Deutschland an Mond: Wir kommen …nicht!

Hoppala, was ist denn da passiert? Da kam dem DLR doch unversehens ihre Flaggschiff-Mission abhanden. Die Vorbereitungen für die erste deutsche Mondsonde mit der Bezeichnung "Lunarer Erkundungs-Orbiter", kurz "Leo" waren schon seit mehr als einem Jahr in vollem Gange. In Kürze sollte das Vorhaben offiziell gestartet werden, da kam Bundeswirtschaftsminister Michael Glos die glänzende Idee, das Vorhaben zu streichen.

Der unbemannte Leo sollte 2012 die Reise zum Erdtrabanten antreten. Ein rein deutsches Programm mit der Aufgabe, den Mond exakt zu kartografieren und seine Oberflächenzusammensetzung zu erforschen. Leo galt als Vorläufer für eine unbemannte Landemission, als Anspruchsgrundlage für eine deutsche Führungsrolle im zukünftigen Forschungsprogramm der ESA und vor allem als werbewirksames Aushängeschild deutscher Leistungsfähigkeit auf dem Technologiesektor.

Die FDP-Forschungsexpertin Ulrike Flach, vor Jahresfrist noch eher wenig begeistert von dem Vorhaben, zwischenzeitlich aber bekehrt, befand, das "Aus"  für die Mission sei "ein Rückschlag für die deutsche Raumfahrtindustrie und ein Zeichen für die Schwäche der Raumfahrtpolitik des Wirtschaftsministers". Recht hat sie. Lesen Sie dazu Ulrike Flachs treffenden Kommentar.

Bundeswirtschaftsminister Glos, sonst unauffällig bis zur Selbstaufgabe, setzte ausgerechnet hier seine Duftmarke. Dabei steigt das Raumfahrtbudget eigentlich endlich mal wieder, und eigentlich wäre es hoch an der Zeit, endlich markante, anspruchsvolle und vor allem öffentlichkeitswirksame Vorhaben zu platzieren.

Deutschland lebt nun schon seit sieben Jahren mit einem Raumfahrtprogramm das sich vor allem durch Ideenlosigkeit und Langeweile auszeichnet. Ein lauwarmes Konstrukt, das es allen recht machen will, von überall ein bisschen was beinhaltet, und nirgendwo Fisch oder Fleisch ist.

Vom ersten Tag an seit der Veröffentlichung dieses schlimmen Pamphlets braucht Deutschland ein erhebliches aufgepepptes Programm: Frech, frisch aufregend und anspruchsvoll. Mit Ideen und Projekten, die das Bild des neuen Deutschlands nach außen vertreten. Mit Aufgaben und Missionen die Ansporn für die Jugend sind, technische Berufe zu ergreifen. Mit Vorhaben, die Deutschland an die Spitze der Bewegung stellen und nicht irgendwo im Mittelfeld in der Masse mittrotten lässt. Der Lunare Erkundungs-Orbiter war der erste Schritt in diese richtige Richtung.

Und nun dieses Fiasko. Glos bedient sich hier einer in den USA als "earmarking" bekannten Unsitte: Die Umleitung nationaler Agenturmittel für Zwecke, die der eigenen Partei und den eigenen Wahlregionen nutzen. In diesem Fall sieht es so aus, dass aus dem Raumfahrtbudget zusätzlich Mittel in das ohnehin schon gut ausgestattete Zentrum für Automation und Robotik in Oberpfaffenhofen umgeleitet werden. Die CSU gab die krude Angelegenheit flugs als Sieg aus und ließ ihre Anhänger auf ihrer Homepage wissen "Bayern profitiert".

Dass die Bayern hier allerdings auf einem wenig öffentlichkeitswirksamen Gebiet profitieren haben selbst die bayrische Medien nicht so recht mitbekommen, wie dieser Beitrag in der Münchner Abendzeitung zeigt.

