Ein akademischer Witz samt Schimpf und Schande

"Sie sind nun", sage ich zu meinen Studenten, die in der grossen Anatomievorlesung des ersten Semesters sitzen, "an der Uni, Sie sind Studenten, Sie sind Akademiker. Akademiker nennt man uns, weil der olle Plato seine Philosophenschule in einem Wäldchen bei Athen gegründet hat. In dem Wäldchen stand ein Tempel für einen gewissen Herren Akademos. Das war ein Athener Nationalheld, der die Stadt vor den Spartanern gerettet hat. Also nannte man den Hain, später die ganze Philosophenschule die 'Akademie'."

Die Studenten gucken konsterniert. Was hat das mit Anatomie zu tun?

"Da haben wir", so fahre ich fort, "als Akademiker aber Glück gehabt. Der Plato hätte sich mit seinen Studenten ja auch im Peristyl, also in der Säulenhalle irgendeines Tempels treffen können. Dann würden wir jetzt 'Peristaltiker' heissen."

Kein Schwein lacht. Weil sie ungebildet sind, nicht wissen, dass es eine Philosophenschule gab (die des Aristoteles), die man "Peripatetiker" nannte, worauf die "Peristaltiker" onomatopoetisch anspielen. Gar nicht zu reden davon, dass keiner weiss, dass "Onomatopoiesis" "Lautmalerei" heisst, und erst recht nicht davon zu reden, dass keiner von diesen pragmatischen Deppen noch irgendeinen Sinn für die klangliche Schönheit eines solchen Wortes hat. Sagen Sie das doch mal halblaut vor sich hin: "Onomatopoiesis" … das ist kein Wort, das ist Musik.

Statt dessen fragt man mich: "Müssen wir das bei der Prüfung in drei Wochen wissen?"

Und ich antworte: "Nein, das Wort 'Peristaltik' müssen Sie erst im übernächsten Semester, bei der Besprechung des Darmes lernen, in der Zwischenzeit können Sie sich ruhig ihrer relevanz-induzierten cerebralen Obstipation widmen."

Wieder lacht keiner, und diesmal zu recht: es war ja eine Beleidigung. Und es ist mir danach, diese obstipierte Bagage, die nichts nötiger hätte, als das Relaxans des Wissens um des Wissens (und nicht: um eines Zweckes) willen, zu beschimpfen. Sie wirklich Peristaltiker, im besten Helmut Kohlschen Sinne: "Wichtig ist, was hinten 'rauskommt!". Ein Schein, ein Prüfungserfolg, ein akademischer Titel, ein dickes Bankkonto, ein Haufen Scheisse. WAS man da aber verdaut – völlig egal. Wissen ist Mittel zum Zweck. 

Endlos könnte ich weiterschimpfen, über die Unsitte der "Kurzlehrbücher" (je dünner je besser, Wissen auf die "Essentials mit Nutzanwendung" reduziert), den Verlust jeden spielerischen Umgangs mit Gewusstem, die stupide Fixierung auf den "klinischen Bezug" (wir sind hier in der Medizin), die Ausmerzung jedes historischen oder gar kritischen Kontextes, die Verwechslung von Bildung mit Ausbildung…


…endlos könnte ich so weiterschimpfen, wenn mir nicht zwischendurch einfiele, dass das DIE Generation ist, die ich (naja: nicht im Alleingang) gezeugt habe, dass das die Kinderchen sind, die demnächst in 12 Jahren zum Abitur gepeitscht werden, dass sie die treuen Abbilder einer durchökonomisierten, effizienzorientierten, auf "Leistung" und "Elite" fixierten Gesellschaft sind, die durch MEINE Generation repräsentiert und zum Teil auch geschaffen wurde.


Und dann kotze ich mich selber an…

 

Postscriptum:

In einer ersten Version dieses Textes hatte ich das Wort "Peripatetiker" doch glatt mit "th" ("Peripathetiker") geschrieben. Ein kluger Herr namens Fischer hat mich in "www.wissenswerkstatt.net" darauf aufmerksam gemacht, das dieses "h" ein Zeichen der Unbildung des DOZENTEN ist, womit er vollständig recht hat. Der "Peripathetiker" ist keineswegs der "Umhergehende", der er sein sollte, sondern der "Umherleidende" – was aber das Wesen des Hochschullehrers auch ganz gut beschreibt.

