Anatomie, faschistisch

Gut, zugegeben – die Überschrift ist ein provokanter „teaser“, ein Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie ist dennoch – wie das Folgende hoffentlich zeigen wird – nicht ganz daneben, sondern dicht bei der Sache. Nur ist die nicht politisch, sondern anatomisch. Und etymologisch.

Der Faschismus, so lehrt uns die Geschichte, hat eine Tendenz zur Totalität. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse will er durchdringen, unterwerfen, gleichschalten. Faschismus ist Scheiße.

Einen Hang zur Totalität hat auch die anatomische Terminologie. Den ganzen Körper will sie durchdringen, zerteilen, die Teile benennen. Und indem sie das tut – mit Messer, Pinzette, Schere am Leichnam und dem lateinischen und griechischen Wörterbuch griffbereit nebendran – indem sie das tut, stößt sie vielerorts im Körper auf faserige, flächige Gewebe, die einzelne Organe oder ganze Organgruppen wie Strümpfe umkleiden.

Gray431_fascia lata

Die Fascia lata (die breite, derbe) Faszie des Oberschenkels. Sie umhüllt die darunter liegenden Muskeln (der Schneidermuskel wölbt sich deutlich vor). Sie hat ein Loch, durch das die grosse Hautvene des Beines (die Vena saphena magna) hindurchtritt. Man gelangt an diese Faszie, nachdem man die Haut und das darunter gelegene Fettgewebe des Oberschenkels entfernt hat. (Aus Gray’s Anatomie)

Mal sind die Strümpfe zart und beinahe durchsichtig, mal derb und ledrig. Und aus demselben Material, aus dem auch das Leder der Haut besteht, sind diese Organgruppenstrümpfe: aus kollagenem Bindegewebe. Die alten Anatomen schlugen das Lateinwörterbuch auf und fanden für „Strumpf“ kein rechtes Wort.

Denn die Römer und Griechen trugen keine Strümpfe, bestenfalls gewickelte Fusslappen. Dafür gibts ein Wort, nämlich das griechische podeion. Generell – in Ermangelung geeigneter flexibler Trikotware – haben sich die Alten diverseste gewebte Wickel um Lenden, Brüste, Beine, Bauch geschlungen. Für jeden davon gabs eine Einzelbezeichnung (apodesmos ist die Busenbinde), und alle gemeinsam hießen auf lateinisch: fascia. Die Binde, der Wickel.

„Fein“, sagten die alten Anatomen, „das nehmen wir.“ Und nannten fortan diese Bindegewebshüllen so.

Das war nun lange vor Mussolini, und man kann der Anatomie schlecht vorwerfen, dass der sich für seinen politischen Verein als Logo ausgerechnet das altrömische Liktorenbündel aussuchte. Ein Bündel von Ruten und ein Beil, von einem Wickel zusammengehalten. Das Symbol für das Recht des Liktors, zu züchtigen und sogar zu töten. Und dies Ding heißt fascis (das Bündel) und die Faschisten nach ihm.

Liktorenbündel

Ein Liktorenbündel. (Aus dem Logo der Faschistischen Partei Italiens)

 

Soviel zur Etymologie. Und jetzt wird’s im Angesicht der Terminologie heiter bis fäkalisch. Denn das müssen die Damen und Herren Studierenden lernen:

Fascia – die Bindegewebshülle. Fasciae – deren Plural, denn es gibt etliche. Dummerweise müssen sie, die Studenten, ziemlich zeitgleich mit diesem Wort auch das lateinische Wort für Gesicht lernen. Das heisst facies. Dessen oft gebrauchtes Adjektiv: facialis. Der fiese Dozent (ich) erspart ihnen natürlich auch die Faschismusdebatte nicht, und weist darauf hin, dass das Liktorenbündel fascis, Plural fasces heisst. Endlich kommt auch noch die Anatomie des Enddarmes, und in dem sind faeces – Kot.

Fascia, fasciae, facialis, facies, fascis, faeces – die nachfolgende mündliche Prüfung ist für den Anatomen stets ein Quell der Heiterkeit, sofern er eine skatologische Ader hat und den Faschismus für Scheiße hält. Unglaublich, wie viele kotbeschmierte Bindenbündelgesichter die Anatomie da auf einmal aufzuweisen hat.

Mit dem Anspruch auf die Totalität der terminologischen Durchdringung der Anatomie versuche ich, das jedesmal zu korrigieren. Aber es gibt manche Köpfe, da geht der Unterschied fascia/facies/facialis nicht hinein. Vielleicht hören sie es nicht, das „s„, das den entscheidenden Unterschied macht, so wie die Chinesen, von denen man sagt, dass sie den Unterschied zwischen „l“ und „r“ nicht hören können.

