O du lieber Augustine

Seit dem Mai und noch bis ende August untersucht das „Review of United States Human Space Flight Plans Committee“ die Pläne zur bemannten Raumfahrt der Vereinigten Staaten. Nachdem sich niemand mit diesem Zungenbrecher so recht anfreunden konnte wurde das "Committee" bald nur noch nach seinem Vorsitzenden benannt und als die „Augustine Commission“ bezeichnet. Mit „Augustine“ ist Norman Augustine gemeint, Ingenieur, Geschäftsmann, Präsidentenberater und Ex-Staatssekretär für Wissenschaftsfragen. Der Mann gilt in den USA als die ultimate Größe für die Beurteilung komplexer Fragenstellungen in Sachen Raumfahrt.

Norman Augustine

Norman Augustine

Augustines Panel gehören Professoren, Industriemanager und Militärs an. Und zwei ehemalige Astronauten, Leroy Chiao und Sally Ride.

Einer von Augustines Untersuchungsschwerpunkten ist ein Schreckgespenst, das den US-Politikern offensichtlich erst in jüngster Zeit so richtig deutlich wird: „The Gap“. Die Lücke, die sich zwischen dem Ende des Shuttle-Programms und dem Beginn des voraussichtlich nächsten bemannten Raumfahrtvorhabens der USA, dem Projekt Orion auftut. Mike Griffin, bis zum Jahreswechsel NASA-Administrator, ließ keine Gelegenheit verstreichen, das Ausmaß der „Lücke“ öffentlich zu machen und vom Kongress in zunehmend drastischeren Worten mehr Unterstützung für die Entwicklung des Shuttle-Nachfolger eingefordert. Von Ausnahmen abgesehen stieß er dabei aber auf wenig Resonanz. Seine unverblümte Art, das Problem darzustellen mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass sein Vertrag als NASA-Administrator nicht verlängert wurde.

Nach gegenwärtiger, offizieller NASA-Planung endet das Shuttle-Programm Mitte nächsten Jahres. Erst durch dessen Ende werden die Geldmittel frei, um das Orion-Programm in der Vollentwicklung zu überführen. Ebenfalls nach gegenwärtiger und offizieller NASA-Planung würde dann der erste Einsatzflug im Orion-Programm irgendwann im Sommer 2015 erfolgen.

"The Gap" dauert somit offiziell fünf Jahre.

Fünf Jahre, in denen die USA nicht in der Lage sein werden, die Internationale Raumstation mit eigenen Mitteln zu erreichen. Fünf Jahre in denen – neben den noch sporadischen Flügen der Chinesen – Russland die einzige Nation weltweit sein wird, die in der Lage ist, bemannte Orbitalflüge durchzuführen. Um auch nur eine Minimalnutzung der ISS durch amerikanische Astronauten durchführen zu können, muss die NASA der russischen Raumfahrtbehörde eine Milliarde Dollar überweisen. Und das nachdem sie zuvor 100 Milliarden Dollar dafür aufgewendet hat, die Raumstation zum großen Teil zu finanzieren, und mehrere dutzend immens teure Shuttle-Flüge zu deren Errichtung und Versorgung durchführte. Fünf Jahre, in denen sich die erfahrene Workforce des bemannten US-Raumfahrtprogramms in alle Winde zerstreuen wird und danach mühsam wieder aufgebaut werden muss.

Das ist aber nur das offizielle Ausmaß der "Lücke". Erfahrungen im Space-Business mit der Entwicklung einer komplett neuen Infrastruktur lassen erwarten, dass derlei frühe offizielle Schätzungen am Ende um mindestens fünfzig Prozent überzogen werden. Realistisch wäre es also für "The Gap" mindestens sieben oder acht Jahre anzusetzen.

