Bloggewitter: Traumzeit

Traumzeit

(Vom akademischen Leben)

Ich bin 51 Jahre alt. Von diesen 51 Jahren habe ich den grösseren Teil, 32 Jahre nämlich, an Universitäten verbracht. Nicht schlafend, aber mitunter träumend: als Student, Diplomand, Doktorand, Post-Doc, Assistent, Habilitand, Privatdozent. Zum ordentlichen Professor hat’s nicht gereicht, aber ich bin deswegen nicht traurig. Selbst wenn jetzt mancher an den Fuchs Aesops denken wird, der die Trauben, an die er nicht heranreichte, als ohnehin sauer aburteilte – ich wollte nie Professor werden und will es nach wie vor nicht. Warum nicht: Davon will ich in meinem Traum von der Universität, in meiner Utopie der Alma mater berichten.

Auslese 2009So vor 100, 150 Jahren: da wär‘ ich, glaub‘ ich, ganz gerne Universitätsprofessor geworden. Heute nicht mehr. Und in Zukunft erst recht nicht, ja, fast fürchte ich, daß es mir schwerfallen wird, den Rest meines Berufslebens in der Zufriedenheit an der Universität zu verbringen, in der ich mich bislang vorfand.

Ich habe nämlich eigentlich Grund, glücklich zu sein – auch wenn ich oft genug herumschimpfe. Und wenn ich es recht bedenke, dann ist mir an meiner Alma mater ein Traum wahrgeworden. Ich bin ein Hans-im-Glück, in meiner Nische, in einer abgelegenen Ecke meiner Universität, die mit dem eisernen Besen der Ökonomie durchzukehren noch niemandem eingefallen ist. Und ich bin der ganz unbescheidenen Ansicht, dass "ego sum universitas". Ich, und die paar, die mich in meinem gar nicht so stillen, sondern mitunter turbulenten Winkel umgeben, ich bin, wir sind die Universität. Und die unterscheidet sich ganz erheblich von der Uni, die den Universitätsräten, den Bildungspolitikern und vermutlich auch manchem Leser vorschwebt.

Die Universität dieser Leute ist eine von Kennzahlen, Impact-Punkten, Rankings, Exzellenz, Konkurrenz, Effizienz, Drittmitteleinwerbung, Forschungsgeldern, Akademikeroutput und Berufsqualifikation. Ich unterstelle das einfach mal, um es auf die Spitze zu treiben: Der Börsengang der Alma mater ist vermutlich das unausgesprochene Ziel, das hinter den Bestrebungen der Protagonisten einer "neuen" Universität steckt. Die Universität, so hört man, sei ganz selbstverständlich ein Bestandteil des allgegenwärtigen und alleinseligmachenden "Marktes", und sie habe sich gefälligst marktkonform zu verhalten. "Markt", "Welt" und "Wirklichkeit" sind in der Diktion dieser Leute übrigens austauschbare Begriffe. Die "Welt" – die belebte zumindest – ist ihnen nichts weiter als ein "Markt", zu dem man seine Haut tragen muß, mehr noch: zu dem man qua Natur der Sache getragen wird, ob man will oder nicht. An der Stelle wird dann typischerweise Darwin angerufen: alles konkurriert mit allem um Ressourcen, seien es die Menschen um Nahrung und geldwerten Vorteil oder der Menschenhirne Meme um Hirnrechenzeit oder der Menschenzellen Gene um Nachkommenschaft – der übliche Sums. Und selbst wenn es so wäre, würde ich immer noch Hume zitieren: "No ought from an is!" – "Aus einem Sein resultiert kein Sollen!"

Mein Traum von Universität liegt – wen wundert’s – quer zum Naturalismus, quer zu dem, was der Jura-Professor Rainer Zaczyk aus Bonn kürzlich böse und treffend als "totalitären Ökonomismus" bezeichnet hat (1). Der Traum hat schöne Seiten, er hat garstige Seiten, nicht umsonst folgt dies berühmte Bild von Goya. Der Traum ist vieldeutig. Er hat mehrere Gesichter, zeigt mir die lichten Bilder der Freiheit, die kalten Welten der Arroganz und die finsteren Abgründe der Prokrastination. Ich werde mir nicht nur Freunde, sondern auch Gegner machen, wenn ich von ihm rede.


El sueño de la razón produce monstruos Francisco de Goya (1746-1828)

Den Traum zu bezeugen, rufe ich drei Herren an, die Teile von ihm mit mir teilen: die Herren Jaspers, Hörisch, und Bär. Der tote Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) bürgt mir für die kühle Grösse des Traumes, die sehr lebendigen Herren Jochen Hörisch (Professor der Germanistik in Mannheim) und Siegfried Bär (alias Hubert Rehm, Herausgeber des "Laborjournal") stehen mir für die bittere Süsse (Hörisch), wenn nicht gar für die ätzende Säure (Bär). Aber was wäre ein langer Traum, wie ich ihn träume und lebe ohne einen gelegentlichen Alp? Was wäre ein Longdrink ohne Eis, ohne einen guten Schuss Angostura, ohne die Bitterkeit oder die Schärfe, die seine Süsse erst erträglich machen?

