Psychotherapie für Heimwerker

Das ist ein "experimenteller" Text. Ich wusst‘ nicht, wohin damit. Also hierher, heisst ja "Anatomisches Allerlei". Und allerlei ist drin, wie schon der Titel verrät:

Psychotherapie für Heimwerker
(Gnothi seauton oder die Kunst des Ja-Sagens)

Ich bin begeisterter Heimwerker. Trotzdem steht meine Behausung noch, was damit zu tun haben mag, dass mein handwerklicher Ehrgeiz sich auf den Eigenbau von Motorrädern konzentriert, von denen einige sogar fahrbereit sind.

Ich bin gelernter Biologe. Im Studium hatte ich grosse Freude daran, das Mikrobenleben im fauligen Wassertropfen unter dem Mikroskop zu beschauen. Dem stetigen Formwandel der gestaltlosen Amöben hab‘ ich zugesehen, den rastlosen Rädertieren und den eiligen Paramecien, die zwar wie Pantoffeln aussehen, sich aber wie mit Siebenmeilenstiefeln durch ihre Winzigwelten bewegen. Käfer habe ich unter die Lupe genommen, Beinchen und Füsschen- und Fühlerglieder gezählt. Oh, wie ergötzte mich das schillernde Farbenspiel und wie bestaunte ich die feinmechanischen Wunderwerke der Gelenke und Beisswerkzeuge! Eine zeitlang habe ich sogar Käfer gesammelt und ihre gepanzerten Leichname auf Nadeln gespiesst, hübsch ordentlich nach taxonomischen Gruppen in Kästen sortiert. Denn man lehrte mich, nicht nur mit Wonne, sondern auch mit dem kalten, zählenden, klassifizierenden, objektivierenden Blick des Naturwissenschaftlers auf die krabbelnden, wuselnden Wesenheiten zu schauen. Und das war ja auch gut so.

Ich bin dann Anatom geworden. Tote Körper zerschneiden, etwas von ihnen abschneiden: das ist mein Handwerk. Und hätte ich nicht den kalten, objektiven Blick: nimmer könnt‘ ich’s tun.

Ich bin dann ziemlich neurotisch geworden. Faderweise halt mit so 08/15-Depressionen, wie sie alle haben, also nichts wirklich Spannendes oder Interessantes. Ich stell‘ mir nämlich vor, dass ein Psychotiker, der z.B. glaubt, der Herrgott zu sein, einen unterhaltsameren Dachschaden hat als der Depressive, für die Aussenstehenden sowieso, und hoffentlich auch für sich selbst. Naja. Blöde Depressionen halt, kein wirkliches Distinktionsmerkmal, und insofern der Eitelkeit abträglich. Nicht mal eine interessante Neurose kriegt er hin … aber doch schon eine ziemlich heftige. Irgendwas musste passieren.

Sehr zur Enttäuschung der Psychoanalytikerin konnte ich keine nennenswerten Kindheitstraumen vorweisen, und die endlose Bohrerei im Dreieck Vater/Mutter/Kind und in sonstigen Biographika meiner ziemlich durchschnittlichen Vita ging mir sehr rasch dermassen auf den Wecker (ich hab‘ mich beim Erzählen selber gelangweilt…), dass ich beschloss, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Ich bin ja Heimwerker, selbst ist der Mann.

Natürlich hält der ambitionierte Heimwerker alles, was er nicht selbst gemacht hat, für groben, billigen Schrott und Tand. Sonst müsst‘ er ja nicht heimwerken. Also hab‘ ich mir gesagt: "Helmut, die Welt um dich herum ist ein Murks und ein Schund, sie ist ein Loch und der Mensch ein Schuft, der Herrgott war ein Pfuscher und das Sein ist eine missliche Sache. Ergo ist deine Depression eigentlich die einzig angemessene Gemütsreaktion. Ein Schuft, wer heiter ist!"

Das ging eine Weile ganz gut, doch dann begannen in der dermassen möblierten Seelenwohnung doch die Tapeten von den Wänden zu fallen, im verfaulenden Parkett taten sich Löcher auf, durch die die Ratten aus dem Keller kamen. Grössere Möbelstücke drohten zu stürzen und ihren Besitzer zu erschlagen. Die Konstatierung des Elends, so merkte ich, ist nicht identisch mit dessen Abschaffung.

Aber ich bin ja nicht nur Heimwerker, ich bin ja auch noch Biolog‘ und Anatom. Also, mit all diesen Expertisen in der Hand jetzt auf zur Psychotherapie im Do-it-youself-Verfahren! Ich merkte nämlich, dass ich – ganz Anatom – meine Neurosen sozusagen abschneiden, amputieren kann und sie – ganz wie der Biolog‘ – mit kaltem, klassifizierendem Blick unter die Lupe nehmen, ihre Beinchen zählen, ihre Mechanik analysieren, sie auf Nadeln spiessen kann. Und was kamen da für nette Käferchen zum Vorschein! Sehr zu meiner Freude konnte ich einen ansehnlichen, grossen, hirschkäferartigen Grössenwahn von mir abspalten, denn ein kleiner Grössenwahn, so denk‘ ich mir, ist ungefähr so nützlich wie ein grosser Minderwertigkeitskomplex oder ein Riese mit Zwergenstatur. Ein sehr ansehnlicher Käfer also, und in aller analytischen Ruhe hab‘ ich mir das Geweih angeschaut, das er mit sich herumträgt und das er mir immer wieder aufsetzte. Zinken hab‘ ich gezählt und Winkel vermessen und mich gefragt, wie dämlich ich in meinem megalomanen Kopfputz wohl ausgesehen haben muss und was für ein Hirsch ich war. Aber nun lag er ja vor mir. Die eiligen Pantoffeltiere der Verdrängung und der Flucht hab‘ ich mir aus der Seele geschnitten, ihnen zugesehen, wie sie hastig jeden Ort fliehen und ihr Heil an einem anderen suchen. Wie hab‘ ich mich danach gesehnt, auch ein beharrliches Rädertier zu finden, das, ein Weilchen an einem Ort verharrend, festgeheftet an etwas Stabilem, emsig seine Rädchen dreht – doch da war keines. Eine ansehnliche Angstamöbe habe ich auch von mir abschneiden können, und lange habe ich ihr im Mikroskop zugesehen, wie sie schleichend ihre Erscheinung änderte und die Zyklen von Furcht, Verzweiflung, Panik und Katatonie durchschritt.

Dann trocknete der Wassertropfen auf dem Objektträger unter dem Mikroskop durch die Hitze der Lampe aus und die ganze Bagage krepierte. Erst erschrak ich – was wär ich ohne meine Neurosen? – dann merkte ich aber schnell, dass sie nachwachsen.

Ich konnt‘ also meine heimwerkende Psychotherapie fortsetzen und habe es, wie ich nicht ohne Stolz sage, darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ein Gefühl, ein Affekt, eine Emotion, eine Angst: zack, ab damit, vor mich gelegt, genau und kalt und objektive beguckt, und schon ist’s, als gehörte ich nicht mehr dazu. Sind gar nicht meine Probleme. Sind halt Probleme, Neurosen. Nur, wie gesagt: sie wachsen nach. Na gut: schneid‘ ich sie wieder ab. Nur: sie wachsen immer bizarrer nach. Es ist, als ob ich mir eine Hand mit fünf Fingern abgeschnitten hätte, worauf eine mit sechsen nachwächst. Auch ab damit. Und dann kommt eine mit siebenen und einer Nase auf dem Handrücken und einem Ohr auf der Kleinfingerseite. Und die Pantoffeltiere sehen in letzter Zeit echt bedrohlich aus…

Gut, könnte man sagen: da ist ja für Unterhaltung und Abwechslung gesorgt. Im Sinne des oben gesagten (positiv denken!): ich kann so aus einer faden Depression immerhin einen interessanten, bizarren Dachschaden basteln. Im Sinne des Ethos des Heimwerkers sicherlich ein Sieg: ungewöhnlich, beeindruckend und selbstgemacht.

Das mit dem Nachwachsen, das muss ich noch in den Griff kriegen. Ich weiss nur noch nicht, wie, mir fehlt das passende Werkzeug. Aber auch das ist ja Heimwerkerschicksal. Wenn ich es aber im Griff habe, dann ist es natürlich das Ziel, alles abzuschneiden und fein sortiert vor mich zu legen. Dann werde ich auf alle meine Neurosen, Emotionen, Affekte, Stimmungen, auf all mein Wissen und mein Können, auf meine Vita, meine Hoffnungen und meine Verzweiflungen, ja, auf die ganze Welt gucken können, wie der Forscher auf Käfergekrabbel. Nichts werde ich bei mir behalten, alles wird vor mir liegen. Ich werde das reine Auge der Erkenntnis sein, das reine Subjekt. Und ich werde erkennen, dass ich so alles erkennen kann, nur nicht mich, denn ich bin ja das, was erkennt, und nie das Erkannte. Alles kann ich wegschneiden: nur nicht das Erkennen selbst. Und wenn ich es fortdenke, das ganze Gewimmel, wenn ich ihn abfackele, den Ameisenhaufen der Objekte, wenn ich sie austrocknen lasse, die Amöben: dann bleibt das reine Erkennen, das nichts zu erkennen hat. Nein, das ist gar nicht wahr: es bleibt nicht das Erkennen, denn es wird ja nichts erkannt, es bleibt bestenfalls das Vermögen dazu. Wenn aber nichts zu erkennen da ist, dann ist auch das Vermögen dazu nichtig. Es bleibt nichts, ich bin nichts.

Unfug natürlich. Denn ich bin natürlich nicht das reine Subjekt. Ich bin – als Person, mit Leib, Seele und Neurosen – irgendwo in diesem Gewusel von Beziehungen der Erkenntnis auf’s Erkannte, der Objekte auf’s Subjekt und der Objekte untereinander. Ich bestehe aus diesen Beziehungen, und aus nichts sonst. Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz. Erkennen ist eines meiner Vermögen, aber ohne Erkanntes kann ich nicht sein, was ich bin. Ich bin stets erkennend und erkannt, durchschauend und durchschaut. Ich bin transparent, wenn ich mich vor mich lege, und undurchsichtig, wenn ich hinter mich zu schauen versuche. Ich bin’s, der diesen Zoo von Relationen in Betrieb hält und der von ihm betrieben wird. Ich bin – Wille.

Ach, halt die Klappe, Arthur! Bis hierher bin ich Dir treu gefolgt, habe Dein "Ich, das substanzlose Gespenst" paraphrasiert und Dich womöglich auch noch hie und da missverstanden – nun mag ich nicht mehr. Ich heimwerke lieber noch ein wenig an meinem Seelenheil herum.

Unter den vielen interessanten Tierchen, die ich mir aus der Seele schneiden kann, und deren Treiben ich mit kaltem Interesse zuschaue, sind auch ein kleine, pelzige, friedliche, die mich entfernt an Bilche, an Siebenschläfer, erinnern. Sie tragen einen Silberstreif am Rücken, ich nenn‘ sie "Müdigkeiten". Sie sind klein, wehrlos und apathisch, und immer wenn ich sie aus mir hervorschneide, werden sie von den anderen Viechern da draussen in meinem Zoo rasch zerrissen und gefressen. Evolution halt, keine Chance dem Unfitten. Aber auch die Bilche wachsen nach, und während die anderen immer bizarrer werden, werden sie immer grösser. Irgendwann werde ich nur noch einen einzigen, riesigen Bilch als mein einziges Forschungsobjekt von mir abtrennen können, und er wird mich ansehen und fragen: "Bist Du nicht auch der ganzen Sache müde?"

Und als reines, erkennendes, leeres Subjekt der Erkenntnis werde ich dazu natürlich gar nichts sagen können. Als in Relationen gefangenes Ich aber werde ich hoffentlich einmal, vielleicht sogar das erste und einzige Mal in meinem Leben in ein wirklich affirmatives Verhältnis zur Welt treten und sagen: "Ja."

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

103 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Angesichts des traumhaften Wetters heute eigentlich eine Schande, dass du soviel Zeit vor dem Rechner verbracht hast – andererseits ist die Skizze vom Frühstückstisch zu einem IMHO äußerst ansprechenden, facettierten und durchaus harmonischen Gebilde geworden.
    Das Lesen hat sehr viel Spaß gemacht und vielleicht taugt der große Bilch in langen Winternächten zum Wärmen der kalten Anatomen-Seele – wie die Herbstsonne auf dem Gesichtern der Rentner, die selbige auf den Parkbänken unter bunt fallenden Blättern genießen 😉

    Cheers
    Peter

  2. Helmut,

    „Helmut, die Welt um dich herum ist ein Murks und ein Schund, sie ist ein Loch und der Mensch ein Schuft, der Herrgott war ein Pfuscher und das Sein ist eine missliche Sache. Ergo ist deine Depression eigentlich die einzig angemessene Gemütsreaktion. Ein Schuft, wer heiter ist!“

    Oh ja! Das heißt aber auch, daß, wenn wir den Herrgott als Pfuscher betrachten, wir vll. schneller Antwort bekommen als uns lieb ist. Denn es könnte sein, daß dann der Herrgott seine Fehler zugibt und aus dem Wettersturm antwortet:
    „Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: / Ich will dich fragen, du belehre mich!“ Wer diese Stimme aushält -dieses grauenhafte Flüstern- ohne dabei verrückt zu werden, der mag mit dem Herrgott streiten!

  3. @ Dietmar

    Gerne will ich mit dem Herrgott streiten, so wie Hiob, doch er antwortet mir nicht. Er zeigt mir seine Werke und verbirgt sich hinter ihnen.

