Morgenröthe-Rautenkranz

Nach längerer Kosmologs-Abstinenz (wegen gleichzeitiger Arbeit an zwei Büchern und einem heftig ausfüllenden „Brotjob“) wird es jetzt wieder in kürzerer Folge an dieser Stelle Beiträge von mir geben. Den ersten will ich mit den Worten beginnen, mit denen ich vergangene Woche im vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz von drei ausgesprochen netten Damen begrüßt wurde. Sie lauteten: „Ich hoffe, Sie fürchten sich nicht. Bei uns haben Sie es nämlich ausschließlich mit Frauen zu tun“.

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Ortseingang Morgenröthe-Rautenkranz. Bild: Der Autor

Meine Absicht ist es, ein wenig die Werbetrommel für die „Deutsche Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz e.V.“ zu rühren. Was sie eigentlich so sehr gar nicht braucht, denn pro Jahr finden dort über 55.000 Menschen hin, und die alle zwei Jahre stattfindenden Raumfahrttage sind inzwischen eine bekannte Größe im deutschen Raumfahrt-Veranstaltungskalender.

 

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In der „Frischhütte“ kann man übernachten und gut essen. Die Raumfahrtausstellung ist nur 500 Meter entfernt. Bild: Der Autor

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Irgendwann weiß auch der unbedarfteste Zufallsgast, um wen es in diesem Ort geht. Bild: Der Autor

Ich allerdings war am vorvergangenen Wochenende zum ersten Mal dort. Auf „Vortragstour“.  Morgenröthe-Rautenkranz im Erzgebirge, das ist ein Name und eine Gegend wie aus Grimms Märchen. Morgenröthe und Rautenkranz waren einmal selbständige Dörfer. Jetzt sind sie Ortsteile der Gemeinde Muldenhammer, die insgesamt gut 3000 Einwohner hat.  Im Umkreis gibt es noch viele weitere pittoreske Ortsnamen, die auch alle von den Gebrüdern Grimm persönlich stammen könnten: Mühlental,  Jägersgrün, Dreibächel oder Gottesberg. Zur tschechischen Grenze ist es durch den Wald zu Fuß ungefähr ein Kilometer. Es ist die Heimat von Sigmund Jähn.

Der Name Muldenhammer erschien mir gegen Morgenröthe und Rautenkranz erst ein wenig dröge. Aber inzwischen gefällt er mir fast genauso gut. Auch, weil ich im Frühjahr in Dessau an der Mündung der Mulde in die Elbe stand. Und hier sah ich dasselbe Gewässer als munter plätscherndes Gebirgsbächlein wieder. Das „Hammer“ bezieht sich auf die Hammerwerke, die entlang der Mulde standen. Die Gegend heißt ja nicht nur weil‘s nett klingt  „Erzgebirge“. Es soll da auch ein interessantes „Schau-Bergwerk“ geben. Das werde ich das nächste Mal besuchen.

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Kleine „Andenkenecke“ im Cafe Schürer. Bild: Der Autor

Verglichen mit dem heimatlichen Oberbayern ist alles viel rauher, nicht so geleckt, fast ein wenig dunkel. Das mag allerdings ein subjektiver Eindruck sein, schließlich war ich im November und bei schlechtem Wetter da. Die engen Täler werden diesen Eindruck aber wohl auch im Sommerhalbjahr etwas vermitteln. Aber die Leute sind sehr herzlich, und manche sind auch schon so weit in die ferne Welt gekommen, dass sie sich zumindest versuchsweise dem Hochdeutschen annähern. Die anderen leider nicht. Hier gibt es eine Extremform des Sächsischen (ja, mir ist schon klar, dass wir hier in Thüringen sind und nicht in Sachsen), mit der man außerhalb des Vogtlandes möglicherweise ein wenig seine Schwierigkeiten hat. Mir wurde erklärt, dass man den Dialekt „vogtländisch“ nennt. Ich musste mich hier erst ein wenig „einhören“.

