenfalls nicht mehr lösen können.“ Da fehlt es meines Erachtens doch an grundlegenden handwerklichen Fähigkeiten und es wird nach dem Motto vorgegangen: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“

          Gepfuscht wird jedoch nicht nur in der Raumfahrt, sondern auch beim Bau von Autos. Die andauernden Rückrufaktionen der letzten Jahre sprechen da Bände. Erst kürzlich konnte man lesen, dass in den USA eine bisher beispiellose Rückrufaktion ansteht, weil in fast 34 Millionen Autos ein fehlerhafter Airbag der Firma Takata eingebaut wurde. Oft erfährt der Autokäufer jedoch nicht mal, dass es eine Rückrufaktion gab: http://www.autoservicepraxis.de/rueckrufe-510890.html

          • In den Stellungnahmen der jeweiligen Unternehmen zu ihrer F&E-Politik fanden sich Klöpse, über die ich heute noch den Kopf schüttle. Eine unglaubliche Kurzsichtigkeit. Klar sind die Aktionäre erstmal glücklich, aber auf längere Sicht sägt man sich so als High-Tech-Unternehmen den Ast ab, auf dem man sitzt. Und ich glaube, an dem Punkt sind wir so langsam.

            Das glaube ich allerdings schon etwas länger, nur ist diese Kurzsichtigkeit bisher noch nicht so aufgefallen. Und was den Rol angeht, so gab es auf den Spektrum Seiten vor längerer Zeit doch mal so eine schöne Serie, wo man u.a. nachlesen konnte, wie lange manche Dinge von der theoretischen Ausarbeitung oder Möglichkeit bis zum praktischen Einsatz gebraucht haben. Meine Lieblingsbeispiele sind da aus der Mathematik die Zahlentheorie und die Quaternionen. (Ohne erstere wäre diverse Datenübertragungstechnik und insbesondere Verschlüsselungstechnik nicht möglich und letztere braucht man in der Computergrafik oder bei der Steuerung von Industrierobotern.)

            Gab es in der Geschichte nicht mal eine Zeit, wo irgendwelche adeligen Gutsherren meinten, sie könnten auf ihrem Land machen was sie wollten, insbesondere keine Rücksicht auf die ihnen untergebenen Bauern und die von ihnen bewirtschafteten Felder zu nehmen? – Irgendwann mussten auch diese Herrschaften Hunger schieben, weil die Bauern ihnen nicht mehr das liefern konnten, was sie haben wollten, weil die ständig zertrampelten Felder nicht mehr hergaben. Ich glaube so eine ähnliche Erfahrung müssen einige unserer derzeitigen „Wirtschaftsführer“ (und einige Politiker) auch machen, bevor sie wirklich begreifen, das man etwa auf Finanzinvestoren pfeiffen muss, die ausschliesslich Quartalszahlen (bzw. Quartalsgewinne) im Kopf haben und jegliche langfristigere Planung torpedieren, wenn sie keine Quartalsgewinne abwirft. – Es ist einfach zum schreien.

  2. Die Ambitionen Putins was die Zukunft der russischen Raumfahrt betrifft kontrastieren aufs Stärkste mit der Realität. So ist eine eigene Raumstation bis 2023 geplant.
    Solche Ankündigungen kann man angesichts der vielen Fehlschläge wohl nicht mehr ernst nehmen. Dieser Beitrag zeigt deutlich, dass wenig neues entwickelt wurde und die russische/postsowjetische Raumfahrt sich langsam auflöst.
    Dieser langsame Niedergang der russischen Raumfahrt trotz höchsten Ambitionen kann auch als Resultat einer falschen Vision Putins gesehen werden. Putin will zu alter Grösse zurück und muss das angesichts der Spannungen, die er selbst ausgelöst hat, im Alleingang bewältigen. Scheinbar kann Putin aber im Bereich Raumfahrt nicht einmal den Status quo aufrechterhalten. Damit wird gerade hier sichtbar, dass Russland keine Grossmacht mehr ist und es auch nicht mehr sein wird.
    Dass die ESA ihr Exomars-Projekt an die russische Raumfahrt bindet ist unter diesen Umständen äusserst fragwürdig. Wenn Projekte wie das Galileo-Navigationssystem aber ein Ausweis für die europäische Raumfahrt sind, dann stimmt auch auf der europäischen Seite einiges nicht und der anvisierte Zeitplan mit Starts 2016 und 2018 wird wohl nicht eingehalten werden.

  3. Wenn westliche Firmen Zustände haben wie in der russischen Raumfahrt – also zunehmendes Unvermögen den Alltagsbetrieb aufrechtzerhalten – dann steht Ihnen auch das gleiche Schicksal bevor wie der russischen Raumfahrt: die Abwicklung, der Untergang.
    Dass in Russland nun als Bestrafung Raumfahtmanager entlassen und ausgetauscht werden, das könnte man sich tatsächlich auch im Westen vorstellen. Bei Fussballmannschaften wir zudem ebenfalls häufig der Trainer ausgewechselt. Wenn es tief im Gebälk knirscht und der neue Manager die inneren Probleme nicht angeht sondern nur verwaltet, dann ändert auch das Austauschen von Managern nichts.