    Den Leviathan hab‘ ich aus der Tiefe geholt, und siehe: es war nur ein Wal, ein Huftier, das sich in die Abgründe verirrt hatte. Im Dornbusch war eine Flamme, aber siehe: es war nur Sauerstoff, der am Holz zehrte. Im Sturm war eine Stimme, aber siehe: es waren nur Geräusche, die ich für Worte hielt.

    Da ist niemand, mit dem man streiten könnte. Nur man selbst.

  4. Nachtrag

    Helmut,

    Verstehe mich bitte nicht falsch: ich liebe es, mit dem Herrgott zu streiten, obwohl ich nicht wissen kann, was oder wer es ist. An Kant führt kein Weg vorbei, wenn wir nicht im Mittelalter landen wollen. Und all die Spinner… -Du weißt es ja, lieber Helmut…diesen Weg können wir gewiß nicht gehen…Und doch muß ich sagen: Herrgott? Ich mag ihn irgenwie, vor allem seine luziferische Seite!

  5. „Im Dornbusch war eine Flamme, aber siehe: es war nur Sauerstoff, der am Holz zehrte. Im Sturm war eine Stimme, aber siehe: es waren nur Geräusche, die ich für Worte hielt.“

    Ich verstehe! Hast Du die Kraft, nihilistisch zu sein -in aller Konsequenz? Alles in Frage zu stellen? Ich weiß auch, daß die Flamme sich am Sauerstoff nährt. Die Stimme, die da spricht, ist die Vernunft, die der Wille gebar. Wenn Du mit Dir selbst sprichst und Dir selbst widersprechen kannst, dann kommt auf einmal die Frage: Wer widerspricht hier mir?

  6. Aqualung

    Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich in diesem Text schon länger wiederfinde…
    leg hurting bad…

    Vom Titel und den Analogien zu Darth Vader (hallo, bad intent, du auch wieder hier) ganz zu schweigen, respiratorisch gesehen.

    Und der Herrgott?
    Der ist eh tot (sagt der Rether). Seine letzten Worte waren: Adam, lass den Scheiß.

  7. @ sparta

    „Und der Herrgott?
    Der ist eh tot (sagt der Rether). Seine letzten Worte waren: Adam, lass den Scheiß.“

    Genau! Denn wären sie zur Liebe fähig gewesen, dann hätten sie sich vor „Gott“ verteidigt denn angeklagt!

  8. @ Dietmar

    „…dann kommt auf einmal die Frage: Wer widerspricht hier mir?“

    Wer hier wem widerspricht? Is‘ doch längst klar: ich mir. Die Welt sich. Das Faktum dem Desideratum. Das Ist dem Soll. Das Sein dem Werden. Das Vergehen dem Bestehen. Das Vergessen dem Erinnern.

    Ein Mahlwerk ist’s, in das wir geraten sind, schlimmer: wir sind nicht nur sein Mahlgut, wir sind zugleich die Mühlsteine, die es zerreiben.

    Wonach ich mich sehne?

    Nach dem Nichts, das keine Mühlen mehr kennt. Schrecklicher Gedanke: es könnte unerreichbar sein.

  9. @ Wicht

    „Nach dem Nichts, das keine Mühlen mehr kennt. Schrecklicher Gedanke: es könnte unerreichbar sein.“

    Ich liebe es, mit Dir zu diskutieren! Du bist ein Mensch -ganz nach meinem Geschmack! Ich stellte mir folgende Frage:
    Warum ist die „Welt“ eine „Welt“, in der wir etwas zu lernen haben? Warum ist die „Welt“ so organisiert? Ich habe keine Antwort darauf! Aber die Mühlen gefallen mir!

    Ich? Ich bin gar nicht Ich! Vielmehr sind da zwei Stimmen in meinem Hirn, die sich einander die gegensätzlichen Meinungen an den Kopf werfen. Und ich? Ich werde zwischen ihnen aufgerieben. Ich bin kein Wanderer zwischen den Welten, ich bin ein Getreidekorn zwischen den Mühlensteinen. Vielleicht haben wir zu viel geredet, alles zerredet…Können wir je zurückfinden, zun jener Handlungsfähigkeit, die wir als Kinder noch besaßen?

  10. @ Dietmar

    Wir diskutieren nicht.

    Wir sind auf der Suche nach Bildern, die unsere Verzweiflung illustrieren und versuchen zugleich, uns darin zu überbieten. Du borgst Deine Bilder von Nietzsche und aus der Bibel, ich meine von Schopenhauer und aus der Anatomie.

    Wir streiten aber an EINER Front: das Sein ist eine Erscheinung, die besser nicht wäre.

    Wir sollten und zusammentun, Nietzsche und Schopenhauer und Kant und Mephisto ins’s Gepäck nehmen, und der Welt ein Ende bereiten. Sie wäre bessser nicht. Wir sollten uns über den Weg unterhalten, der zu ihrer Abschaffung führen kann, nicht über Minutia ihrer Interpretation.

    Kann aber sein, dass ich Dich missverstanden habe….

  11. @ Helmut

    „Kann aber sein, dass ich Dich missverstanden habe…“

    Nein! Du hast mich nicht mßverstanden -die Welt ist ein Irrtum -mit und ohne Musik! Das, worüber wir uns noch einigen müssen: ist das Ganze nicht eine Nummer zu groß für uns?

  12. Nachtrag @ Helmut

    Du sprachst über Größenwahn -da bin ich ganz bei Dir. Ich habe mit dem Herrgott (keine Ahnung, was das ist) gesprochen und ihm das Elend der „Welt“ vor Augen geführt. Du magst es so nehmen oder auch nicht: es war mir, als sollte das bunte Auto mich mitnehmen. Die Gedanken waren alles andere als vertraut -und doch: ich habe drei Wochen gestritten. So schlimm, wie man meinen könnte, war es gar nicht! Der Herrgott hat durchaus Humor. Ich für meinen Teil nenne ihn lieber Luzifer -schon um ins Freie zu springen. Es sind zwei Seiten der selben Medaille. Er sagte mir: deine Meinung in allen Ehren -kannst du auch danach leben? Ich sprach immer von Schöpfung, doch ER widersprach mir: Nenne es Konstruktion! Gib mir ein Feedback. Maschinen können kein Feedback geben -sie funktionieren oder nicht. Sie können aber nicht wissen, wie es sich anfühlt. Diese Ausführungen sollen nur eines vergegenwärtigen: Ohne „Gott“ (was immer das auch sein möge) sind dem Größenwahn Tür und Tor geöffnet!

  13. „Ich bin-Wille“

    Lieber Helmut,

    Für mich bist Du—Sprache, und zwar vom Feinsten mit diesen Sätzen:

    „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz. Erkennen ist eines meiner Vermögen, aber ohne Erkanntes kann ich nicht sein, was ich bin. Ich bin stets erkennend und erkannt, durchschauend und durchschaut.“

    Der beste Wille kann nichts ohne Sprache sagen, und Dein Wille sagst eine ganze Menge in einer Form, die ich gern lese.

    Gute Nacht

    S.R.

  14. „Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es erschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht?“

    Haha…Der Mensch ist eben KEINE Schöpfung, sondern eine Konstruktion, die feedback zu geben imstande ist. Warum? Wenn wir es religiös formulieren wollen, ist doch der Begriff „Fehler“ gar nicht möglich, wenn der Urheber keinen Fehler macht. Aber ich für meinen Teil, habe „Gott“ verziehen! Möge er aus den Fehlern lernen -wir müssen es schließlich auch!

  15. Kein Faulpelz ein streifen am Horizont.

    Sehr geehrter Herr Wicht,
    ich glaube der Mensch, kann diesem großem und letzten Bilch, getrost den Spitznamen Hein geben.
    Und wächst nicht durch das Heimwerken erst ein Gespinnst an Abstraktionen, daß zumindest in der Lage ist einen leichten Sommerregen abzuhalten?
    Und was ist denn die Alternative? Ein second Level Kybernetiker zu sein, der nur aus Relationen besteht, aber eine eigene Persöhnlichkeit missen muss.

    Mag sein das der Bilch, aus seiner natürlichen Umgebung, auf Ihren Seziertisch umgezogen, klein und hilflos, von seinen Nachbarn aus seinem ursprünglichem Lebensraum zerissen wird.

    Aber in seiner normalen Exsistenz, ist er es der bestimmt. Er ist es der die Relationen relativiert und Sie zum Spiel, mit der Fahrpysik schickt.

    Er ist nicht der Held, der die Faulheit verdeidigt, er wacht über die Efizienz und sorgt dafür das alle schön am Ball bleiben.
    Nun scheint es eher eine Hausmeistertätigkeit zu sein, sich um den Erhalt eines kongruenten Ichs zu bemühen, aber wer schon einmal versucht hat eine Gruppe von fünf Menschen dazu zu bringen, sich wirklich über ein und die selbe Sache zu unterhalten, weiss das dies Schwerstarbeit ist.

    Ich würde die Depression eher als nicht zwingend auftrettenden Lebensabschnitt sehen wollen.
    Und ich denke mal, das die durch psychologische Fehlausrichtung entstehenden Blickwinkel, einem neuronallem Netzwerk erlauben, anders konstruierend auf die Realität einzugehen. In den seltesten Fällen führt die wohl aber dazu, das sein Träger, besonders glücklich wird.
    Frei nach dem Motto:“Er ist zwars genial, keine Frage, aber total kaputt“.
    Deswegen meine Bemerkung gegenüber Herr Hilsebein, erwürde nicht wirklich gern wie Nitsche sein, wenn er es denn wäre.

    mmmmhh, irgendwie finde ich jetzt gerade kein Ende, deswegen mache ich mal einfach so Schluß.

    Gruß Uwe Kauffmann

  16. @ Kauffmann

    „Deswegen meine Bemerkung gegenüber Herr Hilsebein, erwürde nicht wirklich gern wie Nitsche sein, wenn er es denn wäre.“

    Oh -da haben Sie mich mißverstanden: Ich schrieb, daß man Nietzsche nicht einfach verstehen kann, sondern Nietzsches Gedanken selbst erleben müsse. Ich hege nicht den Wunsch, in eine geistige Umnachtung zu geraten und von einer Schwester wie eine Schaufensterpuppe ausgestellt zu werden.

  17. @Hilsebein

    Ist es nicht so, dass man einen Fehler nur erkennen kann, wenn man erkennt wie etwas ohne Fehler aussieht?

    Man müsste also den Sollzustand kennen, um beim Istzustand eine Abweichung feststellen zu können.

  18. @ Wald

    „Ist es nicht so, dass man einen Fehler nur erkennen kann, wenn man erkennt wie etwas ohne Fehler aussieht?“

    Gewiß. Daher bedarf es ja des feedbacks. Es geht ja nicht darum, sich dem Willen masochistisch zu unterwerfen, sondern ihn zu hinterfragen und auch sagen zu dürfen: Entschuldigung -dein Werk in allen Ehren, aber der Pfusch überwiegt. Mir schwebt da eine Kooperation vor: die Konstruktion auf Augenhöhe zum Konstrukteur zu bringen. Als cartesische Maschine wird das aber schwer möglich sein -mit Bio davor oder nicht!

  19. Uwe Kaufmann: „Ich würde die Depression eher als nicht zwingend auftrettenden Lebensabschnitt sehen wollen.“

    Da irren Sie. Dazu kommt es ganz automatisch. Ab einem gewissen Alter sieht ein Sehender sich zunehmend als Versager, zum Beispiel, wenn er sich mit Zielen, Träumen, Ideen von früher vergleicht. Ab einem gewissen Alter sieht ein Neugieriger zunehmend weniger Neues, sehr vieles bereitet ihm schon Überdruss. Und schließlich sieht man ja ab einem gewissen Alter deutlich, wie sich körperliche Kräfte und Funktionen, einschließlich der emotionalen Energien, zunehmend reduzieren. Mir scheint es eher ganz natürlich und normal, im Alter irgendwann vieler Dinge des Lebens müde zu werden, das ist eine uns – wie vieles andere – eingebaute Automatik.

    In anderer Hinsicht kann man, klaren Verstand vorausgesetzt, mit dem Alter jedoch auch glücklicher werden, in dem Maße, wie Erfahrung, Durchblick und Einsicht zunehmen. Und man kann gewiss stolz sein, wenn man es schafft, sich seiner Lebenssitution bewusst zu werden und der Frustautomatik eben nicht zu verfallen.

    J. Elsässer (77)

  20. @Elsäaaer

    Hallo,
    mein Statement war auch nur öberflächlich. Die Depression kann sich wohl auch, als Symtom einer Grunderkrankung äußern. In diesen Fall, kommt sie weder wie ein Schnupfen daher, noch ist sie gut behandelbar.
    Was Sie beschreiben ist das Gefühl, des Versagens am bis dato gelebten Wertekanonn, dessen Anforderungen, ich mich, in meinem realen biologischen Alter nicht gewachsen fühle.
    Ich hoffe mal für mich persöhnlich eine solche Anfälligkeit, in ihrer Wirkung dämpfen zu können.
    Auch das männliche Leben hat Abschniite und es gibt kein Versprechen auf ewige Jugend.

    Gruß Uwe Kauffmann

  21. @ Jack Elsässer

    Herr Elsässer,

    das stimmt mich versöhnlich, danke.

    Man könnte ja nun die Müdigkeit, den Überdruss, die Einsicht in’s (notwenige) Scheitern, die sich im Alter einstellen, als eine Art von „Gnade“ ansehen, die von igendwem (der Natur, der Evolution der Psyche, dem Schöpfer, al gusto..) installiert wurde, um uns unsere Endlichkeit erträglich zu machen, und dann, sozusagen in müder Milde „versöhnt“ aus dem Leben scheiden. Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, wohl dem, der sie beherrscht.

