Über Strukturen in der anatomischen Terminologie

Einleitung und Rechtfertigung

Unter allen Naturwissenschaften ist die die meine – die Wissenschaft von der anatomischen Natur des Menschen – diejenige, die am innigsten mit Sprache und Worten verwoben ist. Mit einem Sprachgewebe überzieht und durchwebt sie den Körper: Kettfäden aus langen Beschreibungen, die vom Ganzen zu dessen Teilen führen, Schussfäden, die quer über die Ketten hinweg das, was den verketteten Teilen gemein ist, binden. Ein dichtes Gewebe, veritable Wortfesseln. Kaum eine Naturwissenschaft – vielleicht mit Ausnahme der Taxonomie in der systematischen Biologie – gibt sich solche Mühe wie die Anatomie, ihre Terminologie zu pflegen1.

Es nimmt mich deshalb wunder, dass die Anatomie – bei ihrer offensichtlichen Nähe zur Sprache – den „linguistic turn“ des vergangenen Jahrhunderts nicht mitgemacht oder auch nur zur Kenntnis genommen hat. Nun gut – um ehrlich zu sein, wundert es mich nicht, denn diese Wende fand jenseits des Grabens statt, der Natur- und Geisteswissenschaften trennt. Und allzu große Nähe zu dem, was man von seiten der Naturwissenschaft (als die sich die Anatomie verstehen will), gerne als die nutzlosen intellektuellen Turnübungen von Philosophen, Linguisten, und (Gott bewahr!) Soziologen oder gar Psychoanalytikern ansieht – allzu nahe Nähe dazu diskreditiert den an derlei Diskursen interessierten Anatomen in den Augen seiner Fachkollegen. Auf der anderen Seite – so hab‘ ich zumindest den Eindruck – traut sich kein Linguist und kein Philosoph an das Gewebe der lingua anatomica so recht heran2. Denn es ist dicht, und für den, der nicht gesehen hat, wovon diese Sprache eigentlich reden will – dem Innen und Aussen des Körpers nämlich – für den ist sie wohl ziemlich hermetisch. Man muss die Leichen gesehen, zergliedert, durchmikroskopiert haben, um eine Vorstellung vom den Signifikaten zu bekommen, die die Signifikanten der Terminologia anatomica meinen. Die wenigen Philosophen, die ich je auf dem anatomischen Präpkurs gesichtet habe, sahen wenig glücklich aus…

Was will dieser Text?

Ich will mir die Narrenfreiheit des alten Anatomen, den das Urteil seiner Fachkollegen nicht mehr schert, und die Dilettantenfreiheit dessen, der sich für Sprache und deren Philosophie interessiert, nehmen, und neu auf die Worte und Sätze der Anatomie horchen. Die Messlatten, die man an diesen Text anlegen möge, sind – im Falle der anatomischen Sachverhalte und Terminologien, von denen die Rede sein wird – die erbarmungslosen der terminologischen Orthodoxie und Konvention. Ich sollte hier – qua Amt als Anatom – an die 100% erreichen. An das, was ich über Sprache per se zu sagen habe, lege man die Gnadenlatte, an der man den linguistischen Dilettanten misst. An den Text, der aus meiner Tastatur quillt, stelle man die üblichen Anforderungen: Verständlichkeit. Stilistisch geschliffen will er allerdings auch noch sein.

Also los.
Genau behorcht, löst sich in der Anatomie, ebenso wie in der Sprachphilosophie, die Aussage, dass die Worte die Dinge nur nennen (die Abbildungstheorie der Sprache also) rasch in ein Rauschen auf – kein zufälliges weisses doch, es gibt Vorzugsfrequenzen.

Die Metaphorik zum Beispiel.

Sehr viele, wenn nicht die meisten anatomischen Termini sind Metaphern, bedeutungsverschobene Worte. Musculus ist eigentlich eine kleine Maus, Thorax ist ein Brustpanzer, Radius eine Radspeiche, usf. Mithin ist also das Band der Bedeutung, das sich zwischen Begriff und Gegenstand der Anatomie spannt, kein naturgegebenes, sondern ein kommunikativ und sozial konstruiertes. Das müsste eigentlich den modernen Linguisten zusagen.

Unter Spannung gerät das Band, indem die Metaphern oft der Alltagswelt längst untergegangener Sprach-, Kultur- und Vorstellungsräume entlehnt sind. Es sind oft genug „doppelt tote“ Metaphern, die nicht nur nicht mehr als Metaphern erkennbar sind, sondern sich sogar von den Objekten, die sie vor der metaphorischen Verschiebung meinten, abgelöst haben. Fusiformis ist ein Beispiel. Eine Windung im Gehirn heisst so. Dass aber fusus ursprünglich die Spindel der Garnspinnerin ist, das ist mit dem Latein und dem manuellen Spinnen vergessen gegangen. Die Metapher ist wirklich zweifach tot, als solche und als Bild.

Der doppelte Metapherntod – ich habe hier schon etwas drüber geschrieben – ist aber, so will mir in einer quasi psychologischen Analyse scheinen – gar nicht so unproblematisch. Denn einst brachten diese Metaphern „Leben“ in die Anatomie, zumindest Dinge aus der wirklichen Anschauungswelt, nun tragen sie den Tod hinein. Die lebendige Bedeutung verstummt, an ihre Stelle tritt ein toter, sozusagen leichenstarrer Bezug von Phonem zu Gegenstand.