Nach der offiziellen Planung stehen noch sechs oder sieben Missionen bis zum Ende des Shuttle-Programms an, und zwar die folgenden:

STS 128 mit der Raumfähre Discovery, derzeit für den 25. August 2009 geplant, STS 129 mit der Atlantis am 12. November 2009, STS 130 mit der Endeavour im Februar 2010, STS 131 mit der Discovery am 18. März 2010,  STS 132 mit der Atlantis am 14. Mai 2010 und STS 133 am 29. Juli 2010 mit der Endeavour. Dies ist derzeit offiziell der letzte Shuttle-Flug. Zusätzlich gibt es eine Option, für welche die Mittel zwar zugesagt aber noch nicht endgültig freigegeben sind.  Sie betrifft die Mission STS 134, durchzuführen durch die Discovery am 16. September 2010.

Griffins Plan um "The Gap" möglichst klein zu halten bestand darin, das Shuttle-Programm zum frühest möglichen Zeitpunkt zu beenden und dann umgehend alle freiwerdenden Geldmittel in das Orion/Ares 1 und Ares 5-Programm zu stecken. Griffin traf bereits eine Reihe von Maßnahmen, die diesen Plan stützten: Die Montagelinie für die Triebwerke und die Außentanks wurde bereits geschlossen. Vor wenigen Tagen fand der letzte Prüfstandstest eines Shuttle-Triebwerks auf dem Teststand in Alabama statt und die meisten Verträge mit Ersatzteil-Lieferanten sind ausgelaufen ohne verlängert worden zu sein.

Sally Ride (im Vordergrund)

Das alles muss man wissen um die erste Einflussnahme der Augustine Commission auf die amerikanische Raumfahrt richtig einschätzen zu können. Am 28. Juli trat nämlich die eingangs erwähnte Ex-Astronautin Sally Ride als Vorsitzende eines Subpanels des Augustine Committees in Houston bei einem öffentlichen Hearing mit interessanten Neuigkeiten an die Öffentlichkeit. Es handelt sich bei diesen Informationen um nichts weniger als die ersten Vorschläge an die US-Regierung für die Verkleinerung des "Gap" und sie stellen so ziemlich das Gegenteil von dem dar, was Griffin plante. Ride unterbreitete drei Vorschläge, die wie der Wind die Runde machten, und inzwischen im Zusammenhang mit "The Gap" als die "Sally Ride Options" bezeichnet werden. Und die sind wie folgt:

Option 1: Die zeitliche Streckung des gegenwärtigen Shuttle-Flugplanes mit den sechs, respektive sieben verbleibenden Flügen um ein Jahr bis zum September 2011. Diese Streckung ergibt sich ganz von selbst, denn der offizielle Zeitplan der NASA ist in hohem Maße unrealistisch, geht er doch davon aus, dass alle acht Wochen eine Shuttle-Mission stattfindet. Option 1 hat zur Folge, dass die Raumfähre Discovery nach dem September 2010 keine "normalen" Einsatzflüge (Notfallmissionen schon) mehr unternehmen darf, denn zu diesem Zeitpunkt läuft ihre so genannte "OMDP-Deadline" ab. OMDP, das ist die "Orbiter Maintenance Down Period", eine Grundüberholungsphase von etwa einem Jahr Dauer, der sich die Shuttles periodisch unterziehen müssen. Nachdem die "Orbiter Maintenance" der Discovery aber länger wäre, als das restliche Shuttle-Programm überhaupt dauert (und überdies einige dutzend Millionen Dollar kostet), bedeutet das in der Praxis, dass die Discovery im September 2010 aus dem Dienst genommen wird. Die verbleibenden Missionen können dann nur noch von der Atlantis und der Endeavour geflogen werden. Die Mission STS 134, derzeit noch geplant für die Discovery, muss dann von Atlantis durchgeführt werden und die Discovery dient nur noch als Ersatzteillager.

