Per Anhalter durch das Irren menschlicher Entscheidungen: Von Rationalität und Heuristiken

(Ein Analogia-Gastbeitrag von Katharina Müller.)

Wie bereits von Tarek angekündigt, weht mit mir hier nun ab und an ein etwas menschlich-kognitiver Wind. Mein erster Beitrag dreht sich um eins der Urthemen der kognitiven Psychologie: das Treffen von Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen Rationalität und Intuition. Ich freue mich sehr, als Gastautorin an Analogia mitwirken zu dürfen und begrüße jede Form der Diskussion, die sich aus meinen Blogposts entspinnen wird.

„Steve ist sehr schüchtern und zurückgezogen, immer hilfsbereit, zeigt aber wenig Interesse an anderen Menschen oder an der wirklichen Welt. Er ist ein sanftmütiger und ordentlicher Mensch, mit einem Bedürfnis für Ordnung und Struktur und einer Liebe fürs Detail“
Würden Sie Steve mit größerer Wahrscheinlichkeit für einen Piloten, Bibliothekar, Bauern oder Verkäufer halten?
Haben Sie sich für den Bibliothekar entschieden? Glückwunsch, dann funktioniert Ihre Intuition wie die des Großteils Ihrer Mitmenschen. Das bedeutet, Sie haben die beschriebenen Merkmale von Steve richtig der Gruppe der Bibliothekare zugeordnet. Das bedeutet aber auch, dass Sie wenig von Wahrscheinlichkeiten verstehen.

In Deutschland gibt es um einiges mehr Bauern und Verkäufer als Bibliothekare. Wenn man davon ausgeht, dass beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale zu einem gleich hohen Anteil wie alle anderen in der Bevölkerung auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es unter den Bauern und Verkäufern auch einige sanfte, detailverliebte und menschenscheue Vertreter gibt. Was wiederum heißt, dass Steve mit höherer Wahrscheinlichkeit Bauer oder Verkäufer ist als Bibliothekar.

Dies erscheint kontraintuitiv? Das soll auch so sein. Unsere Intuition oder auch unser Bauchgefühl ist jene Instanz der Entscheidung, die ohne Kopfzerbrechen, kompliziertes Abwägen aller Möglichkeiten und Durchrechnen aller Kosten und Risiken schnell zu einer Entscheidung kommt. Dies funktioniert, indem es alle unsere Erfahrungen speichert und daraus eine allgemeine Regel formt, die dann auf neue Aufgaben angewandt wird und blitzschnell eine Antwort ausgibt. In diesem Fall hat uns unsere Erfahrung gelehrt, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Objekt A in eine Gruppe B gehört, davon abhängt, wie gut A repräsentativ für B ist, also wie sehr A dem Stereotyp von B ähnelt. Dies funktioniert in den meisten Fällen sehr gut: Wir sehen einen Mann in schwarzen Cord gekleidet und mit einem rußverschmierten Gesicht, und wissen automatisch, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bei ihm um einen Schornsteinfeger handelt.

Diese ökonomische und effektive Art des Problemlösens wird als Heuristik bezeichnet. Der Preis ihrer Schnelligkeit liegt darin, dass Heuristiken systematische Fehler aufweisen, welche man als Verzerrung oder Bias bezeichnet. Die Heuristik, die ich hier gerade beschrieben habe, nennt man Repräsentativitätsheuristik. Den Bias, der von vielen Menschen hierbei begangen wird, nennt man Basisratenfehler oder Prävalenzfehler. Dabei wird ein wichtiger Faktor für die Wahrscheinlichkeitsrechnung außer Acht gelassen: die Basisrate oder A-priori Wahrscheinlichkeit, was im Steve-Fall die Verteilung von Bibliothekaren, Verkäufern, Bauern und Piloten in der Bevölkerung bezeichnet. Die Basisrate ändert jedoch nichts an der Ähnlichkeit von Steve zu dem Stereotyp eines Bibliothekars, weswegen die Basisrate für die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit in diesen Fällen oft ignoriert wird. In einem weiteren Experiment wurden die Verteilungen der einzelnen Professionen in der Bevölkerung angegeben – welche von den Versuchspersonen beinahe komplett ignoriert wurden. Wieder wurde nur die Zugehörigkeit zum Stereotyp beachtet.