Schlimm genug, dass der Wirtschaftsminister hier sein parteipolitisches Süppchen kocht und sein Desinteresse an einer starken Raumfahrtposition Deutschlands öffentlich macht. Die 350 Millionen Euro teure LEO-Mission (verteilt über sieben Jahre) wäre ohne weiteres zu finanzieren gewesen. Warum aber das DLR nicht entschiedener für das Vorhaben gekämpft hat, bleibt ihr Geheimnis. Womöglich ist das Vorhaben einem internen Grabenkampf zum Opfer gefallen. Einige der DLR-Bereichsfürsten sind bekannt dafür, neuen Vorhaben und neuen programmatischen Ausrichtungen, die Reorganisationen bestehender Strukturen und Umverteilung von Budgets und Planstellen erfordern, ein erhebliches Beharrungsvermögen entgegen zu setzen.

Diese kraftlose Verhalten lässt alle Alarmglocken läuten für den in den nächsten Monaten bevorstehenden Einsatz um einen noch wesentlich wichtigeren Eckpfeiler nationaler und europäischer Raumfahrtpolitik: Die seit langem überfällige Entscheidung für ein eigenständiges europäisches bemanntes Raumtransportsystem. Ein Kampf, den nicht nur die ESA sondern auch die nationalen Agenturen mit äußerstem Einsatz führen müssen.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Um Leo ist es nicht schade

    Ich teile Ihre Einschätzung über den desolaten Zustand
    der deutschen Raumfahrt und Ihre Meinung über die
    dafür Verantwortlichen voll und ganz.

    Aber: wozu im Jahr 2012 noch einen Fernerkundungssatelliten,
    nachdem Japaner, Chinesen, Amerikaner und Inder längst genau
    dasselbe gemacht haben werden? Wen hätte man in fünf
    Jahren damit noch begeistern wollen? Und worin hätte
    der technologische oder wissenschaftliche Anspruch von
    Leo noch gelegen? Niemanden und nirgends. Leo wäre nur
    eine konsequente Fortschreibung der ideenlosen deutschen
    Raumfahrtpolitik gewesen.

    So betrachtet muß man dankbar sein, daß die Lethargie
    des DLR nicht bei der Konzeption von Leo halt gemacht
    hat, sondern die Mission als Ganze hat scheitern lassen,
    noch bevor sie eigentlich begonnen hat.

    Sicherlich muß sich in der deutschen Raumfahrt eine
    ganze Menge, eigentlich alles, ändern. Eines hat Leo
    zumindest vermocht, nämlich den erbärmlichen Zustand
    so deutlich zu machen wie lange nicht mehr. Nun bedarf
    „nur“ noch jemandes, der in Berlin bestimmen kann, wo
    es lang geht, und das Heft in die Hand nimmt. Glos wird
    es nicht sein. Das DLR darf es nicht sein. Merkel,
    übernehmen Sie!

  2. War LEO dem DLR wichtig?

    Maß das DLR selbst dem LEO besondere Bedeutung zu? Ich habe nicht den Eindruck. Natürlich habe ich mich brennend interessiert, was das Ding den alles machen und können soll, wenn es tatsächlich 5 – 6 Jahre nach Japanern, Chinesen, Indern, Amerikanern, nochmal Amerikanern und vielleicht auch nochmal Chinesen und nochmal Indern zum Mond fliegt und damit auch noch jemanden beeindrucken soll.

    Auf dem DLR-Webauftritt, der ansonsten über alles und jedes, beispielsweise den sicher auch sehr schönen und wichtigen Girls‘ Day umfassend informiert, war der LEO jedoch nicht zu finden. Ich meine nicht, dass er schwer zu finden oder nicht ausreichend gewürdigt wurde. Er war einfach gar nicht da.

    Gab man „LEO“ in die Suchleiste ein, dann kamen schon einige Treffer – leider keiner der irgendetwas mit einem deutschen Mondorbiter zu tun hätte, sondern solche mit Informationen über den französischen Spationauten Léopold Eyharts.

    Wie sich zeigt, ist eine solche Medienpolitik ein Eigentor. Das kann man sich heutzutage nicht mehr erlauben. Eine Mission von diesem Volumen, die der Öffentlichkeit gar nicht nahegebracht wird, kann sich nun einmal nicht in der Konkurrenz gegen besser beworbene Aktivitäten behaupten.

    Hoffentlich wird wenigstens diese Lektion gelernt.

  3. Eigentlich kaum zu glauben

    Da werden mit teurem Geld Dutzende Forscher ausgebildet und eine komplette Industrie aufgebaut, und dann wird alles in die Tonne getreten.