(Vorläufiger) Schluss

Die Liste der doppelt toten Metaphern in der Anatomie, die von deren Adepten mehr oder weniger bereitwillig auswendig gelernt werden, liesse sich fast beliebig vermehren. Es erschiene mir interessant, sich zu fragen, was das für unsere begriffliche Konstruktion des Körpers bedeutet. Ist sie heute wirklich „toter“ als einst? Ist das Sterben der Metaphern die Bedingung der Objektivation der Begriffe, der die Anatomie, als Naturwissenschaft, nachstrebt? Was ist das eigentlich, ein anatomisches „Objekt“, das einen Begriff verdient? Machen womöglich die Termini die Objekte?

Da möcht‘ ich noch ein wenig drüber nachdenken und dann, wenn mir etwas eingefallen ist (und sofern mir nicht schon dieser Auftakt von Seiten der Kritiker um die Ohren fliegt), werd‘ ich weiter darüber schreiben.

1 Es gibt eigene Nomenklaturkommissionen, die in ziemlich regelmässigen Abständen – so knapp einmal pro Menschenalter – die verbindlichen „Nomina anatomica“ neu kodifizieren. Zuletzt 1998, zuerst 1895.

2 Womöglich bin ich aber auch einfach nur ignorant und kenne die Texte nicht. Man lehre mich.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

38 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: „Machen womöglich die Termini die Objekte?“ Eher nicht. Die anatomischen Objekte existieren ja, weil man sie bei Sektionen fand und sich dann eine Benennung einfallen lassen musste. Schon da Vinci sezierte dazu mehrere Leichen und verglich die gefundenen anatomischen Objekte von sich entsprechenden Stellen um Klarheit zu bekommen und schliesslich plastische Skizzen anfertigen zu können.
    Möglicherweise sind heute (und schon früher) gute Abbildungen (Skizzen, Fotografien) von anatomischen Objekten wichtiger für das was den Anatomiestudenten haften bleibt als die historisch recht zufällig gefundenen (meist lateinischen) Termini.

  2. „Genau behorcht, löst sich in der Anatomie, ebenso wie in der Sprachphilosophie, die Aussage, dass die Worte die Dinge nur nennen (die Abbildungstheorie der Sprache also) rasch in ein Rauschen auf – kein zufälliges weisses doch, es gibt Vorzugsfrequenzen.“

    „zufälliges weisses“ Das versteh ich nicht recht. Was ist gemeint?
    „zufälligerweise“ oder „zufälliges, weises“ (?) oder „zufälliges, weißes“.

    Ich vermute ersteres.

    Ja, das Latein ist fast mausetot, auch die meistens Geisteswissenschaftler, vor allem der jüngeren Generation, sind mit ihrem Latein am Ende und meines ist auch nicht so dolle.
    Und eine Welt von Realien ist verschwunden. Ich sehe immer wieder die Verwechslung von „das Schild“ und „der Schild“. „Das“ antarktische Eisschild, welch ein Graus.

    Müssen anatomische Ausdrücke bildhaft sein? Müssen sie nur aus praktischen, mnemotechnischen Gründen bildhaft sein? Vielleicht sollte man wieder Lehrgedichte schreiben, weil sich Reime besser erinnern lassen.

  3. Jenseits des Grabens, der Natur- und Geisteswissenschaften trennt, ist doch endweder Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft.

    Oder welches „Jenseits“ geht da noch?

    • Aus dem Kontext, der Satz zuvor, geht hervor, dass Herr Wicht gerade auf der naturwissenschaftlichen Seite des Grabens steht, bei der Anatomie.

      Ansonsten wäre es eine interessante Frage.

    • Es gibt keinen Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, es gibt nur graduelle Unterschiede. Der Graben ist herbeigeredet, nicht zuletzt von dümmlichen Eitelkeiten auf beiden Seiten. Die Geisteswissenschaften benutzen zunehmend mehr die Naturwissenschaften und die Naturwissenschaften sind keineswegs so objektiv und so exakt wie sie sich selber gerne darstellen.

      Letztlich ist die Natur nur eine Erscheinung gegenüber der Natur des Menschen und der Geist ist ebenso Erscheinung und Teil der menschlichen Natur. Der Hauptunterschied liegt in der Komplexität der Forschungsgegenstände: je komplexer, desto individueller, desto wandelbarer und vergänglicher, desto mehr individuelle Lebensgeschichte. Das Wetter oder das Klima beispielsweise ist fast so komplex wie die Psyche/der Geist des Menschen und beides sind Phänomene der Natur und unterliegen folglich ihrer Selbstinterpretation!

      • @ Anton Reutlinger

        Ja, was denn nun?

        „Es gibt keinen Graben“; „Der Graben ist herbeigeredet“, dann gibt es ihn also doch!?

        „Das Wetter oder das Klima beispielsweise ist fast so komplex wie die Psyche/der Geist des Menschen und beides sind Phänomene der Natur und unterliegen folglich ihrer Selbstinterpretation!“

        In diesem Satz verwenden sie Natur als Singular, für das Selbst der Selbstinterpretation, und gleichzeitig als generisches Singular für alle Phänomene, die es so gibt.

        Das Thema hatten wir schon mal. Die Natur als Ganzes kann nicht interpretieren. Wetter und Klima können sich wohl auch eher nicht selbstinterpretieren, die Psyche des Menschen vermutlich auch nicht. Es scheint mir weder Geist noch Natur zu sein, sondern der Mensch, der, vielleicht mit Hilfe seines Geistes, interpretiert, der Natur- und Geisteswissenschaft betreibt.

        Sie sollten dringend an ihrer Terminologie arbeiten.