Die Repräsentativitätsheuristik ist nur eine von mehreren Heuristiken, die von Daniel Kahneman und Amos Tversky 1974 erstmalig beschrieben wurden. Kahneman und Tversky (gest. 1996), beide mit einem israelischen Hintergrund, sind Pioniere auf dem Gebiet der kognitive Psychologie, die die Sicht auf das Urteilen und die Entscheidungen von uns Menschen erheblich verändert haben. Kahneman bekam 2002 den Nobelpreis für Wirtschaft, was interessant ist, da Kahneman selber niemals einen Kurs in Wirtschaft belegt hat. Bevor Kahneman und Tversky ihre Ergebnisse veröffentlichten, war die herrschende Meinung, dass Menschen im Allgemeinen rational handeln und vernünftig denken. Starke Emotionen seien der einzige Grund, warum Menschen gelegentlich von ihrer Rationalität abwichen. Kahneman und Tversky brachen mit dieser Auffassung: Ihre Ergebnisse zeigten, dass Menschen systematisch Fehler begehen, wenn sie urteilen.

Ihre Experimente ähnelten dem oben beschriebenen Steve-Beispiel: Versuchspersonen mussten Urteile über bestimmte Aspekte von ähnlichen Szenarien treffen, deren Ausgang ungewiss war. Obwohl keine Emotionen die Teilnehmer beeinflussten, wurden dennoch durchgehend Urteile getroffen, die den Regeln der Wahrscheinlichkeitstheorie vehement widersprechen. Und dabei handelte es sich nicht um höchst komplizierte Regeln, sondern sehr elementare, die bereits in der Schule gelehrt werden (beispielsweise dass die Konjunktion aus zwei Ereignissen weniger wahrscheinlich ist als jedes dieser Ereignisse alleine). Noch interessanter ist, dass nicht nur Laien diese systematischen Fehler begehen, sondern auch Menschen mit einer langen Ausbildung in Statistik. Diesen unterliefen jedoch meistens keine elementaren Fehler, vielmehr ließen sie sich in Situationen hinters Licht führen, in welchen die zugrunde liegende statistische Problematik eher versteckt war. Statistik-Profis machen also nur dann solche Fehler, wenn sie sich auf ihre Intuition verlassen.

Unsere Intuition beginnt mehr und mehr sich wie ein verschlagenes Teufelchen in unserem Kopf anzufühlen, das unserem Geist blitzschnell Urteile füttert. Das raffinierte daran ist, dass es dabei alles andere als transparent für uns ist, worauf diese Urteile basieren: Wir kennen die Mechanismen, die unserem Urteil zu Grunde liegen nicht, und können daher auch nicht nachprüfen, ob es gerechtfertigt ist oder nicht. Hinzu kommt, dass sich dieses Urteil aber zumeist verdammt gut anfühlt – wir fühlen uns sicher damit und gehen auf Grund dieses Gefühls und des festen Glaubens an unseren gesunden Menschenverstand davon aus, dass es deswegen die richtige Entscheidung sein muss. Diese Mischung halte ich für sehr heimtückisch – wir können die Gründe unseres Urteils schwer bis gar nicht einsehen, und wir fühlen uns angenehm wohl und sicher damit. Lassen Sie sich nun einmal auf das folgende Beispiel ein und versuchen Sie, intuitiv zu antworten.