Mir passiert es öfter, in linguistischen Gesprächen die Termini „Signifikat“ und „Signifikant“ zu verwechseln. Geschieht das, werde ich ausgelacht. Bestehe ich auf meinen facies/fasciae und deren Signifikant/Signifikatdifferenzen, zeiht man man mich gerne kopfschüttelnd der bildungsbürgerlichen Arroganz des altphilologischen Korinthenkackers.

Ist mir aber egal. Ich hab‘ Spaß.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Der Faschismus, so lehrt uns die Geschichte, hat eine Tendenz zur Totalität.“

    Der Faschismus hat eine EGOZENTRIERTE Tendenz zum Nationalsozialismus – das LOGISCHE Wesen des Menschen, in GLEICHERMAßEN unverarbeiteter und gepflegter / MANIPULIERBARER Bewußtsseinsschwäche von Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“, im Kreislauf des geistigen Stillstandes seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ (Evolutionssprung), der nun in den symptomatischen Problemen des nun „freiheitlichen“ Wettbewerbs um „Wer soll das bezahlen?“ und „Arbeit macht frei“ eskaliert, den Sündenbock / die Schwächsten sucht, die Bewußtseinsbetäubung der systematischen Hierarchie von und zu materialistischer „Absicherung“ auf die Spitze treibt!

  2. Es macht oft auch Sinn zeitgenössische Metaphorik zu verhunzen, bspw. ‚Signifikat‘, ‚Signifikant‘ und ’signifikant‘, ‚effizient‘ und ‚effektiv‘ oder auch ’scheinbar‘ und ‚anscheinend‘.
    Am besten absichtlich.

    Der Faschismus wird übrigens hier so verstanden, dass er Gruppen meint, die stark mit Symbolik hantieren und sich generell von anderen Gruppen stark absetzen, gerne auch wertend; wobei er in diesem Sinne nicht verbrecherisch sein muss, wie bspw. jeder strenge Fußballfan bestätigen könnte.

    MFG
    Dr. W

  3. Anscheinend hat der Webbär ein Problem mit der deutschen Sprache, ist er leider doch nur scheinbar klug. Da er weder dar Richtige tut noch das Richtige richtig, verunglimpft er den Fußballfan, dessen Symbolik er nicht zu erkennen in der Lage ist. So ist der Braunbär in seinem fatalistischen Faschismus……

      • Faschismus ist unverarbeitete / hierarchiesch-bearbeitete, kreislaufend-gepflegte und somit leicht manipulierbare Bewußtseinsschwäche. Selbst „Antifaschisten“ sind, vor allem aufgrund ihrer systemrationalen Bildung zu Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche (was zu korrumpierbarer Kompromissbereitschaft führt), auch nur Faschisten, bzw. „Tote Fische“ im Strom der Faschisten, solange sie nicht konsequent-deutlich das Ufer und somit einen wirklich-wahrhaftigen Weg OHNE … kommunizieren.

        „Methode“ – die Konfusion spaltet Begriffe bis zur systemrationalen Unkenntlichkeit / ohnmächtigen Dummheit ohne Verstand von fusionierender Vernunft!

  4. (etymologischer Treppenwitz an)
    Ich wart‘ nur drauf, dass einer kommt und den Binde(n)gewebsforschern einen Faschismusvorwurf macht.
    (etymologischer Treppenwitz aus)

    • Genau genommen ist das garnicht so abwegig – In der kreislaufend-faschistischen / zeitgeistlich-reformistischen Welt- und „Werteordnung“ verhält es sich so, daß Verantwortung(sbewußtsein) gespalten und delegiert wird, an die dafür gebildeten / trainierten „Treuhänder“ / Fachidioten / Führer, also …!? 🙁

      Vor relativ kurzer Zeit habe ich mit einem Wissenschaftler über seine Arbeit diskutiert. Als ich ihn aufforderte für die Umsetzung seiner respektablen Forschungsergebnisse energischer zu werden, so daß …, da wurde er sehr ärgerlich, denn dafür fühlte er sich absolut nicht zuständig – so macht systemrationaler Mensch stets „nur seine Pflicht“, und für den daraus realexistierenden Faschismus sind immer nur „andere“ …!?

      • „Faschismus“ ist – wie fast jede Debatte über den Terminus und die inflationäre Verwendung des Begriffes als Schimpfwort (mit ähnlicher intellektueller Trennschärfe wie „A…loch“) lehrt – ein Gummibegriff. Für alles gut und für nichts zu gebrauchen.

        In genau DEM Sinne – als Begriffsgummi, der unter etymologischem und politischem Druck bis zum Zerreissen gespannt ist – habe ich den Begriff in den obigen Aufsatz eingebaut. Der Nadelstich, an dem der Begriffsgummi (fast hätte ich gesagt: das Begriffspräservativ, denn de facto verhindert dieses Wort Diskussionen) platzt, ist bei mir im Text kein politischer Stich, sondern ein orthographischer: ein „s“ zu wenig, oder zu viel.

