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Wissenschaftskommunikation unter sozialmedialen Bedingungen (Teil 3)

In meinen beiden vorangegangen Beiträgen habe ich mich mit der kommunikativen Architektur von „sozialmedialer Wissenschaftskommunikation“ beschäftigt. Heute will ich den Blick noch einmal weiten und etwas zu deren Kontext schreiben – denn der Wandel von Wissenschaftskommunikation ist ja Teil eines umfassenderen Strukturwandels von Öffentlichkeit. Zeitbedingt wird es leider etwas kürzer als bei den ersten beiden Einträgen, aber ich antworte natürlich weiterhin gern auf Kommentare und Rückfragen.

Plattformisierung des Netzes

Ein wesentliches Element des derzeitigen Strukturwandels von Öffentlichkeit ist der Bedeutungsgewinn der Online-Intermediäre. Sie treten, wie im letzen Beitrag beschrieben, als scheinbar neutrale Vermittler von Inhalten auf, setzen tatsächlich aber viele, teils sehr durchgreifende Rahmebedingungen und Regeln für das Verbreiten und Auffinden von Informationen. Was das für das Internet als ganzes bedeutet, hat Anne Helmond unlängst in einem lesenswerten Aufsatz als „platformization of the web“ beschrieben: Das offene Hypertextmodell des World Wide Web wird abgelöst von einem Netz, das technisch wie ökonomisch auf wenige große Anbieter von Plattform-Infrastrukturen konzentriert ist.

Besonders deutlich ist diese Strategie bei Facebook zu beobachten: Ziel ist, einen „walled garden“ zu errichten, also so viele Daten und Inhalte wie möglich innerhalb des eigenen Angebots zu halten oder durch Schnittstellen (wie den „like“-Button, den andere Webseiten einbinden können) den Zugriff auf Nutzungsverhalten ausserhalb der eigenen Plattform zu erhalten. Abgesehen von den offensichtlichen Risiken, die aus dieser Entwicklung für die Überwachbarkeit von Nutzerinnen und Nutzern sowie den Verlust ihrer informationellen Selbstbestimmung folgen können, steht diese Strategie auch dem Ursprungsgedanken des World Wide Web entgegen: Statt vieler dezentraler Informationsangebote, die durch Hyperlinks miteinander verbunden sind, ohne dass ein einzelner Akteur dieses Geflecht von Texten und Verbindungen kontrollieren würde, propagiert Facebook das Ziel, den „social graph“ der Nutzerinnen und Nutzer (ihre persönlichen Merkmale und Präferenzen genauso wie ihre Interaktionen und Kontakte) möglichst vollständig abzubilden und zu kontrollieren, mithin zu monopolisieren.

Gibt es Alternativen?

Nun gibt es durchaus Gegenkräfte und alternative Modelle: Die Wikipedia sowie die weiteren Projekte der Wikimedia Foundation sind zu nennen, und auch weite Teile der Blogosphäre sind nicht-kommerziell ausgerichtet und dem Ideal des dezentralen Informations- und Meinungsaustauschs verpflichtet. Für die Wissenschaftskommunikation haben sich auch einige spezialisierte Netzwerkplattformen und Blogportale (wie dieses hier) etabliert. Insbesondere für wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Verlage eröffnen die sozialen Medien ja interessante Möglichkeiten, den Kern der eigenen publizistischen Tätigkeit um weitere Angebote und Dienstleistungen zu ergänzen und so auch neue Geschäftsfelder zu erschließen. Allerdings scheint mir im Moment nicht wirklich abschätzbar, welche dieser Angebote tatsächlich mittel- und langfristig tragfähig sein werden (möglicherweise wird das von den mir folgenden Gastblogger/-innen thematisiert? :-)).

Aus gesellschaftlicher Sicht ist jedenfalls wünschenswert, dass weder die sich neu formierende Öffentlichkeit noch das Feld der „Wissenschaftskommunikation 2.0“ von kommerziell ausgerichteten Intermediären alleine geprägt wird, sondern auch solche Angebote und Infrastrukturen bereit stehen, die den Zugang zu Wissen offen und im gesamtgesellschaftlichen Interesse organisieren, anstatt letztlich unternehmens- oder shareholder-fokussierte Ziele zu vertreten. Die Open-Science-Bewegung1 setzt sich beispielsweise in diesem Sinne ein; in Hinblick auf die Online-Intermediäre wird auch interessant zu beobachten sein, wie sich die medienpolitische Regulierung entwickelt, insbesondere im Zuge der Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz. Diese behandelt Fragen der Plattform- und Intermediärsregulierung zwar nicht primär aus dem Blick der Wissenschaftskommunikation, aber mögliche Entscheidungen würden vermutlich auch auf die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens „durchschlagen“. Ich halte Aspekte wie die Offenheit der Märkte für neue und alternative Anbieter, die Transparenz von Selektionskriterien beim algorithmischen Filtern von Informationen, oder die Diskriminierungsfreiheit der präsentierten Inhalte für wichtige Regulierungsziele in diesem Zusammenhang.