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Raumfahrtmuseum mit Mig 21. Raten Sie mal, wer dieses Flugzeug geflogen hat. Bild: Der Autor

Soweit die Landschaft. Wir nähern uns jetzt – im Ortsteil Rautenkranz – langsam der Raumfahrt.  Und da war ich doch erheblich beeindruckt  von dem, was da in der tiefstmöglichen aller deutschen Provinzen geboten ist. Zum einen von der Wärme, mit der ich dort aufgenommen wurde, und weil es auch ein klein wenig seltsam ist, wenn man auf Schritt und Tritt auf Sigmund Jähn trifft, den ersten deutschen Astronauten/Kosmonauten, oder zumindest an Erinnerungen an ihn. Eine Gedenkstele ist im Ort, das Haus in dem er aufgewachsen ist, seine Mig 21 (es ist eine Mig 21 F-13, um genau zu sein) aus den NVA-Zeiten haben sie dort aufgestellt und das Cafe (ich hab nur eins gesehen) und die Pensionen haben viele Bilder von ihm rumhängen, oder geschmückte Ecken, die schon fast an Hausaltäre erinnern. Der ganze Ort ist eine Art Sigmund Jähn-Freilichtmuseum.

Das Lustige daran: Sigmund Jähn selbst bewegt sich in diesem seinem eigenen Museum, wird von allen Leuten respektvoll begrüßt, und wenn Du mit ihm im Wirtshaus sitzt (und das konnte ich an einem Abend), dann schwebt ein respektvolles Raunen im Raum. Ihm selber ist der Personenkult wohl nicht so recht. Er hat ihn aber ein wenig resignierend-achselzuckend akzeptiert und ich hatte den Eindruck, wenn es nicht gar zu wild wird, gefällt ihm die Zuwendung und Achtung der Einwohner und der Besucher dort durchaus. Jähn lebt die meiste Zeit in Berlin, hat aber in seiner Heimat ein Wochenendhaus und hält sich dort immer wieder für eine Weile auf. Sigmund Jähn ist ein wirklich netter Mensch. Ich hab ihn schon vor zwei Jahren in Neubrandenburg persönlich kennengelernt, anlässlich der Raumfahrttage, die ich dort immer moderiere.

Vortrag zum Start der bemannten Raumfahrt in der UdSSR und den USA in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz - mit Exponaten aus beiden Ländern: Mercury-Rakete aus USA/links und MIR-Raumstation aus der UdSSR/rechts Foto: Eberhard Mädler

Mein Vortrag zum Mercury-Programm der USA. Foto: Eberhard Mädler

 

Sehr angetan von dem Verein war ich auch deshalb, weil er von einem reinen Frauenteam geführt wird. Die drei Damen, die mich begrüßt haben, sind keineswegs die einzigen. Männer sieht man hier eher in Unterstützungsfunktionen. Die sympathische Frauenriege  führt nicht nur den Verein, sondern vor allem auch den Betrieb des ziemlich beeindruckenden Raumfahrtmuseums inklusive der Führungen, die dort gemacht werden. Das Museum ist übrigens an allen Tagen des Jahres offen, mit Ausnahme des 24. und 25. Dezember. Eine wirklich schöne, sehr interessante Sammlung mit zum Teil einzigartigen Ausstellungsstücken.

Vortrag zum Start der bemannten Raumfahrt in der UdSSR und den USA in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz - mit Exponaten aus beiden Ländern: Hier der renommierte Raumfahrtjournalist Eugen Reichl Foto: Eberhard Mädler

Sigmund Jähn war immer dabei. Auf dem Bild und in der Realität. Foto: Eberhard Mädler

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Museums-Maskottchen All-Bert war sogar schon wirklich im Weltraum. Bild: Der Autor

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Albert als Räuchermännchen. Beaufsichtigt die Signierstunde. Bild: DRA