Kurzum, ich bin selber schon ein Opfer der Ignoranz, die ich beklage. Latinum hab' ich. Graecum, zu meinem grossen Bedauern, nicht. "Denk' praktisch!", hat man mir damals gesagt. "Lern' lieber Englisch, das ist nützlicher!"

Tja. Peinlich. Und auch ein Herr namens "Marc", der mich darauf hinwies, dass die Verstopfung im Lateinischen ohne "r" ("Obstipation") geschrieben wird, hat recht. Ich werde in mich gehen und es demnächst mit einer orthographisch korrekten Selbstbeschimpfung versuchen.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht uptodate

    Lieber Herr Wicht,

    solche Witze darf man heute doch allenfalls machen, wenn es im Hörsaal WLAN gibt und sich die Studenten die Begriffe ergoogeln können — dabei dürfte manchen das fehlerfreie Tippen schon schwer fallen. Fehlersensitive Suchmaschinen kommen aber auch diesem Bedürfnis entgegen.

    Wann wird eigentlich die Medizin verbachelor- und vermasterisiert? Dann wird’s ja noch weniger Möglichkeiten für Ihre Zöglinge geben, über den disziplinären Tellerrand zu blicken.

    Apropos Abitur: Nicht nur die 12 Jahre, auch das Zentralabitur trägt seinen Teil dazu bei; aber als Mediziner (Physikum, Staatsexamen), dürfte man das ja gewohnt sein.

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  2. „Bildung“

    Trösten Sie sich: die eigentliche Bildung kommt nach der Schule oder sie kommt gar nicht! Das Anhäufen nutzlosen Wissens ist noch lange keine Bildung! Bildung ist unmittelbar mit erleben/erfahren verknüpft. Doch was soll erlebt und erfahren werden, wenn es den Menschen an der Sensibilisierung gebricht?

  3. Nachtrag

    Wie sagte Nietzsche so schön: „Müßiggang ist aller Psychologie Anfang“. Wenn aber Kinder schon im Hamsterrad laufen, dann wird wohl der Mensch auf seine Psyche vergeblich warten!

  4. @ stephan schleim

    Lieber Herr Schleim,

    ach, es ist mir ernst. Die „Begriffe“, mit denen ich zu spielen scheine, und die die Studenten sich als lästige, zu „ergoogelnde“ oder im Wörterbuch nachzuschlagende Ärgerlichkeiten ansehen, sind mir das, was meine Welt zusammen hält. Sie sind, um nah am Wort zu bleiben, der „Griff“ (wie der Stiel einer Pfanne), der es mir erlaubt, die Welt überhaupt zu greifen. Ja, mehr noch: ich glaube, dass die Welt aus ihnen besteht, und nicht aus den Dingen, die sie vermeintlich bezeichnen. Ich bin, mit anderen Worten, der harte idealistische Kern. Jenseits dessen, das sich auf den Begriff, in Sprache bringen lässt, ist nichts.

    Dennoch ist es dieses Unaussprechbare, das „ineffabile“, dem alle unsere Begriffe zustreben. Aber das gehört, glaub‘ ich, in den Theologieblog, dessen Besitzer keine Antworten gibt.

  5. Begriffen

    Auch ich bin durchaus logophil (von logos als Wort, nicht Verstand; wobei Sie mit Ihren Begriffsmetaphern da vielleicht keinen großen Unterschied sehen), doch hätte ich mein Studium so angelegt, wie es die Grammatiküsse, wie ich sie leicht provozierend zu nennen pflegte, mir empfohlen hatten — das BAFöG hätte bei weitem nicht gereicht. Da hieß es, bevor man Nietzsche lese, müsse man ohnehin erst einmal Schopenhauer lesen; und den ohne Hegel, das gehe schon gar nicht; und außerdem Kant, ja, eine lange Liste bis zurück zu den Vorsokratikern.