    Was bleibt den Leuten nun anderes übrig, als sich und ihr Know-How ins Ausland zu transferieren?

  4. Doch doch ist schon schade

    Das Argument, dass andere schon auf dem Mond waren zählt nicht. Jede Erkundungsmission bringt Neues, schon allein, weil sich ja die Technik verbessert. Mit dem Argument hätte die ESA ja auch nicht zum Mars fliegen dürfen. Die Begeisterung in der breiten Öffentlichkeit besteht ja auch nicht im Vorfeld, sondern erst dann, wenn die Sonde erste Bilder und Ergebnisse liefert. Hier zeigt Mars Express „vorbildlich“, was man alles falsch machen kann.
    Abgesehen davon geht es ja auch um die Frage, was die deutsche Industrie zu leisten vermag. Ein Technologieland wie unseres darf sich einer Herausforderung wie einem Mondflug nicht einfach verschließen.
    Naja und was Glos anbelangt: Der ist halt von der CSU und die macht Politik für Bayern, der Rest ist denen völlig egal.

  5. Wissenschaftlicher Wert?

    >Das Argument, dass andere schon auf dem Mond
    >waren zählt nicht. Jede Erkundungsmission
    >bringt Neues, schon allein, weil sich ja die >Technik verbessert.

    Das kann man so einfach auch nicht sagen. Selbstverstaendlich muss bei jeder Mission der wissenschaftliche Wert auch an dem gemessen werden, was vorherige Mission bereits gebracht haben. Leider haben uns die Verantwortlichen des LEO nicht gerade umfangreich ueber die wissenschaftlichen Ziele der Mission informiert. Mal ehrlich: Wer weiss denn, was die deutsche Mond-Mission LEO genau erkunden sollte?

    Das, was ich aus wissenschaftlichen Konferenzen und Veroeffentlichungen weiss, klingt erst einmal gut – bloss scheint das alles zum falschen Zeitpunkt zu kommen.

    Genaue Erkundung des Schwerefelds mittels eines Tochtersatelliten, so wie die Erdmission „GRACE“ des GFZ Potsdam. Gute Sache, nur machen die Amerikaner mit ihrer Mission GRAIL auch schon genau das.

    http://science.nasa.gov/…s/y2008/22may_grail.htm

    Kartierung der Oberflaeche aus ca. 50 km Bahnhoehe. Auch eine gute Sache, nur wird der naechstes Jahre gestartete LRO der NASA in genau so einer Bahn fliegen und mit einer sehr hochaufloesenden Kamera ausgestattet sein.

    http://lunar.gsfc.nasa.gov/

    Und so geht es weiter …. sicher wird am Ende noch ein wissenschaftliches Plus herauskommen. Man kann immer noch etwas mehr erforschen. Bloss muss man das Ganze zwangslaeufig vor dem Hintergrund aller anderen Missionen sehen, was den Wert erheblich relativiert.

    Den Verweis auf Mars Express nehme ich auf: Der flog genau zum passenden Zeitpunkt und mit einer passenden wissenschaftlichen Ausstattung zum Mars. Es hatte noch nie ein Radar am mars gegeben, und eine Kamera wie die HRSC auch noch nie. Deswegen war und ist der wissenschaftliche Ertrag sehr hoch. Wuerde man diese Raumsonde aber heute oder gar erst in einigen Jahren schicken, waere das anders zu sehen, denn inzwischen hat sich die Situation veraendert.

    Also: Wissenschaftliches Plus, ja, aber uebertriebene Erwartungen sind nicht gerechtfertigt.

    Nun hat eine Missin aber nicht nur wissenschaftlichen Wert, Herr Reichl hat es angesprochen. Es gibt auch einen technologischen und einen PR-Wert. Um den PR-Wert hat man sich nie besonders geschert, das raecht sich jetzt.

    Der technologische Wert, also das Mass, in dem die deutsche Wirtschaft vorangebracht werden koennte, ist nun gerade die Achillesferse eines Mond-Orbiters: jedes Mond-Orbiters. Eine orbitale Mondsonde sollte jede Raumfahrtsonde gebacken kriegen, die imstande ist, Kommunikationssatelliten zu bauen. Die zusaetzlichen Anforderungen an eine orbitale Mondsonde sind nicht derart, dass an dieser Stelle wirklich ein Innovationsschub fuer Deutschland zu erwarten waere.

