(Un)verwundbare Anatomie oder: (In)vulnerabilitas selectiva

Auslese 2011Präparierkurs. Die Anatomie des Hirnes ist dran und man ist schon mittendrin. Der Dozent hat das Hirn in der Hand, weist mit der Pinzette zwischen die Hirnschenkel und sagt:

„Die Corpora mammillaria sind selektiv vulnerabel gegenüber dem äthyltoxischen Insult.“

Man muss diesen Satz ansatzlos sagen, muss ihn wie einen Speer in die schutzlosen, verwundbaren Hirne der vor lauter Fachterminologie ohnehin schon birnenweichen Studentenschaft jagen, man muss sich an dem Entsetzen weiden, das sich in den Gesichtern spiegelt, wenn sie versuchen, den Satz zu dechriffrieren, sich sadistisch an der Verletzlichkeit dieser jungen, lernbegierigen Seelen laben, die man mit diesem fachterminologischen Satzungetüm erschreckt hat – und dann muss man trocken sagen:

„Das heisst auf deutsch: Man kann sie sich wegsaufen…“

Heiterkeit. Und in gelöster Stimmung kann man sich dann daran machen, die cerebralen Prädilektionsstellen (1) aller möglicher Krankheiten, (Selbst)vergiftungen und sonstiger Insulte (2) zusammen mit den Studierenden abzuklappern. Und deren (Prädilektionsstellen und Studenten) gibt es nicht wenige.

So zeigt man also den Studentenmassen das Cornu ammonis des Hippocampus, das es gar nicht –  viel weniger noch als andere Hirnteile –  mag, wenn der Sauerstoff knapp wird, man zeigt ihnen die entorhinale Rinde, die als erstes vom Alzheimer zerfressen wird, den schwarzen Kern, in dem der Morbus Parkinson nistet, bevor er seine dunklen Schwingen auch über den Cortex ausbreitet, und eben die Brustkörperchen (die Corpora mammillaria), die dem Äthylalkohol abgeneigt sind, ebenso wie der Kleinhirnwurm, auf den das Einlegen in Alkohol ebenfalls nicht konservierend, sondern durchaus zersetzend wirkt.

Alles geht kaputt, nichts und niemand ist invulnerabel.

Selbst Superhelden haben ihre schwachen Stellen, und die Anatomie trägt dem Rechnung, indem sie zum Beispiel die Achillessehne (Tendo Achillei) nach dem Sohn des Peleus benennt, nach Achill, dem Peliden, den – ansonsten überall durch ein Bad im Styx gestählt – dort der vergiftete Pfeil des Paris traf. Homer, Ilias, Hexameter…

Der Dozent fragt also:

„Nennet mir, Kinder, die Namen der Muskeln, die mittels Achilleus‘ ver-
letzlicher Seh’n die Fers‘ und die Sohl flugs vom Boden abheben, so
dass – durch dies Wirken – auf Zehen wir steh’n…“

Die Studenten mögen aber keine Daktylen und Hexameter und finden, dass diese Art der Formulierung einer Frage verwirrend und unfair sei.

Zur Rache erzählt ihnen der Dozent die ganze Geschichte von Achill, seiner selektiven Vulnerabilität (3) und die Geschichte vom Paris-Urteil, von Hera, Aphrodite und Athene, vom Apfel und von Helena, von Menealos, vom Kampf des Hektor gegen Achill (uswusf..) gleich mit.

Und dass die Achilles-Sehne womöglich gar nicht wegen des Achills Achillessehne Achillessehne heisst, sondern wegen des Hektors Achillessehne, unter welcher hindurch der siegreiche Achill die Leiche des Hektor hinter seinen Streitwagen band, um sie dreimal um Troja herum zu schleifen … auch im Schlachthof hängt man ja Ochsenhälften unter der Achillessehne hindurch an den Fleischerhaken. Die Sehne ist stabil.

„Wir sind doch hier nicht im mythologischen Seminar!“, protestieren die Studenten.

An der Stelle ist der Dozent selektiv vulnerabel. Er liebt seine mythologischen Schnurren.

Zur Rache präpariert er jetzt die Aponeurosis partis transversae musculi trapezii.

(aus „Grays Anatomy“. Pfeil: die flächige Sehne [„Aponeurosis“] des queren Teiles des Kapuzenmuskels)

Dazu murmelt er halblaut:

„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren von grôzer arebeit,
von vreude und hôchgezîten von weinen und von klagen,
von kuener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.

Ez wuohs in Burgonden ein vil edel magedîn,
daz in allen landen niht schoeners mohte sîn;
Kriemhilt was si geheizen si wart ein schoene wîp.
dar umbe uosen degene vil verliesen den lîp.“

„WIE bitte?“, fragen die Studenten.