    Bertrand Russell hat vor ca. 100 Jahren in einem Aufsatz (In Praise of Idleness; dt. Über den Müßiggang) ein Gesellschaftsmodell vorgeschlagen, in dem wir den stetigen Zuwachs an Produktivität nicht dazu verwenden, die Arbeitskraft wegzurationalisieren, sodass sich der Wohlstand weniger vermehrt, während die Arbeitszeit vieler konstant hoch bleibt, sondern umgekehrt bei konstantem (und hohem!) Wohlstand die Arbeitszeit aller zu verringern. In so einer vier-Stunden-am-Tag-Welt hätte jeder noch gut zwölf Stunden Zeit, dem nachzugehen, was ihm Freude bereitet. Russell dachte da natürlich an Kulturelles, Sie an Begriffslehre. Oft ist es aber doch so, dass man schon froh sein muss, wenn einem umgekehrt die vier Stunden vom Tag noch bleiben!

    Man hat Russell den Nobelpreis für Literatur verliehen — aber seine Vorschläge (auch die zur Pädagogik), die hat man nicht weiter verfolgt.

    Außerdem sehe ich die Welt nicht nur in Begriffen, sondern auch in Bildern und Tönen zusammengehalten; und dafür muss ich kein Pythagoräer sein — sondern einfach Aisthet!

    Guten Abend,

    Stephan Schleim

  6. @ stephan schleim

    Bevor man Nietzsche liest muß man die Bibel lesen. Was wäre das NT ohne Zarathustra und umgekehrt? Und Schopenhauer? Gewiß, wenn es um den „Willen“ geht! Und Kant? Gewiß, wenn es darum geht, daß Begriffe ohne Anschuung leer und Anschauung ohne Begriffe blind sind!

  7. Als mein Mathelehrer nach dem einschlägigen Kurs den e-Funktions-Witz erzählte (Treffen sich zwei Funktionen im Koordinatensystem, sagt die eine „hau ab, oder ich differenzier‘ dich“, sagt die andere: „macht doch, ich bin die e-Funktion“) und B. dies quittierte mit „das hab ich nicht verstanden“, muss er sich ähnlich gefühlt haben. Aber an Mathe ist noch keiner gestorben :/ hoffe ich einfach mal, dass auch hier nur die „lauten“ auffallen und dass ich nie ernsthaft krank werde (Peristaltik weiß sogar ich noch! Und ich bin Mediengestalterin und mein Bio-Grundkurs ist 14 Jahre her!).

  8. Kurzlehrbücher

    Ich sehe das weniger strikt. Kurzlehrbücher sind nützlich, um sich auf ökonomische Weise Wissenspotenz zu schaffen, also die Basis spielerisch – kreativen Umgangs mit den Möglichkeiten. Schauen Sie mal in die alten DDR-Langlehrbücher, die bringen m.E. jegliche Gehirnperistaltik (ich bin kein Mediziner) zum absterben.
    Ich kenne viele junge Leute, die sich nicht nur zur Erreichung eines Ziels optimieren und die werden bei veränderten Anforderungsbedingung auch nicht gleich von der Selektion dahingerafft werden.

  9. Distanz zwischen Professor und Student

    Vorneweg: Ich stimme Ihnen zu, dass der eigentliche Sinn und Zweck des Studiums inzwischen nur noch auf Arbeitsmarkttraining reduziert wird. Das ist beklagenswert.

    Aber wie sollten Sie dem als Hochschullehrer begegnen? Indem Sie Ihre Studenten beleidigen?

    Bei allem verständlichen Ärger, aber das animiert die Studenten nicht wirklich dazu, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Eher im Gegenteil.

    Meine Studienzeiten sind noch nicht so lange her, daher überlege ich mir, was ich an Stelle der Studenten gedacht hätte. Wahrscheinlich: „Was für ein arroganter, elitärer Kerl“.*pardon*

    Man kann über die gesellschaftliche Entwicklung lamentieren und klagen. Das alleine bringt es aber nicht.

