Israel (lange) vor Pharao Merenptah in Kanaan?

Kürzlich wurde in der amerikanischen Fachzeitschrift „Journal of Ancient Egyptian Interconnections“ ein Artikel von drei deutschen Wissenschaftlern (Peter van der Veen, Manfred Görg und Christoffer Theis) veröffentlicht, der wieder das heiße Eisen der Israeliten in Kanaan aufnimmt.

Ausgangspunkt der Diskussion ist ein, auf den ersten Blick recht uninteressanter, Stein im Ägyptischen Museum zu Berlin (Nr. 21687). Es handelt sich dabei um ein Fragment eines Podestes. Dieses trägt drei sog. Namenringe, die topographische Namen tragen. Identifiziert wurden die Orte Kanaan und Askalon, die letzte ist teilweise zerstört und liefert Stoff für den wohl größten Diskurs. Die Autoren des Artikels lesen in diesem Namenring „Israel“.

Bevor jedoch über den Grund der Diskussionen dieses Fragments gesprochen werden kann, sollte kurz auf die Grundlage für die Vermutung eingegangen werden, weshalb es sich um eine Erwähnung Israels handeln soll und im Anschluss daran folgt die Betrachtung der historischen Bedeutung der These.

Die rechte Hälfte des Rings ist leider zerstört, so dass dieser Teil rekonstruiert werden muss. Prof. Manfred Görg vermutete an dieser Stelle die Hieroglyphe „Geier“, der für die Lesung des Namenrings als „Israel“ sprechen würde. Die beiden Autoren Peter van der Veen und Christoffer Theis untersuchten die Bruchkante mehrmals unter verschiedenen Lichtquellen und machten Abdrücke mithilfe von Alufolien und entdeckten Reste einer Hieroglyphe, die tatsächlich ein Geier gewesen sein kann (sie entdeckten nämlich Überreste eines Beines mit Krallen).

Rekonstruktion

Die Schreibweise mit dem Geier und weitere Hinweise, deren Ausführung hier zu weit führen würde, weist die Inschrift entweder auf die Zeit der 19. Dynastie (Zeit des Pharaos Ramses II. um 1250 v. Chr.) hin oder auf die davor liegende 18. Dynastie (1540 – 1292 v. Chr.). Im ersteren Fall würde es sich allerdings um eine Kopie einer älteren Inschrift aus der 18. Dynastie handeln. Die gruppenlose Schreibweise der drei Ortsamen spricht für den Ursprung des Textes im 15. -14. Jahrhundert v. Chr.  Dies hieße jedoch, dass es ein Volk mit Namen Israel bereits lange vor Pharao Merenptah in Kanaan gegeben haben muss, sonst würde es diese geographische Inschrift nicht geben. Dies stellt in so fern etwas außergewöhnliches da, als dass man bisher annahm, dass ein Volk Israel nicht vor Ende der späten Bronzezeit (um 1200 v. Chr.) bzw. Anfang der Eisenzeit in Kanaan siedelte.

Viele Wissenschaftler (unter anderem A. Gardiner und I. Finkelstein) setzen den Auszug aus Ägypten mit dem historischen Ereignis der Vertreibung der Hyksos in der 18. Dynastie gleich. Dies scheint auch der jüdische Historiker Flavius Josephus zu untermauern. Jedoch sehen einige darin ein wesentlich komplexeres Zusammenspiel von Ereignissen. In dieser Zeit gab es im Allgemeinen starke sozialpolitische Umwälzungen, die viele Gruppen, vielleicht auch die Proto-Israeliten, dazu zwangen aus Ägypten in andere Gebiete auszuweichen. Dabei zwangen diese Gruppen sicherlich viele der recht gut befestigten kanaanitischen Städte in die Knie. Zudem haben auch Y. Aharoni und A. Burke auf die treffende Ähnlichkeit der kanaanitischen Städten am Ende der Mittleren Bronzezeit mit den in der Bibel beschriebenen befestigten Orte zur Josuas hingewiesen. Dagegen sind, anders als in der Bibel, die Städte der Späten Bronzezeit weitgehend nicht befestigt gewesen, was also nicht sehr gut zu den biblischen Beschreibungen passt. Ähnlich hat auch Barbara Sivertsen in jüngster Zeit auf mehrere israelitische Exodi in der Periode gegen Ende der Mittleren Bronzezeit (um 1600 v. Chr.) und am Anfang der Späten Bronzezeit  (Mitte des 15. Jhs. v. Chr.) hingewiesen, da sie ebenfalls diese Periode für den meist wahrscheinlichsten Kontext der biblischen Geschichte hält.