    Waere es um die deutsche Hochtechnologie so schlecht bestellt, dass selbst der Bau eines Mondorbiters bereits eine Herausforderung darstellen wuerde, dann muessten wir uns grosse Sorgen machen. Dem ist aber – zum Glueck – nicht so!

    Deswegen sehe ich den Wert des LEO sehr kritisch und beteilige mich auch nicht an der ueblichen billigen Politikerschelte.

  6. Ein schönes Zitat gefunden:

    Ich habe mich hier und auch in Kommentaren zum Blog Ludmila Carones:
    http://www.scienceblogs.de/…-tot-es-lebe-leo.php
    ausgiebig über das Thema „Einstellung des LEO“ ausgelassen, wobei ich keinen Hehl aus meiner Meinung mache, dass ich:

    1.) Den LEO für die falsche Mission zur falschen Zeit, keineswegs aber einen „Leuchtturm“ für Deutschlands Hochtechnologie halte.
    2.) Der mangelnde bis abwesende Öffentlichkeitsarbeit der Verantwortlichen als erheblichen Beitrag zu der Tatsache sehe, dass die Mission eingestellt werden konnte, ohne dass jemand sie ernsthaft zu verteidigen scheint
    3.) Eine federführende Beteiligung Deutschlands an einem europäischen Mondlandeprogramm für zielführend erachte.

    Nun blättere ich in älteren Ausgaben der Zeitschrift „Astronomie heute“ und stoße auf einen (Ausgabe 5/2007, S. 16), dem ich in vollem Umfang zustimme. Es handelt sich um einen Leitartikel zum Thema LEO.

    Ich zitiere hieraus:

    „[…] ist das DLR mit diesem Vorhaben keineswegs zu weit, sondern vielmehr zu kurz gegangen. Denn wenn der deutsche Orbiter irgendwann nach 2013 den Mond erreicht, sind alle anderen schon längst da gewesen. China und japan starten schon in diesem Jahr, Indien und die USA im nächsten. Im Jahr drauf die Russen.“

    (Anmerkung MK: die chinesische Mission Chang’E-1 und die japanische Kaguya sind mittlerweile seit langem im Mond-Orbit, die US-Mission LRO sollte dieses Jahr starten, ist aber auf Anfang 2009 verschoben. Die Darstellung des Autors ist allerdings dessen ungeachtet richtig und zutreffend)

    Der Artikel fährt fort wie folgt:

    „Die deutsche Raumfahrt braucht nicht Jahre nach den anderen einen weiteren Orbiter, sonderm ein technisch anspruchsvolleres, spektakuläres Projekt. Und so etwas hat das DLR schon in petto, geplant jedoch erst für 2018. Dieses Vorhaben sollte man dem wenig attraktiven Orbiter vorziehen.“

    (Anmerkung MK: Hört, hört! Volle Zustimmung!)

    Weiter im Text, ich zitiere hier, wie schon oben, wörtlich:

    „Das Konzept für diese Mission steht bereits. der Name auch: Minal Lisa. Es handelt sich um eine kleine Landesonde, in der viele neue Technologien erprobt werden sollen. Ein echtes Leuchtturmprojekt, das die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands demonstriert, spannend ist und obendrein noch einen wissenschaftlichen Sinn ergibt.“

    Soweit dieser Artikel aus „Astronomie Heute“. Der Autor dieses vor gut einem Jahr erschienen Kommentars: Eugen Reichl.
    Wer mag und ein Online-Abo hat, kann ihn hier nachlesen:

    http://www.astronomie-heute.de/artikel/870142

    Tja. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, denn es beschreibt die Situation knapp und zutreffend. Nur ist nicht ersichtlich, warum das alles heute nicht mehr stimmen soll und der LEO sich nun plötzlich von einem Zu-spät-Kommer zu einem „Aushängeschild deutscher Leistungsfähigkeit auf dem Technologiesektor“ gemausert haben sollte.