Option 2: Die moderate Programmverlängerung. Hier werden zwei zusätzliche Flüge in das Programm mit aufgenommen, das dann im August 2012 endet. Auch in dieser Variante wird die Discovery im September 2010 aus dem Programm genommen. Die OMDP-Grenze der Atlantis ist im Januar 2012 erreicht. Das heißt, sie wird nach dem Abschluss der Mission STS 134 im September 2011 ebenfalls eingemottet. Die beiden zusätzlichen Flüge im Februar und August 2012 werden beide mit der Endeavour durchgeführt. Diese Option hat den Vorteil, dass keine zusätzlichen Komponenten produziert werden müssen, denn es gibt noch drei Reservetanks die bislang keiner Mission zugeordnet sind. Zwei dieser Tanks werden für die beiden Zusatzflüge verwendet, der dritte für einen möglichen "LON-Flug" (Launch on Need) bei dem im Notfall, sollten die Astronauten der Endeavour an Bord der ISS stranden, die Atlantis oder die Discovery zu einer Rettungsmission starten müssten. Wie schon erwähnt würde man sich in einem solchen Notfall über die OMDP-Regel hinwegsetzen und einen der beiden eingemotteten Shuttles flott machen.

Option 3: Die große Programmverlängerung. In dieser Variante kommt der Discovery die Führungsrolle zu. Außerdem müsste die Tankproduktion in Michoud wieder aufgenommen werden.  Sollte diese Version gewählt werden, dann geht die Discovery nach der Mission STS 131 in die Grundüberholung. Dadurch wird ihre OMDP-Deadline außer Kraft gesetzt und sie kehrt zur Durchführung der Mission STS 134 im September 2011 wieder in den Dienst zurück. Sobald die Discovery wieder aktiv ist, werden die Atlantis und die Endeavour eingemottet. Danach fliegt die Discovery alleine alle restlichen Missionen bis zum September 2014.

Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Variante 3 nicht zum Tragen kommen wird. Sie ist zu teuer und zu komplex und macht nur dann Sinn, wenn die gesamte Struktur des bisherigen Orion-Programms über den Haufen geworfen wird, was wiederum automatisch zu einer Vergrößerung von "The Gap" führt. Die Variante eins mit der kleinen Verlängerung wird es in jedem Fall geben und sehr viel spricht inzwischen dafür, dass die Option 1 dann nahtlos in die Variante 2 übergehen wird. Norman Augustine und sein Panel werden sie in Verbindung mit einigen anderen Elementen nach Abschluss der Untersuchungen offiziell empfehlen. Wahrscheinlich zusammen mit einer Verlängerung der (US) Nutzung der Internationalen Raumstation bis 2020, zusätzlichen Fördermitteln für die beschleunigte Entwicklung eines privaten bemannten Raumtransportsystems etwa auf Basis der SpaceX Dragon und einer zusätzlichen Beschleunigung des Orion/Ares1-Programmes.

Diese – noch vermuteten – Empfehlungen haben aber bei vermutlich gleichbleibenden Haushaltsmitteln eine entscheidende Konsequenz, die da lautet: Für Ares 5 ist kein Geld mehr zur Verfügung. Zumindest nicht sofort oder auch nur mittelfristig. Im Gespräch ist zwar bereits eine abgespeckte Version mit der Bezeichnung Ares 4. Aber auch für die wird es zunächst kein Geld geben. Damit rücken Mond und Mars erst einmal wieder in weite Ferne, obgleich diese Ziele offiziell gewiss nicht aufgegeben werden. Aber die Rückkehr auf die Oberfläche des Mondes bis zum Jahre 2019, wie es sich die NASA erhofft hat, wird es nicht geben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Amerikaner, der irgendwann weit nach 2025  auf dem Mond landet dafür ein chinesisches Visum braucht, ist nicht von der Hand zu weisen.

Eugen Reichl

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gute Zusammenfassung!

    Vielen Dank für die Zusammenfassung des Status Quo, als Mix aus komprimierter Information, gewürzt mit etwas informatierter Spekulation.

    Dass Option 3 irgendeine echte Chance hat, kann ich mir auch nicht vorstellen. So funktioniert ein großer industrieller Komplex einfach nicht, dass man erst die Einstellung einleiten und dann doch das Ruder herumreißt und weitermacht.

    Etwas Verwirrung bleibt allerdings doch – soweit mir bekannt, war doch immer die Begründung für die (in ihrer Auslegung reichlich gewoehnungsbedürftige) Ares I und die konzeptuell Shuttle-ähnliche Ares V, dass man die industrielle Kapazität der Shuttle-Zeit nicht verkümmern lassen und so weit wie moeglich weiter nutzen wolle.