    Man muss die Studenten schon da abholen, wo sie stehen. Da müssen Sie leider Ihre Ansprüche schon runterschrauben und herausfinden, was den Studenten wichtig ist und selbständiges und ganzheitliches Lernen fördern, soweit es im Rahmen der Lehrveranstaltunge geht.

    P.S.: Nicht böse gemeint, sondern als konstruktive Kritik.

  10. @

    Ich muss zu meiner Schande, zugleich aber auch zu meiner Entschuldigung anführen, dass ich mir den zweiten Satz, den mit der „Obstipation“, als wörtliches Zitat selbst untergeschoben habe. Ich dachte mir das, äusserte es aber nicht. Den Witz mit den Peristaltikern aber habe ich gemacht. Und endlich, auch das zu meiner Entschuldigung: mein ganzer Beitrag, in dem ich mir gewisse literarische Freiheiten zugestanden habe, um ein Stimmungsbild von der Uni zu zeichnen, läuft ja auf eine Selbstbeschimpfung hinaus.

    Ich halte das, was momentan an den Universitäten geschieht, wirklich für verderblich und ich bin, so denke ich, lange genug dabei, um es erkennen zu können.

    Als ich in der Anatomie anfing, vor 17 Jahren, hatten wir etwa 300 Studierende. Jetzt sind es 600. Natürlich hat sich an der räumlichen und personellen Ausstattung unseres Institutes seither nichts geändert. Vermassung nennt man das. Angesichts dieser Massen wird der Hochschullehrer mehr und mehr zum (verzeihen Sie das harsche Wort) „Dusselsieb“. Prozentual sind die Dussel nicht mehr geworden. Absolut aber schon, und die Zeit, die man früher darauf verwenden konnte, die guten zu fördern, verbringt man jetzt mit der Elimination derer, die den (harschen) Anforderungen nicht gerecht werden. Endlose Prüfungsmarathons, wirklich.

    Neuerdings werden Studienbeiträge gefordert, zumindest in Hessen. Wen wundert’s da, dass die Studierenden mit dumpfer Konsumentenhaltung an die Alma mater kommen? „Geiz ist geil“, und so wird, weil er nicht in Euro und Cent zu berechnen ist, zunächst mal am Geist gegeizt – von Studierenden _und_ Dozenten. Der Präsident _meiner_ Alma mater redet, so sagt man mir, von einer „Kontraktualisierung der Universität“. Vertrags- (und damit eben auch: Finanz-) verhältnisse sollen den Umgang aller mit allen an der Uni regeln. Der Mann ist, wen wundert’s, Jurist. Mir graust’s.

    Dazu noch der Bologna-Prozess. Alle Unis in ganz Europa curricular über einen Kamm scheren, aber zugleich „Elite-Universitäten“ forden — ja, da fragt man sich doch, an was für Klippschulen die Politiker studiert haben, die sich so einen selbstwidersprüchlichen Blödsinn ausdenken.

  11. Ist das wahr? An den Unis wird mehr gesiebt, weil das Geld zu knapp wird? Auf der anderen Seite liest man von Fachkräftemangel und daß man mehr Akademiker bräuchte, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

    Was könnte man denn ändern? Das ist ja nicht nur eine bildungspolitische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage. Ist die Jugend wirklich materialistischer ausgerichtet? Ist das dieser Zeitgeist, dem man kaum entfliehen kann? Dann wird man daran sicherlich nicht viel ändern können.
    Durch Bildung und Erziehung? Der Einfluß wird wohl nicht so groß sein. Die Konsumgesellschaft hat da doch einen vielen größeren Einfluß und fast alle machen mit. Und wenn ich mir so anschaue, wie viele heute mit dem Thema Beziehung umgehen – was man so Beziehung nennt – dann kann ich nur noch zum Schluß kommen, man konsumiert auch Menschen, sich selbst. Aufreißen, leertrinken, wegschmeißen. Wie eine Cola Dose.