    Ich bleib‘ trotzdem bei meiner Fundamentalkritik des Seins. Ob gestorben werden „MUSS“ oder „DARF“, ob gelebt werden „KANN“ oder „SOLL“, das ist doch ganz schnuppe. Der Imperativ des „MUSS“ schlägt in die Freiheit des „DARF“ um, je nachdem wie wir unsere Gemütsverfassung justieren oder wie sie qua Biologie oder Biographie justiert wurde.

    Am Faktum, dass das Sein einfach nur ist, wie es ist, ändert das nichts. Das Sein ist immun gegenüber unseren Lebens- und Sterbenskünsten.

    Es sei denn — es sei denn, das Sein sei „Wille“, wie der Frankfurter Griesgram behauptet hat. Dann verschwände es, schwände der Wille zu ihm. Der Budddha hat das Experiment dazu gemacht. Dummerweise ging es schief: hätte es funktioniert („tat tvam asi“: „all das bist Du, Identität von Subjekt und Objekt“), dann hätte zusammen mit dem erleuchteten Buddha auch die ganze Welt verschwinden müssen.

    Sie ist aber offenbar noch da und auch im drittem Jahrtausend post Christum noch ganz und gar unerlöst. Die Juden haben schon recht: das war nicht der Erlöser, das war ein Prophet.

    Auf der Schiene „Seinsverneinung“ kommen wir also nicht so recht weiter, ausser zu den herrlichen Melancholien eines v. Hoffmansthal zum Beispiel („Manche freilich…“ – was allerdings künstlerischen Wert hat. Immerhin.

    Ich probier’s mal lieber weiter mit dem „Nichts“, diesem sperrigen Gesellen. Irgendwo muss die Welt ein Loch haben, durch das man hinauskann. Ganz nüchtern, sachlich, nicht in Tränen und nicht in Gelächter, nicht verneindend und nicht bejahend. Eine Tür, die man so selbstvertändlich öffnet wie einen Klodeckel, bevor man sich seiner Seinsprodukte entledigt.

    Autsch, der Vergleich war jetzt schon wieder arg tendenziell….

  22. @ Monika

    Karikatur:

    🙂

    Danke für’s Lob.
    Und Entschuldigung an alle: natürlich findet die „Heimwerkerei“ an der Psyche tatsächlich im Akt der Bloggerei statt. Das Internet als Couch, die Kommentatoren als (Auto-)analytiker — im Sinne der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen sicher ein innovativer Ansatz. Ob er von therapeutischem Nutzen ist, das wird mein Schicksal zeigen. Un Eures.

    Also kann man eigentlich DOCH nicht meckern: wir machen hier gerade, in aller Öffentlichkeit und Transparenz, eine klinische Studie, Phase I:

    „Therapie der endogenen Depression durch internet-gestützen Exibitionismus.“

  23. psychotherapie für heimwerker

    Lieber Hartmut,
    Nur soviel, wegen Zeitmangels : Gottfried Benn ist Ihnen sicher bekannt. Als Medizinstudent erlebte er einen Zusammenbruch, und zwar im Anschluss an einer Reihe von Sezierstunden. Nachzulesen, wenn ich mich recht erinnere, in der ihm gewidmeten RoRoRo-Bildmonografie (Ich habe meine Bibliothek leider nicht zur Hand). Die „Erklärung“ für diese schwere Depression lieferte mir (Schmalspur-Germanist, kein Psychiater)das in den 90er Jahren im Verlag Dunod erschienene Buch des psychoanalytikers Didier Anzieu Le moi-peau. Anzieu weist nach, dass der Begriff eines Ich von dem Kleinkind intuitiv auf der Grundlage seiner Hauterfahrung erarbeitet wird (für mich eine interessante Rehabilitierung des Metapherdenkens): Die Haut erfülle an die 10 Funktionen, die alle auf das Ich übertragen würden. Anhand dieses neugewonnenen Begriffs hat Anzieu bestimmten Patienten helfen können.

  24. @ Pierre Foucher

    Schöne Analogie!

    Natürlich ist die Grenze des „Alltags-Ich“, also der Person, die sich als Konstrukt im Spannungsfeld von Beziehungen Objekt, Subjekt vorfindet, mit seiner Körperoberfläche identisch.

    Von daher könnt‘ ich mir durchaus vorstellen, dass das Zerstücken eines Körpers, vor allem aber das anfängliche Zerschneiden seiner Haut, traumatisierend wirken kann – zumindest auf den, der das zu ersten Male macht.

    Ich selbst empfinde das Häuten als nicht weiter dramatisch, meine Anatomiealbträume setzen im allgemeinen zu viel späteren Zeitpunkten der Präparation ein. Es wäre aber wirklich spannend, die Anatomen selbst mal psychologisch unter die Lupe zu nehmen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Beruf (wie jeder andere auch) der Seele Wunden reisst. Fragt sich halt, ob es „typische“ Wunden sind, oder ob jeder anders reagiert.

    Die einzige Beobachtung über die Gemütsverfassung von Anatomen, die ich mich getraue zu generalisieren, ist die, dass viele von Ihnen zu Ästhetizismen neigen. Die Schönheit – mitunter auch die Schönheit des Morbiden – muss herhalten, um den Schrecken zu kompensieren.

    Manchmal, so aus rein künstlerisch-philosophischer Sicht, denk‘ ich ja, das wie sowas wie einen „Adorno der Anatomie/der Naturwissenschaften“ bräuchten: Einen, der dem Grauen ins Auge blickt, es aushält, ohne es ästhetisch zu beschönigen, der um die Unmöglichkeit der Besserung weiss, und dennoch an der Sehnsucht nach ihr festhält.

    Aber der gute Adorno hat ja immer nur auf den Kulturbetrieb in seiner Nähe und nach Auschwitz aus der Ferne geguckt. Ich weiss nicht, wie er an den Öfen reagiert hätte. Was für ein Glück für ihn und mich, dass wir beide nicht dahin mussten.

  25. @Foucher

    Hallo,
    aus Ihrem Beispiel, ließe sich ein sehr gewagter Zusammenhang aus Embodied Cocnition, Theorie of Mind und der Grenze die ein autopoietisches Systems (in dem Fall die Haut), mit der Umwelt bildet konstruieren.
    Das ist aber noch nicht mal dünnes Eis, es ließe sich wohl eher, um in Herr Wichts Fach zu bleiben, mit Hirnschnitten vergleichen.

    Gruß Uwe Kauffmann

  26. psychotherapie für heimwerker

    „Schöne Analogie“, schreiben Sie. Nein. Hier stellt kein fertiger Dritter (kein fertiges menschliches Bewusstsein, wenn ich so sagen darf) distanziert eine Ähnlichkeit zwischen zwei anderen ebenfalls schon fertigen Bestandteilen ihrer gemeinsamen Realität fest, sondern es erschafft (erdenkt/erfindet)sich selbst mit fortschreitender Erfahrung seiner sinnlichen interface mit der Welt ein Ich, das deshalb nie ein „purer Geist“ war noch wird sein können . (Vielleicht meint Uwe Kauffmann gerade das. Ich habe, da kein Fachmann in Psychologie, Mühe ihn zu verstehen).

  27. Kompensation

    „um den Schrecken zu kompensieren“ siehst Du bei Deinen Kollegen die starke Vorliebe für Ästhetik.
    Mir ist aus den Vorlesungen eine Vorliebe für „Witzelei“ hervorstechend in Erinnerung, sehr humorvolle Anatomen, bei denen viel gelacht wurde.

    Gottfried Benn war als junger Arzt auch in der Pathologie tätig, bevor er „Gehirne“ schrieb, in dem er beginnt: „Rönne, ein junger Arzt, der früher viel seziert hatte…….das bedeutet, es waren ungefähr zweitausend Leichen ohne Besinnen durch seine Hände gegangen, und das hatte ihn in einer merkwürdigen und ungeklärten Weise erschöpft“.
    Die dann folgende Kurzgeschichte beschreibt eine gefühlslose Distanz, in der Rönne sich zu allem und jedermann befindet. Zum Abschluss flüchtet Benn-Rönne in Ästhetik: „ Aber nun geben sie mir bitte den Weg frei, ich schwinge wieder — ich war so müde—auf Flügeln geht dieser Gang—mit meinem blauen Anemonenschwert—in Mittagssturz des Lichts—in Trümmern des Südens—in zerfallendem Gewölk—Zerstäubungen der Stirne—Entschweifungen der Schläfe.“(„Gehirne“ 1915)

    In deinem Metier erfährt man die Hölle schon zu Lebzeiten, und das hinterläßt
    bleibende Eindrücke und starke kompensatorische Tendenzen.
    Zum Beispiel: Totes Material wieder lebendig zu machen, aus Schrott ein blubberndes Motorrad, diese handwerkliche Kompensationsmethode kenne ich gut von meinem HEINKEL-Tourist, Bj 64, dessen 9Ps startbereit in der Garage stehen.

    Deshalb: Nichts gegen Kompensation, solange etwas Gutes dabei rauskommt.
    S.R.

  28. @ Steffen Rehm

    ..hm.

    „Witzelei“ ist kein schönes Wort. Ich hab‘ andernorts (http://tinyurl.com/6zn329) einen Versuch gemacht, die Ästhetik der Anatomie an der Bildwelt festzuamchen, die uns ein Anatom des vorvorigen Jahrhunderts hinterlassen hat. Es ist eine Heiterkeit, so finde ich jedenfalls, die sich mit dem Grauen vermengt.

    Dass mein Job die „Hölle“ sei – nein, das glaub‘ ich nicht. Arzt zu sein, und das Leid zu erleben: das muss arg sein. Ich hab’s ja nur mit denen zu tun, deren Leid vergangen ist. (Wenn man mal von den Studierenden absieht, denn „die Patienten der Anatomen sind die Studenten.“)

    Benn’s Rönne, die Distanz, der kalte Blick und die Unmöglichkeit, ihn durchzuhalten: das ist ja auch mein Thema. Ich halt’s aber nicht für ein spezifisch anatomisches: Eher für das Generalproblem des (Bewusst-)Seins, das sich stets in Form des „reinen Subjektes“ ausserhalb des Weltgeschehens, in Form des „reinen Objektes“ als das Weltgeschehen selbst und in Form des „personalen Ich“ als in beidem verstricktes Etwas wiederfindet.

    Und, so glaub‘ ich, das geht allen Menschen so, egal, ob sie Bestatter oder Geburtshelfer sind. Und – um an Arvid’s obigen Beitrag wider die Drogen anzuknüpfen – was MICH angeht, ist _das_ der Reiz der Droge: jene innere Zerissenheit der Welt zu dämpfen.

  29. @Helmut Wicht

    Alkohol, Rausch, auch dafür bekommen wir Rückendeckung von G. Benn: “Potente Gehirne aber stärken sich nicht durch Milch, sondern durch Alkaloide“, oder „Ein so kleines Organ von dieser Verletzlichkeit…. kann man nicht wie ein Vergißmeinnicht mit Grundwasser begießen. Abgestandenes findet es schon genug.“ (Provoziertes Leben, 1943)

    Leider ist der heilige Hanf der Skyten heute ebenso verboten wie Hoffmanns Tropfen (LSD), aber vielleicht wird mit OBAMA alles besser.

    Im bekifften Sinn

    S.R.

  30. @ Uwe Kauffmann

    Lieber Herr Kauffmann,

    Die wissenschaftlich sicherlich berechtigte Skepsis Ihrer Reaktion auf meine erste Wortmeldung reizt mich zu dem Versuch, Sie trotz meiner begrenzten Mittel von der Stimmigkeit von D. Anzieus Haut-Ich zu überzeugen _ und dies umso mehr, als diese meine erneute Beteiligung an Herrn Wichts Blog den einen oder anderen Leser dazu ermuntern könnte, einen Fragekomplex zu erhellen, der mir zwar sehr am Herzen liegt, aber wegen mangelnder Expertise in Medizin und Psychoanalyse unerforschlich bleiben muss.
    Dies ist mein dritter Versuch in zwei Tagen, Ihnen zu schreiben. Jedesmal wurde meine E-mail angeblich wegen falschen Codes zurückgewiesen. Ehe ich also fortfahre, will ich jetzt testen, ob diese Panne behoben ist.

  31. @ Uwe Kauffmann

    Es hat geklappt!

    Die Indizien
    In einem Jugendgedicht Gottfried Benns steht die Zeile : Satt bin ich meiner Inselsucht, in einem seiner letzten der bekannte Vierzeiler: Ach, vergebens das Fahren,/ Spät erst erfahren Sie sich:/ Bleiben und stille bewahren/ Das sich umgrenzende Ich. Das sich umgrenzende Ich : das Insel-Ich.
    Natürlich kann man Benns „Problem“ auf der sozialen Ebene orten. Demnach wäre er kontaktarm, fürs soziale Leben wenig geeignet gewesen, er hätte lebenslang unter seiner charakterbedingten Isoliertheit gelitten (Isoliert : aus dem lat. insula = Insel). Das späte Gedicht zeuge davon, wie er sich mannhaft mit seinem Schicksal ausgesöhnt habe usw. usf. Aber Benn nannte sich selbst einen „Intellektualisten“, und mit dem Wort Ich wird er mehr gemeint haben als das soziale Ich. Es geht hier, wie so oft in seinen Gedichten, um Metaphysik.
    Erlauben Sie mir, mich bildlich auszudrücken: Wenn ich diese zwei mehr als vierzig Jahre auseinanderliegenden Aussagen zusammennehme, drängt sich mir das Gefühl auf, dass das Ich für G. Benn eine Monade war bzw. ein Organismus, dessen umschliessendes Membran derart induriert ist, dass es nur minimale Austäusche mit seiner Umwelt ermöglicht. Und ich bin davon überzeugt, dass er das Statement „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz“ des Anatomen Helmut Wicht zurückgewiesen und in sein Gegenteil umformuliert haben würde.
    „Nachtigall, ick hör Dir trapsen!“, werden Sie sagen, der Herr F. versucht, mir seine Ansichten unterzujubeln! Nein, ich bekenne offen, dass obiges Bild mir von der These eingeflüstert wird, von deren Stimmigkeit ich Sie überzeugen möchte. Aber, mal ehrlich : ist es Ihnen ganz und gar unnachempfindbar?