Notes:
1. Ein interessanter soziologischer Blick darauf findet sich in einem Aufsatz von Sascha Dickel und Martina Franzen zur „sozialen Öffnung des Wissenschaftssystems“.
Jan-Hinrik Schmidt

Dr. Jan-Hinrik Schmidt (*1972) ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Nach seinem Studium der Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der West Virginia University (USA) promovierte er 2004 mit einer Arbeit über den lokalbezogene Internetangebote. Von 2005 bis 2007 war er stellvertretender Leiter der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ an der Universität Bamberg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Onlinemedien, und hier insbesondere in den Veränderungen, die soziale Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube für Beziehungen, Informationsverhalten, politische Teilhabe und gesellschaftliche Öffentlichkeit bringen. Ergebnisse seiner Forschungsarbeit sind in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht; sein jüngstes Buch „Social Media“ richtet sich aber ausdrücklich an nicht-wissenschaftliche Zielgruppen, die die Entwicklungen des Internets in den letzten Jahren verstehen und eingeordnet sehen wollen. Er bloggt unter http://www.schmidtmitdete.de und twittert als @janschmidt.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den lesenswerten Beitrag. Man könnte ergänzen, dass hervorgerufen durch diese Plattformisierung des Webs viele NutzerInnen gar nicht mehr wissen, dass es „da draußen“ dieses große, freie, wilde Internet gibt. Manche Facebook-Klickende realisieren, gar nicht, dass sie beim Facebooken das Internet benutzen: http://qz.com/333313/milliions-of-facebook-users-have-no-idea-theyre-using-the-internet/ Auch wenn mir jeglicher Kulturpessimismus fern liegt, ist das aus meiner Sicht keine gute Entwicklung. Ebensowenig Initiativen wie „Facebook zero“, die die auf den ersten Blick positiv erscheinen mögen, tatsächlich aber die Netzneutralität massiv gefährden.

    Und die Abschottung der Plattformen geht ja weiter: Aktuell angesagte Apps wie Snapchat bieten gar keine Webseite an, auf der man die Inhalte außerhalb der Apps übers Web aufrufen kann (es sei denn, man exportiert sie extra auf andere Plattformen wie Youtube).

    Eine andere Entwicklung in diesem Kontext ist das, was man Dark Social nennt. Also persönliche Empfehlungen über 2.0-Dienste, aber eben nicht öffentlich einsehbar, sondern zum Beispiel in einer 1:1- oder Gruppenkommunikation etwa über Messenger wie WhatsApp, Facebook Messenger oder die partout nicht aussterben wollende eMail.

    Als Gegenentwicklung der Offenheit haben Sie exemplarisch Blogs und die Wikipedia genannt. Ich würde hier zwei Trends ergänzen wollen: 1. offene Lizenzen wie Creative Commons, die ein rechtssicheres Weiterverbreiten von Inhalten ermöglichen. Und 2. Podcasts …

    Auch wenn Podcasts in den USA größtenteils plattformisiert sind, in Deutschland sind (Audio-)Podcasts in meiner Wahrnehmung ähnlich unabhängig wie Blogs: Sie werden von unabhängigen ProduzentInnen erstellt, die teilweise von den Hörenden durch Spenden unterstützt werden. Podcasts werden in Deutschland überlichweise selbst gehosted und sie sind im Prinzip nicht von Plattformen abhängig. Zwar gibt es unter den Podcast-Verzeichnissen einen Marktführer (das iTunes-Podcastverzeichnis), in dem man (ähnlich wie ein Blogger in Google) unbedingt findbar sein will. Aber im Prinzip reicht es auch, seinen HörerInnen die URL eines RSS-Feeds zu nennen. Und bei den Podcasts gibt es auch eine ganze Menge Wissenschaftskommunikation (sowohl Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaftsorganisationen als auch private, also bürgerjournalistische Angebote), auch wenn die meiner Wahrnehmung nach leider bisher kaum Untersuchungsgegenstand der kommunikationswissenschaftlichen WissKomm-Forschung waren. Hier gibt es viele hörenswerte Beispiele für Wissenschaftspodcasts: http://wissenschaftspodcasts.de/

    Offenlegung: Ich arbeite für die Helmholtz-Gemeinschaft, äußere hier aber meine private Meinung.