    Einige sind ja auf den Trichter gekommen, man müßte den jungen Leuten, der Gesellschaft wieder Werte vermitteln. Ja, aber wer bitte schön soll das tun? Werte leben heißt eventuell Nachteile in kauf zu nehmen. Machen das die Politiker, die die Werte fordern? Legen sie sich auch mal mit den einflußreichen Lobbyisten an, um den Willen des Volkes durchzusetzen?
    Wer nicht auch auf seinen Vorteil bedacht ist, der hat Nachteile. Deshalb machen so viele mit. Dem kann man sich doch nur entziehen, wenn man einen innerlichen Reichtum hat, so daß die Nachteile zu verschmerzen sind. Doch wer hat diesen innerlichen Reichtum und woher bekommt man den?

  12. Der akademische Kleingeist

    Sehr amüsant, ein frustrierter Akademiker der versucht seine fachliche Mittelmäßigkeit zu kompensieren, indem er blutigen Anfängern zeigt wie dämlich sie sind und was für ein hyperintelligenter Mensch ihr Herr Dozent eigentlich ist.
    Es ist durchaus keine Leistung triviale Dinge unverständlich auszudrücken, sondern scheint mir vielmehr ein Symptom zu sein. Die Angst verstanden zu werden zeugt nicht gerade von Selbstsicherheit und Kompetenz. Hier trennt sich die intellektuelle Spreu vom Weizen. Derjenige, der sich hinter Wortgebilden zu verstecken sucht, entlarvt sich selbst.
    Mein Urteil: Ein Wicht im Geiste.

    Übrigens: Neurobiologie in Verbindung mit Philosophie ist ein Verbrechen.

  13. Anti-Cerebrale-Gymnastik-Generation, aber Cerebrale Gymnastik mach Spaß

    Habe herzlich gelacht über diesen Blog. Ich sehe das nicht so „ernst“, im Gegenteil, wenn Sie dies mit Humor und „Eigenschimpf“ präsentiert haben, dann haben Sie vielleicht manchen Studi neugierig gemacht. Für ihre physische Ertüchtigung besucht diese Generation – aus Spaß – ein Sportstudio, joggt und schwimmt. Wer in Schule oder Studium vermittelt bekommen hat, dass Wissenschaft eine enorm spannende Sache sein kann, der erfreut sich der „cerebralen Gymnastik“. Ich hoffe, dass Ihre Studenten auch zukünftig in den Genuß von „cerebralen Gymnastikstunden“ kommen und das „trockene Bimsfach“ Anatomie nicht mehr tot, sondern richtig lebendig sein wird. Die zukünftigen Patienten der zukünftigen Absolventen werden dafür dankbar sein….;-))

  14. @ Armand @“Karl“

    Ich hab‘ den Vorwurf der Arroganz, den mir der Herr „Karl“ gemacht hat, einfach mal unkommentiert ein Weile stehen lassen. Denn so ganz unrecht hat er nicht, ein gewisse (müde)Arroganz des Wissens eigent mir schon. „Müde“ Arroganz deshalb, weil es oft ein Wissen um die Verstrickung des einzelnen Wissensfadens in das ungeheuerliche, nie zu entwirrende Gewebe allen Wissens und Nichtwissens ist – keine fröhliche Arroganz jedenfalls. Mit anderen Worten: ich würde es mit Georg Steiner halten; sein Büchlein „Warum Denken traurig macht“ trifft die Stimmungslage ganz gut.

    Ob meine Lehre inintelligibel sei – nun dieses Urteil überlasse ich getrost meinen Studenten, und nicht dem Herrn „Karl“.

    In meinem Urteil über die Geistesverfassung der Generation, die jetzt in die Universitäten einrückt, fühle ich mich durch Gespräche mit Kollegen aus ganz anderen Fachbereichen bestätigt. Und in den anderen Disziplinen geht es wohl noch schneller an die Substanz der Fächer als in der Medizin. Ein Architekturprofessor, der den zunehmenden Mangel an ästhetischem Interesse seiner Studentenschaft beklagt und berichtet, er fühle sich unter ihnen mittlerweile wie unter lauter Bauingenieuren — das sind ja schöne Aussichten für das Antlitz der Bauten, in denen wir demnächst hausen werden.

    Naja.

    WIR ja nicht mehr: sie selbst. Ausgleichende Gerechtigkeit.