    Wenn es jetzt aber nicht gleich weiter geht mit der Entwicklung beider Ares-Versionen, sondern erst noch eine Denkpause eingelegt wird, dann passiert doch genau das, was man micht wollte: Die Kapazität verkummert, die Leute sind weg und das Know-How is verloren.

    Was ist denn mit der SpaceX Dragon? Zumindest teilweise sollte die doch „the Gap“ schließen und auch den Amerikanern unabhängigen Zugang zum erdnahen Weltraum gewähren.

  2. „und seine unverblümte Art, das Problem darzustellen mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass sein Vertrag als NASA-Administrator nicht verlängert wurde.“

    Beeindruckend wie die Probleme gelöst werden. 🙂

  3. Problemlösung

    Hallo Martin,

    so was gibt es häufiger, als man denkt: dass Leute, die offen sagen, was sie denken, nicht weiter beschäftigt werden. Weil sie einfach den Oberen unbequem sind.

    Gruß,
    Stephan

  4. Zusammenfassung

    Lieber Herr Kahn,

    es stimmt, hier noch ganz schön Potential für Spekulation drin. Sally Ride hat den „Versuchsballon“ in Houston sicher ganz bewusst aufgelassen. Er hat zunächst mal für einige Begeisterung speziell am Kennedy Space Center gesorgt, wo schon eine massive Entlassungwelle droht. Abgesehen davon ist die Absicht dahinter klar: „The Gap“ soll nicht nur rechts im Zeitplan verkleinert werden, sondern auch links. Das Geld das es kostet, wird beim Großträger Ares 5 abgezweigt. Die industrielle Kapazität der Shuttle (und Apollo) -Ära wird jedoch für die Ares 1 genauso genutzt wie für Ares 5 (bei der Infrastruktur und den Feststoff-Boostern), die Entwicklung der (Ares 1 und Ares 5) gemeinsamen Oberstufe läuft ebenfalls weiter. Auch die (möglichen) bemannten Raumfahrtprojekte von SpaceX und Orbital Sciences werden wahrscheinlich durch eine neue COTS-Ausschreibung gefördert werden. Sally Ride war es aber deutlich anzumerken, dass die „Privaten“ ihre Fähigkeiten erst beweisen müssten, um hier glaubhaft zu sein und dass sie zunächst noch nicht als feste Größe in die Gesamtrechnung mit einbezogen werden.

    Dennoch könnten sie hier der Joker sein. Wenn es beispielsweise Elon Musk gelingt, seine Dragon etwa ab 2014 bemannt einzusetzen und der Shuttle bis 2012 fliegt, dann wäre „The Gap“ nur eineinhalb bis zwei Jahre lang. Dass dann Orion erst im Jahre 2017, 2018 oder 2019 kommt wäre dann nur noch halb so schlimm.

    Und was wird aus Ares 5? Dieses (Teil-) Projekt ist noch am wenigsten weit fortgeschritten, und damit noch am besten (und kostengünstigsten) zu beeinflussen. Die Wahrscheinlichkeit dass sie einen downgrade zur noch stärker auf Shuttle-Elementen basierenden Ares 4 erfährt, und nur noch die halbe Nutzlast der bisher geplante Ares 5 hat, steigt momentan. Aber auch damit wird das bisherige Mondszenario aufgegeben. Man darf gespannt sein, was in den nächsten Wochen von der Augustine-Commission zu vernehmen ist.

  5. Ares 4 … Oje!

    Der Verzicht auf die Ares V wäre, meine ich, nicht nur eine Frage der Nutzmasse. Es wäre eine konzeptuelle Kehrtwende.

    Mit der Kombination aus Ares I (die das bemannte Raumschiff Orion ins LEO transportiert und dafür optimiert werden kann) und dem Dickschiff Ares V wäre es so, dass die Ares V das Mondlandevehikel oder auch das Schiff für eine andere Art von Mission ins LEO startet, wobei die Oberstufe da noch fast voll ist.