        • Ja, die Terminologie ist gerade das Thema dieses Blogs. Die Philosophen bemühen sich seit Jahrtausenden, die Natur und den Geist zu erklären und die Begriffe universell einheitlich zu definieren, bisher vergeblich. Vielleicht sind Sie schon weiter, dann helfen Sie uns auf die Sprünge.

          Ist ein Knochen Natur oder Mensch? Es kommt wohl auf die Umstände an. Von einem bewohnten Planeten im Weltall aus würde der Mensch auch nur als eine Horde Ameisen interpretiert, wie alles irdische Leben und als Teil der Natur.

          Begriffe sind menschliche Interpretationen der Lebenswelt. Nicht umsonst hat C.S.Peirce die semiotische Triade erfunden, außer dem Objekt und seinem Bezeichner noch den Interpretanten als wesentliche Instanz zur Zuordnung von Bezeichner und Objekt. Der Graben besteht zwischen Sprache und Welt, da gibt es keine unmittelbare Verbindung. Begriffe müssen wieder mit Begriffen erklärt und definiert werden, ad infinitum. Begriffe sind willkürlich, viele davon, die wir alltäglich in der Lebenswelt gebrauchen, einschließlich vieler traditioneller Maßeinheiten, kommen gerade aus der Anatomie, d.h. aus der jahrtausendealten Erfahrung mit der eigenen Körperlichkeit.

          Empfehlenswert ist „Metaphors wie live by“ von Lakoff/Johnson:
          shu.bg/tadmin/upload/storage/161.pdf

          Dazu noch ein Zitat eines anderen Johnson, des Sprachphilosophen A.B. Johnson (1786-1867):
          „Wir müssen unterscheiden zwischen dem Umfang und der Mannigfaltigkeit der Schöpfung und der Unzulänglichkeit der Sprache.“

          • @ Anton Reutlinger

            „Die Philosophen bemühen sich seit Jahrtausenden, die Natur und den Geist zu erklären“

            … zu verstehen! Erklären, das passt besser zu den Naturwissenschaftlern.

            „Die Philosophen bemühen sich seit Jahrtausenden, […] die Begriffe universell einheitlich zu definieren“

            Falls Sie mit definieren eine Festsetzung meinen, dann wäre neu für mich, dass Philosophen darin ihre Aufgabe sehen oder jemals gesehen hätten.

            Falls Sie damit so etwas wie eine Untersuchung über die Extension von Ausdrücken meinen, so bezweifle ich, dass es das Ziel der Philosophen ist, eine universelle Einheitlichkeit zu erzielen. Sicher nicht mehr nach dem linguistic turn.

            „helfen Sie uns auf die Sprünge.“

            Nichts anderes versuche ich ja, HTH.

        • „Die Natur als Ganzes kann nicht interpretieren.“

          Wir sind alle im SELBEN Maß durchströmt vom Geist der „Gott“ ist, für … – laut Wissenschaft alles nur die Sinnhaftigkeit in zufälliger Einmaligkeit, wieso Mensch den Geist für seine Illusionen interpretiert hat!?

          Sternenstaub und Kraft / Seele / Zentralbewußtsein, die Möglichkeiten zu / in … entwickelt – der Glaube an „Gott“ ist dabei so unverarbeitet und manipulativ wie unsere (als Mensch / als Ganzes) kreislaufende (Massen-)Bewußtseinsschwäche!

      • „Der Graben ist herbeigeredet, nicht zuletzt von dümmlichen Eitelkeiten auf beiden Seiten.“

        Danke, schön beschrieben, muß aber noch genauer: Der Graben ist die logische Symptomatik der systematisch-hierarchieschen Bildung zu Suppenkaspermentalität auf Schuld- und Sündenbocksuche, bei gleichermaßen-gepflegter Bewußtseinsschwäche. Jenseits davon steht, seit der „Vertreibung aus dem Paradies“, stets immer nur der Wille, den geistigen Stillstand und seine Illusionen mit Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein zu befrieden – Fusion statt Konfusion.

  4. In der chinesischen Kulturtradition, beispielsweise, erscheint ja manches schon anders als in der europäischen, anscheinend auch die Anatomie. Einmal quasi blind (und ohne faschistische Hintergedanken) aus der Google-Kiste gezogen: Fascial Anatomy.
    Wie würden Sie dies aus Ihrer Sicht dann so einordnen oder einschätzen?

  5. @Joker;
    Der „linguistic turn“ war die Folge der Einsicht in die Vergeblichkeit solcher Versuche. Er ist nicht die Ursache, Begründung oder Voraussetzung dafür. Man sollte die Sprache und die Bedeutung von Begriffen an der Wirklichkeit orientieren, nicht umgekehrt. Die Wirklichkeit ist sehr komplex, vielfältig und dynamisch. Sie kann von vielen Beobachtern aus verschiedenen Positionen und Perspektiven betrachtet und interpretiert werden. Demzufolge kann sie immer verschieden beschrieben werden. Ich glaube, das ist das Anliegen von Herrn Wicht.

    Das Anliegen der Analytischen Philosophie ist es hauptsächlich, Bedeutung und Sinn bzw. Gebrauch von Begriffen untereinander zu klären, z.B. in der Form logischer Zusammenhänge. Die (Natur)Wissenschaft verknüpft Beobachtungen und Erfahrungen mit Begriffen und Symbolen, bildet Gesetzmäßigkeiten in mathematischen Kalkülen ab. Zwischen Wirklichkeit und Sprache gibt es keine natürlich fixierte Verbindung, sondern die Zuordnung ist eine geistige Leistung des Menschen, eine komplexe strukturelle und kontingente Transformation, deren Substrat selber Teil der Natur ist.