Fangen wir mit der Schärfe an, mit der puren Essenz, dem "true spirit", dem reinen Sprit, dem unverdünnt ungeniessbaren Destillat. Siegfried Bär (2) hat vollständig recht: die Universität ist, namentlich ("universitas" = "Handwerkerzunft") und historisch, ein Betrieb zur Elimination von Konkurrenz. Die Zunft sichert sich ein Monopol, und damit denen, die ihr angehören, ihr Auskommen. Um den Preis der Nivellierung allerdings, um den Preis der Vermeidung oder des protrahierenden Aussitzens jeder Innovation, um den Preis der Beharrung, der Vetternwirtschaft – und damit endlich um den Preis der Mediokrität. Wer Spaß an Sprache, an den unglaublichsten Schnurren über Protektion und protrahierende Prokrastination in den nicht-prokrustischen, bequemen Betten der Universität hat (in denen man sich eben nicht zur Decke strecken mußte, um sein Auskommen zu finden), der lese Bärs Buch. Ein fieses, aber klassisches Wortspiel über die finstere Vetternwirtschaft in den alten Tagen vergaß er zu erwähnen, ich trage es nach:

Zwei Wege führen zur Professur: "Per anum sive per vaginam".

Will heißen: man muß, um sein Nachfolger zu werden, seinem Chef entweder in den Hintern kriechen oder seine Tochter heiraten. So war das damals, in den guten alten Zeiten. Ich revidier‘ also meine Meinung: auch damals wäre ich, glaub‘ ich, nicht so ohne weiteres gerne Professor geworden. Obwohl – ich hab‘ ja die Töchter nie kennengelernt.

Trotz aller Sarkasmen: im Kern ist die "zünftige" Verfassung der Universität tatsächlich ein ihr wesentliches Merkmal. Wie eine Zunft steht sie zwar im ökonomischen Raum, versucht aber nach innen hin – durch Solidarität – die ökonomischen Zwänge zu mildern oder gar aufzuheben. Und hier, im gemäßigten Zwang oder besser noch, in dessen Fehlen, findet sie das, was sie auszeichnet: Ihre Freiheit. Ich bin an der Universität geblieben, weil ich frei sein wollte, das zu denken und zu tun, was mich gerade interessiert. Denn ich glaube, daß ich nur das auch gut tue. Und wenn mancher diese Freiheit als Freiheit zum Nichts-Tun mißbraucht (jawohl, das kommt vor, auch ich bin mitunter faul und genieße es, anders als ein Akkordarbeiter nicht sofort dafür sanktioniert zu werden), dann rechtfertigt das nicht die Abschaffung der Freiheit. "Abusus non tollit usum" – "Der Mißbrauch einer Sache rechtfertigt nicht deren Abschaffung".

Jochen Hörischs Buch (3) spielt weniger ins Saure, mehr ins Bitter-Süße, aber das, was er zu Papier gebracht hat, darf in meinem Traum nicht fehlen. Ein Liebesverhältnis beschreibt er, eine geradezu (platonisch) erotische Beziehung zwischen der Alma mater und ihren Scholaren, seien sie Professoren oder Studenten. Fürsorglich räumt die Alma mater ihnen die Freiräume ein, in denen sie sich entwickeln können. Innig wird sie im Gegenzug von den Scholaren geliebt. Gegen Ende des Büchleins — das zu lesen die Laune mindestens ebenso hebt, wie das von Bär, denn schreiben können die beiden, mein Gott, der Neid — gegen Ende entwirft er das Szenario einer Universitätsreform, die in meinem Traumreich längst stattgefunden hat, die ich längst lebe. Meine Alma mater ist mir nämlich nicht Arbeitsstätte, sie ist mir Lebensort. Trennung von privater und beruflicher Sphäre: Nein. Ich bin Akademiker, auch wenn ich mich gerade auf einem Rockertreffen besaufen sollte, und ich bin ein Rocker, wenn ich gerade im Totenkopf-T-Shirt eine Anatomievorlesung halte. Ich bin Samstags und Sonntags an der Uni, wenn ich Lust dazu habe, und Mittwochs manchmal weg, wenn ich Zeit dazu habe. In meinem Büro liegen Motorradteile, in meiner heimischen Werkstatt Anatomiebücher. Ich lege im Büro die Füsse auf den Tisch und lese dienstlich Gedichte von Ernst Jandl, während auf dem Computer ein Rendering eines virtuellen 3D-Modelles des menschlichen Herzens mit eröffneten rechten und linken Kammern läuft. Weil ich nämlich lechts und rinks immel velwechsere, und wenn ich das beim Herzen mache, dann gibt’s anatomischen Unsinn. Also muß ich Jandl lesen, um mich davor zu feien. Ganz logisch. Derweil liest mein Doktorand am Tisch gegenüber Nietzsche, zur Entspannung in den Pausen zwischen den übermenschlichen Anstrengungen, die ich ihm im Labor für seine Doktorarbeit abverlange.