  4. Am 22. August letzten Jahres landeten zwei Galileo-Satelliten in einer falschen Umlaufbahn. Trägerfahrzeug bei diesem Start: Eine russische Trägerrakete des Typs Sojus STB „Fregat“, einer tropentauglichen Version der Sojus 2.1a. Diese Mission ist das beste Beispiel dafür, wo man landet, wenn man in diesen Tagen auf russische Trägerraketen setzt.

    Und was Galileo generell betrifft: Die Aufarbeitung dieses unsäglichen Kapitels europäischer Raumfahrt wäre mal einen Beitrag wert. Ich machs aber nicht, sonst hol ich mir Magengeschwüre. Das einzige was in diesem Projekt seit jeher halbwegs funktioniert hat war die Öffentlichkeitsarbeit, die dem staunenden Publikum immer klar gemacht hat, dass das europäische System zwar knapp an zweiter Position hinter dem US-GPS System liegt aber diesem technisch meilenweit voraus sei. Tatsächlich gilt auch hier für Europa: Teilnehmen ist wichtiger als siegen und ein vierter Platz in Technik und Performance ist ja auch ganz schön, immerhin ist man ja schon beim Preis Weltmeister.

    • Zu Galieo: Hat Herr Khan nicht schon mal so einiges dazu geschrieben? – Oder ging es dabei nur um die Probleme, die es in der europäischen Raumfahrt sowieso gibt, weshalb Europa in vielen Fällen nicht aus den Pötten kommt, obwohl es das könnte?

  5. „Exomars“ ist aber auch ein typisches europäisches Problem. Von den Italienern ursprünglich weit über den eigenen finanziellen Möglichkeiten geplant, dann nicht geschafft, genügend andere Esa-Mitgliedsländer von einer Beteiligung zu überzeugen, schließlich der plötzliche Ausstieg der Amerikaner. Angesichts der finanziellen Realitäten in Europas Raumfahrt blieb wohl keine andere Wahl als mit den Russen zusammenzuarbeiten, sofern die Mission überhaupt gerettet werden sollte.

    Und selbst so ist 2018 noch immer nicht hundertprozentig finanziert. Wenn man mit Wissenschaftlern spricht, die an „Exomars 2018“ beteiligt sind, wird man erfahren, dass auch die alles andere als überzeugt sind, dass die Mission (aus finanziellen und technischen Gründen) wie geplant abheben wird. Die „Proton“ ist da noch das kleinste Problem.

  6. Was den Zeitrahmen für ExoMars (noch) 2018betrifft bin ich überzeugt, dass selbst Juli 2020, also der Beginn des nächsten Startfensters, knapp werden wird. In der Industrie wird schon ziemlich offen mit diesem Termin geplant und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das neue Datum offiziell gemacht wird.

    Gegenwärtig schaut tatsächlich jeder nur auf den Träger. ExoMars 2016 ist einsatzbereit und nur noch acht Monate vom Start entfernt. Für eine andere Haltung liegt ExoMars 2018 (besser: 2020) noch zu weit in der Zukunft. Dass die Restfinanzierung der zweiten Mission noch nicht komplett ist und dass man den Russen mit der Landestufe nicht über den Weg traut sind momentan noch entferntere Probleme.

  7. Das man den russischen Trägern nicht mehr so ganz über den Weg traut, ist ja auch nur eine Sache bei all dem. Wenn man sich dazu noch die aktuelle Politik ansieht, genauer gesagt, die Wirtschafts- und Geopolitik, die insbesondere gegen Russland gefahren wird, braucht man sich nicht wundern, wenn russische Träger eines Tages gar nicht mehr fliegen.

  8. Die große Anzahl fehlgeschlagener sowjetischer Mars Expedition hat nichts mit der gegenwärtigen Situation in Russland noch mit der vielzitierten „Schwierigkeit“ des Mars zu tun und ist somit plumpe Effekthascherei.

  9. Lieber „j19“: Da bin ich aber komplett anderer Meinung, denn an der landetechnisch wesentlich einfacheren Venus war die Sowjetunion vergleichsweise recht erfolgreich. Was den Umgang mit Fehlern betrifft: da hat sich seit den Tagen der Sowjetunion nicht sonderlich viel geändert (siehe hierzu den gegenwärtigen Stand in der Untersuchung der Progress M27-M Absturzursache http://www.russianspaceweb.com/progress-m27m.html#turn). Und wenn man dort nicht offen mit Fehlern umgeht, eine moderene Quality Assurance einführt und gut qualifiziertes Personal einsetzt, wird sich dort auch in Zukunft nicht viel ändern.

  10. An der Stelle erhebt sich nun die Frage, warum Europa eines der teuersten Raumfahrtprogramme seiner Geschichte, die aus insgesamt drei Nutzlasten bestehende ExoMars Expedition, ausgerechnet dem mit weitem Abstand schlechtesten Trägersystem der Welt anvertraut. Die vordergründige Antwort ist natürlich klar. Russland stellt die Proton kostenlos als eigenen Beitrag zu diesem Projekt bei. Damit spart sich die ESA insgesamt 320 Millionen Euro, welche die Beschaffung von zwei Ariane 5 ECA kosten würde.