    Hier, wieder aus Vorsichtsgründen, wieder eine Pause.

  32. @ Uwe Kauffmann

    Die Götter sind uns günstig, möge es so weiter gehen !

    Die Fakten
    Im Anschluss an einen Sezierkurs erlebt der 26-jährige Student der Medizin G. Benn ein kreatives Flash : „Es war ein Zyklus von sechs Gedichten [später in der Sammlung Morgue zu lesen. PF], die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich heraufwarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da“, das aber auch eine schwere, über Jahre andauernde psychische Krise einleitet, über die Benn vierzig Jahre später schreiben wird : „Es muss eine schwere Krankheit gewesen sein, jetzt ist sie ausgeheilt. Ist sie ausgeheilt?“

    Frage
    Musste nicht ein mit einem derart ausgeprägten Insel-Ich ausgestatteter Anatom (was offensichtlich sein Kollege H. Wicht nicht, wenigstens nicht in diesem Ausmass, ist) jede von ihm an einer Leiche vollführte Inzision unbewusst als Ich-zerstörend und an ihm selbst verübt phantasieren? Nimmt es wunder, dass er eines Tages zusammenbrach?

    „Beweise“
    1. In den darauffolgenden Jahren schrieb Benn den Novellenzyklus Gehirne (vgl. weiter unten Steffen Rehm, Kompensation). Darin lässt er den Anatomen Rönne sich von seiner „merkwürdigen und ungeklärten“ Erschöpfung … auf einer Nordsee-Insel erholen. Besser konnte er, wiederum unbewusst, sein Anliegen nicht figurieren. Sein Anliegen : die Wiederherstellung seiner psychischen Souveränität. (Kommentatoren wie Walter Lehnig und Helmut Uhlig sind sich darin einig, dass die Rönne-Novellen „wenn nicht autobiografisch, so doch autodeskriptiv“ sind).
    2. Der spätere wirklich sehr moderne Dichter Benn hat die sog. „freie Zeile“ (vers libre) ignoriert und seine Gedichte gereimt, also : bei gleichzeitiger Sprengung des Diskurses für eine intakte Form gesorgt. Ging es ihm nicht vielleicht, wieder : unbewusst, darum, das innere Chaos und die schützenden Dämme des Ich zu vereinigen?
    (Fortsetzung folgt)

  33. @ Uwe Kauffmann

    Ich möchte jetzt aus dem Klappentext des Buches Anzieus zitieren. Leider auf französisch.
    (..) Le Moi-peau apparaît comme un concept opératoire précisant l’étayage du moi sur la peau et impliquant une homologie entre les fonctions du moi et celles de notre enveloppe corporelle (limiter, contenir, organiser). Considérer que le moi, comme la peau, se structure en une interface permet ainsi d’enrichir les notions de frontières, de limites, de contenants, dans une perspective psychanalytique. Par ailleurs, la richesse conceptuelle du Moi-peau permet de mieux appréhender une réalité clinique complexe : au-delà des relations entre les affections dermatologiques et les désordres psychiques, l’auteur montre que le surinvestissement ou la carence de telle ou telle fonction du Moi-peau rendent compte notamment du masochisme pervers, du noyau hystérique de la névrose ou de la distinction entre personnalités narcissiques et états-limites“.

    Es folgt zum Schluss ein anderes Zitat, diesmal auf deutsch :

  34. O, GOTTfried

    „Wer glaubt, daß man mit Worten lügen könne, könnte meinen, daß es hier geschähe“ G.B.(Gehirne,1915)

  35. @ Uwe Kauffmann

    Vor zweieinhalb Stunden habe ich ein längeres Zitat aus dem Klappentext von Anzieus Buch eingesendet.

    Zum Schluss eine Mitteilung von Benns Tochter :
    „Eines der ersten Worte (sic!), die mich mein Vater lehrte – oder vielleicht war es das Leben -, war Ekzem. Mein Vater litt darunter, und ich hatte Ekzeme von klein auf. Das Prurigo Besnier haben viele Benns, und obgleich mein Vater ja Dermatologe war, konnte er weder sein eigenes noch mein Ekzem je heilen (…)
    Meine Haut war seine Haut (…) Und zahlreich waren unsere Ekzemgespräche – ob Vererbung, ob Nerven, ob Ernährung? Warum allergisch? Was ist zu tun? Mein Vater riet mir dazu, Quacksalber aufzusuchen, als ich ihn fragte. Er gab offen zu, dass Hautärzte von Ekzemen nur sehr wenig wissen“. Nele Poul Sörensen, Mein Vater Gottfried Benn

    Fassen wir zusammen:
    Einerseits ein Hautleiden, bei welchem, laut Wikipedia, die Haut des Betroffenen sich von gesunder Haut dadurch unterscheidet, dass eine gestörte Barrierefunktion vorliegt.
    Andereseits ein quälendes Insel-Ich-Gefühl.
    Wie reagieren Sie angesichts dieser Kombination? Meinen Sie, wir haben es mit einer puren Koinzidenz zu tun? Oder sind Sie vielleicht jetzt dazu geneigt, Anzieus These, dass das Ich sich – anscheinend muss man ergänzen : dialektisch, oder dialogisch – auf die Haut stüzt, doch gelten zu lassen?

    Mit freundlichem Gruss an Sie und herzlichem Dank an Herrn Wicht für seine Gastfreundschaft,
    PF

  36. Der Turm stürzt ein.
    Der Turm stürzt ein.
    Halleluja, der Turm stürzt ein.

    Der Pepsodent von Ju-Es-Ah
    ist ein cooler Loser seiner Macht.
    Glänzend, doch schon rostzerfressen
    fliegt er durch den Wilden Westen.
    Ach, wo ist noch Platz für mich
    oder ein Dach für dich?
    Hörst du es flüstern im Land?
    Old Shatterhand und Nietzsche tot,
    im Kaufhof klaut Gott sein Brot.
    Siehst du die Schrift an der Wand?

    …Der Turm stürzt ein.

  37. @ Pierre Foucher, Dietmar Hilsebein

    Benn bezeichnet die Zeit der Brüsseler Etappe und Erschaffung Rönnes im nachhinein folgendermaßen: „[…] das Leben schwang in einer Atmosphäre von Schweigen und Verlorenheit, ich lebte am Rande, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt.“ In dieser Phase diagnostiziert sich Benn das Symptombild eines „[…] Zustandes, der als Depersonalisation oder als Entfremdung der Wahrnehmungswelt bezeichnet wird, […]“. Ist es das, was Sie mit dem Insel-Ich meinen, Herr Foucher? Ich bin nicht davon überzeugt, dass er das Statement „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz“ des Anatomen Helmut Wicht zurückgewiesen hätte.

    Nach Uhlig ist Rönne die „romantische Inkarnation Benns […], der als Arzt versagt und darum jenem Gefühl der Sinnlosigkeit allen Daseins erliegt, das aus der Summe der Zweifel entsteht, die den quälen, der nicht in sich ruht, sondern in sich erschüttert ist.“ Ebenso versteht Wolf die Rönne – Novellen als >Portrait des Künstlers als junger Mann

  38. Der Kommentar wurde abgeschnitten, hier gehts weiter …

    Ebenso versteht Wolf die Rönne – Novellen als Portrait des Künstlers als junger Mann, wobei eine vollständige Gleichsetzung der Hauptfigur Rönnes mit Benn sicherlich fehl am Platz ist.

    Zur Zeit des jungen Benn erklärte man die idealistischen Systeme des nun zu Ende gegangenen 19. Jahrhunderts für endgültig zusammengebrochen, aber auch der positivistisch orientierte Fortschrittsglauben, sowie der in der Praxis dominierende Materialismus wurden als ungenügend empfunden, und die Rede vom Verfall der Wertordnungen war seit Beginn der Nietzsche-Rezeption in aller Munde. Benns geistige Grundlage ist das „unbeschriebene Blatt“ des Nihilismus, unter dem er den Rationalismus einer heruntergekommenen Aufklärung, „de(n)r materialistisch organisierte(n) Gebrauchtstyp“, den Glauben an die Mechanik plausibler Erklärbarkeit der Welt als auch des Menschen und die Vertreibung des Irrationalen, verstand. „[…] jetzt das Plausible, Flache, die Wissenschaft als die theoretische Interpretation der Welt – die Nietzschelage. Innerhalb dieser Lage begann meine Generation.“

    Nach Benn alles Komponenten im Zuge des Profanisierungsprozesses der Aufklärung, der schuld an der nihilistischen Grundstimmung seiner Zeit ist. In ‚Nach dem Nihilismus‘ findet sich die Entsprechung der sinn- und bedeutungslosen Wirklichkeit im Rationalismus: „Der Mensch ist gut, sein Wesen rational (…) und andererseits die Schöpfung sei der Wissenschaft zugänglich, aus diesen beiden Ideen kam die Auflösung aller alten Bindungen, die Zerstörung der Substanz, die Nivellierung aller Werte, aus ihnen die innere Lage, die jene Atmosphäre schuf, in der wir alle lebten, von der wir alle bis zur Bitterkeit und bis zur Neige tranken“.

    Auf diesem Blog tummeln sich ja ein paar Nietzsche- und Benn-Kenner. Würden Sie dem abschließenden Satz dieses (viel zu langen, entschuldige Helmut) Kommentars zustimmen?: Nietzsche und Benn eint die Annahme, dass nur der im Rausch Ergriffene die echte, wahre Wahrnehmung der Wirklichkeit erfährt.

  39. @ Dietmar Hilsebein

    Sie schrieben im Blog von Stephan Schleim zum Beitrag „Gene, Umwelt und die Grenzen der Erziehung“: „Das Problem ist innere Leere, Zerrissenheit, Langeweile, Getriebensein -kurz: die Welt, die uns mißfällt!“ Es ist nicht die Welt, die innere Leere hervorruft. Diese Zerrissenheit, Langeweile, Getriebensein liegt meiner Meinung nach tatsächlich im Individuum und seiner Geschichte begründet. Dazu werde ich einen Beitrag schreiben, denn eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik würde den Rahmen sprengen. (Ich habe Ihren Kommentar hier aufgegriffen, weil er thematisch gut passt).

  40. „Welt“ @ Katja Schwab

    Ich schreibe ja „Welt“ immer in Anführungszeichen, da für mich „Welt“ Wille und Vorstellung ist. Ich gehe da noch mit Schopenhauer mit. Da der Wille, so Schopenhauer, im Geschlechtstrieb manifestiert ist, so ist es auch die Geschichte des Individuums.

  41. @ Katja Schwab

    Ich kann mich leider weder als Nietzsche- noch als Benn-Kenner betrachten. Meine erste Begegnung mit Benn geschah 1964 : damals war ich Student der Germanistik und die deutsche Sprache (erst recht Benns Prosa und Lyrik) war mir noch sehr schwer zugänglich. Wohl deshalb aber ist mir folgendes schroffes Incipit einer Rönne-Novelle z. T. erinnerlich gebieben : „Tat es etwas, dass die Insel … war?“
    Fünfundzwanzig Jahre später, im Rahmen der Vorbereitung auf eine Lehrerprüfung (agrégation), habe ich mich erneut, ein paar Monate lang, mit Benn als einem von 6 Autoren befasst. Wie Sie sehen : das alles reicht nicht, um mich für einen Benn-Kenner auszugeben.
    Wie ich in meiner ersten Wortmeldung schrieb, habe ich meine Bibliothek nicht zur Hand, sie liegt in Kartons eingepackt 250 Kilometer von dem Hafenstädchen, wo ich momentan lebe. Bei mir habe ich nur einige im Laufe der Jahre angelegte Dossiers, darunter eine Benn-Akte, im März 1996 nach der Lektüre von Didier Anzieus Buch angelegt in Hinsicht auf eine Studie, die zustande zu bringen mein blutiges Laientum in Sachen Medizin und Psychoanalyse mir bald verbot.

  42. @ Katja Schwab

    „Nietzsche und Benn eint die Annahme, dass nur der im Rausch Ergriffene die echte, wahre Wahrnehmung der Wirklichkeit erfährt“

    Es bedarf des dionysischen UND des apollinischen Charakters. Wobei bei Nietzsche das Dionysische die Oberhand gewann. Er unterschrieb am Ende seine „Wahnzettel“ ja mit Dionysos oder der Gekreuzigte.

  43. @ Katja Schwab

    Mein Laientum und, ich muss es hinzufügen, Benns mir unheimliche, unerträgliche Hyper-Intellektualität.

  44. @alle

    Es freut mich ungemein, dass meine depressiven Ästhetizismen zu diesem Gespräch geführt haben.

    Ich hab‘ zwei Nach-/Beiträge. Der erste ist ein Dermatologenwitz, kombiniert mit einem Motorradscherz, das bietet sich angesichts des Verlaufs dieser Diskussion ja an. Die Geschichte ist wirklich passiert.

    Ich kannte mal einen Basler Dermatologen, der aussah, wie Arnold Schwarzenegger, was jedoch nichts zur Sache tut. Allerdings fuhr er auch Motorrad wie der Terminator: gewalttätig, ohne Rücksicht auf Mann und Material. Er war sicher ein guter Dermatolog‘, aber von Motorradmechanik hatte er keine Ahnung. Vom Fahren schon -wie die Sau.