    Eine Ares I startet das Orion-Schiff mit den Leuten drin, dieses dockt im LEO an das Gespann aus Oberstufe und Mondlander an, dann zündet das Triebwerk der Oberstufe wieder und ab geht’s. So brauchr NUR die Ares I man-rated zu sein, die Ares V wäre ein unbemannter Schwerlastträger. Mit dem beschriebenen Verfahren aus zwei Starts und Andocken ließen sich über 70 Tonnen in den Transfer zum Mond befoerdern.

    Ares I factsheet der NASA:
    http://www.nasa.gov/…419main_aresI_factsheet.pdf

    Ares V factsheet der NASA:
    http://www.nasa.gov/…420main_aresV_factsheet.pdf

    Die Ares 4 ist dagegen eine komplette Abkehr von diesem Verfahren, sie würde etwa 40 Tonnen direkt zum Mond schicken, für eine Mondmission bräuchte man zwei Starts und ein Rendezvous im Mond-Orbit. Dazu muss allerdings die gesamte Schwerlastrakete man-rated sein.

    Man koennte auch gehässig formulieren, dass die Ares 4 die Nachteile der Ares I und der Ares V kombiniert. Mag sein, dass es auf dem papier so aussieht, als ob sich in der Anfangsphase Geld sparen ließe – langfristig wird sich die reduzierte Flexibilität bitter rächen.

    Noch im Januar 2009 machte der NASA-Vetrteter Brian Dunbar folgende vernichtende Aussage, die auch die Ares 4 einschließt: „[…] other solutions were ultimately determined to be less safe, less reliable, and more costly than Ares I and Ares V“.

  6. Ares 4….Oje!

    Momentan lässt sich wirklich nur spekulieren. Hier sind zwei interessante Charts (http://twitpic.com/cv2pt und http://twitpic.com/cumyl)aus den Präsentationen der Augustine Subpanels, die wiederum dem Heavy-Lifter gute Chancen geben.

    Alle Ares V-Optionen haben aber den Nachteil, dass sie sich nur mit wachsenden Budgets für die bemannte Raumfahrt realisieren lassen. Bei gleichbleibenden Mitteln und den Bemühungen „The Gap“ zu verkleinern sind sie nicht realisierbar.

    Ares IV ist hier die „Hasenfuß-Variante“. Sie erscheint vor allem in Verbindung mit einer mehrjährigen Verlängerung des Shuttle-Programms sinnvoll, weil die Ressourcen des Einen das andere stützen würde.

    Wie Sie richtig bemerken: Es wäre wahrscheinlich ein fataler Fehler, aus Budgetgründen erneut ein Kompromissprodukt zu schaffen, das ja auch der Shuttle aus den selben (Kosten-) Gründen schon war.

    Jetzt wäre es an der Zeit, mit einem kühnen Explorationsprogramm einen mutigen Schritt nach vorne zu machen, sonst erleben die USA schon mittelfristig tatsächlich den eigenen Niedergang und den „Aufstieg der Anderen“, wie es das Buch von Fareed Zakaria beschreibt, das ich gerade lese.

    Und das könnte auch schon der Anfang des „postamerikanischen Zeitalters“ einläuten.

  7. Präsentations-Slides

    In dem ersten Bild, auf das Sie verweisen ( http://twitpic.com/cv2pt ), taucht in der achten Spalte oefter das Schlagwort „L’s“ auf, was war denn damit gemeint?

    Was die geopolitische Komponente der Entscheidung für oder gegen die Ares V angeht, dazu kann ich mangels Hintergrundwissens nicht viel sagen, ich bin mehr ein technisch orientierter Mensch.

    Zwei Dinge jedoch erscheinen mir klar, und diese Aussagen halte ich für ungefährlich, weil offensichtlich:

    1.) Die Warmduschervariante Ares 4 allein aus Kostengründen zu bevorzugen und das vernichtende Urteil der Fachleute zu ignorieren („teurer, unzuverlässiger udn unsicherer“) kann einfach nicht der richtige Weg sein.

