Weihnachtliches Sektionsprotokoll

Weihnachtliches Sektionsprotokoll

Körper in gutem Allgemeinzustand. Sekundäre Geschlechtsmerkmale (Vollbart, Konstitution) weisen auf einen männlichen Leichnam hin, primäre Geschlechtsmerkmale hingegen bei der äusseren Inspektion vollständig abwesend. Körper leichenstarr, jedoch keine Anzeichen von Leichenflecken oder Fäulnis. Keine Hämatome oder Zeichen äusserer Gewalteinwirkung.

Haut metallisch schillernd, dünn, leicht abziehbar, mit starker Knitterneigung. Völliges Fehlen des subcutanen Fettgewebes, allerdings ansonsten keine weitern Zeichen der Kachexie (Auszehrung) – im Gegenteil: pyknischer Konstitutionstyp mit ansehnlicher Entwicklung des Körperstammes auf Kosten der Ausbildung der Extremitäten.

Die Inspektion der Viscera (Eingeweide) scheiterte an der Abwesenheit derselben. Die Körperhöhlen selbst hingegen waren wohl entwickelt, allerdings ungekammert und zusammenhängend, so dass nicht zwischen Brust-/Bauch- und Herzhöhle unterschieden werden konnte. Die einheitliche Leibeshöhle erstreckte sich nach unten hin bis zu den Füssen. Kopfwärts setzte sich die ungeteilte Leibeshöhle bis in die Zipfelmütze fort, die mit dem Schädeldach (Calvaria) fest verwachsen war und durch einen kreisförmigen Schnitt zusammen mit der Calvaria entfernt werden musste.

Bei der Eröffnung der Leibeshöhle mit Schere und Skalpell kam es zu multiplen, felderförmigen Frakturen der Leibeswand, die aus einer bruchempfindlichen, dunklen Masse bestand, die keine weitere Differenzierung in Muskulatur, Binde- oder Stützgewebe zuliess. Beim Versuch, das Skalpell durch einen Thermo-Kauter zu ersetzen, kam es zum schlagartigen Wechsel des Aggregatszustandes der Leibeswand von fest nach flüssig, wobei sie jeder gestaltlichen Integrität verlustig ging und sich in ein amorphe, aber rasch wieder aushärtende Masse verwandelte.

Von einer Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes des Leichnams zum Zwecke der öffentlichen Aufbahrung und Beisetzung musste daher Abstand genommen werden. Darüberhinaus ergab eine vorläufige chemische (olfaktorisch/gustatorische) Analyse der Substanz der Leibeswand, dass es sich bei ihr um eine Droge mit nicht geringem euphorisierendem und daher suchterzeugendem Potential handelt. Eine zweite, gründlichere Analysenrunde führte zum vollständigen Verschwinden der zerbrochenen/geschmolzenen Leibeswandproben.

Die zerknitterten Reste der Haut jedoch erwiesen sich als geruchsneutral und gustatorisch wenig ansprechend, ja, sogar abstossend, wenn sie direkt mit der Bezahnung in Berührung kamen. Die Überbleibsel der Haut werden bis auf weiteres in der Asservatenkammer des Instituts für forensische Medizin verwahrt.

Zusammenfassung:
Es fanden sich keine Anzeichen für einen nicht-natürlichen Tod, allerdings ebensowenig Hinweise auf ein natürliches Leben vor dem Beginn der Sektion. Das Team der forensischen Medizin bittet darum, ihm wenn irgend möglich weitere Exemplare dieser Wesen zu Verfügung zu stellen, um die Forschungen am Bau der Leibeswand vertiefen zu können.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „…wobei sie jeder gestaltlichen Integrität verlustig ging und sich in ein amorphe, aber rasch wieder aushärtende Masse verwandelte.“

    Waren bei erneutem Aushärten unansehnliche weißliche Fettschlieren zu beobachten? Ich meine ja und sage: von einem Thermo-Kauter muß zukünftig abgesehen werden.

  2. Wer war das?

    Das kann doch nur der Weihnachtsmann gewesen sein! Sein Leben war doch kein Leben. Das ganze Jahr über langweilt er sich quasi zu Tode und einmal im Jahr erstickt er im Streß. Sex hatte er wohl auch keinen, zumindest habe ich nichts davon gehört – was aber nicht viel heißt. So vegetierte er jahrhundertelang dahin. Fragt sich nur, wie es zu seinem Tod kam. Aber eins steht fest: Weihnachtsmann ist tot!