    Es war auf einem Strassenrennen in Italien, da hatte sein Motorrad unterwegs keinen Zündfunken mehr. Auf dem Schandkarren brachte man ihn und sein Krad abends ins Fahrerlager. Wildes Geschraube im Taschenlampenlicht, ich mittenmang dabei, weil ich den Motorradtyp, den er fuhr, gut kannte.

    Ich hab‘ dann den Fehler rasch gefunden. Ein kleines Bakelitklötzchen, das auf einer Nocke schleift, war verschlissen. Weil er’s nicht gefettet/geschmiert hatte. Es entspann sich ein Dialog, von dem ich nur seinen Part wiedergebe:

    „Ach, das muss man abschmieren? Womit
    denn? Mit Öl? Nein? Ach ..Vaseline nimmt man da? Haha, wollt ihr mich
    veräppeln, ich bin doch Dermatolog‘, das kenn‘ ich doch aus der Praxis, das
    schmier’n wir auf wunde Kinderhintern .. ach .. sicher? Ehrlich? Vaseline?
    Nicht besser was cortisonhaltiges?“

    Was haben wir gelacht. Und wenn Sie mitlachen wollen, dann gucken Sie mal auf die Schmiere, die Ihnen Ihr Dermatolog‘ kürzlich verschrieben hat. Wollen wir wetten? Es ist Cortison drin. Die HABEN gar kein anderes Medikament (

  45. @ Katja

    „Der Kommentar wurde abgeschnitten“

    Das kann passieren wenn Du spitze Klammer verwendest. Bei einer öffnenden Spitzen Klammer wird ein html-Tag erwartet, weil nichts kommt geht es auch nicht weiter. Besser etwas anderes anstatt der spitzen Klammern verwenden.

  46. @Foucher

    Hallo,
    erst muss ich erst einmal große Abbitte leisten.
    Es tut mir Leid, daß ich bis heute nicht reagiert habe.
    Ich hatte diese Woche Spätschicht, und stecke gerade in der Einrichtung zweier Computer.
    Ich schreibe gerade auf einer jungfräulichen Linuxinstalation und im Windows muste vorher noch so Einiges erledigt werden.
    Ich werde versuchen morgen Abend auf Ihre Korospondenz zu reagieren.

    Gruß Uwe Kauffmann

  47. @ Katja Schwab

    Gestern schrieben Sie
    an Herrn Hilsebein : „Es ist nicht die Welt, die innere Leere hervorruft“
    und an mich, Sie seien nicht davon überzeugt, dass G. Benn dem Statement von Herrn Wicht widersprochen hätte.
    Zu Punkt 1 : Hierin sind Sie anderer Meinung als … Benn! Erinnern Sie sich an das Gedicht REISEN, dessen letzte Strophe ich zitiert habe. Unmittelbar davor stehen die Worte : „Sogar auf den Fifth avenuen/ Fällt Sie die Leere an“. Dieser Leere der Welt hält der späte Benn die Substanzfülle des (Insel)-Ichs entgegen : „Ach, vergebens das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich : / Bleiben und stille bewahren / Das sich umgrenzende Ich“.
    Zu Punkt 2 : Sie haben recht – dem Anschein nach. Von Benn stammt in der Tat der Ausspruch : „Leben ist Brückenschlagen“ (Ich weiss allerdings nicht, wo er steht. Er gab mal den Titel für ein Benn-Buch im Ullstein Taschenbuchverlag ab). Demnach wäre für ihn also Leben gleich Relation – aber, wie Punkt 1 gezeigt hat, Relation von (substanzvoller, quasi autarker) Insel zu Insel – denn was anderes verbinden Brücken? Sein Satz klingt in meinen Ohren mehr als der Ausdruck eines Wunsches, eines „Programms“, denn einer gelebten Wirklichkeit. „in meinen Ohren“ …

  48. @ Katja Schwab

    Nachtrag (zu Ihrem Briefwechsel mit Herrn Hilsebein)
    Meine erste Regung ist, gleich Ihnen, zu meinen, dass die „Leere“ keine Tatsache ist, sondern ein Gefühl, das an der psychischen Beschaffenheit des Einzelnen liegt.
    Andererseits stosse ich mich aber an dem viel zu vagen Begriff „Welt“. Gemeint sein kann z.B. die Welt, welche die Naturwissenschaften erforschen und da, wie ein Blog-Teilnehmer weiter oben schrieb, kann man wirklich nicht von Leere und Langweiligkeit schreiben. Wenn aber mit dem Wort unser alltägliches Environment gemeint ist, nämlich die geistlosen Fussgängerzonen so vieler Kleinstädte (aber auch, meines Dafürhaltens, die Zeil, in denen sich z.B. von Waren überbordende Drogerien aneinanderreihen, da kann schon einem diese überquellende Welt paradoxerweise „leer“ vorkommen.
    Moral der Geschichte, in Abwandlung eines Lichtenberg’schen Wortes : Wenn ein Kopf und die Welt zusammenstossen und es klingt hohl, kann es mal an dem Kopf und mal an der Welt liegen!

  49. @ Pierre Foucher

    Lieber Herr Foucher, da möchte ich doch gerne meine Vermutung, dass auch Benn (zumindest zur Zeit der Entstehung der Rönne-Novellen) über Rönne: „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz“ gesagt haben könnte, untermauern. Alles reine Spekulation, aber es macht Spass.

    Rönne ist von Beruf Mediziner und als Naturwissenschaftler in einer behaviouristischen Welt der Kausalzusammenhänge in Form von Reiz-Reaktions-Verbindungen gefangen. Mit dieser stark reflektierenden Betrachtungsweise, mit der sich Rönne seiner Lebensumwelt nähert, entfremdet er sich eigentlich immer weiter von einem natürlichen Umgang mit seiner personalen und sozialen Identität. Seine mühselig erarbeitete Distanz zur Welt, indem er sie als ein entschlüsselbares Objekt betrachtet, wird immer wieder durch einen Zustand apathischer Erstarrung angesichts der finalen Nichtigkeit unterbrochen: „Was solle man denn zu einem Geschehenen sagen? Geschähe es nicht so, geschähe es ein wenig anders. […] Er aber möchte nur leise vor sich hinsehn und in seinem Zimmer ruhn.“. Rönne verbleibt in dem Niemandsland zwischen der sinnentleerten Lebensrealität und Rauschzuständen, in denen die Trauer um den Verlust existentieller Bestimmtheit von mythischen Augenblicken überlagert wird.

    Wahrheit und Schein sind nicht mehr mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Empirie und ihrer kategorialen Einordnung zu trennen. Die gesamte Wirklichkeit versumpft in der Relativität, wird zufällig und nichtig: „Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Da fingen die Dinge an zu schwanken, wurden verächtlich und kaum des Ansehens wert.“. Da wären wir: „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz.“ könnte hier die nächste Schlussfolgerung sein. Simultan mit dem Realitätsverlust wird das Ich als Konstante ebenfalls zweifelhaft. Einerseits ist es dem zerbrochenen Ich unmöglich eine konsistente Wirklichkeitssicht zu entwickeln, andererseits findet das Ich keinen Halt in einer zerfallenden Wirklichkeit (oder auch: „Wenn ein Kopf und die Welt zusammenstossen und es klingt hohl, kann es mal an dem Kopf und mal an der Welt liegen!“ und mal an beiden :). Aber zu diesem Thema (Punkt 1: „Es ist nicht die Welt, die innere Leere hervorruft“) werde ich mich per Blogbeitrag äußern.

  50. @ Katja Schwab

    Uff, Frau Schwab! Stante pede ein wirklich nahrhaftes care paket kunstvoll zusammengeschnürt und abgeschickt : alle Achtung! Ich … brauche Zeit, um mir all das zu Gemüte zu führen, was es enthält, weiss aber leider schon, dass ich die Diskussion mit Ihnen werde nicht fortführen können, da es mir – wie es im Französischen heisst – an Biskuit fehlt ( = an Proviant, an Material, an Argumenten).

  51. Nachtrag

    Der späte Benn hat vielleicht den Zustand der Depersonalisation zur Zeit der Erschaffung der Rönne-Novellen durch das umgrenzende Ich zumindest teilweise überwunden: „Dieser Leere der Welt hält der späte Benn die Substanzfülle des (Insel)-Ichs entgegen : „Ach, vergebens das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich : / Bleiben und stille bewahren / Das sich umgrenzende Ich“.“

    Was meinen Sie?

  52. Oh, entschuldigen Sie, Herr Foucher, ich hatte Ihre Replik nicht gelesen, und möchte Sie mit diesem „Was meinen Sie?“ nicht zum Antworten treiben. Deshalb streichen Sie die Frage.

    Aber es sei mir noch gestattet darauf hinzuweisen, dass wir mit der Nummer: „der frühe Benn und sein Rönne“ und „der späte Benn“ beide aus dem Schneider wären 🙂 Ersterer hätte Helmuts Satz sagen können und letzter nicht.

  53. @Katja Schwab

    Große Klasse, Ihre Auffassung von G.B. ist tief und überzeugend, ich stimme voll zu mit seinen Zeilen:
    Ein Wort, ein Satz-: aus Chiffren steigen
    erkanntes Leben, jäher Sinn…..

    S.R.

  54. @ Katja & Pierre Foucher

    Ich hab‘ mit Wonne mitgelesen: klasse, danke! In die Buchhandlung werd‘ ich tigern, und mir Benns Roman besorgen.

    Wenn ich mich selbst recht verstehe, dann ist die relationale Auffassung des „Ich“, die ich propagiere, eine Fortsetzung des Konstruktivismus mit anderen Worten. Freilich würde ich (und bin ich in anderen Beiträgen ja schon) viel weiter gehen und behaupten, dass nicht nur das „Ich“, sondern das gesamt Sein Relation sei. Die Quantenphysik würd‘ ich zum Zeugen anrufen, und natürlich auch den Idealismus samt Berkeley und Schopenhauer.

    Natürlich gibt es ein delikates logisches Problem: „keine Relation ohne Relata“. Oder, in den Worten der Scholastiker: aus lauter Akzidentien kann man keine Welt bauen. Es muss irgenwelche Substanzen geben, denen die Akzidentien anhaften.

    Muss es das wirklich? Können wir nicht ohne die Vorstellung von „Substanzen“ auskommen? Ich bin ein wenig ratlos: „Substanz“ und „Relation“ scheinen ebenso aufeinander zu verweisen, scheinen sich ebenso gegenseitig vorauszusetzen, wie „Subjekt“ und „Objekt“. Dieser Verweis des einen auf das andere ist aber schon wieder eine Relation…

    Ich dreh‘ mich im Kreis … wie komm‘ ich da ‚raus?

  55. @ Helmut Wicht

    Wenn Sie wieder einmal den Beitrag eines wenig seriösen Amateurs akzeptieren mögen, würde ich die Frage aufwerfen, ob die von Ihnen erwähnte Quantenphysik z.B. beim Bedenken des menschlichen Seins – mit Verlaub – nicht fehl am Platz ist. Ob sie dessen Spezifizität Rechnung trägt. Unterscheidet nicht die Epistemologie zwischen verschiedenen „Ordnungen“ (Bereichen, frz. ordres), die jede ihre angemessene Kategorien- und Begriffsapparatur verlangen? Ich frage nur.

  56. @ Pierre Foucher

    Ich hab‘ die Quantenphysik in’s Spiel gebracht, weil es ja dort so ist, dass das „Ins-Sein-Kommen“ eines Teilchens, zumindest aber sein „So-und-so-Sein“ immmer erst im Akt der Messung geschieht. Stichwort: Zusammenbruch der Wellenfunktion. Eine Messung ist aber immer auch ein Eingriff in’s System, mithin eine Interaktion/Relation.

  57. @ Helmut

    Aller guten Dinge sind drei! Zwischen Relation und Substanz, Ich und Du, Subjekt und Objekt, muß es ein Drittes geben, welches vermittelt. Freud war da wohl nahe dran, wenn er von Es-Ich-ÜberIch sprach. Nur denke ich, daß diese drei Instanzen nicht allein auf die menschliche Psyche bezogen, sondern ebenso im ganzen Sein wirksam sind. Jesus war vll. noch näher dran, wenn er meinte, daß er (Ich) der Weg, die Wahrheit und das Leben sei. Er sprach da, wie er auch ausdrückte, nicht in seinem Namen, sondern im Namen jener Instanz, die die vermittelnde Instanz zwischen Welt und dem, was er Gott nannte, ist. So war für ihn Substanz nur Gelegenheit, Material zu Gleichnissen auf innere Vorgänge bezogen -die Psyche der Welt und nicht nur die Psyche des Menschen.

  58. @ Hilsebein

    Ich weiss nicht, ob sich mein DIlemma löst, indem ich es zu einem TRIlemma mache.

    Was ist die SUBSTANZ der Welt? Hat sie eine? Ist nicht „Vorstellung“ ebenso Relation wie „Wille“, Bezug von einem auf etwas anderes?

    Mit dem Brecheisen philosophieren: einfach behaupten, dass die Substanz der Welt Relation sei. Eine Paradoxie an der Wurzel der Welt? Unangenehm.

    Sprachphilosophie. Schon wenn ich sage: „ich bin“, stelle ich eine Relation her. In diesem Falle eine grammatische, zwischen Subjekt und Verbum. Wie fühlt es sich an, wenn der Lateiner dasselbe sagt. Er tut’s in einem Wort, grammatisch relationslos: „sum“. Fallen in diesem „sum“ zwei Sachen ineinander oder ist es wirklich EINES?

    Narrt mich die Sprache? Kann ich mich selbst nicht „substantiell“ denken, weil ich nicht „sum“ sagen kann? „Ich bin“ – da schwingt doch auch etwas von einer Tätigkeit mit – „ich bin damit beschäftigt, zu sein.“ Ist das im „sum“ auch so? Wo ist hier ein native latin speaker? Wie ist das im Griechischen?