    Anzumerken bleibt noch, dass die Projektstudie MONA LISA von der Bremer Technologiefirma OHB System durchgeführt wurde.

    http://www.ohb-system.de/…duktblatt_monalisa.pdf

  7. Korrektur

    Die falsche Schreibweise „Minal Lisa“ im obigen Zitat aus dem Kommentar des Autos Eugen Reichl in „Astronomie heute 5/2007, S. 16, ist ein Tippfehler meinerseits, im Original steht der Name der Mondlanderstudie natürlich richtig: Mona Lisa.

    Bedenklich stimmt, dass ich problemlos zu dieser Systemstudie mehr und umfassendere Information finde als zum „Lunaren Erkundungs-Orbiter“, der weiter gediehen sein sollte als eine bloße Lander-Studie.

    Bedenklich, aber wohl leider nicht verwunderlich.

  8. An Lars Fischer:

    Lars Fischer schrieb:

    > Da werden mit teurem Geld Dutzende
    > Forscher ausgebildet und eine komplette
    > Industrie aufgebaut, und dann wird
    > alles in die Tonne getreten

    Sie sehen das Ganze vielleicht doch etwas zu schwarz. Mehrere Punkte:

    1.) Grundsätzlich ist das Einstellen von Missionen, selbst nachdem schon Arbeit geleistet wurde, nichts Ungewöhnliches, weder hier in Deutschland noch anderswo. Es passiert mit NASA-Missionen ebenso wie mit solchen der ESA und anderer Agenturen. Es ist eher schon begrüßenswert, dass hier das Beil so früh fiel, zumindest hielt sich der Schaden durch vertane Arbeit noch etwas in Grenzen.

    2.) Die von den Ingenieuren getane Arbeit ist keineswegs in die Tonne getreten. Bei jeder Raumsonde liegt die Hauptlast bei Entwicklung und Bau der Sonde selbst. Auch wenn mal ein Projekt eingestellt wird – was wie gesagt immer mal vorkommt, man muss damit leben – das erworbene Know-How verschwindet ja nicht. Es wird in anderen Projekten eingesetzt. Deutsche Unternehmen könnten ja sehr wohl auch am Bau des ESA-Mondlanders beteiligt sein, vielleicht auch federführend.

    3.) Die von Wissenschaftlern geleistete Arbeit bei der Entwicklung von Instrumenten für den LEO ist auch nicht automatisch vertan, nur weil diese Mission eingestellt wird. Raumsonden tragen üblicherweise Instrumente aus aller Herren Länder. So hat die europäische Mars-Sonde Mars Express ein Radar mit starker US-Beteiligung (MARSIS). Der ESA-Mars-Rover ExoMars wird wesentliche Instrumente aus den USA erhalten (Urey und MOMA). Dafür haben die NASA-Mars-Rover Spirit und Opportunity wichtige Instrumente (MIMOS-2 und APXS), die aus Deutschland kommen. Die internationale Komponente ist in der Weltraumforschung ganz normal. Sollte es also wirklich so sein, dass die deutschen Instrumente technologisch weltweit führend sind, werden die beteiligten Wissenschaftler doch problemlos eine Partnerschaft eingehen können, die ihnen den Flug auf einer anderen Mond-Sonde ermöglicht. Dazu bedarf es nun wirklich keines rein deutschen Mond-Orbiters.

    Ehrlich gesagt, und ganz allgemein, nicht an irgendjemand persönlich gerichtet: Im Umfeld dieser ganzen LEO-Geschichte kam es doch manchmal zu einer mir bedenklich, zumindest störend erscheinenden Deutschtümelei. Dabei ist es doch gerade die europäische Kleinstaaterei, die dazu führt, dass wir unsere Kräfte zersplittern, anstatt sie zu bündeln und damit mit anderen auf Augenhöhe agieren können.

    Was mich auch stört, ist dass nur zu oft im deutschsprachigen Web allein die Erwähnung von Worten wie „Politiker“ oder „Medien“ offenbar ebenso zuverlässig wie vorhersehbar die immergleichen Beißreflexe auslöst.

    Dabei ist, so auch hier, die Situation viel komplexer, als dass sie sich durch einfache Schemata beschreiben ließe.

    Ich erhoffe mir von dem Meinungsaustausch in Blogs eine differenziertere Sichtweise, eine Abkehr von dem einheitlichen Meinungsbrei und eine Vertiefung der Information. Leider klappt das so nicht immer.