Das Akademiker-Sein ist mir zur Attitude geworden, zu einer Attitude der spielerischen Freiheit, der Nachdenklichkeit, zum gemeinsamen Nenner aller geraden und ungeraden Brüche, die mein Leben ausmachen. Da gehört Jandl dazu, da gehört die Anatomie des Herzens dazu, und beide gehören zusammen. Das ist die Süsse des akademischen Lebens. Die Bitterkeit kommt über mich, wenn ich versuche, dies Leben mit denen, die mir als Studenten anvertraut sind, zu teilen. Denn, so hab‘ ich den Eindruck, das eine Drittel der Studierenden will das nicht, das andere kann es nicht, das dritte würde wohl wollen und können, aber weil ich nie nur dieses Drittel, sondern (mit Ausnahme der Doktoranden) fast stets die ganze Meute am Hals habe, klappt es eh‘ nicht. Es sind zuviele. Oder wir Dozenten zu wenige, je nachdem. Sie sollten mal in diese Fußnote (4) gucken, die ich hier mit Absicht nicht in den laufenden Text setze, da sie mir die Lyrizismen meines Traumes endgültig zerballern würde.

Doch bringt mich diese Fußnote, bringt mich dieser Gedanke zum dritten und letzten Teil meines Traumes. Es ist die Kälte des Longdrinks, die Ihnen aus diesem Teil des Traumes entgegenschlägt. Und wenn ich ihn Ihnen angemischt und vorgeträumt haben werde, werden Sie mich der Arroganz zeihen. Ich rufe an und zitiere Carl Jaspers (5).

"Das Massendasein an Hochschulen hat die Tendenz, Wissenschaft als Wissenschaft zu vernichten. Diese soll sich der Menge anpassen, welche nur ihr praktisches Ziel will, ein Examen … Dem Einzelnen wird die Gefahr seines selbst zu suchenden Weges abgenommen durch einen zwangsläufigen Studienplan. Ohne Wagnis in der Freiheit wird auch kein Ursprung gelegt zu der Möglichkeit eigenen Denkens."

"Der (sic!) Student hat grundsätzlich Studierfreiheit. Er ist nicht mehr Schüler, sondern reif und Bürger der Hochschule. Damit Männer der Wissenschaft entstehen, selbständige Persönlichkeiten, müssen Jünglinge gewagt werden. Sie haben die Freiheit, zu verkommen durch Trägheit und Zerstreuung und dann aus den akademischen Berufen auszuscheiden.[…] Der Gang durch eine lange Reihe von Examinas (sic, sic!) in der (sic, sic!) Schritt für Schritt das Ziel erreicht wird, hilft dem Durchschnitt der Unselbständigen. Examina als Abschluss eines langen freien Studiums sind Sache der geistig Ursprünglichen."

Ich bin (mal abgesehen von dem Maskulinismus, den das "sic!" indiziert und den grammatischen Fehlern, die mit den "sic, sic!" annotiert sind) ganz und gar Karl Jaspers‘ Meinung. Die Vermassung der Universitäten ist ihr Tod. Es ist ein Geschäft für wenige, für das ungefähre Drittel, von dem ich oben sprach. Der Rest will nichts weiter als eine Berufsausbildung und gehört an die Fachhochschule oder in einen Lehrberuf. Basta.

Ja, das ist arrogant. Ja, ich bin der Ansicht, daß die Universität ein Elitebetrieb ist, und ich bin weiter der Ansicht, daß "Elite" und "Masse" sich gegenseitig ausschließen. "Elite" ist ein nach Kriterien ausgewählter Teil der Masse, eine Teilmenge, nie das Ganze. Was die Universitäten angeht, sind diese Kriterien vor allem: der Wille zur Freiheit (der dem einen Drittel abgeht), die geistige Befähigung zu ihr (die dem anderen Drittel mangelt) und – jetzt wird’s ernst und auch schon wieder ökonomisch – die Bereitschaft, Freiheit gegen Geld einzutauschen. Eine gewisse finanzielle Askese und Akademikertum gehen nämlich gut zusammen. Ein geradezu klösterlicher Geist sollte die Alma mater umwehen: es geht nicht um die Kohle, sondern um die Glut der Freiheit.

Sie wollen wissen, was ich verdiene? Bitte sehr: im letzten Monat bin ich mit 2953,94 Euro netto (vor Krankenkasse) entlohnt worden. Das ist skandalös viel, wenn ich es mit den Gehältern vergleiche, die hier an der Uniklinik den nicht-wissenschaftlichen Angestellten bezahlt werden. Es ist erbärmlich wenig, wenn ich es mit den Summen vergleiche, die sich die Manager und Banker in ihrer Raffgier gönnen, einer Raffgier, die allerdings ihrerseits ein Skandal ist.

Nein, ich will nicht Professor werden, auch wenn man mir das Gehalt verdoppelte oder gar die anrüchigen Deals anböte, durch die manche klinische Ordinarien zu stinkendem Reichtum gelangt sind – man hat dem übrigens neuerdings einen Riegel vorgeschoben: Gut so. Aber dennoch: der Preis ist zu hoch. Professor zu sein, das heißt heute (in der Biomedizin zumindest): Sich den ökonomischen Zwängen beugen. Einen möglichst großen Laden zusammenhalten. Permanent um Finanzen bangen, Drittmittelzwang, Diktat der Ökonomie, der Kennzahl, des zahlenmäßig benennbaren In- und Outputs. Die Freiheit erstickt am Wettbewerb, der ökonomische Zwang stranguliert die Alma mater. Zumal, wenn er in Form der Zwangsakademisierung der Volksmassen daherkommt.