„Bis morgen“, brummt der Dozent, „werden Sie die Ursprünge und Ansätze sämtlicher Muskeln des Schultergürtels dumpf und stumpf auswendig lernen. Und das deutsche Eponym dieser Aponeurose, die eine Ursprungssehne des Trapezius ist, gleich mit….“

„Was ist ein Eponym?“

„Ein Übername, ein zusätzlicher Name .. oft der einer Person, die die Struktur zuerst beschrieb, oder einer mythologischen Gestalt, oder sonst irgendein Lyrizismus, der die Anatomie erst spannend macht…“

„Siegfriedsehne!“, sagt einer.

„Nicht schlecht, aber knapp daneben“, sagt der Dozent. „Bis morgen.“

Fussnoten:
(1) Nachdem man erklärt hat, was das schon wieder bedeutet: die „Lieblingsauswahl“ nämlich – mithin also der Ort im Gefüge des Leibes, an dem eine bestimmte Erkrankung zuerst zuschlägt, an dem sie zuerst manifest wird.
(2) Eigentlich wirklich: „die Beleidigung „; erst im übertragenen Sinne: „die Verletzung“
(3) Seine Mutter Thetis hielt den Knaben an den Fersen fest, als sie ihn in das Stahlbad des Styx, des Flusses, der den Hades umfliesst, tunkte. Das steht übrigens so nicht in Homer’s Ilias, das ist eine spätere Zudichtung zu dem Epos. Für Homer war Achill ein ganz normaler, verletzlicher Mensch.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @ Bolt

    (weiteres deutsch-lat. Rätsel)

    Sofern Drachen Reptilien sind, hat der deutsche Name der Sehne etwas mit RepTILIA zu tun.

  2. @ Bolt

    Richtig.

    Aus der mythologisierenden Ecke der Anatomie hätt‘ ich ansonsten noch zu bieten:

    – das Caput medusae (Perseus, schlangenhaarige Medusa)
    – diverse Venu-/Aphrodi(te)siaka (Mons veneris etc.)
    – göttliche Eigennamen der Finger (Digitus Iovis/Veneris/Saturnii usw..)

    ..aber dann hört’s (bei mir) auch schon auf. Kennen Sie oder kennt jemand anders weitere „Mythologica“ in der Anatomie?

  3. @ Bolt – Iris

    „Noch nicht, Meister. Die anmutige Iris verdient Ihre Aufmerksamkeit.“

    Ach. Nicht nur vergass ich die Iris in meiner Liste, nein, ich vergass, dass ich auch ihr Loblied schon sang:

    Von der Iris

    Ich werde alt…nein: bin’s schon.

    Danke!

  4. Mann.

    Was für selbstverliebtes Gerede von jemand, der den gleichen Job hat wie der Typ beim TÜV, der die Taxifahrer prüft: nämlich abzufragen, ob denn die Prüflinge wissen, wie diese und jene Straße (Sehne, Vene, Nerv…) heißt oder wo jenes Gebäude (Organ, Knochen…) liegt. Wirklich, in dem Job würde ich auch Hexameter würgen, Versmaße vergewaltigen und mir einreden, irgendwie irgendwas aus der Ilias verwenden zu können und damit doch nicht den ganz falschen Job für mich gewählt zu haben. Vesal hatte wenigstens noch was zu entdecken. Anatomie heute scheint mir Auswendiglernerei zu sein, deren Erfolg von einem Mindestmaß an Dummheit eher befördert als behindert wird. Aber ich kann mich auch täuschen. Ich habe auch schon Taxifahrer kennen gelernt, die weniger tumb waren, als man allgemein annehmen darf.

  5. @ Nick, der Bösewicht

    Oh.

    Sind Sie aber böse!

    Sie prüfen, wenn ich das recht verstehe, beim TÜV die Taxifahrer auf Ortskundigkeit?

    Das stelle ich mir als einen schönen, erfüllenden Beruf vor – und seit Erfindung der Navigationssysteme dem Taxiwesen in etwa so nützlich, wie es nach nach Vesal der Beruf des Anatomen der Wissenschaft ist, um Ihr Argument aufzugreifen.

  6. Zu früh zum sterben

    „Alles ist schon gesagt… „

    Dies scheint mir gerade nicht der Fall zu sein. Bei der offensichtlich großen Anzahl von anatomischen Begriffen und der anscheinend sehr übersichtlichen Menge an vorhandenen Eponymen, die den geneigten (geeigneten) Studenten das Lernen erleichtern können, bleibt noch viel zu sagen. Die kommenden Generationen sollen es doch einmal leichter haben.

    Es ist Zeit, neue Mythen zu erschaffen.

  7. @ Joker

    Danke.

    Primo. der Text da oben war natürlich überzogen. Fragen Sie meine Studierenden…nein, ich prüfe nicht in Hexametern und verlange keien Distichen als Antworten.

