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Wissenschaftskommunikation unter sozialmedialen Bedingungen (Teil 4)

Vor Beginn meines Gastblogger-Auftritts hatte ich mir vorgenommen, vier Beiträge zu „Wissenschaftskommunikation unter sozialmedialen Bedingungen“ beizusteuern; drei davon sollten sich direkt aus der Expertise speisen, während ich das Thema des vierten Eintrag noch offen gelassen hatte und sehen wollte, wie sich die Diskussion so entwickelt. Was soll ich sagen: Dieser Plan ist voll aufgegangen! 🙂 Zum Abschluss will ich heute noch einige Bemerkungen zum Thema „Kuratieren“ machen, das in den vergangenen Tagen immer wieder zur Sprache kam:

Markus Pössel wünschte sich in einem Kommentar bspw. „auch als Leser bei Themen jenseits meines Fachgebiets öfter mal, noch etwas tiefergehend weiterlesen zu können als es mir z.B. ein Online-Zeitungsartikel erlaubt. Da wäre mir sehr geholfen, wenn vom Online-Zeitungsartikel z.B. auf schöne Blogbeiträge beteiligter Wissenschaftler verwiesen würde (wobei der Journalist mit dem Verweis selbst Kurator-Funktion ausüben würde – inklusive eines Qualitätssicherungs-Aspekts).“ Und Ulrich Wilding kommentierte im Zusammenhang der Diskussion um Finanzierungsmodelle für Online-Angebote, dass es auch „einige unabhängige Seiten geben [werde]. Dort wird man dann die letzten Veröffentlichungen über die Stringtheorie oder der transzendentaleren Psychoanalyse für Goldfische lesen können. Aber wer filtert mir die Dicken aus den Dünnen?“

Beide Kommentare weisen auf einen absolut berechtigten Punkt hin: Aus Sicht des interessierten Publikums für Wissenschaftsthemen braucht es Mechanismen, um in der Vielfalt der Informationen Orientierung zu schaffen. Das „Gatekeeping“, also das Filtern zwischen relevanten und nicht relevanten Informationen, ist ein solcher Mechanismus, wobei ich im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Arenen ja darauf hingewiesen habe, dass unterschiedliche Kriterien für diese Selektion angelegt werden können. „Kuratieren“1 ist ein anderer Mechanismus; auch hier geht es um das Auswählen von relevanten Informationen, aber mit dem Ziel, diese als weiterführende Verweise und Empfehlungen ebenfalls zur Verfügung zu stellen. Pointiert ausgedrückt: Beim Gatekeeping wird die journalistische Selektionsleistung unsichtbar, beim Kuratieren bleibt sie sichtbar.2

Mittlerweile existieren eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit diesem Wandel journalistischer Praxis befassen, darunter z.B. das Projekt „(Wieder-)Entdeckung des Publikums„, an dem ich in den vergangenen Jahren beteiligt war. Wir haben dort für verschiedene nachrichtenjournalistische Angebote untersucht, wie sich wechselseitige Erwartungen und Praktiken von Journalist/-innen einerseits und Publikumsmitgliedern andererseits angesichts einer Vielzahl von Beteiligungsmöglichkeiten und -kanälen neu justieren. Ein Ergebnis3: Journalist/innen unterschätzen oft noch den Wunsch des Publikums nach Quellentransparenz und thematisch weiterführenden Verweisen.

Allerdings scheint, ausgehend von den „neuen Bereichen“ des Journalismus mit Nähe zu sozialen Medien, ein Wandel im journalistischen Selbstbild stattzufinden. Und für den Wissenschaftsjournalismus haben das Fahy/Nisbet bereits 2011 konstatieren können: Sie haben elf prominente Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten aus den USA und Großbritannien interviewt und dabei festgestellt, dass die etablierten Selbstbilder als „Vermittler“ und „Themensetzer“, aber auch die (wissenschaftskritische) „Watchdog“-Rolle zwar nach wie vor hochgehalten werden. An ihre Seite treten jedoch neu akzentuierte Rollenfacetten, insbesondere die oben erwähnte Weiterentwicklung vom „gatekeeper“ zum „Kurator“, der das Publikum auf interessante Informationen und Themen hinweist, die u.a. den sozialen Medien entspringen.