Wie ist nun das Podest und seine Inschrift in den historischen Kontext einzuordnen? Folgt man der Annahme, dass das Podest tatsächlich in die 18. Dynastie zu datieren ist, so würde dies tatsächlich bestätigen dass damals die Israeliten bereits in Kanaan wohnten, also lange vor Merenptah, und dass ein Exodus oder gegen Ende der Mittleren Bronzezeit durchaus wahrscheinlich ist. Das würde letztendlich für eine sog. „Frühdatierung“ der Landnahme Kanaans durch die Israeliten sprechen, entgegen der bisherigen Meinung, die sich häufig gegen eine tatsächliche und historische Einwanderung aussprechen oder allenfalls eine „schleichende“ (und vor allem friedliche) Einwanderung unterstützt.

Erika Gitt

Veröffentlicht von

Erika Gitt studierte an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster in den Fächern: Vorderasiatische Altertumskunde, Koptologie und Früchchristliche Archäologie und promoviert derzeit in Münster im Fachbereich Vorderasiatische Altertumskunde mit dem Thema "Neuassyrische Palastware und deren Imitate in der Levante während der Pax Assyriaca". Seit 2007 ist sie Mitglied der AG für Biblische Archäologie. Erika Gitt hatte bereits in der Kindheit großes Interesse an vorderasiatischer Geschichte und Kultur, speziell für die Levante.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Leider habe ich keinen Zugriff auf das Journal, in dem der Artikel veröffentlich wurde. Könnten Sie mir den Artikel als pdf schicken?
    Wie ist die Diskussion mittlerweile weitergegangen? Haben Sie weitere Rückmeldung von anderen Fachleuten bekommen?
    Viele Grüße,
    Benjamin Lange

  2. Folgt man der Annahme, dass das Podest tatsächlich in die 18. Dynastie zu datieren ist, so würde dies tatsächlich bestätigen dass damals die Israeliten bereits in Kanaan wohnten, also lange vor Merenptah

  3. Ab wann ist ein Räuberhaufen eine Ethnie

    Die offensichtlichen Nachkommen des Hyksos-Seevolks als auch einer anderer Seevölker haben in Kanaan als ägyptisches Grenzland zu Assyrien gesiedelt, vielfach unfreiwillig von den Ägyptern dort als Puffer zu den nördklichen Feinden installiert.

    Die Hapiru Nachkommen waren nomadisierende Räuberhaufen, was das Wort „Hapiru“ in Akkadisch ja bedeutet. Sie haben die Orte im Dreieck Damaskus, Tyros, Akalon laufen überfallen und geplündert, was ein Zeichen dafür ist, dass sie dort weder gelebt noch einen Besitz, Tempel oder Könige hatten.

    Erst nach 1000 v.C. haben die Hapiru das Phönizisch als Schrift und Sprache als „Althebräisch“ kopiert, zur eigenen Sprache reichte das Gehirnschmals nicht. Der erste bekannte Text ist der Gezer Kalender von 925 v.C.
    Es gibt insgesamt nur 10 Techtbruchstücke in Althebräisch, keines hat einen religiösen Inhalt.

    Wer hat die biblischen Texte des Tanach lange von 1000 v.C. in einer Sprache und Schrift geschrieben, die nicht einmal existierte. Kein studierter Theologe und Religionsschwurbler konnte das schlpssig beantworten.

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