    Wie geht es nun weiter ohne ihn? Wenigstens das eine Jahr hätte er doch noch machen können. 🙁 Dann hätten wir ein Jahr lang Zeit einen neuen zu suchen. Wahrscheinlich hätten wir nächstes Jahr politisch korrekt eine homosexuelle Xmaswoman bekommen.

    Helmut, wenn Du im Frühjahr so ein altes, zähes kaninchenähnliches Etwas auf den Tisch bekommst …

  3. @ Fischer/Gustatorik

    ..nein.

    Aber die gustatorische Beurteilung des Urins WAR jahrhundertelang ein diagnostisches Werkzeug (Diabetes mellitus – der „honigsüsse“ Diabetes…).

    Die olfaktorsiche Analyse ist nach wie vor ein Werkzeug der Forensik (Verwesung!) und der Diagnostik (bestimmte Stoffwechselkrankeiten äussern sich in bestimmten Gerüchen).

  4. @ Huhn

    Ich sollte nachtragen, dass ich durch den anonymen Text eines Chirurgen (?) über die Notfallmedizin des Schokoladenweihnachtsmannes inspiriert worden bin. Der schönste Satz darin:

    „Häufig sind Impressionstraumen des Säckelchens. Trotz seiner atypischen Lage ist grundsätzlich an ein urologisches Konsil zu denken…“

  5. Zur schonungsvollen Konservierung empfehle ich statt Formalin bei diesen Leichen ein Sixpack Riesling aus der Bernkastler Gegend, damit die kommenden Tage auch so fröhlich werden, wie ich es allen brainloggern wünsche.
    S.R.

  6. @ Wicht

    Ich muß aber zugegeben, als ich das las und ich mir versuchte bildhaft etwas drunter vorzustellen, da hatte ich ganz schön mit Ekel zu kämpfen und war sehr verwundert. Gewaltverbrechen? Verstümmelung? Haut abziehen? …

  7. @ Huhn

    Ich dachte mir auch, wie es möglich ist, daß zur Weihnachtszeit soviele von denen unterwegs sind. Wie pflanzen sie sich fort? Ohne Geschlechtsorgane? Sind sie gar aus einem Ei geschlüpft? Ich war mal dort, wo sie vom Band fallen. Arme Kerle: keine Organe und nichts im Kopf. Es gibt kleine Anatomen, die lieblos die Haut runterreißen und mit völlig falschem Werkzeug an die Sache gehen. Man munkelt sogar, daß sie ihre Zähne benutzen und als erste Handlung den Kopf abbeißen. Das ist eine Undelicatesse par excellence…

  8. @ Huhn – Ekel

    Ekel, Grusel – oh ja!

    Um das ganze mal auf hochliterarisches Niveau zu hieven:

    „Man muss den Tod aus jeder Blume riechen!“
    (August Grauf von Platen)

    …und sei’s der blumige oder süsse Duft des Schokoladenweihnachtsmannes. Denn was wäre Weihnachten ohne Karfreitag?

  9. Hochliterarisches Niveau

    Ich setz mit Rilke noch einen drauf:

    „Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schooß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.“

    PS: Ohne Karfreitag wäre Weihnachten – nicht Weihnachten.

  10. Freier Wille und Herr Sokrates…

    Arme Kerle: keine Organe und nichts im Kopf.
    …endlich…Helmut’s Suche nach jenen ohne jeglichen freien Willen erfolgreich abgeschlossen und Professor W.S. neue „Willenstheorie“ bestätigt…..!?

    ….wobei mir bei intensiverem gedanklichen Forschen der Gedanke kommt, dass es vielleicht auch sein könnte, dass des Leichnams äußere Körperhülle samt einer für uns unsichtbaren, feinen Vernetzung, ein Gehirn, verteilt über den ganzen Körper, darstellen könnte…..

    denn in weiter Ferne höre ich da ein Lachen der lebendigen Kollegen des seltsamen Leichnams…ja sie lachen über uns..über Dich als Anatom….Warum? Ich glaube sie behaupten unser Technologie reiche nicht aus, ihre höheren Gehirne zu untersuchen…

    Ach Helmut – mir schwant Übles – womöglich machten die sich oben lustig über unsere „geistige Behinderung“ solch höherentwickelte Wesen zu erforschen, geschweige denn zu verstehen…

    Sie schütteln nur die Köpfe und sagen, wir hätten noch immer nicht Herrn Sokrates verstanden…..