    2.) Mondmissionen, Asteroidenmissionen, Marsmissionen und große Vorhaben in diversen Erdorbits sind jeweils ganz unterscheidliche Projekte, wie jeder sehr schnell merkt, der sich eingehend damit beschäftigt. Wenn man die in Angriff nehmen will, dann braucht man dazu ein System, und zwar ein moeglichst vielseitiges.

    Das Konzept mit der Trennung von Ares I und Ares V ist so ein vielseitiges System, wobei man anstatt der Ares I auch noch an Alternativen denken kann. Aber prinzipiell ist diese Idee sehr gut und zeigt, dass die USA und die NASA nicht umsonst in der Raumfahrt führend sind.

    Dies nun aufzugeben und stattdessen etwas zu machen, das keinen Missionszweck besser erfüllt, aber nur kurzfristig scheinbare Finanzierungsvorteile verspricht, wäre eine Entscheidung, die mir fatal erscheint und die später auch nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

    Wirtschaftskrise hin oder her, irgendwann ist die aber auch mal vorbei und die Nation, die sich dann technologisch und forschungspolitisch am besten aufgestellt hat, wird die Nation sein, der das aktuelle Jahrhundert gehoert.

  8. Präsentations-Slides

    Die L’s sind, nehme ich jetzt mal aus dem Zusammenhang an, ohne das jetzt definitiv zu wissen, die „Langranges“, also die Lagrange-Punkte, die der Schöpfer der Charts wohl wegen des mangelnden Platzes etwas kühn mit L’s abgekürzt hat.

    Hier übrigens das derzeit am häufigsten kolportierte Design der Ares IV http://a52.g.akamaitech.net/…mount-cargo-02.jpg, In der hier abgebildeten Frachtversion nichts anderes als der seit Jahren immer wieder propagierte Shuttle C (Cargo). Tank und (4-Segment) Booster könnten 1:1 aus der Shuttle-Produktionslinie entnommen werden, mittelfristig wird eine etwas vereinfachte Version der Shuttle-Triebwerke verwendet, kurzfristig werden einfach die noch verfügbaren Shuttle-Triebwerke aufgebraucht (die für die ersten vier oder fünf Starts reichen würden). Das Nutzlastgewicht für den 200 Kilometer-Orbit würde in etwa dem eines vollbeladenen Shuttle entsprechen, also etwa 110 – 115 Tonnen.

    Das Ganze gäbe es dann auch bemannt http://a52.g.akamaitech.net/…demount-crew-02.jpg

    Eine zweite Ares IV Version, die ebenfalls schon seit einer Weile kolportiert wird, ist ein auf den gleichen Komponenten basierender „Top-Mounted Design“. Hier ein Bild der Luft- und Raumfahrtzeitschrift „Flight“, die über dieses Thema auch schon räsoniert hat http://www.flightglobal.com/…t.aspx?ItemID=16006

  9. Ares 4 … Ojeoje

    Herr Reichl, dank ihren weiteren Erklärungen dämmert mir, dass anscheinend noch nich einmal das Konzept der Ares 4 eingefroren zu sein scheint, was mir vorher nicht bewusst war. Ich war fälschlich davon ausgegangen, dass das von Ihnen erwähnte „Top Mounted Design“ das endgültige Konzept ist. Selbst das fände ich immer noch nicht wirklich gut – wirklich gut ist die Trennung von bemannten Starts und Schwerlaststarts – aber immerhin noch vertretbar.

    Sollte es so sein, dass wieder zum Konzeptdesign zurückgekehrt werden muss, wo man ja immer trefflich streiten und alles über den Haufen werfen kann, dann wird sich wohl die Verfügbarkeit von Constellation zum Sankt-Nimmerleinstag verschieben.

    Hinzu kommt, dass bei dem Shuttle-ähnlichen Ding aus reinen Kostengründen Kompromisse mit der Sicherheit gemacht werden. Für ein bemanntes Gefährt gibt es genau einen Platz: Oben auf der Rakete. Nicht neben dem Tank und fast zwischen den Feststoffboostern.