Der älteste Nobelpreisträger für Wirtschaft war mit 90 Jahren Leonid Hurwicz. Dies sei erst einmal beiseite gestellt. Stattdessen versuchen Sie einmal so schnell wie möglich die folgende Frage zu beantworten: Wie viele Wirtschaftsnobelpreise wurden Ihrer Meinung nach an nur einen Laureaten vergeben? Denken Sie kurz nach…
Die korrekte Zahl ist 22. War Ihre geschätzte Zahl um einiges höher als 22? Glückwunsch, wieder zeigen Sie einen Verstand ähnlich dem jedes anderen Menschen – denn Sie wurden gerade geankert! Und das von der hohen Zahl 90, die absolut nichts mit der Anzahl der Nobelpreisträger zu tun hatte. Dieses Phänomen, sich von einer vorher genannten irrelevanten Zahl in seiner Entscheidung beeinflussen zu lassen, nennt man Ankerheuristik.

Es ist erschreckend, wenn man sich darüber bewusst wird, dass die eigene Abschätzung von so absurd irrelevanten Fakten verzerrt wurde – und man sich dennoch so sicher und wohl bei der Entscheidung gefühlt hat. Laut Kahnemans Definition von Zuversicht und Überzeugung ist dies jedoch gar nicht so widersprüchlich. Zuversicht sei ein Gefühl und keine logische Schlussfolgerung, die durch das Analysieren von Statistiken erreicht würde. Dies würde das merkwürdige Phänomen erklären, dass Investmentberater sogar dann noch auf ihr Geschick vertrauten, als bereits demonstriert wurde, dass ihre Klienten durch ihre Beratung nicht besser dran waren als wenn sie einen Würfel über ihre Anlage entscheiden lassen hätten. Das lässt die Macht der Intuition aber auch nicht weniger heimtückisch erscheinen.

Mich auf meine Intuition zu verlassen und systematische Fehleinschätzungen zu machen, wenn ich mir ein neues Handy kaufe, ist die eine Sache – sich jedoch in so verhängnisvollen Bereichen wie dem Aktienmarkt auf ein bloßes Bauchgefühl zu verlassen, ist absolut nicht zu rechtfertigen. Man denke nur einmal an die jüngste Wirtschaftskrise, die ihre Wurzeln auch in übersteigertem Selbstvertrauen und einer Illusion von Geschick in Bereichen hatte, wo der Zufall eigentlich viel mehr einen Platzanspruch hat. Man möchte nach Veränderung schreien, man möchte der ganzen Wall Street Kahnemans Buch „Thinking, Fast and Slow“ unter die Nase reiben. Nur dass das nichts bringen wird. Das Wissen um die unbewussten psychologischen Faktoren, die unsere Entscheidungen beeinflussen, wird im Großen und Ganzen unsere Entscheidungen in der Zukunft nicht verändern. Daniel Kahneman formuliert es sehr schön: „Ich habe dieses Buch geschrieben und ich denke immer noch genauso wie vorher“ Für die Börse heißt das, dass es an der Zeit ist für etwas mehr Reflexion über die eigenen mentalen Fähigkeiten. Es ist im übrigen auch schwer vorzustellen, dass jemand so etwas Komplexes und Dynamisches wie den Aktienmarkt in sich so sehr verinnerlicht haben sollte, dass er daraus intuitive Entscheidungen treffen könnte.

Generell heißt dies auch, dass man sich von der Vorstellung verabschieden sollte, jemals einen Einfluss auf das eigene intuitive Gefühl haben zu können. Man kann lediglich lernen, die Beweggründe der Intuition mehr mit den Regeln der eigenen Vernunft zu hinterfragen, und man kann sich bewusst werden, dass subtile psychologische Einflüsse sehr wahrscheinlich eine Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen werden.  Das ist nicht viel, aber es ist ein Anfang.

Nun kann man sich die Frage stellen, was aus dem Menschen, dem vernunftbegabten Tier, geworden ist. Sind wir schlichtweg mit unserer Rationalität am Ende? Ich glaube nicht. Es mag sein, dass wir viel öfter unbemerkt in unseren Entscheidungen beeinflusst werden als wir es uns eingestehen wollten. Einmal jedoch scheint es nicht so als wären unsere Entscheidungen deswegen völlig zufällig – Intuition hat oftmals durchaus ihren Sinn, wie beispielsweise dass wir bekannten Sachen eher vertrauen, weil wir wissen, dass die uns bisher noch nicht umgebracht haben. Außerdem sind wir bei jeder Eingebung unserer Intuition in der Lage kurz Halt zu machen und rational alle Fakten durchzuprüfen. Da wir oftmals eine schnelle Entscheidung treffen müssen, bleibt Intuition aber dennoch unabdingbar. Keiner von uns möchte zu einem Sheldon Cooper werden, der ohne feste Routinen und Abwägungen nicht einmal ein Essen vom Chinesen bestellen kann. (Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass Sheldon Coopers Freunde ihn in Wahrheit nur auf Grund des Mere-Exposure-Effects mögen, wonach Dinge und Personen attraktiver werden, je öfter man ihnen begegnet…)