        Man kann einem Wort kein Iota rauben. Auch kein „s“.

        Anatomiepolitisch (oder -philosophisch, wenn’s denn so etwas wie Anatomiephilosophie oder -politik gibt, was ich allerdings glaube, denn JEDE Handlung und Äusserung ist politisch, wegen „anthropos zoon politikon“) interessanter ist m.E. der Begriff der „Totalität“ und „Durchdringung“. Die Anatomie will nicht, dass irgendein Rest, eine Differenz sei, versucht ihren Gegenstand in den Begriffen vollständig zu fassen.

        DAS fehlt meiner Ansicht nach (aber ich kann es nicht leisten): EIne kritisch-linguistische Auseindandersetzung mit der „lingua antomica“ (und anderer Naturwissenschaften), die den „linguistic turn“ des letzten Jahrhunderts berücksichtigt. Vielleicht habe ich ja aber auch eine schon existierende Debatte hierüber verschlafen.

        • Ermüdendes Debattieren mit und über systemrationale Gummibegrifflichkeiten, das macht wirklich wenig bis keinen Spaß!

        • Liest sich gut, lieber Herr Wicht, insbesondere die letzten zwei Absätze Ihrer Nachricht gefielen hier.
          MFG
          Dr. W

  5. Ich merke gerade, dass selbst in dem Wort „Faszination“ der Stamm des „Faschismus“ (die Fessel, die Binde) drin steckt. Wirklich ein etymologischer Gummi.
    Fehlt noch der Fasching.

    • „Fehlt noch der Fasching“

      Tatsächlich, da ist das fascis auch bekannt und wird verwendet: „Das Liktorenbündel des närrischen Statthalters ist angelehnt an das historische römische Hoheitszeichen.“ (http://www.zuggemeinschaft.de/zuggemeinschaft/das-liktorenbundel/,

      „Die Zuggemeinschaft Klaa Paris e.V. ist ein Zusammenschluß von Vereinen Heddernheims und Umgebung zum Zweck der Erhaltung, Förderung und Pflege des karnevalistischen und volkstümlichen Brauchtums.“

      Klaa Paris! Helau!

      • Ist das auch etymologisch relevant?
        Oder ist „Fasching“ eine Verballhornung von „Fastnacht“ / „Fastenzeit“?

        • „Das Wort „Fasching“ geht sprachgeschichtlich auf die mittelhochdeutsche Prägung „vastschanc“ zurück, das bald schon zu „vaschang“ verkürzt worden ist. Das Wort bezeichnete den „Ausschank vor dem Fasten“.

          Das Wort „Fas(t)nacht“ kommt stattdessen von „vas(t)(en)nacht“ und meinte zunächst allgemein die „Nacht vor dem Fasten“. “ (http://www.helmut-zenz.de/hzfasch.htm )

          Bei Wikipedia steht Ähnliches.

          Hängt jetzt also davon ab, inwieweit „Fasten“, das angeblich auch mit „festigen“ zusammenhängt – aber dies im Sinne von bündeln? -, von fascis abgeleitet ist.

          ———–

          Beim Versuch meinen leider arg beschränkten Sprachhorizont mit Hilfe des Internets etwas zu erweitern, ist mir aufgefallen, dass „faeces“ vom Lateinischen her gesehen gerne als „Hefe“ übersetzt wird, das gleichgeschriebene Wort für Kot (medizinisch) hingegen wurde wohl einst aus dem Französischen übernommen. Falls das so stimmt, kann dieser Unterschied in mündlichen Prüfungen von einem fiesen Dozenten mit geschultem Gehör wahrgenommen werden?

          • Verrückt.
            Wenn diese Etymologie („festigen“) stimmt, dann gehört ja wohl auch das englische „to fasten“ („festmachen“) in die Wortgruppe, die sind von der „fascia“ (der Binde) ableitet. FAST könnte einem Angst und Bange vor der etymologischen Macht dieses (vermutlich uralten) Wortstammes werden, der alles fesselt.

            Einen Unterschied zwischen faeces als Hefe und faeces als Kot kann ich nicht hören. Zur Hefe tät ich allerdings Saccharomyces sagen, wenn’s auf den Unterschied ankommt. Trotzdem ganz witzig, diese Doppelbedeutung – Hefe ist, „was sich unten absetzt“/“unten rauskommt“.

            Hatten die damals nur untergäriges Bier?

    • Ah ich verstehe nun, warum manche … nicht mit Du angesprochen werden wollen – weil das die Anfangsbuchstaben von Dumm sind 🙂 😉

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