  59. Wenn ich ein Gott wäre, würde ich es so auszudrücken versuchen:

    Ich bin, der ich bin, denn ich bin nicht der, für den ihr mich haltet.
    Ich bin, der ich bin, denn ich bin nicht das, was ihr aus mir machen wollt.
    Ich bin, der ich bin, denn ich muß kein anderer sein als ich bin -ich verleugne mich nicht.
    Ich bin nicht außerhalb, sondern innerhalb dessen, was Bewußtsein genannt, aber nicht getan wird.
    Ich bin, der ich bin, denn ich muß nicht werden, was ich bin. Ich kenne die Spaltung zwischen Ober -und Unterbewußten nicht -es gibt in mir keine versteckten Affekte.
    In mir gibt es kein oben oder unten, kein links oder rechts.

    Ich bin aber kein Gott, deshalb lasse ich es lieber. *seufz*

  60. @ Helmut Wicht

    Mir scheint, Sie suchen nach dem Urgrund oder Urgesetz alles Seienden. Aber wie ist es? Stellen sich bei der inerten Materie, den Lebewesen und, unter diesen, denjenigen, die das Vermögen der Selbstreflexion erwarben, dieselben Grundfragen? Eröffnet nicht jede neue Stufe der Entwicklung dem/der Fragenden (der/die nur ein Mensch sein kann) grundneue „Horizonte“, d.h. einen grundneuen Zugang und Fragenkreis? Oder darf der (ich weise erneut darauf hin : menschliche) Geist dessenungeachtet diese Grundverschiedenheit der „Ordnungen“ übergehen, vereinheitlichen und hoffen, auf einen (vielleicht nur postulierten) Urgrund bzw. -Gesetz zurückgreifen zu können?

  61. @Foucher

    Sehr geehrter Herr Foucher,
    ich hatte überhaupt kein Problem, mit Ihrer Aussage. Und im den weiteren von Ihnen verfassten Beiträgen, stellte ich fest, das dies auch nicht mit missverstehen (ja,zwanghaft klein) zu erklären ist.
    Die Schwerter der Psychologie und der Neurowissenschaften, sind auch bei weitem nicht so scharf wie man im allgemeinen annimmt.

    Dazu ein Beitrag: http://mp3.swr.de/swr2/leben/2008/10-22/swr2leben20081022_kritische_fragen_3.6444m.mp3

    Dieser Beitrag ist nur als Beispiel gedacht. Ich denke das die Sprache an sich nicht minder wichtig ist, da man sich wohl einig ist, das ohne sie komplexeres Denken nicht möglich wäre.

    Ich wollte jetzt eigentlich noch ein bisschen Hirnquatsch plappern, aber wie ich gerade sehe läuft mir der Blog eh davon. Ich freue mich das Sie jetzt auch auf Brainlogs kommentieren.

    Gruß Uwe Kauffmann

  62. @ Pierre Foucher

    „Mir scheint, Sie suchen nach dem Urgrund oder Urgesetz alles Seienden.“

    Sicher. Demut war meine Sache nie, eine gewisse Hybris vetraägt sich durchaus mit einer melancholischen Grundhaltung.

    Ich bin der letzte, der die Vielgestaltigkeit des Seinenden leugnen würde. Börsencrash und Billiardkugeln folgen unterschiedlichen Regeln, deterministisches Chaos hier, präzise Vorhersagbarkeit dort.

    Dennoch: wenn man alles Seinende durchkämmt, dann findet man, dass allem was ist, bestimmte Attribute anhängen. Alles „ist“ nicht nur einfach, es ist auch auf bestimmte Arten und Weisen.

    Berkeleys „esse est percipi“ gehört dazu, Schopenhauers „Wille“, Leibniz „nulla est sine ratione“ etc. Es gibt also (so denke ich zumindest) Prinzipien, die durch alle Schichten des Seienden hinduchreichen.

    Ich will damit NICHT dem Reduktionismus das Wort reden. Ganz im Gegenteil, denn wenn mein Bauchgefühl der „gegenseitigen Bedingtheit“ alles Seienden zutrifft, dann wird man eben nie eine „Substanz“ finden, die sui generis, aus sich alleine heraus einen Kosmos aufrichten könnte.

    Und der „Urgrund des Seins“, sei es einer, seien es viele, fände ich ihn, was täte ich? Wenn ich ihn intrumentalisieren könnte, ich würde ihn zur Seinsüberwindung verwenden. Denn „das Leben ist eine missliche Sache, und ich habe mir vorgenommen, es damit hinzubringen, darüber nachzudenken.“
    (Arthur Schopenhauer)

  63. @ Helmut Wicht

    Die Versuchung der Hybris ist uns wohl allen gemeinsam, aber ich frage noch einmal : gibt es nicht zwischen den unterschiedlichen, aus der Evolution hervorgegangenen Modi des Seins hermetische Trennwände, die jede gedankliche Vereinheitlichung unmöglich machen?
    Abstraktion ist nicht gerade meine Stärke. Deshalb möchte ich einfach eine (wahre) Geschichte erzählen dürfen, in der Hoffnung, dass leistungsfähigere Intelligenzen als die meine deren Fabel dann im Interesse dieser Diskussion abstrahieren. Die Erzählung wird etwas umständlich, so dass der eine oder andere sich wahrscheinlich ärgern wird : „Soll er doch sein eigenes Blog aufmachen!“ Nein, das kann ich nicht: ich hätte nicht genug biscuit, um es auf Dauer zu speisen.

    Mein Hauptinteresse gilt von jeher der Sprache. Ich weiss genau, dass ich als Student die Forderung an sie stellte, sie solle die Beschaffenheit der Gegenstände der Welt, mit denen sie sich befasste, in ihrer Struktur wiedergeben. Blosses Nennen galt nicht, und jede Umschreibung war als schnödes Ausweichen vor der Aufgabe verpönt. Im Visier hatte ich ganz besonders die Metapher.
    Es war kein sehr originelles Anliegen. Einerseits befasst sich das westliche Denken schon seit fast 25 Jahrhunderten mit der problematischen Metapher, wie der frz. Philosoph Paul Ricoeur in seinen Lesungen über La métaphore vive dargestellt hat. Und andererseits lag das besonders in der damaligen Luft, wie ich es entdeckte, als ich zum Wintersemester 67-68 nach Göttingen kam: Ohne es zu wissen, empfand ich wie Sartre („Wenn ein Schriftsteller von einem Tisch spricht, schreibt er ein paar Worte … so … dass der Tisch sich irgendwie in die Worte senkt“. Keine sehr glückliche Formulierung, übrigens, finde ich) und wie Gottfried Benn („… vielleicht sei schon die Metapher ein Fluchtversuch, eine Art Vision und ein Mangel an Treue“ Gehirne, Der Geburtstag).
    (Fortstezung folgt)

  64. @ Katja

    Ich weiss ein Kompliment zu erkennen, zumal wenn es aus dem Mund einer Personm kommt, die ich schätze.

    Danke also.

    Die Metaphysik ist in Misskredit geraten. Ihrer Nutzlosigkeit halber, wie ich vermute. Aber träumen wird man ja noch dürfen. Von einer Meta-Technologie zum Beispiel, die Sein und Seiendes nach Belieben an- und abschaltet, von „creationes ex nihilo“ und von der Annihilation der Schöpfung.

    Ein nettes Gedankenexperiment/literarisches Experiment hierzu – ich hab‘ es neulich mal im Geiste durchgespielt – wäre es, den Anfang der „Verwandlung“ zu nehmen, und ihn leicht abzuwandeln:

    „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett in einen Gott verwandelt. Er bemerkte an sich die Zustände der Allmacht und Allwissenheit, was er sich selbst sofort durch die restlose Annnihilation der Bettdecke, die seinen schweissgebadeten Körper übermässig wärmte, unter Beweis stellte. Ex nihilo schuf er sich eine mit heissem Kaffee gefüllte Tasse und sagte sich: „Mal nachdenken…“ Das Denken jedoch führte zu keiner praktikablen Einsicht, denn, wie er rasch merkte: er wusste ja alles schon, sogar, was er als nächstes denken würde…“

    uswusf .. darstellen, was „Gott“ für ein fader Beruf ist und ihn an genau dem, worum wir ihn beneiden, verzweifeln lassen. Späte Rache.

  65. @ Helmut Wicht

    (Fortsetzung)
    Meine Ablehnung der Metapher währte dreissig Jahre. Sie wurde zwischendurch von der Lektüre des Wissenschaftsphilosophen Gaston Bachelard untermauert, der in seinem 1938 erschienenen Buch La formation de l’esprit scientifique darstellt, welches unüberwindliches epistemologisches Hindernis die Metapher für die naturwissenschaftliche Erkenntnis gewesen sei, bevor Le nouvel esprit scientifique (so ein weiterer Titel von ihm) auf den Plan trat. Allerdings waren da auch Stimmen, die mich verwirrten, so diejenige des von mir verehrten Romanciers Louis Guilloux, laut welchem „Ohne Metapher keine Kunst!“.
    Dies war der Hintergrund, auf welchem ich 1996 auf das Buch Le Moi-peau des Didier Anzieu traf, eine Lektüre, die auf mich sofort befreiend wirkte, wenn ich mir nicht auch gleich klarmachte, warum. Sie erinnern sich : Im Kleinkind entsteht das Ich mit fortschreitender Erfahrung der Haut, ja, „alles Psychische entwickelt sich in stetem Bezug auf die körperliche Erfahrung [der Haut](Tout ce qui est psychique se développe en constante référence à l’expérience corporelle)“. Das Ich (also das menschliche Sein, oder?) ist eine Schöpfung des … Ich, und zwar über den Weg einer Metapher! In meiner Replik auf Ihren Kommentar „Schöne Analogie“ schrieb ich, dass das Ich sich selbst erschaffe/erdenke/erfinde. Schade, dass mir damals das Wort „erdichte“ nicht einfiel, es scheint mir das passende zu sein. Frage : trifft es für die anderen Modi des Seins zu?
    Um auf die Metapher zurückzukommen : Anzieu zeigte mir, dass es neben dem Bereich des um Objektivität bemühten Denkens, wo sie fehl am Platz ist, einen anderen gibt, wo sie nicht nur am Platz, sondern dessen Grundoperator ist : der Bereich des menschlichen Ausdrucks (mithin: der Kunst), und dass der Mensch nicht i s t , nicht Substanz ist, sondern Ausdruck. Auch musste der amateurhafte Epistemologe, der ich bin, zur Kenntnis nehmen, dass gewisse geistige Operationen nur in bestimmten Bereichen berechtigt sind.
    Ein letztes Wort : Im Laufe der Jahre sind mir nur drei (3) Sprachgebilde untergekommen, die meine Forderung an die Sprache erfüllen. Zwei stammen vom frz. Dichter René Char (darunter der wunderschöne Satz an/über die Blume Iris : „Merci d’être, sans jamais te briser, iris, ma fleur de gravité“), der dritte ist das Incipit eines Gedichtes von Georg Trakl, gelesen an einem Juniabend voller Mauersegler : „Voll Harmonien ist der Flug der Vögel.“ Ich mache mir jetzt klar, dass diese Sätze a) sehr stark mit den musikalischen Komponenten der Sprache (Klang, Rythmus) operieren und b) nichts Objektives, sondern getreu die Wirkung jener Objekte der Welt auf die Sensibilität des Sprechenden wiedergeben.

  66. Korrektur + Ergänzung

    1. Es war unüberlegt von mir, gegen Ende meiner letzten Einsendung die Wörter „Bereich“ und „geistige Operation“ im Plural zu verwenden. Ich weiss nicht, ob eine der von mir erzählten ähnliche Erfahrung auf anderen Bereichen mit anderen geistigen Operationen gemacht werden kann bzw. worden ist. Wie schon gestern geschrieben, steht dieser Beitrag also unter dem Motto „Ich frage nur“.
    2.Das Ich sei nicht Substanz, sondern Ausdruck. Ja, keine erstarrte Substanz jedenfalls, sondern unaufhörliches Entspringen, unaufhörliche Produktion einer – wie ich glaube – in ihrer Zusammensetzung und ihren Erscheinungsformen sich ständig wandelnden Substanz – sonst ist man psychisch tot.

  67. @ Pierre Foucher

    Können Sie aber schön schreiben!

    Ich denke, dass wir uns, was die Wertschätzung der Sprache als ästhetisches Medium angeht, in völligem Konsens befinden.

    Ich denke aber auch, dass wir, was die Einschätzung der Metapher angeht, im Dissens sind. Leider reicht meine Belesenheit nicht so weit wie Ihre, und ich kann hier halt nur das Dörrobst meiner eigenen Denkerei zu Markte tragen.

    Zumindest in meinem Fachgebiet, der Anatomie, ist die metaphorische Rede unverzichtbar. Ich würde mal schätzen, dass weit mehr als die Hälfte unserer Termini technici „uneigentliche Bezeichnungen“, Tropen sind – lassen wir es mit dem „Musculus biceps“, der keine zwei Köpfe, sondern zwei Ursprungssehnen hat, als Beispiel gut sein.

    Es fällt mir darüber hinaus schwer, mir jenseits der Mathematik (die ich nicht so recht einzuschätzen vermag) eine naturwissenschaftliche Form der Rede vorzustellen, die NICHT metaphorisch wäre. Können Sie mir ein Beispiel geben?