Hinzu kommt, dass die Irrationalität, die gelegentlich aus intuitiven Entscheidungen resultiert, in meinen Augen aber keineswegs die Schönheit des menschlichen Geistes befleckt. Die Schönheit liegt in der Systemhaftigkeit und Logik des Irrationalen. Wir mögen uns unbewusst nicht nach den Regeln der Statistik und Logik verhalten, aber bei näherem Hinschauen sind all diese Abweichungen von der rationalen Norm doch wunderschön konsistent in sich selbst. Und vielleicht ist die Ordnung im Chaos das, was uns zu Menschen macht. Rational, abwägend und faktenverliebt, aber in alltäglichen Situationen gefühlsgetrieben, spontan und manchmal ein wenig naiv. Wenn wir immer Selbstkontrolle über unsere Entscheidungen hätten, würden wir vielleicht auch niemals die Fehler machen und die Umwege gehen, die uns weiterbringen. Die, aus denen wir lernen (dass wir beim nächsten Mal nicht die Brotbüchse auf die heiße Herdplatte stellen werden) und jene, die uns genial machen (wie etwa, dass nur eine verschimmelte Bakterienkultur eine gute Bakterienkultur ist). Vielleicht hat uns falsche Zuversicht manchmal auch erst unsere Ziele erfüllen lassen, denn auch wenn es ein nicht gerechtfertigtes Gefühl ist, ist es doch ein motivierendes Gefühl.

Mir fallen viele Beispiele ein, warum Intuition und der Schuss Irrationalität den menschlichen Geist im Endeffekt mehr vervollständigen als sie ihm im Wege stehen. Vielleicht ist ein Mensch, der nur vernunftgeprägt ist aber auch nur deswegen so schwer vorzustellen, weil er dann kein Mensch mehr wäre.

Literaturtipp:
Kahneman, D.: Thinking, Fast and Slow. Macmillan US (2011)/Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag (2012).

Tarek Richard Besold

Nach einem Diplomstudium der Mathematik mit Nebenfach Informatik (Schwerpunkt Künstliche Intelligenz) in Erlangen und Zaragoza, sowie einem einjährigen Intermezzo als Logic Year-Gaststudent am Institute for Logic, Language and Computation in Amsterdam, bin ich inzwischen Mitarbeiter und Doktorand in der Forschungsgruppe für Künstliche Intelligenz des Instituts für Kognitionswissenschaft in Osnabrück. Dort beschäftige ich mich überwiegend mit Analogien und analogem Schließen als beeindruckendem Baustein menschlicher Wahrnehmung (und in Zukunft zunehmend auch von Modellen künstlicher Kognition), Rationalität als weiterem Schlüsselelement von (künstlicher) Intelligenz, Artificial General Intelligence, verschiedenen Fragestellungen an der Schnittstelle zwischen Logik und KI, sowie einigen (noch) mehr philosophischen Themen und Debatten innerhalb der KI-Forschung.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar


  1. Daniel Kahneman formuliert es sehr schön: „Ich habe dieses Buch geschrieben und ich denke immer noch genauso wie vorher“

    Was bringt einem die Erkenntnis, wenn der Forscher sie selbst in den Wind schlägt? Ging die Untersuchung denn auch so weit, wie gut oder schlecht die intuitiven Entscheidungen waren? Immerhin haben diese Entscheidungen die Menschheit weit gebracht.
    Ob wir besser dran wären, wenn wir Vulkanier wären? Es erinnert mich an die Untersuchungen zu optischen Täuschungen. Wie leicht sich unser Auge auf Glatteis führen läßt. Dennoch funktioniert unser Auge im Alltag meist sehr gut. Die wenigen Spezialfälle, wo es ausgetrickst wird spielen doch meist keine große Rolle.