Ja, wir brauchen gut ausgebildete Menschen. Sie sollen von mir aus auch einen ganzen Haufen Geld verdienen, wenn sie sich in einer Ökonomie knechten lassen, die sie unter die Knute der Kennzahl, der Rendite und der Vierteljahresbilanz zwingt. Aber an der Universität haben diese Leute nichts zu suchen. Denn ich glaube nicht, das es im akademischen Sinne "die Besten", die "Eliten" sind, die nach der bestmöglichen Bezahlung streben. Die bestmöglichen Rahmenbedingungen der Freiheit sollten’s sein, die jemanden an die Alma mater ziehen.

Ich will auch nicht Bildungspolitiker werden, nicht gutbesoldeter Staatssekretär oder Abteilungsleiter oder Minister, denn ich fürchtete da ebenso um meine Freiheit und mein geistiges Wohlbefinden. Ich erzähl‘ Ihnen mal eine wahre Geschichte aus den Zirkeln der Mächtigen. Ich war neulich auf so einer Bologna Klausur-Sitzung. Lauter wichtige Leute, pro und contra Bologna-Reform, Arbeitssitzung mit "hochgeklappten Visieren". Unter uns ein Herr aus einem Ministerium, ein höherer Herr, einer der Proponenten der Bologna-Reform, Anzug, Schlips und Kragen. Ich aber erschien so wie ich halt meist erscheine: Albernes buntes Hütchen, Cowboy-Stiefel, Jeansjacke, darunter ein T-Shirt Marke "Golgatha" – ein Haufen gestapelter Totenschädel. Ich mag derlei.

Der Autor, in jüngeren Tagen. Aber das T-Shirt ist immer noch das im Text erwähnte.

Der hohe Herr sah mich an, als käme ich von einem fremden Planeten. Dabei komme ich doch nur aus der Welt, die der Gegenstand seines politischen Handelns ist: Der Universität eben. Derweil er immer noch pikiert guckte, sagte ich: "Herr Doktor XXX, ich habe diesen Aufzug nicht ohne Bedacht gewählt. Zum einen und in toto.." (ich ließ eine Hand zeigend an mir herabgleiten) "…steht er mir symbolisch für die akademische Freiheit. Zum andern und en detail…" (ich öffnete meine Jeansjacke und zeigte ihm den Schädelberg) "…steht er mir für den Zustand der Universitäten, vom dem ich fürchte, daß er nach den Bologna-Reformen eintreten wird."

Ich glaube nicht, daß ich mir diesen Herren damit zum Freund gemacht habe, zumal ich zuvor – in einem Aufsatz für die FAZ, den ich zusammen mit meinem Chef schrieb – das böse Wort von der "Kompetenzanmassung" der Kultusbürokraten verwendet hatte. Ich wollte mir auch gar keine Freunde machen, sondern eine Grenzlinie ziehen – vermittels der Renitenz, die uns Akademikern in Angesicht von Bildungspolitikern gut zu Gesicht steht und der Arroganz, deren kaltes Licht man gleichfalls nicht stets unter den Scheffel stellen sollte.

Denn Arroganz ist Niveau, von unten besehen.

So. Das war mein Traum von der Alma mater, der Traum, den ich lebe. Der Traum, der mir das Monstrum meiner Arroganz, den Kobold meiner knappen Kassen und die holde Fee meiner Freiheit gebiert. Was ich mit ihm anfange? Was es der Gesellschaft, die mich bezahlt, nutzt, wenn ich ihn träume?

Zefix: Fragen Sie doch mal Wendelin Wedeking, welcher Nutzen für die Porsche AG oder die Gesellschaft damit verbunden ist, daß er persönlich 77 Millionen Euro per annum bezieht. Ich find‘ das obszön, weit obszöner als meine Träumereien.

Ja, ich bin frei. Aber deswegen nicht nutzlos, ich lehre, ich forsche. Ich lebe dennoch in der Traumzeit, bin ein Aborigine, ein Eingeborener meiner akademischen Welt. Die Konquistadoren dringen in sie ein, vermuten ein Eldorado, Goldgier in den Augen. Aber ich habe kein Gold, ich habe nur Träume. Und wir alle haben nur Träume, sind nur eines Schattens Traum. "Σκιας οναρ ανθρωπος"
(Pindar).


Fussnoten:

(1) Rainer Zaczyk: Rechtswissenschaft oder McLaw? Bonner Rechtsjournal, Sonderheft 1/2008. Jawohl, wir brauchen starke Worte wie das zitierte, wir brauchen jede Polemik und jede Finte und man muss den Gegner schlagen, wo man ihn trifft. Jawohl, wir haben Gegner, es hat gar keinen Sinn, sich auf irgendwelches Konsensgeschmuse (es sei denn: als Finte) einzulassen. Die Gegner sind ad personam et ad institutionem benennbar: es sind die Profiteure des totalitären Anspruches der Ökomomie. Ad personam heisst das aber auch: der Gegner sitzt in Form unserer eigenen Gier, die uns am Aktienmarkt irre Renditen und auf dem Gehaltszettel unverdiente Reichtümer erwarten lässt, ebenso in uns selbst. Weiter unten im Text dazu mehr.