  6. Geistes- und Naturwissenschaften unterscheiden sich hinsichtlich der Fragestellungen und der Methoden, was Annäherungen, Verflechtungen und Grenzüberschreitungen nicht ausschließt. Man kann die Unterscheide aber auch nicht wegreden.

    Zum Graben werden diese Unterschiede erst in einer soziologischen Perspektive, weil G- und N-Wissenschaftler in einem spezifischen Denken sozialisiert werden, wodurch der neu gewonnene, wissenschaftliche Horizont auch zum Brett vorm Kopf werden kann.

  7. Anton Reutlinger:

    „Man sollte die Sprache und die Bedeutung von Begriffen an der Wirklichkeit orientieren, nicht umgekehrt.“

    Naja, was ist denn Wirklichkeit? Da fängt die Malaise schon an. Bezeichnen Universalien etwas Wirkliches? Ich möchte das nicht diskutieren, nur auf das Problem hinweisen. Den ersten „lingusitic turn“ gab es schon im Spätmittelalter:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem#Semantischer_Nominalismus

    Was man nicht tun sollte, ist das Pferd (die Bedeutung eines Begriff) in einem Gedankengang zu wechseln, was Ihnen immer wieder mal passiert. Das ist nicht unbedingt ein Terminologieproblem, sondern eher eines der Formulierung.

    Zur Problematik von Begrifflichkeit siehe auch siehe den Beitrag von Herrn Trepl zu den Idealtypen: http://scilogs.spektrum.de/landschaft-oekologie/idealtypen/

    • Wirklichkeit ist das, was man dafür hält. Das Kind lernt Begriffe und ihre Bedeutungen von den Eltern. Spielsachen und Bilderbücher stellen den unmittelbaren Bezug zwischen Wirklichkeit und Sprache her. Später lernt man, dass ein Auto verschiedene Farben, Formen und Größen haben kann, dass Begriffe also keine eindeutigen Zuordnungen zu Gegenständen, keine etikettierten Schubladen für die Wirklichkeit sind.

      Für die Analytische Philosophie war die Sprache das Werkzeug zur Beschreibung von Erkenntnis und Wissen. Das Ziel war eine möglichst präzise oder formale Sprache, wie Rudolf Carnap sie entwickeln wollte. Dann wurde allmählich die Aussichtslosigkeit des Unterfangens erkannt. Damit war der linguistic turn eingeleitet, der die Sprache als eigene Erkenntniswelt selber zum Gegenstand der Philosophie machte. Wenn die Sprache zum Selbstzweck und zur Erkenntnisquelle wird, dann verliert sie den Bezug zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit wird den Begriffen angepasst oder untergeordnet.

      Der Graben besteht daher zwischen der Wirklichkeit und der Sprache, insbesondere in der Folge der modernen, global berichtenden Massenmedien aus fremden Wirklichkeiten. Schon Saussure hat darauf hingewiesen, mit dem Begriff der Arbitrarität. Der Graben wird zusehends vertieft, d.h. die Begriffe verlieren immer mehr ihren Bezug zur Wirklichkeit. werden beliebig deutbar und umdeutbar, was schon an den Massenideologien des 20.Jhdts. zu erkennen ist. Informationen werden aus dem Kontext gerissen, sind widersprüchlich, flüchtig, uneindeutig, unzuverlässig. In der heutigen Zeit sind es die Ängste und der Stress, als Beispiele Abhörskandale und Pegida, mit den Folgen zunehmender Extremismen und Aggressionen, schließlich Gewalt und Terror als alltäglich zu beobachtende Phänomene.

      • @ Anton Reutlinger

        „Der Graben besteht daher zwischen der Wirklichkeit und der Sprache, insbesondere in der Folge der modernen, global berichtenden Massenmedien aus fremden Wirklichkeiten.“

        Nur eine Frage zur Terminologie. Müsste der Satz, um „Wirklichkeit“ zumindest in einem Satz konsistent zu verwenden, nicht lauten,

        „Der Graben besteht daher zwischen der Wirklichkeit und der Sprache, insbesondere in der Folge der modernen, global berichtenden Massenmedien aus fremden Teilen der Wirklichkeit.“

        oder

        „Die Gräben bestehen daher zwischen den Wirklichkeiten und den Sprachen, insbesondere in der Folge der modernen, global berichtenden Massenmedien aus fremden Wirklichkeiten.“?

        (Falls Sie eine Meinung aus einer fremden Wirklichkeit – die es in der Wirklichkeit, die ich dafür halte, begrifflich gar nicht geben kann – interessiert: Inhaltlich stimme ich keinem der Sätze zu)

        „Schon Saussure hat darauf hingewiesen, mit dem Begriff der Arbitrarität.“

        Auch bei der Arbitrarität von Saussure sollten Sie nicht zu viel Willkür walten lassen. Das hätte er vermutlich nicht gewollt und wäre auch in der Anatomie eher hinderlich. Ein Muskel bleibt ein Muskel, bleibt ein muscle, bleibt ein musculus, bleibt ein Muskel – zumindest eine Zeitlang, bis zur nächsten Sitzung der Nomenklaturkommission.

        • Gegen den Plural von Wirklichkeit habe ich absolut nichts einzuwenden, im Gegenteil, er ist nur konsequent und logisch.