Wir verbinden die Tätigkeit des Kuratierens also meist mit Journalistinnen und Journalisten – sie ist aber nicht (mehr) auf diese beschränkt: Zwar dominiert bei Intermediären mittlerweile das algorithmische Kuratieren, das „ähnliche“ Inhalte nach dem Motto vorschlägt: „Wenn Ihnen dieser Facebook-Eintrag oder dieses YouTube-Video gefallen hat, könnten Ihnen auch die folgenden Dinge gefallen“. Doch wenn Wissenschaftler/-innen in ihrem Blog oder Twitter-Account auf interessante Veröffentlichungen von Kolleg/-innen hinweisen, erbringen sie kuratierende Leistungen, genauso wie z.B. die Redaktion von de.hypotheses.org, die für ihre Startseite „Beiträge [..] aus den deutschsprachigen Wissenschaftsblogs von Hypotheses“ auswählt, oder wie die engagierten Wikipedianer/-innen, die täglich aktualisierte Verweise auf Artikel für die Wikipedia-Startseite aufbereiten. Persönlich halte ich diese Tätigkeiten für ungeheuer wichtig, weil sie Orientierung stiften und im besten Fall auch dafür sorgen können, dass „serendipity“ entsteht, also dass man als Leserin oder Leser auf Informationen, Studien oder Sachverhalte aufmerksam wird, von denen man gar nicht wusste, dass sie interessant sein könnten. Das leistet schlußendlich auch einen Beitrag dazu, blickverengende Filterblasen zu verhindern.

A propos Beitrag leisten: Ich habe mich gefreut, in den vergangenen zwei Wochen viermal einen Beitrag zu diesem Blog leisten zu dürfen. Ich bedanke mich jetzt schon mal für die angenehmen & konstruktiven Diskussionen (wehe, der Tonfall unter diesem Beitrag wird anders.. ;-)) und freue mich auf die nächsten Gastblogger ab kommender Woche.

 

Notes:
1. Der Begriff war lange Zeit vor allem im Zusammenhang mit Museen, Ausstellungen, Kunstsammlungen etc. gebräuchlich, ist in den vergangenen Jahren aber auch in der Debatte um die Rolle von (Online-)Journalist/-innen weit verbreitet. Es wäre mal eine interessante kommunikations-/diskurshistorische Arbeit, diese Begriffskonjunktur für die letzten 30 Jahre näher zu untersuchen…
2. Streng genommen: Sie wird verlagert, denn auch die kuratierende Person trifft ja Entscheidungen, welche Quellen in die Empfehlungsliste o.ä. kommen, und welche nicht.
3. …. unter vielen; eine gute Zusammenfassung ist der Beitrag „Keine Einbahnstraße“ von Nele Heise in epd Medien.

Dr. Jan-Hinrik Schmidt (*1972) ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Nach seinem Studium der Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der West Virginia University (USA) promovierte er 2004 mit einer Arbeit über den lokalbezogene Internetangebote. Von 2005 bis 2007 war er stellvertretender Leiter der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ an der Universität Bamberg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Onlinemedien, und hier insbesondere in den Veränderungen, die soziale Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube für Beziehungen, Informationsverhalten, politische Teilhabe und gesellschaftliche Öffentlichkeit bringen. Ergebnisse seiner Forschungsarbeit sind in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht; sein jüngstes Buch „Social Media“ richtet sich aber ausdrücklich an nicht-wissenschaftliche Zielgruppen, die die Entwicklungen des Internets in den letzten Jahren verstehen und eingeordnet sehen wollen. Er bloggt unter http://www.schmidtmitdete.de und twittert als @janschmidt.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dem kann ich nur zustimmen: Das Sammeln, auswählen und einordnen relevanter Inhalte zu einem Thema ist wichtig. Beim Thema Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation habe ich das jahrelang in einer wöchentlichen Abteilungsrundmail gemacht, um das Thema Social Media-Wissenschaftskommunikation in allen Köpfen zu verankern. Seit zwei Jahren mache ich das öffentlich einsehbar in meiner Blog-Kolumne „Augenspiegel“, die sich als Kurationsangebot im Sinne von „This week in Science“ versteht: http://blogs.helmholtz.de/augenspiegel/category/augenspiegel/