  2. Überleben

    Unser Gehirn soll in erster Linie dafür sorgen, dass wir überleben. Deshalb wird für jeden neuen Stimulus (Erlebnis) sofort eine möglichst vergleichbare Erfahrung aus dem Gedächtnis reaktiviert (mit dem Wissen, wie wir uns verhalten sollen). Durch dieses Wieder-Erleben von gespeichertem Wissen, können wir auf eine aktuelle Situation blitzschnell reagieren – und überleben.
    Schnelligkeit geht vor Richtigkeit – für rationales Überlegen/Abwägen hat man später immer noch Zeit; wenn man überlebt hat.
    (Per Google [´ready steady slow´ discover magazine Kinseher] finden Sie meinen Comment Nr.12, mit den 3 Regeln, nach denen unser Gehirn arbeitet)

  3. Die Schwachen wissen nicht um ihreFehler

    Rationalität ist das Resultat von Analyse und Fehlerkorrektur und kein Modus vivendi.
    Jeder in gewissen Aspekten rational Erfolgreiche weiss, dass Rationaliät nicht einfach da ist. Schon gar nicht ist sie generell und von vornherein vorhanden, sondern meist nur auf einem Gebiet wo man Erfahrung gesammelt hat und über das man nachgedacht hat sind rationale Urteile mehr als Zufall.
    Doch im Endeffekt ist eine künstliche Intelligenz dem Menschen nur in der Menschenphantasie – als Vulkanier – überlegen. Nicht in der Wirklichkeit. Denn der wichtigste Schritt um zu rationalen Urteilen zu kommen ist das Verständis für etwas reifen lassen. Etwas wirklich zu verstehen ist der schwierige und zugleich entscheidende Part. Für jeden. Sei er nun ein Mensch oder eine künstliche Intelligenz.

  4. Überleben & die Schönheit d.Rationalität

    @ Martin Huhn: Was Kahneman mit diesem Zitat meint, ist dass Intuition etwas so fest verankertes im Denken ist, dass es ihm schlicht unmöglich erscheint, dieses spontane Denken und Urteilen zu umgehen. Fest verankert in unserem Denken, weil es sich in der Vergangenheit bewiesen hat, indem es uns meist einen (Überlebens-)Vorteil beschert hat. Hier kann ich KRichard nur zustimmen – die Fähigkeit, schnell und ohne eine Meta-Repräsentation des Denkprozesses selber, ist in Situationen, in denen es um das Überleben geht, wichtiger als das langsame und gründliche Nachdenken.
    Und diese Erkenntnis bringt vielleicht nichts in Situationen, die eine spontane Entscheidung verlangen, wohl aber in solchen, in denen wir in der Lage sind, unser Denken zu analysieren und uns der kühlen Rationalität zu bedienen.

    @ Martin Huhn: Was genau meinen Sie damit, dass diese intuitiven Entscheidungen die Menschheit weit gebracht haben? Dass sie soweit überlebt hat? Oder spielen Sie eher auf den Fortschritt, Wissenschaft und Technik an? Hier möchte ich argumentieren, dass der Anfang einiger fortschrittlicher Gedanken bestimmt ein intuitiver war. Aber nur mit Intuition wurde kein Rad erfunden. Das ist genau der Punkt, an dem die Rationalität greift und in dem sie glänzen kann. Wenn es um komplizierte Gedankenexperimente geht, um Mathematik (die zumindest mir nicht immer so ganz intuitiv kommt), um Knobelaufgaben, etc.

    @ Martin Holzherr: Ihre Worte kann ich nur unterstreichen. Rationalität ist in meinen Augen auch deswegen etwas Wunderschönes, weil sie nicht einfach, spontan und ohne Lernprozesse kommt. Weil sie nicht unveränderlich ist, sondern man für sie reifen muss.