          Auch ein Muskel könnte im Plural stehen, denn es gibt viele verschiedene Ausprägungen davon, mit unterschiedlichen Eigenschaften, in unterschiedlichen Zuständen. Jeder komplexe Gegenstand besitzt oder bietet mehrere Wirklichkeiten. Dagegen bleibt ein Elektron immer ein Elektron, nur die Zustände ändern sich. Die bewusste Wirklichkeit ist immer nur ein begrenzter und subjektiver Ausschnitt der gegebenen oder wahrnehmbaren Wirklichkeit(en).

          Am Grund eines Grabens gibt es immer noch eine Verbindung zwischen den Seitenteilen des Grabens. Selbstverständlich hat bei aller Arbitrarität der Begriffe und Bezeichnungen die Sprache noch immer einen Bezug zur Wirklichkeit, nämlich im alltäglichen Gebrauch, andernfalls wäre sie sinnlos. Dieser Bezug ist jedoch wandelbar, denn auch die Wirklichkeiten und die Sprecher sind wandelbar. In der Sprachwissenschaft befassen sich die Onomasiologie und die Semasiologie damit.

          • „[Der Plural von Wirklichkeit] ist nur konsequent und logisch.“

            Für inkonsequent und unlogisch halte ich es allerdings, wenn Sie trotzdem immer wieder von „der Wirklichkeit“ reden und zwar in einer Form, als würde es tatsächlich nur eine geben, und nicht etwa nur als rhetorische Figur.

            Ihre unterschiedlich interpretierbaren Kommentare vom 27. Juli 2015 8:51, auf den ich hier Bezug nehme, lassen viele von mir hoffnungslos in die Zukünfte blicken.

      • Wirklichkeit ist das, was man dafür hält.

        Die ‚Wirklichkeit‘, also das, was wirkt, weltlich, ausschnittsartig [1] und also die Welt meinend – nur insofern kann es im Plural Wirklichkeiten [2] geben – ist eine bestimmte Sicht auf die Welt, die idR zuverlässig mit Meister Eckhart in Verbindung gebracht wird, es könnte sich hier dennoch um eine deutsche Spezifität handeln.

        Sichten auf die Welt gibt es viele, bspw. die physikalische, die theozentrische (hier gibt es genau unzählig mögliche Varianten), die Welt als Sachlichkeit („Realität“), eben als Wirklichkeit, als Universum (die physikalische Sicht), als Multiversum (dito) & als Daten- bis Informationseinheit („MUH“ – eher etwas für Formalwissenschaftler) etc.

        Ausgepackt werden soll an dieser Stelle weder Relativierung, noch „Pegida“.

        MFG
        Dr. W

        [1]
        ‚Ausschnittsartig‘ – die Welt wird zudem von erkennenden Subjekten ’näherungsweise‘ und ‚an Interessen gebunden‘ erfasst, und in der Folge auch ‚ausschnittsartig‘, ’näherungsweise‘ und ‚an Interessen gebunden‘ theoretisiert.

        [2]
        Zu vergleichen wäre hier auch mit der Veranstaltung, die Wissenschaft genannt wird, im Aufklärerischen Erkenntnis (vs. Wissen) als in „n:m“-Beziehungen zwischen (erkannter) Sache oder (erkanntem) Sachverhalt und erkennenden Subjekten verwaltet.

  8. Helmut Wicht schrieb (24. Juli 2015):
    > Unter allen Naturwissenschaften ist […] die meine – die Wissenschaft von der anatomischen Natur des Menschen – diejenige, die am innigsten mit Sprache und Worten verwoben ist. […] Sehr viele, wenn nicht die meisten anatomischen Termini sind Metaphern, bedeutungsverschobene Worte.

    Unter allen Naturwissenschaften ist die meine — die Wissenschaft, Messwerte zu gewinnen (als Studienfach auch „Experimentalphysik“ genannt) — wohl diejenige, die am sorgsamsten bestrebt ist, Verstrickungen mit (insbesondere menschlich bedingten) Vorurteilen, Einschränkungen, oder Artefakten zu vermeiden. Dabei gilt es insbesondere auch, begriffliche Voraussetzungen (bzw. Zugeständnissen, oder Unterstellungen) auf das Mindeste zu reduzieren; d.h. keinesfalls mehr vorauszusetzen, als z.B. erforderlich wäre, um die Bedeutung des Begriffes „Bedeutung“ erfragen, ausdrücken und mitteilen zu können.

    Nun wird man nicht unbedingt erwarten, dass die besondere, analytische, auf die Einzelheiten des begrifflichen Aufbaus gerichtete Beziehung der Experimentalphysik zur Sprache ausgerechnet in diesem SciLog zur Sprache kommen könnte. Aber: Wo denn sonst? …

    • „Unter allen Naturwissenschaften ist die meine — die Wissenschaft, Messwerte zu gewinnen (als Studienfach auch „Experimentalphysik“ genannt) — wohl diejenige, die am sorgsamsten bestrebt ist, Verstrickungen mit (insbesondere menschlich bedingten) Vorurteilen, Einschränkungen, oder Artefakten zu vermeiden.“

      Das will ich gerne zugeben. Nur möchte ich – durch soziologische Lektüren bewogen – zu bedenken geben, dass auch der physikalische Diskurs nicht unabhängig von Subjekten und deren Interaktionen untereinander und mit der Welt der Objekte geführt werden kann.