  68. @ Helmut Wicht

    Leider nicht. Ich kann Ihnen nur die Lektüre von Gaston Bachelard : Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis (Suhrkamp, 1978) empfehlen (keine trockene Lektüre ! Ich weiss allerdings nicht mehr, ob sie Beispiele aus der Geschichte der Medizin enthält).
    Diese bibliografische Angabe entnehme ich dem Wikipedia-Artikel de.wikipedia.org/wiki/Gaston_Bachelard
    (Bachelard fett geschrieben!).

  69. @ Helmut

    „…ich kann hier halt nur das Dörrobst meiner eigenen Denkerei zu Markte tragen.“

    Und genau das ist es, was Dich so sympathisch macht. An einer anderen Stelle fragst Du: „…wie fühlt es sich an…“ Kant gab einmal Herder den Rat, nicht so viele Bücher zu lesen und Nietzsche sagte: „noch ein Jahrhundert Leser und der Geist selber wird stinken“. Was heißt das: Es heißt, wie Katja Schwab es schrieb:

    „Früher war ich bei der Lektüre der Schriften Benns und Nietzsches vor Bewunderung erstarrt und im Bemühen den Beiden zu folgen, unfähig eigene Gedanken zu entwickeln. Heute ist das anders.“ Eigene Gedanken, eigenes Fühlen, eigener Verstand. Oh, ich sehe eine Welt, in der der Eigene, der Einzige die Mehrheit bildet, in einer Einheit der Vielfalt.

  70. @ Helmut Wicht

    Lieber Herr Wicht,

    Als ich mich vor anderthalb Wochen ungebeten in Ihre Diskussionsrunde einmischte, ging es mir nur darum, Sie über D. Anzieus Entdeckung zu informieren, von der ich mein(t)e, dass sie die von Ihnen erwähnten Depressionsanfälle erklären könnte. Ich ahnte nicht, wie hochkarätig die Teilnehmer waren – der schweizerische Freund, ein wissenschaftlicher Journalist, der mich auf Ihren Blog aufmerksam gemacht hatte, hatte nur geschrieben, dass „Stil und Inhalt“ mir vermutlich gefallen würden – und dass ich mich erst einmal würde legitimieren müssen. Ich glaube, es ist mir mit dem Umweg über Benn und meine „Konfession“ halbwegs gelungen, so dass ich jetzt, den Kreis schliessend, zum Abschied wiederhole : „Könnten nicht diese Depressionen berufsbedingt sein?“ Sie wissen ja: Ich frage ja nur … !
    Es war das erste Mal, dass ich an einem Blog teilnahm. Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, und zwar nicht nur, weil sie mir ermöglichte, meine Interessengebiete anderen mitzuteilen (und sogar, ich denke an Frau Schwab, mit ihnen zu teilen), sondern auch weil ich m i c h da erfahren habe. Ich weiss jetzt, dass ich kein Blogger bin. Mir fehlt dazu das Spontane und Spielerische, ja Legere, das z. B. Sie bei aller Seriosität kennzeichnet.
    Sie waren so freundlich, die Art, wie ich schreibe, schön zu finden. Wie Sie empfindet auch mein hochverehrter Freund, der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt. Ich muss sagen, dass mich Ihrer beider Urteil genauso freut wie stutzig macht: ich würde soviel lieber wie er oder Sie schreiben! (Charmante Deutsche vs. irisköpfiger Franzose : Tod den Klischees !)

    Mit herzlichem Dank und Gruss, auch an all die ausser Ihnen, die mit mir diskutieren mochten, verbleibe ich
    Ihr PF

  71. @ Hilsebein @ Foucher

    Dietmar: danke.

    Ich würde geren noch ein wenig über die (Un?)Möglichkeit der nicht-metaphorischen Rede reden/denken.

    Nachtrag zu meinem Beispiel (der Musculus bizeps): der Muskel ist natürlich auch kein „Mäuschen“ („Musculus“). Ein Atom ist nicht unteilbar und ein String keine Strippe.

    Bevor ich mich jetzt zu der Aussage versteige (was ich eigentlich möchte), das JEDE Rede Metaphorik sei, würd‘ ich mich dennoch gerne über die „Epistemologie der Mathematik“ aufkären lassen, wenn es die denn gibt. Ist die mathematische „Rede“ (ich meine jetzt z.B. eine Gleichung, eine Formel) vielleicht deshalb a-metaphorisch und „rein objektiv“, weil sie von puren Formalismen handelt, denen gar keine „Dinge“ zugeordnet sind?

  72. @ Foucher

    Werter Herr Foucher!

    Unsere letzten Beiträge haben sich gekreuzt, und jetzt muss ich leider loslaufen, eine Anatomievorlesung zu halten und einen Präparierkurs zu geben.

    Ich würde mich arg freuen, wenn ich Sie bei Gelegenheit mal wieder als Gesprächspartner gewinnen könnte, hier im Blog, oder sonstwie.

    Falls Ihnen der Sinn nach etwas heitereren Formen der Auseinandersetzung mit der Anatomie steht — ich nehm‘ mir die Freiheit, Sie auf „Wichts Winkel“ unter
    http://www.gehirn-und-geist.de
    zu verweisen, da geht’s ähnlich verkopft, aber lustiger zu.

    Denn wir alle im Netz hier tragen verschiedene Masken und spielen Spiele auf vielen verschiedenen Bühnen, erpoben uns, indem wir unsere Masken proben.

  73. @ Helmut Wicht

    Wie gesagt: Abstraktion ist nicht meine Stärke … Eine Antwort auf Ihre letzte Frage könnten Sie vielleicht in Bachelards Der neue wissenschaftliche Geist (Suhrkamp, 1988) erhalten. Vielleicht, ich habe das Buch nicht gelesen. Aber es scheint mir plausibel.

  74. @ Helmut Wicht

    Gibt es nicht in der Anatomie den Begriff „antagonistische Muskeln“? Wenn ich mich richtig erinnere (Wie gesagt: Bibliothek .. Kartons … 250 Km von hier), inspirierte er Marx (über Kant?) zu demjenigen des Klassenkampfes …
    Also Ja, Anzieus Entdeckung zeigt es, die Metapher ist zumindest mit ein Grundstein des menschlichen Denkens und, also, der menschlichen Rede, würde ich auf die Schnelle sagen. Laut Bachelard (Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes) ist es aber auch der Grund gewesen, weshalb die Naturwissenschaften so lange nicht vorankamen. Erst als die Forscher sich überkommener Metaphern bewusst wurden und, um diesen von der Sprache gestellten Fallen zu entgehen, zu mathematischen Formulierungen (z. B. von der Alchemie zur Chemie) übergingen, wurde – um mit einer Metapher zu schliessen ! – der neue/neuzeitliche wissenschaftliche Geist geboren.

  75. 3., betrübter Nachtrag

    Die Metapher ein „Grundstein“ des menschlichen Denkens: Damit wurde unwillentlich die Probe aufs Exempel gemacht, dass das Reden in Metaphern eine gefährliche Sache ist !

  76. @ Foucher

    Wie schön, dass Sie noch da sind!

    Eben wird’s spannend. Deshalb vielleicht, weil ich Ihren Begriff von der „Metapher“ zu eng genommen habe, ihn wirklich nur als „Trope“, als uneingentliche Bezeichnung verstand.

    Chemie und Alchemie – lassen Sie mich doch noch mal den Begriff von der „Analogie“ aufgreifen, der am Anfang unserer Unterhaltung stand. Die „vorwissenschaftlichen“, „magischen“ Naturwissenschaften arbeiten mit Analogien (die romantischen übrigens auch): makroskosmisch-mikrokosmische Entsprechungen vor allem. Man denke, sofern man in der Alchemie bleiben will, an Sonne/Gold und Mond/Silber, den Hermes Trismesgistos und das Quecksilber.

    Ist es das (was ich das „Analogische“ nennen würde) das Sie mit „Metapher“ meinten?

    Diese „analogische“ Rede von der Natur ist innerhalb der modernen Naturwissenschaften fast ganz und gar durch eine „kausalanalytische“ Rede verdrängt worden – wohl schlicht deshalb, weil die Anrufung des Hermes Trismesgistos Silber NICHT in Gold zu verwandeln mag, der Beschuss mit Neutronen aber schon (allerdings zu teuer..). Und in einer Welt, die auf Technolologien zur Naturberrschung zielt, ist das ja auch gut so. Nur was man (kausal) durchkonstruieren kann, hat man verstanden (Kant). Verstanden in dem Sinne, dass man es beherrschen kann. „Der Mann der Technik kennt die Dinge, sofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr ‚An sich‘ ein ‚Für ihn‘.“ (Adorno)

    Doch ist der Mond silbern und die Sonne golden. Und ICH frag‘ mich halt, ob sich die Natur in der „analogischen“ Rede, uns nicht AUCH erschliesst. Halt nicht so, dass man daraus eine Herrschaftstechnik ableiten könnte. Aber doch soweit, das man auch dieser Form der Rede über die Natur einen gewissen „Wahrheitswert“, ja, sogar einen gewissen wissenschaftlichen Wert beimessen kann.

    Seh’n Sie: deshalb bin ich Anatom geworden. Weil es hier „noch“ geht. Wie könnt‘ ich meinen Studenten die Achillessehne zeigen, ohne die halbe Ilias gleich mitzuerzählen .. ich kann es nicht. Am Faden der Achillessehne hängt ein Kosmos vom Geschichten und ein Kosmos von Geschichten verdichtet sich in ihr zu einem Namen.

    Achill war dort verletztlich, unter des toten Hektors Achillessehnen hindurch wand er das Seil, an dem er Hektors Leichnam um Troja schleifte. Dort traf Achill Paris‘ Pfeil, Verletzungen jener Sehne hielt Hippokrates für tödlich, unter jene Sehne hindurch stösst man den Haken, an dem man tote Ochsen im Schlachthof hängt.

    Ist das irrelevant? Nein. Das ist, um’s mit Monika Armand zu sagen: „AHMAZ“. Alles hängt mit allem zusammen. Es gibt kausale Zusammenhänge, die alle Schichten des Seienden durchdringen. Aber es gibt auch andere. Die Dinge sind nicht nur kausal aufeinander verwiesen, sie verweisen auch ästhetisch aufeinander.

    Und ich weiss nicht so recht warum: aber ich halt‘ das für wichtig.

  77. @ Helmut Wicht

    Wunderschön!
    Ich stimme Ihnen voll zu (bis auf die Stelle, wo Sie erwägen, dass „dieser Form der Rede über die Natur … sogar einen gewissen wissenschaftlichen Wert beimessen“ könnte : das glaube ich nicht. Aber nichts befugt mich wiederum dazu, darüber zu befinden) und d a n k e Ihnen, dass der sensible Naturforscher, der Sie sind, den etwas drögen Literaturliebhaber, der ich bin, zur schöpferischen Träumerei ermuntert.
    Das Wort Metapher benutze ich als das, was es von Haus ist : einen Begriff aus der Rhetorik (Rhetorik im Sinne von Repertoire der Sprachfiguren). Eine Metapher ist ein kurzgeschlossener Vergleich (= bei dem das verbindende Wort ‚wie‘ ausgelassen wird, so dass beide verglichene Gegenstände bzw. Gebiete sozusagen in eins fliessen).
    Gestatten Sie mir, Sie zu bedrängen : lesen Sie den deutschen Wikipedia-Artikel über Bachelard, er ist ausgezeichnet. Sie werden entzückt sein zu entdecken, dass dieser wirklich grossartige Rationalist es gewusst hat, sich für den Zauber der „materiellen Imagination“ offen zu halten und die zweite Hälfte seines geistigen Lebens der (bejahenden) Untersuchung der in der über die Materie „träumenden“ menschlichen Psyche entstehenden Phantasien widmete. Sehr schade, dass nur drei von den Büchern, die er ab der Psychoanalyse des Feuers schrieb, ins Deutsche übersetzt wurden. Aber dieses Buch wird Sie wenigstens seine grosse Subtilität ahnen lassen.

  78. Metaphern

    Frau Ypsilanti wurde von vier Abgeordneten „im Stich gelassen“.
    B.Obama hat „die letzten Hürden“ zur Präsidentschaft überwunden.

    Beide Sätze sind unwahr, niemand wurde erstochen, keine Hürde wurde übersprungen, aber jeder weiß, was gemeint ist, was der wahre Sinn der Sätze ist.

    Metaphern sorgen für Anschaulichkeit, unterstützen die Darstellungsfunktion der Sprache.

    Falsche Metaphern können jedoch auch in die Irre führen.
    Zum Beispiel finde ich die linguistische Metapher „Kodierung“ für die Umwandlung von Worten in Vorstellungen irreführend, finde dafür den Begriff „Komprimierung“ zutreffender.

    Nach Nietzsche gehört die christliche Metapher vom „Himmlischen Vater“ zu den großen Lügen, die unsere Moral verdorben haben.

    Ohne Metaphern kommt die Mathematik aus, „weil sie von puren Formalismen handelt, denen gar keine „Dinge“ zugeordnet sind“ (wieder eine der schönen Formulierungen vom „Heimwerker“).

    „An der Matratze horchen“ ist angesagt,

    S.R.

  79. Hobbybotanik eine Lösung?

    Moin!

    „Das mit dem Nachwachsen, das muss ich noch in den Griff kriegen.“

    Möglicherweise ist eine naivere Herangehensweise eher zielführend. Ich denke da an die Übertragung der fernöstlichen Bonsai-Gartenkunst zur Wuchsbegrenzung auf den seelischen Bereich. Wenn Du Deine Neurosen nicht loswerden kannst, lasse ihnen Pflege angedeihen. Und das wäre durchaus mit Deiner Heimwerkermentalität vereinbar.