  2. Vielen Dank für die interessanten Beiträge!

    „…festgestellt, dass die etablierten Selbstbilder als „Vermittler“ und „Themensetzer“, aber auch die (wissenschaftskritische) „Watchdog“-Rolle zwar nach wie vor hochgehalten werden. An ihre Seite treten jedoch neu akzentuierte Rollenfacetten, insbesondere die oben erwähnte Weiterentwicklung vom „gatekeeper“ zum „Kurator“, der das Publikum auf interessante Informationen und Themen hinweist, die u.a. den sozialen Medien entspringen.“

    An dieser Stelle habe ich mich erstens gefragt, welche institutionellen Veränderungen durch diese neu akzentuierten Rollenfacetten ausgelöst werden. Journalisten, wie bspw. Wolfgang Michal beschreiben [http://www.wolfgangmichal.de/2015/02/wie-das-kuratieren-den-journalismus-veraendert/], dass Redakteure dadurch immer weniger werden. Er schreibt: „Die Organisations-Strukturen, in denen sich der Journalismus bewegt, werden durch das Kuratieren verändert, und diese Veränderungen wirken ihrerseits auf den Journalismus zurück.“ Mich würde interessieren, wie Du das siehst, bzw. ob Ihr dazu auch Forschungsergebnisse habt. (Und natürlich würde mich interessieren, wie dieser Prozess speziell im Bereich der Wissenschaftskommunikation abläuft?)

    Zweitens finde ich es auch spannend, ausgehend von Deinen Ausführungen, über das konkrete Zusammenspiel von Gatekeeping und dem Kuratieren nachzudenken. Beides schafft auf unterschiedliche Weise zwar Orientierung und Einschränkung. Wie aber wird Relevantes von weniger Relevantem unterschieden? Kritische Journalisten vermuten in Hinsicht auf das Kuratieren vermutlich eine beschönigende Beschreibung des bloßen Nebeneinanderstellens von Informationen. Michal schreibt dazu: „Der neu entstehende Bund zwischen Kuratoren und Autoren (unter Ausschaltung des Mittelbaus Redaktion) sorgt zunächst für einen überaus positiven Effekt: Er führt zu einer Auflockerung der Inhalte, zu mutigen Experimenten, steilen Autorenkarrieren und einer überfälligen Kaltstellung bremsender Redaktionsbeamter. Allerdings führt er auch zu einer die Leser verwirrenden Konzeptionslosigkeit und einer redaktionellen Verwaschenheit, die Autoren-Plattformen und ihre entkernten Redaktionen oft so beliebig, gesichtslos und überfordert erscheinen lassen…“ Auch im Kuratieren benötigt es ja vermutlich eine Vorauswahl (das schreibst Du ja auch in der Fußnote), die für die Leser nicht sichtbar wird und dann ein ‚sinnvolles‘ Zusammenstellen von vielen Informationen. Vielleicht muss man es gar nicht so kritisch sehen wie Michal, aber interessant wäre ja eine genauere Untersuchung der konkreten Mechanismen und des Zusammenspiels von Gatekeeping und Kuratieren. Vor allem auch in den verschiedenen, von Dir beschriebenen Arenen. Vielleicht hast Du dazu auch noch weitere Beispiele oder Egebnisse?

    • Gute Fragen! Aus Zeitgründen (HSV spielt gleich.. :-)) nur kurz:

      Wolfgang Michal beschreibt, soweit ich das nach einem raschen Überfliegen seines Beitrags sehen kann, das Kuratieren als Leistung von nicht-journalistischen Akteuren bzw. als etwas, was ausserhalb von journalistischen Redaktionen stattfindet. Ich hatte mich dagegen auf das Kuratieren als eine genuin journalistische Praxis konzentriert, die gegenwärtig (Stichwort: institutionelle Veränderungen) auch mit Veränderungen in den redaktionellen Abläufen und Strukturen einhergeht: Mit neuen Routinen, Publikumsfeedback zu sichten, zu moderieren und zu beantworten; mit neuen Recherchestrategien und -kanälen; und auch mit neuen redaktionellen Rollen, z.B. den „Community Manager“ oder „Social-Media-Redakteuren“. Wie gesagt, wir haben das für Redaktionen aus dem Nachrichtenjournalismus untersucht (u.a. Tagesschau/tagesschau.de und SZ/sueddeutsche.de); wie das im Wissenschaftsjournalismus aussieht, kann ich leider nicht sagen.