  9. Da die Forschungskohle begrenzt ist, ist die Frage nach dem Output schon relevant. Das Ergebnis sollte nicht nur in moderneren Mitteln zu einem bereits erreichten Zweck bestehen, sondern auch neue Ziele anstreben. Wenn die Mondtruppe da nichts zu bieten hat, ist es nur konsequent, wenn sie raus fällt.

  10. Nicht schade, nicht wichtig, ohne Wert?

    Ich freue mich, dass zu diesem Thema eine rege Diskussion stattfindet. Zu einigen der angesprochenen Punkte möchte ich kurz Stellung nehmen.

    Zitat? Herr Khan hat es – wie immer – treffend auf mehrere Punkte gebracht. Ich habe vor einem Jahr LEO in meinem Beitrag in „Astronomie Heute“ für eine Leuchtturm-Mission als nur mäßig attraktiv bewertet. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der deutsche Mondorbiter, hätte er dereinst die Mondumlaufbahn erreicht, schon eine ansehnliche Flottille weiterer Mondorbiter aus aller Herren Länder vorgefunden hätte. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass eine Landemission in jeder Hinsicht interessanter gewesen wäre.

    Nachdem man aber nun mal die nur zweitbeste Wahl getroffen hatte, wäre es schon nett gewesen, wenn man nun wenigstens dabei geblieben wäre. Manch einer zieht zwar jetzt den hoffnungsvollen Schluss, dass Deutschland nach Aufgabe des Orbiters vielleicht doch wieder zum Lander hin umschwenkt, aber diese Hoffnung kann man, denke ich, getrost fahren lassen. Ein kurzer Blick in die Homepages von DLR und OHB zeigen: Mona Lisa hatte schon mal eine bessere Präsenz.

    Politikerschelte? Sollte schon sein. Wie sollten Politiker sonst merken, dass ihre Entscheidungen nicht bei allen Bürgern auf Begeisterung stoßen.

    Billig? Als eher konservativer bayrischer Wähler hatte ich mit Michael Glos als bayrischem Landespolitiker nie ein Problem. In seiner Funktion als Bundeswirtschaftsminister schon eher, nicht nur in Sachen Raumfahrt.

    Deutschtümelei? Das DLR gibt knapp 50 % seiner Mittel dafür aus, deutsche Technologie zu fördern, um sie im europäischen und weltweiten Umfeld auf die Höhe der Zeit zu bringen und konkurrenzfähig zu halten. Damit verbunden ist auch der ganz offen kommunizierte Anspruch, auf bestimmten Feldern, in die bedeutende nationale Mittel geflossen sind, auch international eine Führungsrolle zu erlangen. Ob es einem gefällt oder nicht, für unsere Volkswirtschaft ist das wichtig. Andere nationale Raumfahrtbehörden machen das stärker als Deutschland (CNES), wieder andere tun das auf einem vergleichbaren Niveau (ASI). Um derlei zu erreichen sind auch Missionen notwendig, die international gut sichtbar sind. Eine Kamera des Max-Plank Institutes an Bord einer amerikanischen Mars-Landesonde mag technisch hoch anspruchsvoll sein, Reputation bringt das aber nur in Fachkreisen. Für die breite Öffentlichkeit auf dem Planeten stammt die Marssonde trotzdem aus den USA. Ich kann nicht so recht erkennen, was die Sicherung meines Arbeitsplatzes und der meiner Kinder mit „Deutschtümelei“ zu tun hat. Eher sollten wir noch ein bisschen mehr „tümeln“, wenn man sich die nach wie vor erhebliche Unterrepräsentierung Deutschlands innerhalb der ESA ansieht (angesichts der eingesetzten Mittel), verglichen mit – sagen wir mal – England.

  11. Deutschland voranbringen

    Eigentlich ist schon alles gesagt, in meinem Fall vielleicht sogar zu wortreich, aber dennoch:

    Herr Reichl spricht den Auftrag des DLR an, deutsche Technologie zu fördern, um sie im europäischen und weltweiten Umfeld auf die Höhe der Zeit zu bringen und konkurrenzfähig zu halten, ebenso wie den Anspruch Deutschlands auf eine internationale Führungsrolle.