  15. Sprache Ausdruck und Botschaft

    Das Volk ist die Masse. Ihm gilt unsere Aufmerksamkeit. Wer die Welt verbessern will sollte viele erreichen. Dazu ist Klarheit des Ausdrucks nötig. Sprache ist immer linear. Meine komplexen Gedanken müssen in Reihe gebracht werden. Sprechen und schreiben kann ich nur Wort für Wort. Am Ende sollte der Zuhörer, das gemeine Volk, idealerweise meine komplexen Gedanken nachvollziehen können.
    Genial ist nicht wer einfache Zusammenhänge schwülstig, wortgewaltig und fremdsprachlich darbietet, sondern der, der komplexe Zusammenhänge sprachlich einfach darstellen kann – eben für das Volk.
    Alles geniale im Leben ist einfach!
    Genial einfach ist etwas, wenn man nichts mehr weglassen kann. Das gilt auch für Sprache. Genial einfach ist, wenn ein einfacher Mensch, ohne auch nur ein einziges Wort nachschlagen zu müssen alles versteht.
    Dieter Past

  16. Linearität und Botschaft

    (Milton Erickson) Mein Freund Jack sagt:
    „Erst, wenn das Glas völlig geleert ist, erkennt der Trinkende, dass zuvor weniger mehr gewesen wäre.“ ;-))

  17. @ Past: Linearität der Sprache

    Dass Sprache linear ist höre ich zum ersten Mal. Bitte definieren Sie mir Ihre subjektive Idee – oder, falls vorhanden, nennen Sie mir den Begründer dieser Idee.
    Neben Phonetik, Grammatik und Semantik gibt es tatsächlich etwas wie Konnotation. Spätestens bei letzterem hört die Linearität auf. Hinweis: Radikaler Konstruktivismus

  18. @ Bernd M. Haft-Armand Linearität der Sprache

    Grundsätzlich möchte ich erwähnen, der Beitrag hat mich angesprochen, sonst hätte ich nicht gepostet. Natürlich provoziert der Text von Herrn Wicht. Ich finde ihn nicht nur amüsant, sondern auch anregend. Mit meinem Text wollte ich einen Gegenpol beziehen um die Diskussion zu beleben.
    Wer einen komplexen Sachverhalt sprachlich, ob als Wort oder Schrift sei dahingestellt, mitteilen will steht vor der Aufgabe die Gleichzeitigkeit des komplexen geistigen Konzeptes in ein nacheinander sprachlicher Darstellung zu transformieren. Im Verstehensprozess rekonstruiert der Leser oder Hörer aus der linearen Kette der Argumente und Konzepte wiederum eine Wissensstruktur, die der des Senders ähnlich ist.
    Das einzelne Worte und Begriffe Nebenbedeutungen haben ist hierbei nebensächlich.
    Wenn ich Ihnen zeige wie ich Wasser mit einem Tongefäß aus einem Brunnen schöpfe, dann das Gefäß zum Mund führe und trinke ist dies ein vierdimensionaler Akt. Die Botschaft hat Raum und Zeit. Stellen Sie sich vor der steinzeitliche Beobachter hat noch nie ein Gefäß gesehen. Es ist nicht nötig dabei auch nur ein Wort zu sprechen und er kann trotzdem die Bedeutung sowohl des Gefäßes als auch des gesamten Vorgangs erfassen. Wenn ich diesen Vorgang mit Hilfe von Wort oder Schrift beschreiben wollte, müsste ich die einzelnen Schritte wie die Perlen einer Kette aufreihen. Ich meine damit Schrift und Sprache ist linear, ein Wort nach dem anderen. Es ist nötig die Worte zeitlich zu ordnen und die einzelnen Schritte in einen logischen Zusammenhang zu bringen.
    Symbole sind im Vergleich zu Sprache eindimensional. Wenn sie eine beliebige Fernbedienung irgendwo auf dieser Welt in die Hand nehmen so ist das Symbol für Start, Stopp, Pause usw. immer gleich. Eine geniale Reduktion um Bedeutung zu vermitteln.
    Dieter Past