(2)"Die Zunft", LJ-Verlag, 2003, leider vergriffen

(3)"Die ungeliebte Universität", Hanser-Verlag, 2006

(4) Um die universitäre Lehre speziell in Deutschland zu verbessern, müßte man zunächst die unselige Kapazitätsverordnung kippen, die uns zwingt – im europäischen Vergleich – mit halb so vielen Dozenten dreimal so viele Studenten auszubilden. Auf einen Professor kommen in Deutschland bis zu 110 Studierende (z.B. in den Wirtschaftswissenschaften, in der Medizin ist die Relation ca. 1:70. Zum Vergleich: etwa 1:20 bis 1:30 in der Schweiz). Die "Kapazität" einer Universität wird nach einem aberwitzig komplizierten Schlüssel berechnet. Das wirklich perfide an der Kapazitätsverordnung ist der Automatismus, mit dem sich die Kapazität erhöht, sowie wir neues Lehrpersonal einstellen: für jeden neuen Professor bekommen wir 70 neue Studenten gleich mit.

Der (wohlmeinende) Übeltäter ist das Bundesverfassungsgericht. Im Urteil BVerfGE, 33, 303 vom 18. Juli 1972 ("Numerus clausus-Urteil") heißt es:

"Im einzelnen ist ein absoluter numerus clausus für Studienanfänger nach dem Stand der bisherigen Erfahrungen nur verfassungsmäßig, wenn er in den Grenzen des unbedingt Erforderlichen unter erschöpfender Nutzung der vorhandenen, mit öffentlichen Mitteln geschaffenen Ausbildungskapazitäten angeordnet wird." (Hervorhebung von mir).

Das war wohl gut gemeint ("Grundrecht der freien Berufswahl"), aber der Schuß ging nach hinten los. Denn zum einen boten natürlich die diversen Kapazitätsverordnungen der Länder, die diesem Grundsatzurteil folgten, alle möglichen Stellschräubchen, an denen Politiker mit Wonne drehten, um die Kapazität der Universitäten zu erhöhen, ohne auch nur einen Pfennig zu investieren. Denn davon, wie viele Lehrende auf einen Lernenden zu kommen haben – davon hatte das BVerfGE nichts gesagt. Das sei "normativ", das sei Sache des Gesetzgebers. Also erhöhte man scheibchenweise zum Beispiel das Lehrdeputat (die Anzahl der Stunden, die ein Professor lehrend verbringen muß) und – zack – kaum hatte man die um ein Drittel erhöht, da hatte die Universität auch schon ein Drittel mehr Kapazität.

Die derzeitige Wirklichkeit in der Medizin sieht so aus: ganze Scharen von Advokaten sind darauf spezialisiert, den Universitäten ihre Kapazitäten vor- und nachzurechnen. Auf die dritte Stelle nach dem Komma, bis auf die letzte Viertelstunde des Lehrdeputats eines wissenschaftlichen Angestellten (denn die lehren auch). Sollte man unbedingt Medizin studieren wollen, aber am Numerus clausus scheitern, gehe man zu einem von diesen Anwälten und gebe ihm etwa 10.000 Euro. Er klagt dann vor’m Verwaltungsgericht diese "Rechtsmediziner" (interne Häme) ins Studium hinein – so daß auf dem letzten Klappstuhl und auf den hintersten Treppenstufen im Hörsaal auch noch Studenten sitzen.

(5) "Was ist Erziehung?", Piper-Verlag, 1977, basierend auf einer Schrift von 1930 ("Die geistige Situation der Zeit").

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bologna

    Lieber Herr Wicht,
    als Ingenieur (einer der an der FH genau diesen Beruf als Berufung lernen wollte), lese ich „normalerweise“ solche „philosophischen“ Artikel nicht. Aber Ihrer hat mich gefesselt! Hintergrund: im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hatten wir vereinbart, positive Artikel zum Bolognaprozess zu suchen. Ihrer ist das zwar nicht, aber ich empfinde ihn als so gut, dass ich ihn meinen Freunden im VDI weiterreichen werde. Möchte auch noch vermelden, dass aus meiner Ingenieurs- Krankenschwester- Familie ein echter Wissenschaftler in Ihrem Sinne (Biologie, Doktrorant am AWI), eine Unternehmerin (abgebrochenes Informatik-Studium) und eine Rechtspflegerin hervorgegangen ist. Ich finde es sehr gut, dass es an unseren Unis noch solche wahren „Kapazitäten“, wie Sie gibt. Bitte geben Sie nicht auf! Gerade wir Ingenieure sehen im Bologna-Prozess eine ehebliche Schwächung der deutschen Position im globalen Wettbewerb – Beispiel:
    Jeder der mal in Cape Kennedy die Hall of Fame besuchte, wird nicht mehr vergessen, dass fast ausschliesslich Dr.-Ing.- und Dipl.-Ing.- Leute dafür sorgten, dass der Mensch den Mond betreten konnte.