  11. @ Könnecker /weihnachtliche Buchtipps

    Es böte sich jetzt an, noch ein paar Schoten des Herrn Grafen von Platen auszupacken („Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts…“), aber das heb‘ ich mir aber für ein anderes Mal auf. Der Rilke ist schön. Stammt das aus einem längeren Text? Welchem?

    Zwei Buchempfehlungen zur Vertiefung der morbiden Grundstimmung:
    Philippe Aries: „Geschichte des Todes“
    Julian Barnes: „Nothing to be frightened of“

    Und eine traurige Geschichte vom Grafen von Platen. Der kam in Ansbach zur Welt, was ich nicht wusste, bis ich zufällig vor seinem Geburtshaus, einem wunderschönen Renaissance-Bau stand. Eine Strasse weiter war eine Buchhandlung. „Ui!“, sagte ich zur Verkäuferin, „ich hab‘ gar nicht gewusst, dass der Graf von Platen hier um die Ecke auf die Welt kam! Gleich verkaufen Sie mir eine Gesamtausgabe, bitte!“ Die Verkäuferin (F…MichFrisur und Arschgeweihtattoo): „Graf von was? Nie gehört…“

    Und eine überraschende Geschichte vom Platen: der war mit dem Justus Liebig im Bett! Jawoll, Liebig wie Fleischextrakt, Kunstdünger und Universität Giessen. Der Pragmatiker und der Melancholiker…
    (Quelle: Frank Bär: „Die Zunft“, ein garstiges, aber lesenswertes Buch über das Wesen der Universitäten).

  12. @ Monika Armand

    „…wobei mir bei intensiverem gedanklichen Forschen der Gedanke kommt, dass es vielleicht auch sein könnte, dass des Leichnams äußere Körperhülle samt einer für uns unsichtbaren, feinen Vernetzung, ein Gehirn, verteilt über den ganzen Körper, darstellen könnte…“

    Kein esoterischer, ganzheitlicher Spekulatius bitte! Sonst sehe ich mich zu der knallharten rassistischen Gegenhypothese gezwungen, dass der Schokoladen-Weihnachtsmann ein getarnter Neger sei! Ein illegaler Immigrant, womöglich…

    UAAAH! „Neger, Neger, er hat NEGER gesagt! RASSIST! Bei Strafe der Exkommunikation aus der Kirche der PC frisst er jetzt SOFORT vier Weihnachtsmänner aus WEISSER Schokolade, besser fünf — speiübel möge ihm werden und seine schludrige Sprache möge ihm wie blättrige Pilze im Maule vermodern!“

    Rassistischer Schokoladenweihnachtsmann aus weisser Schokolade spricht einen aus schwarzer Schokolade auf kanakisch an, weil er überheblicherweise davon ausgeht, dass jener der Hochsprache nicht mächtig sei:
    „Du schwarz!“
    Der andere antwortet:
    „Ich weiss!“

    (copyright Roger Feldmann)

  13. Rilke

    Lieber Helmut,

    das Zitat stammt aus den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ – eines jener Bücher, die auf meiner Sollte-man-endlich-mal-wieder-lesen-Liste stehen.

    Poetisch sehr dicht geschrieben, einige biologisch, ja anatomisch unterlegte Passagen, aber vor allem: sehr viel Reflexion über Leben, Sterben und Sinn. Würde Dir, aus der Manteltasche rausschauend, ganz gut stehen, meine ich.

  14. „Kein esoterischer, ganzheitlicher Spekulatius bitte! Sonst sehe ich mich zu der knallharten rassistischen Gegenhypothese gezwungen, dass der Schokoladen-Weihnachtsmann ein getarnter Neger sei!“

    Dat passt doch alles 😉 …Im Übrigen ich esse Bitterschokolade und liiiiebe daher die richtig schwarzen…… weiß gibt es ja erst, seit sich die Weihnachtsmänner „emanzipiert“ haben… …. mit der Rassenfrage lagen wir auch hier schon immer falsch……von wegen weiß…

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