      Ich würde versuchen, gerade die Mathematik (die „Sprache der Physik“?) als Beleg anzuführen. Die ist ja nun auch alles andere als direkt vom Himmel gefallen, sondern mühsam, in einem langen Kulturprozess entwickelt worden, und ich denke (oder irre ich da?) dass die Rede der Physiker über die Natur sich zusammen mit den mathematischen Werkzeugen gewandelt hat.

      Es geht mit ja gar nicht darum, der Subjektivität und dem „Vorurteil“ Tür und Tor zu öffnen, sondern vielmehr darum, zu versuchen, darüber nachzudenken …

      (ich formuliere mit Absicht so defensiv, weil ich keine Ahnung habe, ob das klappt)

      …zu versuchen, darüber nachzudenken, was schon der Apparat unserer Worte mit dem, was wir für „wirklich“ nehmen, macht.

      • Helmut Wicht schrieb (24. Juli 2015):
        > dass auch der physikalische Diskurs nicht unabhängig von Subjekten und deren Interaktionen untereinander und mit der Welt der Objekte geführt werden kann.

        Stimmt, das kann er nicht;
        wobei der physikalische Diskurs sogar geführt werden kann, auch ohne eine (metaphorische?) Unterscheidbarkeit von „Subjekten“ und „Objekten“ vorauszusetzen oder zu behaupten. Man führt den (aufgeklärten) physikalische Diskurs allein mit solchen Mitteln, deren Gebrauch man im Prinzip zugleich auch jedem anderen Beteiligten zubilligen wollte. (Das kann man allerdings als zugespitzte, umfassende Metapher auffassen.)

        > die Mathematik [… ist] mühsam, in einem langen Kulturprozess entwickelt worden

        Mühe“ charakterisiert nicht die Mathematik (bzw. die Physik) an sich, sondern … Ressourcen der Lernenden.

        > dass die Rede der Physiker über die Natur sich zusammen mit den mathematischen Werkzeugen gewandelt hat.

        Die Rede der Physiker davon, was über die Natur (das Vorhandene und zu Erwartende) zu wissen ist, hat sich insbesondere durch das Weglassen von halbherzigen Metaphern gewandelt: Menschen-typische, vermeintlich kulturell normative Eigenheiten und Einzigartigkeiten (z.B. das „Fühlen von Beschleunigung, Kälte, Schwere“, das „Augenmaß“ zur Abschätzung geometrischer oder kinematischer Beziehungen, das „Empfinden“
        von Hast oder Gemächlichkeit) wurden von nachvollziehbaren (und dadurch universellen) Definitionen von Messgrößen abgelöst. Na gut: und noch ‘n Sahnehäubchen Variationsrechnung drauf (um Erwartungen zu optimieren).

        > zu versuchen, darüber nachzudenken …

        Glücklich, wessen Studienfachwahl aufgrund solchen Nachdenkens erfolgt …

          • „Die Metapher des Fühlens steckt doch im „Sensor““

            Man verzichtet in der Physik also nicht auf Metaphern, sondern lässt einfach das Echte weg, die echten Gefühle. Physik, die Lehre mit den künstlichen Gefühlen, sensationell.

            Bin gespannt was wir noch über die Anatomie lernen werden, welche starren Designatoren für weiche Teile sie uns zur Verfügung stellt.

          • Chrys schrieb (30. Juli 2015 11:03):
            > Frank Wappler [schrieb (28. Juli 2015 11:53): … ] das Weglassen von halbherzigen Metaphern […]
            > Die Metapher des Fühlens steckt doch im „Sensor“, und der Sensoren sind gar viele.

            Ganz recht.
            Sowohl gar viele der „SensorArten“ (die sich also untereinander jeweils in „ihrer“ mehr oder weniger bestimmten „Art“ mehr oder weniger gleich gewesen sein mögen);
            und noch mehr der individuellen „SensorExemplare“ gar (unter denen jeweils Gleichheit oder Ungleichheit bezüglich ihrer „Art“ bzw. hinsichtlich „ihres“ mehr oder weniger bestimmten „Maßes“ festzustellen wäre).

            Man kann, ja man sollte sicherlich auch jegliche „clocks“ einbeziehen …

            Dabei ist zu fragen, was denn die erforderlichen (und geigneten) „Maße“ überhaupt wären; entsprechend der https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_physical_quantities

            Dabei ist wiederum zu fragen, auf welcher begrifflichen, axiomatischen Grundlage denn derartige „Maße“ überhaupt definierbar wären (so dass aus verschiedenen einzelnen Versuchen kommensurate Ergebnisse erhalten werden könnten. (Dabei hilft wiederum die Einsicht, die von Einstein so zitierbar formuliert wurde, nämlich

            [dass] alle unsere zeit-räumlichen Konstatierungen stets auf Feststellungen zeit-räumlicher Koinzidenzen hinauslaufen [… wie insbesondere] Begegnungen zweier oder mehrerer materieller Punkte

            (1916)

            Nun steck die Metapher des Fühlens ja (bestimmt) auch im „Feststellen zeit-räumlicher Koinzidenzen“.
            Aber so viel Herz kann man (ziemlich guten Gewissens) eben jedem Sensibelchen zugestehen; zumindest im Prinzip und dem Verständnis nach, wenn auch (im ingenieur-ologischen Einsatzfall) nicht unbedingt alle mit der gleichen Auflösung.

          • Die Sensoren haben sogar ein eigens ihnen gewidmetes Journal.
            http://www.mdpi.com/journal/sensors

            Es scheint sinnvoll, eine Unterscheidung zu treffen zwischen eigentlichen Metaphern (wie Geistesblitz oder Erleuchtung) und metaphorisch motivierten Fachbegriffen (wie Faserbündel oder Strahlenbüschel). Für die Bedeutung eines Terminus technicus ist es letztlich irrelevant, wie er lautet, entscheidend ist nur seine kontextuelle Verwendung.