  2. @ Kranz

    Danke für die Replik.

    Bei „Kapazität“ musste ich schlucken, denn die Ironie ist eine rhetorische Figur, deren ich mich selbst nur all zu gerne bediene.

    Nein – ich bin keine Kapazität. Ich bin ein brauchbarer Träumer, dessen Brauchbarkeit als Lehrer und Forscher und schriftstellender Proponent des Schönen, Wahren, Guten kritisch davon abhängt, dass jemand ihm die Freiheit und die Sicherheit gewährt, ebenjene brauchbaren Träume zu träumen. Meine Alma Mater.

    Et ego „Diplomatus“. Nicht die höheren Weihen des Diplom-Ingenieurs sind es freilich, die ich erwarb, sondern die eines Biologen. Was ich ebensowenig wie Sie verstehe, ist, wie man im Zuge des Bologna-Prozesses den Dipl.-Ing., der ja nun wirklich und nicht zu Unrecht einen Donnerhall-Ruf hatte, der bis zum Mond schallte, von Seiten der Unis/FHs aus kampflos aufgab.

    Die Mediziner – zu denen es mich mittlerweile verschlagen hat – und die Juristen kämpfen noch. Man mag uns der „Ewiggestrigkeit“ zeihen – von mir aus. ICH jedenfalls möchte nicht mit den jungen Leuten von heute tauschen müssen, denen man per Vorschule die Kindheit, per G8 die Pubertät und per Bologna die Adoleszenz versaut.

  3. Eliten

    „Ja, ich bin der Ansicht, daß die Universität ein Elitebetrieb ist, und ich bin weiter der Ansicht, daß „Elite“ und „Masse“ sich gegenseitig ausschließen. „Elite“ ist ein nach Kriterien ausgewählter Teil der Masse, eine Teilmenge, nie das Ganze. Was die Universitäten angeht, sind diese Kriterien vor allem: der Wille zur Freiheit (der dem einen Drittel abgeht), die geistige Befähigung zu ihr (die dem anderen Drittel mangelt) und – jetzt wird’s ernst und auch schon wieder ökonomisch – die Bereitschaft, Freiheit gegen Geld einzutauschen. Eine gewisse finanzielle Askese und Akademikertum gehen nämlich gut zusammen. Ein geradezu klösterlicher Geist sollte die Alma mater umwehen: es geht nicht um die Kohle, sondern um die Glut der Freiheit.“

    Gegen solche Eliten habe ich nichts und ich kenne Dich ja als einen Menschen, der im persönlichen Umgang alles andere als arrogant ist. Aber mal ganz realistisch betrachtet fehlt noch eine Voraussetzung, um zu dieser Elite werden zu können. Das passende Elternhaus, damit der Nachwuchs sich erst dahingehend entwickeln kann. Und das ist auch meist eine Frage des Geldes und wird es immer mehr. Die Gesellschaftsschichten werden immer undurchlässiger. Unter Elite verstehen sich doch gerne so Westerwelles. Das sind für mich keine Eliten, sondern nur Wohlstandszöglinge.

  4. @ Huhn – Eliten und Elternhäuser

    Martin,

    ich bin weitgehend mit dem d’accord, was der Michael Blume in seinem „Bloggewitter“-Beitrag schrieb. Ich selbst stamme aus einem bildungsbürgerlichen und „wohlhabenden“ Elternhaus (wie definiert sich das eigentlich? Mein Papa – Friede seiner Asche – verdiente als deutscher Beamter doppelt so viel wie ich jetzt) –und ich bin mir DURCHAUS der Tatsache bewusst, dass ich das, was ich ward, auch (aber nicht nur) vor diesem Hintergrund ward.

    Der Ruf nach „Chancengleichheit“, „Chancenverbesserung“, „Bildungszugang für alle“ verhallt aber nicht nur deshalb, weil die Strukturen und die Finanzierung des Bildungswesens in der BRD erbärmlich sind (man bedenke, dass die BRD im internationalen Vergleich der entwickelten Länder nur sehr wenig ihres BIP in die Bildung investiert).

    Nein, ich denke auch, dass es die Ignoranz selbst, dass es eine gewisse „anti-intellektuelle Stimmung“ ist, die um sich greift. Es ist schick „to be thick as a brick“ (um Jethro Tull mal die Ehre zu geben). Nur noch die Dummen sind gebildet. Die wahren Helden sind Figuren wie Boris Becker, Old Knitterface Bohlen und die Klumpen-Heidi, die (teils unter Vorspiegelung von anti-Intellektualität, teils bei tatsächlicher Abwesenheit jeder gedanklichen Regung, ich überlasse dem geschätzten Leser die Zuordnung) Rollenmodelle des Erfolgs geben, aus denen nur eines spricht: Denken und Differenzierung sind hinderlich. „Hard work“, ja, das schon. Aber mehr so „Bumm-Bumm-Boris-mässig“, eisern muss des Bohlens Wille sein, stählern der Möpse paarige Klumpen.