  2. Jan-Hinrik Schmidt

    Danke für die ausführlichen Ergänzungen, wunderbar! Der Hinweis auf die Podcasts ist sehr wertvoll, weil diese Form der (Wissenschafts-)Kommunikation in der Tat bei vielen Analysen eher hinten runter fällt oder zumindest zu kurz kommt. Ich schließe mich selbst dabei ausdrücklich mit ein; in der Expertise gehe ich zwar kurz auf podcasts ein, aber die wissenschaftspodcasts.de-Seite war mir z.B. bisher auch noch nicht bekannt – und das, obwohl unser institutseigener Bredowcast dort auch gelistet ist.. :-/

  3. Vor etwas mehr als 10 Jahren hat Sascha Lobo in einem TV Interview (und ich bin sicher, dass er das bei jeder sich bietenden Gelegenheit getan hat) von der „Demokratisierung der Welt durch das Internet“ gesprochen. Genau wie sein Beitrag damals, so wird auch der Ihre als Vision springen und als (bitte emtschuldigen Sie!) naive Utopie landen.
    Solange sich das WWW nicht von jeglicher Werbung, jeglichem Shareholder Value und überhaupt allen Bereichen wirtschaftlichen Arbeitens abkoppelt, wird das nicht funktionieren. Klar gibt es auch ohne diese Voraussetzung einige unabhängige Seiten geben. Dort wird man dann die letzten Veröffentlichungen über die Stringtheorie oder der transzendentaleren Psychoanalyse für Goldfische lesen können. Aber wer filtert mir die Dicken aus den Dünnen?
    Information hat einen Wert und daher ist so etwas wie ein kostenloses Informationsmedium Internet informationell gesehen ein Widerspruch in sich.

    • Jan-Hinrik Schmidt

      Sie haben Recht, dass ein komplett (oder auch nur überwiegend) unkommerzielles Netz eine Utopie ist; ich wäre in der Tat naiv, wenn ich denken würde, dass sich die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre komplett wird zurückdrehen lassen.
      Mir ist zudem auch bewusst, dass letztlich irgendjemand die Infrastrukturen und die Dienstleistungen finanzieren muss, die hinter öffentlicher Kommunikation stehen. Ich glaube nur nicht, dass dies zwingend und ausschließlich mit dem Modell geschehen muss, das im Moment die sozialen Medien dominiert: „Kommerziell orientiertes Unternehmen bietet Leistungen im Tausch gegen Daten & Aufmerksamkeit der Nutzer/innen.“

      Bezogen auf die allgemeine Öffentlichkeit sind z.B. Weiterentwicklungen von öffentlich-rechtlichen Finanzierungsmodellen denkbar. Bezogen auf die Wissenschaftskommunikation könnten spezialisierte Angebote auch von den (öffentlich finanzierten) Hochschulen oder anderen Wissenschaftseinrichtungen getragen werden. In beiden Fällen ginge es also darum, die Finanzierung von Infrastrukturen der Öffentlichkeit im Internet eben auch also öffentliche Aufgabe zu verstehen.

      Zu der Filter-Frage versuche ich, Ende der Woche noch einmal etwas zu schreiben.

      • Jan-Hinrik Schmidt schrieb (16. Februar 2016 17:02):
        > dass letztlich irgendjemand die Infrastrukturen und die Dienstleistungen finanzieren muss, die hinter öffentlicher Kommunikation stehen. […]
        > Bezogen auf die allgemeine Öffentlichkeit sind z.B. Weiterentwicklungen von öffentlich-rechtlichen Finanzierungsmodellen denkbar.

        Als Zahlender des sogenannten Rundfunkbeitrags möchte ich hiermit vorschlagen, dass ein angemessener Anteil dieses Beitrags (ggf. wahlweise) zur nicht-kommerziellen Finanzierung der Infrastrukturen und Dienstleistungen eingesetzt wird, die hinter öffentlicher Kommunikation stehen;
        insbesondere um allen, die den genannten Rundfunkbeitrag leisten, wahlweise zu ermöglichen, öffentlich, archiviert und such- bzw. auffindbar zu kommunizieren;
        im Rahmen des öffentlichen bzw. darüber hinaus zu berücksichtigenden (bürgerlichen (?)) Rechts, und mit einer Bandbreite in angemessenem Verhältnis zur Beitragshöhe, aber ansonsten ohne Einschränkung des Inhalts durch kommerzielle, institutionelle oder andere „moderierende“ Einschränkungen (sofern sich die Beitragenden diesen jeweils nicht selbst zu unterwerfen wünschen).

        (Ich habe diesen Vorschlag schon mehrfach, ähnlich wie hier, an anderer Stelle geäußert bzw. wenigstens zur Veröffentlichung eingereicht; was mittlerweile allerdings bestenfalls nur noch schwierig öffentlich auffindbar ist, d.h. insbesondere größtenteils „wegmoderiert“/gelöscht wurde. Nicht zuletzt daher mein Vorschlag.)

        • Frank Wappler schrieb (18. Februar 2016 14:07):
          > […] ansonsten ohne Einschränkung des Inhalts durch kommerzielle, institutionelle oder andere „moderierende“ Einschränkungen (sofern […])

          Das war doch etwas unbeholfen formuliert; ich hätte da lieber stehen:
          … ohne Einschränkung des Inhalts wegen kommerzieller, institutioneller oder anderer „moderierender“ Rücksichtnahmen.

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