            Das gilt auch für die physikal. Grössen. (Von Snap, Crackle, and Pop habe ich in der Liste der Quantities zum erstenmal gelesen — wer gebraucht so etwas?) Das nachvollziehbare Messen beruht auf metrologischen Konventionen, nichts davon wird einfach irgendwo vom Baum gepflückt. Für derlei metrolog. Belange ist normalerweise die CGPM zuständig. Und das ist dann im Prinzp wohl nicht mehr ganz so anders als bei den anatom. Nomenklaturkommissionen.

          • Chrys schrieb (31. Juli 2015 0:22):
            > Es scheint sinnvoll, eine Unterscheidung zu treffen zwischen eigentlichen Metaphern (wie Geistesblitz oder Erleuchtung) und metaphorisch motivierten Fachbegriffen (wie Faserbündel oder Strahlenbüschel).

            Bestimmt. Und ich fände es auch interessant, wo/wie eine Abgrenzung zu „nicht-metaphorischen Begriffen“ erfolgen kann. (Oder gelten Fachbegriffe wie die Zahlworte „eins“, „zwei“ usw. etwa auch dann schon als Metaphern, wenn man sie nicht auf Finger oder auf Menschen, Mammuts, Braun- oder Heidelbären anwendet, für deren Quantifizierung sie einstmals erfunden worden sein mögen, Paul Stefan?)

            Jedenfalls bin ich gespannt, ob und wie Helmut Wicht diese Angelegenheiten noch auseinanderlegen wird.
            (Leider werde ich mir das wohl erst ab September wieder genauer anschauen können.)

            > Das nachvollziehbare Messen beruht auf metrologischen Konventionen

            Doch wie unterscheiden wir kernig-nachvollziehbar-belastbare Konventionen von (bloßem) bedeutungsverschobenem, nur auf gewisse Äußerlichkeiten abhebendem … sagen wir mal … Cargo-Kult?

            > Für derlei metrolog. Belange ist normalerweise die CGPM zuständig.

            Messwerte, und erst recht Messgrößen, sind zu bedeutsam, um sie Einheitenbenutzern (und deren beiläufugen Nomenklaturkommissionen) zu überlassen. Oder gar Koordinatenstreußlern.

            Gimmick:
            > Snap, Crackle, and Pop […] wer gebraucht so etwas?)

            Schaun wir mal …

          • Chrys schrieb (31. Juli 2015 0:22):
            > Es scheint sinnvoll, eine Unterscheidung zu treffen zwischen eigentlichen Metaphern (wie Geistesblitz oder Erleuchtung) und metaphorisch motivierten Fachbegriffen (wie Faserbündel oder Strahlenbüschel).

            Bestimmt. Und ich fände es auch interessant, wo/wie eine Abgrenzung zu „nicht-metaphorischen Begriffen“ erfolgen kann. (Oder gelten Fachbegriffe wie die Zahlworte „eins“, „zwei“ usw. etwa auch dann schon als Metaphern, wenn man sie nicht auf Finger oder auf Menschen, Mammuts, Braun- oder Heidelbären anwendet, für deren Quantifizierung sie einstmals erfunden worden sein mögen, Paul Stefan?)

            Jedenfalls bin ich gespannt, ob und wie Helmut Wicht diese Angelegenheiten noch auseinanderlegen wird.
            (Leider werde ich mir das wohl erst ab September wieder genauer anschauen können.)

            > Das nachvollziehbare Messen beruht auf metrologischen Konventionen

            Doch wie unterscheiden wir kernig-nachvollziehbar-belastbare Konventionen von (bloßem) bedeutungsverschobenem, nur auf gewisse Äußerlichkeiten abhebendem … sagen wir mal … Cargo-Kult?

            > Für derlei metrolog. Belange ist normalerweise die CGPM zuständig.

            Messwerte, und erst recht Messgrößen, sind zu bedeutsam, um sie Einheitenbenutzern (und deren beiläufigen Nomenklaturkommissionen) zu überlassen. Oder gar Koordinatenstreußlern.

            Gimmick:
            > Snap, Crackle, and Pop […] wer gebraucht so etwas?)

            Schaun wir mal …

          • @Frank Wappler
            Bei Zahlwörtern sehe ich eigentlich keinen metaphorischen Hintergrund. Es liegt ja im Wesen der Angelegenheit, diese auf alle nur vorstellbaren Gesamtheiten von irgendwie als gleichartig zusammengefassten Objekten anwenden zu wollen. Abgesehen davon waren unsere palaeolithischen Vorfahren vermutlich mit dem Sammeln von Heidel- und dem Gejagtwerden von Höhlenbären so beschäftigt, dass sie es beim Zählen nicht sonderlich weit gebracht haben. Wie Ethnologen sagen, sind auch heute bei vergleichbaren Kulturen oft nur Zahlbegriffe für ein, zwei, und viele (d.i. mehr als zwei) Dinge geläufig.

            Messen allein macht noch keine Physik. Einerseits sind da Grössen, die gar nicht direkt gemessen werden, und das leitet andererseits dann über zum Interpretieren, Theoretisieren, und Modellieren. Dabei kann sich dann gelegentlich herausstellen, dass die moderne Physik für die Physiker eigentlich viel zu schwierig ist.