      Was das Verhältnis von Gatekeeping und Kuratieren angeht: Es beruht, denke ich, auf ähnlichen Selektionspraktiken (Quellen identifizieren und verfolgen; Informationen einordnen, vergleichen und auf Relevanz prüfen), arbeitet aber auf unterschiedliche „outputs“ hin: Das Ergebnis des Kuratierens ist eine Übersicht von weiterführenden Quellen und Informationen inkl. einer Einordnung bzw. Bewertung; das klassische Gatekeeping hingegen resultiert in einer Darstellung, in der die Quellenvielfalt tendenziell eher verborgen bleibt.

      [Das sind jetzt ad hoc entwickelte Gedanken von mir, der ich kein ausgewiesener Journalismusforscher bin; ich würde mich freuen, wenn jemand dazu noch andere Perspektiven oder Verweise anbringen könnte?]

  3. Danke für den Beitrag! Insbesondere der Verweis auf die „(Wieder-)Entdeckung des Publikums“ ist interessant.

    Einige Kommentare: Zum einen gibt es ja bereits eine lange journalistische und wissenschaftliche Tradition beim Kuratieren. Sachbuchrezensionen sind ein Fall, wo Wissenschafts- und andere Journalisten eine zugegebenermassen recht aufwändige Medienform kuratieren, die in die Tiefe gehend ergänzen kann, was man zum betreffenden Thema an Zeitungsartikeln findet.

    In der Wissenschaft gab es eine Zeit, wo offenbar Rezensionen von Fachartikeln eine ähnliche Rolle spielten wie Diskussionen in den sozialen Medien heute. Von Einstein sind eine ganze Reihe solcher Rezension erhalten, soweit ich erinnere, die dann nicht selten ihrerseits wichtige Beiträge zur Fachdiskussion darstellten.

    Ich als Blogger würde mich, wie gesagt, freuen, wenn sich eine Kuratierungskultur auch in der breiten Lücke zwischen „Kurioses aus dem Internet“ und Sachbuchrezension etablieren könnte. Ich würde denken, alle Beteiligten hätten davon Nutzen.

  4. Könnte man auf die Ziele sehen und so zuspitzen?
    Gatekeeping optimiert auf Verweildauer auf der Seite, auf Sicht- (eyeballs, pageviews) und Klickzahlen (click rate, conversion rate) für die finanzierenden Werbetreibenden bzw. Verkaufenden.
    Kuratieren optimiert auf Qualität, im besten Falle sogar für die Sicht der Nutzer. Dafür muß aber seine Finanzierung vollständig unabhängig von der Nutzung sein.

    • Hmm, ich denke nicht, dass die beiden ‚Finanzierungsstrategien‘ (Werbefinanziert vs. unabhängige Finanzierung) eins zu eins den beiden Filtermechanismen zugeordnet werden können – insofern wäre mir das etwas zu sehr zugespitzt.. :-))

    • Warum sollte nicht Qualität ein wichtiger Faktor auch bei Finanzierungsmodellen sein? Eine ganze Reihe von Zeitungen haben sich das doch durchaus als Geschäftsmodell auf die Fahnen geschrieben.

      Die zum Teil schon fast zwanghaften Verweise nur auf eigenes Material, die man z.B. bei den Webseiten einiger Zeitungen finden kann/konnte, würde ich jenseits von Gatekeeping und Kuratieren sehen. Das ist im Gegenteil ein ganz direkter Eingriff von der geschäftlichen in die redaktionelle Seite – nicht prinzipiell anders, als würde man der Redaktion verbieten, über Vorgänge zu berichten, die andere Medien oder sonstwie konkurrierende Unternehmen betreffen.

      Was das anfangs für Auswüchse hatte – z.T. gab es Artikel, die über eine bestimmte Webseite berichteten, aber nicht darauf verlinken durften! – hat sich glücklicherweise mittlerweile etwas gelegt.

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