    Hier schliesst sich halt wieder der Kreis der „totalitären Ökonomie“. Die drei haben recht. Wenn „recht haben“ eine Frage des Kontoauszuges und der Stapelhöhe der täglichen Fanpost ist.

  5. Den Beitrag von Michael Blume habe ich erst nach meinem Kommentar gelesen. Sonst hätte ich den Beitrag einfach kopiert und unter meinem Namen reingesetzt. 😉

    Bohlen hat, glaube ich, BWL studiert und auch abgeschlossen. Schöne Frauen wurden immer gehört, auch wenn sie nichts zu sagen und Sportidole gab es auch schon immer. Allerdings kam mir Max Schmeling nicht so, ähm, blauäugig vor wie Boris. Dennoch hat sich etwas verändert, wenn ich darüber nachdenke. Die Spaß- (Verblödelungs-)gesellschaft ist wohl auch stark von den privaten Sendern forciert worden.

    Aber gibt es diese „anti-intellektuelle Stimmung“? Die Zahlen, der Studierenden ist doch gestiegen. Mit einem vernünftigen Hauptschulabschluß bekam man vor zwanzig Jahren eine vernünftige Lehre. Heute hat der wohl eher das Ansehen eines Sonderschulabschlußes. Gab es eine Inflation der Bildung? Die Schulen wurden ja immer schlechter und die Professoren wunderten sich, warum die Studenten nicht mehr mitkamen, was sie früher konnten, weil die Vorbildung qualitativ besser war – ich weiß nicht, ob sich das mittlerweile gebessert hast, das kannst besser beurteilen.

    Was ich sehe sind die vielen Wissenschaftssendungen im Fernsehen auch bei den Privaten. Die werden ja nur gesendet, wenn sie auch eine bestimmte Quote erreichen. Na, ich glaube, Wissen und Bildung sind nach wie vor hoch im Kurs. Aber vielleicht wird es nur schlecht präsentiert von ihren Vertretern? Oder anders gefragt, warum sollte die Bevölkerung Intellektuelle achten? Weil sie intellektuell sind? Weil sie wie wild mit Fremdwörtern um sich werfen können? Was hat die Gesellschaft davon? Viele sind arbeitslos, einige sind von Arbeitslosigkeit bedroht, andere arbeiten, aber können davon nicht leben und da sind auch Akademiker drunter zu finden.

    Eine komplexe Problematik.

  6. @ Huhn

    „Na, ich glaube, Wissen und Bildung sind nach wie vor hoch im Kurs.“

    Ich weiss es nicht, und wir werden wohl auch nie erfahren (im Sinne ein belastbaren Kennzahl oder Statistik), was der gesellschaftliche „Kurswert“ von „Wissen und Bildung“ ist.

    Mein subjektives Bauchgefühl sagt mir, dass „Bildung“ überwiegend als das Vermögen angesehen wird, bei Jauch eine Million zu verdienen. Wahlweise als Lizenz, im Feuilleton der FAZ kluge Dinge zu schreiben, die eh‘ keiner liest.

    „Wissen“ hingegen wird als das vorwiegend prozedurale Vermögen der Problemlösung angesehen, das man nutzbringend verwenden kann, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Bohlen weiss, wie man’s macht, ob er auch weiss, WAS er macht, weiss ich nicht.

    Ja, so gesehen stehen „Wissen und Bildung“ schon hoch im Kurs.

    Ich frag‘ mich halt aber auch, welchen „Kurswert“ etwas hat, was man vielleicht mit dem Wort „Weisheit“ bezeichnen könnte. Ich stelle mir darunter ein Wissen vor, das nicht unbedingt zur Tat drängt, und eine Bildung, die vor allem den Inneren Kosmos des Weisen durchstrahlt.

    „Weise“…ja, weise wäre ich, glaub‘ ich, gerne. Ist noch ein weiter Weg, weiss nicht, ob ich ihn je gehen kann. Und ginge ich ihn: ist „Weisheit“ noch ein Wert?

    Haben ihn die „Wirtschaftsweisen“ und ähnliche Leute nicht längst zu Schanden geritten? Und wäre ich ein weiser Mann im Sinne meiner eigenen Definition: müsste ich mich nicht auch schon wieder fragen lassen, wozu ich denn von Nutzen sei?

    Was ist die weise Antwort auf diese ewige, dämliche, alles zersetzende Frage nach dem Nutzen, die sich wie eine Säure durch alle Daseinsschichten hindurchfrisst?

  7. Materialismus

    Es ist vielleicht doch so, wie Du die ganze Zeit schreibst. Der Materialismus hat ein schweres Gewicht in unserer Gesellschaft und der Geist mußte dem weichen. In der Tat ist es Irrsinn 77 Mio zu verdienen. Wer braucht so viel Geld? Aber es zeigt auch, wer einmal Sklave des Materialismus geworden ist, der bleibt ein Sklave. Bohlen hat auch Kohle ohne Ende und trotzdem macht er so beknackte Werbung für Würste. Das ist doch tröstlich, daß die, die viel Geld haben voller Unruhe sind und immer noch mehr haben wollen. Hunger und Durst, der nie gesättigt wird.