            Information, Evolution, Expansion, Emergenz, Komplexität, nicht zu vergessen den Big Bang und die Black Holes wären aktuelle Beispiele für metaphorische Buzzwords, deren reflektierter Gebrauch nicht überall in Science & Philosophy nachweisbar ist. Angesichts solcher terminologischen Untiefen scheint mir die Anatomie geradezu noch eine Insel der Seligen zu sein.

          • Chrys schrieb (1. August 2015 18:19):
            > Messen allein macht noch keine Physik.

            Na gut, wir wollen ja nicht das bizzchen Variationsrechnung unterschlagen, mit dem auf Grund von schon gewonnenen Messwerten Erwartungen bzgl. eventueller weiterer Ergebnisse begründbar sind.

            > Grössen, die gar nicht direkt gemessen werden,

            Sicherlich lässt sich „das Messen insgesamt“ in „das direkte“ (also die Beurteilung von „Identität“ bzw. „Koinzidenz“) und „alle weitere darauf basierende, indirekte“ Bewertung einteilen. Und zweifellos macht bloßes Unterscheiden (und sogar auch nur bloßes Zählen) noch keine Physik; es lassen sich weit mehr Messgrößen definieren, und ggf. sogar deren Messwerte ermitteln und weitere diesbezügliche Erwartungen abwägen.

            > das leitet andererseits dann über zum Interpretieren, Theoretisieren, und Modellieren. Dabei kann sich dann gelegentlich herausstellen, dass die moderne Physik für die Physiker eigentlich viel zu schwierig ist.

            Ganz sicher für jene, die „Interpretieren, Theoretisieren, und Modellieren“ in einem Topf werfen (und folglich die Disziplin, Messgrößen überhaupt zu definieren, offenbar nicht mal in Worte fassen können) und sich dennoch Physiker zu nennen belieben.

            > Information, Evolution, Expansion, Emergenz, Komplexität, nicht zu vergessen den Big Bang und die Black Holes wären aktuelle Beispiele für metaphorische Buzzwords

            Bestimmt. Und vermutlich auch: „das Wesen“.

            > […] oft nur Zahlbegriffe für ein, zwei, und viele (d.i. mehr als zwei) Dinge geläufig.

            Die Zahlen Null, Eins und (ganz besonders) Zwei sind ja raffiniert genug (a.k.a. „regular“); der Rest eher Aufschneiderei.

        • @ Frank Wappler

          „das Weglassen von halbherzigen Metaphern“ in der (Experimental-)Physik.

          Wie uns schon die Einheit Bar [1] veranschaulicht, hat man es auch in der Physik nicht leicht der Metaphorik ganz zu entgehen.

          Wie wird unter Experimentalphysikern denn das Atom, das „Unteilbare“, heutzutage bezeichnet? Dividende würde ja auch nur wieder auf eine Metapher zurückgreifen. Gut zu wissen, dass auch mit Schalen- und Wolkenmodellen nicht mehr experimentiert wird. Gälte das Gleiche für Strom, Widerstand und Kapazität, es würde mein Fassungsvermögen sprengen.

          [1] Bar (von griechisch βαρύς barýs ‚schwer‘), Wikipedia

          • Joker schrieb (30. Juli 2015 12:47):
            > Wie uns schon die Einheit Bar [1] veranschaulicht […]

            Units are for … humans.

            (Das ist in diesem Falle recht abfällig gemeint; Messwerte sind invariant hinsichtlich ihrer Darstellung als Vielfache irgendwelcher „Einheiten“.)

            > Wie wird unter Experimentalphysikern denn das Atom, das „Unteilbare“, heutzutage bezeichnet?

            Irgend ein „griffiger“ Name haftet jedem „Ding des täglichen Bedarfs“ eben leicht an.
            Gelegentlich wird man aber wohl z.B. auch sagen (müssen), dass es sich um einen „gebundenen Zustand einer bestimmten (ganzen, natürlichen) Anzahl von Elektronen und eines Kerns von umgekehrt gleicher Ladung“ handeln soll, weil man den (weitgehend beliebigen, sofern nur unverwechselbaren) Namen eben gerade nicht als Metapher benutzen kann und will.

            > […] Strom, Widerstand und Kapazität […].

            Ladung.
            Interessante Beispiele. Handelt es sich bei diesen Worten um Metaphern?
            Und welche Worte werden eigentlich benutzt, wenn man sich über die entsprechenden Messgrößen in Mandarin, oder Swahili oder Urdu austauscht?

          • p.s.
            Frank Wappler schrieb (30. Juli 2015 17:02):
            > [… Strom, Widerstand und Kapazität …]. Ladung. Handelt es sich bei diesen Worten um Metaphern?

            Gerne stattdessen:
            Handelt es sich bei diesen Wörtern um Metaphern?

  9. Helmut Wicht:
    „…zu versuchen, darüber nachzudenken, was schon der Apparat unserer Worte mit dem, was wir für „wirklich“ nehmen, macht.“

    Ich bin versucht zu sagen, es werden im besten Falle schlechter geeignete Missverständnisse durch besser geeignete Missverständnisse ersetzt. Die Physik hat natürlich den „Vorteil“, ihre Gegenstände abstrakt abhandeln zu dürfen. Der Nachteil ist, dass das keiner mehr versteht, der kein Physiker ist.

  10. „Strom, Widerstand, Kapazität, Ladung“

    „Handelt es sich bei diesen Wörtern um Metaphern?“

    Klar doch, man hat sie nicht für die Physik erfunden, sondern umgewidmet.

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