    Munter bleiben… TRICHTEX

  80. @ Steffen Rehm

    „Metaphern sorgen für Anschaulichkeit, unterstützen die Darstellungsfunktion der Sprache“ : ja! Sie sind ein Mittel der Expressivität.
    Aber sie leisten noch mehr: sie erschaffen Neues. Sie sind eine Produktion des schöpferischen denkenden-sprechenden Menschen, und es könnte sein, dass diese Kreation auf dem Gebiet der Metaphysik Erkenntniswert hat („Dieu sensible au coeur“ Pascal). [„Es könnte sein“ : Ich muss gestehen, dass ich da sehr zaghaft oder kleinmütig bin].
    Der naiv/spontan sich äussernde Mensch denkt-spricht in Metaphern. Für den um saubere Begriffstrennung bemühten Denker sind sie ärgerliche Denkfehler, aber da, wo der Mensch über sich, Gott und die Welt sinniert, sind sie vielleicht der Zugang zur Einsicht in suprarationale Zusammenhänge. Jedenfalls ahnte Benn richtig (wenigstens der junge Benn, Frau Schwab!), dass sie „eine Art Vision“ sind.
    Wir üben halt mal die reine, mal die praktische Vernunft bzw. mal den esprit de géométrie, mal den esprit de finesse (Pascal) aus. Es kommt darauf an, sie am passenden Ort/Objekt anzuwenden (Naiv von mir?). Ich meine wieder einmal, dass Anzieus Entdeckung uns vor Augen führt, dass da, wo der Mensch sich mit den „letzten Dingen“ befasst (dem Alpha, das er sich selbst ist, und dem Omega, nach dem er sich sehnt), die Metapher d e r Operator seines Denkens oder besser Dichtens ist.
    So ungefähr !

  81. Pierre Foucher

    Vielen Dank,

    Mir ist nicht klar, welche „Entdeckungen“ von D.Ansieu hier gemeint sind.
    Dazu kommt, daß ich wenig Zutrauen zu den Schülern von Freud und Lacan habe, deren Theorien teilweise entsetzlich irreführende Metaphern enthalten (z.B. den „Ödipus-Komplex“).
    Bisher habe ich nichts von Ansieu gelesen, nur über ihn bei Wikipedia.
    Demnach hat er sich wohl von Freud und Lacan entfernt und seine Theorie aus dem „Haut-Ich“ entwickelt, also aus der sensiblen Körpergrenze des Ichs.
    Wenn ich den kurzen Wiki-Artikel richtig verstehe, richtete sich sein Interesse vorwiegend auf die Grenzen bzw. Grenz-Erfahrungen der Menschen, aus denen Erkenntnisse gewonnen werden können.
    Das ist sicher ein interessanter Ansatz, aber weshalb die Metapher der Operator des Denkens und Dichtens sein soll,
    wird mir damit noch nicht verständlich.
    Sind nicht alle Wörter als Operatoren des Denkens und Dichtens im Gebrauch?
    Speziell die mathematischen Begriffe?

    Mit Grüßen

    S.R.

  82. @ Steffen Rehm

    Warum die Metapher d e r Operator usw. ? Da ich mich nicht mehr so sehr auf diesem Blog breitmachen möchte, erlaube ich mir, Sie auf meine Einsendungen vom 27.10., 28.10. und 04.11. (Fortsetzung) hinzuweisen.

  83. @ Steffen Rehm

    Die Einsicht kommt spät … Ich denke, Sie haben recht: ich übertreibe das mit der Metapher wohl etwas. Aber ich bin sooo begeistert von Anzieus Haut-Ich ! Richtig verliebt …

  84. @ TRICHTEX @ Foucher

    @ TRICHTEX

    ..auch hier? Wie schön. Weia, die Baustellen hier werden allmählich genauso anstrengend wie die früher in d.r.m. Aber Deinen Rat will ich gerne befolgen, ja, ich befolge ihn schon: denn was tu ich hier anderes als das, was ich in d.r.m je tat – meine Neurosen wässern.

    @ Foucher

    Artikel über Bachelard gelesen. Der IST gut, danke. Allerdings: blankes Entsetzen meinerseits. Einer Einsicht halber, denn ich fand einen Stereotypen, einen immer wiederkehrenden Defekt meiner Ratio bestätigt: das französische Denken ist mir ebenso fremd, wie seine Sprache. Erlauben Sie mir, zu einer Metapher zu greifen: dort werden mit feinem Pinsel Grisaillen gemalt, wird mit dem Stichel fein radiert, dort werden feine Netze gewoben, in denen sich alles verfängt. Ich hingegen verfertige Holzschnitte, schneide mit groben Messern in zähe Matrizen, knote grobmaschige Netze aus derben Tauen, mit denen man vielleicht den schrecklichen Leviathan vom Grunde des Meeres, nicht aber die nahrhafte, flinke Sardine von seiner Oberfläche fischen kann.

    Kurzum: ich denke wie ein Boche, ich schreibe wie ein Boche, in bin ein Boche. Dort werden Menuette getanzt, ich führe eine Holzschuh-Polka vor.

    Ich hab‘ da WIRKLICH ein Problem: ich SOLLTE das alles rezipieren, ich SOLLTE über den Begriff der „Surrationalität“ nachdenken (ohne ihn einfach als einen vom „Surrealismus“ geborgten Slogan abzutun, was ich allerdings momentan noch tue).

    Ich bin aber ein Boche. Ich will staunend vor all diesen schillernden Oberflächen stehen, wie der Boche im Spiegelsaal von Versailles, und sie dann alle zerschmeissen und durch die Scherben hindurchfallen in’s Maul des Leviathans, der aus der Tiefe steigt.

    Ich bin zu blöde, ich bin zu grob für französische Philosophen. Cioran hab‘ ich noch verstanden. Aber der ist ja Rumäne, und kommt aus einer noch dunkleren Ecke der Welt. Die Denke der Franzosen ist mir — wie sagt man — zu hell, zu licht, zu luzide. Ich will die Tonnen von Blei spüren, die mir mein Sein angehängt hat. Ich will – verzeihen Sie erneut die Metaphern – Karfreitag, nicht Pfingsten. Den jener geht diesem voran: erstmal muss man das Denken kreuzigen, bevor es – wiederauferstanden – erleuchten kann. Alles gehört aber erstmal zerschmissen.

    Ich will, mit anderen Worten, in’s Dunkel. Die Welschen, mit der Helligkeit ihres Intellekts, sind da eher störend.

    Was Sie bitte als ein Kompliment lesen wollen.

  85. @ Helmut Wicht

    Lieber Herr Wicht,

    Sollte Ihre Selbstbezichtigung stimmen, eines wenigstens steht fest: Sie können wunderbar schreiben und einen zum lauthalsigen Lachen bringen, was immer eine Wohltat ist.
    Hoffentlich liegen Sie jetzt nicht in Scherben am Boden! Aber, bevor Sie Ihr deutsches Ambiente wieder aufnimmt: tun Sie sich bitte jetzt noch die Tortur (ich meine: die Freude)an, Die Psychoanalyse des Feuers zu lesen!
    Im Vorfeld (scheussliches Wort!) seiner Untersuchung der Bildung des wissenschaftlichen Geistes hat Bachelard Lehrbücher der Physik und Chemie (vielleicht auch der Medizin, ich weiss es nicht mehr) aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert gewälzt, darunter auch Handbücher der Alchemie. Nachdem er dieses Material in erkenntnistheoretischer Absicht kritisch gelesen hatte, hat er es später, zusammen mit literarischen Werken (Novalis, Poe u.v.a.m), wieder verwendet als „Steinbruch“ für seine passionierte Untersuchung der von ihm so genannten „materiellen Imagination“. [Übrigens, ich habe inzwischen herausbekommen, dass der Wikipedia-Artikel 2006 von einem Daniel Wagner, Student – wohl Doktorand – bei Prof. Franz Martin Wimmer in Wien, stammt].
    Das mit dem Boche:
    1. Glauben Sie mir, das Wort ist bei uns nicht mehr im Umlauf.
    2. Es ist halt so: unsere jeweiligen Kulturen haben sich anders entwickelt. Das ist es ja auch, was sie – bei gewissen Individuen, bis zu einem bestimmten Grad oder Zeitpunkt jedenfalls – füreinander so attraktiv macht. Ich – habe bis zu meinem 25. Lebensjahr Deutscher sein wollen. Fast 40 Jahre später ist mir alles Deutsche fast gleichgültig. Alles Zeitgenössische Deutsche. Vielleicht ein Zeugnis davon, dass ich alt geworden bin.
    Allerdings war mein Schüler Charlie (ein wirklich charmanter Junge, aber in Deutsch eine absolute Niete) erst 14, als er mir am Ende unseres ersten gemeinsamen Schuljahres 1995 verriet : „Ich mag die Deutschen nicht. Ich mag die Art nicht, wie sie Fussball spielen“.
    Wohlgemerkt : er sagte „die Deutschen“, nicht „die Boches“!
    Und hiermit verabschiedet sich
    Ihr PF

  86. @ Focher

    „Boche“…ich MUSS diesem Witz erzählen, in der Hoffnung, dass Sie auch den belachen (danke für die Blumen mal wieder).

    Also, der Witz:

    Irgendwo in USA, Interview mit einem fiesen, schwarzen Gangsta-Rapper, Goldketten, drei Rolexe am Handgelenk usw. Irgendwas über Rassenprobleme und „politically correct speech“.

    An‘ he says:
    „Nigger???
    I stand in front of the mirror every morning an‘ say to myself ‚NiggerNiggerNigger…‘ a hundred times — it makes my teeth white!“

    SO hab‘ ich den „Boche“ gemeint. Wär’n Sie Schweizer, hätt‘ ich „Sauschwoob“ geschrieben. It makes my thoughts deep.

    Ok, Psychoanalyse des Feuers … na dann.

  87. @ Helmut Wicht

    Eine letzte, (zum Glück nicht Ihnen ins Grab) nachgeworfene Blume : Herr Wicht, mit Verlaub, Sie sind eine Wucht !

  88. @ Foucher

    „Herr Wicht, mit Verlaub, Sie sind eine Wucht !“

    Als er hörte, dass er von der Menge gelobt werde, sagte er: „Was hab‘ ich denn falsch gemacht?“ (über Antisthenes)

  89. @ Hilsebein

    Hochverehrter Herr Hilsebein,

    Ist Ihnen vielleicht entgangen, dass Herr Wicht inzwischen eine neue Kolumne („Goebbels und die Anatomie“) veroeffentlicht hat? Anders naemlich kann ich mir Ihr Schweigen nicht erklaeren _ genuegte doch schon der Versuch eines versprengten Galliers, auf dem Kapitol Fuss zu fassen, um Sie Alarm schlagen zu lassen.
    Jetzt ist die Gefahr aber unvergleichlich viel groesser! Die Unterrichtsmethode, die Herr Wicht in seinem neuen Text beschreibt, berechtigt zu der Befuerchtung, dass sie 500-koepfige Mengen in Raserei versetzt. Ist Ihr Freund denn blind? Und Sie vielleicht taub geworden? Wenn schon e i n Gallier fuer Sie eine Menge bedeutete, dann ist es jetzt ein ganzes Meer, das den Kapitol-Felsen um- und unterspuelt!
    Ich flehe Sie an, schnattern Sie unverzueglich wieder los! Wecken Sie Herrn Wicht, oeffnen Sie ihm die Augen fuer seinen unglaublichen Irrtum! Ja, reissen Sie den ganzen roemischen Adel, als dessen Mitglied Sie sich mit so viel Recht verstehen, aus seinem allzu seligen Schlaf! Vielleicht sollten Sie sogar noch weitergehen und diesen Unvorsichtigen in seinen Reihen denunzieren. Diesen Unvorsichtigen? Diesen Intriganten, der es offenbar darauf abzielt, sich von der Plebs an die Macht hieven zu lassen!
    Zutiefst besorgt, doch gleichzeitig voller Vertrauen, dass es Ihnen wieder einmal gelingt, die Elite vor dem Mob zu retten, verbleibe ich
    demuetigst und vergebenst
    Ihr PF

  90. @ Foucher

    Bei Namen wie Goebbels, Göhring, Hitler klingeln bei so manchen die Ohren. Sie alle waren Getriebene -auch das Volk, welches nur zu gerne das Hirn an der Garderobe abzulegen bereit war. Hitler war nicht das Problem. Das Problem waren all jene, die in Unmündigkeit verharrten, weil es bequemer ist, andere für sich denken zu lassen. Das alles hat Kant schon geschrieben auf die Frage: „Was ist Aufklärung?“ Daher, lieber Herr Foucher, werde ich einen Teufel tun, andere aufwecken zu wollen. Für die Aufklärung, d.h. „sich seines Verstandes ohne Zuhilfenahme eines anderen zu bedienen“, ist jeder Einzelne selbst verantwortlich.

  91. Am ersten Tag

    da hat ein Helmut die Hydra die Ihn plagt beschrieben, natuerlich hat wieder keiner genau hingehoert, oder vielleicht doch einer-zitat es ist schon eigenartig – Ihr – gemeint wir Studenten (anm. ausser mir) bleibt immer gleich jung und ich-gemeint Helmut von sich selbst- werde immer aelter-
    Die Zeit bleibt stehen, aber doch nicht!
    Gefuehlt habe ich gesagtes aber als Student der eigentlich keiner mehr sein darf da ich im Schweinsgalopp und ebengleicher postur ins Rentenalter Rase, Ihr seid wieder der gleiche ungeschliffene junge Haufen, den ich zu Aerzten machen soll—- Und obwohl der Wicht , der nun wirklich keine solcher ist-immer geuebter darin werden sollte, ob der Erfahrung und seines Talents- nimmt man Ihm stets mehr als er geben kann- ES FEHLT DER KOPF DER MEDUSA
    Aber eben ist was anders, ich sehe, noch lernen Du musst.
    Ach, haben Brosamen etwas mit Brother zu tun?
    Alles wird gut, confia

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