    Und wie Du im Kommentar oben geschildert hast, Bildung und Wissen schützen davor nicht. Geldgierige Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte etc. gibt es zur Genüge.

    Ich finde einen Nutzen nicht schlecht. Wenn ich anderen helfe und es nützt ihnen, ist das zu vermeiden? Aber Du meinst wahrscheinlich eher den Eigennutz. Und mit zum großen Teil sind die gesellschaftlichen Probleme die alles durchzieht doch durch schlechte Vorbilder entstanden. Politiker geben Ehrenwörter, die sich als Lügen herausstellen. Ein anderer wollte mit der brutalstmöglichen Art aufklären und steckt selber mit drin. Reiche Unternehmer ziehen in die Schweiz, um sich von der Solidargemeinschaft zu verabschieden. Das sind unsere Vorbilder. Lügen, Betrügen, sich selbst der Nächste sein.

    Wo sind die Vorbilder, die einen anderen Weg zeigen? Eliten, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die vorangehen, so daß andere auch Lust haben diesen Weg einzuschlagen? Ich finde, Deinen Weg der Freiheit recht charmant.

  8. @ Martin Huhn

    „Die Schulen wurden ja immer schlechter und die Professoren wunderten sich, warum die Studenten nicht mehr mitkamen, was sie früher konnten, weil die Vorbildung qualitativ besser war – ich weiß nicht, ob sich das mittlerweile gebessert hast, das kannst besser beurteilen.“

    Man muss auch bedenken, dass die Erkenntnisse z.B. in der Biochemie in den letzten 25 Jahren zugenommen haben und dementsprechend auch der Gegenstandskatalog des IMPP.
    Mich würde interessieren, ob die Biochemiebücher vor, sagen wir mal 30 Jahren, auch schon 600 bis 1200 Seiten (oh erwürdiger Löffler-Petrides :D) zählten?

    Aber ich kann bestätigen, dass der Erfolgsdruck v.a. in der Medizin sehr groß ist. Zuerst sind es 2 Jahre „drill“ auf das erste Staatsexamen, dann folgt auch schon bald das Hammerexamen“ und in dieser Zeit sollte man schon am besten eine Doktorarbeit fertig haben und wissen welche Facharztrichtung man einschlägt. Dazu kommt in der Vorklinik die Verzahnung mit der Klinik, die auch immer stärker geprüft wird, aber nicht immer sinnvoll ist.

    Ein paar Gedanken eines Medizinstudenten.

  9. @ Sebastian

    Ich – Wicht – bin einer dieser „drillenden“ Übeltäter. Ich kann nichts dafür. Als ich – nach einem Biologiestudium – als Anatomieassistent in die Humanmedizin einstieg, war ich entsetzt (und bin es noch) über das Pensum und die Verschulung des Medizinstudiums – und das war schon lange VOR Bologna.

    An der Verschulung des Medizinstudiums und der Fülle des Stoffes ist wohl auf kurze und lange Sicht wenig zu ändern. Es sei denn, man verlängerte das Studium deutlich. Das ist aber wohl nicht opportun.

    Ich meinerseits würde jedem, der an Medizin interessiert ist, ohne jedoch praktischer Arzt werden zu wollen, raten, erstmal etwas anderes zu studieren. Den Weg in die Medizin findet man, so wie ich ihn fand.

    Das heisst: halt. Diesen Rat einem Studenten zu geben, mag VOR Bologna noch klug gewesen sein. NACH der flächendeckenden Einführung von Bologna in fast allen Fächern ist es ein dummer Ratschlag: allenthalben die Zustände, die wir in der Medizin schon je hatten.

    Ich hab‘ es schon mal gesagt: Ihre Generation dauert mich. Wir hatten’s besser.

    Morgen (Mittwoch) mittag geh‘ ich mit auf die Demo „Bildungsstreik“. Frankfurt, Römerberg, 13.00.
    Kommt wer mit?

  10. @ Sebastian

    „Mich würde interessieren, ob die Biochemiebücher vor, sagen wir mal 30 Jahren, auch schon 600 bis 1200 Seiten (oh erwürdiger Löffler-Petrides :D) zählten?“

    Dazu kann ich nichts sagen, aber zu meiner Zeit (Ingenieurstudiengang) haben wir noch mit Tusche und Pergamentpapier technische Zeichnungen angefertig, obwohl das niemand mehr machte und CAD längst etabliert war. Ich persönlich habe es gern gemacht, aber es war auch Zeitverschwendung. Zu der Zeit fragte ich mich, wer veraltetes Wissen aus dem Studiengang entfernt. Da wird sicherlich noch eine Menge Balast mitgeschleppt.

  11. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit zu verhindern, dass das Medizinstudium „bolognialisiert“ wird?
    Warum wird nicht vehement protestiert?
    Warum wollte die EU, Abschlüsse noch gleicher als gleich machen? Ich bezweifle, dass es da dringenden Handlungsbedarf gegeben hat. Man hätte dies sicher auch auf nationaler Ebene geschafft.

    „Damit du, losgebunden, frei,
    Erfahrest, was das Leben sei.“ (Faust I)

    Das sollte der Sinn des Studiums sein. 😀

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