    Was den Vulkanier betrifft, so bin ich der Meinung, dass wir Menschen jenen doch auf jeden Fall in dem Punkt überlegen sind als dass wir auch angesichts unvollständiger Fakten Entscheidungen treffen können. Dies ist eine Fähigkeit, die ich nicht missen möchte.

  5. Vor-Urteil

    Unser Gehirn arbeitet per Mustervergleich. D.h. um ein neues Erlebnis, einen neuen Gedanken zu verarbeiten, haben wir zunächst nur unser vorhandenes Wissen zur Verfügung. Eine schnelle intuitive Reaktion (auch 7. Sinn, Bauchentscheidung, Geistesblitz) entsteht daher immer auf Grundlage dieses Wissens und ist damit ein Vorurteil.
    Rationale Entscheidungen können dann entstehen, wenn wir genug Zeit haben, um verschiedene Parameter eines Erlebnisses, eines Gedankens gegeneinander abzuwägen, zu vergleichen, um so zu neuer Erkenntnis, zu neuem Wissen zu gelangen; welches dann als Grundlage für zukünfige Entscheidungen im Gedächtnis abgespeichert wird.

    D.h. je mehr Erfahrungen wir machen, je mehr Wissen und Können wir erwerben, um so besser werden unsere intuitiven Entscheidungen sein

  6. @ Müller

    Ich meine, daß sehr viele Entscheidungen im Alltag intuitiv getroffen werden. Wir haben ja oft keine Zeit das vernünftig durchzudenken. Und selbst wenn, alles läßt sich nicht abwägen. Ich habe da keine Zahlungen zu, das ist nur mal so eine rein intuitive Einschätzung von mir. ;-p

    Nehmen wir mal das Thema Partnersuche bzw. Heirat. Bevor man da eine Entscheidung trifft, sollte man sich sehr wohl Zeit lassen und gründlich drüber nachdenken. Vielleicht noch ein paar Bücher lesen, welche Paare lange Bestand hatten oder sich gar nicht erst haben scheiden lassen, um von diesen Erfahrungen zu profitieren. Wobei einem dann klar wird, daß die richtige Partnerwahl nur ein Faktor von vielen ist. So, wenn man dann also zehn Jahre überlegt hat, und endlich die Wahl getroffen hat, dann ist es dennoch keine ausschließlich rationale Entscheidung. Das geht gar nicht, weil sich nicht alles durchdenken läßt. Und noch einige andere nichtrationelle Faktoren dazugehören. Ich werde mich in solch einer Entscheidung auch auf meine Intuition verlassen müssen.

    Naja, aber wie man sieht, gibt es ein paar Milliarden Menschen auf der Erde. „Irgendwie“ scheint das ja zu klappen.

    Ich würde die Intuition nicht so von der Rationalität so strikt trennen wollen. Gut, das steht ja auch im Text. Die Rationalität kann die Intuition kontrollieren. Aber irgendwann ist bei bestimmten Entscheidungen auch die Rationalität am Ende, weil es zu wenig Informationen gibt, oder es zu komplex ist. Und da scheint uns die Intuition doch weit gebracht zu haben.

  7. @Huhn Entscheidungsfindung

    Ihr Satz ´Die Rationalität kann die Intuition kontrollieren´ beschreibt einen wsentlichen und wichtigen Punkt von Entscheidungsfindung.
    Ihr Beispiel, Partnersuche: eine rationale Entscheidung ist nicht möglich. Man wird immer Gründe dafür/dagegen finden. Hier ist es sehr hilfreich die Menge der Wahlmöglichkeiten deutlich einzuschränken, indem sehr konkrete Vorgaben als Basis für eine Entscheidung hinzugezogen werden z.B. eine eigene Familie soll spätestens bis zum Alter von 30 Jahren gegründet werden, oder spätestens 2 Jahre nach dem Ende einer bestimmten Berufsausbildung, bzw. nur Partner mit Kinderwunsch, bestimmte Religions-, Kultur-Zugehörigkeit, usw.