    Die Entscheidung der ESA ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass ExoMars leider, historisch bedingt, ein optionales Programm ist und nicht wie die anderen großen Missionen wie Rosetta oder BepiColombo aus dem Wissenschaftsetat finanziert wird, der aus den Pflichtbeiträgen der ESA-Mitgliedsstaaten gespeist wird. Die ESA hat somit keinerlei Möglichkeiten, Budgetüberschreitungen bei ExoMars durch Umschichtungen des Etats aufzufangen.

    Die beiden Missionen im Programm müssen von den Nationen, die spezifisch daran teilnehmen wollen, komplett finanziert werden. Steigt ein Teilnehmer aus, weil er der Meinung ist, dass für die eigene Industrie nicht genug heraus springt oder weil er anderweitige Finanzprobleme hat (Wissenschaft ist ja bekanntlich nicht systemrelevant und kann daher warten, wenn Banken Milliarden verzockt haben und gerettet werden müssen), und springt an seiner Stelle kein anderer Teilnehmer ein, selbst wenn es sich nur um vergleichsweise kleine Fehlbeträge handelt, dann kann das das Ende des ganzen Programms bedeuten.

    Wohlgemerkt, die Rahmenbedingungen denkt sich die ESA nicht selbst aus, sie sind im Wesentlichen von den Mitgliedsstaaten mit Vorbedacht so aufgestellt. Bloß ja nie Kompetenzen an eine supranationale Organisation abgeben, selbst wenn das Festhalten am Althergebrachten noch so absurd ist und selbst wenn es Europa als Technologiestandort ausbremst.

    Die Frage ist hier nur, ob man bei einem Programm, das auch ohne die Träger schon 1,2 Milliarden Euro kostet, ausgerechnet bei der Trägerrakete sparen sollte?

    Das gibt da viele Fragen. Beispielsweise die, wieso es denn sein muss, dass Europa noch nicht einen planetaren Rover auf die Räder stellen konten. Wieso an ExoMars nun mittlerweile seit 15 Jahren herumgebastelt wird, und bis jetzt ja noch nicht ein Stück Hardware im Rahmen dieses Programms in den Weltraum gestartet wurde. Wieso von der einen Marsmission (Mars Express) zu nächsten (ExoMars 2016) zwölfeinhalb Jahre ins Land gehen müssen. Wie man denn wohl gedenkt, eine Community aus hochkarätigen Experten zu schaffen und zu halten, wenn es keine ersichtliche Kontinuität in der Forschung gibt. Wieso es sein kann, dass das Kopzept für das ExoMars-Projekt mehrfach fundamental umgestrickt werden musste?

    Die Antwort auf alle diese Fragen ist immer dieselbe: Weil einfach nicht genug Kohle bereit gestellt wird, um eine überzeugende, konkurrenzfähige Weltraumforschung zu finanzieren. Weil wir lieber, wie bei allem, bei den Sachen zu sparen versuchen, bei denen das Sparen am Ende sehr teuer kommt.

    Europa ist im Jahre 2003 mit einem viel simpleren Konzept als der des US-Rovers Curiosity gescheitert.

    Gescheitert ist der britische Versuch, eine komplexe Mission wie eine Mars-Landesonde zum Erfolg zu bringen, ohne die erforderlichen Ressourcen (Masse und Kohle) einzusetzen. Mars-Landungen sind die Königsklasse der Raumfahrt. Wer das kann, ist King of the Hill. Aber um da hinzukommen, muss man ordentlich Vorarbeit leisten. Wer das nicht tut, fällt unweigerlich auf die Nase.

    Man macht sich da einfach lächerlich, wenn man das mit einem 70 Kilo-Spielzeug versucht. So wie man sich lächerlich macht, wenn man in der Formel Eins mithalten will, aber nur einen aufgebohrten Kleinwagen ins Rennen schickt. Dann sollte man lieber gleich daheim bleiben.

  11. Ganz genau so funktioniert alles im Russki-Land:
    „Die Montage der Lagekontrollanzeiger ist nicht einfach. Der Arbeitsplatz dafür ist nur über ein kleines Mannloch zu erreichen und schlecht einzusehen. Um den Einbau zu erleichtern gibt es an der Platine, auf der die Sensoren montiert werden müssen, zwei jeweils fünf Millimeter hohe Führungsstifte. In die müssen die Geräte einrasten, um dem Montagetechniker die korrekte Ausrichtung zu signalisieren. Allerdings ist es unter Ausübung brachialer Gewalt (und wahrscheinlich der Verwendung eines schweren Fäustels) auch möglich, die Geräte verkehrt herum in die Halterungen zu hämmern. Dann rastet zwar nichts ein, aber durch die Gewaltanwendung sind die Geräte derart verkeilt, dass sie sich ebenfalls nicht mehr lösen können.“
    Und dann gibt’s noch ein zuversichtliches, aber komplett unbegründetes „Всё будет хорошо“ kostenlos dazu.
    Wie oft habe ich mich vor Schrecken geschüttelt…

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