    Zu welchen Lagrange-Punkten wollen die denn bemannt fliegen? Es kann sich da eigentlich nur um den Erde-Mond-Lagrange-Punkt 1 handeln, aber „L’s“ stand im Plural, zusammen mit „Lunar Orbit“ on „NEOs“

  10. Ares 4.…Ojeoje

    Zu den Lagrange-Punkten: Ich nehme mal an, dass damit auch die Lagrange-Punkte 1 und 2 gemeint waren, um beispielsweise auch teure wissenschaftliche Sonden wie das James Webb Space Telescope für Wartungs- oder Reparaturmissionen anfliegen zu können.

    Alles in allem wird durch die Arbeit des Augustine Committees klar, dass sich die USA mit den derzeit eingesetzten Jahresbudgets nichts anderes leisten können als den niedrigen Erdorbit. Ein Programm zu Mond und Mars jedenfalls nicht. Die Analysen kommen zum Schluss, dass mit den derzeit in Aussicht gestellten Mittel die bemannte Rückkehr zum Mond nicht vor dem Jahr 2028 möglich ist. Und da sind Betriebskosten des neuen Systems noch gar nicht eingerechnet. Das jährliche NASA-Budget müsste um mindestens drei Milliarden Dollar jährlich angehoben werden, um die Bush-Ziele des Constellation Programms nicht allzu weit nach 2020 erreichen zu können.

    Zum Side-Mounted Design der Ares IV: Auch der „Chair Force Engineer“, einer der bekannteren US-Raumfahrtblogger, macht sich darüber Gedanken http://chairforceengineer.blogspot.com/…ate.html

    Das Bild, welches das Augustine-Committee malt, ist nicht rosig und ich bin schon gespannt, was Obama draus macht. Richtig viel Geld in die Hand nehmen und das bisherige Programm durchziehen und vielleicht sogar noch mehr? Die Budgets beibehalten und sich auf den niedrigen Erdorbit beschränken. Oder die Wild-Card ins Spiel bringen, die Private Raumfahrt, die einige originelle Lösungen bereithält, deren Pläne aber von den Problemen der Realität schnell über den Haufen geworfen werden könnten.

  11. Die Zeitschiene …

    Also, das zeitliche Argument der Augustine-Kommission ist schon schlagend. Wenn die Ares 1 fertig ist, mit der das Orion-Raumschiff gestartet werden kann, ist nach heutiger Planung die ISS schon wieder unten, dann hätte das Orion-Raumschiff zwar einen Startvehikel, aber kein Ziel.

    Selbst wenn die ISS erst 2020 wieder zum Absturz gebracht wird (ewig kann man die nicht nur aus technischen, sondern allein schon aus hygienischen Erwägungen heraus nicht betreiben), sollte man realistischerweise auch davon ausgehen, dass die Ares-I sich auch verzoegern kann. Nach heutiger Planung koennte die also gar nichts zur ISS-Versorgung beitragen, und nach optimistischer Planung auch nur wenig.

    Danach aber ist sie von eingeschränkter Nutzbarkeit, solange die Ares V noch nicht da ist, es sei denn, es gibt dann schon eine oder mehrere neue oder permanent oder zeitweise bemannte Raumstation gebaut und betrieben von Amerikanern (+Partnern), von Indern oder von Chinesen. Das hinwiederum würde ich gar nicht mal als unrealistich einstufen.

    Es gibt also nicht nur eine „Gap“, sondern derer gleich zwei, und die zweite, die sich da auftut (die zwischen Ende der ISS und Verfübarkeit der Ares V), erscheint mir nochmals deutlich bedohlicher als die erste (Versorgungslücke für die ISS), zumals es für die ja ein Workaround gibt.

    Und ich habe gleich ein persoenliches Problem mit der ganzen Verzoegerung: Ich bin Ko-Autor eines bei der IAC im Oktober 2009 in Korea vorzutragenden Papers, bei dem eine Konzeptstudie für eine Ares-V-gestartete Mission zu einem bekannten NEO präsentiert wird, Start: Mai 2028, Rückkehr 13.4.2029. Das beschriebene Szenario wird zeitlich wohl kaum realisierbar werden (und damit das Paper irrelevant), es sei denn, es werden einige Weichen ganz anders gestellt, als es jetzt den Anschein hat.

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