    Durch das Festlegen von solchen rationalen Grenzbedingungen für eine Entscheidungsfindung wird per Ausschlussverfahren die Anzahl intuitiver Wahlmöglichkeiten deutlich begrenzt.

  8. Kleine Ergänzung

    In dem Buch geht es ja nicht nur um die Fehler der Intuition, sondern auch um die Fehler des langsamen Denkens. Der grundlegendste Mangel ist vielleicht das Prinzip: What you see is all there is. Das heißt, bevor wir annehmen, dass uns entscheidende Informationen fehlen, urteilen und entscheiden wir auf der Basis von dem, was wir zufälligerweise gerade wissen. Da finden also selbst bei nachdenklichen Menschen laufend die kühnsten Hochrechnungen statt – von zufälligen Details auf das Ganze und „Wahre“. Selbst wenn wir uns bemühen, langsam, sorgfältig und sogar wissenschaftlich zu denken, schleicht sich dieser Grundfehler immer wieder ein. Das Buch ist ein wunderbares Kompendium menschlicher Denkfehler und enthält die in meinen Augen schlüssigste Erklärung, warum es auch mit der menschlichen Kommunikation oft so schwer ist. Man kann gar nicht oft genug seinen eigenen Überzeugungen misstrauen, selbst dann, wenn sie auf Erfahrung und Nachdenken beruhen.

  9. Rationale Partnerwahl

    … wie soll denn eine solche aussehen? Die Partnerwahl mag zwar von Faktoren wie gemeinsamer Kinderwunsch (oder Nicht-Kinderwunsch) oder eine gewisse Religionszugehörigkeit geprägt sein, da man sich eine funktionierende Beziehung ohne die Erfüllung dieser Standards nicht vorstellen kann. Letztendlich sprechen wir doch aber nicht von einer Partnerwahl in einer Anwaltskanzlei, sondern von der Partnerwahl in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und soweit ich mich da richtig erinnere, sollte die von Gefühlen geprägt sein. Wenn man Glück hat, fällt die Wahl natürlich auf Menschen mit den gleichen Idealen, die man selber hochschätzt – und dann ist man beruhigt, weil das Herz/der Bauch/das limbische System die „rational richtige“ Entscheidung getroffen hat. Aber letztendlich hat da Rationalität kaum was zu suchen. Zumindest nicht als ich das nächste Mal nachgeschaut habe.

  10. Vorurteile

    @KRichard: Ich stimme Ihnen generell zu, dass mehr Erfahrung und Wissen zu besseren, d.h. realitätsgetreuen, intuitiven Entscheidungen führt.
    Da gibt es aber auch Grenzen. Wo viele Gefühle im Spiel sind, kann sich die Rationalität manchmal auf den Boden schmeißen und lauthals schreien – und man hört sie kaum flüstern. Die Frage ist auch, ob man sich bspw. antrainieren kann, Heuristiken wie der Repräsentationsheuristik zu entfliehen, in schnellen Entscheidungen. Kahneman ist der Meinung, dass dies nicht möglich ist und auch ich wage es zu bezweifeln.

  11. Der Schwarze Schwan

    Beim Durchlesen des Artikels kam mir immer wieder Talebs schwarzer Schwan in den Sinn, besonders, als auf rationale Entscheidungen an der Börse abgehoben wurde.

    Wären Entscheidungen dort tatsächlich rational sähe der Börsenverlauf vieler Aktien sicher anders aus.

    Wir sind in unserer Entscheidungsfindung doch in keinem Fall „absolut“ Rational, auch nicht nach langem Nachdenken und Einsatz von Hilfsmaschinen. Irgendwo wird ein Cut gemacht und dann doch die Intention bemüht.

    Wir wissen nicht, ob morgen nicht ein Erdbeben Tokio dem Erdboden gleich macht oder ein Mächtiger einem Unfall zum Opfer fällt. Darum werden Entscheidungen doch stets ein „best Guess“ sein.

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