  19. Ein paar Fragen

    Ich denke zu diesem Blog wird sich jeder eine eigene Meinung bilden. Meine Meinung tut also nicht viel zur Sache, vor allem nach sovielen Meinungen anderer. Doch planen mich noch einige Fragen: Als Sie im ersten Semester Studierten – hätten Sie ihre Anspielungen und Witze verstanden? Hatten Sie neben dem Studium die Zeit und Energie sich mit all dem anderen phantastischen und interessanten Wissen der Menschheit auseinander zu setzen? Oder gehörte das bereits zu Ihrer schulischen Ausbildung?
    (.. Ok , ich gestehe zu: meine Meinung ist herauszulesen ..)

  20. Peripat(h)etiker

    Noch ist Polen, bzw. Frankfurt nicht verloren!
    Als ehemaliger Student in der „ALTEN ANATOMIE“ in Frankfurt, zu Starck-Frick-Schneiders Zeiten, sehe ich, dass auch heute noch gegen das einbahnige Effizienz- und Elitedenken angegangen oder zumindest angedacht wird.
    Übrigens: Ich bin auf den Blog gestoßen, als ich mich für einen Englischsprachigen Artikel der richtigen Schreibweise für meine peripatetischen Workshops versichern wollte.
    In Google gibt es übrigens etwa 1700 Hinweise über die falsche Schreibweise. Die richtige Schreibweise findet sich dort mehr als zehn mal häufiger. (Ich habe es nie so recht glauben wollen, dass Normalität als „Consensus Gentium“ definiert werden könnte. Vielleicht muss ich auf meine alten Tage noch umlernen).
    Jedoch: der von Ihnen erwähnte Glaubenssatz unseres Alt-Bundeskanzlers, der bereits eine Generation von Kabarettisten glücklich gemacht hat, gilt er nicht auch hier?

    Herzliche Grüße aus der Anstalt
    von
    Hans Lang

  21. @ Lang

    ..öhm.

    Moment .. hab‘ ich’s jetzt mit „th“ gechrieben? Das wär mir aber peinlich.

    Ja, danke für die Blumen. Der FB Medizin unserer Alma mater ist – nicht zuletzt auch Dank unseres gegenwärtigen Decani – ein erfreulicher Hort der akademischen Widerborstigkeit. Hier im Blog und anderswo hab‘ ich – teils solo, teils im Duett mit meinem Decano – noch andere akademische Borsten aufgestellt. Freilich zeiht man uns der Arroganz – but wtfc, um mal grob zu werden. Ist uns so egal, wie das, was bei Kohls Spruchweisheit hinten rauskommt.

    Sie werden’s nicht glauben: ich sitz‘ hier in der Anatomie und vor mir am Regal hängt Starckens Talar. Schwarz und rot, samt Barett. Ob ich allerdings mit IHM als Chef der Anatomie gut klar gekommen wäre – ich weiss nicht.

    „Grüsse aus der Anstalt“ – wo sind Sie denn gelandet? Und was ist ein „peripatetischer Workshop“? Ein „Circambulanten-Labor?“

  22. Talar

    „Sie werden’s nicht glauben: ich sitz‘ hier in der Anatomie und vor mir am Regal hängt Starckens Talar. Schwarz und rot, samt Barett.“

    Kann ich bestätigen, ich habe es selbst dort hängen sehen. Hätte dem Kohl wohl auch gepaßt, von der Kleidergröße her.

  23. Wunderbarer Artikel, danke!

    Ein Superartikel, wollte ich schon schreiben… Oder ein super Artikel? Ich entschied mich dann lieber für wunderbar. Das klingt irgendwie gebildeter. So jung bin ich auch nicht mehr, dass ich „super“ schreibe. Ich liebe Bildung ebenfalls mehr als Ausbildung, ich fand die Abhandlung über das Kopfproblem als Biologe (ich habe gerade über dieses Problem recherchiert) einfach gei… pardon, wunderbar! Die zwei kleinen „Fehler“ kann man wohl verzeihen… (ich hätte sie nicht entdeckt), denn mir machte der Inhalt und die Art der Abhandlung Spaß. Danke, solche Blogs sollte es mehr geben!

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