    Mein Kommentar dazu: Mit einem solchen Mond-Orbiter wird aber die deutsche Technologie nicht auf die Hoehe der Zeit gebracht. Technologisch ergibt sich gar kein Lerneffekt, das muss man realistischerweise mal so sehen. Wissenschaftlich mag sich ein wenig ergeben, das jedoch ist auch noch kritisch zu sehen, siehe Eugen Reichls Kommentar in AHeu 5/2007 (ich zitierte).

    Dieser Auftrag liefert also keinerlei Argument fuer den LEO. Auf Deutsch gesagt: Weder bringt uns der LEO technologisch nach vorne, noch dokumentiert er einen deutschen Vorsprung. Er dokumentiert lediglich, dass wir den Bus verpasst haben. Das aber sollten wir der Oeffentlichkeit nicht auch noch auf die Nase binden.

    Gerade wenn es einem etwas am volkswirtschaftlichen Vorankommen Deutschlands gelegen ist – und das trifft auf mich uneingeschraenkt zu – sollte man sehr gut abwaegen, welche Mission man foerdert und welche technologische Leuchtturmfunktion diese Mission einnimmt. Eine solche kann ich hier nicht entdecken.

    Wenn das Wort Deutschtuemelei nicht gefaellt, das ich im Uebrigen nicht in Bezug auf die gegebene Diskussion, sondern auf so manches im Umfeld der Entstehung des Projekts LEO bezog, dann passt das Wort „Kleinstaaterei“.

    Immer wieder wird die franzoesiche und italienische Raumfahrtpolitik ins Feld gefuehrt. Genau hier liegt doch aber die Crux.

    Wenn wir uns in Europa nicht eine starke, sondern viele kleine Raumfahrtagenturen mit ihren jeweiligen Buerokratien leisten, dann bietet das nur scheinbar Vorteile fuer einzelne Nationen.

    In Wirklichkeit sind dies aber Nachteile. Kleine Agenturen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen und nicht selten auch gegenseitig ausbremsen, von denen keine wirklich die Groesse hat, um wirklich anspruchsvolle Projekte in Angriff zu nehmen und deswegen immer nur Juniorpartner der NASA sind oder nichts als „Sparprojekte“ machen und dann auch noch Mittel binden, und somit verhindern, dass die europaeische Raumfahrtagentur ESA das weltweite Gewicht erhaelt, das der wirtschaftlichen Macht der dahinterstehenden Nationen entspricht: Genau das ist das Resultat dieser Kleinstaaterei, der offenbar auch noch von manchen das Wort geredet wird.

    Man stelle sich vor, die US leisteten sich neben der NASA auch noch eine kalifornische Raumfahrtagentur und eine texanische und eine floridanische und eine michiganische usw. Das Ergebnis waere verheerend, sicher haetten die USA dann nicht annaehernd den Status, den sie jetzt hat.

    So kann es nicht weitergehen, aber wenn keine Abkehr von der Kleinstaaterei erfolgt, sehe ich auch nicht, wie sich daran etwas aendern sollte.

    Deutschland und auch die anderen Nationen waeren aber gut beraten, ihre Politik in dieser Frage zu ueberdenken, auch und gerade im Interesse ihrer Industrien.

    Allein das Program fuer unbemannte Forschung durch Raumsonden der NASA ist groesser als das aller anderen Nationen zusammengenommen, was auch an den dortigen Strukturen liegt.

    Wenn wir in Europa auch nur annaehernd in diese Groessenordnungen vorstossen koennten, wuerde das entsprechend viel Arbeit fuer die europaeische Industrie, auch die deutsche, bedeuten. Das wuerde unseren Volkswirtschaften sehr viel mehr helfen, als wenn jeder nebenbei noch sein eigenes Sueppchen kocht.

    Wer ernsthaft an die Sicherheit seines Arbeitsplatzes und den seiner Kinder denkt, sollte diese Sachverhalte bedenken.

    Noch mehr „Tümelei“ erweist nicht nur dem europaeischen Gedanken, sondern auch objektiven und knallharten europaeischen Wirtschaftsinteressen keinen Dienst, auch wenn das vordergruendig so scheinen mag.

  12. Deutschland am Mond

    Die Mondmission wurde doch deshalb gestrichen, weil Deutschland schon hinter dem Mond ist, und sich deshalb solche Raumfahrtaktivitäten schenken kann.

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