Das ursprüngliche Museum wurde ein Jahr nach dem Flug von Sigmund Jähn im ehemaligen Bahnhofsgebäude als ständige Ausstellung „Erster gemeinsamer Kosmosflug UdSSR-DDR“ eröffnet. Es war damals eher eine Sammlung von Devotionalien. Nach der Wende wurde es dann zur „Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz e.V.“ umbenannt. Seit 2007 ist die Ausstellung in einem modernen und großzügigen Museumsgebäude untergebracht. Inzwischen sind nicht nur die erwähnten „Devotionalien“ drin, sondern auch Dinge, um welche die Sammlung von bedeutenderen Raumfahrtsammlungen beneidet wird. Zum Beispiel ein Engineering Model des ersten deutschen Satelliten Azur, ein Engineering-Modell des deutsch-französischen experimentellen Nachrichtensatelliten Symphonie, ein 1:1 Modell der Sonnensonde Helios, ein komplettes Testmodul der Raumstation Mir, ein originalgroßes Modell einer Mercury-Kapsel mit Fluchtturm, eine Reihe von Original-Raumanzügen, ein Sojus-Flugsimulator und noch jede Menge mehr.

Noch was zum Thema „Devotionalien“: Der Shop ist mit wirklich netten Sachen bestückt. Neben den üblichen „Mugs“ und den Büchern (eine ganze Reihe meiner Bücher sind auch dabei, so ist das recht) gibt es Dinge, die ziemlich einzigartig sind. Da hätten wir beispielsweise „All-Bert“, das Vereinsmaskottchen, das schon mit Alexander Gerst im Weltraum war. All-Bert kann man in „Standard“ haben und als Räuchermännchen. Oder das „Weltraum-Brot“ der Bäckerei Schürer, das man dank seiner Verpackung als Vollkonserve auch gegen Ende eines mehrjährigen Aufenthalts auf dem Mars noch prima konsumieren kann.

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Links von mir: Sigmund Jähn. Rechts: Gerhard Kowalski. Bild: DRA

Meine Zusammenfassung: Ich komme bestimmt wieder

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man kann sich ja darüber streiten, ob Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland oder doch noch im Erzgebirge liegt. Definitiv liegt es aber in Sachsen und nicht in Thüringen.

    Ansonsten das Museum ist wirklich richtig gut und ein Besuch lohnt dort immer.

  2. Als gebürtiger Vogtländer bestehe ich doch darauf, dass MRRK im Vogtland liegt. Wer des Vogtländischen mächtig ist, merkt bei einem Gespräch mit Sigmund Jähn, dass Sigmund ein Vogtländer ist und MRRK ist sein Geburtsort. Mal sehen was 2017 zum 80-zigsten von Sigmund steigt.
    Ob in Sachsen oder Thüringen ist dem echten Vogtländer egal. Er ist ohnehin der Meinung, in der autonomen Bergrepublik Vogtland zu Hause zu sein.
    Lieber Herr Reichel, sollten Sie beim nächsten Besuch in MRRK einen Dolmetscher brauchen, dann lassen Sie es mich bitte per Mail wissen. Nur sprechen Sie bitte nie wieder von einer Extremform des Sächsichen. Wir sind keine Sachsen und daher haben wir auch nicht diesen Dialekt. Wäre es anders, wäre unsere Autonomie in Gefahr.
    Ich hoffe, Sie haben meinen Spaß verstanden und vielen Dank für den netten Werbebeitrag. Einen Besuch oder gar eine Mitgliedschaft im Verein kann ich aus eigenem Erleben nur empfehlen. Mit freundlichen Grüßen.

  3. Vielen Dank für so einen Beitrag. Da merkt man, dass Deutschland immer noch geteilt ist. Wir wissen mehr üebr Mallorca als über das Vogtland. Von diesem Museum höre ich auch zum ersten Mal.
    Die Berichterstattung endet an der bayrischen Grenze.
    Wenn wir wieder in diese Gegend kommen, werde ich mir das mal ansehen.
    Ein ehemaliger Thüringer
    Laie

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