    Secundo: mein Reden. Die Herstellung von REDUNDANZ in der Lehre – nicht die „Beschränkung auf’s Wesentliche“ – ist durchaus erwünscht. Je MEHR an – auch abseitiger, mythologischer, ästhetischer – Information um einen „nackten“ anatomischen Sachverhalt gerankt werden kann, um so grösser ist die Chance, dass er sich mit anderen, schon gewussten Dingen assoziativ vernetzen kann.

  8. „Das Theatervirus“

    Der eine terrorisiert seine Studenten, der andere seine Mutter. Gut, dass ich mit Psychoanalyse nichts am Hut habe, sonst könnte ich noch auf die abwegige Idee kommen, dass Student eine Ersatzhandlung ist …:

    „(…) Das gemeinsame Abendessen wurde entweder unerträglich oder qualvoll, je nach meiner Laune.

    »Mich deucht, o edler Herr, liebwerte Dame Ihr, auch ihr Geschwister all’, daß dieses Flügeltier aus ländlichem Gefild’ des Wohlgeschmacks und Saftes nicht enträt, hat es geschmort doch in der eig’nen süßen Brüh’, die Zeitspann’ während, die es braucht, daß Phoibos’ Sonnenwagen rosig, fingrig auch, die pflaumenfarb’nen Himmel tät’ durchmessen, damit die Stund’ des Zwielichts rinn’ durch’s Glas. (…) Was sagt Ihr, edler Vater, Schwestern ihr, noch kaum des Wortes mächt’ger kleiner Bruder du, laßt uns die Kelche haben und bis zur Neige leeren zu Ehren dieses leck’ren Mahles, so liebend und mit höchster Anmut zubereitet von jenem pflichtbewußten Weibe, so wir als Gattin, Buhlin, Mutter gar benennen!«

    Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Bald bettelte mich meine Mutter buchstäblich an, im Auto zu warten, wenn Sie zur Bank oder zum Lebensmittelmann ging. (…)“

    „Das Theatervirus“, aus: David Sedaris, „Nackt“, übersetzt von Harry Rowohlt

  9. @ miro modo

    Ich denk‘ an nichts anderes, aber vivitur ingenio, caetera mortis erunt; und das ingenium kann ja manchmal auch ein garstiger Geist sein.

    Oder anders: „There’s no such thing as bad publicity (except your own obituary).“

  10. @Wicht

    Herr Wicht – DAS haben Sie aus meiner bösen Kritik herausgelesen? Das ich Taxifahrer prüfe?

    Das kauft Ihnen doch keiner ab. So selektiv wahrnehmend kann nicht mal ein Anatomie-Dozent sein. Ich stehe kurz davor Ihnen Unredlichkeit zu attestieren.

    Aber wissen Sie, worauf ich keine Lust habe? Auf diese ewigen, dämlichen Klugscheißereien, wo der eine dem anderen unwiderlegbar beweist, wie dämlich der jeweils andere st.

    Sondern, ich mache es einfach: ich gebe zu, dass in meinem Kommentar ein fetter Troll-Faktor eine Rolle spielte. Als ich den Kommentar abgeschossen hatte, dachte ich sofort: what the fuck? So schlimm war der Artikel nun echt nicht. Zwar nervt er ein bisschen in seinem selbstgewissen Stil, der erahnen lässt, wo die Dozenten sich sehen, und wo der Student zu stehen hat – aber meine Freundin nervt auch, und ihr kommentiere ich das aus gutem Grund nicht sofort in ihr wunderhübsches Ohr.

    Ich finde zwar, sie tragen dicker auf als meine Mutter, wenn sie mir Nutellabrote gemacht hat, aber wer bin ich, indigniert zu sein? Ich schätze zwar – so böse wie ich bin – auch, Sie tragen Lederkluft und halten sich unter den verkopften Kollegen für den Coolen, von den Studenten nicht mal besonders heimlich verehrten – aber, was soll man sagen? Go ahead, make my day!

    Und noch was: ganz, ganz ehrlich – dachten Sie wirklich, ich würde Taxi-Fahrer prüfen?

  11. @ Nick, der Bösewicht

    „Und noch was: ganz, ganz ehrlich – dachten Sie wirklich, ich würde Taxi-Fahrer prüfen?“

    Nein.

    Ich hielt (und halte) Sie für jemanden, der mit Anatomen und der Anatomie schlechte Erfahrungen gemacht hat, habe aber die wunde allegorische Flanke, die Sie mit dem Taxi-Gleichnis blosslegten, zum Gegenangriff verwendet.

  12. !

    Ich habe mich großartig über den Text amüsiert. Und Lachen ist ja gesund, so heißt es wenigstens.

    Ich komme wieder, keine Frage!

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